Von geheimer Freude und der Pflicht zum Glück (Zitat zum Sonntag – Epilog)

Blau blüht der Rosmarin im Frühling am Mittelmeer und verbreitet seinen würzigen Duft. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Blau blüht der Rosmarin im Frühling am Mittelmeer und verbreitet seinen würzigen Duft. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

„Gegen Abend ging ich zurück in den Park, und zwar in seinen gepflegteren, garten-ähnlichen Teil neben der Autostraße. Die verwirrende Duft- und Farbenfülle war dahin; in der kühlen Abendluft beruhigte sich der Geist, und der entspannte Leib genoss jenes innere Schweigen, das eine Frucht gestillter Liebe ist. Ich setzte mich auf eine Bank und sah zu, wie der Tag und die Erde sich friedlich erfüllten. Ich war satt. Über mir ließ ein Granatbaum seine Knospen hängen: lauter kleine, fest geschlossenen Fäuste, in denen die Hoffnung des Frühlings schlief. Hinter mir blühte der Rosmarin; sein Alkoholgeruch verriet ihn. Ferne Hügel traten in den Rahmenumriss der Bäume und noch ferner ein schnurschmaler Streifen Meer, den wie ein stilles Segel der helle Himmel überstieg. Eine geheime Freude füllte meine Herz: das Glück eines ruhigen Gewissens – jenes Glück des Schauspielers, der seine Rolle gut gespielt und so vollkommen in Klang und Gesetz verleiblicht hat, das sich das fremde, fertig vorausgegebene Schicksal ganz und genau in seinem eigenen Herzen vollzieht und erfüllt.

Und eben dies empfand ich: ich hatte meine Rolle gut gespielt. Ich hatte meine Menschenpflicht getan und hatte einen ganzen langen Tag in Freude verbracht; und war mir so auch nichts Ungewöhnliches gelungen, ich hatte doch ergriffenen Herzens jenem Lebenssinn gehorcht, der uns bisweilen befiehlt, glücklich zu sein. Wir finden alsdann die Einsamkeit wieder – und sind es zufrieden.“

 

Albert Camus, Hochzeit des Lichts, in: Hochzeit in Tipasa/Literarische Essays. Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S. 83. Korrigierte Übersetzung. Die Übersetzung: „in der kühlen Abendluft beruhigte sich der Geist, und der entspannte Geist genoss jenes innere Schweigen…“ ist erstens unsinnig und zweitens eindeutig falsch. Im Original steht: „… l´esprit se calmait, le corps détendu goûtait le silence intérieur qui naît de l´amour satisfait.“

Serie Camus‘ Lieblingswörter (Textauswahl von Andreas Arnold für die Suite Camus): Nr. 1 Die Welt Nr. 2 Der SchmerzNr. 3 Die ErdeNr. 4 Die MutterNr. 5 Die MenschenNr .6 Die Wüste, Nr. 7 Die Ehre, Nr. 8 Das Elend, Nr. 9 Der Sommer, Nr. 10 Das Meer.

weitere verwandte Artikel:
Eine kleine Meditation für den Tag oder meine bevorzugten Wörter
Eine lange Liste von Dingen, die man nicht kaufen kann
Von Licht und Schatten und dem Mut, zwischen beidem nicht zu wählen
Von der Würde der Wörter oder über die Frage, ob sich die Sonne abnutzen lässt

Dieser Beitrag wurde unter Zitat des Tages abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.