Von der Würde der Wörter oder über die Frage, ob sich die Sonne abnutzen lässt

Besonders freue ich mich immer, wenn es eine direkte Rückmeldung auf einen Blog-Eintrag gibt. Schließlich ist es für jemanden, der öffentlich schreibt, eine schöne Bestätigung, wenn er erfährt, dass er auch gelesen wird. Und wenn deutlich wird, dass ich einen kleinen Anstoß gegeben habe, über etwas nachzudenken, vielleicht etwas genauer hinzuschauen, zu bedenken, zu wägen und womöglich auch wieder zu verwerfen, freut mich das besonders. Genau das zu tun, veranlasste mich der Kommentar von Toni auf  „Eine lange Liste von Dingen, die man nicht kaufen kann”. Die mir genannten Wörter und jene von mir geliebten Wörter, schreibt Toni, stünden allesamt gewaltig, unangefochten, einsam und gleichzeitig so abgegriffen da, dass man sie auch in Groschenromanen finden könne. Unter Umständen auch bei Camus.

Nun, man findet sie nicht nur unter Umständen sondern ganz sicher auch bei Camus, und das obwohl er keine Groschenromane geschrieben hat. Aber was sagt uns das jetzt? Machen diese Wörter, weil man sie zweifellos auch in Groschenromanen findet, Camus zum Groschenromanschreiber und die Liebhaberin der Wörter zur Groschenromanleserin? Ging es überhaupt um die Wörter als Wörter? Wohl nicht. Sicher hat jeder bei seiner Liste an das gedacht, was die Wörter bezeichnen, und dem man in seinem Leben einen hohen Stellenwert einräumt. Man sagt „Sonne”, „Meer”, „Freundschaft” oder „Zärtlichkeit” und erinnert sich an Augenblicke, die sich selbst genügten, und die es bis ans Ende aller Tage rechtfertigen werden zu leben. Jedes Wort enthält und erschließt eine ganze Welt, die für jeden ein wenig anders aussieht, vielleicht sogar sehr viel anders. Und das obwohl alle dieselben Wörter benutzen. Werden sie also tatsächlich bei so viel Gebrauch abgegriffen? Lässt sich die Sonne abnutzen? Der Wald? Das Meer? Die Freundschaft und die Liebe schon eher, wenn man nicht aufpasst. Und wenn sie dann unversehens ein wenig abgegriffen erscheinen, lassen wir sie fallen und schauen uns nach frischen, neuen Lieben, Freundschaften und Wörtern um. Oder doch nicht?

Und dass so viele Menschen die selben Lieblingswörter nennen, und sogar Groschenromanschreiber sie genau deshalb verwenden, weil sie sicher sein können, damit an die Sehnsüchte sehr vieler Menschen zu rühren – was sagt uns das jetzt „eigentlich”? Dass sehr viele Menschen ein Groschenromanleben führen? Oder dass eben doch viele Menschen, vermutlich weil sie Menschen sind, dieselben Sehnsüchte und dieselben Werte teilen? Erkennen wir darin eine Art Brüderlichkeit, um ein weiteres abgegriffenes Camus-Wort zu benutzen, oder gelangt nur derjenige in die Eigentlichkeit, der diese Nähe flieht?

Verlieren die Dinge ihre Würde, werden sie gewöhnlich und gemein, je mehr Menschen sie teilen? Und ist das Streben, sich davon abzusetzen, Zeichen eines edleren Geschmacks? Nietzsche dachte wohl so, sogar in Bezug auf die Klugheit:

«Einige Jahrtausende weiter auf der Bahn des letzten Jahrhunderts! – und in allem, was der Mensch thut, wird die höchste Klugheit sichtbar sein: aber eben damit wird die Klugheit alle ihre Würde verloren haben. Es ist dann zwar notwendig, klug zu sein, aber auch so gewöhnlich und gemein, daß ein edlerer Geschmack diese Notwendigkeit als eine Gemeinheit empfinden wird. (…) Edel sein – das hieße dann vielleicht: Thorheiten im Kopfe haben.»

Camus notierte diese Zeilen von Nietzsche (ohne Quellenangabe) in seinem Tagebuch (1).

Ehrlich gesagt, glaube ich nicht daran, dass Wörter und das, was sie bezeichnen, durch häufigen Gebrauch ihre Würde verlieren. Es ist nur so, dass man ihrer Würde nicht schon dadurch habhaft wird, indem man sie gebraucht. Ein Dummkopf, der sich damit schmücken will, bleibt immer noch ein Dummkopf. Ein Groschenromanschreiber bleibt ein Groschenromanschreiber und eine Schriftstellerin eine Schriftstellerin, sogar wenn sie dieselben Wörter benutzen. Und die Sonne bleibt die Sonne, egal ob sie einem dickbäuchigen Pauschaltouristen am Ballermann die käsige Haut versengt, oder ob sie an einem späten Sommernachmittag die Dächer und Kuppeln von Florenz mit Gold überzieht.

Und doch ist es vielleicht so, dass sich auch Wörter ab und an erneuern müssen, so wie Gesichter oder Landschaften. Ich greife damit einen Gedanken Camus’ auf, aus Hochzeit des Lichts:

Stets kommt der Augenblick, wo man eine Landschaft zuviel gesehen hat, wie es andererseits lange braucht, bis man sie genug gesehen hat. Gebirge, Himmel und Meer sind wie Gesichter, deren Öde oder Pracht man nicht durch Sehen entdeckt, sondern durch Schauen. Indessen muss jedes Gesicht sich irgendwie erneuern, sonst sagt es uns nichts mehr. Wir beklagen uns, dass wir zu rasch ermüden, statt dankbar  zu staunen, dass wir die Welt nur zu vergessen brauchen, um sie wie neu zu empfinden” (2).

Womit ich jetzt doch noch, spät und auf langem Weg, die Kurve zu einem schönen „Zitat des Tages” genommen hätte.

(1) Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 268, Eintrag vom September 1957. (2) Albert Camus, Hochzeit des Lichts, Literarische Essays, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S. 82 (erstmals erschienen in Heimkehr nach Tipasa, Arche-Verlag, Deutsche Übersetzung von Monique Lang).
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Ein Kommentar zu Von der Würde der Wörter oder über die Frage, ob sich die Sonne abnutzen lässt

  1. Toni, fast schon ein Freund sagt:

    Liebe Anne-Kathrin,

    Ihre Erwiderung auf meine sehr undiplomatisch formulierte Einlassung zu den Dingen, die man nicht kaufen kann, gleicht einer Riposte, die sitzt.
    Endet sie jedoch mit den wunderbaren Zeilen aus Camus´ HOCHZEIT DES LICHTS.
    Damit haben Sie mir gesagt: Wesentliches kommt nie zu spät.

    Nach dem Zauberberg (erneut kommentiert in der FAS vom 24.02.2013) werde ich mich von Camus verzaubern lassen.
    Durch Ihre Argumentation im Vorfeld komme ich mir vor wie jene Frau im Frankfurter Bahnhof, die der Bahnpolizei meldet, ihr seien sämtliche Vorurteile gestohlen worden. In dem Wort „Vorurteil“, habe ich mir sagen lassen, ist das Wort Vorteil mit enthalten. Sofern Sie nicht alle beseitigt haben, lässt es mich noch auf ein paar Ausrutscher hoffen.
    Fest steht: Die Option, Ihr neues Buch über Camus zu kaufen, war goldrichtig.
    Wünsche mir, fast ein Freund geblieben zu sein.
    Herzliche Grüße an die Kulturschaffende
    Toni

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