Der Mensch als eine unendliche Chance

Nun doch noch ein kleiner Nachschlag zum deutsch-französischen Thema, wenn auch nur indirekt. In seiner Rede zur Eröffnung der Feierstunde zum 50. Jubiläum des Élysée-Vertrags gestern im Deutschen Bundestag zitierte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) Camus:

„Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.“

Das passte schön, auch wenn das Zitat aus einem längeren Zusammenhang herausgelöst ist. Im November 1945 notierte Camus in sein Tagebuch:

„Die natürlichste Neigung des Menschen besteht darin, sich und zugleich alle anderen zugrunde zu richten. Wie ungeheuer muss man sich anstrengen, um nur normal zu sein! Und um wieviel mehr noch muss sich jemand anstrengen, der sich selbst und den Geist beherrschen will. Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose Möglichkeit. Aber er ist für diese Möglichkeit unbegrenzt verantwortlich. (…) An jedem von uns ist es, in sich die höchste Möglichkeit des Menschen, sein äußerstes Vermögen, auszuschöpfen. Erst an dem Tag, an dem die Grenze des Menschseins einen Sinn haben wird, wird sich das Problem «Gott» stellen. Aber nicht vorher, niemals, bevor die Möglichkeit restlos ausgelebt worden ist. Die großen Taten haben nur ein mögliches Ziel, nämlich die menschliche Fruchtbarkeit. Aber zuerst Herr über sich selbst werden“ (1).

Die Notiz ist überschrieben: „November – 32 Jahre“, und sie ist wohl ebenso sehr als Selbstreflexion zu verstehen wie als Überlegung von allgemeiner Gültigkeit, wofür auch die Hervorhebung des letzten Satzes im Original spricht. Die deutsche Übersetzung von chance mit Möglichkeit orientiert sich wohl eher an dem Begriffspaar Möglichkeit-Notwendigkeit, mithin an der philosophischen Dimension der Überlegung. Die Übernahme von Chance ins Deutsche wirkt dagegen irgendwie optimistischer, weniger nüchtern, und das passte dann ja auch besser zum Anlass. Möglichkeit ist ein neutraler Begriff. Chance meint im deutschen (und englischen) Sprachgebrauch immer schon die Möglichkeit zum Guten. Wie immer gilt: Jede Übersetzung ist eine Interpretation.

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Copyright © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 208 (Eintrag von November 1945).
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Ein Kommentar zu Der Mensch als eine unendliche Chance

  1. elsner.dr. wolfgang sagt:

    Chance im franz.= Glück! also: „Der mensch ist nichts an sich. Er ist nur ein grenzenloses Glück. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für dieses Glück“ !!!!

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