Extrem im Unglück, maßlos im Glück (Zitat zum Sonntag Nr. 2)

„….wenn ich mein Leben und seine geheime Farbe betrachte, verspüre ich in mir etwas wie ein Aufquellen von Tränen. Wie der Himmel dort draußen. Er ist zugleich Regen und Sonnenschein, Mittag und Mitternacht……Ach, Zagreus! Ich denke an die Lippen, die ich geküsst habe, an das arme Kind, das ich gewesen bin, an den Wahn von Leben und Ehrgeiz, der mich in manchen Augenblicken mitreißt. Ich bin das alles zugleich. Ich bin sicher, dass es Momente gibt, in denen Sie mich nicht wiedererkennen würden. Extrem im Unglück, maßlos im Glück, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.“
„Sie treten zugleich in verschiedenen Rollen auf?”
„Ja, aber nicht als Amateur”, wandte Mersault lebhaft ein. „Jedes Mal, wenn ich an diesen Ablauf von Schmerz und Freude in mir denke, weiß ich recht gut und mit aller Leidenschaft, dass die Rolle, die ich gerade spiele, die ernsteste, die aufregendste von allen ist.” (1)

 

Folge Nr. 2 aus der Serie „Camus‘ Lieblingswörter“: Der Schmerz. Textauswahl von Andreas Arnold für die Suite Camus (Folge Nr. 1 hier).
(1)  Albert Camus, Der glückliche Tod. Deutsch von Eva Rechel-Mertens. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1972/1983, S. 40f.

 

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Ein Kommentar zu Extrem im Unglück, maßlos im Glück (Zitat zum Sonntag Nr. 2)

  1. Knut Hacker sagt:

    Ich verstehe Camus hier so, dass er mit der beschriebenen existenziellen, extrem ambivalenten Doppelrolle, die uns unser Leben zuweist, ausdrücken will, dass es sich dabei nur um die zwei Seiten derselben Medaille handele. Das entspricht ganz seiner Interpretation des Sisyphos-Mythos.
    Dazu fällt mir Muir, Ein Fuß im Paradies, ein:
    „Segen, unbekannt im Paradies,
    fällt von diesem bewölkten Himmel.“

    Noch allgemeiner hat es Heraklit von Ephesus (545-475 v, Chr.) ausgedrückt :

    ταὐτὸν…εἶναι καὶ μὴ εἶναι

    dasselbe…( ist ) Sein und Nichtsein ( A 7; Arist. Metaph.Γ 3. 1005b23 )

    εἶμέν τε καὶ οὐκ εἶμεν

    wir sind, und wir sind nicht (Quaest. hom. 24, 5. -DK 22 B 49 a )

    ταὐτό τ΄ ἔνι ζῶν καὶ τεθνηκὸς

    dasselbe ist: lebendig und tot (Ps.- Plutarch, Cons. ad Apoll. 106 E – DK 22 B 88 )

    Erstaunliche Einsichten, wenn man sie mit den Erkenntnissen der Quantenphysik vergleicht, wonach Gegensätze sich nicht ausschließen, sondern ergänzen ( sog. Superpositionen der Überlagerung und Verschränkung).

    Den Schatten,
    der dich bedeckt,
    wirft dein Engel
    im Lichte Gottes.

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