Camus‘ Lieblingswörter: Das Meer (Zitat zum Sonntag Nr. 10)

„Wunderbare Nacht über dem Atlantik. Diese Stunde, die von der verschwundenen Sonne zum gerade erst aufgehenden Mond reicht, vom noch leuchtenden Westen zum schon dunklen Osten. Ja, ich liebe das Meer sehr – diese ruhige Unermesslichkeit – diese wieder bedeckten Furchen des Kielwassers – diese flüssigen Straßen. Zum ersten Mal ein dem Atmen des Menschen angemessener Horizont, ein Raum, so groß wie seine Kühnheit. Ich bin immer hin und her gerissen gewesen zwischen meinem Hunger nach Menschen, der Eitelkeit der Betriebsamkeit und dem Wunsch, mich jenen Meeren des Vergessenes anzugleichen, jenem maßlosen Schweigen, das wie der Zauber des Todes ist. Ich habe Gefallen an den Eitelkeiten der Welt, an meinen Mitmenschen, an den Gesichtern, aber neben dem Leben der Welt habe ich einen eigenen Maßstab – das Meer und all das, was in dieser Welt ihm gleicht. O Süße der Nächte, in denen alle Sterne funkeln und über die Masten hingleiten, und diese Stille in mir, diese Stille endlich, die mich von allem erlöst.”

Albert Camus, Reisetagebücher, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt, Reinbek 1980, S. 43.

 

 

Serie Camus‘ Lieblingswörter (Textauswahl von Andreas Arnold für die Suite Camus): Nr. 1 Die Welt Nr. 2 Der SchmerzNr. 3 Die ErdeNr. 4 Die MutterNr. 5 Die MenschenNr .6 Die Wüste, Nr. 7 Die Ehre, Nr. 8 Das Elend, Nr. 9 Der Sommer

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