Aquamediale 2015: Wie Albert Camus in den Spreewald kam

Landschaft aus Wald und Wasser – der Spreewald bei Lübben. ©Foto: Rauni Schulze

Landschaft aus Wald und Wasser – der Spreewald bei Lübben. ©Foto: Rauni Schulze

Angetan mit einem schwarzen Mantel und düster-melancholischen Blick stakt der stiernackige Kommissar mit dem mächtigen kahlen Schädel seinen schwankenden Nachen durchs trübe Wasser, als sei er der Fährmann persönlich, der einen Toten über den Styx ins Schattenreich geleitet. Dabei sucht er doch im Gegenteil nach dessen Mörder in diesem Labyrinth der Wasserwege, durch die so herrlich unheimlich der Nebel wabert… Dass findige Fernsehmacher dem Spreewald, dieser so geheimnisvoll und auf eigentümliche Weise exotisch anmutenden Landschaft, eine eigene Krimiserie auf den grünen Leib geschneidert haben, wundert einen nicht. Dass es von hier aus eine Verbindung zu Camus geben soll umso mehr. Ist ein größerer Kontrast denkbar zur sonnengesättigten, wüstennahen mittelmeerischen Heimat Camus‘, die sein Denken so sehr geprägt hat, als die nordisch-kühle grüne Wasserlandschaft des Spreewaldes?

Auf Wasserwegen durch den Spreewald. ©Foto: Rauni Schulze

Auf Wasserwegen durch den Spreewald. ©Foto: Rauni Schulze

Und doch: Die Aquamediale 2015, das bis dato jährlich stattfindende Kunstfestival in der Spreewald-Region, sei von Camus inspiriert, verrät die Pressemitteilung des Amtes für Bildung, Sport und Kultur des Landkreises Dahme-Spreewald. „Zehn Künstlerinnen und Künstler werden unter dem Titel Metamorphosen die Veränderungen und Wandlungen der Spreewaldregion, ihrer Landschaft und der Menschen künstlerisch bearbeiten und umsetzen“, heißt es dort. Ich wollte es genauer wissen, und habe die Kuratorin der diesjährigen Aquamediale Petra Schröck befragt.

Frau Schröck, mit ihrem Konzept, zeitgenössische Kunst mit Albert Camus  zu verbinden, konnten sie sich im Dezember 2014 in den Auswahlgesprächen für die künstlerische Leitung der diesjährigen „Aquamediale“ durchsetzen. Carsten Saß, Kulturdezernent des Landkreises Dahme-Spreewald, sprach von einem „äußerst interessanten Konzept“. Wie sieht denn dieses Konzept genau aus, und welche Rolle spielt Albert Camus darin?

Petra Schröck: Albert Camus notierte einst in sein Tagebuch die zehn wichtigsten Wörter seines Lebens: die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer. Es sind seine persönlichen Lebenswörter, die aber in ihrer Bedeutungsvielfalt und Allgemeinheit für viele Menschen existenziell sind. Ausgehend von Camus, gelebtes Leben in zehn abstrakte Begriffe zu verwandeln, werden zehn zeitgenössischen Künstlern zehn Begriffe, die charakteristisch für die Spreewaldregion sind, zur Auswahl gegeben, um daraus ein temporäres Kunstwerk für den öffentlichen Landschaftsraum zu entwickeln. Dieser Prozess stellt eine Metamorphose vom konkreten Wort zum realen Kunstwerk dar. Die Begriffe sind ein Konzentrat sowohl für die Spezifik als auch die Bandbreite der Spreewaldregion und bleiben während der Vorbereitungsphase variabel: das Binnendelta, die Schleuse, der Übergang, die Fährleute, die Sorben, die Spreewaldgurke, der Hochwald, die Kanäle, die Stille, das Biosphärenreservat.

Die Verbindung zwischen Camus, dem „homme mediterranéean“, und dem Spreewald liegt nicht gerade auf der Hand… Wie kamen Sie auf den Gedanken, beides zusammenzubringen?

Schröck: Für mich ist es immer reizvoll, wenn Verbindungen geschaffen werden, die nicht auf den ersten Blick zwingend sind. Camus hat mich vor allem in der Reduktion auf das Essenzielle, das in einem Begriff – in Sprache – mündet, fasziniert. Auch der künstlerische Prozess ist methodisch eine Reduktion von der Idee über die Ausführung zum fertigen Werk. Die Wörter transportieren dabei ein hohes Assoziationspotenzial, das jeden persönlich anzusprechen vermag. Die Mutter, der Schmerz oder das Meer beispielsweise sind keine philosophischen Schlüsselbegriffe, sondern alltägliche und menschliche, die auch in der Kunst eine große Rolle spielen.

Inzwischen steht fest, welche zehn internationalen Künstler eingeladen sind, Ihr Konzept künstlerisch umzusetzen. Wie geht es jetzt weiter?

Schröck: Zur Zeit besuchten und besuchen die Künstler den Spreewald, machen sich ein Bild von der Landschaft, den möglichen Orten und loten das kuratorische Konzept aus. Sie sprechen mit den Menschen, finden „ihren“ Platz und entwickeln eine Arbeit, die sie Ende Mai an Ort und Stelle installieren werden.

Mit den zehn auf die Spreewald-Region zugeschnittenen Begriffen hat sich das Ganze natürlicher Weise weit von Camus entfernt. Spielt die anfängliche Inspiration durch Camus in der Auseinandersetzung der Künstlerinnen und Künstler trotzdem noch eine Rolle – oder ging es allein um die Initialzündung?

Schröck: Es ging zunächst um die Initialzündung. Aber dadurch, dass die Camus’schen Begriffe im Prozess kommuniziert werden und jeder Künstler eigene Erfahrungen mit Camus verbindet, fließen sie doch in den Entwurf und die Umsetzung der Werke mit ein. Letztendlich kann man Camus‘ Gesamtwerk auch in den Kontext „Metamorphose“ stellen.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, mit welchen Mitteln die Künstler arbeiten werden und wie der Gesamteindruck des Ganzen werden könnte?

Schröck: Die gestalterischen Mittel werden vielfältig sein, das Spektrum der zu erwartenden Arbeiten reicht von Installationen, Interventionen, Malerei, Skulptur, Fotografie bis hin zur Interaktion. Die Themenfelder werden interdisziplinär, zeitkritisch engagiert und aktuell sein. Ganz im Sinne Camus‘ liegt das Ziel des Kunstfestivals nicht im fertigen Kunstwerk, sondern im Prozess der Auseinandersetzung des Künstlers und des Betrachters mit dem Werk. So werden wir versuchen, viele Menschen anzuregen und auch über das Rahmenprogramm miteinzubeziehen. Denn Kunst war für Camus „kein einsiedlerisches Vergnügen“, sondern ein „Mittel, die größtmögliche Zahl von Menschen anzurühren“. Für den Gesamteindruck ist es noch zu früh, auch ist noch nicht klar wie die einzelnen Werke miteinander in Verbindung stehen werden, das alles hängt noch von den einzelnen Arbeiten ab.

Man darf also weiter gespannt sein! Vielen Dank für das Gespräch.

 

Petra Schröck, Kuratorin der "Aquamediale 2015". ©Foto: privat

Petra Schröck, Kuratorin der „Aquamediale 2015“. ©Foto: privat

Die Kuratorin
Petra Schröck, geboren 1965 in Berlin, studierte Kunstgeschichte in Wien sowie Modedesign in Berlin. Nach Jahren in Wien und Graz kehrte sie 2004 nach Berlin zurück, wo sie derzeit die künstlerische Leitung der BrotfabrikGalerie innehat. Sie hat bereits zahlreiche Ausstellungsprojekte kuratiert und Veranstaltungsprogramme organisiert.

Die Künstlerinnen und Künstler
Mario Asef (Argentinien/Deutschland), Dieter Buchhart (Österreich), Marco Evaristti (Dänemark), Joachim Froese (Australien), Blanca G. Gomila (Spanien/Deutschland), Irene Hofmann (Deutschland), Jaqueline Kny (Deutschland) mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Zwei-Sonnen-Projekts, Nicola Rubinstein (Deutschland) Igor Sacharow-Ross (Russland/Deutschland), Udo Wid (Österreich)

Die Aquamediale
Der Landkreis Dahme-Spreewald veranstaltet die aquamediale seit 2005 in Lübben (Spreewald). Das internationale zeitgenössische Kunstfestival ist Bestandteil des brandenburgischen Kultursommers und wird in enger Partnerschaft mit dem Förderverein aquamediale e.V. durchgeführt. Mehr als 100.000 Besucher erleben jedes Jahr die Begegnung mit Werken internationaler bildender Künstler. Neben den Reizen des gestalteten Naturraumes bestimmen Installationen, Interventionen, Objekte und Skulpturen für den Zeitraum von drei Monaten dessen Charakter; hinzu kommt ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Musik, Film, Literatur und kreativen Workshops. Die aquamediale 2015 findet statt vom 6. Juni bis 19. September in der Spreewaldregion in den Orten Lübben, Lübbenau, Straupitz und Golßen. Ab dem Jahr 2015 wird die Aquamediale nur noch im zweijährigen Rhythmus stattfinden. Es wechselt mit der zweiten großen Kunstausstellung des Landkreises, der Spektrale. Mehr Infos: www.aquamediale.de

Die charakteristischen Spreewald-Kähne - hier allerdings nicht ganz fahrtauglich. ©Foto: Petra Schröck

Die charakteristischen Spreewald-Kähne – hier allerdings nicht ganz fahrtauglich. ©Foto: Petra Schröck

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Serie Camus‘ Lieblingswörter:  Die Welt  Der SchmerzDie ErdeDie Mutter Die Menschen Die Wüste, Die EhreDas Elend, Der SommerDas Meer (Textauswahl von Andreas Arnold für die Suite Camus):

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Ein Kommentar zu Aquamediale 2015: Wie Albert Camus in den Spreewald kam

  1. Stefan Mensah sagt:

    Schöne Anregung für einen Spreewaldbesuch! Ist schon einige Jahre her. Tolle Bilder. Interessante Fragen, deren Antworten noch 1-2 Fragezeichen offen lassen. Aber es kann nie verkehrt sein, einen hohen Anspruch zu haben und den sehe ich schon, wenn ich den mir bekannten Teil der Landschaft in Verbindung bringe mit interaktiven Kunstinstallationen und Camus.
    Merci Madame Reif für den anregendenen Beitrag 🙂

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