Camus im März: Caligula-Premiere in Düsseldorf und mehr

André Kaczmarczyk spielt Caligula am Düsseldorfer
Schauspielhaus. Foto: Thomas Rabsch

Die Vorschau auf das monatliche Programm der Bühnen, die Camus spielen, kommt für den März etwas früher, denn sonst droht die Gefahr, dass eh schon alles ausverkauft ist. Bei der Vorpremiere des Düsseldorfer Caligula am 14. März ist das nämlich schon der Fall. Für die Premiere am 17. März gibt es zurzeit noch Restkarten.

Die Inszenierung von Sebastian Baumgarten am Schauspielhaus Düsseldorf ist nach denen von Christoph Mehler am Hessischen Staatstheater in Darmstadt, von Antú Romero Nunes am Berliner Ensemble und dem Prinzregenttheater Bochum (Jugendclub) die vierte Caligula-Interpretation in dieser Saison an deutschen Bühnen. Das überrascht nicht, denn die Geschichte um den jungen römischen Kaiser, der (aus Sicht seiner Untertanen) unversehens beginnt, seine unbegrenzte Macht auf die perfideste Art und Weise auszuspielen, bietet eine willkommene Folie, um die ebenso zeitlose wie hoch aktuelle Problematik von politischer Macht und Machtmissbrauch zu thematisieren. Aus Sicht von Camus‘ Caligula geht es freilich gar nicht um ein Sich-Berauschen an der eigenen Machtfülle sondern um etwas ganz anderes: Um nichts weniger nämlich als die Wahrheit. Und die Wahrheit ist: „Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.“¹ Die Welt und unser Leben darin ist so, wie das Ganze eingerichtet ist, absurd. Caligula will seine Untertanen dazu zwingen, in dieser Wahrheit zu leben. Was aber bedeutet es unter diesen Vorzeichen, in der Wahrheit zu leben? Caligulas Machtausübung ist ein einziger großer Feldversuch, der dieser Frage mit unerbittlicher Logik nachgeht – und am Ende scheitert. Scheitern muss. Weil es für den Menschen nicht darum geht, die Widersprüche auszumerzen sondern gerade darum, mit ihnen zu leben.

Camus’ Caligula versteht sich als eine Art Pädagoge des Absurden. Er lebt ein grausames Experiment vor. Er meint zu demonstrieren, wie man frei sein und gleichzeitig ganz und gar konsequent, ja gar im Zeichen der Logik leben könne – und vor allem was es hieße, sich über die Götter mit ihren »blöden, unverständlichen Gesichtern« zu stellen,“ schreibt der Politologe Jan-Werner Müller in einem klugen Beitrag im Spielzeitheft und fragt: „Enthüllen die »starken Männer« unserer Tage irgendeine Wahrheit?“ Die Antwort lautet: Nein. „Sie verwandeln nicht Philosophie in Leichen; sie erteilen keine Lehren in Sachen Freiheit und Logik. Sie versuchen nur, ihre eigenen Realitäten zu schaffen.“²

Das ist nur einer der vielen Ankerpunkte, die das Stück für das Nachdenken über heutige Verhältnisse ebenso bietet wie für das Nachdenken über die zeitunabhängigen Bedingtheiten der condition humaine. An welchen Punkten eine Inszenierung von Camus‘ Caligula andockt, welche Akzente sie setzt und welche Bildsprache sie für diese Themen findet, ist natürlich stets die spannende Frage.

In Düsseldorf inszeniert Sebastian Baumgarten, „seit zwanzig Jahren einer der beständigsten und profiliertesten Theater- und Opernregisseure, dessen Arbeiten sich durch die Frischheit ihrer Ideen und eine hohe politische Bewusstheit auszeichnen“, wie es in der Ankündigung heißt. Die Titelrolle verkörpert der jüngst mit dem Publikumspreis »Gustaf« ausgezeichneten junge Schauspieler André Kaczmarczyk.

TERMINE
Premiere am 17. März, 19.30 Uhr, 19 Uhr Premiereneinführung mit dem Intendanten. Weitere Vorstellungen: 29. März, 19.30 Uhr (Einführung 18.45 Uhr), 4. April, 19.30 Uhr.
Achtung: Gespielt wird aufgrund von Sanierungsmaßnahmen und einer Baustelle nicht im Düsseldorfer Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz sondern im Central, Worringer Straße 140, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Infos und Karten 

 

Weitere Theatertermine im März

Caligula, Berliner Ensemble (BE), Inszenierung: Antú Romero Nunes (Premiere: 21. September 2017): 28.März.

CaligulaPrinzregenttheater Bochum, eine Inszenierung von Clara Nielebock mit den „Jungen Prinze*ssinnen 15+“ (Jugendclub des Theaters) (Premiere: 4. November 2017): 20. und 21. März. Infos

Das MissverständnisDeutschen Theater Berlin, Regie: Jürgen Kruse (Premiere: 3. Dezember 2017): 10. März.

Das Missverständnis, Figurentheater Ravensburg e.V., (Premiere: 29. Oktober 2016): 24. März (21. April).

Der FallEuro Theater Central in Kooperation mit der Tanzkompanie bo komplex, (Premiere: 14. September 2017): 12. und 13. März.

Der Fremde, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin. Regie: Philipp Preuss (Premiere: 13. November 2016): 7. und 8. März. Infos

Der Fremde, Societaetstheater Dresden, Regie: Arne Retzlaff (Premiere: 22. April 2017): 1. März.

Die Gerechten, Staatsschauspiel Hannover, Regie: Alexander Eisenach (Premiere: 23. Februar 2017): 11. März.

Die Gerechten, Hessisches Landestheater Marburg, Regie: Marc Becker (Premiere: 27. Januar 2018): 3. und 6. März.

Die Gerechten, Oldenburgisches Staatstheater, Regie: Peter Hailer (Premiere: 25. Februar 2017): 10., 15. und 23. März.

 

¹Albert Camus, Caligula, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 21. ² Link zum Beitrag auf der Webseite des Schauspielhauses Düsseldorf.

 

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Heinz Robert Schlette über „Albert Camus und die Juden“

Heinz Robert Schlette beim Vortrag in
der Buchhandlung Böttger, Bonn, 2014.
©Foto: akr

Es ist mir eine besondere Freude, diesen Termin anzuzeigen: In Kürze gibt es die leider selten gewordene Gelegenheit, den Nestor der deutschen Camus-Forschung Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette bei einem Vortrag zu erleben. Er kommt am 1. März in die Buchhandlung Böttger in Bonn und bringt ein Thema mit, das bislang in der Camus-Forschung gänzlich unbeachtet und unbeackert geblieben ist: „Albert Camus und die Juden.“

Das ist spannend gerade deshalb, weil sich dieses Thema zunächst nicht unbedingt aufdrängt. Die Hauptwerke von Camus geben dazu nichts her (sag‘ ich jetzt mal so aus meiner Perspektive, aber vielleicht werden wir ja auch dazu Neues erfahren). Oder kann man diese Nicht-Thematisierung etwa bereits schon als Ausdruck einer Haltung werten? Camus habe zu Auschwitz keine Stellung bezogen, kann man gelegentlich lesen. Camus‘ „Begeisterung für den «Wein des Absurden» und das «Brot der Gleichgültigkeit»“ sei bei Erscheinen des Sisyphos 1942 im besetzten Paris „völlig unangebracht“ gewesen, schreibt z.B. Iris Radisch, und weiter: „Während Camus 1941 den letzten Satz über das Glück des Sisyphos, der sein absurdes Schicksal glücklich erträgt, zu Papier brachte, wurden in Auschwitz die ersten Vergasungen durchgeführt und das spätere Vernichtungslager Birkenau errichtet.“¹ Und auch in der Feststellung, Camus habe bei der Erstveröffentlichung seines Mythos des Sisyphos 1942 bei Gallimard in Paris unter deutscher Besatzung auf das darin enthaltene Kapitel über den Juden Franz Kafka verzichtet, damit sein Essay über das Absurde überhaupt erscheinen konnte, schwingt schnell ein unausgesprochener Vorwurf mit.

Doch wissen wir auch von Camus‘ Kenntnis und Sympathie für die Widerstandsbewegung im Örtchen Le Chambon im französischen Hochland, wo mutige Bewohner jüdische Mitbürger versteckten und vor Verfolgung und Vernichtung retteten. Camus hatte sich dort krankheitsbedingt 1942/43 mehrere Monate aufgehalten und u.a. an seinem Roman Die Pest gearbeitet. Möglich, dass der Arzt Roger Le Forestier, Kopf der Widerstandsbewegung in Le Chambon und behandelnder Arzt von Camus, sogar Vorbild für seinen Dr. Rieux in La Peste wurde (Klaus Stoevesandt, der sich auf die Spuren dieser Geschichte begeben hat, hat davon bereits hier im Blog berichtet, s.u.). Und wir wissen auch von seiner Bewunderung für die jüdische Philosophin Simone Weil – wozu wir vielleicht auch einiges von Heinz Robert Schlette erfahren können, ist der doppel-promovierte Philosoph und Theologe doch ein exzellenter Kenner nicht nur von Camus sondern auch von Simone Weil (u.a. Hg. von Simone Weil: Philosophie – Religion – Politik, Frankfurt/Main 1985).

Auf jeden Fall darf man sehr gespannt sein, was Heinz Robert Schlette zu diesem gesamten Themenkomplex zu Tage gefördert hat, und wie er dieses Feld vor dem Hintergrund seiner reichen und genauen Camus-Kenntnis bewertet. Ich freue mich bereits auf das Wiedersehen in Bonn und sage einmal mehr: à bientôt!

Termin: 
Donnerstag, 1. März, 20 Uhr, in der Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Str. 41, Bonn. Die Buchhandlung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Mehr Infos hier.

Zur Person:
Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, 1931 in Wesel geboren, promovierte in den Fächern Philosophie und Katholische Theologie. Von 1962 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Heinz Robert Schlette ist der Doyen der deutschen Camus-Forschung. Seine beeindruckende Liste an Veröffentlichungen umfasst darüber hinaus jedoch auch zahlreiche weitere Themen aus Philosophie, Theologie, Politik und Kultur. Zuletzt erschien von ihm 2014 Existenz im Zwielicht. Notierungen in philosophischer Absicht (1965 – 1999). Mehr dazu und eine Liste seiner Veröffentlichungen zu Camus gibt es im Blog hier: 84 Jahre Existenz im Zwielicht – Joyeux anniversaire Professor Heinz Robert Schlette

Weitere verwandte Beiträge:
„Albert Camus, philosophisch“ – Heinz Robert Schlette im Gespräch
„Philosophie als Lebensgefühl“ – Camus im Radio (und in der Deutschen Bahn)
Albert Camus, Albert Schweitzer und Roger Le Forestier – oder wie aus einer Randbemerkung eine lange Geschichte wird
Auf den Spuren des „echten“ Dr. Rieux in Le Chambon

¹Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2013, S. 160.

 

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Nochmal in eigener Sache: Ein später Dank an meine Leser*

Du liebe Zeit, das war jetzt aber mal wieder eine Fleißarbeit! Ein paar Abende habe ich mich damit beschäftigt, die Blog-Optik zu restaurieren. Mit großem Schrecken hatte ich nämlich festgestellt, dass das jüngste WordPress-Update einiges durcheinander gebracht hatte. Da waren plötzlich mal mehr mal weniger riesige hellgraue Rahmen um die im Text eingebauten Fotos, weil die Bildunterzeilen nicht mehr umbrochen wurden. Hin und wieder sah das bei den schmaleren Rahmen um die Hochformate gar nicht mal so schlecht aus (die hab ich dann auch so gelassen). Ein Leser schrieb mir sogar neulich, ihm gefalle das neue Layout sehr gut. Ich freute mich und dachte nicht weiter darüber nach. Aber da hatte ich auch die schlimmsten Seiten noch nicht entdeckt (er wahrscheinlich auch nicht). Ich kann also nur hoffen, dass Sie sich in letzter Zeit nicht allzu sehr auf älteren Seiten getummelt haben. Obwohl ich mich sonst ja darüber immer sehr freue – zeigt es doch, dass viele Beiträge eine längere Halbwertzeit haben als die Tageszeitung, in der man am nächsten Tag den Fisch einwickelt.

Jedenfalls ist jetzt alles wieder schön, und auch, wenn mich die Aktion davon abgehalten hat, etwas sinnträchtig Inhaltliches für den Blog zu produzieren, so hatte sie doch außer der wiederhergestellten Optik noch etwas Gutes: Ich habe selbst nochmal all meine Beiträge von Anfang an angeschaut und mich daran gefreut, wie viele wunderbare unterstützende, ermunternde, lobende und anregende Kommentare ich im Laufe der Zeit bekommen habe. Allerdings habe ich dabei auch die ein wenig bestürzende Entdeckung gemacht, was für eine blutige Anfängerin in der Welt der Blogs und Social-Media-Welt ich zu Beginn gewesen bin: Ich habe nämlich am Anfang nur höchst selten auf die Kommentare geantwortet. Ich dachte schlicht an all die Leserinnen und Leser meines Blogs, welche in Erwartung anregender Diskussionen oder Ergänzungen die Beiträge plus Kommentaren abonniert haben und nun wahrscheinlich genervt wären, weil sie für ein schlichtes „Danke, wie nett von dir“ meinerseits eine E-Mail-Benachrichtigung erhalten würden. Als ob man nicht schon genug zugespamt würde! Das denke ich zwar eigentlich auch immer noch, inzwischen weiß ich aber: Nicht antworten gehört sich einfach nicht. Diese ganze Blogger-Welt lebt ja geradezu davon, sich wenigstens mal eben zuzuwinken, im übertragenen Sinne. Und es ist ja auch irgendwie enttäuschend, wenn man so nett schreibt und keine Resonanz erhält. Als würde ein Brief auf ewig unbeantwortet bleiben.

Was bleibt mir übrig, als allen, die einst keine Antwort bekommen haben, jetzt sehr verspätet ein ganz herzliches Dankeschön zuzurufen und zu hoffen, dass sie es überhaupt noch hören und sich damals nicht enttäuscht abgewandt haben. Seien Sie versichert: Ich habe mich immer sehr, sehr gefreut, und Ihr Zuspruch hat mich immer darin ermuntert, weiterzumachen! Es ist einfach schön zu wissen, dass man nicht in den leeren Raum hinausschreibt. Also sage ich wie immer: à bientôt! und noch einmal ein dickes

 

 

 

*Genderstatement: Ich hoffe, Sie wissen es: Bei mir sind immer SÄMTLICHE Geschlechter angesprochen.

 

 

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Wie sich Albert Camus eine Welt öffnete, die seiner Mutter verschlossen blieb

Man stelle sich das vor: Ein kleiner Junge, der in einer Familie aufwächst, in der keiner der Erwachsenen lesen und schreiben kann, entdeckt die Welt der Bücher. Er erlebt, wie seine kleine, enge Welt dadurch weit wird – aber auch, wie ihn genau das von den Menschen, die ihm bislang am nächsten standen, entfremdet. Denn sie können ihm dorthin nicht folgen. Albert Camus beschreibt diese (seine) Erfahrung ausführlich und eindringlich in seinem autobiographischen Roman Der erste Mensch. Er erzählt, wie der kleine Jacques Cormery (er selbst) zusammen mit seinem Freund Pierre die Stadtbibliothek aufsucht und sich seine ersten Bücher ausleiht, wie er es nicht abwarten kann, zu entdecken, welche unbekannte Welt sich ihm dort auftun würde. Schon auf dem Nachhauseweg schlägt er die Bücher auf, atmet ihren Duft ein und betrachtet das abstrakte Bild, mit der sich die Buchstaben zu Worten und die Worte zu nicht aufhören wollenden Zeilen aneinanderreihen.

Foto: privat

Auch bei der musikalischen Lesung von Der erste Mensch, mit der der Schauspieler  Joachim Król und das orchestre du soleil gerade unterwegs sind, hatten diese und ähnliche Episoden aus Camus‘ Kindheit großes Gewicht. „Sie haben mich an diesem Abend besonders gefesselt“, sagt Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert Camus-Gesellschaft in Aachen, den ich zufällig bei der Vorstellung in Düsseldorf traf (Beweisfoto mit genretypischen Schnappschussgesichtern links). Ihn haben diese Episoden zum Thema für den nächsten Jour Fixe am 6. Februar in Aachen inspiriert, mit dem zugleich an das Thema des vergangenen Monats angeknüpft werden soll. „Wie sich uns die Welt verschließt – und wieder öffnet“ hieß das Thema im Januar. Wir hatten  ein sehr anregendes Gespräch mit spannenden Gedankengängen und beindruckenden Erlebnisberichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer“, berichtet Ybbs. Gleich am nächsten Tag habe er aber das Gefühl gehabt, das Thema sei erst angekratzt worden, und man könne die nächsten Gesprächskreise eigentlich sämtlich damit bestreiten. Nun also:

Wie sich Albert Camus eine Welt öffnete, die seiner Mutter verschlossen blieb“

Zur Anregung hat Ybbs schon einmal zwei Textstellen herausgesucht, die natürlich auch schön sind, wenn man nicht am Dienstag nach Aachen kommen kann.

Die Bücherei enthielt hauptsächlich Romane, aber viele waren für Jugendliche unter fünfzehn Jahren verboten und standen gesondert. Und die rein intuitive Methode der beiden Kinder stellte keine wirkliche Auswahl dar. Doch der Zufall ist nicht das Schlechteste in Sachen Kultur, und indem sie alles durcheinander verschlangen, führten sich die beiden Gefräßigen gleichzeitig das Beste und das Schlechteste zu Gemüte, ohne sich übrigens darum zu kümmern, etwas zu behalten, und sie behielten tatsächlich auch fast nichts als ein seltsames, mächtiges Gefühl, das im Lauf der Wochen, der Monate und der Jahre in ihnen ein ganzes Universum von Bildern und Erinnerungen entstehen ließ, die nicht zurückführbar waren auf die Realität, in der sie täglich lebten, aber mit Sicherheit nicht weniger präsent für diese leidenschaftlichen Kinder, die ihre Träume genauso ungestüm erlebten wie ihr Leben.¹

***

«Manchmal kam seine Mutter zu ihm, bevor sie sich in ihre Ecke setzte. „Das ist die Bibliothek“, sagte sie. Sie sprach das Wort, das sie aus dem Mund ihres Sohnes hörte und das ihr nichts sagte, schlecht aus, aber sie erkannte den Einband der Bücher. „Ja“, sagte Jaques, ohne den Kopf zu heben. Catherine Comery beugte sich über seine Schulter. Sie sah das doppelte Rechteck unter dem Licht, die regelmäßige Aufreihung der Zeilen an; auch sie atmete den Geruch ein, und manchmal strich sie mit ihren von der Waschlauge steifen und faltigen Fingern über die Seite, als versuche sie, besser zu erkennen, was ein Buch ist, und diesen mysteriösen, für sie unverständlichen Zeichen näherzukommen …²

Zum Gesprächskreis ist übrigens auch willkommen, wer (noch) nicht gut mit dem Werk von Albert Camus vertraut ist.
Termin: Dienstag, 6. Februar, 2o Uhr, im LOGOI, Jakobstr. 25a, Aachen.

Verwandte Beiträge:
Der mit den Worten tanzt – Joachim Król auf Tour mit Camus 

 

¹Albert Camus, Der erste Mensch, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1995, Seite 277. ² a.a.O.,  Seite 280.
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In eigener Sache: Mehr Ordnung im Blog

Was war das heute für ein trüber Tag! Ist gar nicht richtig hell geworden – wie so oft in diesem trübsten Winter im Land seit 1951, wie der Wettermann im Fernsehen neulich erklärte. Ein Tag, der sich so richtig schön dafür eignet, lange aufgeschobene Dinge am heimischen Schreibtisch zu erledigen oder die Strumpfschublade aufzuräumen. Oder gar die Unterlagen für die Steuererklärung vorzubereiten. Stand das nicht auf der Vorsatzliste für 2018, das nicht wieder bis zum allerletzten Abgabetag aufzuschieben? Aber wie das so ist: Am Ende des Tages habe ich nichts davon gemacht. Weil immer, wenn gerade alles „tu dies, tu das, du hast Zeit und keine Ausrede“ ruft, mir garantiert irgendetwas über den Weg läuft, was ich gerade wichtiger finde. Man nennt dieses Phänomen Prokrastination, und vermutlich kennt der ein oder die andere von Ihnen das.

Dass ich heute was anderes wichtiger fand, kam so: Ich wollte mal schnell einen eigenen Beitrag von mir im Blog wiederfinden, und dabei fiel mir auf, dass es gar keine Kategorie zu den von mir verfassten Rezensionen und Bühnenkritiken gibt. Will man also auffinden, was Frau Reif zu dieser großartigen Missverständnis-Inszenierung in Wien schrieb oder wie sie Die Gerechten in Düsseldorf beurteilte, muss man zahllose Ankündigungen in der Rubrik „Bühne, Film, Fernsehen“ durchflöhen. Wie unpraktisch, dachte ich mir da, und machte mich daran, das zu ändern. Und so hat meine Aufschieberitis heute doch noch was Nützliches hervorgebracht: Unter der Kategorie „Kritiken von Anne-Kathrin Reif“ finden Sie fortan eben diese. Dort versammeln sich jetzt Bühnen- und Filmkritiken, Buch- und sonstige Rezensionen sowie Ausstellungsbesuche. Vielleicht haben Sie ja Lust, nochmal reinzuschauen. Zumindest brauchen Sie jetzt aber nicht mehr so lange suchen, wenn Sie mal was suchen. So, das war’s auch schon für heute. Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden noch einen schönen Abend und sage wie immer: à bientôt!

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Camus auf den Bühnen im Februar – Neu: „Die Gerechten“ am Hessischen Landestheater Marburg

„Die Gerechten“ am Hessischen Landestheater Marburg. Anders als bei Camus sind hier zwei Frauen unter den jungen Revolutionären (von links: Lisa-Marie Gerl, Victoria Schmidt und Thomas Huth. Foto: Jan Bosch)

Die monatliche Bühnenvorschau für den Februar hat einen Neuzugang zu verzeichnen: Am vergangenen Samstag feierte am Hessischen Landestheater Marburg Die Gerechten Premiere. „Warten auf Geschichte“ lautet dort das Motto der laufenden Spielzeit – und das passt natürlich schön zu Camus‘ Revolte-Stück, in dem es gerade darum geht, dass eine Gruppe junger Revolutionäre im Moskau des Jahres 1905 eben nicht abwarten will, wie sich Geschichte fortschreibt, sondern deren Lauf selbst bestimmen will. Aber selbst wenn das Ziel ein hehres ist – nämlich die Befreiung von der Tyrannei des Zarenregimes und eine gerechte Gesellschaft – wie weit darf man gehen, um sein Ziel zu erreichen?

Das ist die zentrale Frage des Stücks, und geht es nach der Premierekritik von Franz-Josef Hanke in marburg.news  (weitere habe ich noch nicht gefunden), dann ist Regisseur Marc Becker und dem Ensemble eine beeindruckende Umsetzung des Stoffes gelungen. Stärkster Moment war für den Autor die Gefängnisszene, in der die Großfürstin dem Attentäter Iwan Kaliajew einen Besuch abstattet: „Minutenlange Stille auf der Bühne und im Publikum steigerte die Spannung bis fast ins Unerträgliche. Sehr ausdrucksstarke Mimik beider Darsteller trug diese Stille über mehrere Minuten hinweg so eindringlich, dass die Theatergäste den Atem anhielten.“ Nicht nur das macht mich neugierig, sondern auch die Frage welchen der Revolutionäre Regisseur Marc Becker mit einer (bei Camus nicht vorgesehenen) zweiten Frau besetzt hat, wie das Stückfoto zeigt, und welcher inhaltliche Akzent damit gesetzt wird. Wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja irgendwann nach Marburg (meine ewige Beschwörungsformel…).

Hessischen Landestheater Marburg, weitere Vorstellungen: 1., 14. und 28. Februar, 3. und 6. März 2018, jeweils 19.30 Uhr, Bühne Am Schwanhof.

 

Weiterhin im Februar auf den Spielplänen:

Caligula, Berliner Ensemble (BE), Inszenierung: Antú Romero Nunes (Premiere: 21. September 2017): 1. und 16. Februar.

CaligulaPrinzregenttheater Bochum, eine Inszenierung von Clara Nielebock mit den „Jungen Prinze*ssinnen 15+“ (Jugendclub des Theaters) (Premiere: 4. November 2017): 24. und 25. Februar. Infos

Caligula, Staatstheater Darmstadt, Inszenierung: Christoph Mehler (Premiere: 25. August 2017): 28. Februar (Dernière). Info und Karten hier.

Das MissverständnisDeutschen Theater Berlin, Regie: Jürgen Kruse (Premiere: 3. Dezember 2017): 22. und 28. Februar.

Das Missverständnis, Figurentheater Ravensburg e.V., (Premiere: 29. Oktober 2016): 24. Februar.

Das Missverständnis, Ein Spiel mit SchauspielerInnen & Puppen. Regie und Figuren: Nikolaus Habjan (Premiere: 17. Oktober 2014 am Schauspielhaus Graz, ab Spielzeit 2015/16 am Volkstheater Wien): 18. Februar.

Der erste Mensch, Joachim Król & das Orchestre du Soleil. Lesung mit Musik: 1. Februar, 20 Uhr, Kulturhaus Weißenfels; 2. Februar, 19 Uhr, Mainz, SWR Funkhaus; 3. Februar, 19.30 Uhr, Theater Koblenz. (Kritik im Blog).

Der FallEuro Theater Central in Kooperation mit der Tanzkompanie bo komplex, (Premiere: 14. September 2017): 13. und 14. Februar.

Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud, Münchner Kammerspiele, Regie: Amir Reza Koohestani (Premiere: 29. September 2016): 23. Februar.

Der Fremde, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin. Regie: Philipp Preuss (Premiere: 13. November 2016): 6. Februar. Infos

Die Gerechten, Staatsschauspiel Hannover, Regie: Alexander Eisenach (Premiere: 23. Februar 2017): 10. Februar.

 

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Der mit den Worten tanzt – Joachim Król auf Tour mit Camus

Eine Lesung nicht in Bibliotheken oder Literaturclubs sondern in großen Häusern mit mehreren hundert Plätzen, durchweg ausverkauft, mit begeistertem Publikum und ebenso begeisterter Presse – für dieses überraschende Phänomen sorgen zurzeit Joachim Król und das orchestre du soleil, die mit Albert Camus‘ autobiographischem Romanfragment Der erste Mensch auf Tournee sind. So auch am vergangenen Sonntag im 700 Plätze fassenden Robert-Schumann-Saal in Düsseldorf. Joachim Król, den man aus vielen Film- und Fernsehrollen als eher leisen, mit sparsamer Gestik und subtiler Mimik überzeugenden Schauspieler kennt, sitzt auf einem Barhocker vor dem Lesepult am vorderen Bühnenrand, hinter ihm im Halbrund auf einem Podest das fünfköpfige orchestre du soleil, hebt an zu lesen und breitet die Arme aus. Er wiegt den Oberkörper, und während die eine Hand rudernd das Gleichgewicht sichert, gestikuliert und akzentuiert er mit der anderen Hand, als gelte es, einen vor ihm liegenden Notentext zu dirigieren. Unterlegt von den melodiösen Klängen des kleinen Orchesters verleiht er seiner Stimme Nachdruck, bis sein Vortrag schon fast einem Gesang gleicht.

Das orchestre du soleil sorgt für einen farbenreichen Soundtrack

Das mit Klarinette, Percussion, Bass, Oud und Akkordeon besetzte orchstre du soleil malt mit arabisch anmutenden Klängen einen musikalischen Hintergrund, der die Zuhörer nach Nordafrika versetzt, in die Heimat von Camus, in das Land seiner Kindheit. Camus lässt in Der erste Mensch sein alter ego Jacques Cormery dorthin zurückkehren, gewissermaßen auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Joachim Król taucht tief ein in dessen Erinnerungen, er macht sie sich zu eigen, er lässt sich hineinfallen und schwelgt in ihnen. Es ist, als würde die algerische Sonne aus der Erinnerung heraus in den Zuschauerraum strahlen, das Meer leuchten und selbst noch die armselige Drei-Zimmer-Wohnung, in denen Jacques/Albert mit seiner Mutter, Großmutter, Onkel Etienne und Hund Briard zuhause ist, mit einem Glanz aus Gold und Blau überziehen, der jegliche Tristesse vergessen macht. Noch die schlichteste Beschreibung wird mit Emphase versehen, getragen und befeuert von der Musik. „Der mit den Worten tanzt“, raunt mir meine Freundin S. zu und liefert mir damit dankenswerter Weise die Überschrift für diesem Beitrag.

Król lässt die Figuren mit seiner Stimme lebendig werden

Zum Glück hat Joachim Król mehr zu bieten als diese „Achwiewardasallesherrlich“-Attitüde. So lässt er die furchteinflößende, herrische Großmutter mit harter oder mit dräuender Grabesstimme sprechen und gibt der Mutter, die gar nicht weiß was Auflehnung ist, eine Stimme der Sanftmut und Duldsamkeit. Er lässt den kleinen Jacques zu den Erwachsenen hinaufpiepsen und verleiht dem Pfarrer ebenso Gestalt wie dem Lehrer Louis Germain, der die Familie zuhause aufsucht und dafür sorgt, dass sein begabtester Schüler allen Widerständen zum Trotz aufs Lycée darf. Diese Passagen, in denen die Musik aussetzt und der Schauspieler das wechselnde Personal quasi vor unseren Augen nur mit seiner Stimme lebendig werden lässt, sind die wirklich starken und überzeugenden Stellen der Aufführung. Aber da sind ja noch all die Freuden der Kindheit, da stürmen die Jungs auf den Fußballplatz, da geht es mit Onkel Etienne und seinen Kumpels zur Hasenjagd, da ist das Meer, in das man sich hineinstürzen kann. Und so wie ins Meer stürzt sich der Sprecher in diese Erinnerungen, lässt sich forttragen und sich wiegend auf ihnen treiben, auf dem Meer dieser Erinnerungen und auf der schönen Musik, und alles ist Begeisterung, Rührung, Dankbarkeit. Mitreißend wirkt das, das Publikum lauscht gebannt und spendet am Ende begeisterten, lang anhaltenden Applaus.

Und wenn nun in all den Städten, wo sich ähnliche Szenen abspielen, nur ein Teil der vielen Menschen dadurch vielleicht erstmals einen Zugang zum Werk von Camus findet oder ihn wiederentdeckt, wenn diese Menschen dann in die nächstgelegene Buchhandlung gehen, um sich Albert Camus‘ Der erste Mensch zu besorgen und selbst einzutauchen in dieses abenteuerliche Leben, das sich ausspannt zwischen Analphabetenhaushalt und Literaturnobelpreis, dann soll es mir recht sein.

Und doch: Weniger wäre mehr gewesen

Für mich selbst wäre weniger mehr gewesen. In meiner Vorstellung passt das schwelgerische, alles verklärende Pathos nicht so recht zu Camus, oder genauer: zum Camus des Premier homme. Denn zwar kennt man durchaus einen gelegentlichen pathetischen Ton von Camus, aber in Der erste Mensch erzählt er sehr schlicht, fast nüchtern, mit schnörkelloser Sprache, und er beschreibt mit großer Genauigkeit kleinste Details, ohne dabei etwas zu verklären. Ich für meinen Teil sehe ohne diese jede Erinnerung zum Ereignis steigernde Emphase, die der Sprecher hineinlegt, die Szenen klarer vor mir – das Elend und das Licht, die Freude und die Scham.

An diesem Abend vermisse ich den Ernst, ich vermisse die nüchterne Klarheit, mit der Camus so detailgenau erzählt – nicht weil er sich fortreißen ließe von der übermächtigen Fülle der eigenen Erinnerungen, die ihn bei der Rückkehr in die verlorene Heimat überflutete, sondern weil es gilt, dieses Leben in Armut und diese Menschen, die in der Geschichtsschreibung nicht vorkommen, dem Vergessen zu entreißen und diese Quelle, aus der sich sein ganzes Schaffen speist, zu würdigen, indem er ihr einen Platz in der Literatur erschreibt. In dieser geschichtslosen Welt der Armen ist jeder „der erste Mensch“, der im Strom der Geschichte auftaucht und wieder verschwindet, ohne sich mit ihm zu verknüpfen. Auch Camus selbst ist in der Welt seiner Kindheit der erste Mensch. Aber seine Geschichte wird erzählt werden, das weiß er, der Nobelpreisträger, und das versetzt ihn in die Lage, all die anderen, von denen längst niemand mehr spricht, mitzunehmen in diese Geschichte und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. „Ein Leben ist so gut wie das andere“, heißt es in dem Roman Der Fremde, mit dem sein Ruhm begann. Deshalb ist Der erste Mensch weit mehr als ein persönliches Erinnerungsbuch und mehr als die Geschichte eines Bildungsaufsteigers. „Mehr als“ heißt ja „durchaus auch das“. Aber eben nicht nur. Ich hätte mir von einem eigentlich doch großartigen Schauspieler mehr Zwischentöne gewünscht, die das deutlich machen.

Ein bisschen ist dieser Abend vielleicht so wie eine Literaturverfilmung, bei der man auch oft enttäuscht ist, weil sie immer anders und irgendwie „weniger“ ist als das, was man lesend imaginiert hat. Wer das Buch vorher nicht kannte, hat dagegen einfach einen schönen Film gesehen.

Mitwirkende: L’Orchestre du Soleil: Maria Reiter Akkordeon, Ekkehard Rössle Flöte/Klarinette, Christoph Dangelmaier Kontrabass/ Kompositition, Samir Mansour Oud, Omar Placencia Percussion. Textbearbeitung, Produktion, Inszenierung: Martin Mühleis.

Weitere Termine: 25. Januar, 19.30 Uhr, Wolfsburg, Scharoun Theater; 26. Januar, 20 Uhr, Schauspielhaus Kiel;  27. Januar, 20 Uhr, Kammerspiele Theater Lübeck,  Klieverhagen 50; 28. Januar, 20 Uhr, Darmstadt, Staatstheater; 1. Februar, 20 Uhr, Kulturhaus Weißenfels, Merseburger Str. 14; 2. Februar, 19 Uhr, Mainz, SWR Funkhaus; 3. Februar, 19.30 Uhr, Theater Koblenz.

 

 

 

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Auf die deutsch-französische Freundschaft!

Dass ich tagsüber den Fernseher einschalte, kommt ja eher selten vor. Gerade aber tat ich es, und ich sah Angela Merkel und Emmanuel Macron Seite an Seite, wie sie ein Bekenntnis zur deutsch-französischen Freundschaft ablegen. Es war nur ein kleiner Ausschnitt eines Videos, das die beiden aus Anlass des heutigen 55. Jahrestages der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags aufgenommen haben. Auf der Seite der Bundesregierung findet sich das komplette Video, das ich mir hier zu teilen erlaube – als zeitgeschichtliches Dokument sozusagen. Ihre gemeinsame Erklärung ist dort ebenfalls nachzulesen.

Denn ganz gleich, ob oder in welchem Maße man nun mit der Politik der deutschen Kanzlerin oder des französischen Präsidenten d’accord ist: Wie die beiden so unterschiedlichen Gestalten da einträchtig nebeneinander stehen und am Ende so charmant holprig in der jeweils fremden Sprache das Freundschaftsbekenntnis ablegen, ist schön. Man denke nur daran, dass es vor einem ähnlichen historischen Hintergrund auch mal so etwas wie eine deutsch-amerikanische Freundschaft gegeben hat – aber kann man sich eine vergleichbare Szene mit dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten vorstellen? Ich kann’s jedenfalls nicht.

Heute also soll der von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 geschlossene Vertrag nicht nur erneuert sondern noch erweitert werden. Bereits zum 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags vor fünf Jahren habe ich dazu eine kleine Serie gestartet, die sich um Camus‘ Briefe an einen deutschen Freund dreht. Vielleicht gibt es nichts besseres als diese Texte von Camus, um zu ermessen, was es bedeutet, dass diese beiden Nationen heute so entschieden Seite an Seite auftreten – und was für ein langer Weg es bis dorthin war. Zum Nachlesen hier die Links. Davon abgesehen finde ich noch immer: Wahre Freundschaft zwischen Nationen gibt es nur durch die Menschen, die diese Freundschaft leben. Und die sich im Ernstfall weigern würden, aufeinander zu schießen. In diesem Sinne: Vive l’amitié franco-allemande!

Von der Freundschaft und ihren Grenzen

Von der Leidenschaft für die Gerechtigkeit

Mit den Göttern auf der falschen Seite

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Wie sich uns die Welt verschließt – und wieder öffnet

Djemila mit seinen in die Landschaft eingebetteten römischen Ruinen war einer von Camus‘ Lieblingsorten in seiner Heimat Algerien. ©Foto: Andreas Arnold

Was für ein schönes Thema hat der erste Jour Fixe des Jahres der Albert Camus-Gesellschaft in Aachen! Wie sich uns die Welt verschließt – und wieder öffnet ist der Abend überschrieben und benennt damit eine Erfahrung, die ich selbst schon so viele Male gemacht habe. Wie kann es angehen, dass sich „die Welt“ zu entziehen scheint wie eine Geliebte, die sich abwendet? Und auf einmal wieder ihre Arme einladend zu öffnen scheint? Oder verdankt sich dieser Eindruck etwa nur der Spiegelung eigener Befindlichkeiten? Oder spielt beides zusammen? Ist es gar alles nur eine Frage des Klimas? Und welches wäre die rechte Haltung, diesem Phänomen zu begegnen? Fürwahr Stoff für einen anregenden Abend. Für Camus jedenfalls gab es mit den römischen Ruinenorten Tipasa und Djemila bevorzugte, geliebte Orte, an denen sich die Welt einem Vereinigungserlebnis bereitwilliger zu öffnen schien. Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert Camus-Gesellschaft, hat im Vorfeld einen schönen Text aus eigenen und Camus-Versatzstücken zusammengestellt, den ich hier mit freundlicher Genehmigung gern (gekürzt) veröffentliche.

Wie sich uns die Welt verschließt – und wieder öffnet

Winter, die Menschen kommen zur Ruhe, die Sonne steht tief, schneebedeckte Hügel nehmen der Landschaft ihre Konturen, die Kinder drängt es nach draußen, weil sie es lieben, in der Weite der still-stehenden Welt herumzutollen – so sehen Wunschträume aus; die Winter, wie wir sie kennen, sind eher durch lang anhaltende trübe Tage gekennzeichnet. Wer denkt da nicht daran, dem zu entkommen?

Auf meiner Couch liegen Prospekte aus dem Reisebüro. Einmal weit weg sein! Seit Jahren habe ich keinen größeren Urlaub gemacht, doch ich sträube mich, eine Pauschalreise zu buchen, die mich zwar in eine andere Welt brächte, doch kaum etwas Unerwartbares verspräche. Ich sollte die Broschüren gleich heute noch ins Altpapier werfen und mich über ein Land informieren, das ich jenseits des Massentourismus auf eigene Faust bereisen kann. Algerien wäre ein reizvolles Ziel, leider zu gefährlich, sich dort außerhalb der Städte vorzuwagen. Wie gerne würde ich nach Tipasa reisen oder mir den Wind von Djemila um die Ohren streichen lassen. Paris, Florenz, Prag, das sind Wüsten ganz anderer Art. Warum nicht in Algier ein Pfefferminzbonbon lutschen, im Taumel aus dem Jahrhundert heraustreten, in dem wir leben. Ich würde zwischen meinem Zeigefinder und meinem Mittelfinger hindurch blinzeln, dann die Finger schließen, so tun, als wollte ich ein Foto machen, eins für die Ewigkeit.¹

Wie viele Stunden habe ich damit verbracht, den Wermut zu zertreten, die Ruinen zu streicheln und das aufreizende Gemisch aus schwirrenden Stimmen und Düften tief in mich einzuatmen! Begraben unter den Gerüchen der wilden Kräuter und dem einschläfernden Geschrill der Insekten hebe ich Herz und Augen gegen die unerträgliche Größe des gluterfüllten Himmels. Es ist nicht leicht, der zu werden, der man ist und die eigene Tiefe auszuloten.²

Man braucht viel Zeit, um nach Djemila zu gelangen. Es ist keine Stadt, wo man haltmacht, um später weiterzufahren. Djemila führt nirgendwo hin und erschließt keine Landschaft. Es ist ein Ort, den man wieder verlässt.³

Seit fünf Tagen regnete es unaufhörlich über Algier, sogar das Meer wurde nass. Aus unerschöpflichem Himmel stürzten sich endlose Fluten auf den Golf, die vor lauter Dichte zähflüssig schienen. Grau und schlaff wie ein Riesenschwamm quoll das Meer in der formlosen Bucht auf. …
Ich war dem nächtlichen Europa entflohen und dem Winter auf den Gesichtern … (4)

Termin: Dienstag, 9. Januar 2018, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen. Jour Fixe mit wechselnden Themen ist jeweils am ersten Dienstag des Monats. Die Abende sind offen für alle Interessierten.

¹ Ausschnitt aus einem aktuellen Manuskript von Sebastian Ybbs (in Arbeit) ² Albert Camus,  Hochzeit in Tipasa, in: Hochzeit des Lichts, Arche Verlag 2013, S. 11f. ³ Albert Camus, Der Wind in Djemila, in: a.a.O.,  S. 21. (4) Albert Camus, Heimkehr nach Tipasa, in: a.a.O., S. 137
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Vorschau: Joachim Król auf den Spuren von Camus‘ „Der erste Mensch“

Der Schauspieler Joachim Król ist mit Camus‘ „Der erste Mensch“ auf Tournee. Foto: Stefan Nimmesgern

4. Januar 2018. Natürlich kann ich nicht dieses Datum schreiben, ohne an das zu denken, was vor 58 Jahren an diesem Tag geschah, in dem Jahr also, in dem mein Leben erst noch beginnen sollte, und das von Albert Camus so plötzlich endete. Natürlich brauche ich aber auch die Geschichte nicht noch einmal erzählen, die so oft schon erzählt wurde. Und natürlich wäre es besser gewesen, Camus wäre an diesem Tag nicht gestorben. Trotzdem gibt es einen Anlass, sich zu freuen: Darüber nämlich, dass das Manuskript des ersten Teils seines Riesen-Romanprojekts Der erste Mensch, welches Camus an diesem Unglückstag auf der Fahrt im Facel Vega seines Freundes Michel Gallimard von Lourmarin nach Paris bei sich hatte, unversehrt aufgefunden wurde. Dass es, obwohl unvollendet und unkorrigiert, nach 34 Jahren 1994 doch noch veröffentlicht wurde. Und dass ein so populärer Schauspieler wie Joachim Król dazu beiträgt, den Text und seinen Autor einem großen Publikum zugänglich zu machen, dem er sonst vielleicht entgangen wäre.

Joachim Król & l’orchestre du soleil: Der erste Mensch
nach Albert Camus

Die unglaubliche Geschichte einer Kindheit

„Eingebettet in die Musik, die der Komponist Christoph Dangelmaier aus Elementen des arabischen Rai und des französischen Musette eigens für diesen Bühnenmonolog geschrieben hat, erzählt der große Schauspieler Joachim Król auf seine unnachahmliche Art von einem, der seinen Vater gesucht – und den Sohn gefunden hat: den ersten Menschen am Ursprung seines Lebens. In seiner berührenden und spannenden Geschichte erzählt er von der Kraft der Bildung – und davon, dass jeder es schaffen kann. Jeder, so Camus, kann sich selbst in den Mittelpunkt einer machbaren Zukunft setzen. Für diesen Aufbruch aus der eigenen Existenz ist er das personifizierte Beispiel. Sein erster Mensch ist kein Bewohner unserer Städte, kein Technikfreak im Wohlstandsland und er weiß nicht, was ein Fitneßcenter ist. Er ist eine unverschämte Provokation – ein Fremdling in modernen Zeiten.“¹

Schon im vergangenen Jahr war Joachim Król mit dem Programm unterwegs, 2018 scheint es damit aber noch um einiges intensiver weiterzugehen. Jedenfalls habe ich eine ganze Reihe von Terminen gefunden, die ich euch (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und um eventuelle Ergänzungen bemüht) natürlich nicht vorenthalten möchte. Einen herzlichen Dank an dieser Stelle an jene Blog-Leser, die mich auf Termine aufmerksam gemacht haben!

Aschaffenburg: 12. Januar, 20 Uhr, Stadttheater Bühne 1

Braunschweig: 5. Januar, 20 Uhr, Staatstheater

Bremen: 10. Januar, 20 Uhr, Bremer Konzerthaus Die Glocke

Darmstadt: 1. Februar, 20 Uhr, Staatstheater

Dortmund: 20. Januar, 19.30 Uhr, Theater Dortmund

Düsseldorf: 21. Januar, 17 Uhr, Robert-Schumann-Saal im Ehrenhof 4-5 / Museum Kunstpalast, Info

Fulda: 23. Januar, 20 Uhr, Schlosstheater

Hamburg: 6. und 8. Januar, 20 Uhr,  7. und 24. Januar, 19 Uhr, Altonaer Theater, Museumstr. 17.

Hannover: 9. Januar, 20 Uhr, Schauspielhaus Hannover

Iserlohn: 13. Januar, 20 Uhr, Parktheater

Karlsruhe: 11. Januar, 20 Uhr, Tollhaus Kulturzentrum e.V.Alter Schlachthof 35

Kiel: 26. Januar, 20 Uhr, Schauspielhaus Kiel

Koblenz: 3. Februar, 19.30 Uhr, Theater Koblenz.

Lübeck: 27. Januar, 20 Uhr, Kammerspiele Theater Lübeck

Mainz: 2. Februar, 19 Uhr, SWR Funkhaus

Mannheim: 17. Januar, 19.30 Uhr, Nationaltheater Mannheim, Opernhaus

Oldenburg: 14. Januar, 19 Uhr, Staatstheater Oldenburg

Stuttgart: 18. und 19. Januar, 2015 Uhr, Theaterhaus T2, Siemensstr. 11

Weißenfels: 1. Februar, 20 Uhr, Kulturhaus Weißenfels, Merseburger Str. 14

Wolfsburg: 25. Januar, 19.30 Uhr, Scharoun Theater, Klieverhagen 50

 

¹ Aus dem Ankündigungstext. Mitwirkende: L’Orchestre du Soleil: Maria Reiter Akkordeon, Ekkehard Rössle Flöte/Klarinette, Christoph Dangelmaier Kontrabass/ Kompositition, Samir Mansour Oud, Omar Placencia Percussion, Martin Mühleis Textbearbeitung, Produktion, Inszenierung.

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