Kleiner Nachschlag zu „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“

Ausdruck aus dem Veranstaltungsprogramm 1962/63 des „Deutscher Jugend-Veranstaltungsdienst e.V.“ zur Aufführung von Picassos Theaterstück „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“.

Ich freu mich ja immer, wenn ein Blogbeitrag von mir weitere Kreise zieht… Wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. So berichtet gestern im Kommentar Blog-Leser Dieter Fränzel im Anschluss an den Beitrag über die Uraufführungslesung von Picassos Theaterstück „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ in Paris von der deutschsprachigen Uraufführung 1961 an der Kunstakademie Düsseldorf. Heute gab’s noch dieses historische Zeitdokument dazu. Darin heißt es:

„Die Theater-Exercise an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf hat dieses absurd-geniale, von scheinbaren Clownerien durchsetzte und doch in seiner Aussoge tief dramatische Bühnenwerk kürzlich anlässlich des 80. Geburtstages Picassos zum ersten Male in deutscher Sprache zur Aufführung gebracht. Ausgezeichnete Kritiken würdigten dieses schwierige Unterfangen, das unter der Leitung des Regisseurs Heinz Balthes ein voller Erfolg wurde.“

Herzlichen Dank an Dieter Fränzel!

Als Hörspielversion aus dem Jahr 1980 von Ulrich Raschke, Matthias Spahlinger und Claus Villingen findet man es übrigens auf YouTube. Hier ist auch das schon erwähnte Foto von der Uraufführungslesung mit Camus und Picasso-Hund Kazbek zu sehen:

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Wie Camus und Picasso die Wünsche beim Schwanz packten – zum 50. Todestag von Pablo Picasso

Manche Dinge muss man ja nicht immer wieder neu erfinden… Und da der ein oder die andere hier vor zehn Jahren sicher noch gar nicht mitgelesen hat, erlaube ich mir, aus aktuellem Anlass den seinerzeit zum 40. Todestag von Pablo Picasso verfassten Beitrag heute gewissermaßen zu recyclen.

Picasso im Jahr 1962. Foto: Argentina. Revista Vea y Lea, wikicommons

Der Jahrhundertkünstler Pablo Ruiz Picasso, geboren am 25. Oktober 1881 im spanischen Málaga, verstarb am 8. April 1973 im Alter von 91 Jahren im südfranzösischen Mougins. Beigesetzt wurde er im Garten seines Schlosses Vauvenargues bei Aix-en-Provence, unweit von Camus’ letztem Wohnort Lourmarin. Ganz abgesehen davon, dass es in den Künstler- und Intellektuellenzirkeln der 1940er-Jahre, als Picasso und Camus sich beide in Paris aufhielten, sowieso alle möglichen Überschneidungen gab und man sich in den selben Nachtlokalen und Cafés begegnete, wo die neuesten Werke der jeweils anderen diskutiert wurden, gibt es mindestens eine ganz direkte Verbindung zwischen Camus und Picasso: Bei der Uraufführungslesung von Picassos Theaterstück Le Désir attrapé par la Queue (Wie man Wünsche beim Schwanz packt) führte Albert Camus Regie. 

Was für eine illustre Runde kam da zusammen in der Wohnung des Schriftstellers und Ethnologen Michel Leiris am 19. März 1944, eine private Zusammenkunft im besetzten Paris: unter den Zuschauern Jean-Louis Barrault, Georges Braque, Henri Michaux und weitere Künstler und Intellektuelle, erzählt der Camus-Biograf Olivier Todd (1). Und dann erst die Besetzung! Camus verteilt die Rollen: Leiris ist Der Plumpfuß, Sartre Das Klümpchen, Simone de Beauvoir Die Kusine, Picassos Muse Dora Maar ist  Die magere Angst und Raymond Queneau Die Zwiebel. Weitere Protagonisten: Die Torte, Die fette Angst, Das Schweigen, Die beiden Wauwaus. Wie man schon unschwer an den Rollen erkennt, handelt es sich nicht um ein konventionelles Drama, sondern eher um ein surrealistisch-dadaistisches Stück, allerdings auch mit realististischen Elementen. Picasso nutzte dabei die surrealistische Technik des automatischen, assoziativen Schreibens im Sinne der von André Breton adaptierten écriture automatique. Die Lesung begann um 17 Uhr und endete um 23 Uhr, eine Stunde vor Beginn der Ausgangssperre. Einige Wochen später, am 16. Juni 1944, lud Picasso die ganze Runde in sein Atelier in die Rue des Grands-Augustins Nr. 7 ein, wo der Fotograf Brassaï sie im Bild festhielt (wohl deshalb kann man gelegentlich lesen, Uraufführung des Stücks sei am 16. Juni gewesen).

Das Foto würde ich hier natürlich gerne zeigen, aber da ich nicht über die Bildrechte verfüge, muss ich auf diejenigen verweisen, die sich darum nicht kümmern (einfach „Camus und Picasso“ googlen) – oder hier auf den im Prinzip lesenswerten Artikel zu dem Ereignis in der NZZ (der allerdings Camus allzu flapsig als „Hobbyregisseur“ bezeichnet). Jedenfalls sieht man auf dem Foto (von links nach rechts): Jacques Lacan (für den sich angeblich Simone de Beauvoir besonders interessierte), Cécile Eluard, Pierre Reverdy, Louise Leiris, Zanie Aubier, Picasso mit verschränkten Armen in der Mitte, Valentine Hugo und Simone de Beauvoir; davor sitzend, mit Pfeife, Jean-Paul Sartre, Michel Leiris, Jean Aubier und auf dem Boden hockend in der Mitte Camus. Alle schauen mehr oder weniger konzentriert in die Kamera des Fotografen, nur Camus scheint Kazbek interessanter zu finden, den großen wuscheligen Hund Picassos, der in der Mitte der Runde auf einem kleinen Teppich sitzt. Gut möglich, dass Brassaï deshalb noch ein paar Mal mehr auf den Auslöser drückte, denn es gibt auch noch eine Version ohne Hund, und jetzt schaut auch Camus in die Kamera. Bemerkenswert ist die Zusammenkunft bei der Uraufführung auch noch aus einem anderen Grund: Unter den Zuschauern befand sich auch eine sehr attraktive junge Schauspielerin, die 22jährige Maria Casarès – die erste Begegnung zwischen Camus und seiner späteren lebenslangen Geliebten (1). 1948, als die beiden längst ein Paar waren, spielte Maria Casarès die Victoria in Alberts Theaterstück Der Belagerungszustand (Regie führte Jean-Louis Barrault). Bei der Premiere am 27. Oktober 1948 im Théatre Marigny saß auch Pablo Picasso im Publikum (2).

Seine Erstaufführung auf der Bühne erlebte Wie man Wünsche beim Schwanz packt übrigens 1950 im Londoner Watergate Theatre, die deutschsprachige Erstaufführung in der Übersetzung von Paul Celan fand 1956 im Kleintheater Bern unter der Regie von Daniel Spoerri und der Mitwirkung unter anderem von Meret Oppenheim (Bühnenbild und Kostüme) statt. Und wieder einmal stelle ich fest, wieviel Stoff es noch für mein lange nicht mehr gespieltes „Immer nur einen Schritt bis zu Camus“-Spiel gibt… Das Spiel habe ich übrigens genau zu Ostern 2013 erfunden: Sisyphos trifft Christus auf dem Blumenkübel – oder: Immer nur ein Schritt bis zu Camus

Allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden, Camus-Freundinnen und Blog-Lesern wünsche ich schöne Ostertage!

P.S. Tipp für verregnete Feiertage: arte TV hat Picasso vorab zum 50. Todestag am 2. April einen ganzen Thementag mit zehn Stunden Programm gewidmet. Die Beiträge sind noch in der Mediathek abrufbar.

(1)  vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 371. Im Artikel in der NZZ heißt es, Casarès sei bei dem Ereignis als „Assistentin“ dabei gewesen. Bislang habe ich dafür allerdings noch keinen Beleg gefunden. (2) siehe Fußnote in Albert Camus – Maria Casarès, Schreib ohne Furcht und viel. Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959, Rowohlt-Verlag, Hamburg 2021, S. 109.
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Von Sisyphos gleicher Rückkehr zur Normalität und zum Camus-Gespräch in Aachen

Ich habe einen Jahrestag knapp verpasst: Am 21. März 2020, also vor fast genau drei Jahren, habe ich hier im Blog das Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch begonnen. Ich beschloss seinerzeit (wie so viele andere Menschen), noch einmal Die Pest zu lesen, und schrieb: „Auf jeden Fall denke ich jetzt schon gern an das Ende von Camus‘ Roman und hoffe, dass es auch für uns so sein wird, und dass es bis dahin nicht allzu lange dauern wird: Irgendwann ist der Spuk vorbei, die Menschen fallen sich voller Freude in die Arme und feiern in den Straßen. Jedenfalls die, die überlebt haben und die keinen geliebten Menschen verloren haben. Das ist der bittere Beigeschmack, der auch uns nicht erspart bleiben wird.“  

Das „nicht allzu lange“ dauert jetzt schon drei Jahre. Viele, sehr viele haben einen oder gar mehr als einen lieben Menschen verloren. Und dass der Spuk vorbei ist, sieht nur so aus, weil die Regierung (so wie in der Pest auch) das Ganze für beendet erklärt hat. Dabei hat der Spuk durch Impfstoff und Aufbau von Immunität nur etwas seinen Schrecken verloren, und wir haben gelernt, mit ihm zu leben – oder bemühen uns zumindest darum. Das große Freudenfest auf den Straßen, mit dem Camus die Pest (und den Krieg) enden lässt, wird bei uns nicht stattfinden. Es gibt schlicht keinen Grund dazu. Und genauso, wie es kein großes, befreiendes Finale für uns gibt, so bleibt auch Camus‘ hoffnungsvolle Bilanz für uns in der Schwebe: nämlich, dass uns die Heimsuchungen lehren würden, dass es am Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt. Zahllose Menschen haben Großartiges geleistet und tun es noch, haben geholfen, haben Solidarität gelebt. Aber die Menschen vom Schlage Cottards, die Pest-Profiteure und Rücksichtslosen waren beileibe auch keine Einzelfälle. Die Chancen und Hoffnungen, die sich zu Beginn trotz allen Schreckens in der Heimsuchung entdecken ließen – auf ein Näherzusammenrücken, mehr gegenseitige Wertschätzung, Aufwertung von Pflege(berufen), auf Innehalten, Besinnen, Verlangsamen und manches mehr – sie sind verpufft. Stattdessen stehen wir als Gesellschaft müde und erschöpft vor all den anderen gigantischen Herausforderungen und Bedrohungen, die ich hier jetzt nicht aufzähle, denn eigentlich wollte ich gar nicht so einen trübsinnigen Beitrag schreiben.

Kehren wir also zur „Normalität“ zurück. Aber es gibt verschiedene Arten, das zu tun: Das „möglichst schnell alles vergessen“ und „so tun als wär‘ gar nix gewesen“. Oder das „nicht vergessen und trotzdem weitermachen“ bzw. „wieder neu starten“. Immer und immer wieder. Und dabei das Glück nicht vergessen. Da sind wir dann wieder bei Camus und beim glücklichen Sisyphos. Und beim Frühling, der jetzt doch mal endlich kommt. Wenn auch bei uns nicht mit Mimosen und blühenden Mastixbüschen wie in Camus‘ Tipasa, dann aber doch mit Forsythien, Magnolien und Kirschblüten.

Zurück ist auch die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen, die nach der langen Pandemie-Pause ihre regelmäßigen Gesprächskreise wieder aufnimmt. Zukünftig gibt es also wieder einmal im Monat jeweils an einem Dienstag um 19.30 Uhr im Aachener Logoi, Jakobstraße 25a, in lockerer Runde bei einem Glas Wein oder Erfrischungsgetränk und kleinen Snacks die Gelegenheit zum Sich-Anregen-Lassen, zum Austausch und zum Vermehren von Kenntnissen über Albert Camus und zum Vermehren von Erkenntnissen im Allgemeinen. Der erste Termin ist am kommenden Dienstag, 28. März 2023. Gelesen werden ausgesuchte Textstellen aus Camus‘  Roman Der Fall, um anschließend darüber zu sprechen und Eindrücke und davon inspirierte Ideen zu teilen. Weitere Termine sollen möglichst wieder im Monatsrhythmus folgen. Die Teilnahme ist kostenlos, und die Mitgliedschaft bei der AC-Gesellschaft nicht Voraussetzung. Für den 18. April hat übrigens der Rowohlt-Verlag eine Neuauflage von Der Fall in neuer Übersetzung von Grete Osterwald angekündigt. Da kann man sich schon auf vergleichendes Lesen freuen!

Einen weiteren Termin in Assoziation zur Albert-Camus-Gesellschaft gibt es am 20. April 2023, 19 Uhr: Dann stellt Holger Vanicek, Vorsitzender der AC-Gesellschaft, im Rahmen der Philosophischen Gespräche auf der Burg Frankenberg in Aachen erstmals offiziell sein Buch Die Zerrissenheit – Albert Camus‘ Tanz unter dem Schwervor und lädt zur Diskussion darüber ein. Mehr Infos hier.

Ich wünsche allen Blog-Lesern und Camus-Freundinnen, Camus-Freunden und Blog-Leserinnen ein schönes, frühlingshaftes Wochenende – und: Bleiben Sie zuversichtlich!

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Superman Sisyphos – ein Camus-Abend mit Witz und Tiefgang

Martin Bretschneider als Sisyphos im Superman-T-Shirt. ©Fotos: Julian Jakobsmeyer

Ein Albert-Camus-Abend, der Textpassagen aus seiner Nobelpreisrede, aus dem philosophischen Essay Der Mythos von Sisyphos, dem Theaterstück Caligula, dem Roman Die Pest und dem literarischen Essay Hochzeit in Tipasa miteinander verbindet– und für den man als Zuschauer völlig ohne Vorkenntnisse der Gedankenwelt Camus‘ auskommt. Der außerdem Lebensgeschichten von Geflüchteten thematisiert und die schwierige Situation der zunehmend kriminalisierten Seenotrettung im Mittelmeer. Und der einen dennoch nicht mit gedankenlastiger Schwere niederdrückt, sondern packend und, ja, unterhaltsam und voller witziger Momente ist. Dieses Kunststück gelingt Martin Bretschneider und seinen Mitspielern Aeham Ahmad und Atdhe Ramadani mit dem Stück A Mission for Sisyphos, das am vergangenen Samstag im ostwestfälischen Hövelriege Premiere feierte.

Doch von vorn. Ein Mann dreht mit einem Akkuschrauber Bretter im Bühnenboden fest, Zuschauer vermuten irritiert, das könne ja wohl noch nicht zum Stück gehören. Doch, tut es: In Albert Camus‘ Wohnung sind die Handwerker zugange. Camus (Martin Bretschneider) probt derweil seine Rede zur bevorstehenden Entgegennahme des Literaturnobelpreises. Es will ihm nicht recht gelingen, viel zu sehr hadert er mit dem Preis, er meint, ihn nicht verdient zu haben. Seine Verzweiflung beschreibt er, Ekel in der Stimme, überaus anschaulich: Dass man meine, die Verzweiflung sei eine Krankheit der Seele, doch dass es vielmehr der Körper ist, der leidet: „Meine Haut tut mir weh, meine Brust, meine Glieder. Mein Kopf ist hohl, und mir ist übel. Und das Schrecklichste ist dieser Geschmack im Mund.“  – Bretschneider hat, nur für Eingeweihte kenntlich, Camus die Worte Caligulas in den Mund gelegt. – Nicht ungern lässt sich Camus bei seiner frustrierenden Arbeit an der Nobelpreisrede von einem der Handwerker (Aeham Ahmad) unterbrechen, der fragt, ob er mal auf dem schönen Klavier spielen dürfe – und wird von dessen unerwartet virtuosem Spiel aus seinen trüben Gedanken gerissen.

Aeham Ahmad – Pianist und Tischler. ©Fotos: Julian Jakobsmeyer

Der Kollege (Atdhe Ramadani) kommt hinzu – „wir sind dann für heute fertig, Herr Professor“ –, aber Camus lässt die beiden nicht gehen und lädt sie auf ein Bier ein, er will wissen, warum dieser offenkundig begnadete Pianist als Tischler arbeitet, interessiert sich für die beiden. Und die sich wiederum für ihn, vor allem dafür, warum der „Herr Professor“ so unglücklich ist. Was dieser mit einem Exkurs über das Absurde beantwortet. „Klarer Fall von Midlife-Crisis“, diagnostizieren die beiden, womit keinesfalls die Ernsthaftigkeit und Gedankentiefe Camus‘ ins Lächerliche gezogen wird – aber auf höchst erfrischende Weise vom richtigen Leben konterkariert wird. Und während man beim mit witzigen Wendungen gespickten Feierabendbiergespräch der drei gerade noch dachte, das sei ja wohl der unterhaltsamste Camus-Abend, der sich denken ließe, wird man unversehens von den realen Lebensgeschichten dieser beiden gut gelaunten Handwerker kalt erwischt und in eine existenzielle Ernsthaftigkeit geradezu hineinkatapultiert.

Atdhe Ramadani als Kriegsgott Ares

Collagehaft werden verschiedene Szenen ganz unterschiedlicher Art zusammengesetzt, finden aber immer einen sinnvollen dramaturgischen Übergang. Etwa wenn Camus, der gerade noch über den Sisyphos theoretisiert hat, sich seines Jacketts entledigt und sich in den antiken Helden im Superman-T-Shirt verwandelt. Da wird Sisyphos lebendig: wie er die Götter überlistet, ihnen entwischt, wie er das Leben „am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde“ mit einer schwärmerischen Passage aus Hochzeit in Tipasa preist und feiert, wie er sich mit Kriegsgott Ares (großartig: Atdhe Ramadani) anlegt, in dessen Worten man wiederum Caligula wiedererkennt.

Bretschneider gelingt es mit dem von ihm konzipierten Stück, den Tiefenraum zwischen Ernsthaftigkeit und Witz nahezu während des gesamten Abends zu halten und immer wieder neu auszuloten. Einzig eine vielleicht etwas lang geratene Passage mit appellativem Charakter über die Flüchtlingssituation im Mittelmeerraum und den Umgang der reichen westlichen Länder damit erscheint zunächst als das Spielgeschehen unterbrechender Fremdkörper – fügt sich dann aber doch ein als Brücke zum Camus-Thema der Revolte mit Textpassagen aus der Pest. Vor allem aber macht sie auf eindringliche Weise deutlich, dass wir es beim Eintauchen in die Gedankenwelt von Albert Camus nicht mit zeitlich und thematisch fernen abstrakten philosophischen Diskursen zu tun haben. Sondern dass wir ganz alltäglich und immer wieder neu mit Spielarten des Absurden konfrontiert sind, die uns herausfordern und verlangen, uns dazu zu verhalten.

Beim Premieren-„Heimspiel“ in Hövelriege wurden die Spieler von Seiten des sehr heterogenen und altersgemischten Publikums im an den dortigen Sport- und Jugendclub angegliederten Interkulturellen Zentrum mit lang anhaltenden „standing ovations“ bedacht. Die Anbindung an den SJC mit seiner aktiven interkulturellen Arbeit war für diese Produktion zweifellos ideal. Es ist aber unbedingt zu wünschen, dass A Mission for Sisyphos noch weitere Spielorte finden wird, idealer Weise in Kooperation mit Flüchtlingsinitiativen oder Interkulturzentren und mit Schulen, denn lebendiger kann man (nicht nur) Jugendlichen Camus wohl kaum nahebringen.

Glücklich nach der erfolgreichen Premiere: Martin Bretschneider, Aeham Ahmad, Atdhe Ramadani. ©Foto: A. Reif

Vorerst letzte Gelegenheit, das Stück zu sehen, ist allerdings am morgigen Samstag, 4. Februar, 19.30 Uhr, im SJC Hövelriege, Alte Poststraße 142, 33161 Hövelhof. Tickets per E-Mail über felix@sjcmagazin.de.

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Vom Gesang der Vögel oder Warum Weihnachten in diesem Jahr für mich einen Tag früher kam (über meine erste Begegnung mit Aeham Ahmad)

Aeham Ahmad hat über seine Geschichte ein Buch geschrieben:
Und die Vögel werden singen. Ich, der Pianist aus den Trümmern. Verlag S. Fischer 2019, 368 Seiten, TB 13 Euro
(ISBN: 978-3-596-70421-7).

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„A Mission for Sisyphos“ – Martin Bretschneider bringt einen Camus-Abend auf die Bühne

„Der französische Philosoph Albert Camus, der syrische Pianist Aeham Ahmad, der kosovarische Geflüchtete Atdhe Ramadani, der griechische Held Sisyphos und der algerische Arzt Bernard Rieux treffen aufeinander und unterhalten sich über die Absurdität des Daseins, den Hass auf den Tod, die Verachtung der Götter und die Liebe zum Leben.“

Das ist, laut Programmzettel kurz zusammengefasst, der Inhalt von A Mission for Sisyphos – ein Theaterabend, den der Schauspieler Martin Bretschneider gemeinsam mit Aeham Ahmad und Atdhe Ramadani erarbeitet hat, und der am kommenden Samstag, 28. Januar 2023, im Interkulturellen Zentrum in Hövelriege Premiere feiern wird.

Das klingt erstmal nach einer ziemlich wilden Mischung, die Fragen aufwirft. Wie kommen diese Protagonisten überhaupt zusammen? Was verbindet sie? Und wieso findet das ausgerechnet in einem an einen Jugend- und Fußballclub angegliederten Kulturzentrum in Hövelriege statt? Wo ist das überhaupt? Am besten, wir fragen einfach mal Martin Bretschneider.

Martin Bretschneider. © Sven Serkis 

Martin, nochmal ganz von vorn: Welche Idee liegt A Mission for Sisyphos zugrunde, was ist das Kernthema? Und wie kommt es zur Zusammenarbeit mit Aeham Ahmad und Atdhe Ramadani?

Martin Bretschneider: Die Arbeit mit Geflüchteten ist ja ein Thema meines ehrenamtlichen Engagements in Hövelriege, wo es jetzt ein interkulturelles Zentrum gibt, das sich um die Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungshintergrund kümmert. Das Thema der Seenotrettung, die jetzt immer mehr kriminalisiert wird, interessiert mich ebenso… Deshalb war ich in Berlin bei einer Lesung von SOS-Humanity, die hieß Tatort Mittelmeer. Tatort-Stars lasen Berichte von Flüchtenden auf dem Mittelmeer, und Aeham spielte Klavier. Da haben wir uns kennengelernt, und ich war begeistert von seiner Persönlichkeit und seiner Gesprächsenergie. Wir haben uns einige Zeit später in Hövelriege getroffen und beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu machen. Atdhe kenne ich schon seit vielen Jahren aus meiner ehrenamtlichen Jugendarbeit im SJC Hövelriege. Er kam schon als Fünfjähriger aus dem Kosovo zu uns, hat schon als Kind hier Fußball und Theater gespielt und ist inzwischen Theaterpädagoge und Schauspieler. Unterstützung für A Misson vor Sisyphos haben wir vom Landesbüro Darstellende Künste NRW bekommen, die die Projektidee toll fanden. Der Abend wird das Thema der Flucht mit dem Sisyphos-Motiv und Stücken aus den Schriften und der Gedankenwelt von Albert Camus verbinden.

Es ist kurz vor der Premiere – wie läuft die Probenarbeit bislang?

Organisatorisch war es ziemlich kompliziert, vor allem, weil Aeham inzwischen einen festen Job als Tischler angenommen hat. Nach der Arbeit auf der Baustelle kommt er zu den Proben, dazu spielt er ja noch Konzerte und hat Plattenaufnahmen… Ein verrückter Typ, im besten Sinne. Seine Energie ist sensationell. Was das Stück angeht: Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt, das zu erzählen, was wir erzählen wollten.

Du sprichst von einem „Stück“ – es wird also nicht etwa eine Lesung mit verschiedenen Camus-Texten und Musik…

Genau. Es gibt eine szenische Rahmenhandlung, die alles zusammenhält. Da kommen Aeham und Athde mit Albert Camus ins Gespräch. Die Textfassung stammt von mir – wobei man das natürlich gar nicht alleine machen kann, denn wir erzählen ja auch aus Atdhes und Aehams Leben, von ihrer Flucht, von tragischen, von schrecklichen Momenten und vom Glück, endlich angekommen zu sein… Wo eine gewisse Stufe von Sicherheit erreicht ist – aber die Absurditäten trotzdem nicht aufhören.

Als Mitarbeiter des interkulturellen Zentrums in Hövelriege interessiert mich natürlich auch das Gefühl des „Gegen-Windmühlen-Ankämpfens“ von Leuten, die sich für Geflüchtete engagieren. Etwa, wenn jemand über Jahre im Status der „Duldung“ lebt, deutsch gelernt und Freunde gefunden hat, und man schafft es sogar, ihm einen Ausbildungsplatz zu vermitteln – und dann kommt die Abschiebung… Diese Sinnlosigkeitserfahrung wollte ich ebenfalls thematisieren.

Es ist aber nicht nur die Gleichung, dass jede Art Absurdität oder Vergeblichkeit sich mit dem Sisyphos-Mythos verbinden lässt, was die Verbindung zu Camus herstellt, oder? Sonst hättest du dich gewiss nicht so tief in die Philosophie von Camus eingearbeitet… Wieviel Camus kommt also ins Spiel – und wie?

Natürlich würde ich so einen Abend nie machen, nur um traurige Fakten aufzuzählen. Im Gegenteil, es geht auch um die Möglichkeiten der „Revolte“, wie Camus sagt. Oder um die Frage: Wie schafft man es, sich selbst so zu konditionieren, dass man das Engagement für bessere Zustände und den Kampf gegen Unrecht durchhält, dass man nicht irgendwann verzweifelt und zusammenbricht? In dem Zusammenhang ist für mein Lebensgefühl Die Pest unglaublich wichtig. Dr. Rieux und die Figuren um ihn herum in ihrem Kampf gegen dieses scheinbar unüberwindliche Grundübel, das hat mich total fasziniert und inspiriert. Wie bringt man sich – nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen – in eine Energie, um weiterzumachen.

Die Figur des Sisyphos interessiert mich auch schon vor der Strafe – seine Verachtung der Götter, seine Liebe zum Leben, sein Hass auf den Tod. Da kommen dann auch Caligula, Hochzeit in Tipasa und andere Texte ins Spiel. Tatsächlich glaube ich, dass der Abend auch gut geeignet ist als eine Art Einführung in das Denken von Albert Camus.

Es gibt ja leider bislang nur die drei Termine in Hövelriege – gibt es schon die Aussicht auf weitere Spielorte?

Im Moment bin ich noch nicht so viel dazu gekommen, aber wir strecken natürlich die Fühler aus und hoffen, dass sich über unsere vielen verschiedenen Kontakte weitere Möglichkeiten ergeben werden. Denn wir möchten natürlich, dass das Stück gesehen wird!

Martin, ich bin sehr gespannt auf den Abend! Toi toi toi für die Premiere!

Termine: 28., 29. Januar und 4. Februar, 19.30 Uhr, im Interkulturellen Zentrum Hövelriege. Karten per E-Mail über felix@sjcmagazin.de

P.S.: Hövelriege liegt übrigens in Ostwestfalen zwischen Bielefeld und Paderborn.

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Martin Bretschneider wurde 2013 für seine grenzüberschreitende Jugendtheaterarbeit mit dem Sport- und Jugendclub Hövelriege mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet. Mehr dazu, zu seiner Person und zu seiner Beziehung zu Albert Camus hier im Blog:
Von Fußball, Völkerverständigung und die Traumbesetzung für die „Suite-Camus“. Zur Webseite von Martin Bretschneider hier, und weitere Infos (Filmographie/Showreel) hier und hier.

Caligula – grandioses Theater in der Rottstraße 5
„Man muss Werther sein oder nichts“ – oder: Von der geheimen Verwandtschaft zwischen Goethes Werther und Camus‘ Caligula

Aeham Ahmad wurde als „Pianist aus den Trümmern“ bekannt. Eine beeindruckende Begegnung war für mich sein Auftritt 2018 in Wuppertal, den ich schon damals in Verbindung mit Camus gebracht hatte:
Vom Gesang der Vögel oder Warum Weihnachten in diesem Jahr für mich einen Tag früher kam

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Camus auf diversen Bühnen – von der Verlockung bis zur Trigger-Warnung

Mit Albert Camus‘ „Die Besessenen“ in der Regie von Jette Steckel eröffnen am 25. Januar 2023 die „Lessingtage“ am Thalia-Theater in Hamburg. Foto: Armin Smailovic

Zwischenzeitlich denke ich öfters, es sei in Bezug auf Camus deutlich ruhiger geworden auf den Bühnen im Vergleich zu den vergangenen Jahren – aber dann ploppt doch immer wieder was auf. Nicht, dass man da als Camus-Freund immer gleich hinrasen müsste, aber es ist doch interessant zu sehen, wer sich wo wie mit Camus beschäftigt. Zum Beispiel:

* Am Mittwoch, 18. Januar 2023, 19.30 Uhr, kann man im Theater am Ring in Villingen-Schwenningen Camus‘ Novelle L‘hôte (Der Gast) in einer Bühnenfassung in französischer Sprache erleben. „Die Erzählerin der Bühnenfassung stellt sich ganz in den Dienst der literarischen Vorlage: der Schönheit und Prägnanz von Camus‘ Stil und der Plastizität und Intensität der Schilderung“, heißt es in der Ankündigung (mit Nathalie Cellier, Regie: Peter Steiner). Info/Tickets hier.

* Am 25. Januar 2023, 19 Uhr, werden im Thalia Theater Hamburg die Lessingtage mit Albert Camus‘ Die Besessenen – Camus‘ Bühnenadaption von Dostojewskis Roman Die Dämonen – in der Regie von Jette Steckel eröffnet. Die Lessingtage sind ein internationales Theaterfestival, das dem Aufklärungsgedanken seines Namensgebers Gotthold Ephraim Lessing folgend jährlich aktuelle Produktionen, Diskurse, Lesungen und vieles mehr zu gesellschaftlich relevanten Fragen präsentiert – der Blick auf ein spannendes Programm (25.1. bis 12.2.2023) lohnt sich. Auch die Ankündigung von Die Besessenen liest sich spannend:

„Freiheit braucht Mut. In dieser Erkenntnis trifft sich Albert Camus’ unbeirrbarer Geist mit Dostojewskijs großer Erzählung „Dämonen“. Sie ist Ausgangspunkt für „Die Besessenen“ – einer Geschichte über die Abgründe der menschlichen Psyche und über das Verbrennen an den eigenen Ideen. Um den faszinierenden Nikolai Stawrogin gruppieren sich Nihilisten, Fromme, Gleichgültige, liberale Idealisten und Revolutionäre – ein Clash der Generationen und Überzeugungen. Die Zerrissenheit des Menschen im Kampf mit der Geschichte, in der alles, was nicht mit echter Er­fahrung zu Ende gedacht ist, zur Ideologie verkommt. Albert Camus, Nobelpreisträger und einer der wichtigsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts, hat Dostojewskijs „Dämonen“ unter dem Brennglas der eigenen Existenzphilosophie verdichtet: Welche Haltung kann man der Welt entgegensetzen in Zeiten politischer und ökologischer Krisen – in der Freiheit und Vernunft von den Gegenkräften der Gewalt und des Absurden beherrscht werden? Hausregisseurin Jette Steckel ist eine erfahrene Camus-Interpretin. „Der Fremde“ lief über 10 Jahre sehr erfolgreich im Thalia in der Gaußstraße. Jetzt inszeniert sie Camus’ meisterhafte Dialoge zwischen politischer Debatte, großer Situationskomik und tiefer Tragik. „Die Besessenen“ ist Ausgangspunkt einer modernen Untersuchung des Zustands zwischen Ohnmacht und Tatendrang, Ratlosigkeit und Zersplitterung: ein Hochdruckkessel.“

Nach der Premiere bei den Lessingtagen sind Die Besessenen wieder am 29. Januar, 20. Februar und 5. März im Thalia Theater zu sehen. Info/Tickets hier.

* Im Corona-Jahr 2020 brachte das Staatstheater Wiesbaden (wie so viele) Die Pest in einer Bühnenversion heraus – hier als Solostück mit Matze Vogel in einer Fassung von Sebastian Sommer. Nächster Termin ist am 2. Februar. Zu den Tickets hier. (im Blog schon ausführlicher vorgestellt, einfach mal in die Suchfunktion eingeben).


* Wenn wir hier schon bei den Ankündigungen sind, darf natürlich ein Termin nicht fehlen, zu dem es hier hoffentlich aber in Kürze noch Ausführlicheres zu lesen geben wird: Nämlich Martin Bretschneiders Camus-Abend A Mission For Sisyphos in Hövelriege. Premiere ist am 28. Januar, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen am 29. Januar und 4. Februar.

Achtung, Trigger-Warnung vor Caligula!

Nach den Vorschauen nun noch ein kleiner Rückblick auf die Caligula-Premiere an den Berliner Kammerspielen (u.a. mit Darstellern des Theaters Ramba Zamba) am 17. Dezember 2022, wenn auch nicht aus eigener Anschauung. Was mir nach diesem fulminanten Verriss von Lilja Rupprechts Inszenierung nicht so arg leid tut, auch wenn man sich natürlich immer selbst ein Bild machen sollte. „Wir blicken in eine bühnenbreite Wanne mit verkohlten Schnipseln und ein paar Männern, die am Anfang dunkle Anzüge, dann rote Strümpfe zu schwarzen High Heels und am Schluss neckische Lackkleidchen und keine Hosen tragen. Ähnlich treibt’s Elias Arens als Caligula, nachdem er zuerst in einem Paillettenanzug glänzte. Man haut sich Camus’ Text um die Ohren oder sagt ihn brav auf. Dabei wird gern herumgestanden“, schreibt Irene Bazinger in der FAZ vom 22.12.22 – und meint in Bezug auf die „Trigger-Warnung“ auf der Theater-Webseite: „Unter uns: Das bisschen Blut und Würgen und dezentes Begatten ist im deutschsprachigen Theater 2022 keine besondere Überraschung. Viel eher wäre eine Warnung ganz anderer Art angebracht gewesen: „Diese Inszenierung enthält explizit keine Kunst und weiß nicht genau, warum sie überhaupt gezeigt wird, was Sie möglicherweise verstören kann, wofür wir uns schon einmal entschuldigen möchten, wir wissen es nämlich nicht besser.“ Die ganze Kritik ist hier nachzulesen.

Nun denn. Wer sich nicht abschrecken lässt: Weitere Vorstellungen sind am 25. Januar und 13. Februar 2023. Infos/Tickets hier.

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Ein ZeitZeichen zum Geburtstag von Simone de Beauvoir

115 ist nicht gerade ein runder Geburtstag, aber das braucht es ja auch nicht unbedingt, um an etwas oder jemanden zu erinnern. Dachte sich wohl auch der WDR und sendet am morgigen Montag, 9. Januar 2023, ein ZeitZeichen zum Geburtstag der am 9. Januar 1908 geborenen und 1986 in Paris gestorbenen Simone de Beauvoir. Der Autor Christoph Vormweg hatte bereits im vergangenen Oktober ein ZeitZeichen zu Albert Camus produziert. Sicherlich wird die Beauvoir darin als Autorin und Philosophin, als Ikone der Frauenbewegung und in ihrem Verhältnis zu Sartre im Mittelpunkt stehen, aber mal schauen, vielleicht kommt Camus ja doch am Rande vor. Das eher kühle Verhältnis zwischen Beauvoir und Camus einmal nachzuskizzieren, ist eines der vielen Themen, die noch auf der langen Blog-Liste stehen… Endgültig getrübt war es nach Erscheinen von Beauvoirs Roman Die Mandarins von Paris, der von vielen als „Schlüsselroman“ angesehen wurde und bis heute wird (was die Autorin selbst freilich bestritten hat). 1954 erhielt sie dafür den renommierten Literaturpreis „Prix Goncourt“. Camus ist in dem Roman in der Gestalt des Henri Perron erkennbar, Sartre in der des Robert Dubreuilh.

Am 12. Dezember 1954 notiert Camus während eines Rom-Aufenthaltes in sein Tagebuch:

„12. Dezember. Eine Zeitung fällt mir in die Hände. Die Pariser Komödie, die ich vergessen hatte. Die Posse des Goncourt. Diesmal für Die Mandarins von Paris. Anscheinend bin ich hier die Hauptperson. In Wahrheit der in seiner damaligen Tätigkeit genommene Autor (Leiter einer aus der Widerstandsbewegung hervorgegangenen Zeitung), und alles übrige ist falsch, die Gedanken, die Gefühle und die Handlungen. Mehr noch: Die zweifelhaften Handlungen aus dem Leben Sartres werden mir großzügig aufgehalst. Abgesehen davon Dreck. Aber nicht absichtlich, gewissermaßen wie man atmet. Fühle mich besser. Grauer Tag. Es regnet auf Rom, dessen gründlich gewaschene Kuppeln schwach schimmern. Mittagessen bei F.G. Abend allein, ohne Fieber.“ *

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine sehr ausführliche Kritik zur Veröffentlichung des Romans in deutscher Übersetzung im Spiegel 5.12.1955, die man zur Gänze im Netz nachlesen kann mit dem Titel „Fast ein Meisterwerk“.

Das ZeitZeichen wird gesendet am 9. Januar 2023 auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr), SR 2 KulturRadio: (9.05 Uhr) und NDR-Info: (20.15 Uhr). Als Podcast im Anschluss jederzeit nachzuhören unter: wdr.zeitzeichen-geburtstag-simone-de-beauvoir

Herzlichen Dank an Holger Vanicek von der Albert Camus Gesellschaft für den Hinweis auf die bevorstehende Ausstrahlung des dieses ZeitZeichens!

* Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 179
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Zehn Jahre 365-Tage-Camus: Bienvenue 2023!

Zehn Jahre lang bin ich auf dem Blog nicht gealtert… Jetzt ist es soweit! Fotos 2013 und 2023: Anke Dörschlen. ©privat

Herzlich willkommen 2023! Ich begrüße das neue Jahr, ich begrüße alle Blog-Leserinnen und Camus-Freunde (und umgekehrt) – und ganz besonders diejenigen, die hier schon von Anfang an mitlesen. „Von Anfang an“, das bedeutet nämlich heute auf den Tag genau zehn Jahre. Zehn Jahre! Als ich den Blog 2013 im Jahr des 100sten Geburtstags von Albert Camus begann, war der Plan, begrenzt auf ein Jahr jeden Tag etwas zu posten. 365 Tage Camus eben. Daraus wurde nichts – 365 Tage sind es 2013 nicht geworden. Dafür aber genau 551 Beiträge in zehn Jahren. Camus-Inspirationszitate, Ankündigungen und Kritiken von Theateraufführungen, Buchbesprechungen, Hinweise auf Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Neuerscheinungen, Reiseberichte auf den Spuren von Camus, Begegnungen, Tagebucheinträge, verstreute Gedanken…

Zehn Jahre „Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe“. Im Moment ist es leider vergriffen. ©Fotos: privat

Zehn Jahre 365-Tage-Camus wären ein guter Zeitpunkt gewesen, um einen Schlussstrich zu ziehen, nachdem ich in den vergangenen Monaten ohnehin immer weniger Zeit für den Blog aufbringen konnte. Tatsächlich stapeln sich die Bücher und Themen, von denen ich hier erzählen wollte – und es dann doch nicht geschafft habe. Aber genau das ist andererseits auch ein guter Grund, nicht aufzuhören: Themen gibt es noch reichlich. Ein noch besserer Grund ist die Tatsache, dass es ohne den Blog nie diese wunderbaren Begegnungen mit anderen Camus-Freunden gegeben hätte, die ich nicht missen möchte, und die Resonanz, die ich über Sie und Euch, liebe Leserinnen und Leser, erfahre. Und schließlich bringt der Blog mich selbst dazu, Camus nicht über allzu lange Strecken aus den Augen zu verlieren. Schließlich will jede Freundschaft gepflegt werden, wenn sie lebendig bleiben soll. Sie braucht Austausch, Neugier, das offene Gespräch. Das Gespräch, das ich seit Jugendtagen mit Albert Camus führe, will ich nicht missen. Er hat uns noch sehr viel zu sagen.

Ich freue mich sehr, wenn Sie und Ihr weiterhin mit dabei seid und über jede und jeden, der Camus hier neu für sich entdeckt! Allen ein wunderbares neues Jahr 2023, voll mit Liebe, Licht und Zuversicht! In diesem Sinne: Bonne année à tous et à bientôt!

Wer Lust hat, nochmal zum Anfang zurückzukehren: Zum allerersten Blogbeitrag am 1. Januar 2013 geht es hier: 1. Januar 2013: Auf den Spuren von Camus in Paris

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Caligula metzelt in Berlin und singt in Weimar

Premiere an den Kammerspielen des DT in Berlin wird mit
Trigger-Warnung angekündigt. Nationaltheater Weimar nimmt die Oper von Detlev Glanert wieder auf.

Albert Camus‘ „Caligula“ an den DT-Kammerspielen in Berlin. In der Titelrolle: Elias Arens. ©Foto: Arno Declair

Eine Caligula-Premiere ist für den heutigen 17. Dezember zu verzeichnen. Natürlich längst ausverkauft, weshalb es vielleicht verzeihlich ist, dass sie im Blog erst jetzt auftaucht. Menschen in und um Berlin haben aber immerhin die Chance, an der Abendkasse nach Restkarten zu fragen bei den Kammerspielen am Deutschen Theater Berlin, wo das zentrale Theaterstück von Albert Camus aus seinem Werkstadium des Absurden in der Regie von Lilja Rupprecht heute Premiere feiert. Das Besondere hier: Es handelt sich um die vierte Produktion am Deutschen Theater, in der Ensemblemitglieder des DT und Ensemblemitglieder des inklusiven RambaZamba Theaters gemeinsam auf der Bühne stehen. Vermutlich darf man sich darauf gefasst machen, dass die Inszenierung die Textvorlage auf ziemlich drastische Weise umsetzt, denn die Ankündigung auf der Theaterwebseite enthält eine ausdrückliche Trigger-Warnung: Diese Inszenierung enthält explizite Darstellung körperlicher und sexualisierter Gewalt, was belastend oder retraumatisierend wirken kann.“

Unter dem Button digitales Bonusmaterial gibt es einen lesenswerten Beitrag von Ensemblemitglied Manuel Harder über die bisherige Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von RambaZamba.

Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele: Premiere am 17. Dezember 2022. Weitere Vorstellungen. 22. und 29. Dezember 2022 sowie 9., 15. und 25. Januar 2023. Infos und Tickets hier.

„Caligula“ in der Oper von Detlev Glanert frei nach Albert Camus am Deutschen Nationaltheater Weimar. Szenenfoto mit Oleksandr Pushniak (Caligula) und dem Opernchor des DNT Weimar. Foto: Candy Welz

Während sich in jüngster Vergangenheit viele Theaterbühnen des Caligula-Dramas von Albert Camus angenommen haben, ist der Stoff in musikalischer Fassung eher selten zu erleben. Die Gelegenheit dazu gibt es noch drei Mal am Nationaltheater Weimar: Am 27. Dezember steht dort die Wiederaufnahme der Caligula-Oper von Detlev Glanert an (Libretto: Hans-Ulrich Treichel). „Detlev Glanert schrieb seine 2006 uraufgeführte Oper auf Grundlage des gleichnamigen Dramas Albert Camus. Glanert blickt dabei mithilfe der Musik direkt in das in Unwucht geratene Seelenleben Caligulas. Hierbei funktioniert das Orchester selbst als „musikgewordener Körper“ durch den wir in Caligulas Innenwelt blicken und auch die anderen Protagonist*innen durch seine Augen und Ohren wahrnehmen. Dirk Schmeding hat als Regieassistent am DNT seine Theaterlaufbahn begonnen und kehrt nun als international gefragter Regisseur nach Weimar zurück,“ heißt es auf der Theaterwebseite. Es spielt die Staatskapelle Weimar. Einen Beitrag zu Detlev Glanerts Arbeit am DNT sowie 15 Fragen an Regisseur Dirk Schmeding gibt es im Hauseigenen Theater- und Konzertmagazin »SCHAUPLATZ«, das man auf der Webseite als herunterladen kann (hier als PDF). Einen kleinen Einblick bietet ein Videotrailer.

Nationaltheater Weimar, Großes Haus: Wiederaufnahme am 27. Dezember 2022. Weitere Termine: 6. Januar 2023 und 26. Januar (letzte Vorstellung). Infos und Tickets hier.

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Martin Bretschneiders Abschied von Werther – dringende Empfehlung: nicht verpassen!

Eine Tour de Force der Gefühle: Martin Bretschneiders „Werther“ geht unter die Haut. Am 25. November zum letzten Mal. ©Fotos: Oliver Paolo Thomas

Die Platzzahl im kleinen Theater in der Rottstraße 5 in Bochum ist überschaubar, man sollte sich dringend ein Ticket sichern. Denn am 25. November 2022 besteht die letzte Möglichkeit, Martin Bretschneiders fulminanten Soloabend „Werther“ (nach Johann Wolfgang Goethe) zu sehen: Nach zehn Jahren nimmt der Schauspieler Abschied von der Rolle. Warum es ein schwerer Fehler wäre, diesen Theaterabend zu verpassen, habe ich hier im Blog bereits beschrieben. Ebenso, was das Ganze mit Camus zu tun hat (viel). 365tage-camus wollte wissen, warum Martin Bretschneider die Rolle, die er über einen so langen Zeitraum mit so viel Leidenschaft ausgefüllt hat, aufgibt.

Martin, nachdem du den „Werther“ als Solostück zehn Jahre lang mit großem Erfolg immer wieder gespielt hast, steht jetzt am 25. November im Theater an der Rottstraße in Bochum die letzte Vorstellung an. Warum hörst du auf? 

Martin Bretschneider: Werther ist in einer Zeit entstanden, als mir seine Geschichte sehr nahe war. Die Inszenierung hat mir geholfen, über eine unglückliche Liebesgeschichte hinwegzukommen. Dann hat er mich zehn Jahre lang begleitet. Es war bei den Vorstellungen, als würde ich einen jüngeren Bruder, ein jüngeres Alter Ego treffen. Inzwischen bin ich sowohl künstlerisch als auch privat an einem ganz anderen Punkt und denke, es ist Zeit, Abschied zu nehmen.

Oder wird man gar irgendwann zu alt für den so radikal liebenden jugendlichen Werther? Was ist deine persönliche Meinung: Ist eine solch extreme Hingabe an die eigenen Gefühle ein Vorrecht der Jugend? Wie es bei Camus im Sisyphos heißt: „Eine einzige Liebe, und alles ist verschlungen

M.B.: Das glaube ich nicht. Für radikale Liebe ist man nie zu alt, und sie ist schon gar kein Vorrecht der Jugend. Aber man ist allerdings hoffentlich irgendwann zu erwachsen dafür, sich selbst in den eigenen Gefühlen – besonders im eigenen Schmerz – immer wieder zu bespiegeln, sich geradezu darin zu suhlen, wie Werther es tut. Das hat etwas Egoistisches, was meinem heutigen Bild von Liebe nicht mehr entspricht. 

Du hast den Werther jetzt zehn Jahre lang gespielt – hat sich dein Verständnis der Rolle oder dein Verhältnis zur Figur Werther über die Zeit verändert?

M.B.: Nicht mein Verhältnis zu Werther, aber mein Bild von der Liebe hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert, durchaus mehrfach. Zur Zeit der Premiere hatte ich mir geschworen, mich nie wieder so hemmungslos in eine Liebe, eine Beziehung hineinfallen zu lassen. Die ersten Vorstellungen waren damals immer ein Spiel mit dem kaum überwundenen Schmerz. Es war heilsam, mich in dieser Absolutheit und in dieser Sucht, sich den Mitmenschen mitzuteilen, selbst auf die Schippe zu nehmen. Ich würde mich jedoch niemals über ihn lustig machen. Im Gegenteil, ich liebe diesen Werther bis heute. 

Hier im Blog ist schon einiges über die Verbindung Camus-Werther und über die Verbindung Camus-Bretschneider zu lesen… Du arbeitest gerade an einem eigenen Abend zu Camus. Verrätst du schon etwas darüber?

M.B.: Der syrische Pianist Aeham Ahmad und ich bereiten gerade einen Theaterabend unter dem Titel „A Mission For Sisyphos“ vor. Aeham Ahmad hat eine dramatische Flucht aus Damaskus nach Deutschland erlebt. Unsere Performance wird die Absurdität des Umgangs der EU und Deutschlands mit Geflüchteten beleuchten. Die Verzweiflung, das Grauen, das Sterben, aber auch der Kampf und der Mut zum Weitermachen werden im Zentrum stehen. Es geht um die Revolte gegen eine Welt, die so wie sie gemacht ist, nicht zu ertragen ist. (*)

Ganz herzlichen Dank für die so persönliche Beantwortung der Fragen! Ich wünsche Dir schon jetzt viel Erfolg für A Mission For Sisyphos – und toi toi toi für die Werther-Abschiedsvorstellung!

Termin:
Werther. Nach Johann Wolfgang Goethe in einer Fassung von Hans Dreher und Martin Bretschneider. Freitag, 25. November 2022, 19.30 Uhr, ROTTSTR5 THEATER, Bochum. Tickets hier.

(*) „Die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist nicht zu ertragen.“ Albert Camus, Caligula, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 21.

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