Camus am Karfreitag

Mit Camus im Allgäu: Pestfriedhof in Weissensee in der Nähe von Hopferau. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

„Auch der absurde Mensch hat seine Nächte von Gethsemane.“

 

Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos.  Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S.100.
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Auf dem Weg zur Heilung – Das Zufallszitat zum Sonntag (5)

„Was die Gesellschaft angeht, zugeben, dass ich nichts von ihr erwarte. Dann wird jede Beteiligung zu einem Geschenk, das keinen Lohn erhofft. Lob oder Tadel werden dann zu dem, was sie sind: nichts. Schließlich Abkehr von der Herde. 
Die abgenutzte Moral der abstrakten Gerechtigkeit abschaffen.
An der Wirklichkeit der Menschen und der Dinge festhalten. Sooft wie möglich zum persönlichen Glück zurückkehren. Sich nicht weigern, das Wahre anzuerkennen, auch wenn das Wahre sich zufällig dem Wünschenswerten widersetzt. Bspl: Zugeben, dass auch die Kraft, vor allem die Kraft überzeugt. Die Wahrheit lohnt jede Qual. Sie allein ist die Grundlage der Freude, die dieses Bemühen krönen soll.
Die Energie wiederfinden – in der Mitte.
Die Notwendigkeit von Feinden zugeben. Lieben, dass es sie gibt.

Soviel Kraft wie möglich wiederfinden, nicht um zu beherrschen, sondern um zu geben.“¹

Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Eintrag vom April 1958. Camus steckte mitten in einer schweren Krise. Schaffenskrise, Energiekrise, Depressionen, Angstgefühle. Im Tagebuch, das im Gegensatz zu den früheren Arbeitscarnets mit der Zeit persönlicher geworden ist, notiert er „Etappen einer Heilung“ – Verhaltensmaßregeln für sich selbst. Das Zitat ist ein Auszug aus diesem längeren Eintrag. Ich nehme heute daraus noch ein weiteres Detail mit: „Den Willen schlafen lassen. Kein «ich muss» mehr.“²

In diesem Sinne: Allen Blogleserinnen und Camus-Freunden einen schönen Sonntag!

¹Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S.280f. ² a.a.O., S. 279.

 

„Zufallszitat zum Sonntag“ – Die Spielregel: blind ins Regal greifen, Buch aufschlagen, mit dem Finger über der Seite kreisen, landen, fertig.

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Radio-Tipp: „Die Pest“ an drei Abenden als Hörspiel auf WDR 3

Schnell noch eine kurze Hör-Empfehlung: Wer die nächsten drei Abende noch nichts vor hat, der könnte es sich zum Beispiel vor dem Radio bequem machen, denn WDR 3 sendet am 4., 5. und 6. April in drei Teilen das Hörspiel Die Pest nach dem Roman von Camus. Glücklicher Weise steht das Ganze aber danach auch noch drei Monate zum Download bereit. Das Anhören lohnt sich nämlich ganz bestimmt! Laut WDR-Seite handelt es sich um eine Produktion aus dem Jahr 2009, vergleicht man Regie und Besetzung handelt es sich aber offensichtlich um die selbe Produktion, die 2011 als CD im Audio-Verlag herausgekommen ist und die ich hier im Blog bereits ausführlich gewürdigt habe. Das Besondere ist, dass es sich nicht um ein gelesenes Hör-Buch handelt sondern wirklich um ein Hör-Spiel, mit verteilten Rollen von großartigen Schauspielern wie Götz Schubert, Jürgen Tarrach und anderen gesprochen und mit Geräuschen und Klängen versehen, die mühelos Bilder im Kopf entstehen lassen (Regie: Frank-Erich Hübner). Mehr dazu hier im Blog: Am Morgen des 16. April: „Die Pest“ als Hörspiel.

Infos und Hörproben zum Hörbuch: www.der-audio-verlag.de

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Die Frage zum Tage: Wofür lohnt es sich zu revoltieren?

„1968 revoltierte eine Generation gegen den Muff einer vorherrschenden konservativen und immer noch von Nazi-Strukturen durchzogenen Gesellschaft. 1989 revoltierten Bürger der DDR gegen die Gängelung durch den Staat und für ihr Recht auf Freiheit und echte Demokratie. Heute glauben einige Menschen, es gäbe Anlass, gegen Gemeinsinn, Offenheit und humanitäres Handeln zu revoltieren“, schreibt Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen. „Doch wofür lohnt es sich für uns heute wirklich zu revoltieren?“ – Die Frage soll im Mittelpunkt des nächsten offenen Gesprächsabends am morgigen Dienstag, 4. April 2017, stehen: 20 Uhr im Logoi, Jakobstr. 25a, in Aachen.

Was für eine spannende Frage, eröffnet sich doch gleich zwei große Diskussionsfelder! Zunächst einmal finde ich, dass sie sehr wohl überlegt gestellt ist, indem sie nämlich nach dem fragt, wofür es sich zu revoltieren lohnt – und nicht wogegen. Obwohl letzteres in der Regel der frühere, ursprünglichere Impuls ist. Der Revolte als Akt, als Handlung geht die innere Revolte voraus, die sich in der Empörung gegen einen als unzumutbar empfundenen Sachverhalt ausdrückt. So offenbart der Impuls der Empörung, dass es etwas zu verteidigen gibt – mithin, dass es etwas gibt, wofür es zu revoltieren lohnt. – Das eröffnet freilich ein weites Feld, denn woran sich der Funke der Empörung entzündet, ist zweifellos abhängig von einem zugrundeliegenden Wertesystem. Setzt die Revolte also immer schon bestimmte Werte voraus (die zu verteidigen sie sich anschickt), oder bringt sie durch ihr Handeln selbst einen Wert hervor? Und was wäre das für uns heute in dem einen oder dem anderen Fall?

Die zweite Fragerichtung setzt die Betonung anders: „Wofür lohnt es sich zu revoltieren?“ Ist lohnen gleichbedeutend mit Aussicht auf Erfolg haben? Und muss es sich in diesem Sinne überhaupt lohnen, zu revoltieren? Oder gibt es ein anderes Verständnis von lohnen, mit dem wir sicher näher bei Camus wären?

Schade, dass ich morgen in Aachen nicht dabei sein kann… Aber es lohnt sich ganz sicher, auch allein über die Frage „Wofür lohnt es sich zu revoltieren?“ nachzudenken oder bei nächster Gelegenheit selber ein Gespräch mit anderen darüber anzuzetteln. Welche Antworten haben Sie und Ihre Freunde gefunden? Das interessiert  mich sehr. Wenn Sie mögen, dann berichten Sie doch hier in einem Kommentar darüber. Ich würde mich freuen! In diesem Sinne: à bientôt!

 

 

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Nachtrag zum April-Programm: Caligula am Schauspiel Frankfurt

Szene aus „Caligula“ am Schauspiel Frankfurt (v.l.): Alex Friedland (Scipio), Bjöšrn Meyer (Caligula), Justus Pfankuch (Cherea). ©Foto: Birgit Hupfeld

Als rekordverdächtig hatte ich es im letzten Beitrag eingestuft, dass im April zwölf deutschsprachige Bühnen Camus auf dem Spielplan haben – dabei sind es sogar dreizehn. Am Schauspiel Frankfurt hatte nämlich bereits am 25. März Caligula in der Regie von Dennis Krauß Premiere. „Camus’ finstere Erkenntnistragödie spielt mit der Absage an Ideologien und Utopien und thematisiert das gesamte Übel in der Welt – und dennoch kristallisieren sich deutlich die Werte heraus, die essentiell für Camus’ philosophisches und politisches Denken stehen: Ehrlichkeit, Klarsicht und Solidarität“, heißt es auf der Theater-Webseite treffend. Ist es gelungen, diese Einsicht auf der Bühne in packende Handlung umzusetzen? Die Kritiker scheinen nicht dieser Meinung zu sein: „Es ist jene Sorte hermetischer Inszenierung, bei welcher der Mitschnitt als Hörspiel taugen würde“, schreibt Stefan Michalzik unter dem Titel Und sie sind nicht glücklich in der Frankfurter Rundschau. Caligula (Björn Meyer) wirke „bemerkenswert entkörperlicht“, und die übrigen Figuren kämen „sprechenden Statuen“ gleich. Auch Astrid Biesemeier spricht in der Frankfurter Neuen Presse von einem „bewegungskarg inszenierten Sprachdenkstück„. Immerhin: „Langer, intensiver Applaus für diesen kurzweiligen Erzählabend“, resümiert Kulturfreak laut gesammelter Pressestimmen auf der Theater-Webseite.

Das Interesse des Publikums in Frankfurt ist jedenfalls offenbar groß, denn für die nächsten Vorstellungen am 30. März sowie am 23. und am 30. April gibt es nur noch Restkarten an der Theaterkasse.

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Rekordverdächtig: Camus auf zwölf deutschsprachigen Bühnen im April

„Die Gerechten“ am Staatstheater Hannover. Von links: Lisa Natalie Arnold, Beatrice Frey, Wolf List und Jonas Steglich. ©Foto: Karl-Bernd Karwasz

Camus-Neuigkeiten auf den Bühnen im April? Nun, da wäre zunächst die schon einmal kurz angekündigte Wiederaufnahme von Die Pest des fringe ensemble in Bonn. Vier Mal ist das Ein-Personen-Stück, bei der Andreas Meidinger in sämtliche Rollen schlüpft, Anfang April im Bonner theater im ballsaal zu sehen. Ein Besuch lohnt sich, wie ich im Januar 2016 beim Festival Vive Camus! feststellen konnte. Nachzulesen hier im Blog: Oran liegt in Bonn-Endenich. Vorstellungen sind am 4., 6., 7. und 8. April, 20 Uhr. Karten kosten 14 Euro (ermäßigt 9 Euro) und sind zu bestellen unter Telefon 0229/ 797901.

In Dresden bringt das Societätstheater eine Bühnenadaption von Der Fremde in einer Neuinszenierung von Arne Retzlaff heraus (und greift dafür auf die Fassung des Baseler Theaters von 2008) zurück. In dieser Saison gibt es nurmehr zwei Vorstellungen: Premiere am Samstag, 22. April, danach noch einmal am 23. April, 20 Uhr. Karteninfo hier.

Und weil mir trotz regelmäßigen Fischens im Netz immer noch was durchschlüpft, hier noch zwei Nachträge zum März: Als Schweizer Erstaufführung hat das Theater am Neumarkt in Zürich eine Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung herausgebracht (Regie und Ausstattung: Ruud Gielens). Premiere war am 8. März, die nächsten Vorstellungen sind am 11. und 17. April.

Und im bayrischen Rosenheim spielt das  TAM OST Das Missverständnis (Regie: Stefan Vincent Schmidt). Beim TAM OST handelt es sich um ein offenbar sehr engagiertes Amateurtheater, welches vom gemeinnützigen Verein „TAM-OST Theater am Markt e.V.“ betrieben und bespielt wird. Voll des Lobes ist die Kritik in OVB online. Unter dem Titel Gott ist unendlich fern heißt es dort: „Aus der Absurdität des Zufalls entsteht in diesem Stück eine höhnische Groteske, die Vincent Schmidt großartig inszeniert hat. Er hat ein Glanzstück im Repertoire des TAM-Ost geschaffen, das Zeichen setzt.“ Die nächsten Vorstellungen: 1., 2., 7., 8., 9. April.

 

Weiterhin im Spielplan:

Das Missverständnis in der Inszenierung mit SchauspielerInnen & Puppen von Nikolaus Habjan am  Volkstheater Wien: 2. April.

Die Gerechten am Staatsschauspiel Hannover (Regie Alexander Eisenach): 11. und 21. April.

Die Gerechten beim Oldenburgisches Staatstheater (Regie: Peter Hailer): 4., 9., 25. April.

Die Gerechten am Theaterhaus Jena (Inszenierung: Pauline Beaulieu): 3. und 4. April

Die Gerechten beim Euro-Theater Central, Bonn (Regie: Jan Steinbach) am 28. April (mehr Infos). Im Blog

Ebenfalls beim Euro Theater Central, Bonn Der Fremde (Regie: Jan Steinbach) am 1. und 18. April (mehr Infos).

Der Fremde an der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Philipp Preuss) am 13. und 14. April.

Die Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung bei den Münchner Kammerspielen (Regie: Amir Reza Koohestani) am  13. und 17. April.

Und zum letzten Mal der Caligula am Theater Basel (Inszenierung: Antonio Latella): Dernière am 18. April (Trailer auf der Theaterseite).

Ich fasse mal kurz zusammen: Im April 2017 spielen zwölf deutschsprachige Bühnen Stücke von Camus bzw. Adaptionen seiner Romane (den von Kamel Daoud dazugerechnet). Ich hab‘ jetzt nicht nachgezählt, aber es scheint mir, als sei das noch um einiges mehr als gar im Camus-Geburtstagsjahr 2013 in einem einzigen Monat. Fragen nach der Aktualität von Camus dürften sich damit erübrigen…

Leider noch nicht wirklich wiederentdeckt wurde hierzulande das Stück Der Belagerungszustand, das gerade im Pariser Théâtre de la Ville zu sehen war. 2011 stand es bei den Kammerspielen München auf dem Spielplan, seither ist es mir  nicht wieder begegnet. Also, liebe Theaterleute, falls Ihr hier mitlest: Da geht noch was!

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Brigitte Sändig spricht über die Camus-Rezeption „im Osten“


Eine der besten deutschen Camus-Kennerinnen kommt auf Einladung der Albert Camus-Gesellschaft am 26. März nach Aachen: Brigitte Sändig, emeritierte Professorin von der Universität Potsdam. Bereits 1983 veröffentlichte sie bei Reclam-Leipzig die fundierte Einführung in Leben und Werk von Albert Camus, und ihr Beitrag zu Albert Camus in der Reihe der Rororo-Monographien (seit 1995 mehrfach wieder aufgelegt) gehört zum Standardprogramm – um nur zwei ihrer zahlreichen Veröffentlichungen zu Camus zu nennen. Mehrfach hat Brigitte Sändig sich mit der Rezeption des Werkes von Camus „im Osten“ beschäftigt – so auch der Titel des 2002 von ihr herausgegebenen Sammelbandes und des für Aachen angekündigten Vortrags.

In der Ankündigung sagt Brigitte Sändig dazu:

Camus war in den sogenannten »sozialistischen Ländern« nicht nur von intellektuellem und literarischen Interesse, sein Werk konnte Handlungsvorgänge und Lebensabläufe bestimmen. Dies ist mir aus eigener Erfahrung bekannt und führte mich, als dies möglich wurde, zur Zusammenstellung und Herausgabe des Bandes »Camus im Osten«, einer Sammlung von Beiträgen von Autoren aus allen ehemals sozialistischen Ländern. In der DDR galt Camus in offizieller Lesart als Antikommunist, damit als Feind, der zu negieren und zu diffamieren war. Dennoch ermöglichte die Initiative engagierter Intellektueller das allmähliche Erscheinen seines literarischen Werkes; die Tagebücher und Essays hingegen, allen voran »L’Homme révolté«, konnten auf Grund ihrer politisch brisanten Aussagen nie veröffentlicht werden. Doch die gemeinsame Sprache eines geteilten Landes machte die Kenntnis auch dieser Schriften möglich; so bezogen sich nonkonforme Schriftsteller der DDR auf Camus und wurden zentrale Begriffe seines politischen Denkens wie Solidarität und Wahrheit für oppositionelle Gruppen bedeutsam.“

Termin: Sonntag, 26.  März 2017, 12 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen. Der Eintritt ist frei.

Webseite von Brigitte Sändig mit ausgewählten Publikationen: www.brigitte-saendig.de

 

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