Impressionen von den XXXV. Rencontres Méditerranéennes (1)

5. Oktober 2018. Wie jeden Freitag buntes Markttreiben in Lourmarin. Die immer noch reichlich vorhandenen Touristen schieben sich an den Ständen mit Oliven, Kräutern, Keramik, Lavendelhonig und Tischdecken entlang. Ich gebe zu: Auch mich lockt es, aber ich verschiebe den kleinen Bummel auf die Pause der conférences, lasse die Salami links liegen und begebe mich in den von den Touristen unbeachteten Espace Albert Camus, wo die XXXV. Rencontres Méditerranéennes Albert Camus stattfinden. Thema dieses Jahr: „De l’ombre vers le soleil: Albert Camus face à la violence“. Im Veranstaltungssaal fällt als erstes der reich gedeckte Büchertisch ins Auge. Überraschend und erfreulich, wie viel Neues über Camus in den letzten Jahren in Frankreich veröffentlicht wurde – und nicht nur über sondern auch von Camus, namentlich die vielen correspondances, zuletzt die Aufsehen erregende Veröffentlichung des Briefwechsels Albert Camus – Maria Casarès. In Anbetracht der französisch sprachigen Bücherstapel, die sich zuhause noch kaum gelesen zu einer einzigen Mahnung an Selbstüberschätzung aufeinandertürmen, verzichte ich dieses Mal aber weitgehend auf größere Einkäufe und beschränke mich auf eine schmale Taschenbuchausgabe der Briefe Albert Camus – René Char.

Besonders freut mich allerdings eine Publikation: Drei Jahre nach den Rencontres zum Thema Le Cycle inachevé – le cycle de l‘amour im Jahr 2015 ist jetzt endlich auch der zugehörige Tagungsband erschienen! Darin auch mein Beitrag L‘amour: du début secret et de l‘objectif du cheminement de la pensée d‘Albert Camus – meine erste Veröffentlichung in Frankreich! Der Tagungsband mit weiteren Beiträgen von Zedjiga Abdelkarim, Guy Basset, Christian Chevandier, Eliane Itti, Virginie Lupo, Samantha Novello, Agnes Spiquel und Barbara Zauli sowie einem Vorwort von Jean-Louis Meunier ist erschienen bei Éditions des Offray und kostet 15 Euro (ISBN 978-2-490638-00-0).

 

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Ankommen in Lourmarin – Vorfreude auf die „Rencontres“

Immer wieder schön… Der Anblick von Lourmarin bei der Ankunft im Nachmittagslicht. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Lourmarin, 4. Oktober 2018. Ach, wie liebe ich diesen Anblick! Es ist ein wunderbarer Spätsommernachmittag, von kühlem Herbst noch keine Spur, und Lourmarin liegt wieder einmal da in schönstem goldenen Licht. Ist es wirklich schon drei Jahre her, dass ich selbst mit meinem Vortrag über Camus und die Liebe bei den jährlichen Rencontres Méditerranéenes Albert Camus eingeladen war? Jetzt freue ich mich, als Zuhörerin dabei zu sein, freue mich auf Vorträge zu einem spannenden Thema, auf neue Begegnungen und vor allem auf das Wiedersehen mit den „Camusianern“ vor Ort! De l’ombre vers le soleil: Albert Camus face à la violence“ – „Vom Schatten zur Sonne: Albert Camus im Angesicht der Gewalt“ lautet das Thema dieser beiden Tage.

 

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Heinz Robert Schlette übergibt seine Bibliothek: Aachen hat jetzt ein Albert-Camus-Archiv

Günter Sydow, Ruth und Heinz Robert Schlette (mit der Urkunde zur Ehrenmitgliedschaft), Angelika Yvens, Sebastian Ybbs, Ronja Forbrig, Jürgen Kippenhan (Präsidium der Albert Camus-Gesellschaft).
©Foto: Matthias Lüffe

Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, Doyen der deutschen Camus-Forschung, hat seine umfangreiche Fachbibliothek der Albert Camus-Gesellschaft in Aachen übergeben. Am 15. September 2018 wurde das Camus-Archiv in den Räumen des Institut Français eingeweiht.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Ybbs

Nach 42 Jahren ist eine Idee zur Wirklichkeit geworden. 1976 wandte sich der heute 87-jährige Heinz Robert Schlette mit der Frage, was er von der Idee zur Gründung eines Albert Camus Archivs hielte, an den aus Aachen stammenden Philosophieprofessor Hermann Krings. Am vergangenen Samstag ist der Wunsch in Erfüllung gegangen –ausgerechnet in Aachen.

Während 60 Jahren hat der Theologe und Professor der Philosophie Heinz Robert Schlette, der zuletzt an der Universität zu Bonn lehrte, eine Bibliothek angelegt, die nahezu alles beinhaltet, was von und zu Albert Camus veröffentlicht wurde. Nun hat er diesen Bestand von über 300 Büchern der vor vier Jahren in Aachen gegründeten Albert Camus Gesellschaft überlassen, die das Archiv in den Räumen des Institut Français, in Anwesenheit von Prof. Schlette und seiner Frau Ruth Schlette feierlich eröffnet hat.

Voller Enthusiasmus hat der betagte Heinz Robert Schlette die 69 Stufen zum Albert Camus Archiv erklommen. 
Foto: Matthias Lüffe

Angelika Ivens, Leiterin des Deutsch-Französischen Kulturinstitutes, betonte, wie sehr es ihr eine Herzensangelegenheit war, diese Bibliothek in ihren Räumen unterzubringen. Schon oft habe sich ihr Institut mit Albert Camus beschäftigt, in Kursen, Vorträgen und sogar Studienreisen auf den Spuren des Schriftstellers, Philosophen und engagierten Journalisten.

Es war nur eine beiläufige Frage von Prof. Schlette, als er vor drei Jahren zu einem Vortrag über Camus nach Aachen angereist war, ob wir schon einmal über die Gründung eines Albert Camus Archivs nachgedacht hätten“, berichtete Sebastian Ybbs, Präsident der Albert Camus Gesellschaft, „doch der Gedanke ließ uns nicht mehr los und so begannen wir, ein Konzept zu entwickeln und einen Kooperationspartner zu suchen.“ Es sei der Gesellschaft ein Anliegen, diese besondere Bibliothek zusammen und aktuell zu halten, denn immer noch gibt es Neuveröffentlichungen zu dem weltweit meist übersetzten Autoren, dessen Ideen an Aktualität nicht verlieren.

Tragende Persönlichkeit des Archivs ist Günter Sydow, Buchhändler und Gründungsmitglied der Albert Camus Gesellschaft, der die Bibliothek nicht nur mit zahlreichen Exemplaren und Besonderheiten aus seinem eigenen Beständen ergänzt, sondern das Archiv in mühsamer Kleinarbeit eingerichtet und katalogisiert hat. Insgesamt zählt der Bestand damit rund 600 Bücher, dazu Zeitungsartikel, zahlreiche Abhandlungen und Rezensionen.

Die Einzigartigkeit der Sammlung bezieht sich jedoch nicht nur auf den Umfang an Schriften – die Bibliothek beherbergt auch einige Raritäten wie Erstausgaben, Original-Artikel aus 1960 zum Tod von Albert Camus oder eine Sonderausgabe der Pest, die anlässlich der Literaturnobelpreis-Verleihung 1957 an Camus herausgegeben wurde.

Mit Dank wandte sich Sebastian Ybbs auch an die Sponsoren und Unterstützer, die Buchhandlungen „Das Buch“ aus Eilendorf und die „Mayersche“ und ganz besonders an das philosophische Institut LOGOI.

Zum Ende der Feierlichkeiten gab es noch einen kleinen Höhepunkt. Sebastian Ybbs betonte, welche Ehre es gewesen sei, als Professor Schlette, der immerhin weltweit als einer der bedeutendsten Camus-Forscher gilt, in die Albert Camus Gesellschaft eingetreten ist. Deshalb haben deren Mitglieder beschlossen, ihm zur Feier der Archiv-Eröffnung die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen.

Info:
Das Archiv befindet sich in einem Dachstübchen des Institut Français Aachen, Theaterstraße 57. Die Bücher sind katalogisiert, der Bestand ist auf der Webseite Albert-Camus-Gesellschaft.org einzusehen. Noch nicht katalogisiert sind die Aufsätze, Zeitschriften etc., dies soll aber innerhalb der nächsten Wochen geschehen. Das Archiv kann nach Absprache besucht werden. Kontakt ebenfalls über die Webseite.

Günter Sydow (Bild links), verantwortlicher Archivleiter, ist in seinem Element, wenn er den Besuchern die Bibliothek vorführt. Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette (Mitte), Blick in das Dachzimmer des Institut Français mit dem Camus-Archiv.©Fotos: Matthias Lüffe

 

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Vorhang auf (2)! Caligula in Berlin, Duisburg, Düsseldorf, Salzburg und Münster

Caligula (André Kaczmarczyk) zelebriert in Düsseldorf lehmbeschmiert den Wahnsinn. ©Foto: Sandra Then

Vier Häuser hatten  in der vergangenen Saison Camus‘ Caligula auf dem Spielplan, zwei davon nehmen ihn mit in die Saison 2018/19: Am Schauspielhaus Düsseldorf  ist es die quietschbunte Inszenierung von Sebastian Baumgarten mit dem jungen Schauspielstar André Kaczmarczyk (bei einer Kritiker-Umfrage der „Welt am Sonntag“ gerade zum zweiten Mal zum „beliebtesten Schauspieler in NRW gewählt) in der Titelrolle. Das Stück lief bislang mit gutem Erfolg, die Inszenierung scheint durchaus Zuspruch zu finden – mich hat sie nicht wirklich überzeugt. Warum, kann man im Blog unter dem Titel Viel Wahn und wenig Sinn nachlesen

Caligula (Constanze Becker) mit Kettensäge in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Berliner Ensemble. ©Foto: Julian Roeder

Zu meinen größten Versäumnissen der vergangenen Monate zählt, Asche auf mein Haupt, die Tatsache, den großartigen Caligula am Berliner Ensemble zwar gesehen, aber dann aus Zeitmangel nicht hier besprochen zu haben. Regisseur Antú Romero Nunes nimmt sich mindestens ebenso viele Freiheiten heraus wie Sebastian Baumgarten in Düsseldorf – allein schon die Besetzung der Titelrolle mit der großartigen Constanze Becker –, steckt Scipio und Helicon zu Beginn in Clownskostüme, ist laut und bildgewaltig und dringt dabei jenseits von Effekthascherei in die Tiefen vor, die das Stück auf vielen Ebenen mitbringt. Am BE sind die Folgetermine noch in Planung, ein Gastspiel steht aber schon fest, nämlich

Ben Becker gibt in Salzburg den Caligula. <br />
©Foto: Christina Baumann-Canaval

Aber auch einen „neuen“ Caligula hat die kommende Theatersaison zu bieten, und das dürfte spannend werden: Denn am Landestheater Salzburg verkörpert mit Ben Becker einer jener Schauspieler Camus‘ nüchtern-wahnsinnigen Kaiser, „die in der Kunst den Mut haben, alle Grenzen zu überschreiten“, wie es auf der Theaterseite zu Recht heißt. Und dass die Inszenierung in den Händen des Dramatikers John von Düffel (gemeinsam mit Marike Moiteaux und Ausstatterin Eva Musil) liegt, lässt immerhin auch einigen Tiefgang erwarten. Die Ankündigung trifft jedenfalls schonmal einen Nerv des Stücks:

Caligula ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weiter treibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe. Ich lebe.“ – Eine indirekte Aufforderung, dass die Verpflichtung zum Widerstand nie erlischt.“

  • Salzburger Landestheater, Premiere: 2. September 2018. Weitere Vorstellungen: 21./23. September, 7., 9., 10. 25., 27. Oktober, 7., 8., 13., 20., 28., 30. November, 2. Dezember. Infos und Tickets hier.

„Ein Punk auf der Bühne“: Joachim Foerster als Caligula (vorne), Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber (v.l.). Foto: © Oliver Berg

Ben Becker in Salzburg ist aber nicht der einzige „neue“ Caligula der Saison, denn auch das Theater Münster widmet sich einer (Neu-)Interpretation des vordergründig so irren, grenzenlos grausamen und machthungrigen römischen Kaisers, der bei Camus ja tatsächlich sehr viel vielschichtiger angelegt ist. Als „Ein Schocker mit Tiefgang“ wird die Inszenierung von Alexander Nerlich in der Münsterschen Zeitung angekündigt. „Wir haben einen Stoff gesucht, der radikal und grundsätzlich auf eine allgemeine Verunsicherung eingeht, die wir heute empfinden“, wird der Regisseur dort zitiert. Nerlich sieht Caligula demnach als „ein Punk auf der Bühne, aber durchtränkt von feurigen Ideen, die auf ernsthafte religiöse Gedanken zurückgreifen.“ In der Ankündigung des Theaters heißt es sehr treffend: „CALIGULA ist eine Parabel über Macht und Machtmissbrauch, sowie ein existentialistisches Drama über die Absurdität der Welt: Es ist nicht möglich, alles um sich herum zu zerstören und sich dabei nicht selbst zu vernichten.“ Das Theater weist ausdrücklich darauf hin, dass die Inszenierung erst für Menschen ab 16 Jahren geeignet ist.

♦ Theater Münster (Kleines Haus), Premiere: 21. September, 19.30 Uhr. Weitere Termine: 28.9., 6., 11., 13., 25., 26. Oktober, 22. November, 5. und 19. Dezember. Infos und Karten: (0251) 59 09-100.

 

Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster (Caligula).
© Oliver Berg

 

 

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Vorhang auf! Die Camus-Theatersaison startet mit „Der Fall“

Der Blog hat in den letzten Wochen unter der Sommerhitze ein bisschen Siesta gehalten, aber nun wird es Zeit aufzuwachen… Viele Theaterkassen im Land haben schon wieder geöffnet, und nicht mehr lange dann werden auch drinnen die Vorhänge zur neuen Spielzeit hochgehen. Ganz sicher werden auch Camus-Stücke wieder dabei sein. Einen kompletten Überblick habe ich noch nicht (falls es den überhaupt jemals gibt), und weil ich euch nicht länger warten lassen will, präsentiere ich die Fundstücke nach und nach.

Ganz herzlich bedanke ich mich bei Blog-Leserin Elisabeth Hoffmann aus Berlin, die mir das erste Fundstück quasi frei Haus lieferte. Gewiss wäre es mir sonst entgangen, denn es liegt im Wortsinne ein wenig am Rand: „Das Theater am Rand ist eine wunderschöne zusammengezimmerte Holzbühne in der freien Natur gleich hinter dem Oderdeich,“ schreibt Elisabeth Hoffmann. Dort steht am Freitag, 24. August, Der Fall nach dem Roman von Albert Camus auf dem Spielplan. Daniel Minetti verkörpert den Anwalt Jean- Baptiste Clamence, der, untergetaucht im Amsterdamer Rotlichtviertel, einem nicht näher bezeichneten Gegenüber eine Art Seelenbeichte ablegt. Das Theater schreibt dazu sehr schön:

„Die Geschichte ist überraschend, faszinierend, aufwühlend, man hat das Gefühl, ertappt zu werden, in den eigenen Abgrund der Seele zu blicken – jeder Satz ein Kunstwerk, kein Wort zu viel. Und die Geschichte ist gefährlich: mit Interesse verfolgt und mit Aufrichtigkeit durchdacht vermag sie Weltbilder ins Wanken zu bringen – nicht nur die des Protagonisten. Ich gleiche jenem alten Bettler, der eines Tages in einem Café meine Hand nicht mehr loslassen wollte. Ach wissen Sie, Monsieur –sagte er – man ist ja nicht eigentlich ein schlechter Mensch, aber man verliert das Licht.

* Theater am Rand, Zollbrücke 16, 16 259 Oderaue. Anscheinend gibt es nur die eine Vorstellung am 24. August, 20 Uhr. Infos hier.

„Der Fall“ von Albert Camus als Zweipersonenstück beim Euro Theater Central in Bonn in Koproduktion mit der Tanzkompanie bo komplex. Das Foto zeigt noch die Besetzung der vergangenen Saison. ©Foto: Lilian Szokody

Eine ganz andere Version von Der Fall zeigt das Euro Theater Central in Bonn in Koproduktion mit der Tanzkompanie bo komplex, nämlich als ein Zwei-Personen-Tanztheaterstück (Inszenierung: Bärbel Stenzenberger, Musikkomposition: Helena Rüegg). Ein Schauspieler und ein Tänzer (Olaf Reinecke) werden gemeinsam auf der Bühne agieren. In der vergangenen Saison musste das Stück wegen Krankheit eines Darstellers vom Spielplan genommen werden, nun feiert es am 12. September zunächst in französischer Sprache erneut Premiere; am 14. September folgt dann die deutschsprachige Fassung. Den Part von Schauspieler Raphael Traub hat jetzt Johannes K. Prill übernommen.

* Euro Theater Central, Münsterplatz-Dreieck/ Eingang Mauspfad, Bonn. Premiere in französischer Sprache: 12. September, weitere Vorstellungen: 13. September, 20. Oktober. In deutscher Sprache: 14. September, 19. Oktober.

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„Der Ball kommt nie so auf einen zu, wie man es erwartet“

Albert Camus (vorne Mitte) und sein Freund Abdel Paul Pitous (links neben ihm) in der Mannschaft der École Pratique d’Industrie (E.P.I.). ©Foto: Photo collection particulière

Also gut, ich fange an, mich zu wiederholen… Aber die Fußballweltmeisterschaft wiederholt sich ja schließlich auch alle vier Jahre, und gerade denke ich gerne daran zurück, wie ich beim letzten Mal im südfranzösischen Zauberdorf weilte und nach der Heimkehr diesen Blogbeitrag schrieb. Einige Seitenhiebe darin beziehen sich auf die damaligen Zustände im Austragungsland Brasilien, aber so furchtbar anders ist es jetzt wohl auch nicht. Und da viele, die dem Blog folgen, damals noch nicht dabei waren, kommt er hier nun einfach nochmal. Den Schluss muss man sich natürlich anders denken, denn heute geht es im Endspiel für Frankreich gegen Kroatien ja schon um den Titel. Dann also: Allez les bleus!

Von Moral und Fußball oder „Alles für die Ehre!“

Im Tor: Albert Camus

 

Na sowas. Es ist ja Fußballweltmeisterschaft! In meinem südfranzösischen Zauberdorf war mir das doch tatsächlich weitestgehend entgangen. Kein Public-Viewing auf Plätzen oder in Kneipen (es gibt eh keine), kein Jubel, Stöhnen, Pfeifen aus geöffneten Fenstern. Stille herrschte wie eh und je beim Gang durch die Gassen, in denen sowieso kein Platz für Autos ist, geschweige denn für einen Korso. Nicht, dass die Franzosen so gar nicht Fußball begeistert wären. Aber zumindest in diesem kleinen verträumten Ort spielte es sich, wenn überhaupt, im Verborgenen ab.

Wieder daheim holt mich das Spektakel nun allerdings ein. Und ich bekenne auch: Ich bin  zwiegespalten. Nein, ich will kein Spielverderber sein und will niemandem die Freude vermiesen. Ich kann sogar bestens nachvollziehen, dass es Spaß macht mitzufiebern, sich mit zu freuen, mit zu jubeln, mit zu feiern. Manchmal lasse ich mich sogar gern und freiwillig anstecken, dochdoch. Aber ich kann auch nicht ganz absehen von in üblen Nationalismus umschlagenden „Nationalstolz“, nicht von der gigantischen Wirtschaftsmaschinerie Fußball-WM, die mit Sport nur noch am Rande zu tun hat, und auch nicht davon, dass für die Stadienneubauten dieser WM in einem wirtschaftlich armen Land ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht und Proteste der (fußballverliebten!) Bevölkerung niedergeknüppelt wurden. 

Aber Camus und Fußball – das gehört ja nun schließlich auch zusammen. Vermutlich wird sowieso kein Ausspruch von Camus öfter zitiert als dieser:

„Alles, was ich über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.”¹

In diesen Tagen ist der Satz noch häufiger zu lesen als sonst. Und ganz gewiss steht er in größtmöglichem Widerspruch zu den genannten hässlichen Seiten dieses Sportereignisses.

Von diesen hässlichen Seiten wissen diejenigen noch nichts, an deren Begeisterung und Leidenschaft für das Spiel ich mich ohne wenn und aber jederzeit mitfreuen kann –nämlich all die unzähligen Kinder überall auf der Welt, die den Ball über den Bolzplatz, den Schulhof oder über den Sandboden in ihrer Favela oder in ihrem Township jagen, als ginge es um ihr Leben; all die kleinen Jungs mit großen Träumen, die nach dem Spiel oder Training verschwitzt und glücklich nach Hause gehen, weil sie eine selige Zeit lang einmal alles abschütteln konnten, was auch ein junges Dasein schon schwer machen kann. Oder die am Beispiel einer schmerzlich erlittenen Niederlage die vielleicht wichtigste Lebenslektion überhaupt lernen, die da heißt: hinfallen, aufstehen, weitermachen.

Einer dieser kleinen Jungens war Albert Camus selbst. In seinem unvollendeten autobiographischen Roman Der erste Mensch erzählt er von dieser frühen Leidenschaft, und er erzählt auch von den Prügeln, die ihm die Großmutter mit dem Ochsenziemer verpasste, wenn sie nach der Kontrolle seiner Schuhsohlen wieder einmal feststellen musste, dass sich der kleine Albert dem Bolzverbot widersetzt hatte. Und von dieser Leidenschaft erzählt Camus auch in einem Beitrag mit dem Titel Was ich dem Fußball verdanke, den er 1953 für die Verbandszeitung seiner Mannschaft Racing Universitaire d’Alger (RUA) verfasst hatte: „Ab Sonntag fieberte ich dem Donnerstag entgegen, wenn wir Training hatten, und ab Donnerstag dem Sonntag, wenn wir Spiel hatten“ (2). Was er dem Fußball verdankte? Nun, zum Beispiel die Erkenntnis, „dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet.“ Eine Lektion fürs Leben sei das gewesen, schreibt Camus, „zumal für das Leben in der Stadt, wo die Leute nicht ehrlich und geradeheraus sind“ (3). Und eben hier, in diesem kleinen Aufsatz, den er aus Zeitmangel 1957 noch einmal einreichte, als die Zeitung France Football den frischgebackenen Nobelpreisträger 1957 um einen Artikel bat, stammt auch der berühmte oben schon zitierte Satz.

Dass man diesen kurzen Aufsatz von Camus, der in deutscher Übersetzung lange nur in nicht autorisierter Form zu finden war, nun endlich wieder nachlesen (und dem berühmten Zitat eine Quellenangabe zufügen kann), ist einem wunderbaren schmalen Büchlein zu verdanken, das der Arche-Verlag unlängst herausgebracht hat. Er findet sich als Anhang in Mon cher Albert. Ein Brief an Albert Camus, den sein Kindheitsfreund Abel Paul Pitous Anfang der 1970er Jahre an den so berühmt gewordenen einstigen Gefährten verfasst hat, der zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war. Das Büchlein verdient eine eigene Besprechung hier im Blog und soll sie gewiss auch noch bekommen. Aber heute, beim Nachsinnen über Camus, den Fußball und die Moral, kommt mir vor allem eine Szene in den Sinn, die Pitous schildert.

1929. Es geht um das dramatische Halbfinale im Fußballturnier der Schulmannschaften. Camus, zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon Torhüter bei der RUA aber für dieses Turnier nicht aufgestellt, steht für das Team der École Pratique d’Industrie (E.P.I.) im Tor, die Mannschaft seines Freundes Abel Paul Pitous. Es ist ein ungleicher Kampf. Die 16-jährigen Jungs der E.P.I. treten im Stadion von Saint-Eugène gegen die 18- bis 20jährigen Gymnasiasten des Clubs A.S.S.E. an, der zudem über zwei starke ausländische Spieler verfügt.  Alles spricht gegen sie, aber die Mannschaft der E.P.I. setzt auf Angriff. Schon nach zehn Minuten gelingt ihnen das erste Tor. Donnernder Applaus im Stadion!

Vom Erfolg angestachelt rennen sie die Älteren über den Haufen, fegen die fassungslosen Gymnasiasten vom Platz, die zudem einige Strafstöße wegen Regelverletzung kassieren. Einer dieser Strafstöße leitet die dramatische Wendung des Spiels ein: Dem Schützen der E.P.I. gelingt ein phantastischer Kopfschuss, der den Ball präzise ins gegnerische Tor katapultiert. Das Stadion dröhnt von Geschrei und Bravorufen. Aber dann: ungläubige Stille. Der Schiedsrichter (ein ehemaliger Schüler des Lycée und Star des RUA) erkennt das Tor nicht an und verhängt einen Freistoß gegen die E.P.I. Grenzenlose Empörung! Die Mannschaft folgt geschlossen dem Beispiel von Spielführer Abel Paul Pitous und boykottiert das Spiel. Ein Spieler der Gymnasiastenmannschaft läuft unter den verächtlichen Blicken der betrogenen Gegner mit dem Ball am Fuß auf das Tor zu, und „…der Torwart – Albert Camus – läuft ihm entgegen . . .,  um ihn abzuwehren? Ach was! . . . Er bleibt an der Elfmetermarke stehen . . ., zieht seine Ballonmütze . . ., grüßt den Angreifer beim Vorbeilaufen, lädt ihn mit einer großzügigen Geste ein weiterzumachen und weist ihm mit der Hand den Weg zum Tor, mit einer gewissen Herablassung allerdings – Bitte sehr, treten Sie ein!  Was für eine phantastische Pantomime! Das Publikum jubelte, nicht über das gestohlene Tor, sondern über die Reaktion auf den Betrug. Ach!, unvergesslich, wie Du statt eines Hutes die Mütze zogst und dann diese großartige Verbeugung, bei der Kopf und Schultern dem Blick folgten, der den Ball ins leere Tor rollen sah… Alles für die Ehre!“ (4).

Vielleicht kann man selbst vom 16jährigen Camus doch noch mehr über Moral lernen als vom Fußball selbst. Heute Abend spielen Frankreich gegen Nigeria und Algerien gegen Deutschland. Camus säße vor dem Bildschirm, soviel ist klar.

 

Abel Paul Pitous, Mon cher Albert. Ein Brief an Albert Camus. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Arche Verlag, Zürich 2014.

(1) Albert Camus, Was ich dem Fußball verdanke. Deutsch von Marie Luise Knott, in: Abel Paul Pitous, a.a.O., S. 84. (2) a.a.O., S. 82, (3) a.a.O., S. 81, (4), a.a.O., S. 69.
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Camus im Angesicht der Gewalt – Ausstellung und „Rencontres méditerranéennes“ in Lourmarin


Ist vielleicht irgendjemand hier gerade in Südfrankreich unterwegs (und schaut trotzdem mal in den Blog rein)? Ich bin’s nämlich leider nicht, und deshalb kann ich auch nicht die Ausstellung anschauen, die ab morgen in der Médiathèque Anne-Marie Chapouton in Lourmarin zu sehen ist.

ALBERT CAMUS ET LES VIOLENCES DU MONDE

ist sie überschrieben und versammelt handschriftliche Dokumente, Texte und Zeitungsartikel von Camus zum Thema der Gewalt sowie fotografische Zeitdokumente. Die Eröffnung, bei der Jérôme Bru Texte von Camus gelesen hat, haben wir allesamt verpasst, denn die fand schon heute am frühen Abend statt. Leider habe ich diese Information aber erst gerade eben aus dem Netz gefischt.

Die Ausstellung ist gewissermaßen ein „Vorspiel“ zu den diesjährigen Rencontres méditerranéennes Albert Camus, die am 5. und 6. Oktober zum Thema De l’ombre vers le soleil : Albert Camus face à la violence in Lourmarin stattfinden werden. Was für ein großartiges Thema! Sind doch die Werke von Camus tatsächlich voll von Gewalt, Mord, Terror und Totschlag – und zugleich eine einzige Absage daran und ein Bekenntnis zur Humanität. Was bräuchte es dringender in diesen Zeiten…

 

 

 

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Camus und Nietzsche in Aachen: Er ist nah, der große Mittag!

Camus‘ L’Etranger in einer Taschenbuchausgabe von 1957.

Einmal mehr muss ich mich bei Sebastian Ybbs von der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen dafür bedanken, den Blog aufgeweckt zu haben… Ich  muss mir, Ihnen und Euch wohl einfach eingestehen, dass ich mit den vielen Themen, die ich dafür eigentlich auf der Liste habe, nicht hinterherkomme, und der Blog im Moment aus verschiedenen Gründen ein bisschen in den Lebenshintergrund gerückt ist. Der Blog wohlgemerkt, nicht Camus!

Ach, und überhaupt! Man kann ja auch einfach mal diesem herrlichen Sommer genießen und in den freien Stunden gar nichts tun, außer in die Luft zu gucken und ziellos vor sich hinzudenken. Für das etwas zielorientiertere Nachdenken dagegen hat Sebastian Ybbs in diesen Tagen, wo die Sonne bei uns ihren Höchststand erreicht hat, und rechtzeitig zum letzten Jour Fixe in Aachen vor der Sommerpause das passende Thema ausgerufen:

Midi – Von Nietzsches Mittagsbegriff zu Meursaults Töten des Arabers

Hochsommer, das war die Zeit, in der der junge Albert Camus im Meer vor Algier Abkühlung suchte oder sich mit seinen Büchern in die Küche der Wohnung zurückzog.

Midi, das ist in Frankreich der Begriff für den dem Mittelmeer zugewandten südlichen Teil des Landes, das war für Albert Camus der Begriff für die Länder rund um das Mittelmeer, von deren Vielfalt er sich eine Verständigung zwischen den Völkern erhoffte. Midi heißt gleichzeitig aber auch schlicht „Mittag“.

Der Mittag ist der Scheitelpunkt des Tages; es ist die Zeit, wo die Sonne am höchsten steht, mit Nietzsche: die Zeit des kürzesten Schattens, mithin, vielleicht, die Stunde der Erkenntnis.

„Er kommt, er ist nahe, der große Mittag.“

„Der große Mittag, da soll vieles offenbar werden.“¹

Die Mittagszeit der gleißenden Sonne am heißen Strand ist es aber auch, die Meursault in Camus‘ Roman Der Fremde zum Mörder werden lässt und ihn vor Gericht sagen lässt, Schuld an allem sei die Sonne gewesen… Am Mittag wird die gnadenlos brennende Sonne zum Feind, der Mittag steht für die sich zuspitzenden Dinge.

Der Brückenschlag zwischen Nietzsches „großem Mittag“ zu Camus‘ Der Fremde ist Thema beim Jour Fixe der Albert-Camus-Gesellschaft am Dienstag, 3. Juli 2018 um 20 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Gesellschaft, wird das Gespräch mit einer kurzen Erläuterung und ersten Gedanken einleiten. Der Jour Fixe ist wie immer offen für alle Interessierten, und der Eintritt ist frei.

¹Friedrich Nietzsche: Also Sprach Zarathustra. De Gruyter, Kritische Studienausgabe 1999, S. 217 und 240.
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„Albert Camus und die Juden“ – Ein differenzierter Blick von Heinz Robert Schlette

Heinz-Robert Schlette, Nestor der deutschen Camus-Forschung, wirft einen erhellenden und differenzierten Blick auf das Thema „Albert Camus und die Juden“. Ein Rückblick auf seinen Vortrag in der Buchhandlung Böttger in Bonn – und Vorblick auf den Vortrag am morgigen Sonntag in Aachen.

„Albert Camus und die Juden“ –  ist das überhaupt ein Thema? In der kaum noch zu überschauenden Literatur zu Camus kommt es, wenn überhaupt, allenfalls am Rande vor. Camus selbst hat sich weder dezidiert zur jüdischen Religion noch zur Judenverfolgung und Vernichtung schriftlich geäußert. Aber ist es vielleicht heute gerade deshalb ein Thema? Camus, die „moralische Instanz“ seiner Zeit, bezieht keine Stellung zu Auschwitz und streicht das Kapitel über den Juden Franz Kafka aus seinem Mythos des Sisyphos, damit sein Essay über das Absurde 1942 bei Gallimard unter deutscher Besatzung erscheinen kann?

Schlette betont gleich zu Beginn, dass sein ins Auge gefasstes Thema historisch, politisch, philosophisch, kulturell und religiös bzw. theologisch mit zahlreichen schwierigen Fragen verbunden ist. Dennoch lässt er keinen Zweifel daran, dass er solche latenten Vorwürfe, wie sie etwa Iris Radisch in ihrer Biografie Albert Camus. Das Ideal der Einfachheit (Rowohlt 2013) erhebt, für blanken Unsinn hält. Weiterlesen

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Camus und Hölderlin – verwandte Seelen, zum klaren Tag geboren

Heute vor 175 Jahren, am 7. Juni 1843, starb in Tübingen der Dichter Friedrich Hölderlin.

Doch du, du bist zum klaren Tag geboren.“

„Mais toi, tu es né pour un jour limpide…“

Den Satz aus Hölderlins Tragödie Der Tod des Empedokles hat Camus seiner Essaysammlung L’Été (dt.: Hochzeit des Lichts) als Epigraph vorangestellt.¹ Jedesmal, wenn ich über diesen Satz stolpere, bleibe ich daran hängen und kann es immer neu nicht fassen: Wie kann denn bloß so ein kleiner Satz so ein Gewicht haben? Wie kann ein so kleiner Satz von der Tiefe eines Meeres sein und einen ganzen Sehnsuchtshorizont aufreißen?

Den Hölderlin-Satz hatte Camus 1951 schon in sein Tagebuch notiert, eingebettet in zwei weitere Stellen aus der selben Quelle, die ihn vielleicht noch heller strahlen lassen:

«[O lass uns scheiden…] Und eines bleiben, die zu rechten Zeit / Aus eigner Kraft die Trennungsstunde wählten.» (…) «Vor dem / In todesfroher Stund am heilgen Tage / Das Göttliche den Schleier abgeworfen.»²

Camus kannte fürwahr die Nachtseite des Lebens, aber das Licht, unter dem er geboren wurde, das Licht seiner algerischen Heimat hat ihn immer geleitet. „Man kann sein Leben nicht verfehlen, wenn man es ins Licht stellt“, schrieb er 1936 in sein Tagebuch³. Wie und warum es einem Menschen dennoch unversehens abhanden kommen kann, dieses Lebenslicht, sodass es für ihn auch bei schönstem Sonnenschein kalt und dunkel bleibt, wie es angehen kann, dass ausgerechnet diese schöne Seele, die diesen lichtvollen Satz hervorbrachte, sein Leben in jahrzehntelanger Umnachtung im Turm zu Ende bringen musste, und ob wir alle am Ende eingehen in dunkle Nacht oder ein neues Licht sich auftun wird wie ein klarer Tag  – das gehört zu den großen Rätseln, die nicht aufzulösen sind und die es, in Treue zur Erde, anzunehmen gilt.  Auch seinem Essay Der Mensch in der Revolte stellte Camus einen Vers aus Hölderlins Tod des Empedokles als Epigraph voran:

Und offen gab mein Herz wie du der ernsten Erde sich
der Leidenden und oft in heilger Nacht
Gelobt ich’s ihr, bis in den Tod
die schicksalsvolle furchtlos treu zu lieben
und ihrer Rätsel keines zu verschmähn.
So knüpft ich meinen Todesbund mit ihr.

Seelenverwandtschaft, über die Jahrhunderte hinweg. Auch ein Rätsel  – aber ein schönes. Eines, dessen Unauflösbarkeit nicht Unruhe stiftet oder Angst, sondern Staunen und Dankbarkeit.

* * *

¹ Fehlt leider in den (mir bekannten) deutschen Ausgaben. Im Original: Albert Camus, Oeuvre complètes III, 1949-1956, édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade. p. 565.
² Albert Camus, Tagebücher 1951-1959, Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 14, Eintrag ca. Juni 1951.
³Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963, 1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 20. Eintrag von Mai 1936.
Foto: Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792 (wikicommons)

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