Bedingungslose Humanität: Albert Camus trifft Albert Schweitzer

Ein Denkmal erinnert in seinem Geburtsort Kayserberg an Albert Schweitzer. ©Foto: akr

Ein Denkmal erinnert in seinem Geburtsort Kayserberg an Albert Schweitzer.

Ich freue mich immer sehr, wenn mir Termine für diesen Blog angezeigt werden, die ich vielleicht beim „Fischen im Netz“ nicht unbedingt gefunden hätte. So machte mich freundlicher Weise unlängst Klaus Stoevesandt auf die Jahrestagung der Internationalen Albert-Schweitzer-Gesellschaft (AISL) aufmerksam, die an diesem Wochenende, 17. bis 19. Mai, in Königsfeld im Schwarzwald stattfinden wird. Da stehen nämlich nicht nur (unter anderem) die Verleihung des Albert-Schweitzer-Preises 2014, Besichtigung des Schweitzer-Hauses und ein Vortrag über„Albert Schweitzer und Johann Wolfgang von Goethe“ auf dem Programm, sondern auch „Albert Schweitzer und Albert Camus“. Da habe ich doch glatt erst vor wenigen Wochen den Anlass für einen hübschen „Unterwegs“-Beitrag verpasst – denn es ist noch gar nicht lange her, dass ich auf einem kleinen Wochenendausflug ins Elsass in Kayserberg vor dem Geburtshaus von Albert Schweitzer stand, in dem er am 14. Januar 1875 zur Welt kam. Grund genug, endlich einmal bei Klaus Stoevesandt nachzufragen, was es denn seiner Meinung nach mit der geistigen „Verwandtschaft“ der beiden „Alberts“ auf sich hat. Begegnet sind sie sich schließlich nie – im selben Jahr als Albert Camus geboren wurde, 1913, gründete der dreifach promovierte Arzt, Theologe und Philosoph Albert Schweitzer sein berühmtes Urwaldkrankenhaus im zentralafrikanischen Lambarene, wo er 1965 im Alter von 90 Jahren starb.

Anne-Kathrin Reif: Herr Stoevesandt, was hat Sie dazu gebracht, das Denken und Wirken von Albert Schweitzer in Beziehung zu Albert Camus zu setzen (oder umgekehrt). Worin sehen Sie die Gemeinsamkeiten?

Klaus Stoevesandt: Albert Schweitzer hat um die Anerkennung seiner Kulturphilosphie (Ehrfurcht vor dem Leben) gerungen. Albert Camus wurde das Leben in einer neuen Revolte im Namen des Maßes heilig. Jedes Leben sei etwas Heiliges, dafür haben beide gesprochen.

Anne-Kathrin Reif: Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass sich die Wege von Albert Schweitzer und Albert Camus einmal gekreuzt hätten, und es ist auch tatsächlich höchst unwahrscheinlich. Das Wirken von Albert Schweitzer dürfte Camus aber doch bekannt gewesen sein – spätestens seit der Vergabe des Friedensnobelpreises an Schweitzer 1953. Vielleicht aber auch schon bedeutend früher… Bei Camus-Biograph Olivier Todd findet sich der Hinweis auf den Arzt Dr. Roger Le Forestier, der in dem kleinen Ort Le Chambon-sur-Lignon praktizierte, als Camus sich 1942/43 wegen seiner Lungenerkrankung 15 Monate nur wenige Kilometer entfernt in dem kleinen Weiler Le Panelier aufhielt. Le Forestier war eine Zeitlang als Missionsarzt in Lambarene gewesen, dem berühmten von Schweitzer gegründeten Urwaldkrankenhaus.

Das Geburtshaus von Albert Schweitzer in Kayserberg. ©Foto: akr

Das Geburtshaus von Albert Schweitzer in Kayserberg. ©Foto: akr

Klaus Stoevesandt: Richtig, dieser Beziehung bin ich nachgegangen. Wie sich auf Anfrage im Archiv des Albert Schweizer-Zentrums in Günsbach feststellen ließ, war Dr. Le Forestier von Juni bis Oktober 1934 in Lambarene und reiste von dort weiter nach Kamerun. Allerdings kann Dr. Le Forestier Dr. Schweitzer in Lambarene nicht angetroffen haben, denn von Ende Januar 1934 weilte Schweitzer etwa ein Jahr lang in Europa zu Vorträgen und Konzerten.Von dem Sohn Dr. Le Forestiers hat Olivier Todd Fotokopien der Aufzeichnungen des Vaters erhalten. Ob Albert Camus auch von Dr. Le Forestier wegen seiner Lungenerkrankung behandelt worden ist, ob sie miteinander gesprochen haben, ob er Näheres über seine Arbeit als Missionsarzt erfahren hatte, lässt sich leider nicht mehr belegen. Vielfach vermutet wird jedoch, dass Le Forestiers Wirken in Le Chambon Vorbild für die Person des Dr. Rieux in Camus‘ Roman war.

Anne-Kathrin Reif: Camus hat zu der Zeit in Le Panelier ja intensiv an seinem Roman Die Pest gearbeitet. Und darin ist der Kampf des Arztes und seiner Mitstreiter gegen die Pest auf einer zweiten Ebene ja zugleich eine Metapher für den Widerstand gegen das Naziregime. Auch das spricht für den Vorbildcharakter von Le Forestier für Rieux.

Das Albert Schweitzer-Museum in Kayserberg. ©Foto: akr

Das Albert Schweitzer-Museum in Kayserberg. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Klaus Stoevesandt: Genau. Le Chambon-sur-Lignon war ein einzigartiger Hort des Widerstands in Frankreich unter der mit Deutschland kollaborierenden Vichy-Regierung, sicherlich aufgrund seiner ganz besonderen hugenottischen Tradition. Die große Anzahl aktiver Gemeindemitglieder der reformierten Kirchen und der kleinen katholischen Gemeinden dieser Region bewahrte in gewaltfreiem Widerstand gegen die Nazis und die kollaborierende französische Polizei über 5000 Juden vor der sicheren Deportation. Die Bürger der Orte dieser Umgebung boten viel Fantasie und Wagemut auf, diese aus Not Zugewanderten vor dem ihnen drohenden, erbärmlichen Schicksal zu bewahren. Sie waren geübt in den Praktiken des konspirativen, gewaltfreien Widerstandes. Dr. Le Forestier war dabei eine zentrale Figur. Unter anderem stellte er falsche Atteste aus, die vom Arbeitsdienst befreiten, und behandelte und beherbergte Widerstandskämpfer und Juden wie Dr. Leon Eisenstein und Rachel Besam. 

Anne-Kathrin Reif: Wie Olivier Todd anmerkt, war Le Forestier allerdings überzeugter Christ – Rieux in Die Pest sagt von sich, er glaube nicht an Gott.

Klaus Stoevesandt: In Le Chambon kooperierten Atheisten mit überzeugten Christen, um Juden zu retten und Widerstand zu leisten. Ich sehe darin eine Parallele zu der Auseinandersetzung zwischen Rieux und dem Jesuitenpater Paneloux, der sich schließlich der Gruppe der Kämpfer gegen die Pest um Rieux anschließt. Und Rieux sagt zu Paneloux: „Wir arbeiten miteinander für etwas, das uns jenseits von Lästerung und Gebet vereint. Das allein ist wichtig“ (1). Gerade hier, in dieser theologischen Frage sind sich übrigens Albert Camus und Albert Schweitzer möglicherweise viel näher, als das auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Den Christen traditionellen Glaubens, so wie man sie auch heute noch einschätzen würde, könnte die theologische Haltung Schweitzers erheblich irritieren. Darauf deutet schon die Tatsache hin, dass die französische Missionsgesellschaft Albert Schweitzer nur als Arzt und nicht als Missionar nach Lambarene zu entsenden bereit war, weil Zweifel an dessen Rechtgläubigkeit bestanden. Es wurde ihm 1913 sogar untersagt, in der Missionsstation zu predigen. Mit den Widersprüchlichkeiten des menschlichen Gottesbildes hat auch Albert Schweitzer gerungen: „Warum statt der Harmonie die Zerrissenheit? Und weiter: Gott ist die Kraft, die alles erhält. Warum ist der Gott, der sich in der Natur offenbart, die Verneinung von allem, was wir als sittlich empfinden, nämlich zugleich sinnvoll Leben aufbauende und sinnlos Leben zerstörende Kraft?“ (2) Albert Schweitzer war es unmöglich, diese Widersprüchlichkeiten im menschlichen Gottesbild zu übersehen. Er musste sich mit der Unzulänglichkeit menschlichen Wissens abfinden im Sinne eines Denkens, das sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet weiß. Aus diesem Grunde wurde Schweitzers Haltung mitunter als ein demütiger Agnostizismus bezeichnet.

Anne-Kathrin Reif: Camus‘ Roman Die Pest ist noch zu Lebzeiten von Albert Schweitzer 1954 erschienen, Camus war längst eine Berühmtheit. Schweitzer hat sich auch nicht nur in Afrika sondern immer wieder auch in Europa aufgehalten. Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, dass er das Werk von Camus kannte, sich damit auseinandergesetzt hat?

Klaus Stoevesandt: Ob Schweitzer diesen Roman gelesen oder sich dazu geäußert hat, lässt sich leider nicht mehr feststellen. Eher könnte man umgekehrt fragen, ob Albert Camus die vielen Aktivitäten Schweitzers außerhalb von Lambarene in ganz Europa wahrgenommen hatte (Vortäge, mehrere Preisverleihungen einschließlich des Friedensnobelpereis 1953, Konzerte, mehrere Rundfunkappelle gegen Kernwaffenversuche). Für Albert Schweitzer war dies alles andere als eine ruhige Zeit, abgesehen von den sechs jeweils halbjährigen Abschnitten des Wirkens in Lambarene.

Anne-Kathrin Reif: An diesem Wochenende sprechen Sie in der Schweitzerstadt Königsfeld zu gedanklichen Verbindungen zwischen Schweitzer und Camus. In diesem Ort hat die Familie Schweitzer offensichtlich auch zeitweise gelebt.

Klaus Stoevesandt: In diesem Ort gibt es das sogenannte „Albert-Schweitzer-Haus“, das Schweitzer 1923 für seine Frau Helene und Tochter Rhena hat bauen lassen. Beide haben dort bis 1932 gelebt, bis sie vor den Nazis fliehen mussten. Nach dem Kriege waren die Schweitzers dort nur selten. Dies Haus ist heute ein Schweitzer-Museum. Regelmäßig finden in Königsfeld Treffen der Internationalen Albert-Schweitzer-Gesellschaft statt.
In diesem Jahr wird am kommenden Wochenende dort innerhalb eines umfangreichen Programms der Internationale Albert-Schweitzer-Preis
verliehen. In diesem Rahmen darf ich über den „gleichen, weltumspannenden Humanismus Albert Schweitzers und Albert Camus“ (J.-P. Sorg) sprechen.

Info: Vortrag von Klaus Stoevesandt „Albert Schweitzer und Albert Camus – Auf der Suche nach Maßen für die Menschlichkeit“, Sonntag, 18. Mai, 20.15 Uhr, Haus des Gastes, Sebastian-Kneipp-Weg 1, Kurpark Königsfeld.

Zur Person: Klaus Stoevesandt, geb. 1941 in Berlin, ist Autor der Schrift Albert Schweitzer und Albert Camus – Auf der Suche nach dem menschlichen Maß, Bernstein-Verlag 2013 (72 S., 6 Euro,  ISBN: 978-3-939431-83-1) Infos

Mehr zu Albert Schweitzer: www.albertschweitzer-haus.de

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister,  Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 1958, S. 177
(2) Albert Schweitzer, Straßburger Predigten, München 1993, S. 138

 

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2 Kommentare zu Bedingungslose Humanität: Albert Camus trifft Albert Schweitzer

  1. Heiter sagt:

    Kurze Anmerkung: es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Person und Werk Schweitzers in den besseren Jahren mit Sartre nie ein Thema gewesen sein sollten; Sartre hat immerhin eine Weile seiner Jugend (über seine Mutter) im verwandtschaftlichen Dunstkreis Schweitzers verbracht.
    Gruß PH

    • An Herrn Heiter

      Das stimmt. Wie man aber schon aus den ersten Seiten von Sartres Buch „Die Wörter“ entnehmen kann, hatte dieser mit der Familie Schweitzer durchaus seine Probleme.
      Außerdem sagt dies nichts über mögliche, vergleichbare Gedankenwelten von Albert Camus und von Albert Schweitzer, zumal Camus in Sartre keinen Gesinnungsbruder fand.

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