Auf den Spuren von Camus in Lourmarin

Ein Banner an der Eingangsstraße nach Lourmarin weist auf das prominente Geburtstagskind hin. © alle Fotos: akr

Ein Banner an der Eingangsstraße nach Lourmarin weist auf den 100. Geburtstag von Albert Camus hin. © Foto: akr

Lourmarin. Wenn irgendein Ort in der Provence unübersehbar mit Camus verbunden ist, dann ist es natürlich Lourmarin. Hier hatte Camus 1958 vom Nobelpreisgeld endlich das ersehnte Haus in der Provence kaufen können, hier verbrachte er lange Wochen allein und rang mit seinem letzten großen Werk, dem autobiographischen Roman Der erste Mensch. Am 30. September 1958 notiert Camus in sein Tagebuch:

„Einen Monat damit verbracht, das Vaucluse wiederzusehen und ein Haus zu finden. Das Haus in Lourmarin gekauft.“ (1)

In dem Haus in der Grand’ rue de l’Église – heute Rue Albert Camus – war ehemals eine Seidenraupenzucht untergebracht. Dem Camus-Biographen Olivier Todd zufolge hat Camus 9,3 Millionen (alte) Francs dafür bezahlt (was sich heute allerdings schwer umrechnen lässt). Zu Suzanne Ginoux, die im Haushalt hilft (und schon für den Vorbesitzer, den Chirurgen Dr. Olivier Monod gearbeitet hatte) sagt er:  „Als könnte ich Algerien berühren, wenn ich die Hand ausstrecke“. (2)

Während ich durch die Gassen des am Markttag besonders quirligen Städtchens laufe, versuche ich mir vorzustellen, wie Camus zu seiner Zeit diesen Ort wohl wahrgenommen hat: eine Café-Bar, ein Metzger, vielleicht noch der ein oder andere Lebensmittelladen und das Hôtel Ollier, wo er gern zu Mittag aß (und das jetzt eine Pizzeria ist, in der nichts mehr an die früheren Räumlichkeiten erinnert). Tagsüber das übliche dörfliche Leben der Bewohner, am Abend menschenleere Gassen, in denen er dann gern spazierenging. Man muss sich heute sehr viel wegdenken, um es sich vorstellen zu können. Mit den Fotografien von Christian von Alvensleben im Kopf, über die ich in diesem Blog schon berichtet habe, gelingt es mir ganz gut. Am späten Vormittag, während sich alle Welt auf dem Markt drängelt und in den Gassen schon die Hitze steht, liegt auch die Rue Albert Camus einsam da. Das Haus mit geschlossenen Fensterläden und seinen hohen Mauern, in dem heute noch seine Tochter Catherine lebt, schottet sich ohnehin gegen Blicke ab. Vielleicht hat ihm auch das damals schon gefallen.

Im örtlichen Tourismus-Büro liegen Prospekte aus: Angeboten wird ein Spaziergang „Sur les pas… d’Albert Camus“, jeden Dienstag um 10 Uhr, Kostenpunkt 4 Euro. Er führt unter anderem zum Schloss, zum Kirchplatz (wo Suzanne Ginoux, die Haushälterin, wohnte), zum Hôtel Ollier, zum Fußballplatz und natürlich zum Friedhof. Ich beschließe, meinen Spaziergang auf den Spuren von Camus lieber allein fortzusetzen und später die Camus-Ausstellung in der gleich neben dem Tourismus-Büro liegenden Bibliothek aufzusuchen. Fortsetzung folgt!

Fotos (im Uhrzeigersinn): Das Schloss von Lourmarin aus der Ferne, das Haus von Camus, das ehemalige Hôtel Ollier, Straßenschild an der Rue Albert Camus, Hinweistafel am örtlichen nach Camus benannten Veranstaltungssaal. © Fotos: Anne-Kathrin Reif 

 

(1) Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 326. (2) Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 793.

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Ein Kommentar zu Auf den Spuren von Camus in Lourmarin

  1. Nau, Nicole sagt:

    wunderschön… diese Berichte direkt aus Frankreich.

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