Ein letztes Mal mit Albert Camus zu Tisch

"La Chute" mit einer persönlichen Widmung von Camus. Foto: Christian von Alvensleben

„La Chute“ mit einer persönlichen Widmung von Camus. ©Foto: Christian von Alvensleben

Zwölf Jahre lang war dieser Raum verschlossen gewesen. Mag sein, dass Madame Hirtzmann ab und an mal darin Staub gewischt hat, aber Gäste – nein. Gäste würde sie dort nicht mehr bewirten. Albert Camus und seine Freunde würden für immer die letzten sein, die an diesem Tisch gegessen und getrunken hatten. Zwei Tage vor seinem tödlichen Autounfall am 4. Januar 1960 war das. Nachdem Madame Hirtzmann von dem Unglück erfahren hatte, schloss sie den Raum ab.

Dass der deutsche Fotograf Christian von Alvensleben zwölf Jahre später ausgerechnet in ihrem kleinen Hotel in Lourmarin abstieg, war ein Zufall. Natürlich wusste er von der Bedeutung des Ortes für Camus, wollte das Grab des Mannes besuchen, dem er, wie er heute sagt, einen Großteil seiner moralischen Erziehung verdankte. Dass Camus fast täglich in eben jenem Hotel Ollier zu Mittag gegessen hatte, wenn er allein in Lourmarin war, wusste er freilich nicht. Das erzählte ihm Madame Hirtzmann erst, nachdem ein hinter Glas verschlossenes, aufgeschlagenes Buch seine Aufmerksamkeit geweckt hatte: Eine Ausgabe von Der Fall, versehen mit einer persönlichen Widmung von Camus aus dem Jahr 1959. Und mehr noch: Als sie der besonderen Bedeutung inne geworden war, die Camus für ihren Gast hatte, schloss sie das einstige Speisezimmer für ihn auf, in dem Camus allein oder mit Freunden abseits der anderen Gäste seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Und ließ sich überreden, für ein Foto den Tisch noch einmal genau so zu decken, wie an jenem letzten Tag: ein weißes Tischtuch, darunter eine rot-weiß gewürfelte Tischdecke, passende Servietten auf den schlichten weißen Porzellantellern, Besteck, Weingläser, eine Flasche Rotwein, Brot, Oliven. Für einen Moment sah es so aus, als könne Albert Camus jeden Augenblick zurückkehren und wieder seinen Platz einnehmen. Christian von Alvensleben hat diesen Moment im Bild festgehalten. Dann hat Madame Hirtzmann den Raum wieder verschlossen.

Vermutlich musste sie aber zuerst noch Pussycat, genannt Püssy, hinauswerfen. Rasch war die hochbetagte Katze ins Zimmer geschlüpft, als die Tür nach so langer Zeit geöffnet wurde, und hatte es sich sogleich in dem einzigen Sessel bequem gemacht. Jener Sessel, in dem Camus zu sitzen pflegte, um nach dem Essen noch eine Zigarette zu rauchen, mit Pussy auf dem Schoß. „Es kam mir vor, als hinge noch ein bisschen kalter Rauch in der Luft”, sagt von Alvensleben.

Wundersamer Weise hat der Fotograf genau diese Atmosphäre in seinen Bildern eingefangen. Sie haben etwas Entrücktes, sie zeigen eine Welt, die der von Camus noch ganz nah war und die heute längst verschwunden ist, aber hier, in diesem Moment, als diese Bilder aufgenommen wurden, da lebt sie noch, da sitzt Madame Hirtzmann im dämmrigen Zwielicht ihrer lavendelblau gestrichenen Küche am dunklen Holztisch und liest Le Monde, „ihr Fenster zur Welt”, da glimmt kaum wahrnehmbar das Holzfeuer im Herd, auf dem sie die Mahlzeiten zubereitete, da hängt der blank gescheuerte Kupferkessel an der Wand, da sind die Deckel der Aluminium- und der Emailletöpfe säuberlich zum Abtrocknen am Spülstein aufgereiht. Die weiße Emaille ist hier und da schon abgesprungen, genauso wie die Goldfarbe auf dem ovalen Spiegelrahmen, der vor dem Eingang zum Speisezimmer über dem muschelförmigen Waschbecken an der dottergelb gestrichenen Wand hängt, ein benutztes, buntkariertes Baumwollhandtuch daneben, die moderne Chrom-Seifenablage schief im bröckelnden Putz befestigt. Gebrauchsspuren, Alltagsleben auf einem südfranzösischen Dorf, in dem es eine einzige kleine Cafébar gab und auch einen Metzger. Boucherie Charcuterie L. Chauvin  steht mit kunstvoll geschwungenem Schriftzug auf der Hauswand über der zum Schutz gegen die Fliegen mit rot-weißen Plastikstreifen verhängten Ladentür geschrieben; ein gelb markierter Fußgängerüberweg führt über die Straße zu ihm hin.

Menschen sieht man nicht auf diesen Fotografien, außer Madame Hirtzmann am Küchentisch, und auch sie verschwindet fast im Schatten. Die nächtlichen Gassen sind menschenleer, so wie damals, als Camus es liebte, des nachts allein einen Spaziergang durchs Dorf zu machen. Wenn er dann sah, wie ein vorwitziger Hund seine Nase durch eine Katzenluke steckte, hat er bestimmt gelächelt.

Lourmarin, Ansicht des Dorfes. Foto: Christian von Alvensleben

Lourmarin, Ansicht des Dorfes. ©Foto: Christian von Alvensleben

Natürlich habe ich mich auch selbst vor einigen Jahren schon einmal auf die Spuren von Camus in Lourmarin begeben. Habe vor seinem Haus gestanden in der Straße, die heute Rue Albert Camus heißt, und an seinem Grab. Habe in überfüllten Straßencafés dünnen Café au lait getrunken und mir die Auslagen der Touristenläden mit all ihrer Lavendelseife und ihren provencalischen Tischdecken angeschaut. Aber wie unendlich weit entfernt all das von Camus’ Lourmarin ist, habe ich erst im Anblick der Bilder von Christian von Alvensleben wirklich begriffen. Im Anblick dieser Bilder, in denen diese versunkene Welt plötzlich ganz nah scheint, als könne man sie nicht nur sehen, sondern auch schmecken und riechen. Aber dann ist es doch nur noch kalter Rauch, der das Vergangene umso endgültiger als Verlorenes spürbar macht.

P.S. Madame Hirtzmann und ihre Katze leben schon lange nicht mehr. Ende der 1970er Jahre wechselte das Hotel Ollier den Besitzer und wurde in ein Schnellrestaurant verwandelt.

Mehr Fotos aus der Ausstellung auf der Webseite von Christian von Alvensleben.

Der Fotograf Christian von Alvensleben bei der Ausstellungseröffnung. Foto: akr

Der Fotograf Christian von Alvensleben bei der Ausstellungseröffnung. ©Foto: akr

Der Fotograf: Christian von Alvenslebengeb. 1941 in München, lebt mit seiner zweiten Frau Helga in Bad Oldesloe in der Nähe von Hamburg. Seine ersten Photos machte er als Elfjähriger mit einer Kodak-Box-Kamera aus einem US-Care-Paket. Christian von Alvensleben zählt zu den renommiertesten und universellsten deutschen Fotodesignern. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet (www.alvensleben-photography.de).

Ausstellungs-Info: „Albert Camus… und ein bisschen kalter Rauch.” Institut franςais (Galeriebibliothek), Bilker Str. 9, in Düsseldorf, 22. April bis 15. Juni. Öffnungszeiten: mo 15 bis 18.30 Uhr, di-fr 11 bis 18.30 Uhr, sa 11 bis 14 Uhr.

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2 Kommentare zu Ein letztes Mal mit Albert Camus zu Tisch

  1. Danke für Ihre liebevolle und auch detaillierte Beschreibung der Photographien.
    CvA

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr von Alvensleben, ich habe zu danken für die Bilder und für Ihre wunderbaren Geschichten! Es war mir eine große Freude.

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