Albert Camus, Albert Schweitzer und Roger Le Forestier – oder wie aus einer Randbemerkung eine lange Geschichte wird

Panelier bei Chambon-sur-Lignon: Hier verbrachte Camus mehrere Monate und schrieb an seinem Roman „Die Pest“. ©Foto: Klaus Stoevesandt

Manchmal ist es, wie wenn man ein kleines Steinchen ins Wasser wirft und die daraus entstehenden Kreise sich weiter und weiter fortsetzen. So geht es mir angesichts der beharrlichen Forschungen von Klaus Stoevesandt. Der hatte sich schon lange mit der Erwägung einer „geistigen Verwandtschaft“ zwischen Albert Camus und Albert Schweitzer beschäftigt (und mir über den Blog davon berichtet), als ich ihm so ein kleines Steinchen in seinen Forschungsteich warf: In dem kleinen Ort Chambon-sur-Lignon habe es einen Arzt namens Dr. Roger Le Forestier gegeben, der in Albert Schweitzers Urwaldkrankenhaus Lambarene gearbeitet hat, und bei dem Camus 1942/43 während seines mehrmonatigen Aufenthaltes im unweit gelegenen Weiler Panelier wegen seiner Tuberkulose in Behandlung war. Mithin bestehe durchaus die Möglichkeit, dass Camus eine biographische Berührung mit dem Gedankengut von Albert Schweitzer hatte, teilte ich ihm mit.¹ Nachzulesen in der dicken Camus-Biografie von Olivier Todd, Seite 353.

Diese Spur hat Klaus Stoevesandt seither ausdauernd verfolgt und die bisherigen Ergebnisse seiner Spurensuche in dem hier schon besprochenen Bändchen Der Doktor Rieux des Albert Camus – Eine Nachsuche möglicher Vorbilder (Bernstein Verlag 2016) zusammengefasst. Ob nun der Arzt Le Forestier tatsächlich das reale Vorbild für den Dr. Bernard Rieux in Camus‘ Die Pest gewesen ist, wird sich wohl nicht abschließend klären lassen. Zweifellos hat Camus in seinen Figuren Charakterzüge real existierender Personen verarbeitet, wohl aber kaum „eins zu eins“, sondern eher aus verschiedenen Personen zusammengesetzt und für seine Zwecke modelliert. Dabei kann der Arzt Roger Le Forestier in seinem im Widerstand betriebenen humanitären Engagement durchaus inspirierend auf Camus gewirkt haben – zumal schon aus der 1935/36 von dem jungen Le Forestier verfassten Schrift Über das Leiden deutlich wird, dass beide von ähnlichen Fragen und Gedanken bewegt waren.

Ein Beitrag zur Camus-Forschung also, gewiss – aber fast noch schöner finde ich ja die Effekte, welche die Forschungen von Klaus Stoevesandt dabei quasi nebenbei zeitigen: Nämlich dass auf diesem Wege die außergewöhnliche Geschichte des Dörfchens Le Chambon und der gesamten Hochlandregion, in der sich die überwiegend hugenottischen Bewohner während der Nazi-Diktatur im besetzten Frankreich in zivilem Ungehorsam übten und tausende jüdische Flüchtlinge vor der Deportation bewahrten, erzählt wird. Dass die wichtige Rolle, die der Arzt Dr. Roger Le Forestier dabei spielte, gewürdigt und die Erinnerung an sein tragisch verlaufenes Leben bewahrt wird. Und auch: Dass Klaus Stoevesandt seine Forschung nicht (nur) in Bibliotheken und Archive geführt hat, sondern sich daraus vielmehr schöne menschliche deutsch-französische Begegnungen ergeben haben – so mit dem Sohn des Arztes Jean-Philippe Le Forestier, der noch in den letzten Tagen der Besatzungszeit am 20. August 1944 im Alter von fünf Jahren durch ein vom Lyoner Gestapo-Chef Klaus Barbie befehligtes Massaker seinen Vater verlor, und heutigen Bewohnern des Ortes.

Diese Begegnungen finden nun eine schöne Fortsetzung, denn die Société d’Histoire de la Montagne (SHM), die sich am Ort um die Aufarbeitung der regionalen Geschichte und das Bewahren der Erinnerung kümmert, hat Klaus Stoevesandt zu einem Vortrag eingeladen. Am 12. August spricht er in Chambon-sur-Lignon zum Thema „Von Albert Schweitzer zu Albert Camus – Der Lebensweg des Dr. Roger Le Forestier vor und nach Lambarene“. Der Vortrag ist in deutscher Sprache und wird simultan übersetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

¹Blog-Leser Peter Heiter hat bereits darauf hingewiesen, dass die Gedanken Schweitzers auch im Austausch mit Sartre „in ihren besseren Tagen“ ein Thema gewesen sein könnte (Sartres Mutter Anne-Marie war eine Cousine Albert Schweitzers).

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10 Kommentare zu Albert Camus, Albert Schweitzer und Roger Le Forestier – oder wie aus einer Randbemerkung eine lange Geschichte wird

  1. Klaus Stoevesandt sagt:

    Sehr geehrte Frau Schlette!
    Recht herzlichen Dank für Ihre Grüße, die mich sehr erfreut haben. Nun sind wir voller Erlebnisse von Le Chambon zurückgekommen und haben dort sehr freundschaftliche Kontakte zu den Mitgliedern der SOCIETE D HISTOIRE DE LA MONTAGNE und vor allem zu dem Sohn des Dr. Roger Le Forestier knüpfen können.
    Mit freundlichem Gruß
    Klaus Stoevesandt

  2. peter heiter sagt:

    Ja, tatsächlich, ich lese noch
    🙂
    Viele Grüße Peter Heiter

  3. Willy Stucky sagt:

    Sie ziehen mir den Speck durch den Mund, liebe Frau Reif. Warum nicht einfach wieder mal aufbrechen, z.B. nach Le Chambon-sur-Lignon? Nur schon der Klang dieser Ortschaft!
    Der letzte spontane Aufbruch dieser Art liegt zehn Jahre zurück. Damals sagte ich meinem Jüngsten, der meines Erachtens ferienmässig zu kurz gekommen war, er solle sich bereithalten, wir gingen nach Marseille, nur er und ich. Er strahlte und dachte an die berühmten Kicker von Marseille – ich an Lourmarin, das ich noch nie gesehen hatte. Lourmarin hatte zwar kein Stadion wie Marseille, doch immerhin einen kleinen Fussballplatz, und so sassen denn Vater und Sohn auch auf der Stein-Rasen-Treppe am Rande dieses Fussballfeldes. Da war der grosse Mann gewiss auch gesessen, und zwar nach eigenem Zeugnis nicht so verbissen, wie wenn er aus selbstauferlegter Pflicht gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt schrieb – nicht wie im Exil, sondern in einem im Reich, das ganz von dieser Welt ist.
    Gut möglich, dass wir uns damals ganz verstanden, mein Sohn und ich: So viel lebenswertes Dasein kann einem spontanen Aufbruch entspringen … A travers les lignes de cyprès qui menaient aux collines près du ciel, cette terre rousse et verte, ces maisons rares et bien dessinées, je comprenais maman …

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Stucky, auch ich wünsche mir oft, solchen Verlockungen einfach folgen und aufbrechen zu können! Wenn Sie die Freiheit und Möglichkeit haben, ergreifen Sie sie! Ihre schöne Erinnerung zeigt ja, dass es sich lohnt. Mir geht es ähnlich, wenn ich daran denke, wie ich 2013 Joelle Calmettes spontan zusagte, zur Premiere seines Camus-Filmes nach Aix-en-Provence zu kommen. Für einen Tag von Wuppertal nach Aix! Jetzt ist es eine leuchtende Erinnerung an einen goldenen Oktobertag mit wunderbaren Begegnungen. In diesem Sinne: bon courage! Herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

  4. claudie menini sagt:

    Grosses bises lourmarinoises et un bel été pour toi, chère Anne-Kathrin. Claudie

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Merci mille fois, chère Claudie, et salutations à Lourmarin! Je voudrais pouvoir être là! Cordialement, Anne-Kathrin

  5. Ruth Schlette sagt:

    Wie gut, dass das zustande kommt, liebe Anne-Kathrin: Klaus Stoevesandt in Chambon-sur-Lignon! Als ich vor etwa 12 Jahren von der Drôme aus den Weg nach Chambon suchte, war der Ort dort einfach nicht bekannt. Weder als Rettungsort für so viele Juden, noch als Wegmarke im Leben und Schreiben von Albert Camus.
    Wir sind beide angetan von Deinem schönen Text; Heino freut sich besonders über das Foto „Panelier“. Kannst Du Klaus Stoevesandt bitte von ihm grüßen?
    Liebe Anne-Kathrin, den Blog-Text würde ich gern per Email verbreiten, aber irgendwie funktioniert das diesmal nicht. Kannst Du mir bitte helfen?

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Liebe Ruth, vielen Dank für Deinen Kommentar! Klaus Stoevesandt liest ja hier mit, sodass er die Grüße von Heino sogar direkt bekommt! 😉 Den Link schicke ich Dir per Mail, dann wird es hoffentlich klappen. Über die Verbreitung des Beitrags wird sich Herr Stoevesandt sicher genauso freuen wie ich! Danke dafür und herzliche Grüße an Euch beide, Anne-Kathrin

    • claudie menini sagt:

      Quelle plaisir de te lire ma chère Ruth. Je t’écrie plus longuement par mail. Je vous embrasse tous les deux. Claudie

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