In Gedanken noch einmal zurück zu Camus nach Lyon…

Zurückgekehrt aus Lyon habe ich natürlich sogleich den verlässlichen und nahezu allwissenden Olivier Todd aus dem Regal gezogen, um meine assoziativen Camus-Spaziergänge einer Realitätsprüfung zu unterziehen. Wegen technischer Blog-Probleme konnte ich davon leider bisher noch nicht berichten, was ich nun gerne nachhole – und dabei zumindest gedanklich noch einmal in diese schöne Stadt zurückreise…

Eine Adresse, die ich in Lyon hätte aufsuchen können, wenn ich das vorher nachgelesen hätte, ist 65 Cours de la Liberté: Hier, so berichtet Olivier Todd, war die Redaktion von Paris Soir, die wie viele französische Zeitungen im besetzten Frankreich von Paris nach Lyon umgesiedelt war. Hier arbeitet Camus’ ehemaliger Chefredakteur beim Alger Républicain und Freund Pascal Pia als Redaktionssekretär, und hier hatte er seinem Freund Albert eine ebensolche Stelle besorgt, als dieser 1940 von Paris nach Lyon kommt. Camus wohnt in einem bescheidenen Hotel-Zimmer in einem ehemaliges Bordell – die Innenausstattung amüsiert ihn, besonders der mit nackten Frauen ausgemalte Salon im Erdgeschoss, weiß Todd.¹

Das Rathaus von Lyon, wo Albert und Francine im Dezember 1940 geheiratet haben. Foto: Anne-Kathrin Reif

Als Albert in Lyon eintrifft, ist gerade seine Scheidung von Simone Hié ausgesprochen worden. Die jung geschlossene Ehe mit der drogenabhängigen Arzttochter Simone hatte bekanntlich keinen glücklichen Verlauf genommen, und inzwischen hatte er Francine Faure, eine junge Mathematiklehrerin aus Oran kennengelernt. Er hatte Francine versprochen, sie nach der Scheidung von Simone sofort zu heiraten. Francine kommt Ende November nach Lyon, am 3. Dezember heiraten sie standesamtlich im Rathaus. Sie suchen eine Wohnung, aber es kommt nicht mehr zum Umzug, da Paris Soir erneut Personal entlässt, diesmal auch Camus. Im Januar 1941 gehen Albert und Francine in Marseille an Bord und kehren nach Oran zurück. Pascal Pia bleibt in Lyon und hält brieflich Kontakt mit Camus. Und er sucht für ihn nach einer neuen Stelle in Lyon und Umgebung – sogar als Forstbeamter. Aber daraus wird nichts.

In Lyon organisiert sich derweil der Widerstand. Am 1. Januar 1942 springt der Résistance-Führer Jean Moulin mit dem Fallschirm über Frankreich ab, amerikanische Agenten bauen in Algerien Netzwerke auf. Pia arbeitet bereits für die Résistance in Lyon.²

Während Camus mit Francine in Oran lebt und beide mit Unterricht den Lebensunterhalt verdienen, bringt Gallimard im Juni in Paris Der Fremde in einer Auflage von 4400 Exemplaren heraus; im Oktober des selben Jahres erscheint auch Der Mythos von Sisyphos. Camus hat Anfang 1942 einen schweren Tuberkuloserückfall. Sein Arzt und Freund Cviklinski rät ihm zu einem Aufenthalt im französischen Bergland. In Francines Schulferien reisen die beiden mit dem Schiff nach Marseille, weiter mit dem Zug nach Lyon und weiter nach St. Etienne, dann mit einem Bummelzug nach Chambon-sur-Lignon und mit einem Karren die letzten Kilometer nach Le Panelier, wo Francines Familie eine Ferienwohnung besitzt. Francine bleibt bis zum Ferienende Ende September.³

Ende November 1942 will Camus Le Panelier verlassen und nach kurzem Aufenthalt in Lyon über Marseille nach Algerien reisen. Doch am 8. November landen die Amerikaner in Marokko und Algerien. Am 10. Oktober fällt Oran in die Hände der Alliierten. Camus verpasst die letzten Schiffe und kann nicht nach Algerien zurück (4). Er bleibt in Le Panelier, fährt alle zwei Wochen drei Stunden mit dem Zug nach St. Etienne, um seine Lunge behandeln zu lassen, und zweifellos auch das ein oder andere Mal nach Lyon, wo er unter anderem den Dichter René Leynaud trifft, wovon schon im letzten Beitrag die Rede war. Leynaud, überzeugter Katholik und Widerstandskämpfer, leitet seit Anfang 1942 die regionale Sektion der Combat-Bewegung. Insgesamt 15 Monate verbringt Camus im unfreiwilligen Exil in Le Panelier und arbeitet hauptsächlich an Die Pest.

Gehörte Le Chambon mit zu dieser regionalen Sektion von Combat? Von dem kleinen Ort, wo die hugenottisch geprägte Bevölkerung tausende Juden versteckte, zur Flucht verhalf und vor der Deportation bewahrte, war hier im Blog ja schon des öfteren die Rede. Heute braucht es von Lyon aus dorthin keine Halbtagesreise, aber für dieses Mal hat mich die Stadt so in ihren Bann gezogen, dass für einen größeren Ausflug keine Zeit mehr blieb. Und das ist ja auch schön, denn so bleibt immer wieder noch etwas übrig auf der Camus-Landkarte und für weitere Reiseberichte bei 365 Tage Camus. Euch und Ihnen begegnet Camus auch ab und an auf Reisen? Erzählen Sie mir doch davon hier in den Kommentaren. Ich würde mich freuen!

In diesem Sinne: Bon voyage à tous und wie immer à bientôt!

¹Olivier Todd: Albert Camus. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 278. ²a.a.O., S. 320f. ³a.a.O., S. 328. (4) a.a.O., S. 348.

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Auf den Spuren von Camus in Lyon…

…oder: Wie Camus und ich in Lyon Guignol, den kleinen Prinzen und den Freund René Leynaud treffen

Lyon: Blick von Croix Rousse auf den gegenüber liegenden Hügel mit der Kirche Notre-Dame de Fourvière. Alle Fotos im Beitrag©: Anne-Kathrin Reif

Lyon. Frankreichurlaub, das heißt bei mir ja quasi automatisch „Ausschauen nach Camus-Spuren“, da kann ich gar nichts gegen machen. Allerdings: Hier beim Osterurlaub in Lyon fällt mir auf, dass ich das wohl besser hätte vorbereiten müssen. Wo genau liegen die Verbindungsspuren zu Camus in dieser Stadt? Mehr als die Tatsache, dass Albert Camus und Francine Faure 1940 ausgerechnet hier geheiratet haben, fällt mir dazu spontan jedenfalls nicht ein. Also lasse ich mich einfach treiben durch diese Stadt, in der es so viel zu entdecken gibt: Da ist natürlich zunächst die historische Altstadt um St. Jean mit ihren mittelalterlichen (und natürlich wie überall auf der Welt touristisch überlaufenen) engen Gassen und den berühmten (aber schwer zu findenden) Traboules – jene engen Häuserpassagen, durch die die Seidenweber einst auf kurzen Wegen ihre Tuchballen transportieren konnten, ohne dass sie nass wurden. Die versteckten Gänge aufzuspüren steht wohl bei jedem Lyon-Besucher auf der Liste. – „Und das war zu Camus’ Zeit sicherlich auch nicht anders“, fällt mir da auf – und bin doch schon wieder auf der Camus-Spur…

Berühmt aber schwer zu finden: Die Traboules von Lyon.

Vielleicht sind Albert und Francine ja nach der Eheschließung im prächtigen Hôtel de Ville noch durch die Altstadt gebummelt. Pascal Pia, Camus’ Freund und Redaktionssekretär bei Paris Soir, wie viele Zeitungen aus dem besetzten Paris nach Lyon übersiedelt, kannte sich aus und hat den Freunden vielleicht die versteckten Traboules gezeigt. Anschließend könnten sie in einem der typischen Bouchons gegessen haben. Die Altstadt ist voll von diesen traditionellen kleinen, oftmals mit rotweiß gewürfelten Tischdecken ausgestatteten Lokalen, in denen lyoner Hausmannskost serviert wird. Ich entscheide mich für die berühmten Quenelles de brochet, Hechtklöße, während der Mann an meiner Seite unerschrocken andouillettes, Kuttelwurst, mit Senfsoße ordert. „Ganz köstlich“, befindet er. Was ich nicht bestätigen kann, da ich den Geschmackstest verweigere. Fest steht nur, dass ich jedenfalls meine Wahl nicht bereue, und dass diese Spezialitäten auch schon auf der Speisekarte gestanden haben dürften, als Camus dort gegessen hat – und irgendwo wird er ja wohl was gegessen haben, trotz chronisch knappen Budgets.

Bouchons, Guignol und Petit Prince an jeder Ecke…

Nicht nur die rotweißkarierten Tischdecken und allerlei Durcheinander an Töpfen und Tiegeln scheinen zur Standardausstattung der Bouchons zu gehören – auf Fensterscheiben, Speisekarten oder Wandmalereien (und auch sonst an diversen Stellen in der Stadt) entdecke ich immer wieder einen kleinen Gesellen, von dem man weiß, dass ihn auch Camus sehr gemocht hat: Das ist Guignol, der französische Kasper. Ich erinnere mich daran, dass Camus-Biograf Olivier Todd von der Vorliebe Camus’ für das Kaspertheater berichtet, vielleicht finde ich das zuhause wieder und kann die Quelle nachliefern. Jedenfalls wurde Guignol sozusagen in Lyon geboren, denn hier hat ihn ein gewisser Laurent Mourguet zwischen 1804 und 1808 erschaffen. Mourguet, selbst 1769 in Lyon geboren, stammte (wie auf Wikipedia nachzulesen) aus einer Familie von canuts, den Seidenwebern von Lyon, praktizierte aber ab dem Jahr 1797 als Zähneausreißer wie damals üblich auf Jahrmärkten und öffentlichen Plätzen und lenkte seine Patienten mit Puppenspiel vom Schmerz der rustikalen Behandlung ab. 1804 gab er diesen Beruf auf und wandte sich ganz dem Puppenspiel zu. Die von ihm mit zehn Kindern begründete Mourguet-Dynastie führte die Guignol-Tradition bis in die 2000er-Jahre fort. Ach, ich liebe solche Ausflüge in die Kulturgeschichte! Besonders, wenn sie auf meine alte Liebe, das Puppen- und Marionettentheater treffen.

Persönliche Begegnung mit Guignol im Musée des Marionettes.

Übrigens gibt es auch heute noch ein städtisches Guignol-Theater, das ich allerdings nicht aufgesucht habe. Dafür aber das in der Altstadt gelegene Musée des marionettes, wo ich einem Nachfahren von Guignol persönlich begegnet bin, wie man im Bild sieht. Das ganz zauberhafte Museum führt durch die Geschichte und Kulturen des Puppenspiels bis in die heutige Tage. Zudem ein echter Geheimtipp: In der 4. Etage gibt es ein sehr nettes Café, von dem aus man auf einen großzügigen Dachgarten gelangt, wo sogar Klappliegestühle für die Besucher bereitstehen. Bei schönstem Frühsommerwetter eine willkommene Ruhepause!

Als Nippesfigur, auf Taschen, Tassen und Postkarten hat aber heute ein anderer dem Guignol den Rang abgelaufen: Das ist Antoine de Saint-Exupérys „Kleiner Prinz“. Über die Verbindung zwischen Camus und „Saint-Ex“ habe ich hier im Blog schon einmal geschrieben– zufälliger Weise ebenfalls auf einem assoziativen Osterspaziergang, damals in Baden-Baden. Dem „petit prince“ ist Camus bei seinem Aufenthalt 1940 hier zwar sicher nicht begegnet, denn das Buch erschien erst 1943 (und die Vermarktung dürfte sowieso erst sehr viel später mit dessen Welterfolg eingesetzt haben). Aber Camus war ja sicher auch nach 1940 noch gelegentlich in Lyon, als er mehrere Monate im nicht allzuweit entfernten Le-Chambon-sur-lignon verbrachte und an La peste schrieb. Und als Fliegerlegende, Journalist (u.a. für Paris Soir) und erfolgreichem Autor (Vol de nuit, „Nachtflug“ war 1930 bei Gallimard erschienen) war der 1900 in Lyon geborene Saint-Exupéry ihm sowieso zweifellos schon früh bekannt. Heute erinnert eine moderne Statue am Rande des riesigen, zentralen Place Bellecourt an den Flieger-Schriftsteller und sein berühmtes Geschöpf. Ganz in der Nähe der ehemaligen Wohnung des Autors an der 1, Place Bellecourt sitzen die beiden hoch oben auf einer weißen Marmorsäule, auf der Zitate des kleinen Prinzen zu lesen sind. Und natürlich sind die beiden auch auf den großen Wandmalereien zu finden, die man heute über ganz Lyon verteilt entdecken kann. Auf einer der bekanntesten, der Fresque des Lyonnais mit vielen berühmten Lyoner Persönlichkeiten, sind Guignol und Le petit prince mit ihren „Vätern“ sogar Balkonnachbarn.


Die 1978 in Lyon entstandene Künstlergruppe Cité Creation hat mit diesen Wandmalereien viele triste Häuserwände und damit ganze Stadtviertel aufgewertet. Die mur des canuts, die Wand der Seidenweber, ist mit über 1200 Quadratmetern sogar die größte Wandmalerei Europas. Ich hätte mir gerne die sehr verstreut gelegenen Malereien auf einer Tour angesehen, musste aber auf Nachfrage bei der Touristeninformation überrascht feststellen, dass es ein solches zweifellos attraktives touristisches Angebot gar nicht gibt.

Nicht nur auf Hauswänden, auch auf Mauern gibt es großflächige, einem bestimmten Thema gewidmete Malereien – so die fresque de Montluc in der Nähe des Gefängnisses Montluc, die Jean Moulin gewidmet ist, dem Helden der Résistance. Dafür mache ich auf dem Rückweg von einem kulinarischen Ausflug zu Les Halles Bocuses stadteinwärts eigens einen Umweg zu Fuß, denn schließlich tut sich mit dem Thema Résistance eine weitere Camus-Verbindung auf. Auch eine mur de la résistance muss es ganz in der Nähe geben, aber der Fußweg durch das ausgesprochen öde Stadtviertel zieht sich so in die Länge, dass ich die Suche aufgebe. Außerdem kann ich ad hoc hier gar keine gesicherten Details zum Thema Résistance-Lyon-Camus widergeben und beschließe, das zuhause nachzuholen.

Nach dem Eindruck dieser wirklich uncharmanten Gegend mit vielen modernen Bürohäusern, breiten Straßen, großen Kreuzungen und viel Ödnis tut es gut, auf den Hügel Croix Rousse hinaufzufahren. Oben zieht sich ein ausgedehnter Markt den Boulevard entlang, und das aus nur drei Zimmerchen bestehende Musée des canuts gibt einen Einblick in die Tradition der Seidenweberei und Seidenraupenzucht (leider ohne Seidenraupen). Ein Weg führt über ein Plateau, von dem aus man einen phantastischen Blick über die Stadt hat, durch das Viertel Croix Rousse hinab, es gibt kleine Läden, Cafés und Ateliers. Gewohnheitsmäßig schaue ich vor einer Buchhandlung in die Kästen mit gebrauchten Büchern und fische eine ältere Ausgabe von Camus’ La Chute heraus. Da der Platz zuhause einfach nicht reicht, habe ich aufgehört, alle Fundstücke mitzunehmen und sammle nur noch mit dem Fotoapparat. Während ich also diese Trouvaille dokumentiere, fragt mich ein lässig ans Auto gelehnter junger Mann, was ich da tue und warum… und gibt sich nach meiner Erklärung als Besitzer der Buchhandlung zu erkennen. Obwohl er verstanden hat, dass ich nichts kaufen will, klettert er sogleich auf der Suche nach weiteren Camus-Exemplaren die Bücherleiter im Laden hoch. Leider findet er nur noch eine ganz gewöhnliche Gallimard-Ausgabe von Le Premier homme – aber eine schöne, freundliche Begegnung am Rande ist ja auch ein schöner Fund, den man als Erinnerung mit nach Hause tragen kann.

Nur wenige Schritte später, als ich gar nicht mehr mit weiteren Camus-Spuren in Lyon rechne, tut sich unverhofft doch noch einmal ein ganzes großes Camus-Thema auf: Die Straße, in die ich gerade einbiege, heißt Rue René Leynaud: Benannt nach dem Dichter und Résistance-Aktivisten René Leynaud, der 1910 in Lyon geboren wurde und 1944 von der Gestapo erschossen wurde. Er war Camus ein teurer Freund, ihm widmete er die Briefe an einen deutschen Freund, stand mit ihm im Briefwechsel, verfasste einen bewegenden Nachruf nach dessen Tod und schrieb ein Vorwort zu Leynauds posthum herausgegebenen Gedichten. Auch das ein Thema, dem ich mich gerne noch einmal intensiver widmen möchte, und das ich als Anregung mit nach Hause nehme.


Dass René Leynaud 1910 in Lyon geboren wurde, hatte ich natürlich nicht im Kopf. Ich habe es bei Wikipedia nachgesehen und dabei erfahren, dass ich an dieser Stelle Camus noch viel näher war, als ich in dem Moment gedacht hatte: Camus übernachtete oftmals bei Leynaud in seinem Zimmer in der Straße Vieille Monnaie auf dem Hügel La Croix Rousse, steht dort zu lesen, und dazu ein Auszug aus seinem Vorwort zu den Gedichten Leynauds:


„Im Jahr 1943, wenn ich nach Lyon kam, habe ich oft bei ihm in der Straße Vieille Monnaie in seinem kleinen Zimmer übernachtet, das seine Freunde gut kannten. Leynaud war zuvorkommend, ohne sich zu brüsten, dann holte er Zigaretten aus einem Sandsteintopf hervor und teilte sie mit mir. In meiner Erinnerung sind diese Stunden die der Freundschaft geblieben. Leynaud, der anderswo schlief, verweilte bis zur Ausgangssperre bei mir. Um uns herum richtete sich die schwere Stille der Besatzungsnächte ein. Diese große und düstere Stadt des Komplotts, die Lyon zu der Zeit war, leerte sich nach und nach. Aber wir sprachen nicht vom Komplott. Übrigens sprach Leynaud, wenn es nicht unbedingt notwendig war, nie davon. Wir tauschten Neuigkeiten von unseren Freunden miteinander aus. Wir sprachen einige Male über Literatur. Aber zu dieser Zeit schrieb er nichts. Er hatte beschlossen, dass er nachher arbeiten würde […] Für Leynaud war alles einfach, er würde sein Leben wieder dort aufnehmen, wo er es liegen gelassen hatte, weil er sein Leben gut fand. Schließlich musste er einen Sohn groß ziehen. Und Leynaud, der selten aus sich herausging, genügte der Name seines Sohnes, um seine Augen zum Leuchten zu bringen.“

(Vorwort zu den Poésies posthumes von René Leynaud, 1947).

Die Stadtverwaltung von Lyon beschloss bereits am 9. Juli 1945 zu Ehren René Leynauds die rue Vieille Monnaie in rue René Leynaud umzubenennen.


Eine „große und düstere Stadt“ ist Lyon heute längst nicht mehr. Im Gegenteil: Sie ist an diesen Ostertagen leuchtend hell und frühsommerlich südlich-warm, pittoresk und großstädtisch zugleich und voll von Kultur. Neben dem historischen Lyon sind nicht nur öde moderne Büroviertel entstanden, sondern auch das Viertel Confluence am Zusammenfluss von Rhône und Saône mit außergewöhnlicher moderner Architektur und dem Musée des Confluences, das jetzt auf meinen Besuch wartet. Aber da, so viel steht fest, war Camus ganz bestimmt nicht.


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Vom Universum der Bilder – das Zufallszitat zum Sonntag

Die Bücherei enthielt hauptsächlich Romane, aber viele waren für Jugendliche unter fünfzehn Jahren verboten und standen gesondert. Und die rein intuitive Methode der beiden Kinder stellte keine wirkliche Auswahl dar. Doch der Zufall ist nicht das Schlechteste in Sachen Kultur, und indem sie alles durcheinander verschlangen, führten sich die beiden Gefräßigen gleichzeitig das Beste und das Schlechteste zu Gemüte, ohne sich übrigens darum zu kümmern, etwas zu behalten, und sie behielten tatsächlich auch fast nichts als ein seltsames, mächtiges Gefühl, das im Lauf der Wochen der Monate und der Jahre in ihnen ein ganzes Universum von Bildern und Erinnerungen entstehen ließ, die nicht zurückführbar waren auf die Realität, in der sie täglich lebten, aber mit Sicherheit nicht weniger präsent für diese leidenschaftlichen Kinder, die ihre Träume genauso ungestüm erlebten wir ihr Leben.

Das Zufallszitat ist heute nur halb zufällig, denn Der erste Mensch, woraus das Zitat stammt, habe ich ausnahmsweise gezielt aus dem Regal gezogen, gewissermaßen als Geburtstagsbeitrag: Gestern vor 25 Jahren wurde Le Premier homme erstmals bei Gallimard in Frankreich veröffentlicht, nachdem das Manuskript 34 Jahre lang mehr oder weniger unter Verschluss gelegen hatte. Erst seitdem wissen wir so viel über Camus‘ Kindheit und Jugend in Algerien aus erster Hand, nirgendwo sonst in seinem Werk kommt man dem Menschen Camus so nahe (vielleicht mit Ausnahme einiger Passagen aus den Carnets). Dass aber nun ausgerechnet die zufällig aufgeschlagene Seite einen Satz über den Zufall enthält, ist natürlich wiederum ein besonders hübscher Zufall – und so ist vielleicht auch mein Zufallszitatspiel hier „nicht das Schlechteste in Sachen Kultur.“ Bleiben wir also gefräßig und leidenschaftlich wie diese beiden Kinder, von denen einer Camus war… In diesem Sinne: Allen noch einen schönen Sonntag und à bientôt!

Albert Camus, Der erste Mensch. Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 1995, S. 277

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Eine Liebeserklärung an das Meer – das Zufallszitat zum Sonntag

Wunderbare Nacht über dem Atlantik. Diese Stunde, die von der verschwundenen Sonne zum gerade erst aufgehenden Mond reicht, vom noch leuchtenden Westen zum schon dunklen Osten. Ja, ich liebe das Meer sehr – diese ruhige Unermesslichkeit – dies wieder bedeckten Furchen des Kielwassers – diese flüssigen Straßen. Zum ersten Mal ein dem Atmen des Menschen angemessener Horizont, ein Raum, so groß wie seine Kühnheit. Ich bin immer hin und her gerissen gewesen zwischen meinem Hunger nach Menschen, der Eitelkeit der Betriebsamkeit und dem Wunsch, mich jenen deren des Vergessenes anzugleichen, jenem maßlosen Schweigen, das wie der Zauber des Todes ist. Ich habe Gefallen an den Eitelkeiten der Welt, an meinen Mitmenschen, an den Gesichtern, aber neben dem Leben der Welt habe ich einen eigenen Maßstab – das Meer und all das, was in dieser Welt ihm gleicht. O Süße der Nächte, in denen alle Sterne funkeln und über die Masten hingleiten, und diese Stille in mir, diese Stille endlich, die mich von allem erlöst.“

Albert Camus, Reisetagebücher, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt, Reinbek 1980, S. 43.

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Für mich ist das Zufallszitat heute eines, das die Sehnsucht weckt… Und die Zwiespältigkeit, von der Camus spricht, kenne ich selbst auch allzu gut. Sinnlos, sie auflösen zu wollen. Aber gut, wenn man beides im Leben haben und genießen kann, die Geselligkeit unter den Mitmenschen, und die schweigende Einsamkeit, die Raum zum Atmen gibt. Ich wünsche allen Blog-Lesern und Camus-Freundinnen, dass sie heute genau das Passende für sich finden – in diesem Sinne: Allen einen schönen Sonntag und à bientôt!

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Von der Sehnsucht nach dem Frühling – Das Zufallszitat zum Sonntag

Das Missverständnis steht im April wieder beim Konzerttheater Bern auf dem Spielplan. Foto: Tanja Dorendorf

„Jan: Die Abende sind überwältigend. Ja, es ist ein schönes Land.

Martha in verändertem Ton: Ich habe viel daran gedacht. Gäste haben mir davon erzählt, und ich habe gelesen, was mir nur in die Hände kam. Oft denke ich wie heute inmitten des herben Frühlings dieses Landes an das Meer und an die Blumen dort drüben. Pause, dann dumpf: Und was ich mir vorstelle, macht mich blind für alles, was mich umgibt.

Jan: Das verstehe ich. Der Frühling dort drüben schnürt einem die Kehle zu. Zu Tausenden erblühen die Blumen über den weißen Mauern. Wenn Sie eine Stunde auf den Hügeln spazierengingen, zwischen denen meine Stadt liegt, würden Sie in Ihren Kleidern den Honigduft der gelben Rosen nach Hause tragen.

Martha: Wie herrlich das ist! Was wir hierzulande Frühling nennen, ist eine Rose mit zwei Knospen, die im Klostergarten sprießt. (…)“

Albert Camus, Das Missverständnis, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 96

Das Zufallszitatspiel spült heute eine Szene aus Das Missverständnis herauf. Jan, der verlorene, nun unerkannt zurückgekehrte Bruder, erzählt Martha von seiner Heimat (in der unschwer Camus’ Algerien zu erkennen ist). Während das Gespräch in ihm die Hoffnung auf eine aufkeimende Nähe und das „Erkannt werden“ durch Mutter und Schwester nährt, bestärkt es diese tatsächlich in ihrem Entschluss, den unbekannten Gast, der ihr Sohn und Bruder ist, umzubringen.

Fürwahr eine düstere Geschichte, die man auch als Mahnung lesen kann. In diesem Sinne: Genießt den Frühling, wo auch immer!

  • Das Missverständnis wird im April wieder gespielt beim Konzerttheater Bern am 5. und 12. April 2019 (Regie: Claudia Meyer). Szenenfoto oben: Tanja Dorendorf.
    Eine Premiere gibt es am 4. Mai beim Amateurtheaterverein Pforzheim e.V. (Regie: Susanne Lehmann), Infos

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Wenn man zu viel arbeitet – Das Zufallszitat zum Montag

So ergeht es allen: Man heiratet, man liebt noch ein bisschen, man arbeitet. Man arbeitet so viel, dass man darüber das Lieben vergisst.“


Das sagt Joseph Grand in Die Pest, der weiß, wovon er spricht: Er hat einst die Liebe zu Jeanne darüber verloren. Sie hatte lange ausgeharrt, aber irgendwann war sie gegangen. Das von mir heute ziemlich spät ausgewürfelte „Zufallszitat“ passt doch sehr schön zum Beginn einer neuen Arbeitswoche… In diesem Sinne: Vergesst das Lieben nicht!

Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 94.

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Was unsere Aufgabe in der Welt ist – das Zufallszitat zum Sonntag

„Was immer wir tun, die Maßlosigkeit wird stets ihren Platz im Herzen des Menschen bewahren, wo die Einsamkeit beheimatet ist. Wir tragen alle unsere Kerker, unsere Verbrechen und Verheerungen in uns. Doch unsere Aufgabe ist es nicht, sie in der Welt zu entfesseln, sondern sie in uns und in den andern zu bekämpfen.“

Ich gebe zu: Das Zufallszitat ist heute nicht ganz so zufällig. Ich habe nämlich drei Mal gewürfelt, bis mein Blick auf diese Zeilen fiel. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich dieses Zitat nicht schon einmal im Blog hatte. Aber im Angesicht der Weltlage im Allgemeinen und mit Blick nach Neuseeland im Besonderen denke ich: Daran kann man nicht oft genug erinnern. Wenn doch nur auch die Menschen sie lesen und beherzigen würden, die gerade das Gegenteil tun. Aber die lesen hier natürlich nicht mit. Sei’s drum! Fangen wir bei uns selbst an. In diesem Sinne: Bon courage und allen noch einen schönen Sonntag!

Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Aus dem Französischen übertragen von Justus Streller. Neubearbeitet von Georges Schlocker unter Mitarbeit von Francois Bondy. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1969, S. 224.

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Camus auf den deutschsprachigen Bühnen im Frühjahr

Matthias Hermann als Caligula am Theater Lübeck. Foto: Kerstin Schomburg

Wieder mal ein trüber Sonntag, der sich bestens für eine kleine Fleißarbeit eignet: Was von den zu Jahresbeginn angekündigten Camus-Stücken steht im März und April noch auf den Spielplänen? Ich habe also die Webseiten durchgeflöht und mich auf den aktuellen Stand gebracht, den ich natürlich gern mit Ihnen und Euch teile.

In Münster hat sich Caligula bereits verabschiedet, in Düsseldorf gibt es bis Saisonende jedoch noch drei Vorstellungen, von denen zwei am 5. April und am 4. Mai schon angekündigt sind. Offenbar läuft die knallbunte Inszenierung von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus (bzw. in der Dependance an der Worringer Straße) mit einigem Erfolg, und dass ich weniger begeistert war, soll niemanden abhalten, sie sich anzuschauen (Schauspielhaus Düsseldorf, meine Kritik im Blog hier).

Auch am Theater Lübeck hört Caligula nicht auf, nach dem Mond zu verlangen; dort ist die Inszenierung von Mirja Biel noch bis zum Ende der Spielzeit zu sehen. Die nächsten Termine: 30. März, 12. und 18. April, 3., 11. und 26. Mai.

Von drei mal Das Missverständnis sind ebenfalls noch zwei dabei: Am 12. März am Deutschen Theater Berlin (Regie: Jürgen Kruse, mit englischen Übertiteln) und am Konzerttheater Bern in der Schweiz am 20. März, 5. und 12. April und 1. Mai (Regie: Claudia Meyer).

Noch bis zum 13. März tourt das Xenia-Theater aus Karlsruhe mit einer Bühnenmonologfassung von Camus Novelle Der Gast (L’Hôte) in französischer Sprache im süddeutschen Raum (Infos). Von Die Gerechten ist lediglich Sebastian Baumgartens Inszenierung am Berliner  Gorki Theater  übrig geblieben. Nur noch zwei Vorstellungen gibt es in dieser Spielzeit, nämlich am 15. März und 4. April.

Der Fremde ist sogar wieder neu aufgetaucht: Das Societaetstheater Dresden, hat nämlich seine zuletzt im November 2018 gezeigte Fassung (Regie: Arne Retzlaff) wieder im Programm, und zwar am 27. und 29. März 2019.

DER FALL von Albert Camus als Koproduktion mit der Tanzkompanie bo komplex am Euro Theater Central in Bonn (mit Johannes K. Prill und Olaf Reinecke). Foto: Lilian Szokody

Und dann ist da nicht zuletzt Der Fall am kleinen Euro Theater Central in Bonn. Unter den in jüngerer Zeit zahlreicher gewordenen Dramatisierungen seiner Texte für die Bühne kommt gerade dieser noch eher selten vor. Tatsächlich drängt sich eine Bühnenfassung auch nicht unbedingt auf – handelt es sich doch um einen einzigen langen Monolog, bei dem das angesprochene Gegenüber weder hör- noch sichtbar wird. Eine Herausforderung für Schauspieler ebenso wie für das Publikum, zumal der Protagonist Jean-Baptiste Clamence nach eigenem Bekenntnis eine Schwäche für eine „gewählte Ausdrucksweise und eine gehobene Sprache überhaupt“ hat. Da ist die Gefahr groß, dass das zu steif über die Rampe kommt. Wie entgeht man dieser Gefahr und bringt Bewegung in die handlungsarme Geschichte? Nun: Eben indem man im wörtlichen Sinne Bewegung hineinbringt. Das Euro Theater kooperiert nämlich mit der Tanzkompanie bo komplex und hat das Stück mit einem doppeltem Clamence, einem Schauspieler und einem Tänzer besetzt. Der Text verteilt sich auf beide, wobei Johannes K. Prill als Schauspieler naturgemäß der größere Anteil zukommt. Weitere Textteile, ebenfalls von beiden gesprochen, werden aus dem Off eingespielt. Eine kluge dramaturgische Entscheidung, hilft es doch nicht nur dem Protagonisten die trotz Kürzungen gigantische Textmenge zu bewältigen sondern hilft auch dem Publikum, bei der Stange zu bleiben. Die Inszenierung von Bärbel Stenzenberger verzichtet auf jedweden szenischen Naturalismus – im Grunde ist alles nur Text und Bewegung. Wenn man sich darauf einlässt (was bei mir nun schon eine Weile zurückliegt), ein gerade aufgrund der großen Nähe zwischen Bühne und Zuschauerraum in dem zauberhaften kleinen Theater ein erfreulich intensives Erlebnis.

  • Vorstellungen sind wieder am 21. März und am 2. April 2019, sowie am 20. März und am 3. April in französischer Sprache. Euro Theater Central, Münsterplatz-Dreieck/ Eingang Mauspfad, 53111 Bonn. Telefonische Reservierung 0228/ 65 29 51. Karten gibt es in der Regel noch an der Abendkasse, da aber Spielplanänderungen stets vorbehalten sind, sollte man sich vorab informieren (www.eurotheatercentral.de).
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Camus über Bildhauerei (das Zufallszitat zum Sonntag)


Vielleicht zieht mich meine Vorliebe für den Stein so stark zur Bildhauerei hin. Sie verleiht der menschlichen Gestalt wieder jenes Gewicht und jene Unempfindlichkeit, ohne die sie mir keine Größe zu besitzen scheint.“

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Skulptur von Alfred Hrdlicka im Wuppertaler Engelsgarten. Foto: Anne-Kathrin Reif

Zufallszitat, die Spielregel: ein Camus-Werk aus der Lostrommel (Einmachglas) ziehen, Seitenzahl auswürfeln. Stehenlassen – egal wie sinnvoll oder seltsam es erscheinen mag. Ein kleiner oder größerer Impuls für den Tag, für die Woche… Macht was draus!

Mich regt das heutige Zitat dazu an, euch eine Bildhauerarbeit aus „meiner“ Stadt mitzuschicken, die zu Camus passt, wie ich finde: die Skulptur Die starke Linke des Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka (1928-2009). Die Skulptur aus acht Tonnen weißem Carraramarmor soll den Freiheitskampf der Arbeiter symbolisieren. Sie zeigt mehrere ineinander verschlungene männliche Körper, bei denen die Hände mit Ketten aneinander gefesselt sind. Ein starker linker Arm versucht, sich davon zu befreien. 1981 wurde sie im „Engelsgarten“ gegenüber dem Engelshaus in Wuppertal aufgestellt, in dem an den Wuppertaler Fabrikantensohn und Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus Friedrich Engels (1820-1895) erinnert wird.

Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden noch einen schönen sonnigen Sonntag!

Zitat: Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister.  Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963, 1967, S. 168. Eintrag aus 1943.

Zum Start der Reihe „Zufallszitat“: Neues Jahr, neues Spiel – das Zufallszitat zum Sonntag oder Camus geht in die Oper

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„Le premier homme“ als Bilderbuch für Erwachsene

Souvenir der letzten Frankreich-Reise: Bei einem Sight-Seeing-Zwischenstopp in der Saline royale in Arc-en-Senans fand sich dort überraschend eine Ausstellung mit Originalen von Jacques Ferrandez‘ Camus-Adaptionen.

Wuppertal, Samstag, 9. Februar 2019. Heute Abend macht Joachim Król auf seiner Erfolgstour mit Camus’ Der erste Mensch Station im Wuppertaler Opernhaus. Ein Camus vor Ort – und ich gehe nicht hin? Nun, ich habe die Vorstellung ja schon im vergangenen Jahr in Düsseldorf gesehen und hier besprochen, und für ein zweites Mal hat meine (leicht verhaltene) Begeisterung dann doch nicht gereicht. Aber es hat mir den Anstoß gegeben, es mir an diesem verregneten Wochenende auf der Couch gemütlich zu machen und noch einmal in aller Ruhe in Jacques Ferrandez Version von Le premier homme als bande dessinée einzutauchen. Die ist nämlich so großartig, dass man sie immer mal wieder vornehmen und seine Freude daran haben kann. Wer die bandes dessinées oder graphic novels aus Unkenntnis gedanklich immer noch in der Kinder-Comic-Ecke einsortiert, dem seien die Camus-Adaptionen von Ferrandez wirklich ans Herz gelegt. Außer Le premier homme gibt es noch L’Hôte und L’Etranger aus seiner Feder, alle drei bei Gallimard erschienen – leider gibt es nur letzteren auch in deutscher Übersetzung bei Stuart & Jacoby.

Es ist Nacht, ein Pferdekarren kämpft sich über ein kaum befestigtes Schottersträßchen, es schüttet, auf dem Karren liegt eine Frau in den Wehen… Wie Camus’ biographischer Roman beginnt auch Ferrandez mit der Fahrt über Land und der Geburt auf dem Lehmboden der Küche, nachdem das Paar sein Ziel erreicht hat. Es ist Camus’ eigene Geburt auf dem Weingut Saint-Apôtre, wo sein Vater als Verwalter angestellt war, eine Tages- und eine Nachtreise entfernt von Algier.

Wie im Roman spielt die nächste Szene 40 Jahre später, als Jacques Cormery, wie Camus sein alter ego genannt hat, auf dem Soldatenfriedhof von Saint-Brieuc in der Bretagne das Grab seines im ersten Weltkrieg gefallenen Vaters besucht, den er kaum gekannt hat. Ein gut aussehender Typ im Trenchcoat, dieser Cormery wie Jacques Ferrandez ihn zeichnet, mit einem ganz leicht abgeknickten Ohr – unverkennbar eine Reminiszenz an Camus, aber doch ohne direkte Porträtähnlichkeit: Er ist es, und er ist es nicht – so wie Camus über sich und sein Leben schreibt und das Ganze doch in Romanform ein Stück weit von sich weggerückt hat.

Das Cover von Le premier homme. ©Gallimard

Wenig später reist Cormery per Schiff nach Algerien. Im Halbschlaf in der heißen Kabine vor sich hin dämmernd überfallen ihn die Erinnerungen an seine Kindheit. Er ist inzwischen ein gefeierter Autor. Um das deutlich zu machen, schiebt Ferrandez eine Szene aus Paris dazwischen, in der er wunderbar einfängt, wie Camus sich in diesem gesellschaftlichen Pariser Leben als Fremder fühlt, selbst wenn er im Mittelpunkt steht. Und dann die Überfahrt nach Algier. In Rückblenden entfalten sich die Geschichten der Kindheit – das Hinausstürmen zu den Freunden, nachdem der verhasste Mittagsschlaf mit der furchteinflößenden Großmutter überstanden war. Die Fahrt mit der Bahn zum Strand, das Baden im Meer. Der Hundefänger auf der Jagd nach Streunern. Mit dem Onkel und seinen Kumpels auf Hasenjagd gehen. Die Schläge der Großmutter.

So geht es weiter zwischen Szenen des erwachsenen Cormery auf der Suche nach seinen Wurzeln und Rückblenden in die Kindheit. Ferrandez fängt die großen, wichtigsten ein und schafft es stets, ihre besondere Atmosphäre spürbar zu machen. Dabei erscheint seine Bildwelt zugleich ausgesprochen detailreich wie mit klarem Strich aufs Wesentliche konzentriert. Anders als bei Der Fremde und Der Gast, wo viel geschwiegen wird, gilt es diesmal, auch viel Text in dieser Bildergeschichte unterzubringen. Aber auch das gelingt Ferrandez fabelhaft in Kombination von direkter Rede (in Sprechblasen) und begleitendem Text, immer wieder unterbrochen von Bildern, die  ganz ohne Text auskommen aber genauso sprechend sind. Aufgrund der großen Textmenge hat man dieses „Bilderbuch“ nicht mal schnell durchgeblättert sondern kann damit gut und gern ein regnerisches Wochenende wie dieses auf der Couch verbringen.

Camus Roman Le premier homme ist bekanntlich ein Fragment geblieben, sowohl von der geplanten Stoffmenge als auch hinsichtlich Anmerkungen für zu überarbeitende Stellen und wohl auch ohne den letzten sprachlichen Schliff. In der gezeichneten Version von Jacques Ferrandez erscheint Le premier homme wie aus einem Guss.

  • Jacques Ferrandez, Le premier homme. D’après l’oeuvre d’Albert Camus. Gallimard, Paris 2017, 184 p., 210 x 280mm, 24,50 Euro.

Jacques Ferrandez zeichnet „Le premier homme“:

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