Zwischen einsamer Geisteshöhe und kindlichem Spiel: Roberto Ciullis „Wir Nietzsche“ am Theater an der Ruhr

Es gibt diese seltenen Abende, an denen Theater nicht nur erzählt, sondern verwandelt. Wenn aus Philosophie Spiel wird, aus Gedanken Körper, aus Geschichte Gegenwart. Roberto Ciulli gelingt mit „Wir Nietzsche“ genau das: ein Stück über den Geistesgipfelstürmer Nietzsche, das gleichermaßen zugänglich wie tiefgründig ist – und das dringend gesehen werden will, solange noch Gelegenheit dazu ist.

M.S. Kharouf (mit Pferd), Maria Neumann als Nietzsche. Bühne: Elisabeth Strauß. Foto: Franziska Götzen

Wuppertal/Mülheim a.d.Ruhr. Dass ich hier im Blog gerne Verbindungen herstelle und von Camus aus auch mal um die Ecke denke, wisst Ihr ja schon. – Jetzt muss ich gerade an die Dame denken, die mir einst mitteilte, sie schätze meine Inhalte hier sehr, könne aber dieses moderne Geduze nicht akzeptieren, und würde sich deshalb vom Blog abmelden… Aber ich schweife ab, und dabei ist gar keine Zeit zum Abschweifen. Denn worum es heute geht, ist eine ganz dringende Empfehlung für einen Vorstellungsbesuch beim Theater an der Ruhr in meiner Heimatstadt Mülheim, es gibt nämlich nur noch vier Vorstellungen in dieser Spielzeit, und die erste ist schon am heutigen Freitagabend, die nächste übermorgen (26. April), und dann noch zwei Ende Mai: Vier Vorstellungen des großartigen Stücks von Roberto Ciulli „Wir Nietzsche“.

Um von Camus zu Nietzsche zu kommen, muss man gar nicht um die Ecke denken, die Linie geht direkt vom einen zum anderen. Camus ist durch das Denken Nietzsches hindurchgegangen, er folgt seiner Spur, um schließlich an entscheidender Stelle abzubiegen und seinen eigenen Weg fortzusetzen. Aber das führt für einen kleinen Blogbeitrag an dieser Stelle natürlich zu weit, ich würde gar nicht fertig werden, und Sie hätten keine Zeit mehr, sich Theaterkarten zu besorgen. Das aber sollten Sie, solltet Ihr unbedingt tun – und zwar ganz unabhängig vom Umfang eventueller Nietzsche-Vor- oder Unkenntnis.

Und weil es ja jetzt schnell gehen muss, fasse ich mal kurz zusammen, was sonst am Ende einer ausführlichen, ordentlichen Theaterkritik stehen würde:

Dem großen alten Theaterzauberer Roberto Ciulli ist mit „Wir Nietzsche“ wieder einmal ein Kunststück gelungen: Das Kunststück, einen riesenhaft komplexen Stoff so zugänglich zu machen, dass man davon staunend schauend gepackt wird, dass man im Herzen berührt und im Kopf gehörig bewegt wird und das alles auch nach Ende der Vorstellung noch lange nachwirkt.

Nietzsche Maria Neumann (vorne) und Eva Mattes, Elisabeth Förster-Nietzsche. Foto: Franziska Götzen

Den Anfang macht eine Geschichtsstunde, in der das achtköpfige Ensemble das Leben Nietzsches mit seinen wichtigsten Stationen rekapituliert und damit eine solide Ausgangsbasis für das Verständnis dessen schafft, was im weiteren folgen wird. Und eben dieses weitere ist es, was das Wunder Theater zelebriert. Das einmal mehr zeigt, was Theater doch eigentlich ist, nämlich: Spiel. Spiel, wie Kinder spielen, wo jeder alles sein kann, wo nur beschränkte Erwachsene in einem galoppierenden Spieler mit einem auf den Rücken geschnallten Pappmascheetorso kein leibhaftiges Pferd sehen würden.

Und so erstaunt es zwar aber verwundert nicht, wie die zierliche Maria Neumann in diesem Kosmos durch und durch glaubwürdig diesen Giganten des Geistes verkörpert, der am Ende vielleicht von der Syphilis zerfressen, vielleicht aber auch an seinen eigenen Gedanken zerbrochen und von Dämonen verfolgt seine Jahre unter Verwahrung durch seine übermächtige Schwester verdämmert. Eva Matthes verleiht dieser Elisabeth eine in jeder Beziehung beeindruckende Gestalt, schillernd in vermeintlicher Fürsorglichkeit, herrisch, geltungssehnsüchtig und skrupellos in der Weise, das Werk ihres Bruders in ihren Besitz zu bringen und für ihre eigene ideologische Agenda zu manipulieren.

Und das ist das weitere Wunder dieses Theaterabends: Wie es gelingt, in all diesem spielerischen Spiel so viel philosophische Essenz aus diesem Riesenwerk herauszudestillieren. Und dabei vorzuführen, wie man es sträflich missbraucht hat für nationalistische, antisemitische Zwecke, Elisabeth dabei als treibende Kraft. Dagegen kaum einer, der bissiger gegen deutschtümelnden Nationalismus ätzen und sich deutlicher gegen grassierenden Antisemitismus aussprechen würde als Nietzsche – den wir in diesem Teil des Stücks ausschließlich in Originalzitaten aus seinen Schriften und Briefen sprechen hören. Schon für diese Textcollage gebührt allen Beteiligten allerhöchste Anerkennung.

Eva Mattes als Nietzsches Schwester, die sein Werk buchstäblich an sich reißt. Foto: Franziska Götzen

Aber daraus ist eben nicht bloß eine ansprechende Einführung in Leben und Denken Nietzsches geworden, sondern ein Theaterabend, der dieses Leben und Denken so verlebendigt, dass es tatsächlich spürbar wird. Dass man erschüttert denkt: Mein Gott, was für ein Leben. Wie ungeheuerlich das ist, wenn einer sich traut zu denken, was noch keiner gedacht hat. Und es zu Ende denkt, um den Preis eisiger Einsamkeit und bis der Geist selbst zerspringt.

Dass es ein solcher Theaterabend geworden ist, das ist ganz und gar die Handschrift des großen alten Theaterzauberers Roberto Ciulli in seinem 93sten Lebensjahr.

Wir hören seine altersweise Stimme vom Band als Epilog, der klingt wie ein Vermächtnis, das er sich zu eigen gemacht hat:

„Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst mir auch die
Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr
steht auch auf dem Kopf!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir
diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.
Keinen anderen fand ich heute stark genug dazu.
Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt,
ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-
Leichtfertiger: –
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger,
kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt: ich selber
setzte mir diese Krone auf!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr höheren
Menschen, lernt mir – lachen!“

(aus: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (vierter Teil, Abschnitt Von höheren Menschen).

  • „Wir Nietzsche“, Stück von Roberto Ciulli (UA am 20.2.2026). Besetzung: Eva Mattes, Maria Neumann, Kara Schröder, Bernhard Glose, Klaus Herzog, Mohammad Saado Kharouf, Fabio Menéndez, Joshua Zilinske. Bühne/Kostüme: Elisabeth Strauß.
    Vorstellungen: 24./26. April, 30./31. Mai 2026.
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    Infos und Tickets: www.theateranderruhr.de
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  • Trailer zum Stück: https://www.youtube.com/watch?v=F95fK5DYGh4&t=10s

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Ein Abend im Café Camus – Wie „Der Fremde“ Fremde zusammenbrachte

Impressionen vom philosophischen Abend zu Camus‘ Der Fremde am 25.2.26 im Café Camus. Links unten haben mich Basim Ghomorlou und Katharina Müller in die Mitte genommen. ©privat

Was denn, schon eine Woche her? So lange liegt der wunderbare Abend im Bonner Café Camus nun schon zurück, aber ich will doch unbedingt hier noch festhalten, wie gern ich daran zurückdenke. „Wie fremd ist uns Der Fremde?“ hatten wir uns gefragt, und sind nach einer kleinen Einführung meinerseits zur Stellung von Camus‘ erstem veröffentlichten Roman in seinem Leben und Werk darüber sogleich in ein ausgesprochen angeregtes und anregendes Gespräch gekommen. Selten habe ich ein Publikum erlebt, das so unterschiedlich zusammengesetzt und zugleich so aufmerksam, konzentriert und offen für den Austausch verschiedener Positionen und individueller Wahrnehmungen ist, wie es an diesem Abend im voll besetzten Café der Fall war. Im Altersspektrum von jungen Studierenden bis zu Teilnehmern deutlich hinter der Pensionsgrenze trafen Neugierige, die bislang noch gar nichts mit Camus zu tun hatten, auf eingeschworene Leserinnen und Leser – und auf solche, die den Fremden gerade erst im Kino in der Neuverfilmung durch Francois Ozon kennengelernt hatten.

Wie großartig zu erleben, wie sehr Camus‘ Roman mit seinem rätselhaften Protagonisten Meursault noch heute packen kann, wie viel Stoff zum Nachdenken, zur Reflexion und Selbst-Reflexion er bereithält. „Aber wenn er seine Mutter geliebt hätte, hätte er sie im Altenheim besucht!“, ist sich eine Teilnehmerin in ihrem moralischen Urteil über Meursault gerade noch vollkommen sicher – um kurze Zeit später nachdenklich festzustellen, dass sie damit gerade quasi mit im Gerichtssaal bei jenen sitzt, die ihn zum Tode verurteilen, weil er bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat… Nur ein kleines Detail aus der Fülle von Fragen und Themen, die mühelos noch eine weitere Gesprächsstunde hergegeben hätten.

Der Fremde ist ein Stück Literatur von diamantener Härte und mit unzähligen Facetten, die im Lichte der unterschiedlichen Fragestellungen und Betrachtungsweisen immer wieder anders aufleuchten – auch dafür war dieser Abend ein gelungenes Beispiel.

Zu danken ist vor allem Katharina Müller und Basim Ghomorlou, die mit dem Café Camus einen ganz wunderbaren Ort geschaffen haben und als Gastgeber und Initiatoren vielfältiger Veranstaltungen für genau die Atmosphäre sorgen, in der solch‘ schöne Begegnungen stattfinden können. So viele unterschiedliche Menschen in einem Raum, die gemeinsam Fragen von einigem existenziellen Gewicht verhandeln. Und wobei es nicht interessiert, ob einer in Fragen des Schnitzelessens, Autofahrens oder dem Gebrauch des generischen Maskulinums auf der je nach Sichtweise richtigen oder falschen Seite steht. Zuhören, reden, fragen, überdenken. Im Anschluss vielleicht lesen, weiterreden, weiterdenken. In Zeiten, in denen man im virtuellen Raum allzu oft nurmehr mit festzementierten Meinungen um sich wirft, sind solche Orte der Begegnung im realen Raum von geradezu unschätzbarem Wert. Und dieses Mal hat ausgerechnet ein Roman über einen Mann, der seinen Mitmenschen so fremd ist, dafür gesorgt, dass Fremde miteinander ins Gespräch kamen.

Man kann im Café Camus aber auch einfach nur einen ausgezeichneten Kaffee trinken, leckeren Kuchen essen und sich dabei eine schön im hölzernen Halter aufgehängte Tageszeitung vornehmen oder in der kleinen Café eigenen Bibliothek stöbern. 1. Dort findet man jetzt auch das letzte verbliebene Exemplar meines im Handel vergriffenen Buches Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe, das ich als Gastgeschenk gerne dort gelassen habe.

Ich wünsche allen Camus-Freunden und Blog-Leserinnen (und umgekehrt) ein schönes Frühlingswochenende und sage wie immer: à bientôt – vielleicht ja im Café Camus!

Das Café Camus liegt in der Bonner Altstadt (wo demnächst wieder die Kirschbäume blühen) in der Breite Straße 54-56. Infos zum monatlich stattfindenden Philosophischen Café mit Markus Melchers, zum Lesekreis, Lesungen, Jazz und Ausstellungen auf www.cafecamus.de

  1. Was man nicht kann: Am Tisch sitzen und am Laptop arbeiten. Das Café Camus ist seit zwei Jahren „Laptop freie Zone“.

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Camus auf der Bühne: A Mission for Sisyphos in Duisburg (und was sonst noch in den Theatern läuft)

Martin Bretschneider als Sisyphos (oben rechts) und als Camus (unten links), Mitspieler Atdhe Ramadani (links), Aeham Ahmad (unten rechts). ©Fotos: Julian Jakobsmeyer

Ich bin noch ganz beseelt von dem wunderbaren Abend gestern im Café Camus in Bonn über den Étranger und will natürlich am liebsten sofort noch davon erzählen – aber jetzt ist es erstmal wichtiger, auf etwas hinzuweisen, das noch kommt, und zwar bald: nämlich eine weitere Aufführung von Martin Bretschneiders A Mission for Sisyphos. Das Stück ist eingeladen zum Duisburger Theatertreffen, zu sehen am kommenden Sonntag, 1. März 2026, 19.30 Uhr, im Theater Duisburg. Infos und Tickets gibt’s hier.

Ich hab‘ das Stück bereits bei der Uraufführung 2023 in Hövelriege und beim Gastspiel 2024 in Wuppertal gesehen und würde es mir ohne zu zögern zum dritten Mal anschauen, hätte ich zu dem Termin nicht schon Karten für die Show meiner Tango-Freunde Nicole Nau & Luis Pereyra. Meine unbedingte Empfehlung, dafür den Weg nach Duisburg auf sich zu nehmen! Warum, kann man in meiner Premierenkritik nachlesen: Superman Sisyphos – ein Camus-Abend mit Witz und Tiefgang
Wie es überhaupt zu diesem Stück gekommen ist, das Gedanken und Texte von Albert Camus mit dem Flüchtlingsthema verknüpft, ist hier nachzulesen:
„A Mission for Sisyphos“ – Martin Bretschneider bringt einen Camus-Abend auf die Bühne
Und darüber, wie es sich weiterentwickelt hat, hier:
„Es geht um Anstand“ – Der Camus-Abend „A Mission for Sisyphos“ kommt nach Wuppertal

Nun also auf der großen Bühne in Duisburg – ich wünsche ein volles Haus und viel Erfolg!

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Mehr Camus auf deutschsprachigen Bühnen:

Ich habe dann flugs die Gelegenheit ergriffen und geschaut, was es sonst noch so von und zu Camus auf deutschsprachigen Bühnen gibt… Resultat: Im Vergleich zu früheren Jahren ist es deutlich weniger geworden (Aufführungen seit 2013 sind oben in der Leiste unter Aktuelles/Bühne und Film gelistet). Aktuell:

* Am 14. März noch einmal eine Vorstellung der Caligula-Inszenierung von Ran Chai Bar-zvi am Münchner Volkstheater.

* Am 28. März feiert Der Fremde in einer Bühnenfassung von Murat Dikenci in den Kammerspielen am Landestheater Salzburg Premiere (Vorstellungen bis Mai).

* Und am 3. April gibt’s einen weiteren Caligula als Gastspiel des Nationaltheater Ivan Franko aus der Ukraine (Regie Ivan Uryvski) am Deutschen Theater Berlin.

Alle Infos auch oben unter Aktuelles – Bühne & Film.

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Wie fremd ist uns „Der Fremde“? – Ein philosophischer Abend im Café Camus in Bonn aus Anlass der Neuverfilmung

Seit Januar dieses Jahres läuft die Neuverfilmung von Albert Camus‘ Roman Der Fremde durch den französischen Regisseur Francois Ozon in synchronisierter Fassung in deutschen Kinos. Dass es ein Blockbuster werden würde, war nicht zu erwarten, und so ist der Film vielerorts inzwischen schon wieder „abgespielt“. Gleichwohl hat er seit seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig am 2. September 2025 hohe Wellen geschlagen, hat sich Ozon doch als erster Regisseur nach der Verfilmung durch Lucchino Visconti 1967 (mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle des Meursault) an diesen Stoff herangewagt, der häufig als „unverfilmbar“ bezeichnet wird (warum eigentlich?). Wahrscheinlich habt ihr, liebe Blog-Leserinnen und Camus-Freunde, den Film schon längst gesehen und euch ein eigenes Bild gemacht – so wie ich auch. Natürlich wollte ich längst darüber schreiben, der Alltag rollte darüber hinweg – und jetzt bin ich gerade froh, es noch nicht getan zu haben, denn dann würde es nicht so spannend werden, life darüber zu sprechen…

Das Café Camus in Bonn. ©Basim Ghomorlou

Das zauberhafte Café Camus in der Bonner Altstadt in Gestalt seiner Betreiber Katharina Müller und Basim Ghomorlou hat mich nämlich eingeladen, aus Anlass der Neuverfilmung am 25. Februar einen Abend zum Étranger zu gestalten. Nach einem Impulsvortrag von mir wollen wir alle gemeinsam ins Gespräch kommen – nicht nur über den Film, sondern über Camus‘ Roman und seinen rätselhaften Protagonisten überhaupt. Der Abend ist deshalb natürlich nicht nur für diejenigen gedacht, die den Film bereits gesehen haben, sondern auch für „Nur-Leser und -Leserinnen“ und sogar für alle, die jetzt erstmals auf den „Fremden“ aufmerksam geworden sind.
Seit dem Filmstart ist eine Flut von Kritiken erschienen – deren Rezeption ich mich allerdings komplett verweigert hatte, bevor ich mir selbst ein Bild gemacht hatte. Und danach habe ich schnell die Lust verloren, mich hindurchzulesen – zu oft scheint mir die Kritik mehr über die Erwartungen der Kritiker und Kritikerinnen auszusagen als über den Film (so empfinde ich es jedenfalls, wenn die sehr textnahe Verfilmung abschätzig als „rührend einfältige Art von Werktreue“ bezeichnet wird (Philipp Bovermann in der Süddeutschen Zeitung) oder die historisch-politischen Anspielungen als „symbolische Ablasshandlungen“ (Michael Kienzl im Perlentaucher).
Ich fasse mich jetzt einfach mal kurz und bekenne: Ich finde diese Verfilmung ganz hervorragend gelungen. Eine einlässliche Schilderung und Bewertung, der ich voll und ganz zustimme, hat Holger Vanicek, Vorsitzender der Albert Camus Gesellschaft in Aachen, verfasst, nachzulesen im Forum auf der Vereinsseite.

Für alle, für die der Weg nicht zu weit ist: Kommt am kommenden Mittwoch, 25. Februar 2026, ins Café Camus nach Bonn! Ihr findet es in der Altstadt, Breite Str. 54-56. Beginn ist um 18.30 Uhr. Tickets (10 Euro, Bonner Studierende: 3€/AStA-Kulturticket) gibt’s im Café. Man kann sich auch per eMail anmelden: cafecamus.basim@gmail.com.
Infos zum Abend auch auf www.cafecamus.de

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Denken ohne Geländer – Hannah Arendt und Albert Camus

Zum 50. Todestag von Hannah Arendt

Hannah Arendt auf dem 1. Kulturkritikerkongress, 1958. Foto: Barbara Nigel Radloff, über wikicommons

Es gibt diese „Gedenktage“, die bei mir in erster Linie den Effekt haben, zu denken: „Ich hätte früher daran denken sollen.“

Heute also und rund um diesen heutigen 4. Dezember 2025 wird in Feuilletons und auf Kulturkanälen des 50. Todestages von Hannah Arendt gedacht. Das wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, sich mal wirklich inhaltlich mit Verwandtschaften im Denken von Hannah Arendt und Albert Camus zu beschäftigen. Aber das erfordert natürlich Zeit und Muße, und dass ich die gerade nicht finde, können Sie sich ja denken, denn sonst wäre es hier im Blog ja nicht so still…

So kann ich heute nur einmal mehr daran erinnern: Die beiden sind sich in Paris auf ihre Initiative hin begegnet, und sie hat ihn sehr geschätzt. Am 21. April 1952 hatte Arendt an Camus geschrieben, wie sehr ihr sein Der Mensch in der Revolte gefallen habe und ihm ein Treffen vorgeschlagen: „Je suis à Paris pour quelques semaines et j’amerais beaucoup vous voir si cela peut s’arranger, sans vous incommoder. J’ai lu L’Homme révolté que j’aime beaucoup. À vrai dire, c’est la seule raison de cette note. Veuillez croire à mes sentiments les meilleurs“ (1). Offenbar hat dieses Treffen auch stattgefunden, denn in einem Brief an ihren Mann schrieb sie anschließend: „Gestern habe ich Camus gesehen: Er ist zweifellos der derzeit Beste in Frankreich. Er überragt die anderen Intellektuellen um Längen.“ (2)


Dass es eine starke thematische und geistige Resonanz zwischen Arendt und Camus gegeben haben muss, liegt auf der Hand: Beide lehnten totalitäre Ideologien, dogmatische Politphilosophie und jede Form von systematischem Fanatismus ab. Beide forderten eine Politik, die sich auf menschliche Würde, Verantwortung und Solidarität gründet — gegen Nihilismus, Gewalt und die Verdinglichung des Menschen. Sie selbst bezeichnete – viel zitiert – ihr Denken, das keiner Schule angehörte, keiner bestimmten Theorie folgte und sich keinen intellektuellen Zwängen beugte, als „Denken ohne Geländer“. Ein sehr schöner Titel, den man ohne Weiteres auch auf Camus anwenden kann.

Dass es darüber hinaus Berührungspunkte gab, hat erst vor kurzem der Historiker und politische Schriftsteller Dan Diner in seiner Rede thematisiert, die er als Dank für die Verleihung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa, vergeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in Darmstadt gehalten hat. Überschrieben mit Die Erbschaft einer alten Gewalt oder das Wunder der Zweiten Geburt: Was man von Camus heute noch lernen kann, abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. November 2025 (3).

In Camus‘ fragmentarischem letzten Roman Der erste Mensch erkennt Diner ein gehöriges Maß an Affinität zu jenem Gedanken, „der zur Kategorien bildenden Grundlage der politischen Philosophie Hannah Arendts geworden war: der Gedanke von der Natalität und damit zur Überlegung, dass Menschen, weil sie qua Geburt als Fremdlinge in die Welt hineingeboren werden, ihnen Möglichkeit und Freiheit zu einem radikalen Neuanfang von Handeln gewährt ist – eine Möglichkeit des Politischen, die Arendt auch als «Zweite Geburt» bezeichnet. Anhand des «Ersten Menschen», obschon ein Torso, ist zu erkennen, dass dessen Protagonist im Romanfragment sich als neuen Menschen zu erschaffen sucht, als Mensch ohne eine ihn behindernde Vergangenheit und mit offener, in Freiheit gestalteter Zukunft.“

Diner geht aber noch weiter: „Diese Verwandlung, diese «Zweite Geburt» im Sinne Arendts sucht Camus auf die im Kampf miteinander verkeilten Kollektive zu übertragen, um daraus eine dritte Zugehörigkeit zu begründen – eine Zugehörigkeit des Ortes statt der Abstammung, ein Algerien jenseits von Kolonialismus und Nationalismus, gar jenseits von Europäern und Arabern. Das mutet nach einer zwar sympathischen, aber gleichwohl utopischen Ausflucht an, wobei ihm allerdings die Motive der Antike und die Kulturen des Mittelmeeres entgegenkommen. Dass er sich dabei auf Augustinus beruft – auch dieser dem Orte seines Wirkens nach «Algerier» –, dessen Liebesbegriff Hannah Arendt in ihrer Dissertation zum Thema gemacht hat, lässt eine zarte textuelle Berührung erkennen, der sich später auch Derrida mit seinem autobiographischen Text der «Circonfession» anschließt, womit sich der Kreis dieser exzentrischen algerischen Zugehörigkeiten ideengeschichtlich schließt.“

Und schließlich schlägt Diner auch noch den Bogen zu Freud, in dessen Namen er den mit 20.000 Euro dotierten Preis zugesprochen bekam: „Camus’ «Erster Mensch» ist eine Schrift der Trauer. Darin liegt, wie in der Natalität, ein in die Zukunft weisendes Moment: Trauer lässt, im Sinne Freuds gesprochen, die Melancholie um das geliebte verlorene Objekt hinter sich, wodurch die Einstellung diesem gegenüber transformiert und ein Neuanfang denkbar wird. Dieser transformative Vorgang befindet sich im Falle des aus dem Leben gerissenen Camus noch ganz an seinem Anfang, wenn auch die Spuren der Verwandlung deutlich zu erkennen sind: Camus ist im Prozess der Trennung vom französischen Algerien begriffen, dessen sinnloses Bewahren ihm bewusst ist. Sein plötzlicher Tod reißt ihn aus dem Fluss der schreibenden Bewältigung heraus.“ (3)

Wenn ich also schon nicht selbst rechtzeitig angefangen habe, über Camus-Arendt nachzudenken, dann finden sich hier immerhin Anstöße zum Weiterdenken. Wie auch in den zahlreichen aktuellen Feuilletonbeiträgen zu Hannah Arendt, die man beim schnellen googlen finden kann.

Mein Fernsehabend heute speist sich aus den Mediatheken:
Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil (auf Arte.tv)
Hannah Arendt – Denken ist gefährlich (Ard Mediathek)
und Hannah Arendt und die Gefahren der Gegenwart (auf 3 Sat)

Immer noch sehenswert ist auch das Gespräch, das Günter Gaus 1964 mit Hannah Arendt geführt hat, in dem man viel über ihre Person erfährt. (Auf youtube mittlerweile 1,4 Millionen Mal geklickt). Ein Transkript in voller Länge gibt es im Archiv des rbb hier. Aus diesem Interview stammt Arendts viel zitierter Satz in Bezug zum Verhalten der Deutschen nach Hitlers Machtergreifung:

„Das Problem war doch nicht, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.“

Denken wir daran und bleiben mit unseren Freunden im Gespräch. In diesem Sinne: à bientôt.

Dank an meinen Freund Tillmann Schaub für den Hinweis auf die Rede von Dan Diner.

(1) Albert Camus, Oeuvre complètes III, 1949-1956, IV, 1957-1959,  édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade, p. 1226. (2) „Hier, j’ai vu Camus: c’est sans aucun doute le meilleur en France à l’heure actuelle. Il dépasse les autres intellectuels de la tête et des épaules.“ Hannah Arendt en voyage en France, 1952, zit. nach Facebook-Account „Albert Camus – Pensée du jour“. (3) In der FAZ https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/dankesrede-zum-sigmund-freud-preis-das-gefuehl-chronischer-angst-110757798.html leider hinter Bezahlschranke, aber für 0,99 Euro zugänglich.

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„Glaube an das Leben, trotz allem“ – Camus im O-Ton zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1957

Kennt Ihr das auch, dass einem plötzlich ein Tag im Kalender fehlt? Jedenfalls ist heute der 19. Oktober, und selbstverständlich hätte dieser Beitrag gestern, am 18. Oktober online gehen sollen. Aber irgendwie ist der Tag verschwunden.
Gestern vor 68 Jahren, am 18. Oktober 1957 lief dieser Beitrag anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises an Albert Camus im Deutschlandfunk, wo er unter der Rubrik „Retro“ immer noch zu finden ist: „Albert Camus über sich selbst“

„Paris. Aufsehen erregte gestern wohl überall die Meldung über den diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur: Albert Camus“, beginnt der (nicht namentlich genannte Reporter) seinen Beitrag. Er präsentiert Camus zunächst mit Lebensdaten und Werken, um dann seinen persönlichen Eindruck vom Abend zuvor zu beschreiben, als sich Camus der Presse stellte:

„Schlank, mittelgroß, unter der mächtigen Denkerstirn ein für seine kaum 40 Jahre erstaunlich zerfurchtes Gesicht, die Lippen spöttisch verzogen – so sieht Camus aus, während er uns für ein paar Minuten Rede und Antwort steht, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Selten hatte ich bei einem Schriftsteller derart den Eindruck, dass er noch mitten im Kampfe steht, mit seinen ungelösten Problemen verhaftet ist, wie bei Camus. Kein eitles Lächeln, kein Hinweis auf ein vollendetes Lebenswerk (…).

Im Folgenden fasst der Reporter die Fragen und die jeweiligen Antworten von Camus auf Deutsch zusammen, bevor Camus im O-Ton eingespielt wird (hört unbedingt mal rein! Ich finde, es ist kaum überhören, dass dieser Termin Camus nicht eben Spaß gemacht hat…).

Gefragt wird Camus unter anderem: „Man nennt Sie oft den Dichter, bei dem das Absurde der menschlichen Existenz am ehesten zum Ausdruck kommt“, und er antwortet: „Ja, das ist eines von den Worten, mit denen man den Schriftsteller einzukreisen sucht, für den Hausgebrauch. Daran bin ich nicht gebunden. Der Schriftsteller, der das Absurde am meisten gefühlt hat, den kenne ich, der ist Pascal. Ich bewundere ihn sehr, aber ich bin weit entfernt, mich mit den Klassikern zu vergleichen“. „Haben Sie an diesem Ihrem Ehrentage eine Botschaft an die Menschheit oder wird sie in ihrem nächsten Werk enthalten sein?“ – „Ganz bestimmt nicht“, schneidet Camus dem Reporter das Wort ab. (…) „Ich will nur meine Arbeit fortsetzen, die ein wichtiger Teil meines Lebens ist, ich bin auf der Suche wie so viele Menschen. Wir suchen in der Nacht mit Zittern und Zagen.“ Und der Reporter beendet seinen Beitrag:
„Aber, so schloss Camus, es gibt einen Weg, ein Licht, auf das ich mich zubewege, es heißt: Glaube an das Leben, trotz allem.“

Ein schönes Wort zum Sonntag, weshalb der Blog-Beitrag zwar einen Tag zu spät, aber doch noch rechtzeitig kommt. In diesem Sinne: Allen noch einen schönen Sonntag und à bientôt!

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Modephilosophien aus dem Musterkoffer

In dem kaum bekannten Theaterstück Das Impromptu der Philosophen macht sich Camus ungeniert über Sartre lustig. Als szenische Lesung ist es am 25. Oktober in Aachen zu erleben.

Schon 2023 hat der Berliner Regisseur Tuncay Gary eine Perle ausgegraben und auf die Bühne gebracht, die man (mich eingeschlossen) eher nicht auf dem Schirm hat, wenn man an die Theaterstücke von Camus denkt: Das Impromptu der Philosophen. Jetzt bringt er es auf Einladung der Albert Camus Gesellschaft mit dem Seniorenensemble seiner Theaterwerkstatt als szenische Lesung nach Aachen auf die „Rote Burg“.

„Das Impromptu der Philosophen ist eine satirische Auseinandersetzung mit dem Existentialismus, insbesondere mit Jean-Paul Sartre, der in dem Stück als «Handelsreisender in neuen Lehren» porträtiert wird. Camus nimmt die Existenzialisten humorvoll aufs Korn, indem er einen Bürger mit der Absurdität des Lebens konfrontiert. Das Stück ist Teil von Camus‘ Gesamtwerk, zu dem der Roman Der Fremde, der Essay Der Mythos von Sisyphos oder das Drama Caligula zählt, das sich mit der menschlichen Sinnsuche auseinandersetzt“, heißt es in der Ankündigung.

In die großen, von Camus selbst definierten Werkzyklen, ist es freilich nicht einzuordnen. Unter Pseudonym geschrieben, wurde es erst 2006 entdeckt und posthum veröffentlicht. Im Sammelband Sämtliche Dramen, die 2013 in neuer Übersetzung (Hinrich Schmidt-Henkel, Uli Aumüller) bei Rowohlt erschienen sind, ist es erstmals auf Deutsch enthalten. Hinrich Schmidt-Henkel schreibt dazu in seinem Nachwort zu den Dramen: „In dieser vergnüglichen, in Anlage, Figurenkonstellation und Zungenschlag molieresken Szene veräppelt er Sartre, dessen Gedankenwelt wie gesellschaftlichen Status. Sie ist ein amüsanter Begleitkommentar zum eigentlich schmerzlichen ideologischen und menschlichen Zwist zwischen den beiden bis zu ihrem Zerwürfnis befreundeten Denkern.“ (1) Hauptfigur ist ein gewisser Monsieur Néant, der unschwer als Jean-Paul Sartre zu identifizieren ist. Nichts Geringeres als „das neue Evangelium, dessen wahrer Apostel ich bin“ will dieser Herr Nichts dem Hausherrn, bei dem er vorstellig wird, andrehen. Zitate aus und Anspielungen auf Sartres Werk seien „wie Landminen im Text verscharrt“, schreibt Christopher Schmidt zur Neuherausgabe der Dramen in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Dezember 2013. „Der große Sartre als windiger Klinkenputzer mit einem Musterkoffer voller Modephilosophien – dieses Setting hat schon was“, konstatiert er (die ganze Rezension auf www.bücher.de). (2)

Der Regisseur: Seit einem Jahrzehnt arbeitet Tuncay Gary mit großem Engagement an der Schnittstelle von Bildung, Kunst und Teilhabe. In seiner Literatur- und Theaterwerkstatt bringt er Kinder, Jugendliche und Senioren/Seniorinnen zusammen, um Literatur und Theater lebendig werden zu lassen – in Lesungen, szenischen Projekten und Inszenierungen von Klassikern. Der Gedanke, dass Literatur und Theater Menschen aller Altersgruppen zusammenführen können, ist Leitgedanke seiner Arbeit. Mit der Aufführung in Aachen feiert die Theaterwerkstatt ihr zehnjähriges Bestehen.

TERMIN:
Samstag, 25. Oktober 2025, 19.30 Uhr im Büchel-Museum „Rote Burg“, Büchel 14, 52062 Aachen. Eintritt 15 € (ermäßigt 10 €). Reservierungen unter kontakt@albert-camus-gesellschaft.de

MITWIRKENDE:
Beate Golisch, Gabriele Lederle, Robert Köckritz, Renate Haarhaus, Arnold Landen. Am Klavier: Vincent Julien Piot. Leitung: Tuncay Gary.

(1) Albert Camus, Sämtliche Dramen. Erweiterte Neuausgabe. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 2013, S. 583
(2) Im Sinne der Nachhaltigkeit wiederaufbereitetes Textstück aus meinem Beitrag 2023.

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Lustiger und gelassener als man denkt? Albert Camus, der Humor und die Stoa

Zwei Ankündigungen sind zu machen, und ich beneide alle, die dabei sein können, die einen davon etwas mehr. Wenn es doch wenigstens eine Zugverbindung nach Lourmarin gäbe… Es geht natürlich zunächst um die diesjährigen Rencontres Méditerraéennes – wobei: Genau hingeschaut lautet es jetzt korrekt: L’estival Albert Camus des rencontres méditerraéennes. Und damit hat sich im Vergleich zu früheren Jahren ein entscheidender Unterschied etabliert: Es handelt sich nicht mehr um eine wissenschaftliche Tagung, die zwar immer für Publikum offen war, bei der sich in erster Linie aber die internationalen Camus-Experten und Expertinnen zu einem gemeinsamen Thema austauschten. Unter der Leitung von Elisabeth Maisondieu-Camus steht nunmehr der Festival-Charakter im Mittelpunkt (wie schon bei meinem letzten Besuch dort, nachzulesen hier im Blog) – mit allerlei Aktionen in Schulen, „Ateliers“ zum Mitmachen, Performances, Filmvorführung, Diskussionen und nur einem Vormittag mit gerade mal drei kurzen Vorträgen zum Festival-Thema, das in diesem Jahr lautet L’humour.

Wie viel Camus im Vortrag Humour et journalisme von Marie Bréjon steckt, wissen wir nicht; Vincenzo Matta behandelt den Humor in Camus‘ Theaterstück Der Belagerungszustand, und David Walker spricht allgemeiner über Camus et l’humour: histoire d’en rire (etwa Camus und Humor: eine lustige Geschichte). Letzterer Beitrag scheint mir am vielversprechendsten zu sein, wenn es darum geht, überhaupt erstmal Camus‘ feinen Sinn für Humor und die Schnittmengen zu Ironie und Selbstironie in seinen Werken freizulegen. Ein durchaus lohnendes Thema, bezeichnete er selbst den Humor doch als das von seinen Interpreten am meisten vernachlässigte Thema (1). Was vielleicht aber tatsächlich nicht genug für eine ganze wissenschaftliche Tagung hergäbe. Aber ob nun Tagung oder Publikumsfestival, ob wissenschaftlich ergiebig oder eher nicht – bei den Camus-Tagen in Lourmarin ist das Ganze immer mehr als seine Teile, und zum Ganzen gehören auch viele nette Begegnungen, eine heitere Atmosphäre, meist goldene spätsommerliche Tage und ein kühles Glas Rosé am Abend auf dem trubeligen Dorfplatz…

(1) Von mir bereits hier wörtlich zitiert und mit Quelle versehen: Camus im Film, Vortrag und Festival

Hier das komplette Programm, Infos und Tickets auf der Festivalseite

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Aachen ist übrigens auch sehr schön

… und beim Vortrag am 6. Oktober bei der dortigen Albert Camus Gesellschaft wird man sich über mangelnde Wissenschaftlichkeit gewiss nicht beklagen können. Handelt es sich beim Referenten Niklas Keller doch um einen ausgewiesenen jungen Camus-Forscher an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Albert Camus – ein Philosoph wider willen? war im Sommersemester 2021 die dortige Ringvorlesung zu Albert Camus überschrieben – bei Niklas Keller heißt die Frage nun, ob Camus gar ein Stoiker wider willen gewesen sei. Das mag im Hinblick auf einen Denker (auch) der Revolte verblüffend scheinen, ganz abwegig ist es aber eingedenk der großen Bedeutung des griechischen Denkens für Camus durchaus nicht. Ich wünsche schon jetzt einen erkenntnisreichen Abend und sage wie immer à bientôt!

P.S. Sollte ich jetzt irgendwen mit meinem Hinweis auf die Wissenschaftlichkeit abgeschreckt haben: Die Vorträge und Gesprächskreise der Albert Camus Gesellschaft in Aachen richten sich stets ganz allgemein an jeden, der an philosophischen Themen im Allgemeinen und Camus im Besonderen interessiert ist!

Verwandte Beiträge (Auswahl):
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Erinnerung an eine Unbezähmbare

Zum heutigen fünften Todestag von Juliette Gréco

Bis zum letzten Tag meines Lebens werde ich für das Recht der Menschen kämpfen, glücklich zu werden. Ich werde also kämpfen gegen den Terror, gegen die geistige Bevormundung, gegen die Gleichgültigkeit und für das einzige Gut, das zu bewahren es sich um jeden Preis lohnt: die Freiheit. Die Freiheit, so zu leben, wie es uns gefällt, die Freiheit, lachen zu dürfen, die Gedankenfreiheit, die Freiheit, uns zu verschenken und den und das zu lieben, dem wir von ganzem Herzen zugetan sind.“ *

Das schreibt Juliette Gréco in ihrer Biographie So bin ich eben. Erinnerungen einer Unbezähmbaren – und es klingt so sehr nach Camus und so sehr danach, dass wir genau diese Haltung heute (wieder, immer noch, immer wieder) so dringend nötig haben, dass ich es heute noch einmal zitieren will. Heute, am fünften Todestag der großartigen Chanteuse und „Muse der Existenzialisten“. Was für eine Frau! Im Blog habe ich ihr bereits mehrere Beiträge gewidmet:
2013 zu ihrem 86. Geburtstag : Die schwarze Sonne glüht noch immer
Zum Tod am 23.9.2020: Jetzt ist die schwarze Sonne erloschen….
und eine Reaktion darauf: Erinnerungen: Die junge Juliette Gréco in Boppard am Rhein

– Die Chansontexte, die Camus angeblich für sie geschrieben haben soll, konnte ich leider nie ausfindig machen… Also hören wir doch einfach, wie sie eines der vielen Lieder von Georges Brassens singt – so, wie Camus sie wohl auch erlebt hat…

(*). Juliette Gréco: So bin ich eben. Erinnerungen einer Unbezähmbaren. C. Bertelsmann Verlag 2012. Es handelt sich um den Anfang des Kapitels „Die Macht der Worte“, zitiert aus der E-Book-Version).

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Francois Ozons Neuverfilmung von „Der Fremde“: Erste Eindrücke

Offiziell kommt der Film zwar erst am 29. Oktober 2025 in Frankreich auf die Leinwände, aber im Zuge der Filmfestspiele in Venedig ist jetzt doch schon davon zu hören (und ein bisschen was auch zu sehen): Die Neuverfilmung von Albert Camus‘ Roman Der Fremde (L’Étranger) durch Francois Ozon. Fast 60 Jahre nach der legendären Verfilmung durch Luchino Visconti (1967) mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle ist der Meursault von Benjamin Voisin hier deutlich verjüngt. Erwähnt wird der in Schwarz-Weiß gedrehte Film in so gut wie allen Berichten von den Filmfestspielen (die ich bisher sah oder las) – die Äußerungen bleiben aber ein wenig blutarm. Was hoffentlich nicht unmittelbar auf den Film schließen lässt… oder doch?

Trotz ansprechender Ästhetik und einem gerade dank seiner Zurückhaltung starken Benjamin Voisin in der Hauptrolle bleibt der Regisseur François Ozon aber den Beweis schuldig, warum es eine Neuverfilmung des schwierig zugänglichen Stoffes braucht. L’étranger bleibt dem Publikum so fremd, wie es der Filmtitel bereits andeutet“, schreibt Simon Eberhard auf dem Portal out now. Immerhin lobt er: „Tadellos hält sich dabei der Hauptdarsteller. Benjamin Voisin ist nur schon optisch eine gute Wahl für den Charakter, dem er mit seinem lethargischen Spiel eine unnahbare Aura verleiht.“

Auch taz-Kritiker Tim Caspar Boehme gefällt Benjamin Voisin als Meursault, mit leichter Einschränkung: „Der überzeugt als apathischer junger Mann ohne eigenen Antrieb im Algerien der dreißiger Jahre, wobei es zugegebenermaßen nicht ganz leicht ist, die anteilslos-distanzierte Haltung der Figur, die im Roman als Ich-Erzähler in Erscheinung tritt, von außen sichtbar zu machen. Manchmal hat man den Eindruck, Ozon verlässt sich zu sehr auf das Prinzip „Show, don’t tell“. Mit dem Ergebnis, dass Voisin hin und wieder wie ein blasiertes Model blickt, etwa wenn er in Gesellschaft knorriger älterer Trauergäste seine Mutter ganz ohne eigene Gefühlsregung beerdigt.“ Am Ende finde der Film doch einen Ton, „der nicht übertrieben dramatisch, sondern freundlich absurd klingt. Und da Ozon ein Kind der Achtziger ist, darf während des Abspanns selbstverständlich nicht der Song Killing an Arab der Band The Cure fehlen“ (aus dem taz-Beitrag über die Filmfestspiele).

Und was sagt der Regisseur selbst? Ihm sei ein „moderner Blick“ wichtig gewesen, wird er zitiert: „Ich wollte diese Geschichte über die französische Kolonialisierung in Algerien kontextualisieren und gleichzeitig die Figur des Meursault in Camus‘ Sinne so wahrheitsgetreu wie möglich darstellen(the spot mediafilm).

Nun – wie immer gilt: Man muss sich selbst ein Bild machen. Leider konnte ich noch keine Information finden, wann der Film in die deutschen Kinos kommt. Wer die Gelegenheit hat, ihn in Frankreich zu sehen: Bitte erzählt uns hier davon!

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