Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (5) – Von Lähmung und Gegengift

7. April 2020. Ich muss zugeben, dass es mir nicht leicht fällt, hier am Ball zu bleiben. Und das, obwohl ich mir jeden Vormittag von Wolfgang Tischer vom literaturcafé.de aus der Pest vorlesen lasse. Oder vielleicht auch eben deshalb. Allein, was heute wieder alles in dieser einen Stunde drinsteckte: die Entscheidung des Journalisten Rambert, in Oran zu bleiben und sich den Sanitätstruppen anzuschließen, just dann, als sich ihm nach Wochen des Wartens die Möglichkeit bietet, aus der geschlossenen Stadt zu fliehen. Das schreckliche, qualvolle lange Sterben des kleinen Philippe, Sohn des Untersuchungsrichters Othon – und wie dieses Erleben Pater Paneloux verändert und sich in seiner zweiten großen Predigt niederschlägt; und schließlich dessen eigener Tod, bei dem in der Schwebe bleibt, ob auch dieser Tod der Pest geschuldet ist oder nicht. Jedes für sich ein riesiges Thema mit Stoff für eine eigene Abhandlung und mit Fragen, deren Erörterung allesamt wiederum nur in der Erkenntnis enden kann, dass wir die Widersprüchlichkeit der möglichen Antworten nicht auflösen können, sondern sie nur aushalten und tragen können. Da sind wir nicht Sisyphos, der den Stein rollt, da ist jeder für sich Atlas, der allein das Weltgebäude auf den Schultern trägt. Das ist alles so groß und so schwer, und ich frage mich, ob ich nicht zu der Schwere noch unnötiger Weise was dazutue, wenn ich hier darüber schreibe, jetzt, wo es mir manchmal vorkommt, als seien wir irgendwie unversehens in Camus‘ Roman hineingeraten, so wie Bastian Balthasar Bux in Michael Endes Unendlicher Geschichte in die unendliche Geschichte hineingerät.

Die zunehmende Müdigkeit und Erschöpfung des Dr. Bernard Rieux im Kampf gegen die Pest lässt mich an die vielen Ärztinnen und Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern denken, die jetzt ebenfalls bis zum Umfallen ihr Bestes geben und trotzdem so oft kapitulieren müssen, bei uns, aber noch mehr in Italien, Frankreich, Spanien, New York, wo sie angesichts zu weniger Beatmungsgeräte entscheiden müssen, wer eine Chance bekommt, und wer zum Sterben auf den Flur geschoben wird. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler meinte gestern in ihrem Corona-Videotagebuch (mit sehr kurzen, auf jeden Fall immer anregenden Beiträgen), die Fixierung auf die stündlich auf den Newstickern abzurufenden Zahlen der Neuinfektionen und Corona-Toten wirkten als eine Art Abwehrzauber – ein Abwehrzauber gegen das Nichtwissen. Denn Zahlen und Statistiken wirkten beruhigend, sie stehen für Rationalität, für Kontrolle, für die Macht des ordnenden Verstandes über das Diffuse und Unbegreifliche, und damit auch gegen den Tod als das Unbegreifliche schlechthin. Mit immer neuen Statistiken und darauf beruhenden Prognosen versuchten wir das zu bannen, was sich unserer Macht entzieht. Das ist ein interessanter Gedanke, denn in der Tat ist es ja so, dass durch die Zahlen und ihre rationale Fassbarkeit das Unbegreifliche überhaupt nicht begreiflicher wird, sondern es im Gegenteil so abstrakt bleibt, dass es uns gerade nicht berührt. Wie jede Präzision ist an dieser Stelle also auch die der Zahlen eine praecisio im ursprünglichen Sinne: Sie schneidet etwas ab. In diesem Fall die Anschaulichkeit dessen, was wir lieber nicht so genau anschauen wollen. (1)

Auch für Dr. Rieux blieb, nach seinen eigenen Worten, in den ersten Wochen der Pest die Gefahr unwirklich. „Bloß hat man als Arzt einen Begriff von Schmerz und eine etwas lebhaftere Phantasie“, merkt der Erzähler an, und weiter:

„Wenn Rieux durch das Fenster auf seine unveränderte Stadt blickte, spürte er, wie in ihm unmerklich jenes leichte Ekelgefühl vor der Zukunft aufstieg, dass man Unruhe nennt. Er versuchte im Geist alles zusammenzufassen, was er von dieser Krankheit wusste. Zahlen schwirrten ihm durch das Gedächtnis, und er sagte sich, dass die etwa dreißig großen Pestepidemien der Geschichte an die hundert Millionen Tote gefordert hatten. Aber was bedeuteten hundert Millionen Tote? Wer den Krieg mitgemacht hat, weiß kaum noch, was ein Toter ist. Und da ein toter Mensch dann etwas wiegt, wenn man ihn tot gesehen hat, sind hundert Millionen über die Geschichte verstreute Leichen nichts als Rauch in der Einbildung. Der Arzt erinnerte sich an die Pest von Konstantinopel der nach Prokop an einem Tag zehntausend Menschen zum Opfer gefallen waren. Zehntausend Tote, das macht fünfmal die Zahl der Zuschauer in einem großen Kino. Das sollte man tun. Man fasst die Besucher von fünf Kinos an den Ausgängen zusammen, führt sie auf einen Platz in der Stadt und lässt sie dort alle miteinander sterben, damit man wieder ein bisschen klarer sieht.“ (2)

Auf jeden Fall wäre solch anschauliche Klarheit diesem lächerlichen amerikanischen Präsidentendarsteller zu wünschen, der verkündet, wenn es bei einhundert- bis zweihunderttausend Toten in den USA bliebe, hätten sie alle miteinander einen guten Job gemacht. Ich verstehe, wenn mir Menschen jetzt sagen: „Ich schau gar keine Nachrichten mehr“. Man will sich nicht verrückt machen, und wenn man nicht so genau hinschaut, fällt es einem leichter, sich einzurichten und zu denken: So schlimm ist es ja nun auch wieder nicht, und bestimmt ist es sowieso bald vorbei. Auch ich habe mir letzte Woche meine kleine Flucht aufs Land gegönnt, wo die Welt fast unverändert schien. Aber ich schaue zumindest einmal am Abend die Nachrichten, und in gewisser Weise bin ich froh, dass wir, anders als Camus‘ Bewohner von Oran, heute die Möglichkeit haben, so genau zu sehen, was an anderen Enden der Welt passiert. Denn die fernen und abstrakten bislang 4700 Toten in New York, zuletzt allein 732 in 24 Stunden, werden auf schreckliche Weise begreifbarer, wenn man sieht, wie in Säcke verpackte Leichen mit dem Gabelstabler in Kühlwagen geschichtet werden, weil der Platz in den Leichenhallen nicht ausreicht, die Krematorien mit der Verbrennung nicht hinterher kommen und der Platz auf den Friedhöfen knapp wird. Ich gebe zu, dass mir diese Bilder zu schaffen machen. Ganz sicher tragen sie das ihre zum Gewicht dieser Tage bei, das auf der Seele lastet und sich als diese lähmende Schwere in den Knochen ausbreitet, von der ich schrieb, und die ich nur schwer abschütteln kann.

Zugleich aber sorgen sie für das Gegenteil. Sie sorgen dafür, dass ich wach bleibe und trotz kleiner Fluchten nicht den Blick dafür verliere, in welcher historischen Ausnahmesituation wir uns gerade befinden. Sie sorgen dafür, dass es mir leichter fällt, auf das zu verzichten, auf das es jetzt eben zu verzichten gilt, wenn das dazu beiträgt, solche Zustände bei uns zu verhindern. Sie sorgen dafür, dass mich die kleinsten Dinge mit großer Freude und Dankbarkeit erfüllen: Dass ich heute in der Stadt nach drei cappuccinolosen Wochen einen im Pappbecher auf die Hand kaufen und mich damit ganz allein auf die Terrasse eines geschlossenen Cafés in die Sonne setzen konnte. Die Palmen und Olivenbäume im Kübel, die mir sonst in dieser Stadt immer leicht unpassend vorkommen, verschafften mir jetzt, da Palmen und Oliven in unerreichbare Ferne gerückt sind, einen Hauch von Urlaubsgefühl. Heimatgefühl dagegen vermittelte mir Benny, der Tamile mit seiner kleinen Garküche auf dem Markt, der jeden Tag seine drei gleichen köstlichen Gerichte anbietet und sie auch in diesen Tagen mit der gleichen unverdrossenen, strahlend guten Laune über die Theke reicht. „Bisschen scharf, Madame?“ – „Nein danke, lieber nicht.“ Jedes Mal der gleiche Dialog, und jedes Mal lachen wir darüber. War mir denn vorher nicht klar, dass dies kostbare Momente sind?

Und dann, ein paar Schritte weiter, plötzlich wunderschöne Musik, ich höre Klavier und Mandoline. Die Musik kommt von einem Wagen des städtischen Entsorgungsbetriebs, der mit offenen Seiten und einem Klavier auf der Ladefläche zu einem Musikmobil umgebaut wurde, und der jetzt durch die Stadt fährt und an besonderen Orten Halt macht, bespielt von Mitgliedern der Bergischen Musikschule, des Theaters und der Oper. Hier stand er auf einem kleinen Platz zwischen dem Gesundheits- und dem Sozialamt, denn der musikalische Dank galt den aus den Fenstern lehnenden Angestellten der beiden Ämter, die vor Ort die Stellung halten und wichtige Aufgaben erledigen. Erfreut haben die Musiker aber auch alle anderen, die mit dem gebührenden Sicherheitsabstand stehen blieben und zuhörten. Wie gut diese Musik tat! Und wie gut es tat zu sehen, was Menschen sich alles einfallen lassen, um dieser Bedrohung zu trotzen, der Krise zu trotzen, den Einschränkungen unseres Alltagslebens zu trotzen und all dem mit Kreativität, Freude, Mitmenschlichkeit etwas entgegenzusetzen. Ich sehe darin einen Akt der Revolte, très camusienne. Sie ist das Gegengift gegen die bislang nicht medizinisch beschriebene, verdeckte Wirkung des Virus, die sich in diesem seltsamen Gefühl der Lähmung manifestiert. In diesem Sinne: revoltiert – und bleibt gesund! À bientôt!

(1) Zum Begriff der praecisio mundi mehr in meinem Geburtstagsgruß für Professor Wolfgang Janke
(2) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 27f.

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (4)

Fotoprobe zum Stück „Die Pest“ am 17.09.19 im Schlosstheater in Moers – jetzt als visuelle Live-Lesung im Netz. Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

3. April 2020. Ich bin in diesen Tagen zwischen zehn und elf Uhr vormittags nicht zu sprechen. Genau gesagt: bis zum 10. April. In dieser Zeit nämlich liest Wolfgang Tischer im Literaturcafé.de montags bis freitags live ein Stück aus der Pest. Am ersten Tag dachte ich: „Hörste mal kurz rein“, ich blieb dran, und heute war schon der fünfte Tag. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie großartig es ist, etwas vorgelesen zu bekommen – sogar, wenn man den Text quasi schon in und auswendig kann. Jedenfalls dachte ich das von mir – und höre nun Details, die ich entweder vollkommen vergessen hatte, oder die ich tatsächlich ganz neu wahrnehme. Ich glaube sogar, es ist egal, ob man mit einer Tasse Kaffee ruhig sitzend zuhört, oder ob man dabei die Fenster putzt (ich hab’s ausprobiert) – allein die Tatsache, dass da jemand mit einer unaufgeregten, angenehmen Stimme ein bedächtiges Erzähltempo vorgibt, dem ich folge, ohne hier mal rasch was zu überlesen, dort mich kurz selbst zu unterbrechen, und dass ich weiß: Wenn ich jetzt gedanklich abschweife, dann verpasse ich etwas – allein diese Tatsache sorgt für eine Fokussierung, die mich die Geschichte wieder neu erleben lässt.

Nur ein winziges Detail: Wie an einer Stelle deutlich wird, hat Camus sich intensiv mit den Pestepidemien in der Geschichte befasst – und erwähnt dabei auch den Bau der großen Pestmauer in der Provence. Als ich vor Jahren bei einem Aufenthalt dort über die mur de la peste bzw. den Weg entlang der erhaltenen Reste schrieb, habe ich nur gemutmaßt, Camus würde sie wohl gekannt haben. Ich lese nicht oft meine älteren Beiträge, aber in diesem Fall hab ich mich im Anschluss an die Vorlesestunde damit zurückgeträumt zu diesem heißen Sommertag und habe wieder das Zirpen der Zikaden in der Mittagsstille gehört… Noch so eine kleine Flucht in Zeiten, wo wir auf solche schönen Reisen verzichten müssen. Vielleicht mögen Sie ja mit mir dorthin reisen? Dann geht’s hier entlang.

Sie ahnen vielleicht, dass ich mit Betrachtungen zu Camus‘ Text wohl kaum hinterherkomme, wenn ich mich an solchen kleinen Details aufhalte… Tatsächlich war ich bis jetzt jeden Tag beim Zuhören aufs neue verblüfft und manchmal sogar amüsiert von den vielen Parallelen, die sich zwischen Camus‘ Schilderungen der Pest bzw. der Reaktionen der Menschen auf diese unvermutete Heimsuchung und den Begebenheiten unserer Corona-Tage auftun. Aufgeschrieben habe ich es nicht. Mit dem Thema „lernen, mit den Widersprüchen zu leben“ habe ich dieses Tagebuch angefangen, und ich muss zugeben, dass das Praktizieren dieser Lernaufgabe gerade den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt. Die Erwartung: „Wenn du schon keine Arbeit hast, dann kannst du doch jetzt auf großartige Weise deine Zeit nutzen!“ Geistreiche Blogartikel verfassen, diverse Bücher zu Ende lesen und am besten selbst ein neues schreiben! Was leider in krassem Widerspruch zu der Tatsache steht, dass ich am Ende des Tages maximal die Fenster geputzt habe – und schon das als Erfolg im Kampf gegen die bleierne Schwere verzeichne,
die sich schleichend in den Knochen ausbreitet und droht, aufs Gemüt überzugreifen, und die, wenn auch nicht im medizinischen Sinne, auch eine Folgeerscheinung dieses Virus‘ ist, selbst wenn man, wiederum im medizinischen Sinne, gar nicht infiziert ist.

Immerhin habe ich jetzt zwei Tage Zeit bis zu einer neuen Folge der Pest im Literaturcafé.de, denn die gibt es erst am Montag wieder. Deshalb kann man die heutige Folge (5) ausnahmsweise auch noch bis einschließlich Sonntag nachhören. Zu Beginn jeder Folge gibt Wolfgang Tischer eine kleine Zusammenfassung „was bisher geschah“ – es lohnt sich auf jeden Fall auch jetzt noch, einzusteigen. Hier der Link: https://www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live

Wolfgang Tischer, Gastgeber des Literaturcafé.de. Foto: Birgit-Cathrin Duval

Wolfgang Tischer gründete 1996 das literaturcafe.de, das ausschließlich im Internet existiert. Als Journalist und Literaturkritiker schreibt Wolfgang Tischer über Bücher, Literaturthemen und die Buchbranche. Regelmäßig moderiert und konzipiert er Lesungen und Literaturveranstaltungen. Zu Hölderlins 250. Geburtstag im März 2020 hat er sieben Stunden lang den kompletten Hyperion live im Web vorgelesen. Im Podcast des Literaturcafés stellt er Bücher vor und spricht mit Autoren und Repräsentanten der Buchbranche.

„Die Pest“ als visuelle Live-Lesung am Schlosstheater Moers

Fotoprobe zum Stück „Die Pest“ am 17.09.19 im Schlosstheater in Moers (mit Camus-Handpuppe von Joost van den Branden). Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

Und eine weitere Empfehlung habe ich noch: Das Schlosstheater Moers, über dessen großartige Pest-Inszenierung ich im September 2019 hier schon berichtet habe, hat im Zuge der „Corona-Krise“ die Inszenierung noch einmal umgearbeitet und zeigt die so entstandene Visuelle Lesung am morgigen Samstag, 4. April, ab 18 Uhr über seine Homepage sowie über seine Facebookseite. Dazu gibt es von 18 bis 24 Uhr auf der Homepage einen Live-Chat. Weitere Termine am 12., 19. und 26. April 2020.

Die Schlosstheater-Dramaturgin Viola Köster schreibt dazu: „Corona ist nicht die Pest und wir leben 2020 nicht im Krieg. Dennoch fordert auch dieses Virus derzeit Tote und schafft es, weltweit den Alltag der Menschen sowie das globale Wirtschaftssystem aus den Angeln zu heben. Auch das Theater ist davon nicht ausgenommen. Ganz im Gegenteil. Denn gerade das Theater lebt vom gemeinsamen Erleben. Auch wenn unsere Inszenierung von Die Pest vor allem als Kommentar auf die zunehmende Abschottung und Nationalisierung in Europa gedacht war, wird der Text von 1946 in der Coronakrise zum Stück der Stunde – das wir im Repertoire haben und nicht spielen dürfen. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Inszenierung für die Zeit der Corona-Quarantäne als visuelle Lesung für unseren Online-Ersatzspielplan zu adaptieren. Sechs Schauspieler*innen sitzen (mit Sicherheitsabstand!) im Bühnenbild der Pest, das aus einem Quarantänezelt besteht. Sie sprechen den Text von Camus, der von Ausschnitten aus der Pest-Inszenierung durchbrochen wird. Die Zeiten überlagern sich, ähneln einander und unterscheiden sich dann wieder. So wie jetzt.“

Ich werde auf jeden Fall reinschauen. Für heute, wie immer: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (3) – Kleine Fluchten

Am 28. April indessen gab Ransdoc eine Ausbeute von ungefähr 8000 Ratten bekannt, und in der Stadt erreichte die Beklemmung ihren Höhepunkt. Man verlangte durchgreifende Maßnahmen, man klagte die Behörden an, und einige, die ein Haus am Meer besaßen, spielten bereits mit dem Gedanken, sich dorthin zurückzuziehen.“ (1)

29. März 2020. Auch ich bin der in der Stadt deutlich spürbaren Beklemmung entflohen und habe mich für ein paar Tage zurückgezogen – zwar nicht in ein Haus am Meer, aber auf dem Land. Wenn man sich dazu noch ein wenig in Nachrichtenabstinenz übt, kann man fast glauben, die Welt sei noch in Ordnung. Abstandhalten fällt hier leicht und nicht besonders auf, fast jeder hat ein Haus mit Garten, man unterhält sich mit den Nachbarn wie sonst auch über den Zaun, hält einen Meter mehr Abstand als sonst und gibt sich halt nicht die Hand. Ein strahlender Frühlingstag, eine blühende Wiese, ein Gang durch den Wald und meditatives Unkrautjähten helfen außerdem, sorgenvolle Gedanken wenigstens für eine gewisse Zeit auszublenden. Und ja, das ist Luxus. Wer die Gelegenheit zu solchen kleinen Fluchten hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie helfen, nicht zu schnell ungeduldig zu werden. Noch immer gibt es viele, die glauben, diese Heimsuchung werde sich spätestens in ein paar Wochen erledigt haben, und wir könnten nach Ostern unseren gewohnten Alltag wieder aufnehmen. Und wenn das nicht der Fall ist? Wird man sich wahrscheinlich bei den Politikern beschweren, als sei die Situation ihnen geschuldet und nicht dem Virus. Es ist halt so: „Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen gleich an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen.“ (2)

Camus fährt an dieser Stelle fort, indem er gleichsam die doppelte Ebene einzieht, für die Die Pest eben auch steht:

Es hat auf der Erde ebenso viele Pestseuchen gegeben wie Kriege. Und doch finden Pest und Krieg die Menschen immer gleich wehrlos. (…) Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: «Er kann nicht lange dauern, es ist zu unsinnig.» Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran, lange zu dauern. Dummheit ist immer beharrlich. Das merkte man, wenn man nicht immer mit sich selbst beschäftigt wäre. In dieser Beziehung waren unsere Mitbürger wie alle Leute, sie dachten an sich, oder anders ausgedrückt, sie waren Menschenfreunde: sie glaubten nicht an Heimsuchungen. Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen, und die Menschenfreunde zuerst, weil sie sich nicht vorgesehen haben.“ (2)

Das sind nun keine beruhigenden sondern durchaus warnende und erschreckend passende Worte, aber zur Beruhigung liest man ja auch nicht Die Pest. Man tut Camus allerdings auch unrecht, wenn man den Roman jetzt nur als das Buch zur Seuche liest – das will ich unbedingt betonen, auch wenn oder erst recht weil ich gerade selbst dazu beitrage. Und da spreche ich jetzt noch nicht einmal von der metaphorischen Ebene, von Krieg, Naziherrschaft und Absurdität der condition humaine – sondern von all den wie beiläufigen Beobachtungen und kleinen Geschichten am Rande. Auf die Frage eines Journalisten „Gibt es in Ihrem Werk ein Ihrer Meinung nach wichtiges Thema, das Sie von Ihren Interpreten vernachlässigt sehen?“ hatte Camus einst geantwortet: „Der Humor“ (3). In Die Pest, man glaubt es kaum, gibt es jede Menge davon. Allerdings neigt man vielleicht dazu, diesen Aspekt zu übersehen, weil man nicht damit rechnet. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Wäre nämlich zu schade drum. In diesem Sinne: bleiben Sie wenn möglich heiter, trotz allem, und vor allem bleiben Sie gesund – à bientôt!

P.S. Vielleicht mögen Sie sich Die Pest vorlesen lassen? Das Literaturcafé in Freudenberg lädt ab morgen, 30. März, bis zum 10. April 2020 täglich von
Montag bis Freitag von 10 bis 11 Uhr morgens zu einer Live-Lesung ein per Videostream auf Youtube ein. Die Übertragung erfolgt aus der Lounge der Black Forest Lodge in Igelsberg bei Freudenstadt, es liest Wolfgang Tischer. Ich werde auf jeden Fall mal reinhören! Hier der Link zum Live-Stream: www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live. Gelesen wird übrigens die neue Übersetzung von Uli Aumüller (Rowohlt 1997), während ich meist aus meiner zerfledderten alten Taschenbuchausgabe mit der Übersetzung von Guido G. Meister zitiere. Der Vergleich wäre auch mal ein hübsches Thema.

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 13/14; a.a.O., S. 27. (3) „Ein paar Fragen in Prousts Manier. Ein spätes Interview mit Jean-Claude Brisville (1959), in «Du». Die Zeitschrift der Kultur. Heft Nr. 6/1992: Wiederbegegnung mit Albert Camus. Zürich, Juni 1992, S. 20

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (2) – oder: Wir leben alle in Oran

27. März 2020. Aufwachen an einem strahlend sonnig-kalten Frühlingsmorgen, die Vögel zwitschern wie verrückt. Der erste Blick aus dem Fenster geht über Wuppertaler Dächer hinweg zu den bewaldeten Hügeln gegenüber. Die Welt sieht aus wie immer. Und jeden Morgen aufs Neue gibt es diese ersten Momente, in denen der Verstand nicht fassen will, dass die Welt eben nicht ist wie immer. Dass alles anders ist. Der Widerspruch zwischen Wahrnehmung und Wissen ist so grundlegend, dass plötzlich alles surreal erscheint. Es ist viel davon die Rede in diesen Tagen, dass wir dieser Krise am Ende auch Positives werden abgewinnen können. Dass sie eine Chance ist, etwas zu lernen oder wiederzuentdecken, das uns helfen kann und die Welt zu einem besseren Ort, unsere Gesellschaft menschlicher machen kann. Ausgemacht ist das durchaus noch nicht. Aber ich sagte schon: Wir haben es selbst in der Hand. Was wir aber auf jeden Fall gerade nicht nur lernen können, sondern lernen müssen, ist: Mit Widersprüchen zu leben, ja, im Widerspruch zu leben. Und der Widerspruch zwischen dem, was wir wahrnehmen und dem, was unser Wissen über die Auswirkung des neuen Corona-Virus uns an Einschränkungen aufnötigt, ist der, der jetzt alles bestimmt.

Grundsätzlich wehrt sich der Verstand gegen Widersprüche. Der Verstand will Widersprüche auflösen, will auf Fragen Antworten finden. Aber da gibt es nicht nur jene Fragen, auf die mit dem Zuwachs an Wissen und an technischen Möglichkeiten im Laufe der Zeit befriedigende Antworten gefunden werden. Der Verstand wird auch von solchen Fragen heimgesucht, die das Vermögen des Verstandes immer schon übersteigen. Mit diesen Fragen wird der Verstand immer gegen seine eigenen Grenzen donnern wie die Fliege gegen die Fensterscheibe. Das ist die menschliche Grundsituation, in die wir hineingeworfen sind. Es ist das, was Camus das Absurde nennt. Zugleich ist es etwas, das uns zumeist nicht sonderlich stört, und worüber wir uns am wenigsten Gedanken machen, so lange unser Alltag einigermaßen bequem funktioniert. Dass auch dieser Alltag, unser ganz normales Leben ständig von Widersprüchen durchzogen und geprägt ist, blenden wir gerne aus. Was menschlich ist, da will ich jetzt gar nicht den Zeigefinger heben.

Allerdings gibt es verschiedene Stadien zwischen Ausblenden und aktivem Leugnen. Als der Arzt Dr. Bernard Rieux am Morgen des 16. April im Treppenhaus über eine tote Ratte stolpert, schiebt er das Tier achtlos zur Seite. Der Hauswart dagegen ist empört: In „seinem“ Haus gibt es keine toten Ratten. Die drei toten Ratten am nächsten Tag müssen ein Bubenstreich sein. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Rieux ist angesichts der drei weiteren toten Ratten bereits beunruhigt. Er beginnt seine Hausbesuche gezielt in den Außenquartieren, wo seine ärmsten Patienten wohnen, zählt in einer Straße ein Dutzend tote Ratten und stellt fest, dass bereits das ganze Viertel davon spricht. Trotzdem beruhigt er seine kranke Frau bei ihrer Abreise ins Sanatorium noch: „Es ist merkwürdig, aber es wird vorbeigehen“ (1). Dem Untersuchungsrichter Othon, den er auf dem Bahnsteig trifft, und der ihn auf die Ratten anspricht, entgegnet er: „Das hat nichts zu bedeuten“ – während er zugleich im Vorübergehen einen Arbeiter wahrnimmt, der eine Kiste mit toten Ratten unter dem Arm trägt (2). Es ist ein seltsames Phänomen, alle Welt spricht darüber, aber man fühlt sich nicht bedroht.

Haben wir diese Phase bereits hinter uns? Seltsame gehäufte Krankheitsfälle sind im fernen China aufgetaucht – das waren noch die einzelnen Ratten auf der Treppe. Wurde mit einer gewissen Neugier betrachtet, hatte aber nichts zu bedeuten. Auch dann nicht, als es sehr schnell mehr werden und schon alle Welt darüber spricht. Merkwürdig, aber nicht so schlimm. Ein neues Virus, ja, aber immerhin nicht die Pest, nur eine neue Art Grippe; an die alte, die jedes Jahr tausende Todesopfer fordert, über die niemand redet, haben wir uns ja auch gewöhnt, und die ist schließlich viel schlimmer. Es wird vorbeigehen. – Ja, diese Phase haben wir hier bei uns und in den größten Teilen der westlichen Welt wohl hinter uns. Anderswo vielleicht noch nicht. Ein Video der Deutschen Welle zeigt eine Patrouille der Ural-Kosaken in Russland, die nicht nur Atemschutzmasken verteilen, sondern zur Bekämpfung des Virus auch Weihwasser, Honig, Knoblauch und Himbeermarmelade empfehlen. Aber die Leugner vom Schlage des Hauswarts Monsieur Michel gibt es zweifellos auch bei uns noch. Monsieur Michel wird übrigens der erste sein, der an der Pest stirbt.

Es gibt trotzdem keinen Anlass, sich über all jene, die das Ausmaß der Heimsuchung so lange nicht wahrhaben wollten, zu erheben. Denn auch jetzt wird man „ohne weiteres zugeben, dass unsere Mitbürger in keiner Weise auf die Ereignisse vorbereitet waren, die sich im Frühling dieses Jahres abspielten.“ (3) Camus machte die algerische Hafenstadt Oran zum Schauplatz seiner Geschichte, vielleicht, weil er die Heimatstadt seiner Frau nie mochte und sich dort nie wohl gefühlt hat, vor allem aber, weil es eine so ganz und gar gewöhnliche Stadt ist. Eine nüchterne, ziemlich hässliche Stadt, wo die Menschen viel arbeiten, aber nur um reich zu werden, wo die Bewohner sich hauptsächlich mit Handel und dem, was sie Geschäfte machen befassen und das Vergnügen vernünftiger Weise auf das Wochenende verlegen (4). So what?

Man wird zweifellos entgegnen, dass unsere Stadt darin keine Ausnahme bildet und dass eigentlich alle Zeitgenossen so sind. Gewiss erscheint es einem heute nur natürlich, wenn die Leute von morgens bis abends arbeiten und dann die Zeit, die ihnen zum Leben bleibt, beim Kartenspiel, im Café und mit Geschwätz vertun.“ (5)

Und schließlich, ganz gleich wie öde einem das mit dem Blick von außen auch erscheinen mag: „Sobald man Gewohnheiten angenommen hat, verbringt man seine Tage mühelos. Da unsere Stadt die Gewohnheiten besonders unterstützt, ist nur zu sagen, dass alles zum besten bestellt ist“ (3).

Ja, aber wie, wenn all diese Gewohnheiten mit einem Schlag durcheinander gewirbelt werden? Wenn sie keinen Halt mehr bieten und das gerade noch Selbstverständliche sich nicht mehr von selber versteht? Davon kann wohl gerade jeder sein ganz eigenes Lied singen. So viele verschiedene Geschichten, wie es Menschen gibt. Mit vielen sich ähnelnden Erfahrungen und doch für jeden anders. Der eine hat mit der sozialen Isolation zu kämpfen, die andere damit, in ungewohntem Maße der eigenen Familie ausgesetzt zu sein. Für den einen mag es schon eine umstürzende Erfahrung sein, dass er zum ersten Mal vor einem leeren Supermarktregal steht und er sein dreilagiges Klopapier nicht mehr kriegt, die andere ist mit wirtschaftlichem Zusammenbruch, Erkrankung oder gar dem Tod konfrontiert. Aber machen wir uns nichts vor: Auch vor einem leeren Supermarktregal kann einen das Absurde anspringen wie an jeder beliebigen Straßenecke.

Aber so verschieden auch immer, so unterschiedlich hart auch immer es den einzelnen treffen wird – die pure Tatsache, dass dieses Virus sich gerade über den kompletten Erdball ausbreitet und in den Alltag jedes einzelnen eingreift, ist etwas, das uns alle verbindet. Seien wir doch neugierig: Wie gehst du damit um? Was macht das mit dir? Wie kommst du klar? Offenheit, Interesse, Anteilnahme, wo wir sonst aneinander vorbeileben – vielleicht können wir in der erzwungenen physischen Distanz ja eine Menge über soziale Nähe lernen. Aber ich wollte nicht predigen (wird mir wahrscheinlich noch öfter passieren). Das Thema der Predigt ist Pater Paneloux vorbehalten, aber da bin ich noch nicht. Wie gesagt, ich hab‘ ja ganz vorne angefangen, Die Pest nochmal zu lesen – und heute bin ich nur bis Seite 10 gekommen. In diesem Sinne: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 9. (2) a.a.O., S. 10; (3) a.a.O., S. 7; (4) a.a.O., S. 5; (5) a.a.O., S. 6;

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (1)

„Was macht man eigentlich als Kulturjournalistin, wenn keine Kultur mehr stattfindet?“ Die Anteil nehmende Frage erreichte mich heute per Mail. Gestern hätte ich noch antworten können: „Man formuliert Absagen“. Aber jetzt sind alle Absagen raus, und ich kann nur sagen: „Mal schauen“. Versuchen, das Beste aus dieser Vollbremsung zu machen. Mal wieder bloggen, so richtig, nicht nur Veranstaltungen ankündigen – das wär‘ ja schon mal was. Und noch einmal – ich weiß gar nicht zum wievielten Mal – Die Pest lesen. Nicht, dass es allzu lange her wäre. Ich lese, zumindest auszugsweise, immer wieder darin, erst kürzlich wieder im Zusammenhang mit der sehr gelungenen Dramatisierung im Schlosstheater in Moers. Aber jetzt hat sich die Perspektive geändert. Nicht die metaphorische Ebene der „braunen Pest“ des Naziregimes, nicht die philosophische der condition humaine macht Camus‘ Roman gerade zum Bestseller, sondern die vordergründige erste Erzählebene, die davon handelt, wie eine Stadt im 20. Jahrhundert völlig unvorhergesehen vom Ausbruch einer tödlichen Epidemie überrascht wird. Nun ist das neuartige Corona-Virus zum Glück nicht so gefährlich wie die Pest, aber dafür wird auch nicht nur eine Stadt davon heimgesucht, sondern gleich die ganze Welt. Und mit diesem speziellen Blick werde auch ich Die Pest nun noch einmal lesen.

Seit Tagen wird die „Alert“-Liste im Postfach, die Camus-Funde im Netz anzeigt, immer länger. Tatsächlich ist La Peste in Frankreich von der Long- auf die Bestseller-Liste geklettert, und in Italien ist die Übersetzung angeblich ausverkauft (was ich nicht verifizieren kann). Die Zeitungsartikel, die in der aktuellen Lage Bezug auf Camus‘ Roman nehmen, sind kaum noch zu zählen. Vielleicht lese ich sie alle noch, auch dafür ist ja jetzt Zeit. Und vielleicht erzähle ich von dem, was ich mir dabei denke, hier im Blog, mal sehen. Deshalb hab‘ ich für alle Fälle mal eine (1) hinter die Überschrift geschrieben. 
Auf jeden Fall denke ich jetzt schon gern an das Ende von Camus‘ Roman und hoffe, dass es auch für uns so sein wird, und dass es bis dahin nicht allzu lange dauern wird: Irgendwann ist der Spuk vorbei, die Menschen fallen sich voller Freude in die Arme und feiern in den Straßen. Jedenfalls die, die überlebt haben und die keinen geliebten Menschen verloren haben. Das ist der bittere Beigeschmack, der auch uns nicht erspart bleiben wird. 

Camus lässt den Arzt und Chronisten der Pest, Dr. Bernard Rieux, am Ende erklären, warum er diesen Bericht verfasst habe: Er habe nicht zu denen gehören wollen, die schweigen, sondern Zeugnis ablegen wollen für diese Pestkranken und wenigstens ein Zeichen für die ihnen zugefügte Ungerechtigkeit und Gewalt hinterlassen. Und er habe schlicht schildern wollen, „was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es am Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ (*) Daran denke ich oft in diesen Tagen, und auch wenn Verachtung ein hartes Wort ist: Ich sehe durchaus Anzeichen für beides. Da gibt es nicht wenige Menschen, welche die gebotenen Regeln und Anordnungen zur Eindämmung des Virus mit Sorglosigkeit, Dummheit, Ignoranz und Egoismus missachten. Und da gibt es viele Menschen, die großartige Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Kreativität, Improvisationskunst und Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen. Was wird überwiegen? Ich wünsche mir sehr, dass wir am Ende Dr. Rieux werden zustimmen können. Wir haben es selbst in der Hand. In diesem Sinne: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

(*) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 202

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Literarische Soirée: Albert Camus‘ Heimkehr in die Wüste

In der Heimat von Camus: Hügel in der algerischen Wüste. ©Foto: Andreas Arnold

Wer sich auch nur ein bisschen mit Albert Camus beschäftigt hat weiß, wie sehr seine (verlorene) algerische Heimat ein Leben lang für ihn Kraftquelle und Sehnsuchtsort geblieben ist. In seinen literarischen Essays wie Der Wind in Djemila oder Hochzeit in Tipasa wird viel davon spürbar. Eine literarisch-musikalische Soirée will das Publikum am kommenden Sonntag, 15. März 2020, quasi mit auf die Reise dorthin nehmen und kombiniert Textauszüge aus Camus‘ Algerien-Novellen mit solchen aus Sebastian Ybbs Camus-inspirierten Roman Die Unendlichkeit geteilter Tage sowie Musik zwischen Orient und Okzident (in Zusammenarbeit mit der Albert Camus-Gesellschaft). Mit Sonia Mischor, Matthias Lüffe und Sebastian Ybbs.

  • Albert Camus‘ Heimkehr in die Wüste. Sonntag, 15. März 2020, 17 Uhr, im Theater im Tuchwerk, Strüverweg 116, Aachen. Infos und Vorverkauf: www.TheaterK.com (Eintritt 15 / 10 / 6,50 Euro).

Update 14.3.2020: Die Veranstaltung ist abgesagt

Heute erreicht uns folgende Nachricht von Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert Camus-Gesellschaft:

Liebe Freunde,
wir haben uns jetzt doch entschieden, die Veranstaltung Heimkehr in die Wüste abzusagen. Wir Künstler und das Team des Theater K. sind alle sehr zerrissen. Wir haben viel Vorbereitung und Herzblut in das Projekt gesteckt und hätten die Aufführung gerne mit einigen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt. Doch im Moment geht es allgemein darum, Übertragungsmöglichkeiten des Virus‘ möglichst hinauszuzögern, damit eine medizinische Versorgung der Erkrankten gewährleistet bleibt. Wir haben uns jedoch fest vorgenommen, die Veranstaltung nachzuholen.
Bis dahin bleibt alle gesund und nutzt die Zeit für andere schöne Dinge!“
Sebastian Ybbs

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Wolkenbilder vom Wendekreis des Krebses – oder: Christian und Helga von Alvensleben schauen mit Camus in den Himmel

„Pioneer“ aus der Serie „Haute Couture des Himmels“. ©CvAlvensleben

„Ich sah die Sonne auf dem Grund des Meeres, und die Wellen beherrschten den stürmischen Himmel.“ (Albert Camus)*

Immer wieder habe ich im Laufe der Jahre über die Verbindung zu Albert Camus wunderbare Menschen kennengelernt, für die Camus ebenso wie für mich ein Lebensbegleiter ist. Immer wieder neu die Erfahrung „Albert Camus verbindet wie ein gemeinsamer Freund“, wie die Welt am Sonntag in ihrem Bericht über diesen Blog einst titelte. Zu eben jenen Menschen gehören auch Helga und Christian von Alvensleben. Ich lernte sie kennen anlässlich ihrer Ausstellung Albert Camus und ein bisschen kalter Rauch 2013 im Institut français in Düsseldorf. Bei der Vernissage zu ihrer Ausstellung Haute Couture des Himmels in der Düsseldorfer Galerie noirblanche gab es unlängst die Gelegenheit für ein Wiedersehen. Die Einladung zur Ausstellung hatten sie mit dem obigen Zitat aus dem Text Das Meer (Bordtagebuch) von Camus versehen. Und das war mehr als eine zufällige Assoziation, wie Christian von Alvensleben erzählt: „Bei unserem Aufenthalt auf Lanzarote haben wir erneut Albert Camus’ Hochzeit des Lichts gelesen und in dem Kapitel Das Meer (Bordtagebuch) dieses Zitat gefunden. Bei unseren schwindelig machenden Wolkenbeobachtungen war uns dieser Satz immer vor Augen.“

Helga und Christian von Alvensleben. ©Foto: Anne-K. Reif

Beim Betrachten der Wolkenbilder von Christian und Helga von Alvensleben, kann man das leicht nachvollziehen – oft erschließt sich nicht auf den ersten Blick, ob man etwa in einen von Wolken durchzogenen blauen Himmel schaut oder durch eine zerrissene Wolkendecke hinab aufs bewegte Meer. Die Serie Haute Couture des Himmels entstand im Winter auf den Kanaren, am Wendekreis des Krebses, wenn heiße Saharawinde Wüstenstaub mitbringen und auf den kalten Nordost-Passat treffen. Christian von Alvensleben hat das einzigartige Spiel von Licht, Wind und Wolken in phantastischen Bildern eingefangen – zum Teil durch Filter hervorgehoben, aber nicht nachbearbeitet. Die Fotografien sind so einzigartig wie jeder eingefangene Moment flüchtiger Formationen: die großformatigen Farbabzüge (140×95 cm) werden ausschließlich als Unikate angeboten. 

Als Autorschaft bei nahezu allen Projekten ist übrigens angegeben „Christian und Helga von Alvensleben“ – ein bisschen wie bei Christo und Jean-Claude. „Ich bin zwar der, der immer auf den Auslöser drückt, aber die Projekte entwickeln wir gemeinsam“, sagt der Fotograf dazu. Die Inspiration, der Blick, das Motiv – dahinter steckt ebenbürtig Helga von Alvensleben.

*Albert Camus, Das Meer (Bordtagebuch, 1953), in: Literarische Essays, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S.187

* * * * *

Camus-Lieblingsstellen beim Jour fixe in Aachen

Haben Sie auch ein Camus-Zitat, das Sie einmal besonders inspiriert hat? Oder eine Lieblingsstelle aus einem Camus-Text? Gelegenheit, dies vorzustellen und sich darüber auszutauschen besteht beim nächsten Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen am Dienstag, 3. März 2020. „Mit einem kleinen Textausschnitt von plus-minus zwei Seiten/fünf Minuten kann jeder Teilnehmende zu dem Abend beitragen“, erklärt der Vorsitzende Sebastian Ybbs. „Ob es sich um eine Lieblingstextstelle, eine bemerkenswerte oder kontroverse Aussage handelt, sie stilistisch auffallend oder inhaltlich aufrüttelnd ist, bleibt jedem selbst überlassen. Vielleicht ist es ja auch nur ein kurzes Zitat, das man in die Runde werfen will. Wer keine Textstelle vorlesen möchte, kann sich natürlich gerne an dem Gespräch beteiligen, in dem wir uns analytisch oder enthusiastisch über das Gehörte austauschen“, erklärt Ybbs weiter und weist noch auf die geänderte Anfangszeit der monatlichen, für alle Interessierten offenen Treffen hin: 19.30 Uhr statt wie bisher 20 Uhr.

  • Termin: Dienstag, 3. März 2020, um 19.30 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

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Berliner Jungregisseur verfilmt Albert Camus‘ „Der Fremde“ – Camus-Kunstdruck von Oliver Jordan trägt zu Finanzierung bei

Mit diesem Kunstdruck eines seiner Camus-Porträts unterstützt der Künstler Oliver Jordan das Filmprojekt von Julian Withalm. ©Oliver Jordan

Regisseur Julian Withalm setzt das Schlusskapitel des Romans in einen Kurzfilm um. Oliver Jordan unterstützt das spannende Projekt.
365-Tage-Camus hat mit beiden gesprochen.

Der Roman Der Fremde hat nicht nur seinen damals 28-jährigen Autor Albert Camus ziemlich schlagartig berühmt gemacht, auch die Verfilmung von Luchino Visconti mit Marcello Mastroianni in der Rolle des Meursault 1967 hat Maßstäbe gesetzt. Danach hat sich kein Regisseur mehr an die Vorlage herangetraut. Bis jetzt. Der junge Berliner Regisseur Julian Withalm hat sich vorgenommen, den Schlussakt aus Camus‘ Der Fremde zu verfilmen: Jene bedeutende Szene, in der Meursault in seiner Zelle Besuch vom Gefängnispfarrer bekommt und dessen Angebot geistlichen Trostes in einem Ausbruch großen Zorns zurückweist: Die vermeintlichen Gewissheiten, die der Pfarrer ihm anbiete, seien nicht einmal ein Frauenhaar wert.

Keine komplette Neuverfilmung also, sondern nur eine 15-Minuten-Szene, ein Kurzfilm, den Withalm später auf Filmfestivals präsentieren will – gleichwohl ein ambitioniertes Projekt. Schließlich ist gerade diese kammerspielartige Szene arm an äußerlicher Handlung – dafür aber von hoher philosophischer Dichte. Kein leichtes Unterfangen, das in Filmbilder umzusetzen. Wie wird er das anpacken? Und warum überhaupt? Genau das wollte ich von Julian Withalm wissen.

Herr Withalm, was brachte Sie auf die Idee, die Schlussszene von Camus’ Roman Der Fremde neu zu verfilmen?

Julian Withalm: Anfangs habe ich ganz einfach, wie so viele vor mir, den Roman Der Fremde gelesen. Er hat mich sofort so fasziniert, dass ich weitere Werk von Camus gelesen habe – aber irgendwie kam ich gedanklich immer wieder auf den Fremden zurück. Die Art und Weise, wie Camus seine Ansichten in dieser spannenden Geschichte verpackt und mit welcher Klarheit er sie aufgeschrieben hat, hat mich einfach nicht losgelassen. Ich habe den Roman mehrmals gelesen und auch das Hörbuch angehört. Ich glaube, es war auf einer Autofahrt, während der mich die Stimme von Ulrich Matthes erneut in die Geschichte hineingezogen hat. Es war sicherlich auch die hohe Qualität des Sprechers, die dazu geführt hat, dass ich vor allem das letzte Kapitel wie gebannt in mich aufsog. Da hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dieses Kapitel in einem Kurzfilm umzusetzen.

Und warum gerade diese Szene? Wenn man an Der Fremde denkt, haben die meisten vermutlich als erstes die Schlüsselszene am Strand vor Augen, in der Meursault einen Araber erschießt – mithin jenen Mord begeht, dessen Gründe er nicht wirklich erklären kann, und der ihm schließlich das Todesurteil einbringt.

Die Faszination, die für mich von der Gefängnisszene ausging, war zum einen die Tatsache, dass sie mir wie ein Reflektor des gesamten Romans vorkam. Die Szene bringt die Sache sozusagen auf den Punkt. Und mich hat das Widersprüchliche dieses Aufeinandertreffens von Religion und den atheistisch-existenzialistischen Werten des Meursault interessiert. Vor allem aber auch die äußerst spannend Figurenentwicklung in dieser Szene. Der Anstaltsgeistliche, der von Meursaults Aussagen überwältigt und erschüttert wird. Meursault, der auch aufgrund der Provokation des Geistlichen zum Kern seines Inneren vordringt, all seinen Frust und seine Ansichten herausschreit und eine Läuterung erfährt. Dieses Szenario in eine filmische Form zu übertragen, das empfinde ich als herausfordernd und zugleich motivierend.

Wie Sie gerade sehr richtig beschrieben haben, wird für beide Personen, die in dieser Szene auf einander treffen, die Begegnung zum Schlüsselerlebnis. Da steckt mithin eine ziemliche Gedankenlast drin, die es gilt, ins Medium Film zu übersetzen. Wie haben Sie vor, das umzusetzen?

Anfangs erschien es mir tatsächlich nicht unbedingt als realistische Idee, diesen Teil des Buches in das audio-visuelle Medium Film zu übersetzen. Das letzte Kapitel besteht zu mehr als der Hälfte aus innerem Monolog und Reflexion, und da Film über Bilder funktioniert, stellte sich das erstmal als schwierig dar. Geholfen hat mir dabei meine Abschlussarbeit, die ich über genau diese Problematik geschrieben habe. Nämlich darüber, wie aus Literatur Film wird, und ob und in wie weit eine Literaturverfilmung dann noch mit ihrer Vorlage verglichen werden kann. Die vielen spannenden Erkenntnisse dieser Arbeit sprengen sicher den Rahmen dieses Interviews, aber ich kann in Bezug auf die Verfilmung von Der Fremde sagen, dass es mir sehr geholfen hat zu erfahren, dass es möglich ist, eine ähnliche bis gleichermaßen wirkungsvolle emotionale und auch interpretative Reaktion beim Zuschauer zu erzeugen, wie sie beim Lesen eines Romans der Fall ist: aufgrund des Spiels der Darsteller, aufgrund der Bedeutung der Bilder und aufgrund vieler Hilfsmittel in der Dramaturgie des Films. Der Film schafft es dann, als Medium für sich selbst zu stehen, und emanzipiert sich aus dem Schatten seiner Vorlage – was auch gut ist. Diese Erkenntnisse haben mir insbesondere für den ersten Teil des Kurzfilms geholfen, in dem sich Meursault alleine mit seinen Gedanken in der Gefängniszelle befindet. – Weiter empfinde ich den Dialog beziehungsweise Streit zwischen Meursault und dem Geistlichen als eine Art verbale Zusammenfassung, in wie weit diese Charaktere zu ihrer Haltung und ihrem Erlebten stehen. Teile dieser Auseinandersetzung habe ich eins zu eins übernommen.

Zweifellos ist die Szene auch eine Herausforderung für jeden Schauspieler. Mit welchen Darstellern werden Sie arbeiten?

Ich möchte hier noch nicht zu viel verraten, was die Charakterzeichnung der einzelnen Protagonisten angeht. Unsere Hauptdarsteller sind Christian Harting, der den Meursault spielt, und Marin Blülle als Anstaltsgeistlicher.

Haben Sie bei all dem gar keine Angst vor dem großen Schatten der Visconti-Verfilmung?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir den Film nicht im Detail angesehen. Ich denke aber auch, dass ein Vergleich hier nicht gegeben ist, weil mein Fokus doch eher woanders liegt. Visconti versucht ja, die ganze Geschichte darzustellen, ich versuche, mich nur auf diese eine Szene zu konzentrieren und sie mit meinen eigenen Ansätzen zu interpretieren. Schlussendlich wird auch das Format und die filmische Umsetzung einen Vergleich eher schwierig machen.

Inzwischen haben Sie bereits angefangen zu drehen. Wie waren die ersten Tage?

Wir haben den größten Teil bereits abgedreht, am kommenden Wochenende folgt der Rest. Im Anschluss beginnt die Nachbearbeitung. Wir haben ein sehr gutes Team und tolle Schauspieler, die alle voll mitziehen. Wie die meisten Drehs hatten wir einen gewissen Zeitdruck, mit dem wir umgehen mussten. Ich bin bisher sehr zufrieden.

Sie finanzieren Ihr Filmprojekt über Crowdfunding. Wie ist die Resonanz bisher?

Über die Crowdfunding Kampagne auf Startnext.de ist es uns gelungen, den Film zu einem Teil zu finanzieren. An dieser Stelle möchte ich nochmals allen Unterstützern meinen Dank aussprechen! Gerade Kurzfilme sind schwierig zu finanzieren, da sie keinen großen Markt haben. Eine Möglichkeit ist dann Crowdfunding, aber auch das bedeutet eine Menge Arbeit. Ich möchte hier erwähnen, dass es noch weiter Unterstützer außerhalb des Crowdfundings gibt. Insbesondere zu nennen sind hier die Albert-Camus-Gesellschaft aus Aachen und der Künster Oliver Jordan, der uns durch den Verkauf eines seiner Camus-Portraits unterstützt. Auch ihnen gilt es hier nochmals herzlich dafür zu danken!

Herr Withalm, herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihren Film. Ich hoffe, ich werde irgendwann die Gelegenheit haben, ihn zu sehen – und dann auch gerne davon berichten!

Regisseur Julian Withalm. ©Foto: privat

Der Regisseur:
Julian Withalm, geb. 1989 in Heidelberg, studierte bis 2019 kreative Filmproduktion mit dem Schwerpunkt Regie an der Beuth Hochschule Berlin. Bereits im Laufe seines Studiums realisierte er eine Reihe von Kurz- und Dokumentarfilmen, bei denen er das Drehbuch schrieb und Regie führte (u.a. die Kurzspielfilme Der Anruf und Was der Mond Rot aufgeht und die Dokumentarfilme Der Präparator und Nachts im Walde (Arbeitstitel). Julian Withalm lebt und arbeitet in Berlin

***

Camus-Kunstdruck erwerben und das Filmprojekt unterstützen

Oliver Jordan bei seiner Camus-Ausstellung im LVR-Museum Bonn 2014. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Auch wenn das Crowdfunding bereits abgeschlossen ist – auch die Postproduction des Films braucht natürlich noch finanzielle Mittel. In Oliver Jordan hat Julian Withalm einen besonders prominenten Unterstützer gefunden. Der renommierte Künstler, für den die (nicht nur malerische) Auseinandersetzung mit Albert Camus zu den Lebensthemen gehört, lässt eigens einen Kunstdruck eines seiner Camus-Porträts anfertigen, wobei 50 Prozent des Reinerlöses dem Filmprojekt zukommen sollen (siehe Abbildung oben). Das Original (280 x 210 cm, Öl auf Pappe, 2013) war Teil einer Ausstellung im Rahmen der Kulturhauptstadt Marseille-Provence 2013 zum 100. Geburtstag von Albert Camus, die anschließend mit großem Zuspruch im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen war. Heute hängt das Original in einer Privatsammlung.

Herr Jordan, Sie unterstützen das Filmprojekt von Julian Withalm mit 50 Prozent des Reinerlöses aus dem Verkauf ihres Kunstdruckes, einem Porträt von Albert Camus. Was hat Sie an dem Projekt so überzeugt, dass Sie es auf diese Weise fördern möchten?

Oliver Jordan: Setzt man sich ganz bewusst mit den Hintergründen des gesellschaftlichen Klimawandels auseinander und dem damit einhergehenden Verlust von Mehrdeutigkeit und von Ambiguitätstoleranz wird man feststellen müssen wie sehr uns im Moment Persönlichkeiten wie Albert Camus fehlen und wie wichtig es sein könnte sich mit ihren Ideen und literarischen Figuren zu beschäftigen. Vor diesem Hintergrund war ich sehr erfreut, dass ein jüngerer Filmregisseur wie Julian Withalm bereit ist, sich mit einer literarischen Figur von Albert Camus filmisch auseinander zu setzten. Das Konzept und die Aufgabenstellung finde ich mutig. Im letzten Kapitel von Albert Camus Der Fremde heißt es nach der Auseinandersetzung Meursaults mit dem Pfarrer: „Als hätte diese große Wut mich vom Bösen geläutert, von Hoffnung entleert, öffnete ich mich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“.

Für mich ist das der Kernsatz des Existentialismus.

Ein literarischer Geniestreich, der durch die vielen Aufenthalte Camus‘ in Tipasa vorbereitet wurde. Diesen Aufenthalten habe ich künstlerisch mit meinen Arbeiten für die Ausstellung und das Buch Malerei als Revolte, Hommage an die Schönheit, das Licht und Camus versucht ein Denkmal zu setzen. Nun bin ich neugierig und voller positiver Erwartung, wie Julian Withalm in seiner ersten Regiearbeit nach seinem Studium es schaffen wird, die ganz besondere Atmosphäre vom letzten Kapitel filmisch umzusetzen. Dieser Mut, auch eine jüngere Generation mit einem frischen Blick auf Camus zu konfrontieren, verdient für mich meine Unterstützung.

Angaben zum Druck:
Titel: Albert Camus
Größe: 70 x 52 cm
Produktionsart: Gicléedruck durch Janzen & Sauerland GmbH & Co.KG
Größe der Auflage: 50 Exemplare
Vorzugspreis pro signiertes Exemplar: 490 Euro inkl. 19% MWSt.
Zuzüglich 12 Euro Verpackung- und Versandkosten innerhalb Deutschlands.
Der Vorzugspreis gilt bis Ende März 2020.
Ab 1. April kostet der Druck 590 Euro.
Der Druck kann direkt beim Künstler bestellt werden: oliverjordan@t-online.de

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Auflehnung im Absurden – Vortrag zu „Camus und Dostojewski“ in Aachen

Unter den vielen Paarungen von „Camus und …xy“, die bei Camusforschern ein beliebtes, weil quasi unterschöpfliches Untersuchungsfeld darstellen, gehört eine zweifellos zu den wichtigsten und aussagekräftigsten – nämlich „Camus und Dostojewski“. Eben dieses Themas hat sich der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Historiker Bernd Oei angenommen und stellt es am kommenden Freitag, 14. Februar, bei der Camus-Gesellschaft in Aachen vor. In der Ankündigung heißt es:

„Fjodor Dostojewski war einer der einflussreichsten Autoren für Albert Camus. Dessen Roman Böse Geister (Die Dämonen) hat Camus zu einem seiner wichtigsten Dramen bewegt, das 1959, wenige Tage vor seinem Tod, unter dem Titel Die Besessenen (Les Possédées) uraufgeführt wurde. «Alle Helden Dostojewskis fragen nach dem Sinn des Lebens. (…) in den Romanen Dostojewskis wird die Frage derart eindringlich gestellt, dass sie nur zu extremen Lösungen führen kann», schreibt Camus im Mythos von Sisyphos. In seinem Vortrag spürt Bernd Oei der literarischen Beziehung zwischen diesen zwei großen Schriftstellern und Denkern nach. Seine Betrachtungen konzentrieren sich insbesondere auf Dostojewskis Figur des Kirilow und die Frage nach dem logischen Selbstmord, aus der er im Weiteren die Überlegungen Camus’ über die Revolte im Vergleich zu Dostojewskis Die Brüder Karamasow ableitet.“

Ganz ohne Zweifel ein spannendes Thema, über das der Autor sicherlich kenntnisreich zu berichten wissen wird. Ich will auch gar nicht kleinlich sein, merke aber dennoch an, dass die Klassifizierung von Die Besessenen als „eines der wichtigsten Dramen von Camus“ ein wenig schief ist. Es handelt sich vielmehr um eine seiner wichtigsten und (wie Camus-Biograf Olivier Todd schreibt) anspruchsvollsten Bühnenbearbeitungen – eben eine Adaption von Dostojewskijs Roman Die Dämonen. Todd zitiert Camus’ Einführung im Programmheft zur Uraufführung: 

„«Die Dämonen gehören zu den vier oder fünf Werken, die ich über alle anderen stelle. In mehr als einer Hinsicht kann ich sagen, dass sie mich genährt und geformt haben. Seit fast zwanzig Jahren (…) sehe ich seine Gestalten auf der Bühne.» Dostojewskijs Geschöpfe seien «weder seltsam noch absurd. Sie gleichen uns, wir haben das gleiche Herz. Und Die Dämonen sind prophetisch nicht nur, weil sie unseren Nihilismus ankündigen, sondern weil sie zerrissene und tote Seelen zeigen»“. *

Ich wünsche allen Camus-Freunden und Dostojewski-Freundinnen (und umgekehrt) einen inspirierenden Abend in Aachen!

  • Termin:
    Auflehnung im Absurden. Camus und Dostojewski. Vortrag von Bernd Oei, 14. Februar 2020, 19.30A Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a, Aachen. 
  • Der Autor:
    Bernd Oei (*1966), ist Philosoph, Literaturwissenschaftler und Historiker. Er promoviert zu „Nietzsche und Hölderlin im Vergleich“. 2010 erschien sein Buch „Camus – Sisyphos zwischen dem Absurden und der Revolte“, das in diesen Tagen in überarbeiteter Form neu erscheint. 

* Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 783

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Von Herzblut-Publikationen und den Freuden und Leiden des Bloggens

Ähnlichkeiten sind beabsichtigt: Einen sehr herzlichen Dank für diese sehr schöne Camus inspirierte Zeichnung an Holger Vanicek alias Sebastian Ybbs! ©Holger Vanicek

Zu den schönen Erfahrungen mit diesem Blog gehört es immer wieder, wenn Camus „verbindet wie ein gemeinsamer Freund“ (wie einst die Welt am Sonntag über die 365tage-camus.de titelte), wenn er echte Begegnungen stiftet, an die man noch nach Jahren anknüpfen kann, wenn Menschen mir schreiben und natürlich auch, wenn sie mir unaufgefordert Texte, Aufsätze, Bücher und mehr schicken. Viel Kenntnis und Gelehrsamkeit steckt oftmals darin, vor allem aber viel Herzblut. Und natürlich auch die Hoffnung, ich möge dies hier im Blog entsprechend würdigen. Damit verbunden allerdings ist nun die für mich weniger schöne, sich leider regelmäßig wiederholende Erfahrung: Dass ich sie nämlich sehr oft enttäuschen muss.

Als ich 2013 den Blog gestartet habe, hätte ich niemals gedacht, dass er über Jahre laufen würde. Nun ist er, wie Camus selbst, zum Lebensbegleiter geworden und soll es auch bleiben – ein Lebensbegleiter, über dessen pure Existenz ich mich freue, ohne Erwartungen und Verpflichtungen damit zu verbinden, die zur Belastung werden. Ein Frei-Raum und eine Spielwiese zur eigenen Erbauung – um so mehr und um so besser, wenn sich auch der ein oder die andere mit mir daran freut! Tatsächlich sind die Spielräume gerade unter dem ganz normalen Alltag einer Freiberuflerin (und aus einer Reihe von sonstigen Gründen) ziemlich begrenzt, was sich natürlich auch in der geringer gewordenen Taktzahl der Beiträge niederschlägt. Kurzum: Ich möchte heute allen Camus-Freunden und Blog-Lesern (und natürlich auch *innen) einmal sagen: Ich freue mich über jeden von euch, ich freue mich über jeden Kommentar im Blog und jeden, der mit, zu und über Camus arbeitet, mit ihm denkt und lebt, und ich freue mich, davon zu erfahren! Vielleicht passt ja sogar einmal gerade alles so zusammen, dass ich davon auch im Blog berichte. Sehr oft, pardon, aber eben auch nicht. Weil: Mich verpflichten, zeitnah Dinge abzuarbeiten – das gehört für mich in die Rubrik „Job“ und nicht auf meine Spielwiese.

Weil aber besonders in zwei mir zugekommenen Publikationen besonders viel Herzblut zu stecken scheint, will ich sie heute wenigstens präsentieren – entgegen meines journalistischen Anspruchs, sie dafür erst einmal gründlich gelesen haben zu müssen.

Da ist zum einen das kleine Bändchen Nr. 4 der Albert Schweitzer Reflexionen mit dem Thema Albert Schweitzer und Albert Camus – Ein gemeinsamer medizinischer Humanismus, dessen Kernstück der gleichnamige Aufsatz von Jean-Paul Sorg ist. Herausgegeben von Gottfried Schüz und flankiert von zwei Beiträgen von Klaus Stoevesandt, der in dem Arzt Dr. Roger Le Forestier eine wahrscheinliche Inspiration für den Dr. Rieux in Camus‘ Die Pest entdeckt hat (und damit das vermutliche Bindeglied zwischen Albert Schweitzer und Albert Camus), ist der Aufsatz von Sorg hier erstmals in deutscher Sprache zugänglich. Auch das Zustandekommen der Übersetzung mit Hilfe der Studierenden von Dr. Katrin Zuschlag an der Universität Mainz/Germersheim ist eine schöne (Vor-)Geschichte, die hier, möglicher Weise, irgendwann auch noch mal ausführlicher erzählt werden soll. Vorerst kann ich es nur bei diesem Hinweis belassen:

  • Jean-Paul Sorg, Albert Schweitzer und Albert Camus – Ein gemeinsamer medizinischer Humanismus. Mit Beiträgen von Klaus Stoevesandt, hrsgg. von Dr. Gottfried Schüz, Albert Schweitzer Reflexionen Band 4, Stiftung Deutsches Albert Schweizer Zentrum, Frankfurt/Main 2019, 127 Seiten, brosch., 5,- Euro). Zu bestellen über info@albert-schweitzer-zentrum.de oder www.albert-schweitzer-zentrum.de (ISBN 978-3-944826-03-5).
Foto: Sebastian Ybbs (www.sebastian-ybbs.de)

Publikation Nr. 2 im Stapel, die ich heute wenigstens vorstellen möchte: Die Unendlichkeit geteilter Tage von Sebastian Ybbs – Künstler, Autor und vielen hier bekannt als Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen. Als „Erzählung“ klassifiziert hat das 228 Seiten starke Buch schon eher schon Romanumfang. Sebastian Ybbs schreibt dazu selbst:
„Ich wollte wissen, was es mit der Zerrissenheit bei Albert Camus auf sich hat und stieß auf einen Menschen, der mich auf andere Weise, aber mindestens ebenso faszinierte. Theo, ein kauziger Mensch, wortkarg, unnahbar, lebte in einem Zweckbau inmitten einer recht vergessenen Gegend. Es dauerte seine Zeit, bis ich hinter seine bewegende Geschichte stieg. Auf unerlaubte Weise war ich ihm nahegekommen, doch bis heute weiß ich nicht, mit wem ich es wirklich zu tun bekommen hatte. Hätte mich vorher jemand gefragt, ob ich Bekanntschaft mit dem Typen hätte schließen wollen, ich hätte nein gesagt oder zumindest: ich glaube nicht. Sich nicht im Vorhinein festlegen.“ Die Erzählung sei als Fiktion entstanden, heißt es weiter, aber „wahre Ereignisse haben sich ihr zunehmend angenähert und sich unter sie gemischt.“ Wie sich Camus, Theo und der Autor als Ich-Erzähler in dieser Geschichte verbinden, macht mich neugierig – und auch davon will ich Ihnen und Euch dereinst, vielleicht, erzählen. Vorerst nur die Anzeige:

  • Sebastian Ybbs, Die Unendlichkeit geteilter Tage. Schardt-Verlag, Oldenburg 2019, 228 Seiten, 12,80 Euro (ISBN 978-3-96152-208-8).

Ich wünsche allen Camus-Freundinnen und Blog-Lesern (und umgekehrt) ein wunderschönes Wochenende, womöglich mit gedeihlicher Lektüre, und sage wie immer mit herzlichem Gruß: à bientôt!

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