Camus-Festival Aachen: Die Liebe und die Pest machen den Auftakt – Vortrag, Lesung und Musik

Wie angekündigt ab heute nun einige Hinweise auf ausgewählte Programmpunkte des Albert-Camus-Festivals, das vom 26. Oktober bis 1. November in Aachen stattfindet. Dass ich ausgerechnet mit meinem eigenen Vortrag beginne, ist nicht der puren Eitelkeit geschuldet – er ist nun mal schlicht der Eröffnungsvortrag, worüber ich mich sehr freue. Das Festival wird schlaglichtartig viele unterschiedliche Aspekte von Camus‘ Denken und Schaffen beleuchten, und so scheint es mir nicht verkehrt, zu Beginn einen Überblick über die großen, auf einander folgenden „Stadien“ seines Gesamtwerkes zu geben – das immer noch allzu oft auf die beiden Schlagwörter des Absurden und der Revolte reduziert wird. Wie das gesamte Festival ist aber auch dieser Vortrag nicht an ein universitäres Spezialistenpublikum gerichtet, sondern will dazu einladen, Camus in seiner ganzen Fülle (neu oder wieder) zu entdecken und eigene Fragen im anschließenden Gespräch zu vertiefen. Hier der Ankündigungstext aus dem Programmheft: 

Die Welt bietet keine Wahrheiten sondern Liebesmöglichkeiten

Bis heute wird das Denken von Albert Camus mit den Begriffen des Absurden und der Revolte identifiziert. Camus hat sein Werk jedoch auf drei „Stadien“ hin angelegt: Das dritte sollte das der Liebe sein. Sein früher Unfalltod im Jahr 1960 verhinderte die Ausarbeitung dieses abschließenden Werkstadiums. Was lässt sich trotzdem darüber sagen? Und sollte uns die Liebe tatsächlich vor dem Absurden „retten“ können, wie es eine frühe Notiz von Camus nahelegt? In ihrem Vortrag geht Anne-Kathrin Reif der Spur der Liebe im Werk von Camus nach und überprüft das, was nach romantischer Ausflucht klingen mag, auf seine Relevanz für die Herausforderung gegenwärtigen Existierens.

Termin: Dienstag, 26. Oktober, 19.30 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a, Aachen.

Am nächsten Tag, Mittwoch, 27. Oktober (19.30 Uhr) geht es mit einer schönen literarisch-musikalischen Veranstaltung weiter, die dazu einlädt, Camus in der Originalsprache zu lauschen. Elsa Treppo liest ausgewählte Textauszüge aus Albert Camus‘ Roman Die Pest, der seit der Corona-Pandemie einen regelrechten Boom erlebt hat. Wie soll ich handeln, wer ist schuldig, gehöre ich hier hin, welche Lehren kann ich ziehen …? Fragen, die nicht nur die Protagonisten des Romans umtreiben, sondern nicht nur aber besonders in diesen Zeiten uns alle angehen. Es wird spannend sein zu erleben, wie der Komponist Paul Pankert mit seinen musikalischen Improvisationen auf Inhalt und Atmosphäre der Textpassagen eingeht.

Das Programm mit allen Punkten findet sich auf der Festival-Webseite. Dort sind auch die Vorverkaufsstellen in Aachen gelistet. Außerdem gibt es die Bestellhotline +49 1575 2878898 (Di, Do und Fr 11-19 Uhr). Tickets für einzelne Programmpunktekosten 5,– / 3,– Euro,  Tageskarten15,– / 10,– Euro und die Festivalkartemit Eintritt zu allen Veranstaltungen 40,– / 25,– Euro. 

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Camus-Festival in Aachen startet am 26. Oktober 2021

Ein Riesenprogramm mit zwanzig Programmpunkten an sieben Tagen haben Holger Vanicek und seine Mitstreiter*innen von der Albert- Camus-Gesellschaft in Aachen auf die Beine gestellt: Vorträge, Gespräche, Lesungen, Film und Theater sowie ein Jugendwettbewerb soll Camus‘ Literatur, Philosophie und Lebenshaltung einem interessierten Publikum näher bringen, ihre Relevanz auch für die Fragen unserer Zeit beleuchten und zu Austausch und Diskussion über aktuelle Themen und Herausforderungen einladen. Keine Tagung für Camus-Spezialisten also, sondern eine Woche mit Festivalcharakter, die vielfältige und ganz unterschiedliche Gelegenheiten zur Entdeckung oder Wiederentdeckung von Albert Camus bietet, mit dem viele ältere Menschen hauptsächlich Erinnerungen an ihre Schulzeit verbinden und viele jüngere wenig bis gar nichts. Dazu Holger Vanicek (Vorsitzender der AC-Gesellschaft und auch bekannt unter seinem literarischen Pseudonym Sebastian Ybbs):

Das Festival ist, ausgehend von den Ideen Albert Camus‘, eine Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart, ihren gesellschaftlichen Herausforderungen und den Ambitionen der Menschen, die heute leben. Unsere Veranstaltungen richten sich nicht nur an Geisteswissenschaftler, Literaturbeflissene oder Theaterkenner, wir streben eine Begegnung von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an, die sich auch unvorbelastet von unseren Angeboten begeistern lassen. Indem wir uns insbesondere an junge Leute wenden, wollen wir das Festival zudem als Begegnung der Generationen begreifen.

Das Festivalmotto Der Gegenwart alles geben ist (natürlich) einem Camus-Zitat entlehnt:

„Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben. Die Revolte beweist dadurch, dass sie die Bewegung des Lebens selbst ist, und dass man sie nicht leugnen kann, ohne auf das Leben zu verzichten. Ihr Aufschrei lässt jedesmal ein Wesen sich erheben.“ (1)

Das Programm mit allen Punkten findet sich auf der Festival-Webseite. Dort sind auch die Vorverkaufsstellen in Aachen gelistet. Außerdem gibt es die Bestellhotline +49 1575 2878898 (Di, Do und Fr 11-19 Uhr). Tickets für einzelne Programmpunkte kosten 5,– / 3,– Euro,  Tageskarten 15,– / 10,– Euro und die Festivalkarte mit Eintritt zu allen Veranstaltungen 40,– / 25,– Euro.

In den nächsten Tagen gibt’s hier im Blog noch ausführlichere Hinweise zu einzelnen Veranstaltungen des Festivals. Und natürlich freue ich mich schon sehr, dass ich das Festival mit einem Vortrag eröffnen darf!

(1) Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Aus dem Französischen übertragen von Justus Streller. Neubearbeitet von Georges Schlocker unter Mitarbeit von Francois Bondy. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1969, S. 246

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„38. Rencontres Méditerranéennes“ in Lourmarin über Albert Camus und den Journalismus

Der Oktober wird ein Camus-Monat: Wer mag und die Möglichkeiten dazu hat, der kann von einem Festival zum nächsten reisen. Da sind zunächst die traditionellen Rencontres Méditerranéennes Albert Camus, die nunmehr zum achtunddreißigsten Mal in Lourmarin stattfinden (vom 21. bis 23. Oktober). Und gleich anschließend geht’s nach Aachen, wo die deutschsprachige Albert-Camus-Gesellschaft vom 26. Oktober bis 1.  November zum Camus-Festival unter dem Titel Der Gegenwart alles geben einlädt. 

Fangen wir mit dem zeitlich näher und räumlich entfernter gelegenen an: Die XXXVIII. Rencontres Méditerranéennes stehen heuer unter dem Thema Albert Camus et le journalisme. Da schmerzt es mein Journalistenherz natürlich besonders, dass ich nicht werde dort sein können, und ich schicke schon jetzt herzlichste Grüße nach Lourmarin!

Viele werden bei dem Stichwort „Journalismus“ in Zusammenhang mit Albert Camus sicher zuerst an seine Tätigkeiten als Herausgeber, Redakteur und Leitartikler für die Widerstandszeitung Combat denken, die er 1943 aufnahm und 1947 beendete. Tatsächlich hat Camus aber seine berufliche Laufbahn überhaupt als Journalist begonnen. Schon 1932, im Alter von 19 Jahren, hatte er erste Veröffentlichungen in Sud, einer Monatszeitschrift für Literatur und Kunst in Algier, und in Presse libre besprach er regelmäßig die neuesten Schallplatten.(1) In der Folgezeit schrieb er für Alger-Étudiant sowie für die Zeitschriften Jeune Méditerranée und Rivage; 1938 dann traf er den Chefredakteur des Alger Républicain Pascal Pia – eine Verbindung, die lebenslang halten sollte – und trat als Redakteur der Zeitung bei. Aufsehen erregte er 1939 mit einer Reportageserie im Alger-Républicain über La misère de la Kabylie, das Elend der Berber in der Kabylei. Pascal Pia war es wiederum, der ihm 1940 in Paris einen Posten als Redaktionssekretär bei Paris Soir vermittelte.

Das alles dürfte viel Stoff hergeben, den man unter die Lupe nehmen kann. In der Ankündigung der Rencontres heißt es sinngemäß:

„Die Referenten werden ihren Ansatz und ihre Lektüre der von Camus in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Artikel vorstellen. Auch Artikel von ausländischen Kollegen, mit denen Albert Camus journalistische Beziehungen unterhielt, werden untersucht. Als Journalist, der immer nah an den menschlichen, sozialen und politischen Realitäten seiner Zeit war, vergaß Camus nie, was er als die Aufgabe eines Journalisten betrachtete: 
– Die Leser so wahrheitsgetreu wie möglich zu informieren,
– Für eine Gesellschaft der Gerechtigkeit und des Friedens einzutreten, auch wenn dies bedeutete, sich gegen diejenigen zu stellen, die seine politischen Ansichten teilten, aber manchmal auch gegen sie verstießen.
Seine Integrität – zu Lebzeiten anerkannt und ein journalistisches Vorbild für unsere Zeitgenossen – bleibt als Beispiel für eine kompromisslose Ethik bestehen: «Ein einziger Fehltritt und alles geht unter: Praxis und Theorie», schrieb er. Diese Lektion ist auch heute noch aktuell.“

(1) Vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 61.

Zur Seite der XXXVIII. Rencontres geht es hier.

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Um Leben zu retten, dem Hass widerstehen

Gedenktafel für den Arzt Dr. Roger Le Forestier an seinem ehemaligen Haus in Le Chambon-sur-Lignon. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Manchmal wirft man einen kleinen Stein in ein großes Gewässer, und die Kreise, die sich auf der Wasseroberfläche ausbreiten, wachsen sich immer weiter aus. So ein kleiner Stein war die Anfrage von Klaus Stoevesandt, die mich vor nunmehr fast zehn Jahren erreichte: Ob ich wohl etwas über eine mögliche Verbindung zwischen Albert Camus und Albert Schweitzer sagen könne? Das einzige, was ich dazu beitragen konnte, war ein Hinweis auf eine Stelle in der Camus-Biographie von Olivier Todd: Dieser erwähnt einen Arzt namens Dr. Roger Le Forestier, der einerseits Albert Camus als Tubekulosepatient während dessen Zeit auf dem Hochplateau Vivrais-Lignon behandelt hatte, und der andererseits auch vier Monate für Albert Schweitzer in dessen „Urwaldkrankenhaus“ Lambarene gearbeitet hatte.

Klaus Stoevesandt hatte seinerzeit diese Spur aufgenommen und hat sie seitdem immer weiter verfolgt (worüber hier im Blog schon mehrfach zu lesen war). Es entspann sich ein umfangreicher Briefwechsel mit Jean-Philippe Le Forestier, dem Sohn des Dr. Roger Le Forestier, gefolgt von zwei persönlichen Begegnungen mit ihm in Chambon-sur-Lignon. In seiner im Bernsteinverlag erschienenen Schrift Der Dr. Rieux des Albert Camus berichtet er davon und führt seine These aus, dass Le Forestier das real existierende Vorbild für Camus‘ Dr. Bernard Rieux aus Die Pest gewesen sein könnte. Und wie das so ist, wenn man einmal den Faden einer Geschichte aufnimmt: Er spinnt sich weiter und verknüpft sich mit weiteren Geschichten. Und auch wenn sie von Camus wegführen, bleiben sie doch mit ihm verbunden. Deshalb stelle ich Klaus Stoevesandt als Gast heute gerne den Blog zur Verfügung, um davon zu erzählen.

Um Leben zu retten, dem Hass widerstehen

Das Schicksal von zwei französischen Ärzten, die aus Lambarene kamen

Es war 1944 gegen Ende der Besatzung Frankreichs, die man auch die braune Pest genannt hatte. Zwei französische Ärzte des Hospitals von Lambarene, Dr. Roger Le Forestier und Dr. Victor Nessmann fielen dem brutalen Vorgehen der Gestapo zum Opfer. So wie beide zuvor in der Ärzteliste von Lambarene aus der Zeit zwischen den Weltkriegen erwähnt wurden, ist nur für den Kundigen ein bezeichnendes sehr unterschiedliches Merkmal zu erkennen. Eingetragen ist: „Dr. Nessmann 1924-1926 Medecin à Sarlat Décédé“. Für Dr. Le Forestier ist nur ein Ankunftsdatum 13.6.34 vermerkt. Nessmann, von Schweitzer hoch verehrt, Le Forestier leider verschwiegen und vergessen, weil er eigenmächtig vorzeitig nach vier Monaten aus Lambarene abgereist war. Die Tragik des Scheiterns von Dr. Le Forestier dort, der ohne Anleitung Schweitzers innerhalb dieser meist deutsch und elsässisch sprechenden „Mannschaft von Lambarene“ zurechtkommen sollte, hatte ich in dem kleinen Buch Der Dr. Rieux des Albert Camus dargestellt.

Die Association Francaise des Amis d‘Albert Schweitzer (AFAAS) veröffentlichte im Herbst 2019 die umfangreiche Schrift „L‘aventure de Lambaréné“. Als Chefredakteur berichtet Jean-Paul Sorg ausführlich über die zehn französischen Ärzte von Lambarene, von denen vier in der Vorkriegszeit von 1924 an für Albert Schweitzer in Lambarene gearbeitet hatten. Nur ein einziger von ihnen war kein Elsässer, sondern ein Südfranzose aus Montpellier: Es war der von Schweitzer nicht mehr erwähnte Dr. Roger Le Forestier. „Es ist ein besonderer Fall“, beginnt der Text über seine Beziehungen zu Albert Schweitzer. Der dokumentierbare Briefwechsel zu diesem Fall umfasst 19 Briefe auf 15 engbedruckten Seiten und beginnt mit dem 8.8.1932. Nur die zwei letzten Briefe geben einen dramatische Sinneswandel Le Forestiers und auch Schweitzers zu erkennen. So endet die sonst herzliche Beziehung zu Schweitzer unwiderruflich am 6.4.1935. In diesem letzten Brief antwortet Schweitzer auf Le Forestiers klagende Frage, warum er nicht wie früher schreibe: „Ja leider, die Traurigkeit über alles, was passiert ist, hindert mich …“.

Le Forestier und Nessmann waren aktive Mitglieder im Widerstand gegen das deutsche Besatzungsregime und seine französischen Kollobarateure unabhängig voneinander an verschiedenen Orten im besetzten Frankreich. Beide wurden schließlich zu unterschiedlichen Zeiten von der Gestapo verhaftet und erlitten dann in Gefangenschaft einen grausamen Tod. Dr. Nessmann erlag schon am 4. oder 5. Januar 1944 in Limoges einer brutalen Foltermethode und Dr. Le Forestier am 20. August 1944 in Saint-Genis-Laval einem Massaker in den letzten Tagen der Besatzung. Beide Familien, in zynischer Weise völlig im Ungewissen gelassen, konnten erst nach mühseligen eigenen Erkundigungen nach dem Ende des Krieges davon erfahren, was die Väter hatten erleiden müssen.

Zwei Söhne, verbunden durch das Schicksal ihrer Väter

Ein dreiviertel Jahrhundert nach diesen schrecklichen Ereignissen und nach den umfangreichen Recherchen konnten nun Erinnerungen wachgerufen werden. Denn Dr. Roger Le Forestier wäre tatsächlich ein Vergessener geblieben ohne jene Entdeckung, die sich aus dem Namensvermerk in Olivier Todds Camusbiographie ergab. Den umfangreichen Abschnitt über diesen vierten einzigen südfranzösischen Arzt hätte Jean-Paul Sorg dann wohl nicht mehr so schreiben können. Genauso auch mein zusätzliches Kapitel „Erinnerung an einen vergessenen Arzt von Lambarene“, den Sorg übersetzt in „L‘aventure de Lambaréné“ übernommen hatte. Schließlich wurde es Jean-Paul Sorg auch möglich, einen Kontakt zwischen den Söhnen der beiden Ärzte zu vermitteln. Für beide, denen ein gleiches Schicksal in ihrer frühen Kindheit die Väter raubte, wäre es doch wert, sich noch kennen zu lernen.

Jean-Daniel Nessmann und Jean-Philippe Le Forestier tauschten im Jahr 2019 Schriften über ihre Väter aus. Ein weites Feld über die waltenden Umstände und Bedingungen jener Zeit könnte ihnen vielleicht auf diese Weise deutlicher und verständlicher werden. Leider verstarb Jean-Philippe Le Forestier im Dezember 2019. Was sie gegenseitig voneinander erfahren konnten, ist daher nicht mehr ohne weiteres zugänglich. Doch die hier genannten Voraussetzungen für diese späte Begegnung der Söhne, deren Väter einer menschenverachtenden Gewalt zum Opfer fielen, sollten hier ihre Beachtung finden können.

Aus diesem Grund stellte mir Jean-Paul Sorg auch eine Schrift von Jean-Daniel Nessmann zur Verfügung, die dieser nach dem Austausch der Erinnerungen mit Jean-Philippe Le Forestier verfasst hatte. Einige Aussagen daraus, die das in Lambarene und später in Frankreich Geschehene erweitern und aus einer anderen Perspektive darstellen, seien hier angeführt.

Wir hören dort von einem Missionar Soubeyran, den Le Forestier in Dieulefit in seiner theologischen Ausbildung erlebte, den aber auch Nessmann schon 1924 auf seiner Reise nach Lambarene getroffen und später sogar in Lambarene versorgt habe. Dieser Missionar soll Le Forestier den Weg zu Albert Schweitzer nach Günsbach gewiesen haben. So ist wohl das Treffen zustande gekommen, auf das der erste Brief Schweitzers vom August 1932 an Le Forestier antwortete. Hier fragt heute der Sohn von Victor Nessmann, ob Le Forestier vielleicht danach auch mit seinem Vater in Kontakt gekommen sein könnte. Dr. Nessmann, der schon Erfahrungen aus Lambarene hätte mitteilen können, diente ja während jener Zeit in Mulhouse als Arzt ganz in der Nähe von Günsbach.

Trotz aller guten Vorbereitungen in den darauf folgenden Briefen von Schweitzer bleibt der bedrückend tragische Tatbestand, dass Le Forestier die persönliche Anwesenheit Schweitzers zunehmend schmerzlich vermisste. War er doch der einzige Arzt, der die vielen deutsch-elsässischen Gespräche des europäischen Personals von Lambarene nicht verstand. Im Umgang mit den Patienten war natürlich die französische Sprache notwendiges Bindeglied zu den Dialekten der Einheimischen. Wie er an Schweitzer über sich selbst schrieb, habe er ein zu Scherzen aufgelegtes, fröhliches Gemüt und so wurde er, wenn auch ungewollt von manchem der europäischen Mitarbeiter, „als ein Neuankömmling, als sorglos und kindisch betrachtet“, wie es im Text von J.-D. Nessmann heißt. Sicher fühlte er sich zunehmend isoliert. Schweitzer hätte vermutlich erklärend und ausgleichend wirken können. Auch in dieser genannten Schrift taucht der schwerwiegende Satz auf, der auch den tragischen Brief Forestiers vom 30.10.34 markiert: „Sie hätten mich nicht alleine kommen lassen sollen. Alles wäre in Ordnung gewesen, wenn Sie dabei gewesen wären.“

Ein weiterer Hinweis auf die Inspiration für Camus‘ Dr. Rieux

Über seine Rückkehr nach Frankreich aus dem Kamerun, das er 1935 schwer erkrankt hatte verlassen müssen, seine Genesung in dem ihm vertrauten Ort Dieulefit und seine dort entworfene eindrucksvolle Schrift Über das Leiden ist an anderer Stelle geschrieben worden. Doch aus den Erinnerungen, die der Sohn des Widerstandskämpfers Victor Nessmann noch mit Jean-Philippe Le Forestier austauschen konnte, erfahren wir noch eine wichtige Bestätigung: Der Arzt Le Forestier galt als engagierter, gewaltloser Widerstandskämpfer von Le Chambon-sur-Lignon. Zur gleichen Zeit arbeitete Albert Camus in der Nähe an seinem Roman Die Pest. Nessmann: „Seine Persönlichkeit scheint Albert Camus inspiriert zu haben, den er 1943 wegen Tuberkulose behandelte und mit dem er lange Gespräche führte. In dem Roman Die Pest finden wir die Atmosphäre der Zeit der Nazi-Besetzung in Frankreich (die braune Pest) und die Persönlichkeit von Doktor Rieux im Mittelpunkt des Kampfes gegen die Krankheit.“ So gestaltete Albert Camus den in Lambarene nicht mehr erwähnten Roger Le Forestier zum Leitbild für seinen Doktor Rieux. Im Gegensatz zu dieser zentralen Romanfigur endete Roger Le Forestier jedoch mit vielen anderen Häftlingen im Kugelhagel mordender SS-Soldaten unter dem Kommando des berüchtigten Klaus Barbie.

Albert Camus (1944):
Und sogar, wenn wir morgen wie so viele andere sterben müssten, würden wir keinen Hass empfinden. Wir können nicht gewährleisten, dass wir keine Angst hätten, wir würden nur versuchen uns zu beherrschen. Aber wir können gewährleisten, nichts zu hassen. Mit dem einzigen auf Erden, das ich heute hassen könnte sind wir im reinen, ich wiederhole es; wir wollen euch in eurer Macht vernichten, ohne eure Seele zu verstümmeln.“ (1)

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Jean-Daniel Nessmann dem Sohn von Roger Le Forestier von seiner Geschichte einer schwierigen Begegnung erzählt haben. Er hatte hierzu bewusst eingeladen, als sich eine solche Gelegenheit bot. Es ging um Guy, ein Sohn jenes kollaborierenden elsässischen Gestapomannes, der Victor Nessmann zu Tode gefoltert hatte. „Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen,“ war der Grundgedanke zu dieser, seiner Geste der Versöhnung. Als Freunde haben sie Verbindung gehalten. Auch dieser späte Freund war nach der Zeit der Kriegswirren ohne Vater in Grenoble aufgewachsen. Seine Geschichte wurde in einem französischen Internetbeitrag dargestellt.

Victor Nessmann (1940):
Um fest in unserem Glauben zu bleiben, bedarf es der Gesinnung eines Märtyrers. Es geht im Augenblick darum, sich vor dem Hass zu hüten, der unsere eigene Seele verwüsten würde, und gleichzeitig eine immer größere Festigkeit zu bewahren um das Böse da, wo es sich findet, zu brandmarken.“ (2)

Roger Le Forestier (1936):
Ich habe das menschliche Elend kennengelernt, den Niedergang des Menschen, die Hässlichkeit des Menschen. Ich habe mich geweigert, in den Krankheiten, die uns befallen, die Niederlage des Menschen zu sehen, und ich habe gepflegt, ich habe beruhigt, ich habe getröstet, ich habe geheilt. […] Da wir Menschen sind, die für das Mitleid empfänglich sind, können wir nicht umhin, unsere Mitmenschen zu trösten. […] Das Fleisch heilen, das Leben respektieren, den Schmerz nehmen und unseren Mitmenschen trösten, diese vier Prinzipien sind nicht immer einfach zu vereinigen.“ (3)

Aus der Weigerung von Dr. Le Forestier, Niedergang und Hässlichkeit des Menschen hinzunehmen und so zur Niederlage beizutragen, erwächst seine Fähigkeit zum Mitleid. Unter dem Eindruck der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht schrieb Dr. Nessmann am 23. Mai 1940 aus dem Sanitätsdienst in Sarrebourg an seine Frau von den Gefährdungen durch aufkommenden Hass, „der unsere Seelen verwüsten würde.“ Genauso hält dies Camus für ein zu vermeidendes Übel, das ihn 1944 zu Aufrufen gegen rächende Lynchjustiz veranlasste. Über Gesten der Versöhnung in Gerechtigkeit können bessere und tragfähige Wege in die Zukunft gefunden werden.

Es wurden über sechs Jahre hinweg Wege durch die Lebensgeschichten der hier beschriebenen Menschen in vielen Einzelschritten aufgedeckt. In beeindruckenden Beispielen leuchtete die befreiende und befriedende Kraft des Mitleids auf, im Vergleich mit der Gedankenwelt Albert Schweitzers zu der konkreten Hilfe aus der Not ohne große Worte. Deutlicher noch trat dies hervor im Gegenüber zur destruktiven Macht des nationalen und völkischen Hasses jener Zeit. Scheint es nicht auch heute, nach über 70 Jahren, dringend notwendig, wieder einmal daran zu erinnern?

Klaus Stoevesandt

(1) Albert Camus, Briefe an einen deutschen Freund, in Fragen der Zeit, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1997 S. 31f.
(2) Jean-Daniel Nessmann, La Cassure, Mulhouse 1997, S. 41 – ein eindrucksvolles Buch über das Erleben der Familie Dr. Nessmanns während der deutschen Okkupation Frankreichs.
(3) Victor Nessmann, aus seiner unveröffentlichten Schrift Über das Leiden.

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Ein Gruß für Heinz-Robert Schlette zum 90sten Geburtstag

Diesen Blick von der Terrasse aus hat auch schon Albert Camus genossen: Abenddämmerung in Lourmarin. ©Foto: Anne-Kathrin Reif
Prof. Dr. Dr. Heinz Robert und Dr. Ruth Schlette auf der Terrasse des Hauses Camus 2018. ©Foto: akr

Du liest die Überschrift und denkst, dieser Gruß zu Deinem heutigen 90sten Geburtstag kommt von mir, lieber Heino? Weit gefehlt! Meinen hast du heute hoffentlich im Briefkasten. Dieser hier kommt aus Lourmarin, und ich bin nur die Übermittlerin.

Fast dein ganzes Leben hast du mit Albert Camus verbracht, Du hast der deutschsprachigen Camusforschung den Weg bereitet und ihr 60 Jahre lang, bis heute, immer neue Impulse gegeben. Das Werk und Denken Camus‘ waren dabei ein Forschungsgegenstand, den Du unvoreingenommen und mit professioneller Distanz betrachtet hast. Wie sehr diese Beschäftigung mit Werk und Denken Camus‘ mit den Jahren auch Dein eigenes Leben und Denken durchdrungen hat, kann, wer aufmerksam ist, in und zwischen den Zeilen in Deinen Aufzeichnungen Existenz im Zwielicht wahrnehmen. Ich vermute, Du hattest, als Du vor über 60 Jahren anfingst, Dich Camus zuzuwenden, noch nicht erwartet, dass er einmal ein Lebensbegleiter werden würde. Dass Du einst bei Sonnenuntergang ein Glas Wein auf dessen Terrasse in Lourmarin trinken und den selben Blick in den Olivenhain genießen würdest wie er. Und auch nicht, dass Du dort, im Hause Camus, einmal selbst einen sicheren Platz im Herzen haben würdest. Was für eine schöne, eine lange Wegstrecke… Und so übermittele ich Dir heute sehr, sehr gerne diesen Geburtstagsgruß von Catherine Camus – und schließe mich an: Je me permets de vous embrasser, verehrter Professor Schlette, cher Heino – und bonne anniversaire!

Ein Geburtstaggruß an Heinz Robert Schlette von Catherine Camus.

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Über die Zerrissenheit in Camus‘ Roman „Die Pest“

„Die Natur ist das, was sich der Geschichte und der Vernunft entzieht.“

Albert Camus, Die Zeit der Mörder (1949) in Vorträge und Reden 1937-1958, Rowohlt 2021, S. 148

Kaum ist die schöne Camus-Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf abgeschlossen, ist schon ein neuer Vortrag anzukündigen – diesmal im Rahmen der ebenfalls sehr schönen Veranstaltungsreihe „Solidarität neu befragen“ – Die Universität Bremen liest Albert Camus‘ Die Pest, über die hier im Blog auch schon zu lesen war.

Holger Vanicek, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen und auch bekannt unter seinem literarischen Pseudonym Sebastian Ybbs, beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit dem Thema der „Zerrissenheit“ bei Albert Camus. Diesmal richtet er sein Augenmerk unter dieser Leithinsicht speziell auf den Roman „Die Pest“. Thema des Vortrags am morgigen Mittwoch, 21. Juli 2021, ist mithin

„Die Zerrissenheit in Camus‘ Roman ,Die Pest’“

dazu schreibt er: 

„Wir erleben momentan, teils aus nächster Nähe, ein für die meisten von uns bisher ungekanntes Drama. Ohne den Vergleich allzu sehr bemühen zu wollen, sei doch gesagt, dass die Menschen, die unmittelbar von der Hochwasserkatastrophe betroffen sind, ähnlich wie die Figuren in Camus‘ Roman Die Pest, an die Grenzen ihrer so sicher geglaubten Wirklichkeit stoßen. Solidarität bedeutet in diesen Tagen in erster Linie, tatkräftige Hilfe zu leisten. Deshalb fühlt es sich für mich merkwürdig an, ebendiese zu unterbrechen, um nach Bremen zu reisen, wo ich einen Vortrag halten werde. Doch das Thema versöhnt mit dieser besonderen Situation. Es geht um die Zerrissenheit in Albert Camus‘ Die Pest, jenes Buch, das vielfach als Roman über die Solidarität verstanden wird. Vielleicht mögt Ihr/mögen Sie mit mir über die fiktiven Geschehnisse in der Pest im Vergleich zu den Begebenheiten, die uns selbst widerfahren, reflektieren.“

Termin: 
Mittwoch, 21. Juli 202119 Uhr, im Haus der Wissenschaft Bremen. Auch online auf Zoom unter diesem link (Kenncode: 252954)

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Düsseldorfer Ringvorlesung (11): Zum Abschluss ein Ausblick auf das „Stadium der Liebe“ im Werk von Albert Camus

Noch im Werden…

Nicht nur Studierende in Düsseldorf, sondern auch etliche weitere Camus-Freundinnen und -Freunde (mich eingeschlossen) hatten in den vergangenen Wochen Montagnachmittags einen festen Termin: Die Camus-Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat in bislang zehn Etappen ein vielgestaltiges, viele Facetten des Denkens von Albert Camus abdeckendes Bild geboten. Schon jetzt ist den Organisatoren Oliver Victor und Dennis Sölch abschließend für die vielseitige Auswahl der Referenten und ihre einlässliche und kenntnisreiche vertiefende Moderation der Wortbeiträge zu danken. Aus der Corona-Not geboren nicht als Präsenzveranstaltung, sondern im digitalen „Stream“ übertragen konnte die Reihe dabei ein breiteres Publikum erreichen und gehört so zweifellos zu den Corona-Gewinnern, von denen es ja nicht allzu viele gibt.

Am kommenden Montag, 12. Juli 2021, steht nun die letzte Vorlesung der Reihe an, und es fühlt sich etwas merkwürdig an, mich selbst anzukündigen. Deshalb belasse ich es schlicht bei der bewährten Form und übernehme wie bisher den übermittelten Ankündigungstext der Referentin ;-). Anne-Kathrin Reifs Vortrag steht unter dem Titel:

‚Die Welt bietet keine Wahrheiten, sondern Liebesmöglichkeiten.‘ Zur
Genese und Bedeutung des geplanten ‚Stadiums der Liebe‘ im Werk von
Albert Camus

Dazu schreibt sie:

Bis heute wird das Denken von Albert Camus weitestgehend mit den Begriffen des Absurden und der Revolte identifiziert. Camus hat sein Werk jedoch auf drei ‚Stadien‘ hin angelegt: Das dritte sollte das der Liebe sein. Sein früher Unfalltod im Jahr 1960 verhinderte die Ausarbeitung des dritten, abschließenden Werkstadiums. Was lässt sich dennoch über diesen geplanten Werkzyklus sagen, und inwieweit erscheint diese Fortsetzung des Denkweges von Albert Camus im Kontext seiner Philosophie schlüssig? Anne-Kathrin Reif stellt ihren
Interpretationsansatz vor, der nicht nur manche bekannte Werke in neuem
Licht erscheinen lässt, sondern auch die Bedeutung Albert Camus‘ für
ein gegenwärtiges Philosophieren neu bestimmt.

Zur Person:
Dr. Anne-Kathrin Reif promovierte über die Bedeutung der Liebe im Werk von Albert Camus an der Bergischen Universität Wuppertal (FB Philosophie) bei Prof. Dr. Wolfgang Janke. 2013 veröffentlichte sie auf der Basis ihrer Forschungen die umfassende Monographie Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe. Ebenfalls seit 2013 führt sie den Blog www.365tage-camus.de. Sie ist seit vielen Jahren als Kulturjournalistin und -redakteurin tätig und lebt in Wuppertal.

Veröffentlichungen zu Albert Camus:
Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe. Djre Verlag, Königswinter 2o13, 443 Seiten, broschiert, 21,90 Euro. Mehr dazu hier.

Vom Absurden zur Liebe – der unbekannte Camus, in: Willi Jung (Hg.): Albert Camus oder der glückliche Sisyphos – Albert Camus ou Sisyphe heureux (Bd. 4 der Reihe Deutschland und Frankreich im wissenschaftlichen Dialog). Bonn University Press/ V&R unipress, Göttingen 2013, 460 Seiten, geb., 59,99 Euro (S. xx – xx)

L‘amour: du début secret et de l‘objectif du cheminement de la pensée d‘Albert Camus, in: Le Cycle inachevé – le cycle de l‘amour, Éditions des Offray 2018.

***

Die Ringvorlesung läuft bis zum 12. Juli 2021 und wird über das Internet gestreamt. Alle vorausgegangenen Termine im Blog hier

Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden  jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten. Bitte beachten Sie, das Gasthörer herzlich willkommen sind, bei der Diskussion jedoch die Studierenden Vorrang haben.


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Düsseldorfer Ringvorlesung (10): Mit Mario Wintersteiger und Albert Camus in dessen „geistige Urheimat“, ans Mittelmeer

Schon neigt sich die Vorlesungszeit dem Ende entgegen, und so steht bereits am kommenden Montag, 5. Juli 2021, der vorletzte Vortrag in der Camus-Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf an. Nachdem Hans Schelkshorn aus Wien in der vergangenen Woche Camus‘ Denken in den Kontext der Lebensphilosophie gerückt hat, geht es diesmal vor allem um Camus‘ politische Philosophie. Dazu hält Mario Wintersteiger einen Vortrag mit dem Titel:

„Natur, Geschichte und die Tradition des Mittelmeeres. Zur politischen Geophilosophie von Albert Camus“

Dazu schreibt er:

„Die geistige Urheimat von Albert Camus, jene Welt, der er sich nach eigenem Bekunden am nächsten fühlte, war die der antiken Mythologie. Im griechischen Denken sah er zudem die Quintessenz einer mediterranen Kultur, zu der er selbst sich leidenschaftlich bekannte. Schon in seiner 1937 gehaltenen Rede zur Eröffnung einer Maison de la culture in Algier reiht er sich ein in eine Tradition des Mittelmeeres, die er sowohl gegen den protestantischen Geist des Nordens als auch gegen die nationalistische Vereinahmung im Süden verteidigen möchte. Das Lob der Landschaften des Südens und der Mentalität der dort lebenden Menschen durchzieht zudem alle Mittelmeer-Essays von Camus. Und auch im
Schlusskapitel seines Buches L’Homme révolté (1951) nimmt der mediterrane „Sonnengedanke“ die Form einer politischen Philosophie an, die sich gegen alle Erscheinungsformen der „deutschen Ideologie“ (vom Marxismus bis zum Nationalsozialismus) stellt. Auch wenn Camus nicht deterministisch denkt und seine philosophische Landkarte daher nicht streng geographisch zu verstehen ist, so ist doch kaum zu übersehen, dass er mit Vorliebe auf Motive zurückgreift, die
man als „geophilosophisch“ bezeichnen kann. Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, seine „mythische Geographie“ (Ernst Cassirer) nachzuzeichnen und so auch die Hauptkonfliktlinie seines politischen Denkens (Natur versus Geschichte) zu kartographieren. Wie Camus in L’exil d’Hélène andeutet, liegt das neue Salamis an einem Ort, an dem die Erben der mediterranen Tradition gegen die Barbarei der politischen Geschichtsmetaphysik antreten.“

Zur Person:
Dr. Mario Wintersteiger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie der Paris-Lodron-Universität Salzburg, wo er auch seine Studien absolviert hat (Promotion 2011; Schwerpunkt: Politische Theorie und
Ideengeschichte); daneben Lehr- und Vortragstätigkeit in akademischen
Austauschprogrammen und außeruniversitären Bildungseinrichtungen;
2017-2019 Chefredakteur der Österreichischen Zeitschrift für
Politikwissenschaft (ÖZP); 2009-2012 Mitglied der ARGE „Politik – Religion – Gewalt“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG). Seine Forschungsschwerpunkte sind: Politische Mythologie, Politik und Ästhetik, Politische Anthropologie.

Publikationen (Auswahl):
Das Ästhetische als sozialer Wert. Zur Begründbarkeit der Schönheit
als Wertvorstellung
(Salzburger Beiträge zur Sozialethik 6), Salzburg
2014 [http://www.ifz-salzburg.at/uploads/SBSE.6.Wintersteiger.06.2014.pdf].

The Beneficial Poison of Mythology. Reflections on Georges Bataille’s
Anthropology of Myth and Violence
, in: Religion, Violence, and Ideology.
Reflections on the Challenges of Postmodern World
, hrsg. v. Vojko
Strahovnik/Bojan Zalec, Zürich 2016, S. 65-71.

Der mediterrane Mythos als kritische Theorie der Moderne. Griechisches
Erbe und Ideologiekritik bei Albert Camus
, in: Zeitschrift für
Praktische Philosophie 4 (2017), H. 2, S. 87-106
[https://doi.org/10.22613/zfpp/4.2.4].

Schönheit, Kunst und Macht. Politischer ‚Ästhetizismus‘ aus
‚ästhetisch-politologischer
‚ Sicht, in: Jahrbuch Politisches Denken
2018, Bd. 28, Berlin 2020, S. 81-101.

Enlightenment from the Orient: The ,Philosophical Esotericism‘ of the
Falasifa
, in: Bogoslovni vestnik/Theological Quarterly 80 (2020), H.
3, S. 585-594 [https://doi.org/10.34291/BV2020/03/Wintersteiger].

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Die Ringvorlesung läuft bis zum 12. Juli 2021 und wird über das Internet gestreamt. Alle Termine im Blog hier

Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden  jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten. Bitte beachten Sie, das Gasthörer herzlich willkommen sind, bei der Diskussion jedoch die Studierenden Vorrang haben.

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Die Briefe von Albert Camus und Maria Casarès – was für ein Geschenk!

Hätte ich auf das Wiederauftauchen meines bei DHL verschollenen Exemplars des kürzlich erschienenen Briefwechsels von Albert Camus und Maria Casarès gewartet, könnte ich immer noch nicht mit dem dicken Wälzer und einem Kaffee im Garten sitzen. Aber da der Rowohlt-Verlag so nett war, mir ein zweites Presseexemplar zu schicken, kann ich mich jetzt endlich hineinvertiefen. Und das ziemlich wörtlich, denn schon die ersten Briefe (allesamt von Albert Camus, da die Antworten von Maria Casarès in der ersten Phase ihres Briefwechsels 1944 nicht erhalten sind) üben auf mich den Sog einer Untiefe im offenen Meer aus. Die Bedingungslosigkeit, mit der Camus sich in diese Liebe stürzt, ist atemberaubend, sein Bitten, Flehen, Fordern, Warten, Hoffen, Bangen, Leiden ist bestürzend. In der Tat: So kannten wir ihn nicht.

Das konstatieren auch so ziemlich alle Rezensenten und Rezensentinnen, die als Grundlage ihrer unverzüglich erschienenen Kritiken wohl kaum alle die kompletten 1569 Seiten gelesen haben können. Natürlich erwartet man das auch nicht, man erwartet, dass eine Rezension zeitnah zur Veröffentlichung erscheint. Zum Glück habe ich mein Leben als Tageszeitungsredakteurin hinter mir gelassen und brauche mich an solcherart Spielregeln nicht mehr zu halten.

Vielmehr werde ich überhaupt keine Rezension schreiben. Denn schon nach den ersten Seiten (aber eigentlich sogar schon vor den ersten Seiten) ist mir klar geworden: Ich finde eine klassische Rezension, zu der immer auch das Auseinandernehmen und Bewerten gehört (egal in welcher Richtung), in diesem Fall einfach unangemessen. Camus schreibe bisweilen auf eine „geradezu Bittsteller-hafte Weise“ und verwende dabei das Wort ,Liebe‘ „in geradezu inflationärer Häufung“ (Peter Hennig im Deutschlandfunk). Maria Casarès strahle in ihren Briefen „eine kämpferisch heitere Weltbejahung aus“, während Camus sich gern „in grimmige Absolutheitsansprüche an diese neue Liebschaft“ verbeiße (Josef Hanimann in der Süddeutschen Zeitung). Maria Casarès bespiele „das vorrätige Pathos-Repertoire romantischer Leidenschaft absolut perfekt, inbrünstig, humorvoll, selbstbewusst, verspielt und sehnsüchtig“. Camus probiere auf der Suche nach einer Sprache der Liebe für ihn ungewöhnliche Töne aus – heraus komme (von mir kurz zusammengefasst) eine „von sich selbst berauschte Liebesrhetorik“ und „erhabener Balzgesang“ des untreuen Ehemannes an seine „Hauptmäträsse“ (Iris Radisch in Die Zeit). Ich will nicht verschweigen, dass die geschätzten Feuilletonisten sich allesamt auch beeindruckt und bewegt äußern („Über das Ende dieser großen Liebe kann man nur weinen“, Radisch; „Ihre Aufrichtigkeit ist fabelhaft“, Hanimann; ein „mitreißendes Dokument einer der großen Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts“, ein „hymnisches, ja, überreiches Traum- und Liebesbuch“, Hennig).

Aber ich frage mich mit jeder Seite, die ich lese, mehr: Was denn, bitteschön, gibt uns das Recht, hier überhaupt irgendetwas zu bewerten, zu beurteilen? Diese Briefe sind nie für andere Augen bestimmt gewesen als die des geliebten Adressaten. Sie sind höchst intime Bekenntnisse, mit denen sich die Schreibenden schonungslos dem anderen offenbaren, in denen sie sich ungeschützt zeigen, verletzbar und buchstäblich nackt. Dass wir jetzt so viele Jahre später daran teilnehmen dürfen ist schlichtweg ein Geschenk. Sie jetzt unter die Lupe eigener moralischer oder ästhetischer Maßstäbe zu legen erscheint mir…ich weiß kein anderes Wort als dieses altmodische: unanständig.

Wie beeindruckend ist dagegen die Großherzigkeit von Catherine Camus, der wir die Veröffentlichung der Briefe verdanken, und die ihr Vorwort beschließt mit den Worten:
Danke ihnen beiden. Ihre Briefe machen die Erde größer, den Raum leuchtender, die Luft leichter, weil sie gelebt haben.“

Ihrem Dank schließe ich mich gerne an. Und füge hinzu: Danke, Catherine Camus.

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P.S. Eine Rezension wird es also von mir nicht geben. Gut möglich aber, dass ich den ein oder anderen Gedanken bei der Lektüre gerne mit meinen Blogleserinnen und -lesern teilen möchte. Wir werden sehen.

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Albert Camus – Maria Casarès. Schreib ohne Furcht und viel. Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959. Übersetzt von Claudia Steinitz, Andrea Spingler und Tobias Scheffel. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2021, 1568 Seiten, 50 Euro. Infos und Leseprobe hier.

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Düsseldorfer Ringvorlesung (9): Hans Schelkshorn über Albert Camus und die Suche nach neuen Grenzen in entgrenzter Zeit

Die Düsseldorfer Camus-Ringvorlesung geht langsam in die Zielgerade: Mit dem Vortrag von Prof. Dr. Dr. Hans Schelkshorn am kommenden Montag, 28. Juni 2021, steht der drittletzte Termin an. Wobei mir soeben auffällt, dass das Bild der „Zielgeraden“ bei einem Ring natürlich total schief ist. Das Bild des „Rings“ könnte dagegen für die Beschäftigung mit Albert Camus passender nicht sein. Nicht nur wegen der Kreisbewegung des ewigen Steinewälzers Sisyphos, sondern auch, weil man mit dem, was uns Camus zum Nachdenken hinterlassen hat, gar nicht ins „Ziel“, mithin zu einem Ende kommen kann. Man kann es aber schrittweise, Runde um Runde vertiefen, während man dabei immer wieder den selben großen Themen begegnet und sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Und dazu bietet ganz zweifellos auch der kommende Vortrag wieder einen schönen Anlass. Der Titel lautet:

„Eine Philosophie der Grenzen. Konturen der Lebensphilosophie von
Albert Camus“

Dazu schreibt der Referent:

Albert Camus‘ Philosophie steht in der Tradition des nachidealistischen Denkens nach Kant und Hegel, insbesondere der Existenz- und Lebensphilosophie, deren Grenzen fließend sind. Zugleich hält jedoch Camus gegenüber irrationalistischen Tendenzen der Lebensphilosophie am sokratischen Logos und damit an der Wahrheitsorientierung des Denkens fest. Auf dieser Grundlage bearbeitet Camus die typisch neuzeitliche Idee einer Selbstkreation in einer entgrenzten Welt, die in der Renaissance entwickelt worden ist und vor allem durch Nietzsche bis heute zum schillernden Vermächtnis für zahlreiche philosophische Strömungen geworden ist. In den philosophischen Essays über das Absurde und die Revolte entwickelt Camus komplexe Reflexionen über Entgrenzungen und die Suche nach neuen Grenzen, die jeweils auf die moralisch-politischen Herausforderungen seiner Zeit reagieren.

Zur Person:
Prof. Dr. Dr. Hans Schelkshorn ist Vorstand des Instituts für interkulturelle Religionsphilosophie der Universität Wien. Studium der Katholischen Theologie und Philosophie in Wien und Tübingen, 1989 Dr. theol; 1994 Dr. phil.; 2007 Habilitation im Fach Philosophie. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Religionsphilosophie, Theorien der
Moderne, praktische Philosophie und interkulturelle Philosophie mit Schwerpunkt lateinamerikanische Philosophie. Er ist Mitbegründer von „Polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren“ und derzeit Präsident der Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie.

Publikationen (Monographien):
Ethik der Befreiung. Einführung in die Philosophie Enrique Dussels (1992)
Diskurs und Befreiung. Studien zur philosophischen Ethik von Karl-Otto Apel und Enrique Dussel (1997)
Entgrenzungen. Ein europäischer Beitrag zum philosophischen Diskurs der Moderne (2009; 2. Aufl. 2016)
Publikationen (zu Albert Camus):
Gott und das Absurde: Zur Gottesfrage bei Jean-Paul Sartre und Albert
Camus
, in: Rudolf Langthaler, Wolfgang Treitler (Hrsg.): Die Gottesfrage in der europäischen Philosophie und Literatur des 20. Jahrhunderts, Wien-Köln-Weimar 2007, S. 155-185.
Albert Camus‘ Appell an die Christen, in: Hans Schelkshorn, Friedrich Wolfram, Rudolf Langthaler (Hg.), Religion in der globalen Moderne. Philosophische Erkundungen, Wien: Vienna University Press 2014, S.193-215.
Revolte und Dialog. Albert Camus und die Diskursethik, in: Rudolf
Langthaler/Michael Hofer (Hg.), Existenzphilosophie. Anspruch und Kritik einer Denkform (Wiener Jahrbuch für Philosophie XLV), Wien 2014, S. 99-120.

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