Camus-Festival 2026 in Lourmarin: Ein Blick auf das Thema La mesure

Ich vermute mal stark, dass kaum jemand unter den Blog-Lesern und Camus-Freundinnen (und umgekehrt) so spontan ist, schnell noch nach Lourmarin zu fahren, weil ich erst jetzt dazu komme, auf das diesjährige Camus-Festival hinzuweisen… Oder doch? Das wäre natürlich großartig. In dem Fall müsst Ihr mir unbedingt berichten!
Ich selbst schaffe es leider auch nicht, obwohl der Gedanke an sonnige Herbsttage im wunderschönen Lourmarin bei mir wirklich starke Sehnsucht auslöst. Und ich würde auch sehr gerne aus der Nähe verfolgen, wie sich die ehemaligen Rencontres Méditerranéennes weiter entwickeln, nachdem Elisabeth Maisondieu-Camus die Leitung von ihrer Mutter Catherine Camus (und dem damaligen Team) übernommen hat. Offenkundig ist, dass die Ausrichtung sich verschoben hat: von einem für interessiertes Publikum offenem wissenschaftlichen Austausch von internationalen Camus-Expertinnen und -Experten hin zu einem Publikumsfestival, bei dem die Auseinandersetzung mit einem Thema der Camus-Forschung nur noch einen kleinen Teil ausmacht. Dafür ist der unterhaltsamere Teil mit Konzerten und Lesungen gewachsen, ebenso wie der Education-Anteil etwa in Gestalt von Workshops mit Schulen.
Ein Festival-Thema gibt es gleichwohl immer noch, an dem sich dann zumindest das Panel mit drei Vorträgen am Samstag und eine Diskussionsrunde am Sonntagvormittag orientieren. Nach Fraternité 2024 und L’Humour 2025 ist es nun La mesure – das Maß. Das allerdings ist ein wirklich bedeutendes Thema bei Camus, und man wundert sich fast, dass es nach so vielen Jahren erst jetzt auf der Agenda steht (und ich muss zugeben: Dazu hätte ich mir ein Rencontre wie früher gewünscht, denn es gäbe mit Sicherheit drei spannende volle Vortragstage her).
Tatsächlich könnte man das Thema des Maßes, ähnlich wie das Thema der Liebe, wohl durch das gesamte Werk von Camus verfolgen. In seiner komplementären Negativform der Maßlosigkeit findet es sich im ersten Werkstadium des Absurden, etwa im Thema der absurden Freiheit, wie Caligula sie in seiner maßlosen Macht und Terrorherrschaft ausübt. Man könnte sich sogar fragen, ob nicht auch Meursault, der Fremde, maßlos ist in seiner absoluten Weigerung, zu lügen. Maßlos ist auch die Art und Weise, wie Martha und ihre Mutter in Das Missverständnis es bewerkstelligen wollen, ihrer tristen Existenz zu entkommen (und dafür reihenweise Pensionsgäste in ihrer Herberge umbringen). – Maßlos sind das (metaphysische) Unglück und die Ungerechtigkeit der Verhältnisse, die Thema im Stadium der Revolte sind, und die Frage nach dem rechten Maß ist bereits in diesem Werkstadium zentral. Wann schlägt Revolte in Revolution um? Kann es in diesem Zusammenhang überhaupt ein rechtes Maß geben? Auch Kaliajews Weigerung in Die Gerechten, eine mögliche Begnadigung anzunehmen, ist letztlich der (vergebliche) Versuch, einen Ausgleich herzustellen, indem er den Mord am Großfürsten freiwillig mit seinen eigenen Tod „bezahlt“. Doch der Widerspruch bleibt: Wenn die Revolte zusammenfällt mit der Zustimmung zum Mord, verliert sie das menschliche Maß.
Und schließlich: Im geplanten „dritten Stadium“, das Camus nicht mehr ausarbeiten konnte, hätte das Thema des Maßes gemeinsam mit dem der Liebe im Mittelpunkt gestanden – soviel lässt sich ohne große Spekulation sagen. Wie die beiden Stadien des Absurden und der Revolte plante Camus, auch das dritte Stadium dreifach auszuarbeiten: in Form eines Romans, eines Theaterstücks und eines philosophischen Essays. War im Stadium des Absurden Sisyphos der aus der griechischen Mythologie entliehene titelgebende Held, so sollte es im dritten Stadium Nemesis sein. Sie steht in der griechischen Mythologie für den gerechten Ausgleich aber auch für die Vergeltung, weshalb sie (fälschlicher Weise) von manchen auch als Rachegöttin angesehen wird. Dazu schrieb Camus aber bereits 1948 in Helenas Exil:
„Nemesis, Göttin des Maßes, nicht der Rache. Alle die die Grenzen überschreiten, werden von ihr unerbittlich gestraft.“ (1)
Es braucht wahrlich nicht viel, um festzustellen, wie aktuell das Thema des Maßes in unserer Zeit gerade wieder ist (und vermutlich immer war), und dass es eines der ganz großen Themen ist, wann und wo immer es um Glück und Gelingen menschlicher Existenz geht. Auch wenn wir also nicht mal eben schnell zum Festival nach Lourmarin fahren können – den Anstoß zum Nachdenken über das Thema, den können wir auch jeder an seinem Ort aufnehmen. Und hier noch etwas Camus-Futter dafür:
„Was immer wir tun, die Maßlosigkeit wird stets ihren Platz im Herzen des Menschen bewahren, wo die Einsamkeit beheimatet ist. Wir tragen alle unsere Kerker, unsere Verbrechen und Verheerungen in uns. Doch unsere Aufgabe ist es nicht, sie in der Welt zu entfesseln, sondern sie in uns und in den andern zu bekämpfen“ (2).
(1) Literarische Essays. Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S. 55
(2) Der Mensch in der Revolte. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1969, S. 224.























