




Impressionen vom philosophischen Abend zu Camus‘ Der Fremde am 25.2.26 im Café Camus. Links unten haben mich Basim Ghomorlou und Katharina Müller in die Mitte genommen. ©privat
Was denn, schon eine Woche her? So lange liegt der wunderbare Abend im Bonner Café Camus nun schon zurück, aber ich will doch unbedingt hier noch festhalten, wie gern ich daran zurückdenke. „Wie fremd ist uns Der Fremde?“ hatten wir uns gefragt, und sind nach einer kleinen Einführung meinerseits zur Stellung von Camus‘ erstem veröffentlichten Roman in seinem Leben und Werk darüber sogleich in ein ausgesprochen angeregtes und anregendes Gespräch gekommen. Selten habe ich ein Publikum erlebt, das so unterschiedlich zusammengesetzt und zugleich so aufmerksam, konzentriert und offen für den Austausch verschiedener Positionen und individueller Wahrnehmungen ist, wie es an diesem Abend im voll besetzten Café der Fall war. Im Altersspektrum von jungen Studierenden bis zu Teilnehmern deutlich hinter der Pensionsgrenze trafen Neugierige, die bislang noch gar nichts mit Camus zu tun hatten, auf eingeschworene Leserinnen und Leser – und auf solche, die den Fremden gerade erst im Kino in der Neuverfilmung durch Francois Ozon kennengelernt hatten.
Wie großartig zu erleben, wie sehr Camus‘ Roman mit seinem rätselhaften Protagonisten Meursault noch heute packen kann, wie viel Stoff zum Nachdenken, zur Reflexion und Selbst-Reflexion er bereithält. „Aber wenn er seine Mutter geliebt hätte, hätte er sie im Altenheim besucht!“, ist sich eine Teilnehmerin in ihrem moralischen Urteil über Meursault gerade noch vollkommen sicher – um kurze Zeit später nachdenklich festzustellen, dass sie damit gerade quasi mit im Gerichtssaal bei jenen sitzt, die ihn zum Tode verurteilen, weil er bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat… Nur ein kleines Detail aus der Fülle von Fragen und Themen, die mühelos noch eine weitere Gesprächsstunde hergegeben hätten.
Der Fremde ist ein Stück Literatur von diamantener Härte und mit unzähligen Facetten, die im Lichte der unterschiedlichen Fragestellungen und Betrachtungsweisen immer wieder anders aufleuchten – auch dafür war dieser Abend ein gelungenes Beispiel.
Zu danken ist vor allem Katharina Müller und Basim Ghomorlou, die mit dem Café Camus einen ganz wunderbaren Ort geschaffen haben und als Gastgeber und Initiatoren vielfältiger Veranstaltungen für genau die Atmosphäre sorgen, in der solch‘ schöne Begegnungen stattfinden können. So viele unterschiedliche Menschen in einem Raum, die gemeinsam Fragen von einigem existenziellen Gewicht verhandeln. Und wobei es nicht interessiert, ob einer in Fragen des Schnitzelessens, Autofahrens oder dem Gebrauch des generischen Maskulinums auf der je nach Sichtweise richtigen oder falschen Seite steht. Zuhören, reden, fragen, überdenken. Im Anschluss vielleicht lesen, weiterreden, weiterdenken. In Zeiten, in denen man im virtuellen Raum allzu oft nurmehr mit festzementierten Meinungen um sich wirft, sind solche Orte der Begegnung im realen Raum von geradezu unschätzbarem Wert. Und dieses Mal hat ausgerechnet ein Roman über einen Mann, der seinen Mitmenschen so fremd ist, dafür gesorgt, dass Fremde miteinander ins Gespräch kamen.

Man kann im Café Camus aber auch einfach nur einen ausgezeichneten Kaffee trinken, leckeren Kuchen essen und sich dabei eine schön im hölzernen Halter aufgehängte Tageszeitung vornehmen oder in der kleinen Café eigenen Bibliothek stöbern. 1. Dort findet man jetzt auch das letzte verbliebene Exemplar meines im Handel vergriffenen Buches Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe, das ich als Gastgeschenk gerne dort gelassen habe.
Ich wünsche allen Camus-Freunden und Blog-Leserinnen (und umgekehrt) ein schönes Frühlingswochenende und sage wie immer: à bientôt – vielleicht ja im Café Camus!
Das Café Camus liegt in der Bonner Altstadt (wo demnächst wieder die Kirschbäume blühen) in der Breite Straße 54-56. Infos zum monatlich stattfindenden Philosophischen Café mit Markus Melchers, zum Lesekreis, Lesungen, Jazz und Ausstellungen auf www.cafecamus.de
- Was man nicht kann: Am Tisch sitzen und am Laptop arbeiten. Das Café Camus ist seit zwei Jahren „Laptop freie Zone“.












