Es gibt diese seltenen Abende, an denen Theater nicht nur erzählt, sondern verwandelt. Wenn aus Philosophie Spiel wird, aus Gedanken Körper, aus Geschichte Gegenwart. Roberto Ciulli gelingt mit „Wir Nietzsche“ genau das: ein Stück über den Geistesgipfelstürmer Nietzsche, das gleichermaßen zugänglich wie tiefgründig ist – und das dringend gesehen werden will, solange noch Gelegenheit dazu ist.

Wuppertal/Mülheim a.d.Ruhr. Dass ich hier im Blog gerne Verbindungen herstelle und von Camus aus auch mal um die Ecke denke, wisst Ihr ja schon. – Jetzt muss ich gerade an die Dame denken, die mir einst mitteilte, sie schätze meine Inhalte hier sehr, könne aber dieses moderne Geduze nicht akzeptieren, und würde sich deshalb vom Blog abmelden… Aber ich schweife ab, und dabei ist gar keine Zeit zum Abschweifen. Denn worum es heute geht, ist eine ganz dringende Empfehlung für einen Vorstellungsbesuch beim Theater an der Ruhr in meiner Heimatstadt Mülheim, es gibt nämlich nur noch vier Vorstellungen in dieser Spielzeit, und die erste ist schon am heutigen Freitagabend, die nächste übermorgen (26. April), und dann noch zwei Ende Mai: Vier Vorstellungen des großartigen Stücks von Roberto Ciulli „Wir Nietzsche“.
Um von Camus zu Nietzsche zu kommen, muss man gar nicht um die Ecke denken, die Linie geht direkt vom einen zum anderen. Camus ist durch das Denken Nietzsches hindurchgegangen, er folgt seiner Spur, um schließlich an entscheidender Stelle abzubiegen und seinen eigenen Weg fortzusetzen. Aber das führt für einen kleinen Blogbeitrag an dieser Stelle natürlich zu weit, ich würde gar nicht fertig werden, und Sie hätten keine Zeit mehr, sich Theaterkarten zu besorgen. Das aber sollten Sie, solltet Ihr unbedingt tun – und zwar ganz unabhängig vom Umfang eventueller Nietzsche-Vor- oder Unkenntnis.
Und weil es ja jetzt schnell gehen muss, fasse ich mal kurz zusammen, was sonst am Ende einer ausführlichen, ordentlichen Theaterkritik stehen würde:
Dem großen alten Theaterzauberer Roberto Ciulli ist mit „Wir Nietzsche“ wieder einmal ein Kunststück gelungen: Das Kunststück, einen riesenhaft komplexen Stoff so zugänglich zu machen, dass man davon staunend schauend gepackt wird, dass man im Herzen berührt und im Kopf gehörig bewegt wird und das alles auch nach Ende der Vorstellung noch lange nachwirkt.

Den Anfang macht eine Geschichtsstunde, in der das achtköpfige Ensemble das Leben Nietzsches mit seinen wichtigsten Stationen rekapituliert und damit eine solide Ausgangsbasis für das Verständnis dessen schafft, was im weiteren folgen wird. Und eben dieses weitere ist es, was das Wunder Theater zelebriert. Das einmal mehr zeigt, was Theater doch eigentlich ist, nämlich: Spiel. Spiel, wie Kinder spielen, wo jeder alles sein kann, wo nur beschränkte Erwachsene in einem galoppierenden Spieler mit einem auf den Rücken geschnallten Pappmascheetorso kein leibhaftiges Pferd sehen würden.
Und so erstaunt es zwar aber verwundert nicht, wie die zierliche Maria Neumann in diesem Kosmos durch und durch glaubwürdig diesen Giganten des Geistes verkörpert, der am Ende vielleicht von der Syphilis zerfressen, vielleicht aber auch an seinen eigenen Gedanken zerbrochen und von Dämonen verfolgt seine Jahre unter Verwahrung durch seine übermächtige Schwester verdämmert. Eva Matthes verleiht dieser Elisabeth eine in jeder Beziehung beeindruckende Gestalt, schillernd in vermeintlicher Fürsorglichkeit, herrisch, geltungssehnsüchtig und skrupellos in der Weise, das Werk ihres Bruders in ihren Besitz zu bringen und für ihre eigene ideologische Agenda zu manipulieren.
Und das ist das weitere Wunder dieses Theaterabends: Wie es gelingt, in all diesem spielerischen Spiel so viel philosophische Essenz aus diesem Riesenwerk herauszudestillieren. Und dabei vorzuführen, wie man es sträflich missbraucht hat für nationalistische, antisemitische Zwecke, Elisabeth dabei als treibende Kraft. Dagegen kaum einer, der bissiger gegen deutschtümelnden Nationalismus ätzen und sich deutlicher gegen grassierenden Antisemitismus aussprechen würde als Nietzsche – den wir in diesem Teil des Stücks ausschließlich in Originalzitaten aus seinen Schriften und Briefen sprechen hören. Schon für diese Textcollage gebührt allen Beteiligten allerhöchste Anerkennung.

Aber daraus ist eben nicht bloß eine ansprechende Einführung in Leben und Denken Nietzsches geworden, sondern ein Theaterabend, der dieses Leben und Denken so verlebendigt, dass es tatsächlich spürbar wird. Dass man erschüttert denkt: Mein Gott, was für ein Leben. Wie ungeheuerlich das ist, wenn einer sich traut zu denken, was noch keiner gedacht hat. Und es zu Ende denkt, um den Preis eisiger Einsamkeit und bis der Geist selbst zerspringt.
Dass es ein solcher Theaterabend geworden ist, das ist ganz und gar die Handschrift des großen alten Theaterzauberers Roberto Ciulli in seinem 93sten Lebensjahr.
Wir hören seine altersweise Stimme vom Band als Epilog, der klingt wie ein Vermächtnis, das er sich zu eigen gemacht hat:
„Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst mir auch die
Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr
steht auch auf dem Kopf!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir
diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.
Keinen anderen fand ich heute stark genug dazu.
Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt,
ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-
Leichtfertiger: –
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger,
kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt: ich selber
setzte mir diese Krone auf!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr höheren
Menschen, lernt mir – lachen!“
(aus: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (vierter Teil, Abschnitt Von höheren Menschen).
- „Wir Nietzsche“, Stück von Roberto Ciulli (UA am 20.2.2026). Besetzung: Eva Mattes, Maria Neumann, Kara Schröder, Bernhard Glose, Klaus Herzog, Mohammad Saado Kharouf, Fabio Menéndez, Joshua Zilinske. Bühne/Kostüme: Elisabeth Strauß.
Vorstellungen: 24./26. April, 30./31. Mai 2026.
.
Infos und Tickets: www.theateranderruhr.de
. - Trailer zum Stück: https://www.youtube.com/watch?v=F95fK5DYGh4&t=10s


















