Bonne anniversaire! Meursault zum 80. Geburtstag

„Die größten Bücher sind nicht die dicksten. Albert Camus‘ Der Fremde, dieses knappe Meisterwerk, erzählt von der Gemeinheit des Alltags, vom Wahnsinn der Menschen, die denjenigen opfern, der, weil er nicht lügen kann, ihnen nicht ähnlich ist.“ – So zitiert das obige Video vom Verlag Gallimard den populären französischen Philosophen Raphael Enthoven anlässlich des 80. „Geburtstags“ von Der Fremde am heutigen 19. Mai 2022. Es ist seit Erscheinen 1942 einer der unangefochtenen Bestseller des Verlags, mit 340.000 Exemplaren in der berühmten „weißen Reihe“ und neun Millionen in den Taschenbuchausgaben.

Vielleicht liegt ein Geheimnis seines Erfolgs ja darin, dass man es auf schier unendlich scheinende, immer wieder andere Weise lesen kann – und man trotzdem nie das Gefühl hat, dieses Buch vollständig „entschlüsselt“ und letztgültig verstanden zu haben. In Bezug auf das (literarische) Kunstwerk generell notierte Camus im Tagebuch: „Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet, ohne sich einzuschränken.“ (1) Und so ein Diamant ist Der Fremde, für jeden Leser blitzen andere Facetten auf, je nachdem, in welches Licht er ihn hält.

Da verwundert es nicht, dass heutige junge Menschen dieses Buch, „das für Generationen Kult war“, wie die Gastgeberin des Literarischen Quartetts Thea Dorn es präsentiert, wieder ganz anders wahrnehmen. Zum Welttag des Buches am 23. April brachte das ZDF eine Sonderausgabe des Literatur-Talks mit drei Jugendlichen – sinniger Weise im Vormittagsprogramm, das zudem an diesem Tag dem Thema „Depression bei Kindern und Jugendlichen“ gewidmet war.  Ist Meursault in seiner allumfassenden Gleichgültigkeit etwa depressiv? Die Frage scheint sich zwar trotz der Einbettung in diesen Themenvormittag niemand gestellt zu haben (zu Recht), dennoch ist es vor allem dieser Wesenszug von Meursault, über den sich die Jugendlichen auf das Schönste ereifern – und trotzdem durchaus nicht einer Meinung sind.

Der eine findet das Buch zwar sprachlich „grässlich“ aber brandaktuell, der andere findet es sprachlich großartig, hat’s nach dem Lesen aber trotzdem „frustriert weggeworfen“, und die dritte fand es zwar anstrengend zu lesen, fühlt sich aber immerhin von Meursaults Gleichgültigkeit herausgefordert: „Mach was, tu was, sag was!“ – und findet wenigstens das Ende toll, weil Meursault (beim Besuch des Gefängnispfarrers) endlich Gefühle zeigt und aus der Haut fährt. Die recht unbekümmerten (beinahe) Totalverrisse mögen die Camus-Freunde zwar schmerzen, aber mit welcher Verve und auch Eloquenz diese beiden 16- und 17-jährigen Schüler und die 21-jährige Studentin da diskutieren, macht schon Freude. Den ca. neunminütigen Ausschnitt aus der Sendung gibt’s hier: https://www.zdf.de/kultur/das-literarische-quartett/dorn-zu-camus-ltq-100.htmlfbclid=IwAR1islyDxOH5sirtDBvmj2l3Dpon8KAstSblQhIuvwZ0xcfGaTu3a1bzLOY (auch die ganze Sendung, in der außerdem noch  GRM – Brainfuck von Sibylle Berg, Hard Land von Benedict Wells und Felix Ever After von Kacen Callender besprochen wurden, ist derzeit noch in der ZDF-Mediathek).

Mag schon sein, dass heutigen Jugendlichen der Fremde fremd bleibt – aber so lange so leidenschaftlich über ihn diskutiert wird, ist er eines ganz sicher nicht: alt. In diesem Sinne: Bonne anniversaire, cher Meursault!

(1) Albert Camus, „Tagebücher 1935-1951“. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister.  Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963, 1967, S. 65.

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„Man muss Werther sein oder nichts“ – oder: Von der geheimen Verwandtschaft zwischen Goethes Werther und Camus‘ Caligula

… und von mal wieder großartigem Theater in der Rottstr. 5 in Bochum mit einem phantastischen Martin Bretschneider.

Die unerfüllte Liebe zu Lotte ist sein Kreuz: Martin Bretschneider gibt einen ergreifenden „Werther“ im Theater Rottstr. 5 in Bochum. ©Foto: Oliver Paolo Thomas

„Camus verbindet wie ein gemeinsamer Freund“, schrieb die Welt am Sonntag einst in einem Beitrag über 365tage-camus.de, und ich habe mich damit schon ziemlich oft selbst zitiert… Aber es stimmt eben auch immer wieder. Und wie schön ist es, wenn so eine Camus-Freundschaft, einmal geschlossen, über lange Zeit ohne viel Aufhebens besteht, sodass man immer wieder mühelos daran anknüpfen kann – und sie dann auch noch dazu führt, endlich dem im Alltag der letzten Monate untergegangenen Blog Leben einzuhauchen.

Und was für ein Leben ist das, wenn ich an den Werther-Abend von Martin Bretschneider in der vergangenen Woche im Theater Rottstr. 5 in Bochum denke! Nur mal kurz zur Erinnerung: Martin Bretschneider ist der Darsteller der großartigen Caligula-Inszenierung von (und mit) Marco Massafra 2013 an eben diesem kleinen Theater – und er ist auch nach diversen weiteren Fassungen, die ich inzwischen erleben durfte, immer noch mein unangefochtener Lieblings-Caligula, denn besser, treffender, herzbewegender, Camus näher hat ihn noch keiner, den ich sah, gespielt. Leider ist das Stück nicht mehr im Programm. Dafür aber immer mal wieder der Werther (Regie: Hans Dreher), mit dem Martin Bretschneider jetzt sein 10. Jubiläum feierte, und den ich mir aus diesem Anlass nach einigen Jahren Abstand zum zweiten Mal angeschaut habe. Und einmal mehr hat er mich damit genauso begeistert wie mit seinem Caligula. 

Werther also. Wer hier mitliest, weiß, dass mir zuweilen sehr lose, um die Ecke gedachte Verbindungen reichen, um eine solche zu Camus herzustellen, und Martin als Caligula und Werther sowie Sprecher der Suite Camus von Andreas Arnold, für die ich ihn 2013 nach Wuppertal holen konnte, würde da schon reichen. Aber so lose ist die Werther-Camus-Verbindung gar nicht mal: Camus verweist im Sisyphos selbst auf Goethes mit uneingeschränkter, alles verzehrender Hingabe Liebenden gewissermaßen als Gegenfigur zu seiner Interpretation des Don Juan: 

„Denn die Liebe, von der hier gesprochen wird, ist vor den Illusionen des Ewigen geschützt. Alle Kenner dieser Leidenschaft lehren uns das. Ewige Liebe ist stets widerspruchsvoll. Es gibt auch kaum Leidenschaft ohne Kampf. Eine solche Liebe findet ihr Ende nur im letzten Widerspruch, im Tod. Man muss Werther sein oder nichts.“ (1)

Eine Tour-de-force der Gefühle: Martin Bretschneider als Werther. ©Foto: O.P. Thomas

Diese radikale Unbedingtheit teilen Werther und Caligula, und so, wie Martin Bretschneider sie beide spielt, scheinen sie tatsächlich miteinander verwandt zu sein. Hat nicht auch Werther wie Caligula längst erkannt, „dass die Welt schlecht eingerichtet ist“, wenn er Sätze wie diese spricht?: „Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da alles vorübergeht? Da alles in den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist: Der harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab.“ Verlangt Werther nicht vielleicht in seiner Liebe zu Lotte nach einem Heilmittel gegen die Wucht solcher Erkenntnis, vielmehr noch als er nach Lotte verlangt?

Jede Emotion teilt sich hautnah mit

Aber zurück zum Werther von Martin Bretschneider. Vermutlich liest hier niemand mit, der Vorabendkrimis schaut, aber falls doch, dann kennt er Martin Bretschneider als Pathologen Dr. Claas Steinebach in der Serie Blutige Anfänger im ZDF, wo gerade die dritte Staffel läuft. Da darf er Sätze sagen wie „vermutlich stumpfe Gewalteinwirkung, alles Weitere nach der Obduktion“ und muss mit einer überschaubaren Anzahl an Gesichtsausdrücken auskommen, weil die ihm zugedachte Rolle nunmal nicht mehr hergibt. Seinen Werther kriegt man mit diesem Bild schwer übereinander. Sein Werther bietet eine beeindruckende Skala menschlicher Emotionen auf, und dabei sitzt jeder Ausdruck am rechten Fleck, ist auf den Punkt genau dosiert, wirkt vollkommen überzeugend, wie genau in diesem Moment gelebt. Im kleinen Theater an der Rottstraße im Hinterhof unter den Bahnbögen, wo es keine Bühne gibt und die Ausstattung sich auf ein Ölfass und einige von der Decke herabhängende (gefüllte) Blechgießkannen sowie einen zum Grab aufgeschichteten, im weiteren Verlaufe zu zerwühlenden Erdhügel beschränkt, teilt sich jede Emotion hautnah mit. Und jede einzelne geht unter die Haut.

Entschlossen, zu sterben: Martin Bretschneider als Werther. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Es beginnt mit vollkommener, abgeklärter, gänzlich unaufgeregter Nüchternheit: „Es ist beschlossen. Ich will sterben.“ Und dort, sieht man von einer verblüffenden angehängten Szene ab, die hier nicht gespoilert werden soll, endet es auch. Dazwischen entfaltet sich die ganze selige, unglückselige Leidenschaft des jungen Werther für die angebetete Lotte. All sein Schwärmen, Sich-Verzehren, Sich-Versagen, Nähe suchen, Nähe fliehen, Entflammtsein, Beflügeltsein, Besoffensein, Zerrissensein, sein Aufbegehren, Wüten, Verzweifeltsein, Verzücktsein, Beglücktsein, all sein Sehnen und Siechen… Das könnte leicht zu viel an Pathos werden, würde die exzellent komponierte Bühnenfassung nicht einige für entlastende Heiterkeit sorgende Brüche bereithalten, und gelänge es dem Darsteller in schwarzen Jeans und T-Shirt nicht, trotz der in unseren Ohren zuweilen leicht gedrechselt klingenden Goetheschen Sprache diesen Werther so jung, so ins Heutige verwandelt zu verkörpern. Aber es gelingt ihm eben. Wobei verkörpern sehr wörtlich zu nehmen ist, denn Bretschneider spielt diesen 70-Minuten-Monolog mit vollem Körpereinsatz, wenn er unter der Gießkanne ins Gewitter gerät, sich in die Erde wühlt, das Kreuz vom Grabhügel wie ein Schwert schwingt oder sich im Stroboskoplicht zu einer rockigen Version von „Taintet love“ in einen taumelnden Tanz hineinsteigert – ein wütendes Ringen mit sich selbst und dem Schicksal seiner unglücklichen, unerfüllt bleibenden Liebe.

„Man muss Werther sein oder nichts. Auch da gibt es noch mehrere Arten, Selbstmord zu begehen; eine davon ist die völlige Hingabe und Selbstaufgabe. Don Juan weiß wie jeder andere, daß das erregend sein kann. Er weiß aber auch fast als einziger, daß das nicht die Hauptsache ist. Er weiß es sehr gut, daß diejenigen, die eine große Liebe von all ihrem persönlichen Leben ablenkt, möglicher Weise reicher werden, daß aber diejenigen, die ihre Liebe auserwählt hat, ebenso gewiß ärmer werden. (…) Ein einziges Gefühl, ein einziges Wesen, ein einziges Gesicht, aber alles wird verschlungen.“ (1)

Ich vermute stark, dass dieser Werther in diesem kleinen Ruhrgebiets-Off-Theater dem Theatermenschen Albert Camus sehr gefallen hätte. Ein nächster Spieltermin ist noch nicht bekannt – halten Sie die Augen auf!

Plaudern über mögliche neue Camus-Projekte nach der Vorstellung. ©Foto: privat

Nachher, als der verzweifelte, erdverschmierte Werther sich unter der Dusche aufgelöst hat, sitzt mir ein heiterer Martin Bretschneider im Hinterhof vor dem Theater gegenüber. Wir freuen uns über das Wiedersehen, und er erzählt mir von einem eigenen Camus-Projekt, das er gerade ausbrütet. Verraten wird aber jetzt noch nichts. Wenn es so weit ist, werde ich berichten!

(1) Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos. Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S. 64

Zur Webseite von Martin Bretschneider mit diversen Videotrailern

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Über den Verlust der Aufgehobenheit – Albert Camus‘ Exilnovellen – Vortrag von Holger Vanicek in Aachen

„Welche andere Stadt bietet das ganze Jahr über solche Herrlichkeiten – Meer, Sonne, heißen Sand, Geranien (…) Oliven- und Eukalyptushaine? Man erfährt das Glück. (…) Ich könnte niemals außerhalb Algiers leben. Nie. Ich werde reisen, weil ich die Welt kennenlernen möchte, aber anderswo werde ich mich immer wie im Exil fühlen, davon bin ich überzeugt.“ 

Das schrieb der damals knapp 19 Jahre alte Albert Camus in einem Brief an seinen Freund Claude de Fréminville im Oktober 1932. (1) Bekanntlich hat Camus dann doch den größten Teil seines Lebens außerhalb von Algier, ja sogar außerhalb von Algerien gelebt. Dass er sich dabei immer ein wenig wie im Exil fühlen würde – dabei ist es wohl geblieben. Am wenigsten vielleicht, nachdem er das Haus in Lourmarin im Luberon gefunden hatte und sich den Garten mit einem Esel teilte. Aber 1945 hatte er in einem Interview auf die Frage, woher seine tiefe Anhänglichkeit für Nordafrika komme, noch geantwortet:

„J’y suis né, c’est un grand pays aux forces intactes. Loin de son ciel, je me sens toujours un peu en exil“ – „Dort bin ich geboren, es ist ein großes Land mit ungebrochenen Kräften. Fern von seinem Himmel fühle ich mich immer ein wenig wie im Exil.“ (2)

Seine algerische Heimat verlor er, weil das Land (auf ziemlich blutige Weise) seine Unabhängigkeit erkämpfte. Heute verlieren hunderttausende Menschen ihre Heimat, weil ein Land gegen einen mächtigen Angreifer für den Fortbestand seiner Unabhängigkeit kämpft. Ganz abgesehen von den millionen Menschen weltweit, die ihre Heimat verlieren, weil sie aus verschiedenen Gründen auf der Flucht sind. 

Das Thema Über den Verlust der Aufgehobenheit. Albert Camus‘ Exilnovellen, das Holger Vanicek für den Abend am 5. April im Logoi, Aachen, gewählt hat, ist mithin einmal mehr von großer Aktualität. Der Bedeutungshorizont der beiden Pole „Das Exil und das Reich“, was auch der Titel der in den 1950er Jahren verfassten Novellensammlung von Camus ist, reicht freilich über das naheliegende Verständnis von Heimat und Exil weit hinaus und ist eingebettet in seine Philosophie des Absurden. 

Holger Vanicek, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen, wird mit einem Impulsvortrag in das Thema einführen und das anschließende Gespräch moderieren. In der Ankündigung schreibt er:

In diesen Schriften geht es um sehr tiefgreifende Betrachtungen, die Camus anhand persönlicher Schicksale und Erlebnisse seiner fiktiven Protagonisten darstellt, Menschen, die aus ihrer üblichen, oft behaglichen Lebenssituation geworfen sind und sich neuen Herausforderungen stellen müssen. Wie kommen diese „Exilanten“ mit diesen Situationen zurecht, woran scheitern sie und worauf können sie hoffen?

Die Veranstaltung ist Teil der Vortragsreihe der Volkshochschule Aachen über Albert Camus in Kooperation mit dem LOGOI.

Termin: Dienstag, 5. April 2022, 19.30 Uhr, LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen (Eintritt frei), Info hier

(1) zitiert nach Oliver Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 55. (2) Interview in „Servir“ am 20. Dezember 1945, Albert Camus, Oeuvre complètes II, 1944-1948, édition publiée sous la direction de Jacqueline Lévi-Valensi, Gallimard, Paris 2006, Bibliothèque de la Pléiade, p. 659. 

  • Eine weitere Veranstaltung mit Holger Vanicek in Kooperation mit der VHS Aachen gibt es am 3. Mai 2022, 19.30 bis 21 Uhr: Bei einem abendlichen „philosophischen Spaziergang“ mit offenem Gespräch geht es um das Thema „Empörung und Revolte – Was die heutigen Jugendbewegungen mit Albert Camus` Haltung gemein haben“. Dazu heißt es in der Ankündigung: „Die Jugend geht wieder auf die Straße! Sie kämpft um eine bessere, um ihre eigene Zukunft und denkt weit darüber hinaus, ohne dabei die Menschen der Gegenwart aus den Augen zu verlieren. Die Themen, um die sie kämpfen, waren noch nie so brisant, doch die Haltung dahinter finden wir bereits bei einigen Vordenkern – einer unter ihnen war Albert Camus.“ Info hier.

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Kafka, Camus und die Nachhaltigkeit

Zwei interessante Vorträge sind anzuzeigen – und während wir wohl alle dem „Ende“ von Corona entgegenfiebern, erweist sich hier durch die Pandemie verbreitete Variante der Online-Vorlesung wieder mal als Vorteil, ermöglicht sie es doch sehr viel mehr Interessierten, daran teilzunehmen.

Ist Albert Camus ein „Philosophischer Vordenker der Nachhaltigkeit“? In diese Reihe stellt ihn Andreas Michel, Dipl.-Theologe, Dipl.-Pädagoge und Dr. der Philosophie (und unter dem Namen Andino auch bekannter Zauberkünstler). Michel hat einst zu diesem Thema promoviert und bietet nun unter diesem Titel eine Online-Vorlesungsreihe an der VHS-Neuwied an.

„Was wir heute Nachhaltigkeit nennen, ist nur ein anderer Name für das, was in den 80er Jahren «Ökologisches Denken» genannt wurde und zwar im vollumfänglichen Sinne der Einbeziehung von Klima, Sozialem, Naturschutz und der Gerechtigkeit. Nur der Weltfrieden spielt bei der Nachhaltigkeit nach dem Ende des Kalten Kriegs keine so entscheidende Rolle mehr, gehört aber nach wie vor dazu“, heißt es in der Ankündigung. Leider haben wir die einführende Auftaktveranstaltung am 7. Februar schon verpasst. Es heißt aber ausdrücklich: „Die fünf Teile der Reihe stehen zwar inhaltlich in Zusammenhang, sind aber alle in sich geschlossen und können somit auch einzeln gebucht werden.“ Es folgen nun vier Abende, bei denen jeweils ein Denker im Mittelpunkt steht (jeweils 18.30 bis 20 Uhr):

Teil 2 am 7. März 2022: Albert Schweitzer
Teil 3 am 4. April: Max Horkheimer
Teil 4 am 2. Mai: Albert Camus
Teil 5 am 30. Mai: Bertrand Russel.

Die Reihe findet als Videokonferenz über Zoom statt. Anmeldung bei der VHS-Neuwied (Teilnahme je Abend 5 Euro).

Andreas Michels Schrift Denken in der Krise. „Ökologisches Denken“ bei Albert Schweitzer, Max Horkheimer, Albert Camus und Bertrand Russell : Aspekte einer immanenten Didaktik ist 1991 im Verlag Krämer erschienen.

Franz Kafka – Die Hölle und die Anderen

Nicht direkt zu Camus aber gewissermaßen in enger Verwandtschaft zu ihm steht das Thema des philosophischen Online-Salons im Aachener LOGOI mit Dieter Hans und Jürgen Kippenhan am kommenden Sonntag, 20. Februar, um 12 Uhr im Live-Stream (und im Anschluss zum Nachhören): Unter dem Titel Die Hölle und die Anderen geht es um Franz Kafkas Roman Der Prozess.

Dazu schreib Jürgen Kippenhan:
Nichts ist bedrohlicher, als wenn sich die Verlässlichkeit der Welt um uns herum auflöst. Und niemand macht die Bedrückung, die das auslöst, spürbarer als Franz Kafka. Nun, auf hintergründige Weise machen uns die Anderen wohl immer den Prozess. Jean-Paul Sartre hatte dies mit der Metapher „der Blick des Anderen“ umschrieben. Aber Josef K. nimmt uns zudem mit hinein in einen Erlebnisraum, von dem wir wollten, er wäre schlicht surreal und wir könnten bald in die gewohnte Welt hinein aufwachen. Hier nun und wie so oft: Je zielgerichteter wir uns der Verstrickung zu entwinden trachten, je mehr zieht sie uns in sich hinein. In unserem Fall reicht fast schon der erste Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines morgens verhaftet.“

Kafkas Roman gehört wohl zu den meist interpretierten der Literaturgeschichte. Des öfteren ist er auch schon in Zusammenhang mit Albert Camus‘ Philosophie des Absurden betrachtet worden, der selbst Kafka ein Kapitel in seinem Mythos des Sisyphos widmet.

«Dieser ständige Wechsel zwischen Natürlichem und Außergewöhnlichen, zwischen Individuum und Allgemeinem, zwischen Tragik und Alltäglichem, zwischen Absurdem und Logischem geht durch sein ganzes Werk und gibt ihm seine Resonanz und seine Bedeutung. Diese Paradoxa müssen aufgezählt, diese Widersprüche müssen herausgestellt werden, um das absurde Werk zu verstehen», schrieb er. (1)

Man darf gespannt sein, ob dies auch im Gespräch von Jürgen Kippenhan und Dieter Hans eine Rolle spielen wird, und welche eigenen Gedanken die beiden zu den bekannten Interpretationen beitragen werden.

Zu den Personen (nach Selbstdarstellung):
Jürgen Kippenhan fürchtet schon lange, dass wir in einer kafkaesken Welt leben. Er möchte dies aber verschweigen, um niemanden auf dumme Ideen zu bringen. Als Deckmantel dient ihm die lebenszugewandte Ausrichtung von LOGOI.

Dieter Hans unterrichtete neben seiner literarischen Arbeit Englisch und Geschichte an Gymnasien. Er veröffentlicht überwiegend Reise-Essays und Gedichte.

Zum Live-Stream am 20. Februar bzw. zur Aufzeichnung geht es hier: www.logoi.de

(1) Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt 2010, S.167

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Caligula auf der Opernbühne am Nationaltheater in Weimar

Szene aus der Oper „Caligula“ von Detlev Glanert frei nach Albert Camus am DNT Weimar mit Oleksandr Pushniak (Caligula) und dem Opernchor des DNT. Foto: Candy Welz

Selbst für Kurzentschlossene dürfte diese Ankündigung zu spät kommen, denn die Premiere ist schon heute Abend… Aber es folgen ja noch weitere Aufführungen am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Die Rede ist von Detlev Glanerts Oper Caligula nach dem Theaterstück von Albert Camus. Während seine Theaterstücke und auch dramatisierte Fassungen von literarischen Vorlagen wie Die Pest, Der Fremde oder Der Fall in den letzten Jahren sehr häufig gespielt wurden, ist Caligula das einzige Camus-Werk, das es auf die Opernbühne geschafft hat.

Die Oper von Detlev Glanert (Libretto: Hans-Ulrich Treichel) wurde 2006 uraufgeführt. Der Komponist blicke dabei „mithilfe der Musik direkt in das in Unwucht geratene Seelenleben Caligulas“, heißt es in der Ankündigung, und weiter: „Hierbei funktioniert das Orchester selbst als ,musikgewordener Körper‘ durch den wir in Caligulas Innenwelt blicken und auch die anderen Protagonist*innen durch seine Augen und Ohren wahrnehmen.“

In der Titelpartie ist Oleksandr Pushniak zu erleben. Gemeinsam mit ihm singen und spielen Jelena Kordić (Caesonia), Gerben van der Werf (Helicon), Avtandil Kaspeli (Cherea), Joanna Jaworowska (Scipio), Alexander Günther (Mucius), Uwe Schenker-Primus (Mereia), Daniel Nicholson (Lepidus), Ylva Stenberg (Livia) und der Opernchor des DNT Weimar. Es spielt die Staatskapelle Weimar. Regie führt Dirk Schmeding, der seine Theaterlaufbahn als Regieassistent am DNT begonnen hat und nun als international gefragter Regisseur nach Weimar zurückkehrt. Die Musikalische Leitung hat Andreas Wolf. Bühne: Martina Segna, Kostüme: Frank Lichtenberg, Video: who-be.

Termine:
Deutsches Nationaltheater Weimar (Großes Haus): 12.2.2022 (Premiere ). Weitere Vorstellungen: 25. Februar, 6. und 26. März, 14. und 28. April sowie am 6. Juni 2022.  Im Anschluss an die Vorstellung am 25. Februar besteht beim „Nach(t)gespräch“ die Gelegenheit, mit Mitgliedern des Teams und Beteiligten der Inszenierung ins Gespräch zu kommen. Karten hier.

Szenenfoto mit Gerben van der Werf (Helicon) und Ylva Stenberg (Livia). Foto: Candy Welz
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Wenig Camus auf den Bühnen zu Jahresbeginn…

Der Schauspieler Joachim Król ist wieder mit Camus‘ „Der erste Mensch“ auf Tournee. Foto: Stefan Nimmesgern

Über Jahre war eine meiner ersten Taten des jeweils neuen Jahres hier im Blog, unter dem Reiter „Aktuelles“ die Liste der Theateraufführungen des abgelaufenen Jahres umzuschichten und einen Vorausblick auf die in Kürze anstehenden Aufführungen zu schreiben. Nun sieht es schon im zweiten Jahr damit ziemlich trist aus: Corona bedingt läuft vielerorts immer noch nicht wieder das volle Programm, und unter dem wenigen ist nicht mehr viel Camus dabei. Einzig am Deutschen Theater in Berlin steht weiterhin Die Pest in einer Bühnenfassung von András Dömötör und Enikő Deés auf dem Spielplan: wieder am 23. Januar, 5. Februar und 2. März (Premiere war im November 2019), Info: Deutsches Theater Berlin.

Und dann halten Joachim Król & das Orchestre du Soleil nun schon im vierten Jahr die Camus-Fahne hoch und touren weiterhin mit der musikalischen Lesung Der erste Mensch durchs Land (Inszenierung: Martin Mühleis, Musik: Christoph Dangelmaier). Einige Termine sind schon gelaufen, aber der nächste Termin ist just bei mir um die Ecke, nämlich im Opernhaus Wuppertal am 16. Januar, 18 Uhr (Tickets). Es folgen: Stadttheater Schaffhausen, 19. Januar; Theater Coesfeld, 21. Januar; Theater Magdeburg, 30. Januar; Staatstheater Kassel, Schauspielhaus 1. Februar, TicketsStadttheater Fürth, 5. Februar.

Ich hatte die Aufführung 2018 in Düsseldorf seinerzeit mit gemischten Gefühlen gesehen, und würde nicht Wuppertal gerade einen traurigen Spitzenreiter in Sachen Infektionszahlen in NRW abgeben, vielleicht würde ich mir ja die Aufführung noch einmal anschauen, um mein Urteil von einst zu überprüfen. Aber im Moment muss sich bei mir alles der Prüfung unterziehen „MUSS ich, WILL ich dies und das UNBEDINGT sehen, hören, erleben, sodass ich dafür ein Restrisiko in Kauf nehme – oder nicht?“ Und dieser kritischen Prüfung hält für mich der Król-Abend, so leid es mir tut, nicht stand. Warum das so ist, kann man in meiner Kritik zur Premiere 2018 nachlesen: Der mit den Worten tanzt – Joachim Król auf Tour mit Camus. Geht jemand von Euch hin? Dann schreibt doch Euren Eindruck hier in die Kommentare – ich würde mich freuen! Allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden (und umgekehrt) noch ein schönes Restwochenende!

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Patti Smith, Albert Camus und ich sitzen im Café und lesen – Patti Smith zum 75. Geburtstag

Den Song „Wing“ performte Patti Smith schon mehrfach als „Tribute to Albert Camus“ – so auch im Film „Vivre avec Camus“ (siehe weiter unten).

Wuppertal, 30.12.2021. Ich sitze im Café und lese. Lese, wie Patti Smith im Café sitzt und liest. Sie liest Unfall in der Nacht von Patrick Mondiano. Ich lese Hingabe von Patti Smith. Patti Smith hatte ihr Notizbuch eingepackt, sie wollte im Café schreiben, aber es war zu laut, Arbeiter bohrten mit Presslufthämmern die Straße neben dem Café auf, deshalb liest sie nur und schreibt nicht. In meinem Café höre ich nur Stimmen, Gesprächsfetzen, das Rauschen einer Lüftungsanlage, das Klirren von Geschirr und das Zischen der Kaffeemaschine, weshalb mich nichts am Schreiben hindert. Denn natürlich habe auch ich mein Notizbuch dabei. Ich schreibe auch gern im Café, am liebsten allerdings Tagebuch, eigentlich kann ich Tagebuch sogar am allerbesten im Café schreiben. Aber der Blog ist ja auch so etwas wie ein Tagebuch, zumindest hin und wieder. Patti Smith fliegt noch am selben Tag, an dem sie im Café Mondiano gelesen hat, von New York nach Paris. Für den Flug packt sie mehr zufällig eine Monographie über Simone Weil ein.* In Paris wird sie wieder im Café sitzen und lesen und dann auch schreiben; diesmal im Café Flore. Von all dem schreibt sie in diesem 2017 erschienenen Buch mit dem Titel Hingabe (deutsch bei Kiepenheuer&Witsch 2019), das ich heute nochmal hervorgeholt und mit ins Café genommen habe, um mit Patti Smith ihren 75. Geburtstag zu verbringen.

Lektüre im Café: „Hingabe“ von Patti Smith auf den Spuren auch von Albert Camus. ©akr

Lesend begleite ich sie auf ihrem Flug nach Paris und folge ihr ins Hotel, wo sie vor dem Einschlafen durch die TV-Kanäle zappt, wobei sich in ihr Bilder festsetzen, die Erinnerungen und Assoziationen auslösen. Am nächsten Morgen geht’s dann, wie an jedem folgenden Tag, zum Frühstück ins Flore, wo sie schwarzen Kaffee und Eier mit Schinken bestellt. Ich treffe sie sehr gern dort, vor allem, weil es in der Realität meine Mittel deutlich übersteigen würde. Noch lieber aber begleite ich sie im Anschluss zu Gallimard, wo sie ihren Lektor trifft, der ihr die Tür zu Albert Camus‘ Büro öffnet. Sie schaut von dort in den Garten und denkt: Das ist auch sein Ausblick gewesen. In einer Vitrine sind Bücher von Simone Weil ausgestellt, die Gallimard unter Camus‘ Ägide als Lektor nach ihrem Tod veröffentlicht hat. Monsieur Gallimard empfängt sie in seinem Büro. „Auf dem Kaminsims steht die Uhr, die Saint-Exupéry seinem Großvater schenkte. Wir steigen abgetretene Marmorstufen hinunter, gehen durch den blauen Salon und treten in den Garten, wo Yukio Mishima auf einem weißen Rattanstuhl fotografiert wurde.“ So geht es weiter… mit Genet und James Joyce, Brancusi, Nabokov, Victor Hugo, Picasso… und so geht es vermutlich jedem Kulturmenschen, der mit seinem persönlichen literarischen und künstlerischen Koordinatensystem durch Paris läuft: Alles ist aufgeladen mit Geschichten, nie sieht man nur die Gegenwart, immer blickt man auch Schicht über Schicht auf das, was einmal war.

Patti Smith streift umher, sie geht zum Haus von Simone Weil und denkt an Albert Camus, wie er, kurz bevor er den Nobelpreis erhält, zum Weil-Haus pilgert, um seine Gedanken zu erforschen. Ich denke beim Lesen, dass ich auf meinen vielen Paris-Spaziergängen „auf den Spuren von…“ diesen Gang versäumt habe. Ich werde das vielleicht beim nächsten Paris-Besuch nachholen, und dann daran denken, wie Patti Smith zum Weil-Haus pilgerte und dabei daran dachte, wie Camus … Immer mehr komme ich mir beim Lesen dieses Buches vor wie in einem Spiegelkabinett. Erst recht, als Patti Smith anderntags ihren Lektor trifft, um mit ihm die Reise nach Südfrankreich am nächsten Morgen durchzugehen – es geht nach Sète, wo eine Buchpräsentation geplant ist. Ausgerechnet in dem mir so vertrauten Sète, wohin ich auch schon mit Camus gereist bin… Und natürlich essen sie Meeresfrüchte in einem Café am Hafen und steigen den Hügel hinauf zum Cimetière Marin, dem für mich schönsten Friedhof der Welt, um das Grab von Paul Valéry zu suchen. Am nächsten Morgen entdeckt sie auf einen Spaziergang den schönen kleinen Park mit der Neptunstatue, neben dem ich bei all meinen Aufenthalten wohnte, sie setzt sich auf eine Bank, holt Notizbuch und Stift heraus, um zu schreiben… Ich hätte sie dort treffen können. Dann trennen sich unsere Wege, denn Patti Smith reist mit dem Eurostar weiter nach London, um das Grab von Simone Weil auf dem Bybrook Cemetery zu besuchen.

Ist das alles für den Leser interessant, weil es Patti Smith ist, die das erzählt? Ich kann es nicht einschätzen, mir fehlt die Distanz, weil es mir ständig so vorkommt, als hätte auch ich das schreiben können, was dann für den Leser wohl weniger interessant wäre, was mich aber nicht daran hindert, es trotzdem aufzuschreiben. – Aber bei all dem, was in diesem Buch so alltäglich-privat daherkommt, geschieht etwas. Wir sehen Patti Smith nämlich nicht nur zu, wie sie da im Café oder auf der Parkbank sitzt und schreibt, wir erleben auch, ohne es in dem Moment zu wissen, wie dabei das entsteht, was einmal eine Geschichte werden wird. Es geht die ganze Zeit gar nicht nur um die biographische, beinahe tagebuchartige Erzählebene – es geht um die geheimnisvolle Alchemie, wie aus all diesem alltäglich Erlebtem sich grundverschiedene Dinge zusammenfügen, wie Motive erkennbar werden, wie sie sich verknüpfen und eine Geschichte entsteht.

Diese Erzählung, ebenfalls mit dem Titel Hingabe, macht den zweiten Teil des Buches aus. Es ist eine seltsame kleine Geschichte von einer jungen Eiskunstläuferin, gerade sechzehn Jahre alt, allein, mittellos, die völlig besessen ist von ihrem Traum „einfach nur zu laufen“.
Sie läuft auf einem zugefrorenen Teich im Wald, nur für sich, nicht für die Augen anderer, bis sie den Mann entdeckt, der ihr schon seit Tagen gefolgt ist und der sie fasziniert beobachtet; ein Mann in den späten Dreißigern, privilegierter Herkunft, ungemein vermögend, der ihr alles bietet – vor allem neue Schlittschuhe, eine Trainerin und die Möglichkeit, unabhängig vom Winter Eislaufen zu können. In der sich entwickelnden Beziehung sind beide auf unterschiedliche Weise Nutznießer. Sie ist geprägt von einer durchaus heftigen und dennoch eher unterkühlten Erotik, und die Atmosphäre bleibt trotz einer überraschenden dramatischen Wendung in etwa so frostig wie auf dem zugefrorenen Teich. Vielleicht lassen mich die Schicksale dieser Figuren deshalb emotional so unberührt, obwohl sie die Phantasie durchaus anzuregen vermögen.

Spannend ist diese Geschichte dennoch – spannend ist es nämlich, darin Motive aus dem ersten Notizbuch-Teil des Buches wiederzuentdecken und zu erahnen, wie sie sich im Kopf der Autorin zusammengesetzt haben.

Der dritte Teil Ein Traum ist kein Traum beginnt und endet wieder als Reflexion über das Schreiben – und führt dazwischen nach Lourmarin ins Haus von Camus. Patti Smith hat eine Einladung von Catherine Camus angenommen. Sie erzählt, wie Catherines Assistent sie am Bahnhof in Aix-en-Provence abholt, „und alle Befürchtungen, die mich zuvor bewegt hatten, zerstreuten sich angesichts seiner Freundlichkeit und dem herzlichen Empfang.“ Ich denke: Ich bin eine sehr privilegierte Leserin, denn ich kann exakt nachfühlen, was sie erlebt hat – ich habe es selbst erlebt, als ich zur Premiere von Joël Calmettes Film Vivre avec Camus nach Aix reiste und mit dieser entwaffnenden Freundlichkeit von Alexandre empfangen wurde, der mir in Nullkommanix alle Scheu genommen hatte, bevor er mich Catherine Camus vorstellte. Es war jene Filmpremiere über Menschen auf der ganzen Welt, für die Albert Camus eine besondere Rolle spielt, und in dem wir beide vorkommen, Patti Smith und ich, weil wir beide auf ganz verschiedene und doch sehr verwandte Weise unsere Leben in Anwesenheit von Albert Camus leben. Im Film erzählt sie, dass es immer wie eine Verabredung mit Camus sei, wenn sie in ihr Notizbuch schreibt, dass sie Der glückliche Tod sicher 20 Mal gelesen habe, und dass sie immer, wenn sie von einer Tournee zurückkehrt und sich zurückzieht, um zu schreiben, erst einmal Camus liest. „Wenn ich schreibe, fühle ich, was ich alles von ihm gelernt habe und immer noch lerne“, sagt sie.

Inzwischen ist es auch in meinem Café so laut geworden, dass ich nicht mehr schreiben kann. Verursacht nicht von Arbeitern mit Presslufthämmern (das wäre mir lieber), sondern von zwei Frauen, die sich in raumfüllender Lautstärke auf dem Mobiltelefon nervtötende Musik vorspielen, und die es offenbar nicht die Bohne interessiert, dass sie nicht allein auf der Welt sind. Bevor mein aufsteigender Zorn über diese sich derzeit scheinbar explosionsartig vermehrende Spezies der Gattung „IchIchIch“ zu heftig wird und sich der Graben der étrangeté zwischen mir und meinen Mitdaseienden noch weiter auftut, verlasse ich das Café. Dankbar für diese lesende, schreibende Stunde, in der ich erneut erfahren habe, wie sich zwischen Autor und Leser ein geheimnisvolles Band knüpft, wie es sich mit jeder gelesenen Seite weiter verwebt und sich schließlich ausspannt als ein verbindendes Netz zwischen den Ufern zweier Seelen, die sich im richtigen Leben wohl nie begegnen werden. Thank you, dear Patti Smith, and happy happy birthday!

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Patti Smith, Hingabe. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019

*Francine du Plessix Gray: Simone Weil. Penguin books 2001 (nur noch antiquarisch, z.B. hier)

Albert Camus, Lektüre fürs Leben. Doku von Joel Calmettes (Arte 2013). Beitrag mit Patti Smith ab ca. Minute 48.

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Patti Smith in Kürze: 1946 in Chicago/USA geborene Musikerin und Songwriterin, gerne und sehr häufig als „Godmother of Punk“ bezeichnet. Sie selbst verstand sich nach eigenen Worten immer mehr als Lyrikerin, der ihre Songs die Möglichkeit geben, ihre Gedichte vorzutragen – eine Gemeinsamkeit mit ihrem engen Freund Bob Dylan, für den sie stellvertretend 2016 in Stockholm den Literaturnobelpreis abholte. Seit Ende der 1960er Jahre lebt sie in New York, 2017 kaufte sie das Haus des französischen Dichters Arthur Rimbaud in Roche/Frankreich. Das Musikmagazin Rolling Stone listet sie auf Rang 47 der 100 größten Musiker sowie Rang 74 der 100 besten Songwriter aller Zeiten. Dies und mehr lässt sich rasch bei Wikipedia nachlesen. Wikipediabeitrag über Patti Smith

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Verwandte Beiträge im Blog
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Eine Reihe von Paris-Spaziergängen auf den Spuren von Camus im Blog beginnt hier
Eine Reihe von Beiträgen aus Sète in Blog beginnt hier
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Auf ein Gedicht und ein Glas Wein mit Camus

Immer, wenn der Blog unter den diversen Beanspruchungen des Alltagslebens länger mal im Schattendasein vor sich hindämmert, freue ich mich besonders, wenn jemand kommt und ihn aufweckt. In diesem Fall gilt mein Dank dem Autor Tuncay Gary aus Berlin. Er schreibt:

„Immer wieder schaue ich gerne in Ihren Blog ,365 Tage Camus‘. Mein neuer Gedichtband, erschienen im KLAK Verlag, trägt den Titel Camus trinkt ein Glas Wein. Sehr gerne sende ich Ihnen das Titelgebende Gedicht und auch das Umschlagbild des Buches. Vielleicht möchten Sie beides in Ihren Blog aufnehmen.“

Was ich hiermit gerne tue. Machen wir uns also zur Lektüre gleichmal eine Flasche Rotwein auf und trinken gemeinsam mit Camus ein Glas! In diesem Sinne: Ein schönes Restwochenende und santé!

Tuncay Gary ist Schauspieler & Dichter, Regisseur & Dramaturg, Literatur- & Theaterpädagoge und lebt in Berlin. Camus trinkt ein Glas Wein ist sein sechster Gedichtband und erscheint am 1. Januar 2022 im KLAK Verlag Berlin (ISBN: 978-3-948156-41-1;
15 Euro). www.tuncay-gary.de

Camus trinkt ein Glas Wein
steigt in sein Auto
fährt los
ohne Gallimard
die Landstraße entlang

Ruhig ist es auf
der Straße
leer und ohne Hindernis

Paris liegt weit
die Fensterscheiben
heruntergekurbelt
fährt er und fährt

Plötzlich bremst er
bleibt stehen
steigt aus
und beobachtet
einen Baum
ein Baum
wie jeder andere
aber dennoch
steht er davor
und ist erstarrt
für eine Weile

Ewigkeiten vergehen
oder einige Sekunden

Er steigt ein
in das Auto
fährt und fährt
nach Paris
weit weg von
Lourmarin
an diesem Novembertag

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Camus und ich gratulieren Dostojewski zum Geburtstag

„Man muss das Leben lieben, ehe man seinen Sinn liebt, sagt Dostojewski. Gewiss, und wenn die Liebe zum Leben verschwindet, tröstet uns kein Sinn darüber hinweg.“

Büste am Dostojewski-Haus in Baden-Baden. © Foto: akr

Eine meiner Lieblingsnotizen aus dem Tagebuch von Albert Camus, aus dem September 1949 (und deshalb auch schon mehrfach hier im Blog zitiert…). Heute ist aber ein schöner Anlass, um das Zitat nochmal hervorzuholen, denn Fjodor Dostojewski wurde am heutigen 11. November vor 200 Jahren in Moskau geboren (und ist am 9. Februar 1881 in Sankt Petersburg gestorben).

Eingebaut hat Camus diesen Gedanken in seine Dramatisierung von Dostojewskis Roman Die Dämonen, die unter dem Titel Die Besessenen am 30. Januar 1959  im Théâtre Antoine in Paris uraufgeführt wurde. Dort lässt Camus Stawrogin fragen: „Sie glauben an das ewige Leben in der anderen Welt?“ und Kirillow antwortet: „Nein, aber an das ewige Leben in dieser.“

In diesem Sinne: Einen herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag an Fjodor Dostojewski!

In der Süddeutschen Zeitung stellt Deniz Utlu heute aus diesem Anlass die Verbindung zwischen Camus und Dostojewski her, eben mit dem obigen Zitat. Zum Artikel geht’s hier.

Mehr zu Camus und Dostojewski im Blog:
Auflehnung im Absurden
Albert Camus spricht über „Die Besessenen“
Von zerrissenen und toten Seelen
Sisyphos trifft Christus auf dem Blumenkübel – oder: Immer nur ein Schritt bis zu Camus

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Geballtes Camus-Programm beim Festival-Sonntag in Aachen

Ein so dichtes und abwechslungsreiches Programm zu Camus wie am kommenden Sonntag beim Festival in Aachen bekommt man nur selten geboten. Sicher kann man sich je nach Interesse den ein oder anderen Programmpunkt herauspicken – oder sich auf einen langen Tag auf Burg Frankenberg einstellen. Denn zweifellos wäre es schade um jeden davon. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich mich auf einen davon besonders freue: Nämlich auf das Gespräch zwischen Heinz Robert Schlette und Oliver Victor (12 Uhr). Nicht alle Tage gibt es die Gelegenheit, einen 90-Jährigen und einen 30-Jährigen, die beide dieselbe intensive Leidenschaft verbindet, im Gespräch zu erleben. Beide von großer Sachkenntnis zu Camus (der eine freilich mit einem Vorsprung von 60 Jahren), dürfte es spannend sein, welche gemeinsamen oder verschiedenen Perspektiven auf das Werk von Camus deutlich werden.

Spannend sicher auch der Filmbeitrag Les vies d’Albert Camus (14 Uhr) mit seltenen Filmaufnahmen und Originalbildern aus der Welt von Camus und mit ihm. Bei dem Kurzfilm Der Fremde von Julian Withalm (17.30 Uhr) handelt es sich gar um eine Weltpremiere. Um die Frage, was Camus mit anderen Denkern verbindet und wie er sich wieder von ihnen abgrenzt, geht es in den Vorträgen von Lou Marin (15.30 Uhr) und Bernd Oei (19 Uhr). Mit einer literarisch-musikalischen Soirée klingt der lange Tag aus – aber zum Glück ist ja der Montag ein Feiertag! Und da geht es um 11 Uhr dann noch einmal weiter mit einem Vortrag von Christoph Vormweg über Albert Camus und Heinrich Böll, bevor das Festival bei einem „verre de l’amitié“ ausklingt.

Das gesamte Programm mit allen Punkten findet sich auf der Festival-Webseite. Dort sind auch die Vorverkaufsstellen in Aachen gelistet. Außerdem gibt es die Bestellhotline +49 1575 2878898 (Di, Do und Fr 11-19 Uhr). Tickets für einzelne Programmpunkte kosten 5,– / 3,– Euro,  Tageskarten 15,– / 10,– Euro und die Festivalkarte mit Eintritt zu allen Veranstaltungen 40,– / 25,– Euro. 

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