Zum 50. Todestag von Hannah Arendt

Es gibt diese „Gedenktage“, die bei mir in erster Linie den Effekt haben, zu denken: „Ich hätte früher daran denken sollen.“
Heute also und rund um diesen heutigen 4. Dezember 2025 wird in Feuilletons und auf Kulturkanälen des 50. Todestages von Hannah Arendt gedacht. Das wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, sich mal wirklich inhaltlich mit Verwandtschaften im Denken von Hannah Arendt und Albert Camus zu beschäftigen. Aber das erfordert natürlich Zeit und Muße, und dass ich die gerade nicht finde, können Sie sich ja denken, denn sonst wäre es hier im Blog ja nicht so still…
So kann ich heute nur einmal mehr daran erinnern: Die beiden sind sich in Paris auf ihre Initiative hin begegnet, und sie hat ihn sehr geschätzt. Am 21. April 1952 hatte Arendt an Camus geschrieben, wie sehr ihr sein Der Mensch in der Revolte gefallen habe und ihm ein Treffen vorgeschlagen: „Je suis à Paris pour quelques semaines et j’amerais beaucoup vous voir si cela peut s’arranger, sans vous incommoder. J’ai lu L’Homme révolté que j’aime beaucoup. À vrai dire, c’est la seule raison de cette note. Veuillez croire à mes sentiments les meilleurs“ (1). Offenbar hat dieses Treffen auch stattgefunden, denn in einem Brief an ihren Mann schrieb sie anschließend: „Gestern habe ich Camus gesehen: Er ist zweifellos der derzeit Beste in Frankreich. Er überragt die anderen Intellektuellen um Längen.“ (2)
Dass es eine starke thematische und geistige Resonanz zwischen Arendt und Camus gegeben haben muss, liegt auf der Hand: Beide lehnten totalitäre Ideologien, dogmatische Politphilosophie und jede Form von systematischem Fanatismus ab. Beide forderten eine Politik, die sich auf menschliche Würde, Verantwortung und Solidarität gründet — gegen Nihilismus, Gewalt und die Verdinglichung des Menschen. Sie selbst bezeichnete – viel zitiert – ihr Denken, das keiner Schule angehörte, keiner bestimmten Theorie folgte und sich keinen intellektuellen Zwängen beugte, als „Denken ohne Geländer“. Ein sehr schöner Titel, den man ohne Weiteres auch auf Camus anwenden kann.
Dass es darüber hinaus Berührungspunkte gab, hat erst vor kurzem der Historiker und politische Schriftsteller Dan Diner in seiner Rede thematisiert, die er als Dank für die Verleihung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa, vergeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in Darmstadt gehalten hat. Überschrieben mit Die Erbschaft einer alten Gewalt oder das Wunder der Zweiten Geburt: Was man von Camus heute noch lernen kann, abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. November 2025 (3).
In Camus‘ fragmentarischem letzten Roman Der erste Mensch erkennt Diner ein gehöriges Maß an Affinität zu jenem Gedanken, „der zur Kategorien bildenden Grundlage der politischen Philosophie Hannah Arendts geworden war: der Gedanke von der Natalität und damit zur Überlegung, dass Menschen, weil sie qua Geburt als Fremdlinge in die Welt hineingeboren werden, ihnen Möglichkeit und Freiheit zu einem radikalen Neuanfang von Handeln gewährt ist – eine Möglichkeit des Politischen, die Arendt auch als «Zweite Geburt» bezeichnet. Anhand des «Ersten Menschen», obschon ein Torso, ist zu erkennen, dass dessen Protagonist im Romanfragment sich als neuen Menschen zu erschaffen sucht, als Mensch ohne eine ihn behindernde Vergangenheit und mit offener, in Freiheit gestalteter Zukunft.“
Diner geht aber noch weiter: „Diese Verwandlung, diese «Zweite Geburt» im Sinne Arendts sucht Camus auf die im Kampf miteinander verkeilten Kollektive zu übertragen, um daraus eine dritte Zugehörigkeit zu begründen – eine Zugehörigkeit des Ortes statt der Abstammung, ein Algerien jenseits von Kolonialismus und Nationalismus, gar jenseits von Europäern und Arabern. Das mutet nach einer zwar sympathischen, aber gleichwohl utopischen Ausflucht an, wobei ihm allerdings die Motive der Antike und die Kulturen des Mittelmeeres entgegenkommen. Dass er sich dabei auf Augustinus beruft – auch dieser dem Orte seines Wirkens nach «Algerier» –, dessen Liebesbegriff Hannah Arendt in ihrer Dissertation zum Thema gemacht hat, lässt eine zarte textuelle Berührung erkennen, der sich später auch Derrida mit seinem autobiographischen Text der «Circonfession» anschließt, womit sich der Kreis dieser exzentrischen algerischen Zugehörigkeiten ideengeschichtlich schließt.“
Und schließlich schlägt Diner auch noch den Bogen zu Freud, in dessen Namen er den mit 20.000 Euro dotierten Preis zugesprochen bekam: „Camus’ «Erster Mensch» ist eine Schrift der Trauer. Darin liegt, wie in der Natalität, ein in die Zukunft weisendes Moment: Trauer lässt, im Sinne Freuds gesprochen, die Melancholie um das geliebte verlorene Objekt hinter sich, wodurch die Einstellung diesem gegenüber transformiert und ein Neuanfang denkbar wird. Dieser transformative Vorgang befindet sich im Falle des aus dem Leben gerissenen Camus noch ganz an seinem Anfang, wenn auch die Spuren der Verwandlung deutlich zu erkennen sind: Camus ist im Prozess der Trennung vom französischen Algerien begriffen, dessen sinnloses Bewahren ihm bewusst ist. Sein plötzlicher Tod reißt ihn aus dem Fluss der schreibenden Bewältigung heraus.“ (3)
Wenn ich also schon nicht selbst rechtzeitig angefangen habe, über Camus-Arendt nachzudenken, dann finden sich hier immerhin Anstöße zum Weiterdenken. Wie auch in den zahlreichen aktuellen Feuilletonbeiträgen zu Hannah Arendt, die man beim schnellen googlen finden kann.
Mein Fernsehabend heute speist sich aus den Mediatheken:
Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil (auf Arte.tv)
Hannah Arendt – Denken ist gefährlich (Ard Mediathek)
und Hannah Arendt und die Gefahren der Gegenwart (auf 3 Sat)
Immer noch sehenswert ist auch das Gespräch, das Günter Gaus 1964 mit Hannah Arendt geführt hat, in dem man viel über ihre Person erfährt. (Auf youtube mittlerweile 1,4 Millionen Mal geklickt). Ein Transkript in voller Länge gibt es im Archiv des rbb hier. Aus diesem Interview stammt Arendts viel zitierter Satz in Bezug zum Verhalten der Deutschen nach Hitlers Machtergreifung:
„Das Problem war doch nicht, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.“
Denken wir daran und bleiben mit unseren Freunden im Gespräch. In diesem Sinne: à bientôt.
Dank an meinen Freund Tillmann Schaub für den Hinweis auf die Rede von Dan Diner.
(1) Albert Camus, Oeuvre complètes III, 1949-1956, IV, 1957-1959, édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade, p. 1226. (2) „Hier, j’ai vu Camus: c’est sans aucun doute le meilleur en France à l’heure actuelle. Il dépasse les autres intellectuels de la tête et des épaules.“ Hannah Arendt en voyage en France, 1952, zit. nach Facebook-Account „Albert Camus – Pensée du jour“. (3) In der FAZ https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/dankesrede-zum-sigmund-freud-preis-das-gefuehl-chronischer-angst-110757798.html leider hinter Bezahlschranke, aber für 0,99 Euro zugänglich.










