„Der Fremde“ als Graphic Novel – beeindruckend umgesetzt von Jacques Ferrandez (75 Jahre „Der Fremde“ 2)

Meursault fährt zur Beerdigung seiner Mutter. Die erzählerischen Rückblenden sind in Sepiatönen gehalten, die Gegenwart ist farbig. Alle Abbildungen in diesem Beitrag:©Jacoby & Stuart

Camus als „Comic“? Geht das, darf man das? Dass es geht und keineswegs ein Sakrileg darstellt, hat der in Algerien geborene Illustrator Jacques Ferrandez zuerst mit seiner gezeichneten Fassung von Der Gast bewiesen. Mit seiner Version von Der Fremde bestätigt er diese Einschätzung erneut auf das Schönste. Zu meiner Freude, denn wenn Sie hier schon länger mitlesen, wissen Sie ja bereits, dass ich eine große Liebhaberin von (gut gemachten) Graphic Novels bin (sonst wissen Sie es jetzt).

Das schöne Bilderbuch gehört zu den „Camus-Dingen“, die schon seit geraumer Zeit bei mir im Regal stehen, und die ich immer mal wieder gerne anschaue oder anhöre. Natürlich wollte ich sie sogleich, wenn ich sie gekauft oder geschenkt bekommen hatte, auch hier im Blog vorstellen. Und dann… Sie wissen schon. Meine kleine Serie zu „75 Jahre Der Fremde“ gibt mir nun die Gelegenheit, einiges davon nachzuholen. Die deutsche Fassung von Ferrandez‘ L’Étranger ist immerhin schon 2014 beim Berliner Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienen, das Original 2013 bei Gallimard in Paris.

Tatsächlich ist ja gerade Der Fremde sogar recht gut geeignet für die Umsetzung in eine Graphic Novel. Im Wesentlichen ist die Sprache schlicht; es ist die Sprache des Büroangestellten Meursault, und komplizierte abstrakte Überlegungen sind nicht seine Sache. Das lässt sich durchaus in Sprechblasen unterbringen. Die Herausforderung besteht eher darin, die so intensiven sinnlichen Eindrücke und Stimmungen, die Camus mit seinem Text vermittelt, in Bilder umzusetzen. Und das gelingt Jacques Ferrandez ganz exzellent.

Die Bilderzählung beginnt wie im Original damit, dass Meursault an einem sehr heißen Tag eine lange Fahrt im Autobus von Algier nach Marengo unternimmt, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen: Die ersten Bilder sind farbig und zeigen Meursault auf dem Weg und bei der Busfahrt. Hier lässt er die letzten Stunden Revue passieren – ein „filmischer“ Rückblick gewissermaßen in sepiafarbenen Bildern, aus denen die Farbe gewichen ist. In der Gegenwart, d.h. im Altenheim in Marengo angekommen, kehrt die Farbe zwar zurück, aber in den Bildern dominiert sehr viel Schwarz: schwarzer Anzug des Heimleiters, schwarze Uniform des Aufsehers, die vielen Alten in Trauerkleidung, der von einem Rappen gezogene schwarze Leichenwagen, der Trauerzug. In starkem Kontrast dazu steht die gleißend helle, fast farblose Landschaft, in der man die Hitze unter der weißglühenden Sonne spürt.

Und dann die Rückkehr nach Algier, der Ausflug ins Strandbad, die Begegnung mit Marie: Alles ist licht, blau und heiter. So teilt sich ganz unmittelbar Meursaults Gefühlserleben mit – das Bedrückende und die Anstrengung der Beerdigung, seine Unbehaglichkeit, und dann das Abschütteln alles dessen, die Befreiung und Leichtigkeit, die er bei der Rückkehr nach Algier empfindet. Licht, blau und heiter werden später auch Meursaults Erinnerungsbilder sein, wenn er im Gerichtssaal und in der Gefängniszelle an seine Vergangenheit und die Welt draußen denkt.

Natürlich geht, wie im Film, mit der „Besetzung“ der Charaktere immer schon eine Interpretation einher. Müsste man es ihm nicht irgendwie ansehen, wenn Meursault tatsächlich das gefühllose amoralische „Monster“ wäre, als das er letztlich zum Tode verurteilt werden wird? Der Roman überlässt es dem Leser, sich ein Bild zu machen und damit zu entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt. Wer die Verfilmung von Lucchino Visconti gesehen hat, hat vielleicht das angenehme Äußere von Marcello Mastroianni vor Augen, wenn er an Meursault denkt (oder das von Alain Delon, der ihn eigentlich hatte spielen sollen). Auch Ferrandez zeichnet Meursault als einen hübschen, zugleich aber recht ausdruckslosen jungen Mann – was seiner (nicht nur für Marie) irritierenden emotionalen Gleichgültigkeit entspricht und sich erst in seiner Zeit im Gefängnis ändern wird. Meursaults Nachbarn, dem Zuhälter Raymond, der ihn letztlich in die ganze unglückselige Geschichte hineinzieht, verleiht Ferrandez finster-verschlagene Züge. Auch die anderen Charaktere – vom alten Salamano und seinem räudigen Hund bis zum Untersuchungsrichter und dem Gefängnispfarrer stattet er mit prägnanten Zügen aus.

Beeindruckend ist es, wie es Ferrandez gelingt, mit gestalterischen Mitteln die wechselnden Atmosphären und Stimmungslagen zu vermitteln. Die Schilderung der entscheidende Szene am Strand, in deren Verlauf Meusault den Araber tötet, kommt über vier Seiten vollkommen ohne Worte aus – bis auf das lautmalerische PAN PAN PAN PAN PAN am Schluss beim Abfeuern der Pistole. Genügen über weite Strecken zunächst übersichtliche Sprechblasen, um die ganze Kommunikation zwischen den Protagonisten unterzubringen, nimmt im zweiten Teil der Textanteil ganz erheblich zu. Meursaults Gedanken werden in eigene, dem Bildformat angepasste Kästen gepackt, und man sieht auf den ersten Blick die Veränderung, die in ihm vorgegangen ist – von einem, der sich nicht viele Gedanken macht, zu jenem, der sich bewusst wird. Wildbewegt und aufgewühlt sind Strich und Farbauftrag in der Szene, in der Meursault auf den Gefängnispfarrer losgeht. Die Schlussbilder dagegen mit dem Blick in den blauen Nachthimmel voller Zeichen und Sterne sind ganz still und klar, sie vermitteln Frieden und Einverständnis, während Meursault sich zugleich wünscht, dass am Tag seiner Hinrichtung ihn viele Zuschauer mit Schreien des Hasses empfangen.

Natürlich kann ein „Bilderbuch“, das zwangsläufig erhebliche Teile des Originaltextes unterschlägt, nie vollständig die Tiefendimension eines Romans widerspiegeln. Aber Jacques Ferrandez kommt ihr mit seiner Kunst beachtlich nahe. Man darf schon auf seine Version von Camus‘ letztem Roman Der erste Mensch gespannt sein, die bei Gallimard für September 2017 angekündigt wird.

Der Fremde

Nach dem Roman von Albert Camus
Auf der Grundlage der Übersetzung von Uli Aumüller
136 Seiten | 21 x 28 cm
geb. | durchgehend farbig
ISBN 978-3-942787-21-5
€ [D] 24,- | € [A] 24,70

Mehr Infos: www.jacobystuart.de

Im Video spricht Jacques Ferrandez selbst über das, was ihm bei dieser Arbeit wichtig war. Es lohnt sich, mal reinzuschauen.

Der Fremde – die Graphic Novel – YouTube.

Verwandte Beiträge: 

Camus als Comic: „Der Gast“ kommt ohne viele Worte aus
Jonas oder eine Erzählung in Bildern
75 Jahre der Fremde (1): Es war wirklich Sonntag

Dieser Beitrag wurde unter Lesen und Hören abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.