Von einem Denken, das in ständigem Werden ist – Zum Todestag von Albert Camus

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Das Grab von Camus auf dem Friedhof in Lourmarin, aufgenommen im Oktober 2015. ©Anne-Kathrin Reif

„Ein tiefes Denken ist in ständigem Werden, es vermählt sich mit der Erfahrung eines Lebens und formt sich an ihr. Ebenso festigt sich die einzige Schöpfung eines Menschen in seinen aufeinanderfolgenden und vielfältigen Gestalten, die seine Werke sind. Die einen ergänzen die anderen, korrigieren sie oder gleichen ihre Mängel wieder aus und widersprechen ihnen auch. Wenn etwas die Schöpfung abschließt, so ist es nicht der sieghafte und illusorische Schrei des blinden Künstlers: «Ich habe alles gesagt», sondern der Tod des Schöpfers, der seine Erfahrung und das Buch seines Geistes abschließt.“ (1)

Albert Camus starb am 4. Januar 1960 auf der Fahrt von Lourmarin nach Paris bei einem Autounfall.

 

 

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(1) Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos.  Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S. 94
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2 Kommentare zu Von einem Denken, das in ständigem Werden ist – Zum Todestag von Albert Camus

  1. elektra karaindrou sagt:

    Hallo Anne-Kathrin Reif,

    dein Zitat betrifft das alltagspraktische Denken.

    Camus war aber auch Philosoph.

    Man sollte daher die philosophische Problematik des Denkens nicht aus dem Hinterkopf verlieren:

    Das Denken in seiner Selbstbezüglichkeit

    „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst.“
    (Unbekannt)

    Das Denken ist selbstbezüglich und führt daher letztlich immer zu Zirkeln oder Iterationen.

    I Einige dieser logischen Aporien seien hier aufgeführt:

    1) Was ist an Wahrheit wahr? Wieso soll Wahrheit wahr und Unwahrheit unwahr sein?
    Hier drängt sich das alte Lügnerparadox in seiner Reinform auf:
    Ein Zeuge sagt: “Ich lüge.“ Lügt er? Wenn er lügt, dann ist die Aussage „Ich lüge“ gelogen, so dass er die Wahrheit spricht Wenn er aber die Wahrheit spricht, dann ist die Aussage „Ich lüge“ wahr, so dass er lügt.

    2) Was ist an Ggegensätzen gegensätzlich? Gäbe es das eine der beiden Gegenteile nicht, wäre das andere bei absoluten Gegensätzen (wie Sein/Nichtsein; Bejahung/Verneinung) ausgeschlossen und bei relativen Gegensätzen (wie Positiv/Negativ; Gut/Schlecht) eine bloße Entität.

    3) Was ist denn das, dass etwas ist oder nicht ist?
    Das Nichtseiende ist nicht, aber sein Nichtsein ist.
    Das Sein kann nicht sein, ohne sich selbst vorauszusetzen.
    Das Nichts kann es nicht geben, ohne doch etwas zu sein.
    Das Sein umfasst alles, also auch das Nichts, und das Nichts umfasst alles, also auch das Sein.
    Dass Sein kann nicht beschrieben , geschweige denn bewiesen werden, da Beschreibung und Beweis das Sein bereits voraussetzen.
    Das Sein kann keinen Grund haben, da Gründe das Sein bereits voraussetzen.
    Das Sein kann keinen Zweck (Ziel) verfolgen, da Zweck als etwas bereits Seiendes das Sein bereits voraussetzt.
    Außerdem setzt die Verfolgung eines Ziels die Zeit voraus, die ebenfalls als etwas Seiendes das Sein bereits voraussetzt.
    Schließlich müsste gefragt werden, warum nicht gleich ist, was erst werden soll!

    4) Jedes Ganze ist in Bezug auf das, von dem es umfasst wird, Teil, und jedes Teil ist in Bezug auf seine Teile Ganzes.
    Die Grenzen eines jeden Ganzen und eines jeden Teils sind unendlich teilbar. Was sind sie?

    4) Was ist Raum, was ist Zeit?

    Die Zeit kann keinen Anfang und kein Ende haben, da Anfang bereits und Ende noch etwas Zeitliches sind.

    Der Raum kann keine Grenzen haben, da Grenzen eines Raumes räumliche Trennungen sind, also Raum auf beiden Seiten voraussetzen.

    5) Welchen Sinn hat Sinn?

    6) Welchen Grund haben Gründe?

    7) Wie beweist man Beweise?

    8) Das Ich kann nicht bewiesen werden, da der Beweis das Ich bereits voraussetzt. „Ich denke, daher bin ich“ (Descartes), aber wie beweise ich, dass ich denke?

    II Das Problem ist in der Philosophiegeschichte insbesondere wie folgt thematisiert worden:

    1) Die Unmöglichkeit von Letztbegründungen beschreibt Hans Albert (geboren 1921) als „Münchhausen-Trilemma“ wie folgt:
    Wenn man „für alles eine Begründung verlangt, muss man auch für die Erkenntnisse, auf die man jeweils die zu begründende Auffassung … zurückgeführt hat, wieder eine Begründung verlangen.“ Das führt zur „Wahl zwischen
    1) einem infiniten Regress, der durch die Notwendigkeit gegeben erscheint, in der Suche nach Gründen immer weiter zurückzugehen, der aber praktisch nicht durchzuführen ist und daher keine sichere Grundlage liefert;
    2) einem logischen Zirkel in der Deduktion, der dadurch entsteht, dass man im Begründungsverfahren auf Aussagen zurückgreift, die vorher schon als begründungsbedürftig aufgetreten waren, und der ebenfalls zu keiner sicheren Grundlage führt; und schließlich:
    3) einem Abbruch des Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der zwar prinzipiell durchführbar erscheint, aber eine willkürliche Suspendierung des Prinzips der zureichenden Begründung involvieren würde.“

    2) Der französische Philosoph Gilles Deleuze hat das zentrale Problem des Denkens, die Selbstbezogenheit der Logik, wie folgt charakterisiert:
    „ Wenn wir…. einen Satz als Ergebnis einer Schlussfolgerung betrachten, machen wir ihn zum Gegenstand einer Behauptung…, das heißt, wir lassen die Prämissen beiseite und bejahen ihn in voller Unabhängigkeit als solchen…..Dafür aber sind zwei Bedingungen erforderlich. Zunächst müssen die Prämissen als wirklich wahre gesetzt sein; was uns bereits zwingt, die reine Implikationsordnung zu verlassen, um die Prämissen selbst auf einen bezeichneten Dingzustand zu beziehen, den man voraussetzt.Doch selbst wenn wir unterstellen, dass die Prämissen A und B wahr seien, können wir den fraglichen Satz Z daraus nur dann schließen, können wir ihn von seinen Prämissen nur dann ablösen und ihn unabhängig von der Implikation für sich bejahen, wenn wir gelten lassen, dass er seinerseits wahr ist, wenn A und B. wahr sind: Was einen Satz C konstituiert, der in der Ordnung der Implikation bleibt, der diese nicht verlassen kann, da er auf einen Satz D verweist, der besagt, dass Z wahr ist, wenn A, B und C wahr sind… bis ins Unendliche.“

    3) „Alles muss durch etwas anderes bewiesen werden, und jede Beweisführung wird sich entweder im Kreise bewegen oder als endlose Kette in der Luft hängen. In keinem Falle lässt sich etwas beweisen.“ ( Timon von Phlieus, 320-230 v. Chr., Schüler des Pyrrhon von Elis )

    4) „Wenn nämlich das, aus dem etwas erkannt wird, immer aus etwas anderem erkannt werden muss, so gerät man in die Diallele oder den unendlichen Regress.Möchte man aber etwas, aus dem etwas anderes erkannt wird, als aus sich selbst erkannt annehmen, so widersteht dem, dass … nichts aus sich selbst erkannt wird. Wie jedoch das Widersprüchliche entweder aus sich selbst oder aus etwas anderem erkannt werden könnte, sehen wir keinen Weg, solange sich das Kriterium der Wahrheit oder der Erkenntnis nicht zeigt.“ (Sextus Empiricus, 2. Jh. )

    5) „Entweder also muss man alles als wahr oder alles als falsch bezeichnen. Ist aber einiges wahr (einiges gegebenfalls), durch welches Unterscheidungsmerkmal soll man das erkennen?“ ( Pyrrhon von Elis, ca. 360 – 270 v. Chr.; DL IX 92 )

    6) Gödels Unvollständigkeitssätze beziehen sich zwar unmittelbar auf mathematische Systeme.Sie lassen sich aber verallgemeinern und – wie in der Systemtheorie – auf alle Systeme beziehen.Das ergibt sich aus der Begründung, dass Aussagen „über“ etwas einer „Über“ – Ebene (Meta-Ebene) bedürfen. Auch das Denken ist ein System und kann sich daher aus sich heraus nicht verstehen.

    III Ausblick

    Das Denken her – selbst ein Denkkonstrukt – kann logischerweise nicht offen sein, da man aus ihm nicht ausbrechen kann. Man versuche einmal, nichts zu denken oder außerhalb des Denkens zu denken! Diskussionswürdig erscheint allenfalls die Apperzeption, also die Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins und damit auch des Denkens, sich selbst zu erkennen, was ja einen Meta- Standpunkt voraussetzt. Auch das Phänomen der Falsifikation: Wir stoßen an ungedachte und undenkbare Grenzen unseres Denkens, so zum Beispiel in der Quantenphysik. Das Problem der künstlichen Intelligenz ist es ja gerade, dass sie nie über sich selbst wird stehen können, da dies zu einem unprogrammierbaren unendlichen Progress führen würde.

    Die Sicht auf das Denken als eines Konstruktes stammt aus den Kognitionswissenschaften, insbesondere der Richtung des Konstruktivismus (Paul Watzlawick]. Sie wurde geprägt von Francisco J. Varela und Humberto Maturana („strukturdeterminiertes“ Denken). Wir werden die Strukturen des Denkens wohl wegen Selbstbezüglichkeit nie erfassen können, aber dass das Denken determiniert ist, ist heute allgemeine Erkenntnis. Die Schwierigkeiten bestehen in mindestens zweierlei Hinsicht: Das Denken lässt sich hirnneurologisch ablesen und durch entsprechende Impulse auch auslösen. Doch es funktioniert – wie das Leben – prinzipiell von selbst (solche autopoietische Prozesse gibt es nach den Erkenntnissen der Chaosforschung auch im Anorganischen). Es besteht also philosophisch gesehen eine selbstbezügliche Wechselwirkung zwischen „Geist“ und „Materie“. Ferner: Kein System kann sich selbst erklären (Gödel). Wir können nicht aus unserem Denken hinaustreten und es beobachten.

  2. Ruth Schlette sagt:

    Liebe Anne-Kathrin, nach all den Jahren der Verwilderung des Grabes zeigt Ihre Aufnahme nicht nur ein fast preußisch anmutendes Beet, sondern auch die lesbare Inschrift auf dem Stein. Wie schön! A.C. zu Ehren!

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