Fünf vor zwei – eine Uhr bleibt stehen

4. Januar, 13.55 Uhr. Auf dieser Zeit ist eine Uhr stehengeblieben, die auf einem Feld neben der Route National 6 zwischen Champigny-sur-Yonne und Villeneuve-la-Guyard liegt. Sie ist aus dem Armaturenbrett eines Sportwagens herausgeschleudert worden, der soeben auf völlig gerader Strecke von der Fahrbahn abgekommen und gegen eine Platane geprallt ist. Albert Camus, der neben seinem Verleger Michel Gallimard auf dem Beifahrerplatz sitzt, ist sofort tot. Das ist schon oft erzählt worden, auch ich habe es schon erzählt zum 50. Todestag von Albert Camus vor zwei Jahren. Heute berührt mich dieses Ereignis jedoch auf eigenartige Weise mehr. Da ist der Skandal dieses viel zu frühen Todes auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Präsenz, die dieser mir doch letztlich völlig unbekannte Mensch gerade wieder einmal in meinem Leben hat. Ein eigenartiger Widerspruch. Und doch so typisch für Camus, der so viele Menschen auf der ganzen Welt bis heute so tief und irgendwie „anders“ berührt als so viele andere große Autoren, die auch lange nach ihrem Tod immer wieder neu gelesen werden. Warum ist das so? Was verbindet all diese Menschen mit Camus? Genau dieser Frage gehen gerade der französische Regisseur Joel Calmettes und Kameramann Olivier Raffet für ARTE TV nach. Die beiden drehen einen Film über Camus-Leser in aller Welt,  der in diesem Jahr im Vorfeld des 100. Geburtstages von Camus gezeigt werden soll. Bei einem Besuch in Wuppertal vor wenigen Wochen erzählten sie unter anderem von einem Taxifahrer, der den Mythos von Sisyphos auswendig kann, einem Camus lesenden Straßenbauarbeiter in Canada und einer Frau in einer afrikanischen Lehmhütte, deren einziges Buch Die Pest ist. „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“, lehrt uns das mittelalterliche memento mori. Für Camus, den homme révolté, gilt dies ganz offenbar auch andersherum. Und das ist ein wirklich schöner Gedanke an diesem Tag.

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2 Kommentare zu Fünf vor zwei – eine Uhr bleibt stehen

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      So so. Der KGB hat also umstandslos von Camus´ Entschluss erfahren, seine für den nächsten Tag gekaufte Zugfahrkarte nicht zu nutzen und noch in selbiger Nacht in einem Dorf in der Provence Gallimards Wagen manipuliert… Chapeau! Aber wenn ein Mensch, der schon zu Lebzeiten ein Idol war, vor der Zeit und unter nicht ganz geklärten Umständen stirbt, sind die Verschwörungstheorien ja stets nicht weit… Eine kleine Anmerkung noch zum Artikel des geschätzten Kollegen (und Remscheiders) Sascha Lehnartz: Camus hat zuvor sicherlich nicht „seine Frau und seine zwei Töchter“ zum Zug gebracht, handelt es sich bei seinen Zwillingen doch um die Tochter Catherine und den Sohn Jean.

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