Menschenfischer und radikaler Humanist – zum Tod von Rupert Neudeck

Friedensaktivist Rupert Neudeck bei einem Einsatz im Krisengebiet. ©Foto: privat

Friedensaktivist Rupert Neudeck bei einem Einsatz im Krisengebiet. ©Foto: privat

Ach, bitte nicht. Nicht er, und schon gar nicht jetzt. Wir brauchen ihn doch so dringend: ihn, den radikalen Menschenfreund und Menschenretter, den Mahner, Streiter, Kämpfer, den Sich-über-alle-Vorschriften-Hinwegsetzer, den Unerschrockenen, Unverdrossenen, Unermüdlichen. Und doch: Rupert Neudeck ist tot. Er starb heute im Alter von 77 Jahren. Er war ein „Menschenfischer“, und das nicht nur im so oft gebrauchten metaphorischen Sinn. Zu tausenden hat er die Menschen aus dem südchinesischen Meer gefischt und die vietnamesischen „boat people“, die vor Verfolgung durch das kommunistische Regime ihrer Heimat geflohen waren, trotz aller Widerstände nach Deutschland in Sicherheit gebracht. „Cap Anamur“ hieß der von ihm gecharterte Frachter, Namensgeber für die wohl erfolgreichste private Rettungsaktion aller Zeiten und längst zur Legende geworden. Das war 1979, und seitdem hat Rupert Neudeck nicht mehr aufgehört, Menschen aufzufischen, nicht nur im Meer sondern in so ziemlich allen Krisengebieten dieser Erde, bis zuletzt. Er gründete das internationale, interreligiöse Friedenscorps Grünhelme, er baute mit an Christoph Schlingensiefs Festivaldorf in Burkina Faso, er organisierte Hilfsaktionen im Kosovo, im Sudan, in Afghanistan, ach, man kann es ja gar nicht alles aufzählen. Brauche ich ja auch gar nicht, das haben andere heute schon getan und gewürdigt, genauso wie die vielen Ehrungen und Auszeichnungen für sein humanitäres Engagement.

Rupert Neudeck bei der Literatur-Biennale 2014 in Wuppertal. ©Foto: akr

Rupert Neudeck bei der Literatur-Biennale 2014 in Wuppertal. ©Foto: akr

Dass ich das große Glück hatte, Rupert Neudeck zu begegnen, verdanke ich Albert Camus, unserem „gemeinsamen Freund“. Zusammen saßen wir auf dem Podium bei der Camus-Revue der phil.cologne 2013, verbunden hat uns auch die Mitwirkung bei Joël Calmettes Film Vivre avec Camus, und bei einer Plauderei am Rande der Wuppertaler Literatur-Biennale 2014, wo Neudeck an einer Diskussion zum Thema Bollwerk Europa gegen Afrikas Flüchtlinge teilgenommen hatte, verabredeten wir uns noch darauf, einmal ein Gespräch über Camus für den Blog zu führen. Denn wer in einer von Rupert Neudecks Organisationen mitarbeiten wollte, dem drückte er gern erstmal ein Exemplar von Camus‘ Die Pest in die Hand, darin fände sich alles, was man über humanitäre Arbeit wissen müsse – so erzählte er es selbst gern. Aber ich habe mich nie getraut, ihn noch einmal darauf anzusprechen – wissend, dass es für ihn einfach Wichtigeres zu tun gibt, und dass diese Arbeit für ihn ebenso wenig aufhören würde, wie der von Sisyphos den Berg hinaufgestemmte Fels jemals auf dem Gipfel liegen bleiben würde. Dass es zu diesem Gespräch nicht mehr gekommen ist und nicht mehr kommen wird, ist für mich eine kleine, eigennützige Traurigkeit in der großen Trauer um diesen großen, streitbaren, widerspenstigen Menschen, der uns so sehr fehlen wird.

Ein einsam kämpfender und sich abmühender Sisyphos aber, wie es der Vergleich mit seiner Steine rollenden Arbeit nahe legt, war Rupert Neudeck nicht. Nichts charakterisiert sein Handeln wohl besser als die von ihm selbst oft zitierte Camus-Losung je me révolte, donc nous sommes – ich revoltiere, also sind wir. Sein Engagement galt den Menschen, jedem einzelnen Opfer, das es der Pest abzutrotzen gilt, jener Pest, „die heute Guantanamo und morgen Baghram, heute Aleppo, morgen Timbuktu sein kann“, wie er  in seinem letzten Buch Radikal leben schrieb (1). Und mit diesem Engagement war er nicht allein, hat er unzählige Menschen inspiriert und in der gemeinsamen Sache vereint, die sie jetzt, so bleibt zu hoffen, in seinem Sinne fortführen.

Wenn ein großer Mensch stirbt, so kommt es mir immer wieder vor, als ob ein Gefäß zerspringt und sich all seine Liebe und seine Kraft, von der er sein Leben lang so viel abgegeben hat, noch einmal mit einem großen Schwall in die Welt ergießt. Man kann sie spüren, und wenn viele, viele Menschen davon nur einen Tropfen auffangen, kann seine Kraft und seine Liebe weiter in der Welt wirken. Merci, Rupert Neudeck.

(1) Rupert Neudeck, Radikal leben. Gütersloher Verlagshaus 2014, S. 141.

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Zum Weiterlesen: 
Rupert Neudeck: Die Pest als Vorbild für die Humanitäre Arbeit, in: Willi Jung (Hg.), Albert Camus oder der glückliche Sisyphos. V& R univpress, Göttingen 2013, S. 89-101.

 

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Ein Kommentar zu Menschenfischer und radikaler Humanist – zum Tod von Rupert Neudeck

  1. Cay Gabbe sagt:

    Welch ein wunderbarer Nachruf! Großen Dank!
    Wie großartig (und vielleicht einmalig) wusste Rupert Neudeck scharfe Beobachtung, Analyse und praktische, handfeste Hilfe für Menschen zu verbinden. Auf ihn musste ich immer wieder schauen, um die Zyniker zu vergessen, die die Menschenrechte für militärische Machtspiele unter dem Motto diskreditieren: „Wir reden nicht mehr vom Öl! Wir reden von Menschenrechten!“ Ein tieferer Abgrund zwischen Menschen, die sich für Menschenrechte einsetzen, ist kaum denkbar.
    Cay Gabbe

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