Weil man sich schämen kann, allein glücklich zu sein

Diskutierten zum Thema "Bollwerk Europa": Gilles Reckinger, Rupert Neudeck, Anna Kuschnarowa, Moustapha Diallo und Moderator Manfred Loimeier (vl.li.). ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Diskutierten zum Thema „Bollwerk Europa“: Gilles Reckinger, Rupert Neudeck, Anna Kuschnarowa, Moustapha Diallo und Moderator Manfred Loimeier (vl.li.). ©Foto: Anne-Kathrin Reif

„Je mehr Bewusstsein umso mehr Verzweiflung”, so lautet ein alter Grundsatz, gegen den man zuweilen nur schwer ankommt. Wie gut, dass es Menschen gibt, die zwar unablässig den Finger in die Wunden unserer Weltgesellschaft bohren und das Bewusstsein für die Dimensionen der Probleme unserer Zeit schärfen, zugleich aber auch ein Beispiel dafür abgeben, wie man dabei nicht kapitulierend in die Knie geht, und wie man der Verzweiflung widersteht. Ein solcher Mensch ist Rupert Neudeck. 2013 hatte ich die Ehre, mit ihm gemeinsam auf dem Podium der Camus-Revue bei der Phil.Cologne zu sitzen, denn Camus – und vor allem die von den Protagonisten seines Romans Die Pest verkörperte Haltung – wird von Rupert Neudeck stets als Kronzeuge und Vorbild seines Engagements zitiert. Er habe früher stets all jenen, die in seiner Organisation mitarbeiten wollten, Die Pest in die Hand gedrückt, erzählt er gern: Mehr brauche man über humanitäre Arbeit nicht zu wissen.

In dieser Woche erlebte ich Rupert Neudeck im Rahmen der 2. Wuppertaler Literatur-Biennale bei einem Podiumsgespräch zum Thema „Bollwerk Europa gegen Afrikas Flüchtlinge.“ Mit in der Runde: Dr. Moustapha Diallo, Germanist mit Wurzeln im Senegal, Anna Kuschnarowa, Autorin des Romans Kinshasa Dreams und der Ethnologe Dr. Gilles Reckinger aus Luxemburg, der für sein Buch Lampedusa. Begegnungen am Rande Europas viel Zeit auf der kleinen italienischen Mittelmeerinsel verbrachte, wo wöchentlich tausende Afrikaner anlanden.

Angesichts dessen, was diese überaus kluge Runde zu der vielfältig verflochtenen Flüchtlingsproblematik unserer Tage zu sagen hatte, angesichts der Beschämung über die eigene Unkenntnis und unbeabsichtigte Ignoranz, und angesichts der verheerenden Ergebnisse der aktuellen Europa-Wahl, bei der menschenverachtende rechte Gruppierungen ihr Kapital unter anderem aus den Ängsten der Menschen gegenüber den „zu uns“ „hereindrängenden“ Menschen„massen“ und Flüchtlings„strömen“ geschlagen haben – ja, angesichts all dessen kann einen schon einmal ein Anflug von Verzweiflung überkommen.
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Die Anführungszeichen verdanken sich dem in vielerlei Hinsicht beträchtlichen Erkenntnisgewinn, für den dieser Abend gesorgt hat. Es sind keine Ströme, die „zu uns“ hereindrängen, keine Wellen, die an Europas Küsten branden, sondern Menschen, ein jeder einzelne mit seinem persönlichen Schicksal. Schon wenn wir so reden, machen wir uns mitschuldig, sorgen dafür, dass die Gräben zwischen „denen“ und „uns“ und die Mauern zwischen „draußen“ und „drinnen“ in Köpfen und Herzen bestehen bleiben, Mauern und Gräben, die sich in realen Mauern und Stacheldrahtzäunen manifestieren, die das Leid vergrößern und das Problem nicht lösen.

Rupert Neudeck. ©Foto: akr

Rupert Neudeck. ©Foto: akr

Vielleicht, nein ganz sicher ist nicht jeder von uns ein Neudeck-Rieux, der um jedes einzelne Opfer kämpft, das er der Pest abringen kann; jener Pest, „die heute Guantanamo und morgen Baghram, heute Aleppo, morgen Timbuktu sein kann“, wie der Gründer der Cap Anamur und der Grünhelme in seinem neuen Buch Radikal leben schreibt (1). Aber nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher kann jeder von uns sich bemühen, zu sein wie Tarrou, der sich entschieden hat, selbst kein „verpesteter“ (mehr) sein zu wollen – gerade weil er weiß, dass jeder die Pest in sich trägt, „weil kein Mensch, nein, kein Mensch auf der Welt von ihr unberührt ist“, und der weiß, „dass man sich ständig überwachen muss, um in einem Moment der Zerstreutheit nicht dazu zu kommen, einem anderen ins Gesicht zu atmen und ihn anzustecken“ (2). Anzustecken mit der Pest, die manchmal auch einfach nur Gleichgültigkeit heißt, auch dies eine tödliche Mikrobe.

Rupert Neudeck, dieser kleine, drahtige Mann, der vor wenigen Wochen 75 Jahre alt geworden ist, strahlt eine bemerkenswerte Kraft und eine vielleicht noch bemerkenswertere Fröhlichkeit aus. Ganz offenkundig hat er einen Sinn für das Glück, und gewiss stimmt er Dr. Rieux zu, der den Journalisten Rambert nicht an der Flucht hindern will und ihm sagt, „man brauche sich nicht schämen, wenn man das Glück vorziehe“ (3). Aber er wird auch immer dahin gehen, wo es Elend zu bekämpfen gibt, so wie Rambert schließlich in der pestverseuchten Stadt geblieben ist: „Weil man sich schämen kann, allein glücklich zu sein“ (4).

Sollte nicht das die Stimme sein, mit der Europa spricht?

Die 2. Wuppertaler Literaturbiennale mit noch sechs weiteren spannenden Veranstaltungen zum Thema „Unterwegs nach Europa“ läuft noch bis zum 31. Mai. Zum Programm.

(1) Rupert Neudeck, Radikal leben. Gütersloher Verlagshaus 2014, S. 141. (2) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 287f.; (3) a.a.O, S. 236; (4) vgl. a.a.O., S. 236.
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