ARTE.TV: „Leben mit Camus“ (oder wie ich einmal in einen Film über Camus hineingeraten bin)

camus-filmVor einigen Tagen erreichte mich ein Anruf: Joël Calmettes, Regisseur aus Paris, fragt an, ob ich es nicht vielleicht möglich machen könnte, zur Präsentation seines Camus-Films nach Aix-en-Provence zu kommen, er hätte doch so gern einige Teilnehmer aus dem Film für ein anschließendes Publikumsgespräch dabei – – – (man muss sich die Gedankenpause hier ziemlich lang vorstellen). – – – Allen Ernstes: Ich hatte bis zum Schluss nicht daran geglaubt, dass „meine“ Szenen überhaupt in dem Film drinbleiben würden. Weshalb ich hier auch noch nichts davon erzählt habe. – – – Aber noch mal ganz von vorn. Worum geht es überhaupt?

Vivre avec Camus-visuel 3DJoël Calmettes, der bereits zwei Filme über Camus gedreht hat (Albert Camus – une tragédie du bonheur, 1999;  Albert Camus, le journalisme engagé, 2009), hat im Auftrag von Arte.TV einen Film zum 100. Geburtstag von Camus realisiert, der einen (wie ich finde) ganz großartigen Ansatz verfolgt: Er erzählt nicht zum soundsovielten Mal allseits Bekanntes über Albert Camus sondern zeigt seine Präsenz und Bedeutung im Leben seiner Leser. Und zwar ganz unterschiedlicher Leser auf der ganzen Welt. Da sind Berühmtheiten wie die us-amerikanische Sängerin Patti Smith oder Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck (den ich bereits als sehr sympathischen Teilnehmer der Camus-Revue auf der Phil.Cologne kennenlernen durfte); ein japanischer Kalligraph, ein Priester, ein französischer Arzt und ein Polizist, ein amerikanischer Astrophysiker, ein kanadischer Parkettleger, ein algerischer Mathematiker… und noch einige mehr. Und eben auch ich. Dass ich unter den Teilnehmern als „danseuse de tango allemande“ geführt werde, dürfte freilich nicht nur meine Tango-Lehrer Nicole Nau und Luis Pereyra vor Lachen vom Stuhl fallen lassen…

Dreh mit Joel Calmettes (vorn) und Olivier Raffet in Wuppertal. ©Foto: akr

Dreh mit Joel Calmettes (vorn) und Olivier Raffet in Wuppertal. ©Foto: akr

Die „deutsche Journalistin und Camus-Bloggerin“ wäre da sicherlich passender gewesen, aber den Blog gab es ja im Dezember 2012, als Joël Calmettes und Kameramann Olivier Raffet mit ihrem ganzen Equipment in meiner Wohnung in Wuppertal aufschlugen, erst in meinem Kopf. Die beiden hatten im Vorfeld nach Beruf, Hobbys oder sonstigen Aktivitäten gefragt, um filmisch ein Bild von den jeweiligen Camus-Lesern zeichnen zu können, und so geriet dann eben auch (trotz meiner Beteuerungen, nur ein bisschen dilettantisch herumzustolpern) der Tango hinein. Jedenfalls waren die beiden Franzosen ganz hingerissen von der Atmosphäre des Wuppertaler Café Tango und meinten, sowas gäbe es in Paris nicht. Ich vermute jetzt mal schwer, ich werde im Boden versinken, wenn ich das alles zum ersten Mal auf der Leinwand bzw. im Fernsehen sehe und höre, aber da muss ich jetzt durch. Umso mehr gespannt bin ich auf die Beiträge über die anderen Camus-Leser! Ach ja: Für zwei Tage von Wuppertal nach Aix zu fahren ist zwar ein bisschen verrückt, aber die Einladung habe ich trotzdem gerne angenommen. Ich werde berichten!

*In Aix-en-Provence wird es zur Eröffnung der nun doch stattfindenden Camus-Ausstellung in der Cité du Livre/ Bibliotheque Méjanes, 8-10 rue des Allumettes,  zwei öffentliche Filmvorführungen von „Vivre avec Camus“ mit anschließendem Publikumsgespräch geben: am Samstag, 5. Oktober, 17 Uhr, und am Sonntag, 6. Oktober, 15 Uhr.

* Im Fernsehen läuft der Film auf ARTE unter dem Titel „Albert Camus, Lektüre fürs Leben“ am 9. Oktober, um 21.45 Uhr (54 Minuten). Außerdem wird es eine DVD-Version von 75 Minuten geben, die sechs weitere Porträts enthält.

P.S. Wer den Link zum Film bei ARTE anklickt: Nicht irritieren lassen… Der Camus-Geburtstag ist und bleibt am 7. November, nicht wie dort zu lesen am 3. November…

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7 Kommentare zu ARTE.TV: „Leben mit Camus“ (oder wie ich einmal in einen Film über Camus hineingeraten bin)

  1. Gisela Pfisterer sagt:

    Liebe Frau Reif, anfangs fühlte ich mich fast überschüttet von Ihrem „365tage-camus“, inzwischen warte ich drauf!!
    Vielen Dank für Ihre zahlreichen Ideen, Anregungen, Querverbindungen…..wie jetzt gerade zu J. Gréco.
    Und eine Frage habe ich: gibt es inzwischen die u.a. DVD? Im Internet finde ich nichts dazu. Über einen Hinweis wäre ich sehr dankbar.

    * Im Fernsehen läuft der Film auf ARTE unter dem Titel “Albert Camus, Lektüre fürs Leben” am 9. Oktober, um 21.45 Uhr (54 Minuten). Außerdem wird es eine DVD-Version von 75 Minuten geben, die sechs weitere Porträts enthält.

    Mit freundlichen Grüßen
    Gisela Pfisterer

  2. Wolf Nebe sagt:

    Liebe Anne,
    Camus scheint eine große Anziehungskraft auf unterschiedlichste Menschen auszuüben. Eine der glamourösesten Vertreter der Münchner High-Society starb Anfang 2005: der Modedesigner Rudolph Moshammer.
    In Bayern werden traditionell Sterbebilder bei den Begräbnissen an die Trauergäste verteilt; neben einem Bild des Verstorbenen finden sich oft Sinnsprüche oder Gebete. Moshammer hatte für sein Sterbebild, wie bereits für das seiner Mutter, folgendes Zitat gewählt: »Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar« (Camus).
    Ein schönes Zitat, nur nicht von Camus. Laut Beerdigungsinstut habe man Moshammer darauf aufmerksam gemacht. Dieser soll dennoch auf Camus bestanden haben. Warum? Das wird rätselhaft bleiben.
    Moshammer hätte sich prächtig gemacht zwischen Patti Smith und Rupert Neudeck. (Und du Anne hättest mindestens deine silberne Hose mit den schwarzen Punkten tragen müssen [siehe auch »Zu Besuch bei Monsieur George« vom 2. Januar], um dagegen prunken zu können. ). Vielleicht hätte er sogar etwas zu Camus beigetragen, denn ganz so oberflächlich war der gute Mensch trotz Barockgehabe, »Mama und ich« und Yorkshire Terrier Daisy nicht: Er gründete die Stiftung »Licht für Obdachlose« und war sozial sehr engagiert.
    »Das Leben ist kurz, und es ist eine Sünde, seine Zeit zu verlieren« (La vie est courte et c’est péché de perdre son temps). Dieses Zitat – von Camus – wäre vielleicht passender für »Mosi« gewesen.

    Mit dem Zitat schlage ich nun auch den Bogen zum »Nihilisten« aus dem vorangegangenen Kommentar. Am 20.10.2013 um 8:45 Uhr sendet der NDR »Das Leben ist ein Geheimnis. Albert Camus – ein frommer Ungläubiger«, von Christian Modehn. Und für diejenigen, die Anne life in Aix erleben wollen, ist vielleicht auch noch interessant:
    »Hochzeit des Lichtes – Hommage an Albert Camus« des Kölner Künstlers Oliver Jordan. Im Grand Théâtre de Provence in Aix-en-Provence anlässlich der Feierlichkeiten zu Albert Camus’ 100. Geburtstag und in Kooperation mit dem Goethe Institut Paris und mit dem Centre Franco-Allemand de Provence. http://www.oliverjordan.de/index.php/camus-projekt.html.

    PS.
    Ich bin kein »Mosi«-Fan.

  3. Toni, fast schon ein Freund (Zufallswahl) sagt:

    Liebe Anne,
    höchste Zeit ,dass ich am Tag des Gedenkens der Wiedervereinigung wieder zu dem großen Nihilisten zurückfinde, der für mich durch Sie aus meinem Nichts aufgetaucht ist. Am 9. Oktober bei Arte wird der Recorder seine Pflicht tun, damit es den Rentnern der Herr im Schlaf eingibt.
    Der Traubenweg grüßt mit viel Öxle

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Toni, darüber, ob man Camus wirklich als Nihilisten bezeichnen kann, müssen wir noch mal reden! Am besten mit einigen Öxle. Bis dahin herzliche Grüße, Anne-Kathrin

      • Mag. Alois Klinglmair sagt:

        Albert Camus als „Nihilisten“ zu bezeichnen ist wohl ein Scherz, oder totale Ignoranz!!!!

  4. Nicole Nau sagt:

    „danseuse de tango allemande“ – das macht uns wahnsinnig stolz!
    Ich bin sehr gespannt auf Deinen Beitrag!!!
    Nicole

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