„Mama, noch nie hast du mir so gefehlt“

Am 17. Oktober 1957 schreibt Camus in sein Tagebuch:

„Nobelpreis. Eigenartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Wehmut. Als ich 20 war, arm und nackt, habe ich den wahren Ruhm gekannt. Meine Mutter.” (1)

Die Nachricht hatte ihn tags zuvor erreicht, als er mit seiner Freundin Patricia Blake im Restaurant Marius in Paris zu Mittag aß. Ganz und gar überraschend kommt es nicht – er weiß, dass er für den Preis im Gespräch war und dass die Schwedische Akademie eine Studie über sein Werk eingeholt hatte. Dennoch zeigt sich Camus erschüttert; ein ums andere Mal sagt er, Malraux hätte den Preis bekommen sollen, Malraux habe ihn mehr verdient als er. Camus ist (und bleibt) mit seinen knapp 44 Jahren der jüngste Literaturnobelpreisträger nach Rudyard Kipling, der den Preis 1907 mit knapp 42 Jahren erhalten hat. Es folgen turbulente Tage. Camus wird in Paris gefeiert: Empfang beim schwedischen Botschafter in Paris, Trubel bei Gallimard, Blitzlichtgewitter, Radio, Presse, ein offizielles Essen nach dem anderen. (2)

Gewiss wird sich Camus über den Preis gefreut haben. Was für eine Anerkennung für einen vaterlosen algerischen Jungen aus ärmsten Verhältnissen, der mit Mutter, Großmutter und Onkel aufwuchs, die weder lesen noch schreiben konnten! Und das Preisgeld beschert ihm mehr finanzielle Unabhängigkeit als jemals. Doch innerlich ist er zerrissen. Er meint, den Preis nicht verdient zu haben. Tatsächlich steckt er mitten in einer gewaltigen Schaffenskrise, weiß nicht, ob er sein Riesen-Romanprojekt Der erste Mensch bewältigen kann. Camus-Biograph Olivier Todd zitiert Zeitzeugen, die ihm nahestanden: Auf Roger Quilliot habe Camus auf die Nobelpreisnachricht „verstört“ gewirkt, „wie lebendig begraben“. (3) Und zu seinem Freund und Lehrer Jean Grenier habe er hellsichtig gesagt: „Ich werde mehr Feinde haben denn je.“ (4)

Noch am selben Tag telegraphiert Camus seiner Mutter nach Algier: „Mama, noch nie hast Du mir so sehr gefehlt.“ (5). Irgendjemand wird  ihr das Telegramm vorgelesen haben.

(1) Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 270; (2) Vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 743ff.; (3) Todd, a.a.O., S. 745; (4) Todd, a.a.O., S. 747; (5) Todd, a.a.O., S. 743. 

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