Von großer Ehre und großem Elend – Camus erhält den Literaturnobelpreis

Ein paar Tage ist es erst her, dass die diesjährigen Nobelpreisträger bekannt gegeben wurden. Mit Patrick Mondiano wurde einmal mehr ein französischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Mondiano beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe, befand die Nobelpreis-Jury. Der Franzose schreibe „sehr elegante Bücher, aber sie sind nicht schwierig zu lesen“ (1). Passt irgendwie auch auf seinen Landsmann und Nobelpreisträgervorgänger Albert Camus… Vor ziemlich genau 57 Jahren verkündete die schwedische Akademie den damaligen Preisträger – und der stürzte darob in eine schwere Krise. Am 17. Oktober 1957 notiert er ins Tagebuch:

Nobelpreis. Eigenartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Wehmut. Als ich 20 war, arm und nackt, habe ich den wahren Ruhm gekannt. Meine Mutter“ (2).

Seiner Mutter schickt er ein Telegramm nach Algier: „Mama, noch nie hast Du mir so gefehlt.“ (3)

Was folgt, sind nicht nur Glückwünsche, Presserummel, Blitzlichter, schmeichelhafte Artikel, Anerkennung und ein offizielles Diner nach dem nächsten – sondern auch beispiellose Kritiker-Häme, die Camus extrem verletzt. Am 19. Oktober schreibt er:

Erschrocken über das, was mir zustößt und was ich nicht verlangt habe. Und zur Krönung des Ganzen so gemeine Angriffe, dass es mir das Herz zuschnürt. (…) Wieder die Lust, dieses Land zu verlassen. Aber um wohin zu gehen?
Die Schöpfung selbst, die Kunst selbst, ihr Detail, Tag für Tag, und der Bruch… Verachten geht über meine Kraft. Auf jeden Fall muss ich diese Art Schrecken überwinden, diese unbegreifliche Panik, in die mich diese unerwartete Nachricht gestürzt hat (…)“ (4).

Der nächste Eintrag: „Im Verlauf des Monats drei Erstickungsanfälle, verschlimmert durch klaustrophobische Panik. Gestörtes Gleichgewicht.“ (4) Noch bis zum Ende des Jahres halten die Anfälle an. Camus spricht von Panikattacken, minutenlangem Gefühl des totalen Wahnsinns, endlosen Angstzuständen. Er nimmt Beruhigungsmittel. Drei Monate lang gibt es keinen Eintrag im Tagebuch. Dann nur kurz zusammenfassend: „Januar – März. Die schweren Anfälle haben aufgehört. Nur noch dumpfe und ständige Beklemmung“ (5).

Am 10. Dezember nimmt er in Stockholm in Begleitung seiner Frau Francine aus den Händen des schwedischen Königs den Preis entgegen. Ein Video-Zeitdokument zeigt ihn in der Tat nicht gerade glücksstrahlend, aber – souverän in seinem Bogart-Trenchcoat, elegant im Frack – sieht man ihm sein inneres Elend nicht an.

Camus et le prix Nobel – YouTube.

(1) ARD Tagesschau vom 9.10.2014, (2) Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S.270. Camus-Biograph Olivier Todd setzt allerdings den 16. Oktober als Datum an, an dem Camus die Nachricht vom Preis übermittelt wurde (vgl. Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 743). (3) zit. nach Todd, S. 743. (4) Albert Camus, Tagebücher 1951-1959, a.a.O., S. 271. (5) a.a.O., S. 272.

Verwandte Beiträge
„Mama, noch nie hast du mir so gefehlt“
Kalenderblatt: Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur am 10. Dezember 1957

Dieser Beitrag wurde unter Leben und Werk abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.