Vom Universum der Bilder – das Zufallszitat zum Sonntag

Die Bücherei enthielt hauptsächlich Romane, aber viele waren für Jugendliche unter fünfzehn Jahren verboten und standen gesondert. Und die rein intuitive Methode der beiden Kinder stellte keine wirkliche Auswahl dar. Doch der Zufall ist nicht das Schlechteste in Sachen Kultur, und indem sie alles durcheinander verschlangen, führten sich die beiden Gefräßigen gleichzeitig das Beste und das Schlechteste zu Gemüte, ohne sich übrigens darum zu kümmern, etwas zu behalten, und sie behielten tatsächlich auch fast nichts als ein seltsames, mächtiges Gefühl, das im Lauf der Wochen der Monate und der Jahre in ihnen ein ganzes Universum von Bildern und Erinnerungen entstehen ließ, die nicht zurückführbar waren auf die Realität, in der sie täglich lebten, aber mit Sicherheit nicht weniger präsent für diese leidenschaftlichen Kinder, die ihre Träume genauso ungestüm erlebten wir ihr Leben.

Das Zufallszitat ist heute nur halb zufällig, denn Der erste Mensch, woraus das Zitat stammt, habe ich ausnahmsweise gezielt aus dem Regal gezogen, gewissermaßen als Geburtstagsbeitrag: Gestern vor 25 Jahren wurde Le Premier homme erstmals bei Gallimard in Frankreich veröffentlicht, nachdem das Manuskript 34 Jahre lang mehr oder weniger unter Verschluss gelegen hatte. Erst seitdem wissen wir so viel über Camus‘ Kindheit und Jugend in Algerien aus erster Hand, nirgendwo sonst in seinem Werk kommt man dem Menschen Camus so nahe (vielleicht mit Ausnahme einiger Passagen aus den Carnets). Dass aber nun ausgerechnet die zufällig aufgeschlagene Seite einen Satz über den Zufall enthält, ist natürlich wiederum ein besonders hübscher Zufall – und so ist vielleicht auch mein Zufallszitatspiel hier „nicht das Schlechteste in Sachen Kultur.“ Bleiben wir also gefräßig und leidenschaftlich wie diese beiden Kinder, von denen einer Camus war… In diesem Sinne: Allen noch einen schönen Sonntag und à bientôt!

Albert Camus, Der erste Mensch. Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 1995, S. 277

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Eine Liebeserklärung an das Meer – das Zufallszitat zum Sonntag

Wunderbare Nacht über dem Atlantik. Diese Stunde, die von der verschwundenen Sonne zum gerade erst aufgehenden Mond reicht, vom noch leuchtenden Westen zum schon dunklen Osten. Ja, ich liebe das Meer sehr – diese ruhige Unermesslichkeit – dies wieder bedeckten Furchen des Kielwassers – diese flüssigen Straßen. Zum ersten Mal ein dem Atmen des Menschen angemessener Horizont, ein Raum, so groß wie seine Kühnheit. Ich bin immer hin und her gerissen gewesen zwischen meinem Hunger nach Menschen, der Eitelkeit der Betriebsamkeit und dem Wunsch, mich jenen deren des Vergessenes anzugleichen, jenem maßlosen Schweigen, das wie der Zauber des Todes ist. Ich habe Gefallen an den Eitelkeiten der Welt, an meinen Mitmenschen, an den Gesichtern, aber neben dem Leben der Welt habe ich einen eigenen Maßstab – das Meer und all das, was in dieser Welt ihm gleicht. O Süße der Nächte, in denen alle Sterne funkeln und über die Masten hingleiten, und diese Stille in mir, diese Stille endlich, die mich von allem erlöst.“

Albert Camus, Reisetagebücher, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt, Reinbek 1980, S. 43.

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Für mich ist das Zufallszitat heute eines, das die Sehnsucht weckt… Und die Zwiespältigkeit, von der Camus spricht, kenne ich selbst auch allzu gut. Sinnlos, sie auflösen zu wollen. Aber gut, wenn man beides im Leben haben und genießen kann, die Geselligkeit unter den Mitmenschen, und die schweigende Einsamkeit, die Raum zum Atmen gibt. Ich wünsche allen Blog-Lesern und Camus-Freundinnen, dass sie heute genau das Passende für sich finden – in diesem Sinne: Allen einen schönen Sonntag und à bientôt!

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Von der Sehnsucht nach dem Frühling – Das Zufallszitat zum Sonntag

Das Missverständnis steht im April wieder beim Konzerttheater Bern auf dem Spielplan. Foto: Tanja Dorendorf

„Jan: Die Abende sind überwältigend. Ja, es ist ein schönes Land.

Martha in verändertem Ton: Ich habe viel daran gedacht. Gäste haben mir davon erzählt, und ich habe gelesen, was mir nur in die Hände kam. Oft denke ich wie heute inmitten des herben Frühlings dieses Landes an das Meer und an die Blumen dort drüben. Pause, dann dumpf: Und was ich mir vorstelle, macht mich blind für alles, was mich umgibt.

Jan: Das verstehe ich. Der Frühling dort drüben schnürt einem die Kehle zu. Zu Tausenden erblühen die Blumen über den weißen Mauern. Wenn Sie eine Stunde auf den Hügeln spazierengingen, zwischen denen meine Stadt liegt, würden Sie in Ihren Kleidern den Honigduft der gelben Rosen nach Hause tragen.

Martha: Wie herrlich das ist! Was wir hierzulande Frühling nennen, ist eine Rose mit zwei Knospen, die im Klostergarten sprießt. (…)“

Albert Camus, Das Missverständnis, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 96

Das Zufallszitatspiel spült heute eine Szene aus Das Missverständnis herauf. Jan, der verlorene, nun unerkannt zurückgekehrte Bruder, erzählt Martha von seiner Heimat (in der unschwer Camus’ Algerien zu erkennen ist). Während das Gespräch in ihm die Hoffnung auf eine aufkeimende Nähe und das „Erkannt werden“ durch Mutter und Schwester nährt, bestärkt es diese tatsächlich in ihrem Entschluss, den unbekannten Gast, der ihr Sohn und Bruder ist, umzubringen.

Fürwahr eine düstere Geschichte, die man auch als Mahnung lesen kann. In diesem Sinne: Genießt den Frühling, wo auch immer!

  • Das Missverständnis wird im April wieder gespielt beim Konzerttheater Bern am 5. und 12. April 2019 (Regie: Claudia Meyer). Szenenfoto oben: Tanja Dorendorf.
    Eine Premiere gibt es am 4. Mai beim Amateurtheaterverein Pforzheim e.V. (Regie: Susanne Lehmann), Infos

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Wenn man zu viel arbeitet – Das Zufallszitat zum Montag

So ergeht es allen: Man heiratet, man liebt noch ein bisschen, man arbeitet. Man arbeitet so viel, dass man darüber das Lieben vergisst.“


Das sagt Joseph Grand in Die Pest, der weiß, wovon er spricht: Er hat einst die Liebe zu Jeanne darüber verloren. Sie hatte lange ausgeharrt, aber irgendwann war sie gegangen. Das von mir heute ziemlich spät ausgewürfelte „Zufallszitat“ passt doch sehr schön zum Beginn einer neuen Arbeitswoche… In diesem Sinne: Vergesst das Lieben nicht!

Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 94.

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Was unsere Aufgabe in der Welt ist – das Zufallszitat zum Sonntag

„Was immer wir tun, die Maßlosigkeit wird stets ihren Platz im Herzen des Menschen bewahren, wo die Einsamkeit beheimatet ist. Wir tragen alle unsere Kerker, unsere Verbrechen und Verheerungen in uns. Doch unsere Aufgabe ist es nicht, sie in der Welt zu entfesseln, sondern sie in uns und in den andern zu bekämpfen.“

Ich gebe zu: Das Zufallszitat ist heute nicht ganz so zufällig. Ich habe nämlich drei Mal gewürfelt, bis mein Blick auf diese Zeilen fiel. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich dieses Zitat nicht schon einmal im Blog hatte. Aber im Angesicht der Weltlage im Allgemeinen und mit Blick nach Neuseeland im Besonderen denke ich: Daran kann man nicht oft genug erinnern. Wenn doch nur auch die Menschen sie lesen und beherzigen würden, die gerade das Gegenteil tun. Aber die lesen hier natürlich nicht mit. Sei’s drum! Fangen wir bei uns selbst an. In diesem Sinne: Bon courage und allen noch einen schönen Sonntag!

Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Aus dem Französischen übertragen von Justus Streller. Neubearbeitet von Georges Schlocker unter Mitarbeit von Francois Bondy. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1969, S. 224.

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Camus auf den deutschsprachigen Bühnen im Frühjahr

Matthias Hermann als Caligula am Theater Lübeck. Foto: Kerstin Schomburg

Wieder mal ein trüber Sonntag, der sich bestens für eine kleine Fleißarbeit eignet: Was von den zu Jahresbeginn angekündigten Camus-Stücken steht im März und April noch auf den Spielplänen? Ich habe also die Webseiten durchgeflöht und mich auf den aktuellen Stand gebracht, den ich natürlich gern mit Ihnen und Euch teile.

In Münster hat sich Caligula bereits verabschiedet, in Düsseldorf gibt es bis Saisonende jedoch noch drei Vorstellungen, von denen zwei am 5. April und am 4. Mai schon angekündigt sind. Offenbar läuft die knallbunte Inszenierung von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus (bzw. in der Dependance an der Worringer Straße) mit einigem Erfolg, und dass ich weniger begeistert war, soll niemanden abhalten, sie sich anzuschauen (Schauspielhaus Düsseldorf, meine Kritik im Blog hier).

Auch am Theater Lübeck hört Caligula nicht auf, nach dem Mond zu verlangen; dort ist die Inszenierung von Mirja Biel noch bis zum Ende der Spielzeit zu sehen. Die nächsten Termine: 30. März, 12. und 18. April, 3., 11. und 26. Mai.

Von drei mal Das Missverständnis sind ebenfalls noch zwei dabei: Am 12. März am Deutschen Theater Berlin (Regie: Jürgen Kruse, mit englischen Übertiteln) und am Konzerttheater Bern in der Schweiz am 20. März, 5. und 12. April und 1. Mai (Regie: Claudia Meyer).

Noch bis zum 13. März tourt das Xenia-Theater aus Karlsruhe mit einer Bühnenmonologfassung von Camus Novelle Der Gast (L’Hôte) in französischer Sprache im süddeutschen Raum (Infos). Von Die Gerechten ist lediglich Sebastian Baumgartens Inszenierung am Berliner  Gorki Theater  übrig geblieben. Nur noch zwei Vorstellungen gibt es in dieser Spielzeit, nämlich am 15. März und 4. April.

Der Fremde ist sogar wieder neu aufgetaucht: Das Societaetstheater Dresden, hat nämlich seine zuletzt im November 2018 gezeigte Fassung (Regie: Arne Retzlaff) wieder im Programm, und zwar am 27. und 29. März 2019.

DER FALL von Albert Camus als Koproduktion mit der Tanzkompanie bo komplex am Euro Theater Central in Bonn (mit Johannes K. Prill und Olaf Reinecke). Foto: Lilian Szokody

Und dann ist da nicht zuletzt Der Fall am kleinen Euro Theater Central in Bonn. Unter den in jüngerer Zeit zahlreicher gewordenen Dramatisierungen seiner Texte für die Bühne kommt gerade dieser noch eher selten vor. Tatsächlich drängt sich eine Bühnenfassung auch nicht unbedingt auf – handelt es sich doch um einen einzigen langen Monolog, bei dem das angesprochene Gegenüber weder hör- noch sichtbar wird. Eine Herausforderung für Schauspieler ebenso wie für das Publikum, zumal der Protagonist Jean-Baptiste Clamence nach eigenem Bekenntnis eine Schwäche für eine „gewählte Ausdrucksweise und eine gehobene Sprache überhaupt“ hat. Da ist die Gefahr groß, dass das zu steif über die Rampe kommt. Wie entgeht man dieser Gefahr und bringt Bewegung in die handlungsarme Geschichte? Nun: Eben indem man im wörtlichen Sinne Bewegung hineinbringt. Das Euro Theater kooperiert nämlich mit der Tanzkompanie bo komplex und hat das Stück mit einem doppeltem Clamence, einem Schauspieler und einem Tänzer besetzt. Der Text verteilt sich auf beide, wobei Johannes K. Prill als Schauspieler naturgemäß der größere Anteil zukommt. Weitere Textteile, ebenfalls von beiden gesprochen, werden aus dem Off eingespielt. Eine kluge dramaturgische Entscheidung, hilft es doch nicht nur dem Protagonisten die trotz Kürzungen gigantische Textmenge zu bewältigen sondern hilft auch dem Publikum, bei der Stange zu bleiben. Die Inszenierung von Bärbel Stenzenberger verzichtet auf jedweden szenischen Naturalismus – im Grunde ist alles nur Text und Bewegung. Wenn man sich darauf einlässt (was bei mir nun schon eine Weile zurückliegt), ein gerade aufgrund der großen Nähe zwischen Bühne und Zuschauerraum in dem zauberhaften kleinen Theater ein erfreulich intensives Erlebnis.

  • Vorstellungen sind wieder am 21. März und am 2. April 2019, sowie am 20. März und am 3. April in französischer Sprache. Euro Theater Central, Münsterplatz-Dreieck/ Eingang Mauspfad, 53111 Bonn. Telefonische Reservierung 0228/ 65 29 51. Karten gibt es in der Regel noch an der Abendkasse, da aber Spielplanänderungen stets vorbehalten sind, sollte man sich vorab informieren (www.eurotheatercentral.de).
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Camus über Bildhauerei (das Zufallszitat zum Sonntag)


Vielleicht zieht mich meine Vorliebe für den Stein so stark zur Bildhauerei hin. Sie verleiht der menschlichen Gestalt wieder jenes Gewicht und jene Unempfindlichkeit, ohne die sie mir keine Größe zu besitzen scheint.“

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Skulptur von Alfred Hrdlicka im Wuppertaler Engelsgarten. Foto: Anne-Kathrin Reif

Zufallszitat, die Spielregel: ein Camus-Werk aus der Lostrommel (Einmachglas) ziehen, Seitenzahl auswürfeln. Stehenlassen – egal wie sinnvoll oder seltsam es erscheinen mag. Ein kleiner oder größerer Impuls für den Tag, für die Woche… Macht was draus!

Mich regt das heutige Zitat dazu an, euch eine Bildhauerarbeit aus „meiner“ Stadt mitzuschicken, die zu Camus passt, wie ich finde: die Skulptur Die starke Linke des Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka (1928-2009). Die Skulptur aus acht Tonnen weißem Carraramarmor soll den Freiheitskampf der Arbeiter symbolisieren. Sie zeigt mehrere ineinander verschlungene männliche Körper, bei denen die Hände mit Ketten aneinander gefesselt sind. Ein starker linker Arm versucht, sich davon zu befreien. 1981 wurde sie im „Engelsgarten“ gegenüber dem Engelshaus in Wuppertal aufgestellt, in dem an den Wuppertaler Fabrikantensohn und Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus Friedrich Engels (1820-1895) erinnert wird.

Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden noch einen schönen sonnigen Sonntag!

Zitat: Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister.  Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963, 1967, S. 168. Eintrag aus 1943.

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„Le premier homme“ als Bilderbuch für Erwachsene

Souvenir der letzten Frankreich-Reise: Bei einem Sight-Seeing-Zwischenstopp in der Saline royale in Arc-en-Senans fand sich dort überraschend eine Ausstellung mit Originalen von Jacques Ferrandez‘ Camus-Adaptionen.

Wuppertal, Samstag, 9. Februar 2019. Heute Abend macht Joachim Król auf seiner Erfolgstour mit Camus’ Der erste Mensch Station im Wuppertaler Opernhaus. Ein Camus vor Ort – und ich gehe nicht hin? Nun, ich habe die Vorstellung ja schon im vergangenen Jahr in Düsseldorf gesehen und hier besprochen, und für ein zweites Mal hat meine (leicht verhaltene) Begeisterung dann doch nicht gereicht. Aber es hat mir den Anstoß gegeben, es mir an diesem verregneten Wochenende auf der Couch gemütlich zu machen und noch einmal in aller Ruhe in Jacques Ferrandez Version von Le premier homme als bande dessinée einzutauchen. Die ist nämlich so großartig, dass man sie immer mal wieder vornehmen und seine Freude daran haben kann. Wer die bandes dessinées oder graphic novels aus Unkenntnis gedanklich immer noch in der Kinder-Comic-Ecke einsortiert, dem seien die Camus-Adaptionen von Ferrandez wirklich ans Herz gelegt. Außer Le premier homme gibt es noch L’Hôte und L’Etranger aus seiner Feder, alle drei bei Gallimard erschienen – leider gibt es nur letzteren auch in deutscher Übersetzung bei Stuart & Jacoby.

Es ist Nacht, ein Pferdekarren kämpft sich über ein kaum befestigtes Schottersträßchen, es schüttet, auf dem Karren liegt eine Frau in den Wehen… Wie Camus’ biographischer Roman beginnt auch Ferrandez mit der Fahrt über Land und der Geburt auf dem Lehmboden der Küche, nachdem das Paar sein Ziel erreicht hat. Es ist Camus’ eigene Geburt auf dem Weingut Saint-Apôtre, wo sein Vater als Verwalter angestellt war, eine Tages- und eine Nachtreise entfernt von Algier.

Wie im Roman spielt die nächste Szene 40 Jahre später, als Jacques Cormery, wie Camus sein alter ego genannt hat, auf dem Soldatenfriedhof von Saint-Brieuc in der Bretagne das Grab seines im ersten Weltkrieg gefallenen Vaters besucht, den er kaum gekannt hat. Ein gut aussehender Typ im Trenchcoat, dieser Cormery wie Jacques Ferrandez ihn zeichnet, mit einem ganz leicht abgeknickten Ohr – unverkennbar eine Reminiszenz an Camus, aber doch ohne direkte Porträtähnlichkeit: Er ist es, und er ist es nicht – so wie Camus über sich und sein Leben schreibt und das Ganze doch in Romanform ein Stück weit von sich weggerückt hat.

Das Cover von Le premier homme. ©Gallimard

Wenig später reist Cormery per Schiff nach Algerien. Im Halbschlaf in der heißen Kabine vor sich hin dämmernd überfallen ihn die Erinnerungen an seine Kindheit. Er ist inzwischen ein gefeierter Autor. Um das deutlich zu machen, schiebt Ferrandez eine Szene aus Paris dazwischen, in der er wunderbar einfängt, wie Camus sich in diesem gesellschaftlichen Pariser Leben als Fremder fühlt, selbst wenn er im Mittelpunkt steht. Und dann die Überfahrt nach Algier. In Rückblenden entfalten sich die Geschichten der Kindheit – das Hinausstürmen zu den Freunden, nachdem der verhasste Mittagsschlaf mit der furchteinflößenden Großmutter überstanden war. Die Fahrt mit der Bahn zum Strand, das Baden im Meer. Der Hundefänger auf der Jagd nach Streunern. Mit dem Onkel und seinen Kumpels auf Hasenjagd gehen. Die Schläge der Großmutter.

So geht es weiter zwischen Szenen des erwachsenen Cormery auf der Suche nach seinen Wurzeln und Rückblenden in die Kindheit. Ferrandez fängt die großen, wichtigsten ein und schafft es stets, ihre besondere Atmosphäre spürbar zu machen. Dabei erscheint seine Bildwelt zugleich ausgesprochen detailreich wie mit klarem Strich aufs Wesentliche konzentriert. Anders als bei Der Fremde und Der Gast, wo viel geschwiegen wird, gilt es diesmal, auch viel Text in dieser Bildergeschichte unterzubringen. Aber auch das gelingt Ferrandez fabelhaft in Kombination von direkter Rede (in Sprechblasen) und begleitendem Text, immer wieder unterbrochen von Bildern, die  ganz ohne Text auskommen aber genauso sprechend sind. Aufgrund der großen Textmenge hat man dieses „Bilderbuch“ nicht mal schnell durchgeblättert sondern kann damit gut und gern ein regnerisches Wochenende wie dieses auf der Couch verbringen.

Camus Roman Le premier homme ist bekanntlich ein Fragment geblieben, sowohl von der geplanten Stoffmenge als auch hinsichtlich Anmerkungen für zu überarbeitende Stellen und wohl auch ohne den letzten sprachlichen Schliff. In der gezeichneten Version von Jacques Ferrandez erscheint Le premier homme wie aus einem Guss.

  • Jacques Ferrandez, Le premier homme. D’après l’oeuvre d’Albert Camus. Gallimard, Paris 2017, 184 p., 210 x 280mm, 24,50 Euro.

Jacques Ferrandez zeichnet „Le premier homme“:

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Neues Jahr, neues Spiel: Das Zufallszitat zum Sonntag – oder Camus geht in die Oper

Vor dem Beginn: Bühne zu „Play* Europereas 1&2“ von John Cage im Opernhaus Wuppertal (Inszenierung: Rimini Protokoll). Was auf den Feldern passiert, wird ausgewürfelt. Foto: Anne-Kathrin Reif

Der Erzähler: Wessen Frau war diese unglückliche Kranke? Stimmte es, dass Dascha entehrt worden war, und wenn ja, von wem? Wer hatte Schatows Frau verführt? Nun, wir werden bald die Antwort erfahren. In diesem Augenblick, als die Spannung in unserer kleinen Stadt derart anwuchs, tauchte eine weitere Person auf, mit einer Fackel, die alles in Brand setzte und alle bloßstellte. Und glauben Sie mir, seine Mitbürger samt und sonders nackt zu sehen ist eine harte Prüfung. Der Sohn des Humanisten also, der Spross des liberalen Stepan Trofimowitsch, nämlich Pjotr Werchowenski, tauchte auf, als man am wenigsten darauf gefasst war.“

Albert Camus, Die Besessenen. In: Sämtliche Dramen. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Uli Aumüller. Erweiterte Neuausgabe, Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 2013, S. 369.

Blog-Leserinnen und Camus-Freunde, die hier schon länger dabei sind, kennen das Spiel bereits: Das Zufallszitat (zum Sonntag). Ich habe es länger nicht gespielt, aber mit dem immer noch recht neuen Jahr schicke ich es in eine neue Runde und hoffe, Sie werden mir folgen. Es gefällt mir nämlich nicht, dass Camus hier im Blog in letzter Zeit gar nicht mehr so oft selbst zu Wort gekommen ist. Es gefällt mir aber auch nicht, Camus stets mit dem Anspruch eines passenden Kommentars zur Lage der Nation, der Welt oder des Zeitgeistes zu bemühen. Deshalb also das Zufallszitat. Die Spielregel habe ich in dieser Neuauflage ein wenig geändert: Nicht mehr das blinde Hineingreifen ins Regal und zufällige Aufschlagen (schließlich habe ich auch blind ein Gefühl dafür, wo welches Buch steht, und die immer wieder gelesenen Bücher neigen dazu, an den selben Stellen aufzuklappen). Stattdessen gibt es jetzt ein echtes Los- (welches Buch) und Würfel-Verfahren (welche Seite). Manchmal wird vielleicht etwas offenkundig Sinnvolles herauskommen, gelegentlich werden wir uns auch einfach nur wundern. Im glücklichsten Fall wird es dann dazu verlocken, den Zusammenhang nachzulesen – mithin noch ein bisschen Camus mehr ins Leben zu holen. Das heutige Zufallszitat spült eine Stelle aus Camus Bühnenbearbeitung von Dostojewskis Roman Die Dämonen herauf, uraufgeführt unter dem Titel Die Besessenen am 30. Januar 1959 am Théâtre Antoine in Paris. Mithin nur ganz knapp nicht auf den Tag genau vor 60 Jahren. „König Zufall“ hat entschieden.

Und ist er nicht der wahre Herrscher in unserem Leben? „Ich kann in dieser Welt alles widerlegen, was mich umgibt, mich vor den Kopf stößt oder begeistert, nur nicht dieses Chaos, diesen König Zufall und diese göttliche Gleichwertigkeit, die aus der Anarchie erwächst. Ich weiß nicht, ob diese Welt einen Sinn hat, der über mich hinausgeht. Aber ich weiß, dass ich diesen Sinn nicht kenne und dass ich ihn zunächst unmöglich erkennen kann,“ schreibt Camus im Mythos von Sisyphos (1). Und dass es uns niemals gelingen wird, die vertraute, ruhige Oberfläche der Dinge wieder herzustellen, wenn ihre Einheit durch unser Fragen ein und für allemal in eine Unzahl schillernder Bruchstücke zersprungen ist (2).

So ist es wiederum kein Zufall, dass mich ausgerechnet ein Opernbesuch gestern Abend zur Wiederaufnahme meines Zufallsspiels inspiriert hat. Die Oper Wuppertal hat „Play* Europera 1&2“ von John Cage in einer Inszenierung des Theaterkollektivs Rimini Protokoll herausgebracht. Ein ungeheures Experiment, bei dem 200 Versatzstücke aus der Operliteratur nach dem Zufallsprinzip ausgewürfelt und neu zusammengesetzt werden. Eine Unzahl schillernder musikalischer Bruchstücke, die nicht nur in zeitlicher Abfolge sondern zum Teil parallel, geschichtet, aufeinandergetürmt erklingen. Das Ganze klingt über weite Strecken ungefähr so wie die kurze Phase vor Beginn eines klassischen Konzertes, wenn die Musiker ihre Instrumente stimmen, plus ca. zwei Dutzend Sänger, die sich einsingen. Visuell ergänzt durch eine flimmernde Collage von Videoprojektionen und eine Fülle von seltsamen Figuren und Handlungsfetzen, die losgelöst aus ihrem erzählerischen Zusammenhang vollkommen absurd wirken.

Das Ganze war, nun ja, anstrengend. Jedenfalls nicht das reine Vergnügen, bei dem man sich zurücklehnt und zwei Stunden im Wohlklang badet. Und doch: Bei mir wirkt der Abend länger nach als manches Wohlklangbad. Er hat lauter kleine Widerhaken gesetzt, dieser Opernabend, an denen man allerlei Gedanken aufhängen kann. Darüber, wie wir mit dieser verlorenen Einheit der Dinge umgehen. Wie wir uns bewegen im Spannungsfeld von Zufall und Entscheidung. Über unsere Sehnsucht nach einer zusammenhängenden Erzählung, und über unsere Möglichkeit, selbst widersprüchlichste Bruchstücke wieder zu neuen Erzählungen zusammenzusetzen. Wie uns die Konfrontation mit dem Unerwarteten und zunächst Unangenehmem neue Möglichkeiten, Sichtweisen und Erfahrungen eröffnet. Über den Witz, der in diesem ganzen absurden Spektakel steckt – ob es sich nun um die Oper handelt oder um das Leben.

Möge Euch der Zufall heute nur schöne Dinge bescheren! In diesem Sinne wünsche ich allen Blog-Lesern und Camus-Freundinnen noch einen schönen Sonntag und sage wie immer: à bientôt!

  • Play* Europeras 1&2 von John Cage / Rimini Protokoll in der Oper Wuppertal wieder am 10. Februar, 1. März und 6. April 2019.

(1) Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos.  Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S. 47; (2) ebd., S. 21.

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Xenia-Theater spielt Camus‘ L’Hôte (Der Gast)

Das Etikett des „philosophe pour les classes terminales“ klebte in Frankreich lange Zeit wie Kaugummi an Camus, und es war nicht freundlich gemeint. „Philosoph für Abiturklassen“ – anspruchsvoll genug für den Bildungsnachwuchs und in erzieherischer Hinsicht zweifellos moralisch wertvoll aber zu simpel gestrickt für jene, die sich für die wahren Intellektuellen halten. Insofern tat man Camus eher keinen Gefallen, wenn man ihn zum Unterrichtsstoff machte, vorausgesetzt man gibt überhaupt was auf solcherlei akademischen Dünkel. Meine eigene Biographie wäre jedenfalls ganz zweifellos ohne die Begegnung mit Camus in der Schule vollkommen anders verlaufen – und diesen Blog gäbe es dann auch nicht. Insofern kann ich mich vorbehaltlos darüber freuen, dass Camus wenn schon nicht im Philosophie- dann aber doch im Französisch-Unterricht in der gymnasialen Oberstufe an deutschen Schulen fest verankert ist. Wie ich gerade beim Fischen im Netz entdeckte, gehört Camus‘ Erzählung L’Hôte (Der Gast) aus der Novellensammlung Das Exil und das Reich derzeit in Baden-Württemberg zum Kanon des Abitur relevanten Stoffs.

Sicherlich auch ein Anlass für das im Baden-Württembergischen Karlsruhe ansässige deutsch-französische Xenia-Theater von Nathalie Cellier und Peter Steiner, sich gerade dieses Textes von Camus anzunehmen und ihn als Bühnenmonolog einer Erzählerin in französischer Sprache zu präsentieren. Zurzeit sind sie damit auf Tour – sicher nicht nur für Abiturientinnen und Abiturienten eine schöne Gelegenheit, anhand dieses spannenden Stoffes die eigenen Sprachkenntnisse aufzupolieren.

Zum Text L’Hôte (Der Gast) von Albert Camus

Algerien vor dem Unabhängigkeitskrieg. Der alte Polizist Balducci bringt zu dem in Algerien geborenen französischen Lehrer Daru, der in einer kleinen, am Rande der Wüste gelegenen Schule die Kinder der naheliegenden Dörfer unterrichtet und dort auch wohnt, einen Araber (wie Camus ihn nennt), der sich des Mordes an seinem Cousin schuldig gemacht hat. In dem Dorf des Arabers hat seine Festnahme für Unruhe gesorgt, es droht dort ein Aufruhr, eingebettet in die steigende Revolte gegen die französische Kolonialmacht. Um eine Eskalation zu vermeiden, soll der Araber in eine andere Stadt überführt und dann den Behörden übergeben werden. Diese Aufgabe soll Daru am nächsten Morgen übernehmen. So lauten die Befehle, wie Balducci sie entgegen genommen hat. Gelten diese auch für den Lehrer? Daru ist bereit gegen die Rebellion zu kämpfen, einen Mann ausliefern, will er nicht. Für eine Nacht sind Daru und der Araber „Gast“ und „Gastgeber“ zu einander. Zwischen den zwei Männern entsteht eine stille Verbindung. Hin und hergerissen zwischen seinem Hass auf Bluttaten, seiner moralischen Verantwortung einem Verbrechers gegenüber und seinem Solidaritätsgefühl mit der armen algerischen Bevölkerung, bleibt Daru schließlich neutral: am nächsten Morgen überlässt er dem Araber die Entscheidung, sich selbst der Justiz auszuliefern oder sich auf den Weg zu den Nomaden in der Wüste zu machen. (Ankündigungstext des xenia-theaters)

Termine L’Hôte (Der Gast)

Nächste Aufführung am Dienstag, 29. Januar 2019, 18.30 Uhr in der
Freien Waldorfschule Pforzheim, Schwarzwaldstraße 66. Karten: 07 21 / 38 00 97.


Weitere Termine in Ludwigsburg, Stuttgart, Heidelberg, Balingen-Frommern, Tübingen, Öhringen, Ulm, Schwäbisch-Hall, Aalen unter Xenia-Theater.de

Außerdem zum Thema: Literatur-Abitur 2019: L’Hôte von Albert Camus. Omar Mohamed Mosati spricht auf Französisch über den Roman – für Abiturienten sowie Literaturliebhaber – in Zusammenarbeit mit der vhs Stuttgart. Spitalhof Möhringen, Filderbahnstraße 29, 70567 Stuttgart-Möhringen, 8. Februar, 18:30 Uhr. Anmeldung Tel. 0711/21680528.

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