„Albert Camus und die Juden“ – Ein differenzierter Blick von Heinz Robert Schlette

Heinz-Robert Schlette, Nestor der deutschen Camus-Forschung, wirft einen erhellenden und differenzierten Blick auf das Thema „Albert Camus und die Juden“. Ein Rückblick auf seinen Vortrag in der Buchhandlung Böttger in Bonn – und Vorblick auf den Vortrag am morgigen Sonntag in Aachen.

„Albert Camus und die Juden“ –  ist das überhaupt ein Thema? In der kaum noch zu überschauenden Literatur zu Camus kommt es, wenn überhaupt, allenfalls am Rande vor. Camus selbst hat sich weder dezidiert zur jüdischen Religion noch zur Judenverfolgung und Vernichtung schriftlich geäußert. Aber ist es vielleicht heute gerade deshalb ein Thema? Camus, die „moralische Instanz“ seiner Zeit, bezieht keine Stellung zu Auschwitz und streicht das Kapitel über den Juden Franz Kafka aus seinem Mythos des Sisyphos, damit sein Essay über das Absurde 1942 bei Gallimard unter deutscher Besatzung erscheinen kann?

Schlette betont gleich zu Beginn, dass sein ins Auge gefasstes Thema historisch, politisch, philosophisch, kulturell und religiös bzw. theologisch mit zahlreichen schwierigen Fragen verbunden ist. Dennoch lässt er keinen Zweifel daran, dass er solche latenten Vorwürfe, wie sie etwa Iris Radisch in ihrer Biografie Albert Camus. Das Ideal der Einfachheit (Rowohlt 2013) erhebt, für blanken Unsinn hält.

In seinem Vortrag am 19. April 2018 in der voll besetzten Buchhandlung Böttger in Bonn dröselte Schlette minutiös zwei Stränge der Betrachtung auseinander:  In einem ersten Teil nimmt Heinz Robert Schlette die Person Camus in den Blick und stellt sein Verhältnis zu Juden und dem Judentum in dessen Leben heraus. In einem zweiten Teil geht er auf Camus‘ philosophische und theologische Sicht des Judentums und der jüdischen Religion ein.

Eine Fülle von fragmentarischen Details

Für beide Bereiche hat Schlette eine erstaunliche Fülle von fragmentarischen Details zusammengetragen, aus denen sich am Ende doch so etwas wie ein Gesamtbild abzeichnet. Er hat nicht nur die bekannten großen Biografien von Herbert Lottmann und Oliver Todd durchforstet sondern schöpft auch aus Quellen wie einem Vortrag des bedeutenden französischen Camus-Kenners und -Freundes Jean Daniel 1998 in Jerusalem oder der kurzen, aber wichtigen Korrespondenz zwischen Camus und dem jüdischen Philosophen Martin Buber.

Schlette geht diesen Quellen mit professionellem Spürsinn nach, erfreulicher Weise ohne dabei in einen Rechtfertigungsmodus zu verfallen. Die Tatsache, dass Camus schon in seiner Jugendzeit in Algerien ebenso wie später in seinem Leben zahlreiche jüdische Freunde und Bekannte hatte, sei für diesen offenbar eine Selbstverständlichkeit gewesen – weshalb Schlette davon absieht, eigens Namen zu nennen. Die Art der Kommunikation Camus‘ mit den zahlreichen Menschen, mit denen er Kontakt pflegte, war immun gegen dubiose, unbegründbare Abgrenzungen – würden wir heute bestimmte Namen aufzählen, so führten wir eine befremdliche Trennung ein, mit der Camus nichts zu tun hatte, befindet Schlette.

„Man muss Partei ergreifen, Widerstand leisten“

Vor diesem Hintergrund führt er sodann einige biografische Eckpunkte Camus‘ zum Thema aus: So beteiligte sich Camus in Oran als Lehrer für Französisch an einer Privatschule, die der jüdische Lehrer André Benichou und andere gegründetet hatten, als dort unter dem Vichy-Regime jüdische Kinder und Lehrer aus den staatlichen Schulen ausgeschlossen wurden. Eine längere Ausführung widmet Schlette der Zeit von August 1942 bis Herbst 1943, als sich Camus aufgrund seiner Tuberkulose-Erkrankung bei Chambon-sur-Lignon in französischen Hochland aufhielt, wo er an seinem Roman Die Pest arbeitete. Alles spricht dafür, so Schlette, dass Camus von den Rettungsaktionen der überwiegend hugenottischen Bevölkerung in dieser Gegend, die mehrere tausend Juden dem Zugriff der Vichy-Leute und der Deutschen entzogen, Kenntnis hatte und sie unterstützte – u.a. über seinen behandelnden Arzt Dr. Roger Le Forestier, einen der federführenden Aktivisten. – Ein Kapitel, das der Autor Klaus Stoevesandt insbesondere im Hinblick auf die Verbindung Albert Schweitzer – Le Forestier – Camus in zwei Schriften nachgegangen ist, wovon hier im Blog schon mehrfach berichtet wurde.

In diese Zeit fällt auch ein Treffen von Camus mit einer alten Bekannten aus Algerien im nicht weit entfernten St. Etienne, die ihn nach den Gerüchten fragte, die über die Juden im Umlauf waren  – Olivier Todd berichtet davon: „Deportationen? Ja, es stimmt, sagt Camus. Man muss Partei ergreifen, Widerstand leisten.“

Bald nach dem Ende des Krieges habe Camus von dem ganzen Ausmaß der deutschen Judenvernichtung erfahren. Insbesondere kannte er das Buch L’Univers concentrationnaire des Schriftstellers und Widerstandskämpfers David Rousset von 1946, in dem das KZ Buchenwald eine besondere Rolle spielt. In seinem L’homme révolté (1951) spricht Camus von sieben Millionen ermordeter Juden. In seinen Carnets nennt er an verschiedenen Stellen die Konzentrationslager Bergen-Belsen, Birkenau, Buchenwald, Dachau, Majdanek und Ravensbrück. Nicht Auschwitz sondern Buchenwald sei seinerzeit in Frankreich das Symbolwort für den nationalsozialistischen Terror gewesen, betont Schlette unter Berufung auf Jean-Yves Guérin, Herausgeber des bedeutenden Camus-Lexikons – weshalb es eben „nebenbei bemerkt“ eine große Dummheit sei, zu bemängeln, Camus habe Auschwitz nicht erwähnt.

Der erste Teil des Vortrags endet mit einem Hinweis auf den kurzen aber wichtigen Briefwechsel Camus‘ mit dem jüdischen Philosophen Martin Buber im Jahr 1952, der überraschender Weise weder bei Lottmann noch bei Todd erwähnt wird, und den Schlette in der dreibändigen deutschen Ausgabe der Korrespondenz von Martin Buber aufspürte. Buber hatte Kenntnis von Camus‘ L’homme révolté und setzte sich für die Übersetzung ins Hebräische und Veröffentlichung beim nationalen Verlag Israels ein. Allerdings fände sich ein Satz im L’Homme révolté, den er „ungerecht“ fände und der ihn ganz besonders störe, kritisiert Buber. Camus spricht darin vom „unerbittlichen Himmel“ des Alten Testamentes. Buber wirft Camus vor, er habe das jüdische Gottesbild falsch verstanden.

Die Erben Kains und die metaphysische Revolte

Die Ausführungen dazu leiten unmittelbar über zum zweiten Teil des Vortrags, in dem Prof. Schlette auf Camus‘ Sicht der jüdischen Religion eingeht. Es bestehe kein Zweifel daran, so Schlette, dass Camus trotz seiner Sympathien für die Juden seiner Zeit mit den Grundpositionen des Judentums als Theorie bzw. als Religion nicht einverstanden war. Schlette findet Aussagen von Camus dazu schon in dessen Examensschrift Christliche Metaphysik und Neoplatonismus (wenn auch nicht als zentrales Thema) und schließlich vor allem in dem Kapitel Die metaphysische Revolte in L’Homme révolté. Zentrale Themen, die Schlette herausstellt, sind auf der einen Seite das im Christentum weitergeführte lineare jüdische Geschichtsdenken, das sich bis zu Hegel und Marx fortsetze und an dessen Ende nach Camus Geschichte und Macht als zerstörerische Kräfte übrigbleiben – wogegen Camus die Erneuerung der griechisch-antiken Werte beschwört. Und zum anderen Camus‘ Verständnis des biblischen Gottes als des unerbittlichen, launischen und strafenden Gottes, wie es im Abschnitt Die Söhne Kains im Kapitel Die metaphysische Revolte zum Ausdruck kommt. Hier ist allerdings festzuhalten, dass Camus nicht dezidiert zwischen „jüdischer“ und „christlicher“ Religion trennt, wenn er den Gott des Alten Testamentes in den Blick nimmt – die Auflehnung richtet sich gegen den persönlichen Gott, wie er uns in der jüdischen und christlichen Tradition gegenübertritt.

In seinem Antwortbrief an Martin Buber, in dem Camus auf dessen Kritik eingeht, entschuldigt er sich gewissermaßen für Unzulänglichkeiten und Verkürzungen, die der Tatsache geschuldet seien, dass man versuche zusammenzufassen, was sich nicht zusammenfassen lässt. – So geht es mir an dieser Stelle auch: Der kenntnisreiche und differenzierte Vortrag von Prof. Heinz-Robert Schlette lässt sich nur umrisshaft und gewiss nicht angemessen in einem kleinen Blogbeitrag zusammenfassen. Umso besser, dass sich noch einmal die Gelegenheit ergibt, ihn en Detail anzuhören:

Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette: „Albert Camus und die Juden“. Sonntag, 10. Juni, um 12 Uhr bei der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen, Jakobstr. 26a. Der Eintritt ist frei.

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Camus und Hölderlin – verwandte Seelen, zum klaren Tag geboren

Heute vor 175 Jahren, am 7. Juni 1843, starb in Tübingen der Dichter Friedrich Hölderlin.

Doch du, du bist zum klaren Tag geboren.“

„Mais toi, tu es né pour un jour limpide…“

Den Satz aus Hölderlins Tragödie Der Tod des Empedokles hat Camus seiner Essaysammlung L’Été (dt.: Hochzeit des Lichts) als Epigraph vorangestellt.¹ Jedesmal, wenn ich über diesen Satz stolpere, bleibe ich daran hängen und kann es immer neu nicht fassen: Wie kann denn bloß so ein kleiner Satz so ein Gewicht haben? Wie kann ein so kleiner Satz von der Tiefe eines Meeres sein und einen ganzen Sehnsuchtshorizont aufreißen?

Den Hölderlin-Satz hatte Camus 1951 schon in sein Tagebuch notiert, eingebettet in zwei weitere Stellen aus der selben Quelle, die ihn vielleicht noch heller strahlen lassen:

«[O lass uns scheiden…] Und eines bleiben, die zu rechten Zeit / Aus eigner Kraft die Trennungsstunde wählten.» (…) «Vor dem / In todesfroher Stund am heilgen Tage / Das Göttliche den Schleier abgeworfen.»²

Camus kannte fürwahr die Nachtseite des Lebens, aber das Licht, unter dem er geboren wurde, das Licht seiner algerischen Heimat hat ihn immer geleitet. „Man kann sein Leben nicht verfehlen, wenn man es ins Licht stellt“, schrieb er 1936 in sein Tagebuch³. Wie und warum es einem Menschen dennoch unversehens abhanden kommen kann, dieses Lebenslicht, sodass es für ihn auch bei schönstem Sonnenschein kalt und dunkel bleibt, wie es angehen kann, dass ausgerechnet diese schöne Seele, die diesen lichtvollen Satz hervorbrachte, sein Leben in jahrzehntelanger Umnachtung im Turm zu Ende bringen musste, und ob wir alle am Ende eingehen in dunkle Nacht oder ein neues Licht sich auftun wird wie ein klarer Tag  – das gehört zu den großen Rätseln, die nicht aufzulösen sind und die es, in Treue zur Erde, anzunehmen gilt.  Auch seinem Essay Der Mensch in der Revolte stellte Camus einen Vers aus Hölderlins Tod des Empedokles als Epigraph voran:

Und offen gab mein Herz wie du der ernsten Erde sich
der Leidenden und oft in heilger Nacht
Gelobt ich’s ihr, bis in den Tod
die schicksalsvolle furchtlos treu zu lieben
und ihrer Rätsel keines zu verschmähn.
So knüpft ich meinen Todesbund mit ihr.

Seelenverwandtschaft, über die Jahrhunderte hinweg. Auch ein Rätsel  – aber ein schönes. Eines, dessen Unauflösbarkeit nicht Unruhe stiftet oder Angst, sondern Staunen und Dankbarkeit.

* * *

¹ Fehlt leider in den (mir bekannten) deutschen Ausgaben. Im Original: Albert Camus, Oeuvre complètes III, 1949-1956, édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade. p. 565.
² Albert Camus, Tagebücher 1951-1959, Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 14, Eintrag ca. Juni 1951.
³Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963, 1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 20. Eintrag von Mai 1936.
Foto: Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792 (wikicommons)

Zu Leben und Werk Friedrich Hölderlins bei Wikipedia

Verwandte Beiträge:
Hölderlin, Camus und ich spazieren über den Philosophenweg
Von lächelnder Verzweiflung und Trunkenheit beim bloßen Anblick eines Hügels in der Abendluft

 

 

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Camus und die Datenschutzgrundverordnung

Liebe Blog-Leserinnen und Camus-Freunde,

dies ist nur eine Wasserstandsmeldung darüber, dass der Blog entgegen allen Anscheins nicht tot ist. Tatsache ist einfach nur, dass ich mich ewig lange um das leidige Thema des Inkrafttretens der neuen DGSVO (Datenschutzgrundverordnung) herumgedrückt habe und dann wie so viele Blogger-Kolleginnen und -Kollegen auch leicht paralysiert vor dem Schirm saß und mich fragte: Was darf ich denn jetzt eigentlich noch, und was muss ich tun? Bei nicht wenigen hat das sogar zur Aufgabe ihrer Blogs geführt, wie man hört und liest. Das stand bei mir zwar nie zur Debatte, aber Fragen, welche bewährten Plug-Ins plötzlich nicht mehr DGSVO-konform sind und abgeschaltet werden müssen, wie man Ersatz findet, ob der Newsletter noch verschickt werden darf oder wie ein korrektes Impressum neuerdings auszusehen hat u.a.m sind ja nicht gerade das, womit sich philosophisch orientierte Menschen am liebsten beschäftigen. Weshalb ich’s dann auch die ganze Zeit lieber erstmal vor mir hergeschoben habe. So, aber jetzt ist alles (hoffentlich) schön DSGVO-konform, und ich kann mich wieder den Inhalten zuwenden.

Dass ausgerechnet der Bericht über den feinen Vortrag von Prof. Heinz-Robert Schlette über „Albert Camus und die Juden“ in Bonn deshalb so lange in der Warteschleife hängt, tut mir von Herzen leid! Immerhin kann ich heute schon mal ankündigen, dass es eine zweite Chance gibt, ihn zu hören: Am Sonntag, 10. Juni, um 12 Uhr bei der Albert-Camus-Gesellschaft im LOGOI, Jakobstraße 25 a in Aachen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Ich wünsche allen einen wunderschönen Sonntag und sage, jetzt aber wirklich: à bientôt!

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Auf „Spurensuche nach Jean Grenier“ – Albert Camus erinnert sich…

Der nächste Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen widmet sich dem Verhältnis von Albert Camus zu seinem philosophischen Lehrer Jean Grenier.

Häufigere Blog-Pausen bedeuten ja nicht, dass mir gerade die Camus-Themen ausgehen würden… Eher im Gegenteil: Die Themen auf der Liste bräuchten einfach mehr Zeit, als der Alltag meist übrig lässt. Und so gibt es eine ganze Reihe von Themen, die hier im Blog der Bearbeitung harren…

Eines davon ist ganz sicher das Verhältnis von Albert Camus zu seinem Philosophie-Lehrer und Mentor Jean Grenier, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Greniers Essays Die Inseln machten den jungen Camus „trunken“, wie er selbst später in einem Vorwort zu den Essays schrieb, und befeuerten nachhaltig seinen eigenen Wunsch, Schriftsteller zu werden.

“Zu der Zeit, als ich die Inseln entdeckte, wollte ich zu schreiben beginnen, so glaubte ich jedenfalls. Wirklich entschieden haben ich mich erst dafür, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte.” ¹             

Entsprechend habe ich Die Inseln einst mit großer Erwartung zu lesen begonnen – und war ziemlich verwirrt darüber, dass ich Camus‘ Begeisterung so gar nicht teilen konnte. Vor einiger Zeit nahm ich einen zweiten Anlauf, dachte, es würde bestimmt helfen Die Inseln am Meer zu lesen und packte das Buch in den Urlaubskoffer – aber die erhoffte Inspiration blieb erneut aus, und ich blieb die Besprechung im Blog schuldig. Vielleicht muss ich einen dritten Anlauf nehmen…

… oder morgen nach Aachen fahren, denn dann begibt sich Günter Sydow beim offenen Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft auf „Spurensuche nach Jean Grenier“.  “Welche Wirkung, welche Bedeutung hatte dieser Jean Grenier vor allem für den jungen Camus? Was war er – Lehrer, Vorbild, Berater, Freund, Wegbereiter, literarische Instanz, Vordenker, gar ein Denkmal?“ Diesen Fragen ist Günter Sydow nachgegangen und wird davon berichten. Kommen Sie mit auf die Spurensuche eines Lesenden – mit kurzen Texten und Zitaten will ich versuchen, das besondere Verhältnis dieser beiden Schriftsteller auszuleuchten,“ lädt Günter Sydow alle Interessierten ein.

Termin:
Dienstag, 8. Mai, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen (Eintritt frei).

Und hier zur Einstimmung noch ein kostbares kleines Fundstück aus dem Netz: Albert Camus spricht über seine Erinnerungen an Jean Grenier. 

Jean Grenier
wird 1898 in Paris geboren und wächst in Saint-Brieuc in der Bretagne auf. Von 1930 bis 1938 ist er als Lehrer in Algier tätig. Nach Lehraufträgen an Universitäten in Alexandria, Kairo und Lille wird Grenier 1962 an die Pariser Sorbonne berufen, wo er bis 1968 den Lehrstuhl für Ästhetik innehat. 1971 stirbt Grenier in Dreux-Venouillet, Eure-et-Loir. Camus kommt im Oktober 1931 zu Jean Grenier in die Philosophieklasse, als er nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit aufs Lycée zurückkehrt. Nachdem Grenier die Agrégation für die Universität erworben hat, übernimmt er im letzten Jahr von Camus an der Uni einen Kurs in allgemeiner Philosophie.²

¹ Albert Camus im Vorwort zu Jean Grenier: Die Inseln, Karl Alber Verlag 2015, S. 16. ²vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 46f.

 

 

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Bedenkenswertes von Camus zum heutigen „Tag der Erde“

Diesen Blick kannte auch Camus: vom Chateau de Lourmarin aus über einen Olivenhain hinweg auf die Hügel des Luberon. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Während die Werke des Menschen nach und nach die unendlichen Weiten unter sich begraben haben, in denen die Welt schlummerte, und zwar in solchem Ausmaß, dass sogar die Vorstellung der unberührten Natur heute dem Mythos des Gartens Eden angehört (es gibt keine Inseln mehr), indem er die Wüsten bevölkerte, jeden Streifen Strand in Grundstücke aufteilte, sogar den Himmel mit groben Flugzeugstrichen schraffierte und nur jene Gegenden schonte, wo der Mensch eben nicht leben kann, hat gleichermaßen und zur gleichen Zeit (und deswegen) das Geschichtsgefühl nach und nach das Naturgefühl im Herzen der Menschen unter sich begraben und dabei dem Schöpfer entzogen, was ihm bis dahin zukam, um es dem Geschöpf zurückzugeben, und dies alles in einer so mächtigen und unaufhaltsamen Bewegung, dass wir den Tag voraussehen können, an dem die stille Schöpfung der Natur restlos durch die scheußliche aufdringliche Schöpfung des Menschen verdrängt sein wird, die vom Geschrei der Revolution und Kriege dröhnt, vom Lärm der Fabriken und der Eisenbahn, unwiderruflich schließlich und siegreich im Ablauf der Geschichte; und dann hat sie ihre Aufgabe auf dieser Erde erfüllt, die vielleicht darin bestand, zu demonstrieren, dass alles noch so Großartige und Erstaunliche, was sie in Jahrtausenden zu vollbringen vermochte, nicht soviel wert war, wie der flüchtige Duft der Heckenrose, das Tal der Olivenbäume, der Lieblingshund.” (1) 

Da mein Bericht über den Vortrag von Prof. Heinz Robert Schlette zu Albert Camus und die Juden noch ein bisschen Zeit braucht und ich gerade bemerkte, dass heute wieder der jährliche „Tag der Erde“ begangen wird, habe ich einfach mal wieder dieses wunderbare Zitat herausgesucht. Kann man sich ja gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen! Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden noch einen schönen Sonntag – auf dass wir alle jeden Tag etwas für unsere Erde tun, nicht nur am „Tag der Erde“.

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 230. Eintrag von 1947.
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„Albert Camus und die Juden“ – Vortrag von Heinz Robert Schlette bei Böttger in Bonn am 19. April

Heute habe ich eine zwar kurze aber sehr erfreuliche Meldung: Es gibt einen neuen Termin für den Vortrag von Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette zum Thema „Albert Camus und die Juden“ in der Buchhandlung Böttger im Bonn, der am 1. März krankheitsbedingt ausfallen musste. Mehr Inhaltliches dazu steht bereits in meiner ersten Ankündigung des Vortrags vom 16. Februar. Bleibt bis dahin nur Daumendrücken, dass der Frühling am Rhein auch den letzten fiesen Grippeviren den Garaus gemacht hat und wir uns auf ein gesundes Wiedersehen und einen ganz zweifellos anregenden Abend mit dem großen Camus-Kenner freuen dürfen!

Der neue Termin ist der 19. April um 20 Uhr. Ort: Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Str. 41, Bonn. Die Buchhandlung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Mehr Infos hier.

* * *

Bereits am heutigen Dienstag, 10. April, findet wieder der monatliche Jour Fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen statt. Thema ist dieses Mal der Roman Meursault – Eine Gegendarstellung des algerischen Autors Kamel Daoud. Bernhard Ulbrich gibt eine Einführung.

Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, fragt dazu: „Aber bedurfte es tatsächlich einer Gegendarstellung? Albert Camus hatte nicht die Intention gehabt, einen Gesellschaftsroman zu schreiben, der das teils schwierige Miteinander der französischen Kolonialisten mit den alteingesessenen Arabern in Algerien beschreiben sollte. Camus wollte schlicht einen Roman über sein Thema der Absurdität schreiben. Und den Vorwurf, die arabische Bevölkerung Algeriens hätte ihn wenig interessiert, kann man ihm, wenn man seine Biographie, seine journalistischen Schriften und sein politisches Engagement kennt, sicherlich nicht machen. Doch bei allen Bedenken, das Buch von Kamel Daoud ist von vielen Kritikern gelobt worden. Es entführt in die Welt der Arabischen Bevölkerung im Algerien des 20. Jahrhunderts und ist demnach mehr als nur ein Portrait Moussas. Literarisch gesehen könnte man den Roman vielleicht als Seitenarm zu Der Fremde ansehen. Viele Autoren haben sich bereits, mehr oder weniger gelungen, von Camus Romanen anregen lassen, dieser scheint, wenn man den Rezensenten glauben darf, geglückt sein.“

Der Gesprächskreis ist wie immer offen für alle Interessierten. Termin: Heute, 10. April 2018, 20 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

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Viel Wahn und wenig Sinn – Camus‘ Caligula am Düsseldorfer Schauspiel

Regisseur Sebastian Baumgarten überschreibt seine Caligula-Inszenierung in Düsseldorf als „Auseinandersetzung mit Albert Camus“. Der droht im Jahrmarktbudenzauber allerdings unterzugehen.


Szenenbild mit (v.l.): Jonas Friedrich Leonhardi (Scipio), André Kaczmarczyk (Caligula), Yohanna Schwertfeger(Caesonia). Foto: Sandra Then

Ach herrje. Was tut mir sowas immer leid: Da sind mehr als ein halbes Dutzend Menschen, die spielen sich zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib, entblößen sich, geben sich preis; da sind andere, die sich die dollsten Gedanken gemacht, gelesen, diskutiert, probiert haben – und ich gehe nach der Premiere aus dem Theater und denke: – – – je, nun. Ja, doch, waren ein paar interessante Stellen drin. Aber im Großen und Ganzen: nee, also nicht wirklich. Gelungen ist anders. Überzeugend ist anders. Und vor allem, das Schlimmste: Berührend ist anders. Da wird auf der Bühne gelitten, gemordet, geliebt, gedemütigt, geschrien, gespielt, geheult – und es bringt nichts in mir in Bewegung, außer der Anerkennung für die schauspielerische Leistung. Keine Furcht, kein Mitleid, keine Katharsis und auch nicht wenigstens ein bisschen das Gequältsein von den offenen Fragen, mit denen uns Camus entlässt – nichts davon in dieser Tragödie der Erkenntnis, als die Camus sein Stück angelegt hat.

Liegt es vielleicht am Stück selbst? Das hat man dem Autor oft vorgeworfen. Allzu ideenlastig seien seine Stücke; da wird endlos dialogisiert und monologisiert und dabei das ganz große Fass aufgemacht von wegen Absurdität und Gott und Revolte und Wasnichtalles, da muss man als Regisseur erstmal dafür sorgen, dass überhaupt irgendwas passiert auf der Bühne und nicht nur geredet wird. Regisseur Sebastian Baumgarten sorgt dafür, dass auf der Bühne im Düsseldorfer Schauspiel-Central jede Menge passiert, und Bühnenbildnerin Barbara Steiner sorgt dafür, dass man jede Menge zu gucken hat, und dann werden noch Leinwände rauf und runter gefahren, auf die Videos projiziert werden (Hannah Dörr) und es gibt nahezu durchgängige (Live-)Musik (Stefan Schneider, gespielt von Jovan Stojsin). Die Bühne ist mit historisierenden bunten Jahrmarktsbuden umstellt, vorne links eine, die gelegentlich wie ein Schattentheater bespielt wird oder deren Vorhang als Projektionsfläche dient, es gibt einen riesigen Trichter, aus dem es manchmal dröhnt und der manchmal als Spielfläche dient, es gibt eine pinkfarbene Showtreppe, und die Bühnenmitte ist eine riesige quietschrosa Luftmatratzenspielwiese, auf der man herumspringen und Purzelbäume schlagen kann, und der später die Luft ausgeht.

Jede Menge Action also, und dazu passt dann auch, dass Scipio mahnend zu Caligula sagt: „aber es gibt doch the religion, the art, the love!“, und dass Caligula Scipio lässig „Skip“ nennt. Es passt sogar dazu, dass Caesonia eine doofe Göre ist, die gelangweilt am Lutscher leckt, während Caligula mal wieder ein paar Köpfe rollen lässt oder sich sonstige Grausamkeiten ausdenkt und kraft seiner unbeschränkten Macht sogleich Wirklichkeit werden lässt. Was nicht dazu passt sind die weisen Sätze, die Camus Caesonia in den Mund gelegt hat: „In meinem Alter weiß man, dass das Leben nicht gut ist. Aber wenn das Böse schon auf der Erde ist, warum dann noch dazu beitragen wollen?“ oder „Gebrauche deine Macht, um das, was noch geliebt werden kann, inniger zu lieben. Auch das Mögliche verdient, dass ihm seine Möglichkeiten gewährt werden.“ Nein, solche Sätze nimmt man dieser Caesonia schlicht nicht ab, sie gehen unter, wie so vieles von dem, was Camus uns sagt, untergeht in diesem bunten Spektakel. Caesonia ist nicht nur die ältere Geliebte Caligulas, sie ist neben Scipio in diesem Stück die Stimme der Liebe selbst, die weiß, dass sie recht hat und zugleich weiß, dass sie nichts auszurichten vermag; die weiß, dass sie recht hat und sich dennoch dem Unrecht und der Willkür Caligulas unterwirft und einwilligt in sein mörderisches Tun, weil ihre Liebe ohne Maß ist – was für eine Zerrissenheit, was für eine Verzweiflung in dieser Figur… Allein diese Caesonia da auf der Bühne (Yohanna Schwertfeger) scheint davon nichts zu wissen, und als sie am Ende zuckend und noch ein bisschen mit den goldenen Stiefelettchen strampelnd unter Caligulas würgenden Händen stirbt, ist es mir auch egal.

Caligula (André Kaczmarczyk) und Caesonia (Yohanna Schwertfeger) auf der Luftmatratzenspielwiese. Foto: Sandra Then

Leider ist das das Problem sämtlicher Figuren auf der Bühne: Es mangelt ihnen an Zwischentönen, sie haben keine Fallhöhe. Die Patrizier und Senatoren toben von Anfang an wie ein paar Spaßvögel in ihren lächerlichen Leinenkleidchen, in die sie Caligula vielleicht irgendwann zwecks Demütigung stecken würde, über die rosa Luftmatte – dass der Herrscher sie später zwingen wird, sich auch dieser noch zu entledigen und sie in Unterhose und Strümpfen dastehen lässt, macht da nicht mehr viel aus. Keine dieser Figuren scheint je erfahren zu haben, dass Verzweiflung und Trauer und sogar Wut sich auch (oder gerade) in leisen Tönen äußern können; nicht einmal Scipio (Jonas Friedrich Leonhardi), der der wahre Gegenspieler von Caligula ist, weil er ihn liebt und ihm die Stirn bietet.

Man hätte Scipio im von Caligula ausgerufenen Dichterwettstreit nicht erst Celans Todesfuge rezitieren lassen müssen, um deutlich zu machen, wie himmelhoch er den anderen überlegen ist – es hätte eigentlich genügt, hinzuhören, was Camus uns durch ihn zu sagen hat. Um dem das Gewicht zu verleihen, das ihm zukommt, hätte man ihn aber auch am Leben lassen und seinen Weg gehen lassen müssen, wie von Camus vorgesehen. Hier aber entscheidet sich die Regie lieber für den Knalleffekt, dass Scipio sich mit dem Revolver, den er zunächst auf Caligula richtet, selbst erschießt.

Knalleffekt, Tempo, Action, Slapstick, das zieht sich durch. Wie soll man da genau hinhören und darauf kommen, dass jede einzelne Figur in diesem Drama eine eigene Position markiert und uns mit einer anderen Antwort auf die Frage herausfordert, wie man sich am besten durch dieses verdammte absurde Leben schlägt. Schwann drüber, müssen wir hier nicht durchexerzieren.

Aber Caligula – zu Caligula muss man natürlich was sagen. André Kaczmarczyk, der junge Star des Düsseldorfer Ensembles, der dort fast jeden Tag in einer anderen großen Rolle auf der Bühne steht, darf seiner Figur immerhin ein paar mehr Facetten abringen als seine Kollegen den ihren. Auch mal kühl und gleichgültig sein in seinem Wahn. Meistens aber ist er wunderbar irre, exaltiert, sprunghaft, eben so herrlich durchgeknallt, wie wir uns naiver Weise einen wahnsinnigen Tyrannen vorstellen. Und da er das von Beginn seines Erscheinens auf der Bühne an ist, lässt sich das nur noch durch verschiedene Maskeraden steigern, bis hin zum bleichgesichtigen, clownesken Tod selbst in den letzten Szenen.

Caligula, lehmbeschmiert (André Kaczmarczyk). Foto: Sandra Then

Das Problem ist nur: Camus’ Caligula ist gar nicht so ein schlichter wahnsinniger Tyrann, der seine Allmacht aus Lust an der Grausamkeit ausübt. Camus’ Caligula ist zunächst und vor allem der einzige, der die Erkenntnis, dass die Menschen sterben und nicht glücklich sind, und dass dem Leben kein tieferer Sinn innewohnt, in ihrer ganzen existenziellen Tragweite ermisst. Und der dagegen revoltiert, wie die Menschen sich gewöhnlich mit dieser Tatsache arrangieren und sich dennoch behaglich im Leben einrichten. „Dann ist eben alles um mich Lüge“, stellt er fest und entscheidet: „Ich aber will, dass in der Wahrheit gelebt wird!“ Also ernennt Caligula sich selbst zum Lehrer des Absurden, und nutzt seine Mittel, die Menschen zu zwingen, in der Wahrheit zu leben: In einer Welt nämlich, in der niemand seines Lebens sicher ist und der grausamste Gedanke jederzeit Wirklichkeit werden kann.

Genau das aber ist immer schon die menschliche Wirklichkeit. Es ist, auf der philosophischen Ebene, nichts anderes als die condition humaine. Und es ist, auf der politischen Ebene, menschliche Wirklichkeit seit undenklichen Zeiten. Mord, Vertreibung, Folter, Enteignung – alles an der Tagesordnung. „Wenn du rechnen könntest, wüsstest du, dass der kleinste, von einem vernünftigen Tyrannen geführte Krieg euch tausendmal teurer zu stehen käme als die Launen meiner Willkür“, sagt Caligula zu Scipio, und wer wollte dem widersprechen. Caligula bedient sich zur Begründung seiner Taten einer konsequent angewandten Logik. Er ist eben nicht „irre“ – er ist in all seinem Tun bei klarem Verstand. Und trotzdem muss uns die Art und Weise und das Ergebnis seiner „Lehre“ vollkommen wahnsinnig erscheinen. Würde die Regie diese Widersprüchlichkeit ernst nehmen und würde es ihr gelingen, die dafür nötigen Zwischentöne herauszuarbeiten, dann würden uns alle naselang selbst die passenden Bilder von mörderischem Krieg, Vertreibung, Enteignung, Folter, Vernichtung einfallen, die das Bühnengeschehen in unsere Gegenwart hinein fortsetzen, und die hier didaktisch einwandfrei mit den entsprechenden Titeln versehen auf die Leinwand gespielt werden.

Würde die Regie diesen Caligula hier nicht schon von Anfang an seinen vermeintlichen Wahnsinn auf so hohem Niveau zelebrieren lassen, dann würde vielleicht auch deutlich, was ihn am Ende tatsächlich irre werden lässt, irre werden lassen muss: Nämlich zu wissen, dass er in allem recht hatte und dennoch sein Weg der falsche war.

Allzu ideenlastig seien die Dramen von Camus, hat man ihm oft vorgeworfen. Zu wenig lebendig, zu wenig Handlung. Das mag stimmen oder auch nicht. Nur: Den philosophischen Ideengehalt mit einem bunten Actionpotpourri zuzuschütten wie in dieser Düsseldorfer Inszenierung anstatt ihm mit echten, lebendigen, fühlenden, liebenden, leidenden Menschen auf der Bühne Fleisch und Blut zu verleihen, kann auch nicht die Lösung sein.

Epilog:
Ich sagte ja schon: Mir tut sowas immer so leid. Und ich muss natürlich nachträglich in Rechnung stellen, dass ich für meinen Teil gar nicht mehr mit einem unbekümmerten, unvoreingenommenen Blick in einem Camus-Stück sitzen kann. Ein paar Jahrzehnte „Leben mit Camus“ kann man halt nicht mehr abschütteln. Der ganze Theaterabend ist übrigens mittels Einblendung zu Beginn überschrieben mit: „Caligula. Auseinandersetzung mit Albert Camus (1938). Düsseldorf 2018“. Auseinandersetzung also. Darf man halt auch nicht so eng sehen. Sehr gut möglich also, dass manch’ weniger Camus-vorbelastete Besucher*in das Theater gut gelaunt, bestens unterhalten und womöglich sogar zu eigenen Gedanken angeregt verlässt. Der zwar nicht enthusiastische aber doch sehr freundliche Premierenapplaus spricht durchaus dafür. Sollten Sie, die sie dies hier lesen, dazu gehören, berichten Sie doch davon in der Kommentarfunktion zu diesem Beitrag. Ich würde mich freuen!

Die nächsten Vorstellungen: 
29. März, 19.30 Uhr (Einführung 18.45 Uhr), 4. April, 19.30 Uhr, 15.4. (18 Uhr), 27.4., 5. und 28. Mai, 1. Juni (19.30 Uhr). Premiere war am 17. März.
Achtung: Gespielt wird aufgrund von Sanierungsmaßnahmen und einer Baustelle nicht im Düsseldorfer Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz sondern im Central, Worringer Straße 140, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Infos und Karten 

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„Sisyphos!“ – Premiere beim Prinzregenttheater Bochum

Der Schauspieler Linus Ebner (rechts) und der Musiker Martin Widyanata stehen bei der Performance „Sisyphos!“ im Prinzregenttheater Bochum gemeinsam auf der Bühne. Ankündigungsfoto: Prinzregenttheater

Ein später Nachtrag zum März-Programm: Beim Prinzregenttheater in Bochum, das mit seinem Jugendclub „Junge Prinze*ssinnen 15+“ aktuell schon den Caligula von Camus im Programm hat, steht am kommenden Samstag, 17. März, eine Premiere an. Zwar handelt es sich nicht um ein Camus-Stück im engeren Sinne, aber ohne ihn ist diese Sisyphos! genannte Produktion nun auch nicht denkbar. Es ist die erste eigene Inszenierung von Intendantin Romy Schmidt, die diese Spielzeit mit dem Motto Wahrheit und Pflicht überschrieben hat. Das Stück hat sie gemeinsam mit dem Team entwickelt. „Wir haben unseren eigenen Zugang zum Sisyphos-Stoff gewählt – mit den Themen, die uns interessieren“, sagt Schmidt in einem Interview.¹ „Mein persönlicher Schwerpunkt ist dabei der Komplex ‚Freiheit und Verantwortung‘. Verantwortung ist ohne Freiheit ja gar nicht möglich.“ Aber auch die Frage nach dem paradox erscheinenden „Glück des Sisyphos“ und die Sinnfrage angesichts der Absurdität überhaupt war ein Antrieb, wie die Ankündigung auf der Theaterseite nahelegt.

Camus‘ Essay Der Mythos des Sisyphos von 1942, aber auch die Ursprungserzählung von Homer, hat dabei als Inspirationsquelle gedient, auf deren Basis Schauspieler Linus Ebner zunächst improvisiert hat. Aber auch anhand von Hannah Arendt und Friedrich Nietzsche habe man sich mit dem Thema politischer Freiheit beschäftigt, sagt Romy Schmidt im Zeitungsinterview. Nach und nach ist aus der Improvisation ein Theatertext mit einer festgelegten Form entstanden. Eine besondere Rolle in der Inszenierung wird die Musik spielen: Der Musiker Martin Widyanata wird mit Linus Ebner gemeinsam auf der Bühne agieren, der Musik wird eine ähnlich hohe Bedeutung beigemessen wie dem Text.

Ob und wieviel „Camus“ letztendlich in der Produktion erkennbar sein wird und welche Form diese Inspiration schließlich gefunden haben wird, ist natürlich eine spannende Sache.

Nach Bochum ist es von Wuppertal nicht weit – ich hoffe, ich werde hier demnächst berichten können. In diesem Sinne sage ich einmal mehr: à bientôt!

 

Info:
Sisyphos!, Prinzregenttheater Bochum, Prinz-Regent-Str. 50-60. Premiere: 17. März 2018, 19.30 Uhr (ausverkauft). Weitere Vorstellungen: 18.3. (18 Uhr), 3.+4. April (19.30 Uhr), 12. und 13. Juni (19.30 Uhr). Karten hier

¹Lokalkompass.de ohne Datum
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Aus der Camus-Zitatschatzkiste – zum Weltfrauentag

„Männer wissen  nie, wie die Liebe sein muss. Nichts befriedigt sie. Sie vermögen nichts anderes, als zu träumen, neue Aufgaben zu ersinnen, neue Länder und neue Heimstätten zu suchen. Wir hingegen wissen, dass wir uns beeilen müssen zu lieben, dass es darauf ankommt, das gleiche Lager zu teilen, uns die Hand zu reichen, das Fernsein zu fürchten. Wer richtig liebt, hängt keinen Träumen nach.“¹

Das Zitat zum Weltfrauentag, kurz bevor er zu Ende geht, spricht heute Maria in Das Missverständnis.

Und: Jaaaaa – ich weiß, dass das mal wieder einseitig ist, und dass es nicht auf alle Männer und alle Frauen zutrifft. Und: Jaaa – ich kenne die kritischen weiblichen Stimmen, die Camus ein überkommenes, machohaftes Frauenbild vorwerfen (anderes Thema). Und: Ja – auch als Beziehungsratgeberweisheit taugt das Zitat nicht, denn für eine gesunde Lebenspartnerschaft ist es durchaus ratsam, auch mal Abstand voneinander zu nehmen, auch allein zurechtzukommen und nicht ständig das Fernsein zu fürchten.

Und trotzdem liebe ich diese Textstelle und die Figur in Camus‘ Werk, der er diese Worte in den Mund gelegt hat: Maria, die Frau von Jan in Das Missverständnis, die von Anfang an gegen sein „Versteckspiel“ eintritt, weil Lüge und Verstellung ihrer Meinung nach nie zu einem guten Ende führen können. Womit sie recht behalten wird, denn am Ende sind alle außer ihr und dem störrischen Knecht in diesem düsteren Stück tot. Während die ganze Geschichte durch Jans vermeintlich taktisches (männliches?) Vorgehen immer komplizierter wird und stracks auf die Katastrophe zusteuert, kämpft Maria um den Bestand ihrer Liebe. Und die Liebe ist in ihren Augen einfach: Sie kennt nur die Wahrhaftigkeit. „Du weißt genau, dass es nicht schwierig ist und dass ein Wort genügt hätte. In einem solchen Fall sagt man: «Ich bin’s», und alles ist klar“.²

Und es gibt in der Liebe nichts Wichtigeres als die Zeit, die man miteinander verbringen kann, nichts Kostbareres als die Gegenwart des Geliebten. Vielleicht haben wir niemals sonst ein so klares und eindeutiges Bewusstsein davon, wie wertvoll  jeder einzelne Augenblick ist und wie bedroht unsere ganze Existenz, wie wenn wir lieben. In dem Moment, wo der geliebte Mensch aus der Tür geht, weiß ich nicht, ob ich ihn wiedersehen werde, und das zerreißt mir das Herz. Aber so ist das Leben. Alles andere ist Ausflucht. Maria weiß das. Sie bleibt bei der Wahrheit. Manch ein(e) Interpret(in) oder Regisseur(in) mag in ihr die Naive sehen, die ihr Lebensglück einzig von ihrem Mann abhängig macht. Ich sehe sie als die wahrhaftigste Person in diesem Stück, an Radikalität der mordenden Martha ebenbürtig. Nur, dass Maria recht behält, während Marthas Weg nicht zum Glück führt sondern zu ihren Opfern auf den Grund eines trüben Flusses.

Camus ein Macho? Keine Ahnung, wie er im realen Umgang mit den Frauen war, die ihn geliebt haben. Sicher aber ist: Er ist es, der in seinen Stücken immer wieder die Frauen die klügsten Sätze sprechen lässt; Sätze, welche Wege weisen aus jenen Sackgassen, in denen die Männer noch mit den Köpfen gegen die Wand rennen.

Und eben deshalb ist dieses Zitat eine schöne Hommage von Camus an die Frauen zum heutigen Weltfrauentag, kurz bevor er zu Ende geht.

 

¹Albert Camus, Das Missverständnis, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 83f., ²a.a.O., S. 81. 

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Mehr lesen? -> Kapitel Das Missverständnis, in: Anne-Kathrin Reif: Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe, Djre-Verlag, Königswinter 2013, S. 277-305.

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Eilmeldung: Vortrag von Prof. Schlette am 1. März fällt aus

So gerne wie ich den Termin angekündigt habe, so leid tut mir jetzt die Absage: Die Grippewelle hat nun auch Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette erwischt, so dass dieser seinen Vortrag zum Thema Albert Camus und die Juden am 1. März in der Buchhandlung Böttger in Bonn absagen musste. Der Vortrag ist aber hoffentlich nur verschoben, und wir werden den neuen Termin hier natürlich ankündigen, sobald er feststeht. Vorerst wünschen Camus und ich Professor Schlette aber von Herzen schnelle und nachhaltige Genesung und schicken die allerherzlichsten Grüße nach Bonn!

 

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