Worauf es ankommt – das Zufallszitat zum Sonntag

„«Der Irrtum, kleine Catherine, besteht darin, zu glauben, dass man wählen, dass man tun muss, was man will, dass es Bedingungen gibt für das Glück. Worauf es einzig ankommt, siehst du, ist der Wille zum Glück, eine Art von umfassendem und stets gegenwärtigem Bewusstsein. Alles übrige – Frauen, Kunstwerke oder gesellschaftliche Erfolge – ist nur Vorwand, ein leeres Gewebe, das wartet, dass wir ein Muster darauf sticken.»
«Ja», sagte Catherine, die Augen voller Sonne.“

Albert Camus, Der glückliche Tod. Deutsch von Eva Rechel-Mertens. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1972/1983, S. 116

Zufallszitat, die Spielregel: ein Camus-Werk aus der Lostrommel (Einmachglas) ziehen, Seitenzahl auswürfeln. Stehenlassen – egal wie sinnvoll oder seltsam es erscheinen mag. Ein kleiner oder größerer Impuls für den Tag, für die Woche… Macht was draus! In diesem Sinne: Allen noch ein schönes Wochenende und wie immer à bientôt!

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Salzburger Landestheater nimmt „Caligula“ mit Ben Becker wieder auf – St. Pauli-Theater Hamburg übernimmt im Oktober

Ben Becker als Caligula – eine Paraderolle für den Schauspielberserker. ©Foto: Christina Baumann-Canaval

Das wäre doch mal was für einen Spontantrip nach Salzburg! Noch einmal drei Vorstellungen spielt das Landestheater Salzburg seinen viel beachteten und -gelobten Caligula mit Ben Becker in der Titelrolle. Man muss freilich sehr spontan sein, denn die Vorstellungen sind allesamt schon an diesem Wochenende: 6., 7. und 8. September. Vor jeder Vorstellung gibt es eine kurze Werkeinführung.

Die Premiere in der vergangenen Saison wurde vom Publikum und der Presse gleichermaßen bejubelt. „Ein Wassergraben trennt das Publikum von Caligula, das ist schon mal beruhigend, denn so raubtierhaft, wie Ben Becker den römischen Kaiser spielt, ist jederzeit mit einem Blutbad zu rechnen„, hieß es im Bayrischen Rundfunk. Der Standard schrieb: „Die Titelfigur aus Albert Camus‘ Drama Caligula ist eine Paraderolle für Becker, der stimmgewaltig und ausdauernd die Premiere am Sonntagabend am Salzburger Landestheater dominiert. Marike Moiteaux und John von Düffel verzichten in der Inszenierung auf Effekthascherei durch Kunstblut. Die Regisseure lassen den Text wirken. Die Gedanken an aktuelles Weltgeschehen kommen ganz von allein.“

Mehr Pressestimmen, Infos und Tickets auf www.salzburger-landestheater.at

Im Oktober geht die Inszenierung nach Hamburg

Für mich klingt das wirklich sehr vielversprechend, und umso mehr bedaure ich, dass es bei mir wohl mit einem Spontantrip nach Salzburg nichts wird. Allerdings gibt es die Hoffnung auf eine zweite Chance: Im kommenden Oktober geht die Inszenierung für sechs Vorstellungen ans St. Pauli Theater nach Hamburg. Termine: 8. bis 13. Oktober 2019,
Beginn: 19.30 Uhr, sonntags 18 Uhr. Karten (19,90 € – 56,90 €): www.st-pauli-theater.de

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„Engagiert gegen Nazis“ – Albert-Camus-Gesprächskreis in Aachen ist zurück aus der Sommerpause

«Die Worte nehmen immer die Farbe der Handlungen oder der Opfer an, zu denen sie Anlass geben. Und bei euch gewinnt das Wort Vaterland einen blutigen, blinden Widerschein, der es mir auf immer entfremdet, während wir das gleiche Wort mit der Flamme einer Erkenntnis begaben, wo der Mut größere Kraft erfordert, wo aber der Mensch sein Menschsein ganz erfüllt.»

Albert Camus, aus: Briefe an einen deutschen Freund*

Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Nach der Sommerpause nimmt die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen wieder ihren regelmäßigen Jour Fixe auf. Immer am ersten Dienstag des Monats gibt es dann wieder die Gelegenheit, sich über Camus bzw. über Themen seines Werkes auszutauschen. Zum Auftakt am 3. September 2019 hat 365tage-camus beim Vorsitzenden der Gesellschaft Sebastian Ybbs nachgefragt.

Herr Ybbs, entscheiden Sie die Themen für den Jour Fixe eigentlich spontan von Monat zu Monat, oder gibt es schon Pläne für die gesamte Saison?

Sebastian Ybbs: Die meisten Themen werden relativ spontan festgelegt. Entweder äußert eine/r der Teilnehmer*innen unserer Gesprächskreise einen Wunsch, bereitet manchmal selbst ein Gespräch vor, oder ich selbst schlage ein Motiv vor. Das fällt mir in der Regel nicht schwer, da ich mich ständig mit dem Leben und Werk von Albert Camus auseinandersetze und sich Gesprächsthemen immer wie von selbst anbieten. Oft bieten sich auch ganz zeitgemäße Fragen und aktuelle Ereignisse an, auf die Albert Camus heute sicherlich auch Bezug nehmen würde. Bei ihm finden wir immer wieder Gedanken, die auch heute ihre Aktualität nicht eingebüßt haben.

Für den 3. September kündigen Sie das Thema „Engagiert gegen Nazis“ an. Welche Texte von Camus werden Sie in den Blick nehmen?

Ybbs: Im Vordergrund stehen die Briefe an einen deutschen Freund, mit denen wir uns übrigens schon oft beschäftigt haben; sie sind nicht bloße Anklage, sondern eine sehr differenzierte und tiefgründige Auseinandersetzung mit der Verlogenheit der Nazis. Dazu gibt es Artikel aus der Widerstands-Zeitung Combat, veröffentlicht in den Büchern Albert Camus – Journalist in der Résistence.** Oft finden unsere Teilnehmer auch noch weitere Quellen, die sich direkt oder indirekt auf das gesetzte Thema beziehen. Wichtig sind natürlich auch die Autoren, die über Albert Camus´ Werk geschrieben haben, hier ganz besonders Heinz Robert Schlette.

Für alle, die noch nicht dabei waren oder sich vielleicht auch nicht trauen, einfach mal vorbeizuschauen – wie läuft der Jour Fixe ab oder wie hat er sich im Laufe der Zeit entwickelt? Ist das ein Kreis für Spezialisten? Wie viel Vorkenntnis (etwa der zu besprechenden Texte) wird vorausgesetzt?

Ybbs: Unsere Gesprächskreise sind offen für alle, die an einer freimütigen Diskussion interssiert sind, ganz gleich, wie gut sie mit Albert Camus vertraut sind. Ganz wichtig ist natürlich ein freundlicher und respektvoller Umgang, selbst wenn verschiedene Ansichten aufeinander prallen. Wenn die Teilnehmer*innen in den Raum kommen, stehen immer schon Wein und Wasser auf dem Tisch, dann plaudern wir zunächst – manchmal brauche ich das Thema nicht erst aufzurufen, wir schliddern wie von selbst hinein, andere Male gibt es einen kurzen Impuls, eine kleine Ausarbeitung, von dem ausgehend wir das Thema behandeln. Oft entwicklelt sich die Diskussion dann ganz anders, als ich es mir gedacht hatte, doch selten bedauere ich das, denn dabei sind oft überraschende Gedanken der Anderen, die man als Überlegung gerne mit nach Hause nimmt.

Schade, dass Wuppertal-Aachen doch ein bisschen weit ist, sonst wäre ich sicher gerne öfter dabei… 365tage-camus wünscht Ihnen für diese Saison viele anregende Gespräche!

Nächster Termin: Dienstag, 3. September, 20 Uhr, im Logoi, Jakobstraße 25a in Aachen


*in: Kleine Prosa, Rowohlt 1962, S. 90.
** Jaqueline Lévi-Valensi (Hrsg.), Albert Camus – Journalist in der Resistance, Bd 1 und 2, Laika-Verlag 2014

Auch schön: Französisch lernen mit Camus! Das Institut français Aachen bietet einen neuen Kurs an, der den Schwerpunkt auf die Werke von Albert Camus legt. Anhand seiner Biographie und ausgewählter Werke werden grammatikalische Aspekte erarbeitet. Der Kurs startet am 25. September, umfasst 10 Sitzungen à 90 Minuten und kostet 130 Euro. Infos beim Institut français.

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Vorhang auf!: „Die Pest“ zum Spielzeitbeginn in Moers und Magdeburg

Im Einsatz gegen die Pest?? Entdeckt in Miami Beach im Jahr 2015… ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Dass ich bei meinem Vorblick auf die anstehende Theatersaison in der vergangenen Woche mit Wuppertal begonnen habe, war einem gewissen Lokalpatriotismus geschuldet, den Sie mir hoffentlich nachsehen. Erfreulicher Weise gibt es aber auch aus anderen Häusern zu berichten, dass Camus sich auf den Spielplänen hält.

So eröffnet das Schlosstheater Moers die Saison 2019/20 am 19. September mit Camus, und zwar mit einer Bühnenbearbeitung des Romans Die Pest durch Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb. In der Ankündigung heißt es: „Wie in einer Versuchsanordnung stellt Camus unterschiedliche Figuren und Strategien im Kampf gegen die Krankheit neben- und gegeneinander: Vom Fatalismus über Hedonismus bis zum Widerstand, von der persönlichen und ideologischen Instrumentalisierung bis zum flammenden humanistischen Plädoyer. Auch aus heutiger Perspektive wirft der Stoff Fragen auf: Befinden wir uns innerhalb oder außerhalb der Krisenregion? Wer sind die Infizierten? Und wieviel Solidarität wollen wir uns leisten?“

Mit dieser Fragestellung reiht sich die Inszenierung ein in die insgesamt fünf Premieren der Spielzeit, die das Schlosstheater ab Herbst dieses Jahres unter dem Oberbegriff „Teilen“ präsentiert.

Nicht nur diese aktuelle Perspektive scheint mir so interessant, dass ich Moers auf jeden Fall auf meine persönliche Theater-„bucket-Liste“ der kommenden Saison setze – dafür spricht auch, dass die Inszenierung eine Zusammenarbeit mit dem Puppenspieler Joost van den Branden und dem Improviser in Residence 2019 in Moers, Emilio Gordoa sein wird.* Camus – Figurentheater – Improvisierte Musik: Gleich drei meiner Lieblingsleidenschaften in einer Inszenierung vereint! Das darf ich auf keinen Fall verpassen!

Premiere ist am 19. September, 19.30 Uhr. Bereits am 15. September 2019, 11.30 Uhr, gibt es eine Matinee zu der Inszenierung. Weitere Vorstellungen: 21., 26. und 29. September; 12. und 13. Oktober 2019. Infos: www.schlosstheater-moers.de. Karten hier.

*Seit 2008 gibt es, ermöglicht durch die Kunststiftung NRW, jährlich einen Improviser in Residence als festen Bestandteil des traditionsreichen Jazzfestivals Moers. 2019 ist es der junge mexikanische Vibraphonist und Schlagzeuger Emilio Gordoa Rodriguez. 1987 in Mexico City geboren studierte er Schlagzeug und Komposition am dortigen Konservatorium; seit 2012 lebt er in Berlin.

Von Moers nach Magdeburg…

… wenn’s nicht so weit wäre dazwischen, würde sich sicherlich ein Vergleich der beiden Inszenierungen anbieten, denn auch das Theater Magdeburg bringt Die Pest auf die Bühne. Dort allerdings angekündigt als Bühnenmonolog in einer Textfassung von Regisseur Krzysztof Minkowski, (Darsteller: Ralph Opferkuch). Was mich hier ein wenig stutzig macht, ist folgende Passage aus der Ankündigung:

Die verheerende Seuche scheint sich ihre Opfer willkürlich zu suchen: Jung und Alt, Arm und Reich. Doch Rieux entdeckt bald eine Gemeinsamkeit: Die Pest befällt nur Menschen ohne Solidarität. Im aussichtslos scheinenden Kampf gegen den Tod zeigen die Menschen ihr wahres Gesicht: selbstloses Engagement, Fatalismus, aber auch krasse Profitgier. Ein Parforceritt ums Überleben beginnt …

Das ist freilich, mit Verlaub, totaler Quatsch. Natürlich sucht sich die Pest, wenn man sie schon personalisieren will, ihre Opfer völlig willkürlich aus – sie trifft, wie der Tod generell, wie alle Ungerechtigkeiten unseres Daseins, eben nicht nur die, die es in irgendeiner Weise verdienen, und niemand kann ihr durch Wohlverhalten entgehen. Dr. Rieux, der „Held“ und Erzähler des Romans, wird täglich zu nicht gezählten Opfern ans Krankenbett gerufen, die in gewisser Weise anonym bleiben – nirgendwo aber findet sich ein Hinweis im Roman, diese alle wären Menschen „ohne Solidarität“ gewesen. Ganz gewiss auch nicht der kleine Sohn des Untersuchungsrichters Othon, dessen qualvolles Sterben eine zentrale Szene des Romans ist und eben offenbart, dass es im Wüten der Pest kein Maß, keinen Sinn, keine Gerechtigkeit gibt. Eine zentrale Szene auch deshalb, weil sie jene erste Predigt des Pater Paneloux, in der er die Pest als Strafe Gottes rechtfertigt, ad absurdum führt: „Ah, wenigstens dieser war unschuldig!“, schleudert Rieux Paneloux zornig entgegen – und der schlägt unter dem Eindruck des gequälten Kindes in seiner zweiten Predigt einen ganz anderen Ton an.

Nun, man wird sehen, ob es sich hier nur um einen misslichen Vorab-Text der Dramaturgie handelt oder ob sich diese Fehleinschätzung irgendwie in der Bühnenfassung niederschlägt. Ich bitte jetzt schon darum: Wenn Sie eine Vorstellung in Magdeburg besuchen, berichten Sie mir doch davon! Ich werde es selbst sicher nicht schaffen, mir selbst ein Bild zu machen.

Premiere ist am 5. Oktober 2019, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 10. und 18. Oktober 2019. Infos: www.theater-magdeburg.de

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Wuppertaler Bühnen spielen „Das Missverständnis“ – Ein Gespräch mit Intendant Thomas Braus

Ein großer Fan der französischen Literatur: Thomas Braus, Schauspielintendant der Wuppertaler Bühnen. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Eigentlich war es nicht geplant, dass der Blog eine so lange Sommerpause macht – aber nun ist es doch so gekommen. Wie gut, dass es etwas gibt, das mir auf eine schöne Art einen neuen Anstoß gibt – nämlich der Blick auf die Theaterprogramme der nahenden Saison. Welche Freude bei der Entdeckung, dass schon das zweite Stück am Wuppertaler Schauspiel (also in „meiner“ Stadt, für alle, denen das nicht klar ist), ein Camus sein wird! Am 5. Oktober 2019 feiert Das Missverständnis in der Regie von Martin Kindervater Premiere im Theater am Engelsgarten. Ein herzlicher Dank an den Intendanten Thomas Braus, dass er sich noch am letzten Tag vor seinem wohlverdienten Urlaub Zeit genommen hat, um mit 365tage-camus.de zu sprechen: Über seine Leidenschaft für die französische Literatur, den kreativen Prozess der Stückfindung, die Grundidee der Inszenierung und darüber, wozu Theater überhaupt da ist.

Herr Braus, was hat Sie dazu bewogen, Das Missverständnis von Camus in den Spielplan zu nehmen?

Thomas Braus: Ich bin ein großer Fan der französischen Literatur gerade auch aus dieser Zeit, was das absurde Theater, was den Existenzialismus angeht. Bis wir zum Missverständnis fanden, war es aber tatsächlich ein langer Weg. Ich hatte immer mit Sartre geliebäugelt, und wir haben uns gefragt, in welche Richtung wollen wir gehen – wird es so etwas wie Sartres Geschlossene Gesellschaft, dieser klare Existenzialismus, oder wollen wir in noch eine andere Richtung gehen? Der Regisseur Martin Kindervater hat dann den Camus ins Spiel gebracht. Wir haben uns daraufhin immer wieder mit Camus befasst, überlegt, eventuell auch eine Novelle fürs Theater zu adaptieren, hatten aber noch nicht die Entscheidung für Camus getroffen. Und dann kamen wir auf das Stück Das Missverständnis.

Das hatte ich gerade erst letztes Jahr gelesen und mit Studierenden an der Hochschule in Köln, wo ich Schauspiel unterrichte, Szenen daraus gelesen und fand das ein sehr spannendes Material. Wir haben es nochmal angeschaut – und da knüpfte es sich plötzlich an etwas an, das wir in der vergangenen Spielzeit gemacht haben, nämlich an Die Glasmenagerie von Tennessee Williams. Der Regisseur brachte den Gedanken ins Spiel, das Stück gewissermaßen als Fortsetzung der Glasmenagerie zu inszenieren, mit derselben Besetzung. Bei der Glasmenagerie fanden wir die Konstellation Sohn, Tochter, Mutter sehr spannend, und diese Frage Was ist eigentlich der Sinn?, und Wo geht es hin? – dafür haben wir da eine sehr schöne Übersetzung gefunden. Und jetzt spinnen wir gewissermaßen die Geschichte weiter – so, dass es dieselben Personen sein könnten und die sich noch weiter gedreht haben in diese merkwürdige, schweigsame, nicht funktionierende Welt. Daraus ist letztendlich eine ästhetische Konzeption entstanden, indem wir erkennbar Teile aus dem Bühnenbild der Glasmenagerie verwenden und neu zusammenstellen in eine ganz unrealistische Szenerie, die nicht realistische Bewegungsabläufe ermöglicht, die eine ganz neue Welt erschafft und das Ganze weiter ins Absurde treibt. Der Grundgedanke ist tatsächlich, dass diese beiden Geschichten, die ja aus komplett unterschiedlichen Bereichen stammen, einen Brückenschlag kriegen und man sich fragt: Was ist da passiert?

Nicht alle Zuschauer, die sich für Das Missverständnis interessieren, werden auch Die Glasmenagerie gesehen haben. Braucht es das denn, um die Inszenierung zu verstehen? Was ist, wenn man Die Glasmenagerie nicht gesehen hat?

Thomas Braus: Das ist gar kein Problem, der Zuschauer braucht das alles gar nicht wissen. Der ein oder andere wird es vielleicht erkennen und deswegen andere Schlüsse ziehen – aber wer es nicht sieht, dem fehlt trotzdem nichts, denn darum geht es gar nicht. Es ist nur für uns, für den Regisseur, der mit dem gleichen Team weiterarbeitet, ein im künstlerischen Prozess spannender Vorgang. Der Zuschauer, der beide Abende gesehen hat, kann sich daran beteiligen, der andere sieht eine ganz eigenständige Inszenierung.

Wie passt gerade Das Missverständnis in die Konzeption des Spielplans? Gibt es so etwas wie ein durchgängiges Thema?

Braus: Dieser Grundgedanke der Inszenierung gefiel uns ja vor allem auch deshalb so gut, weil das Thema der kommenden Spielzeit die Entfremdung ist – das Fremde, die Angst vor dem Fremden, wie geht man mit dem Fremden um, was ist überhaupt fremd? Wo ist man zuhause? Gibt es überhaupt ein Zuhause? Wo wird man sich selbst fremd? Und das sind alles Themen, die natürlich sehr stark Camus sind. Deshalb passt das Stück auch ganz wunderbar an den Anfang der Spielzeit. Das wird ein Thema in vielen Inszenierungen sein, diese Frage: Wo wird der Mensch sich selbst fremd – und hat deswegen noch mehr Angst vor dem Fremden? Und diese Fremdheit soll im Missverständnis eben auch in der Ästhetik der Inszenierung sichtbar werden. So dass dem Zuschauer vielleicht auch etwas fremde Bilder gezeigt werden, die nicht immer sofort verstehbar sind. Das ist ja generell etwas, dass ich sehr spannend finde – das Theater muss sich nicht immer selbst erklären. Beziehungsweise: Es erklärt sich, aber man muss es nicht immer mit dem Zeigefinger machen. Und manchmal sind Bilder, die assoziativ sein können oder Assoziationen hervorbringen, viel viel spannender als die klaren Fakten. Das heißt, mit diesem Thema der Verfremdung wollen wir auch arbeiten. Jetzt ist das Wort fremd aber sehr häufig gefallen! (lacht)

Nun, dass ist natürlich auch in vielen Aspekten im Stück drin. Der Sohn, der als Fremder zurückkommt, die Frage nach der Heimat, danach: was ist überhaupt Heimat? Martha, die Tochter, will nur weg aus ihrer Heimat, die sie nicht als solche empfindet. Der Sohn hat in der Fremde eine neue Heimat gefunden, kehrt aber zurück, um seine alte Heimat wiederzufinden. Schließlich erkennt er, dass das nicht möglich ist, und dass die wahre Heimat in seiner Liebe zu seiner Frau Maria liegt – also die Liebe ist die wahre Heimat…

Braus: Die Liebe ist die Heimat… Aber dann fragt man sich ja auch, ob die Mutter und die Schwester ihn tatsächlich nicht erkennen oder ihn vielleicht doch erkennen. Also, für mich ist immer die Frage gewesen: Haben die ihn nicht doch von Anfang an erkannt und bringen ihn bewusst um? Ich finde, die Frage muss man sich stellen, denn man denkt sich doch beim Lesen: Das kann doch eigentlich gar nicht sein. – Aber ich glaube, die Frage muss man auch nicht beantworten. Man muss Fragen im Theater nicht immer beantworten, das ist ja das Schöne. Und gerade bei Camus ist ja das Spannende, dass bestimmte Fragen nicht beantwortet werden müssen, was ja auch etwas mit dieser Zeit des Absurden zu tun hat. Dass manchmal Fragen gestellt werden, das reicht. Das ist etwas, was ich wahnsinnig schön finde an dieser Zeit, was mich fasziniert – in allen Bereichen sowohl in der Malerei als auch in der Musik als auch in der Literatur – dass man sagt: Ich muss nicht immer die Lösung haben, ich muss nicht immer die Antwort haben.

Das Missverständnis ist ja Camus’ düsterstes Stück überhaupt, am Ende sind alle Protagonisten tot bis auf Maria, die totunglücklich allein zurückbleibt… Man weiß, dass es so endet, da ist keine große Überraschung mehr drin. Wie wollen Sie es schaffen, für die Zuschauer die Spannung zu halten? Ich finde, gerade bei diesem Stück ist das die größte Herausforderung.

Braus (lacht): Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, ich inszeniere ja nicht selbst. Das muss der Regisseur beantworten – aber ich denke, dass er schon seine Ideen dazu hat. Er wird sicher stark mit Bildern arbeiten, mit Irritationen arbeiten, und ich denke, dass er da seinen Weg finden wird.

Diese Düsternis, es gibt absolut kein Happy End – Camus selbst sagte, Das Missverständnis ist sein Versuch, eine moderne Form der antiken Tragödie zu schreiben. Trotzdem ist die Aussageabsicht gerade keine pessimistische, sondern eigentlich das Gegenteil – wie eine Art Negativ, welches das positive Gegenbild erzeugt. „Wenn ein Mensch erkannt werden will, muss er sagen, wer er ist, …“

Braus (unterbricht): Aber das ist ja der Sinn solcher Stücke! Der Sinn ist ja nicht, zu sagen: Das Leben ist furchtbar. Oder: Das Leben ist nichts. Wenn man dieser Meinung ist, dann muss man sich einfach umbringen. Generell ist das Theater ja nicht dazu da, zu sagen: So ist es. Sondern etwas aufzumachen und zu sagen: Wenn es so wäre – was ziehst du für eine Schlussfolgerung daraus? Das mit dem Gegenbild, das ist genau das, was Camus provoziert – dass man als Zuschauer dasitzt und sagt: Da hätte man so oder so reagieren müssen, dann wäre die Geschichte ganz anders gelaufen. Es hat in einer Theaterlandschaft ein so düsteres Gemälde seine Berechtigung. Weil man gerade durch dieses Düsternis sieht, wo die Lösungen sind oder wo es überall hätte hingehen können. Da gibt es immer unendlich viele Wege, und der Zuschauer macht daraus, was er macht – und das sind dann genauso viele Möglichkeiten, wie es Zuschauer gibt.

Das Absurde wird natürlich in diesem Stück überhaupt nicht aufgelöst – auch nicht in dem positiven Gegenbild. Aber das positive Gegenbild besteht darin, zu sagen: Die Menschen werden sowieso sterben, aber unsere Möglichkeit ist, bis dahin einander leben zu helfen – und nicht noch zum Absurden beizutragen.

Braus: Ja, ja – genau. Aber letztendlich kann man das nur durch das Absurde zeigen. Indem ich das Absurde zeige, appelliere ich an eine Form von Verstand. Und dabei geht es gar nicht um Moral, sondern es geht einfach nur um menschliches Verhalten, das in eine positive Richtung gehen könnte. Die Menschen neigen ja dazu, sich ihr Leben sehr sehr schwer zu machen. Das ist eine Eigenschaft, die, glaube ich, immer schon da war. Der Mensch hat die Fähigkeit, gerade im zwischenmenschlichen Bereich, sich das Leben schwer zu machen – und das ist absurd. Man braucht ja nur in sein eigenes Leben gucken – mit welchen Situationen man konfrontiert ist, auch wie man sich teilweise selbst verhält. Von außen betrachtet ist das absurdes Theater. Und von außen betrachtet denkt man sich: Eigentlich hätte man es auch anders machen können, und es wäre leichter gewesen. Insofern ist das Absurde und das absurde Theater letztendlich nichts anderes als das Aufdecken einer Realität, die so noch nicht bezeichnet worden ist, und man nennt es absurd, weil es eben so ist.

Herr Braus, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Anne-Kathrin Reif

Premiere: 5. Oktober 2019, 20 Uhr, im Theater am Engelsgarten, Engelsstraße 18, Wuppertal. Weitere Vorstellungen: 6., 11., 17., 20. Oktober, 3. und 23. November, 27. Dezember, 26. Januar, 7. und 28. Februar (Dernière). Der Vorverkauf hat begonnen. Tickethotline: 0202 / 563 7666 oder über www.schauspiel-wuppertal.de

Zum Inhalt des Stücks:
Nach 20 Jahren kehrt der verlorene Sohn in seine Heimat zurück. Er will Mutter und Schwester an seinem Wohlstand teilhaben lassen. Da er auf ein Zeichen des Wiedererkennens, ein Zeichen der Liebe warten will, quartiert er sich – zunächst ohne seine Identität preiszugeben – im Gasthaus der Familie ein. Mutter und Schwester – die Daheimgebliebenen – sehnen sich nach all dem, was der Sohn erreicht hat: Liebe und Glück. Sie wollen unbedingt ans Meer, an einen Ort, an dem »die Sonne alle Fragen tötet«. Um dort hinzukommen, bringen sie alleinreisende, solvente Herren um und nehmen ihnen ihr Geld ab. Auch dem unerkannten Sohn wird der todbringende Tee aufs Zimmer gebracht … (aus: Spielzeitheft der Wuppertaler Bühnen)

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Ausstellung in Lourmarin: Albert Camus‘ kritisches Engagement

Eine Einladung, die mich aus Lourmarin erreichte, gebe ich heute gerne an alle Blogleserinnen und -leser weiter! Vielleicht plant ja jemand eine Reise auf Camus‘ Spuren? Dann bietet es sich natürlich an, bei der Gelegenheit auch in der Médiathèque von Lourmarin vorbeizuschauen – bis zum 18. August 2019 ist die Ausstellung über Albert Camus‘ „Kritisches Engagement“ dort zu sehen. Wäre schon interessant zu schauen, mit welchen Materialien dieses Thema in der kleinen Bibliothek umgesetzt wurde. Hach, ich komm‘ ja überhaupt schon wieder ins Träumen, wenn ich an eine Reise in den Süden denke… Dort ist jetzt die wunderbare „rote Jahreszeit“ wie Camus sie nannte, überall Kirschen und Mohn… An so viele wunderbare Erlebnisse und Begegnungen muss ich denken, an die flirrende Hitze und die Düfte bei der Wanderung auf dem Pestweg, die Kühle an einem heißen Tag in den Mauern des Château von Lourmarin, an die Abende auf Camus‘ Terrasse zum Abschluss der Rencontres Méditerranéennes und so vieles mehr… Wenn Sie Lust haben, in Reisestimmung zu kommen oder bequem vom Liegestuhl aus ein paar schöne Kopfreisen zu unternehmen, dann stöbern Sie doch einfach mal hier unter der Kategorie „Unterwegs“! In diesem Sinne wünsche ich allen Camus-Freundinnen und Blog-Lesern noch einen schönen Sonntag und sage: bon voyage!

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Alle Tiere liegen auf der Flanke – Das (Zufalls)zitat zum Sonntag

Die ersten heißen Tage. Erdrückend. Alle Tiere liegen auf der Flanke. Merkwürdige Beschaffenheit der Luft über der Stadt im sich neigenden Tag. Die Geräusche, die emporsteigen und sich darin verlieren wie Luftballons. Unbeweglichkeit der Bäume und der Menschen. Auf den Terrassen maurische Frauen, die plaudernd auf den Abend warten. Kaffee wird geröstet, und auch sein Geruch steigt herauf. Zärtliche und verzweifelte Stunde. Nichts zu umarmen. Nichts, wovor man sich, vor Dankbarkeit vergehend, auf die Knie werfen könnte.” (1)

„Die ersten heißen Tage. Erdrückend. Alle Tiere liegen auf der Flanke. Merkwürdige Beschaffenheit der Luft über der Stadt im sich neigenden Tag. Die Geräusche, die emporsteigen und sich darin verlieren wie Luftballons. Unbeweglichkeit der Bäume und der Menschen. Auf den Terrassen maurische Frauen, die plaudernd auf den Abend warten. Kaffee wird geröstet, und auch sein Geruch steigt herauf. Zärtliche und verzweifelte Stunde. Nichts zu umarmen. Nichts, wovor man sich, vor Dankbarkeit vergehend, auf die Knie werfen könnte.” (1)

Die schönsten Camus-Zitate kann man ja ohnehin immer und immer wieder lesen, und so erlaube ich mir heute, beim Zufallszitatspiel ein wenig zu mogeln und nicht zufällig eines hervorzuziehen, das ich vor Jahren schon einmal im Blog hatte. Zumal ich am Zweitwohnort im Westerwald keinen Zugriff auf meine heimische Camus-Bibliothek habe, und dieses Zitat hier an einem Tag, an dem das Thermometer schon am Vormittag auf 35 Grad im Schatten stand und sich dann auch noch eine der herumstreunenden Dorfkatzen im Schatten unter meinen Beerensträuchern niedergelassen hat, so schön passt. Gemogelt habe ich auch noch insofern, als ich das erste Wort weggelassen haben: April. hatte der 22jährige Camus notiert, als er die Worte 1936 an einem heißen Tag in Algier in sein Tagebuch schrieb. – Mich inspiriert es heute dazu, einmal ganz genau hinzuhören, was ich an diesem heißen Sommersonntagnachmittag auf dem Land höre: Es ist vor allem das Rauschen der Bäume, die sich im leichten, wellenartig aufkommenden Wind bewegen, und das verhaltene Gezwitscher der Vögel, in dem man unterschiedliche Stimmen ausmachen kann. Hin und wieder, zum Glück sehr viel seltener als an kühleren Tagen, das Schreien der Nachbarpapageien, das fremdartig die Stille durchschneidet. Hahn und Hühner liegen ganz offensichtlich tatsächlich ebenso auf der Flanke wie die Katzen. Ganz entfernt immer mal wieder brummende Motorengeräusche und sich drehende Reifen auf dem Asphalt der Dorfstraße, und noch seltener weit oben gedämpftes Flugzeugbrummen. Eine Ruhe, die ich als Kontrast zum Stadtleben mit allen Sinnen genieße. Für den Kaffeeduft werde ich gleich selbst sorgen (wenn auch nicht frisch geröstet), und jemand zum Umarmen ist auch da. Keine großen Sachen das alles, aber doch genug, um sich vor Dankbarkeit vergehend auf die Knie zu werfen.

Ich wünsche allen Camus-Freunden und Blog-Leserinnen, dass ihr etwas habt, wofür ihr heute dankbar sein könnt! Und wer glaubt, das sei nicht der Fall: Man findet immer etwas! In diesem Sinne: Allen noch einen schönen Sonntag und à bientôt!

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 19.
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Vom Abschied – In memoriam Wolfgang Janke

Wolfgang Janke zwischen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche – zwei Pole, die sein Denken mit bestimmt haben. ©Foto: privat

Wann hat das eigentlich angefangen, dass ich nach einer Weile Abwesenheit von Zuhause den Briefkasten immer mit einem bangen Gefühl aufschließe? Ich weiß nicht, wann genau es angefangen hat. Aber seit einer Weile ist es so, jedesmal ist der bange Gedanke da: Hoffentlich ist da nicht einer dieser Briefe mit mehr oder weniger dezentem Trauerrand in der Post zwischen Rechnungen und Werbesendungen.

Irgendwann hat sie angefangen, die Zeit der Abschiede. Das Wissen: Jetzt hilft keine Revolte mehr gegen den Tod (hat sowieso nie geholfen). Du wirst es lernen müssen, das Abschiednehmen. All die Menschen, die dir auf dem Lebensweg ein gutes Stück voraus sind, die Wegbereiter, Wegbegleiter, Wegweiser, Ins-Leben-Helfer, Durchs-Leben-Helfer, Antwortgeber – sie werden gehen. Vielleicht ja wiederum nur ein Stück voraus, wer weiß das schon. Aber gehen werden sie, und du musst Abschied nehmen. 

Als ob ich nicht wüsste, dass wir immer schon abschiedlich leben, ganz gleich in welchem Lebensalter. Die letzten Zeilen aus Rilkes 8. Duineser Elegie begleiten mich länger als ich sagen kann. 

„Wer hat uns also umgedreht, dass wir,  
was wir auch tun, in jener Haltung sind 
von einem, welcher fortgeht? Wie er auf 
dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal 
noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt – , 
so leben wir und nehmen immer Abschied.“

Und trotzdem ist es jetzt, in dieser Lebensphase, etwas anderes.  

Zwischen Werbesendungen, Rechnungen und einer Ansichtskarte ein cremefarbener Umschlag mit sehr dezentem Rand. Am 5. Juni 2019 verstarb im Alter von 91 Jahren Wolfgang Janke. Ein langes Leben. Ein reichhaltiges Leben. „Alles geben die Götter, die unendlichen, Ihren Lieblingen ganz. Alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“ Goethe. Ist auch dieser Vers einer, den er mir in die Seele gepflanzt hat, wie so vieles von Rilke, von Hölderlin? Wenn es sie gibt, dann war Wolfgang Janke ein Götterliebling. Die Götter und das Göttliche waren allgegenwärtig in seinem Denken, und am Ende lief es vielleicht sogar, aus dem epochalen Schatten des Nihilismus heraustretend, auf eine Wiedervereinigung von Ontologie und Theologie zu – freilich in einer von Janke akribisch betriebenen Restitution der in der Geschichte der Metaphysik abgeschnittenen, „praecisierten“ existenzialen Bezüge.

Im Schlusskapitel seines letzten, 2018 veröffentlichten Buches Die Seinsfrage (1), spricht Janke von der Notwendigkeit, das Wagnis des Gottvertrauens wiederherzustellen – ein Wagnis, das nur in der Kategorie des Sprunges zu verwirklichen sei, als absolutes Wagnis, welches das ganze Dasein einsetzt. Und er weist auf, dass und inwiefern die Wiederherstellung des Gottvertrauens zugleich einer Resakralisierung von Ehrfurcht, Vertrauen und Liebe bedarf.

Der, der den Sprung vollzogen hat, hat in eins und zumal Furcht und zitternde Hoffnung überwunden und kann wohlmöglich auch dem eigenen Ende in der heiter-gelassenen Grundstimmung des Getrostseins entgegensehen. Vielleicht liegt darin der eigentliche Gewinn und Lohn für den Mut, das Wagnis eingegangen zu sein, mehr noch als ein in Aussicht gestelltes ewiges Leben – denke ich, die den Sprung scheut. Allemal aber liegt in dem Wissen um das Getrostsein dessen, den wir betrauern, ein Trost für den Trauernden, auch für mich.

Ehrfurcht, Vertrauen, Liebe. Nicht re-sakralisiert, sondern irdisch-unschuldig bezeichnen diese drei eben das, was meine Studienjahre bei Wolfgang Janke geprägt hat. Ehrfurcht vor seinem uneinholbaren enzyklopädischen Wissen, seinem scharfen und unbestechlichen analytischen Geist, der dennoch nie kalt-sezierend daherkam, vor der unbedingten Leidenschaftlichkeit seines Denkens, mit der er jeden Gedanken gleichsam zu Blut umschuf. Sicher in dem Vertrauen darauf, ernst genommen zu werden im Selber-Denken, jederzeit frei zu sein – ja, diese Freiheit des Selber-Denkens erproben zu sollen, erproben zu müssen, allerdings nie, ohne sich erst einmal in die Stärke des Gegners zu stellen, so wie er es selbst immer gehalten hat. Und Liebe, ja, Liebe sowieso.

Es war eine Sentenz Johann Gottlieb Fichtes, die dem jungen, aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Studenten Wolfgang Janke 1947 an der Universität zu Köln den Weg in die Philosophie eröffnete, erzählte er einmal. Sie lautete: „Das Ich setzt sich schlechthin selbst“. Ein Zitat von Johann Gottlieb Fichte schmückt nun die Todesanzeige von Wolfgang Janke und schließt den Lebenskreis:

„Die Liebe ist höher denn alle Vernunft.“

Ein Satz, in dem Janke noch einmal in seiner ganzen Persönlichkeit aufscheint. Aber ich möchte meinen Lehrer natürlich mit dem Denker verabschieden, in dem wir wohl die größte gemeinsame Schnittmenge von allen gefunden hatten, mit Albert Camus, versteht sich. Dass ich ausgerechnet heute diesen Satz bei ihm fand, erscheint mehr als Fügung denn als königlicher Zufall. Er stammt aus dem gerade erschienenen, noch nicht übersetztem Briefwechsel von Albert Camus mit Nicola Chiaromonte:

Nur bestimmte privilegierte Wesen wissen, wie man nie urteilt. Sie sind eine Quelle der Freiheit, sie befreien dich im vollen Sinne des Wortes, und deshalb ist die Liebe, die wir für sie haben, mit einer wunderbaren Dankbarkeit gefärbt.“ (2)

Aus tiefstem Herzen sage ich: Merci, mon professeur, et avec tendresse, adieu.

***

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(1) Wolfgang Janke: Die Seinsfrage. Grundzüge einer restitutiven Ontologie. Königshausen & Neumann, Würzburg 2018 (246 S., ISBN 978-3-8260-6400-5)

(2) „Seuls certains êtres, privilégiés, savent ne jamais juger. Ils sont une source de liberté, ils vous libèrent au sens plein du mot et c’est pourquoi l’amour qu’on leur porte se colore d’une merveilleuse gratitude.“ Albert Camus, Nicola Chiaromonte. Correspondance (1945-1959). Édition de Samantha Novello, Gallimard, Paris 2019.
Collection Blanche, Gallimard

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Nationaltheater Mannheim schreibt einen Internationalen Kompositionswettbewerb zu Camus‘ „Der Fremde“ aus

The Stranger – die englischsprachige Ausgabe von „Der Fremde“ als E-Reader-Version auf einer Werbung in der New Yorker U-Bahn. Gesehen und fotografiert von Andreas Arnold (©). Vielen Dank!

Mannheim. Dass ein Opernhaus einen Kompositionsauftrag an zeitgenössische Komponisten vergibt oder einen Wettbewerb dazu ausschreibt, ist an sich ja schon mal ausgesprochen schön. Bei mir ist die Begeisterung natürlich umso größer, als das Thema Camus‘ Roman Der Fremde sein soll.

Die Anerkennung dafür gebührt dem Nationaltheater Mannheim, das jetzt diesen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben hat. Die Gewinnerin oder der Gewinner erhält einen Kompositionsauftrag für eine abendfüllende Kammeroper. „Thema der Oper ist Albert Camus’ Roman »Der Fremde« (1942), der auf Deutsch oder Französisch vertont werden kann. Der Wettbewerb richtet sich an Teams und Einzelpersonen, die Komposition und Textbearbeitung verantworten“, heißt es im Ausschreibungstext, und weiter: „Gesucht werden Konzeptionen, die sich Camus’ Roman auf narrative, philosophische, phantastische oder genreübergreifende Art nähern. Geschrieben als Darstellung des Absurden – ein Algerienfranzose erschießt einen ihm unbekannten Araber am Strand –, bekommt das Buch im Umfeld postkolonialer Debatten neue Bedeutungsschichten. Alle zeitgenössischen Musikstile von Avantgarde bis Pop sind für die Vertonung möglich und erwünscht. (…) Das Stück sollte im Ergebnis mit den Mitteln der Studiobühne eines Stadttheaters aufführbar sein, was zu bestimmten Einschränkungen führt.“ Als Sängerbesetzung sind höchstens vier Sänger*innen gefragt, plus eventuell Sprecher*in, aber kein Chor.

Die Auswahl verläuft in zwei Runden. In der ersten Runde werden Konzepte für die Kammeroper und dazu passende Arbeitsbeispiele verlangt. Aus den Einsendungen werden sechs Bewerberinnen und Bewerber ausgewählt, die für die zweite Runde einen zirka dreiminütigen „Moment“ ihres Stückes komponieren (dafür wird eine Aufwandsentschädigung gezahlt). Diese sechs Stücke werden im Rahmen des Festivals Mannheimer Sommer 2020 vor Jury und Publikum öffentlich präsentiert. Die Gewinnerin oder der Gewinner erhält den Kompositionsauftrag für eine Kammeroper. Die Uraufführung der Kammeroper ist für den Frühsommer 2022 geplant. Zusätzlich ist ein Publikumspreis vorgesehen, der zu einem Kammermusikauftrag führt.

Einsendeschluss ist der 1. November 2019, mögliche Sprachen für die Bewerbung sind Deutsch und Englisch. Weitere Informationen zu Zeitplan Bewerbungsmaterialien und Vorgaben wie der musikalischen Besetzung:

https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/oper/kompositionswettbewerb.php

Zum inhaltlichen Aspekt der Romanvorlage heißt es in der Ausschreibung:

„Albert Camus’ Leben und Arbeit entspringt höchst spannungsvollen Verhältnissen: Als Algerienfranzose aus einfachen Verhältnissen gehörte sein Vater zum Proletariat der imperialen Siedlerschicht. Im vergeblichen Versuch, die Einheimischen für den Kommunismus zu gewinnen, lernte der junge Camus deren Lebensverhältnisse kennen und wurde so zu einem Kämpfer für die Rechte der orientalischen Bevölkerung.
Sein Roman »Der Fremde« beschreibt das ereignislose Leben des Algerienfranzosen Meursault, der an einem Tag am Strand mehr oder weniger grundlos einen Araber erschießt und dafür schließlich wegen Mordes zum Tode verurteilt wird, was er gleichgültig hinnimmt.
Camus’ Roman kann philosophisch, politisch und psychologisch gelesen werden: Er gilt allgemein als Beschreibung des Absurden als philosophisches Grundprinzip unseres Lebens, wurde und wird aber in der arabischen Welt ebenso als Darstellung der reuelosen Gewalt des Kolonialismus gelesen.
Aus dieser Fülle der Möglichkeiten kann das Libretto gestaltet werden, wofür bewusst keine näheren Vorgaben gemacht werden sollen, um die Möglichkeiten musiktheatralen Erzählens zwischen realistischer Narration und postdramatischem Bühnengeschehen nicht einzuschränken.
Musikalisch ist ein genuin musikdramatischer Zugang gewünscht; der szenische Gehalt sollte notwendiger Bestandteil der Musik sein. Stilistisch sind alle Zugänge bis hin zu postmodernen Hybriden zwischen Pop und Collage möglich.“

Nun, die Romanvorlage bietet aus der Fülle der Möglichkeiten natürlich noch weitere Aspekte als die genannten, aber die Aufzählung ist ja vermutlich auch nicht erschöpfend gemeint gewesen. Ein weiterer Aspekt wäre z.B. die Bloßstellung der verlogenen Doppelmoral von Gerichtsbarkeit und Kirche. Oder die Lesart des Romans als faszinierende psychologische Studie eines Mannes, der sich dazu entschieden hat, in aller Konsequenz niemals zu lügen. Oder als die eines Menschen, der jegliche Zukunftsplanung verweigert und ganz der Sinnlichkeit des Augenblicks lebt – gleich ob dies nun das Bad im Meer, den Liebesakt oder die pure Langeweile bedeutet. … Und auch diese Ergänzungen sind gewiss nicht vollständig. An einer Stelle muss ich aber doch vorab widersprechen: Meursault mag in vielem ein Musterbeispiel der Gleichgültigkeit abgeben, gegenüber seiner Verurteilung zum Tode ist er es gewiss nicht: Zunächst hofft er durchaus vehement auf seine Begnadigung – und als ihm diese verweigert wird, macht er sich das Urteil in einem sehr reflektierten Akt radikal zu eigen. Was in der fulminanten Schlusspassage des Romans endet, in der Meursault zum ersten Mal erkennt, dass er glücklich gewesen war und immer noch glücklich ist und sich, „damit sich alles erfüllt“, nur noch eines wünscht: „Am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses empfangen.“

Der Fremde ist ein Text, der sich leicht liest, aber nicht leicht erschließt. Es ist ein Text von diamantener Härte, und er funkelt in vielen Facetten. Welche davon die Komponistinnen und Komponisten auf welche Weise zum Klingen bringen, wird auf jeden Fall eine spannende Angelegenheit. 365 Tage Camus bleibt natürlich dran und wird berichten! In diesem Sinne wie immer: à bientôt!

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Von wilden Rosen, Sommergesichtern und der unbesiegbaren Kraft des Menschen – das Zufallszitat zum Sonntag

„Diego (schüttelt sie): Es stimmt, dass Sie lügen und immer lügen werden, bis ans Ende der Zeit! Ja! Ich habe euer System durchschaut. Ihr beschäftigt die Leute mit Hunger und Trauer, um sie von ihrer Revolte abzulenken. Ihr macht sie müde, ihr verschlingt ihre Zeit und ihre Kräfte, damit sie weder Muße noch Wut mehr haben! Sie treten auf der Stelle, da könnt ihr euch freuen! Sie sind allein, obwohl sie viele sind, so wie ich auch allein bin. Jeder von uns ist allein wegen der Feigheit der anderen. Aber ich, der ich genauso geknechtet und gedemütigt bin wie sie, ich erkläre euch, dass ihr nichts seid und dass eure Macht, die ihr walten lasst, so weit das Auge reicht, bis sie den Himmel verdunkelt, nicht ist als ein Schatten auf der Erde, den ein Sturmwind im Handumdrehen zerstreuen wird. Ihr denkt, alles lässt sich in Zahlen und Formeln gießen! Aber in eurer schönen Terminologie vergesst ihr die wilden Rosen, die Zeichen am Himmel, die Sommergesichter, die große Stimme des Meeres, die Verzweiflung und den Zorn der Menschen! (Sie lacht.) Lachen Sie nicht. Lachen Sie nicht so dumm! Ihr seid verloren, lassen Sie sich das gesagt sein! Mitten in eurem scheinbaren Sieg seid ihr schon vernichtet, denn im Menschen wohnt eine Kraft – sehen Sie mich an – wohnt eine Kraft, die ihr nicht kleinkriegt, ein heller Irrsinn aus Angst und Mut, unwissend und sieghaft immer. Diese Kraft wird auferstehen, und dann wird euch klar, dass eure Herrlichkeit nichts war als Rauch. (…)“

Albert Camus, Der Belagerungszustand, in: Sämtliche Dramen. Erweiterte Neuausgabe. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 2013, S.226f. (L’État de Siège wurde 1948 uraufgeführt).

Zufallszitat, die Spielregel: ein Camus-Werk aus der Lostrommel (Einmachglas) ziehen, Seitenzahl auswürfeln. Stehenlassen – egal wie sinnvoll oder seltsam es erscheinen mag. Ein kleiner oder größerer Impuls für den Tag, für die Woche… Macht was draus! In diesem Sinne: Allen noch ein schönes Pfingstwochenende und wie immer à bientôt!

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