„Der Ball kommt nie so auf einen zu, wie man es erwartet“

Albert Camus (vorne Mitte) und sein Freund Abdel Paul Pitous (links neben ihm) in der Mannschaft der École Pratique d’Industrie (E.P.I.). ©Foto: Photo collection particulière

Also gut, ich fange an, mich zu wiederholen… Aber die Fußballweltmeisterschaft wiederholt sich ja schließlich auch alle vier Jahre, und gerade denke ich gerne daran zurück, wie ich beim letzten Mal im südfranzösischen Zauberdorf weilte und nach der Heimkehr diesen Blogbeitrag schrieb. Einige Seitenhiebe darin beziehen sich auf die damaligen Zustände im Austragungsland Brasilien, aber so furchtbar anders ist es jetzt wohl auch nicht. Und da viele, die dem Blog folgen, damals noch nicht dabei waren, kommt er hier nun einfach nochmal. Den Schluss muss man sich natürlich anders denken, denn heute geht es im Endspiel für Frankreich gegen Kroatien ja schon um den Titel. Dann also: Allez les bleus!

Von Moral und Fußball oder „Alles für die Ehre!“

Im Tor: Albert Camus

 

Na sowas. Es ist ja Fußballweltmeisterschaft! In meinem südfranzösischen Zauberdorf war mir das doch tatsächlich weitestgehend entgangen. Kein Public-Viewing auf Plätzen oder in Kneipen (es gibt eh keine), kein Jubel, Stöhnen, Pfeifen aus geöffneten Fenstern. Stille herrschte wie eh und je beim Gang durch die Gassen, in denen sowieso kein Platz für Autos ist, geschweige denn für einen Korso. Nicht, dass die Franzosen so gar nicht Fußball begeistert wären. Aber zumindest in diesem kleinen verträumten Ort spielte es sich, wenn überhaupt, im Verborgenen ab.

Wieder daheim holt mich das Spektakel nun allerdings ein. Und ich bekenne auch: Ich bin  zwiegespalten. Nein, ich will kein Spielverderber sein und will niemandem die Freude vermiesen. Ich kann sogar bestens nachvollziehen, dass es Spaß macht mitzufiebern, sich mit zu freuen, mit zu jubeln, mit zu feiern. Manchmal lasse ich mich sogar gern und freiwillig anstecken, dochdoch. Aber ich kann auch nicht ganz absehen von in üblen Nationalismus umschlagenden „Nationalstolz“, nicht von der gigantischen Wirtschaftsmaschinerie Fußball-WM, die mit Sport nur noch am Rande zu tun hat, und auch nicht davon, dass für die Stadienneubauten dieser WM in einem wirtschaftlich armen Land ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht und Proteste der (fußballverliebten!) Bevölkerung niedergeknüppelt wurden. 

Aber Camus und Fußball – das gehört ja nun schließlich auch zusammen. Vermutlich wird sowieso kein Ausspruch von Camus öfter zitiert als dieser:

„Alles, was ich über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.”¹

In diesen Tagen ist der Satz noch häufiger zu lesen als sonst. Und ganz gewiss steht er in größtmöglichem Widerspruch zu den genannten hässlichen Seiten dieses Sportereignisses.

Von diesen hässlichen Seiten wissen diejenigen noch nichts, an deren Begeisterung und Leidenschaft für das Spiel ich mich ohne wenn und aber jederzeit mitfreuen kann –nämlich all die unzähligen Kinder überall auf der Welt, die den Ball über den Bolzplatz, den Schulhof oder über den Sandboden in ihrer Favela oder in ihrem Township jagen, als ginge es um ihr Leben; all die kleinen Jungs mit großen Träumen, die nach dem Spiel oder Training verschwitzt und glücklich nach Hause gehen, weil sie eine selige Zeit lang einmal alles abschütteln konnten, was auch ein junges Dasein schon schwer machen kann. Oder die am Beispiel einer schmerzlich erlittenen Niederlage die vielleicht wichtigste Lebenslektion überhaupt lernen, die da heißt: hinfallen, aufstehen, weitermachen.

Einer dieser kleinen Jungens war Albert Camus selbst. In seinem unvollendeten autobiographischen Roman Der erste Mensch erzählt er von dieser frühen Leidenschaft, und er erzählt auch von den Prügeln, die ihm die Großmutter mit dem Ochsenziemer verpasste, wenn sie nach der Kontrolle seiner Schuhsohlen wieder einmal feststellen musste, dass sich der kleine Albert dem Bolzverbot widersetzt hatte. Und von dieser Leidenschaft erzählt Camus auch in einem Beitrag mit dem Titel Was ich dem Fußball verdanke, den er 1953 für die Verbandszeitung seiner Mannschaft Racing Universitaire d’Alger (RUA) verfasst hatte: „Ab Sonntag fieberte ich dem Donnerstag entgegen, wenn wir Training hatten, und ab Donnerstag dem Sonntag, wenn wir Spiel hatten“ (2). Was er dem Fußball verdankte? Nun, zum Beispiel die Erkenntnis, „dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet.“ Eine Lektion fürs Leben sei das gewesen, schreibt Camus, „zumal für das Leben in der Stadt, wo die Leute nicht ehrlich und geradeheraus sind“ (3). Und eben hier, in diesem kleinen Aufsatz, den er aus Zeitmangel 1957 noch einmal einreichte, als die Zeitung France Football den frischgebackenen Nobelpreisträger 1957 um einen Artikel bat, stammt auch der berühmte oben schon zitierte Satz.

Dass man diesen kurzen Aufsatz von Camus, der in deutscher Übersetzung lange nur in nicht autorisierter Form zu finden war, nun endlich wieder nachlesen (und dem berühmten Zitat eine Quellenangabe zufügen kann), ist einem wunderbaren schmalen Büchlein zu verdanken, das der Arche-Verlag unlängst herausgebracht hat. Er findet sich als Anhang in Mon cher Albert. Ein Brief an Albert Camus, den sein Kindheitsfreund Abel Paul Pitous Anfang der 1970er Jahre an den so berühmt gewordenen einstigen Gefährten verfasst hat, der zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war. Das Büchlein verdient eine eigene Besprechung hier im Blog und soll sie gewiss auch noch bekommen. Aber heute, beim Nachsinnen über Camus, den Fußball und die Moral, kommt mir vor allem eine Szene in den Sinn, die Pitous schildert.

1929. Es geht um das dramatische Halbfinale im Fußballturnier der Schulmannschaften. Camus, zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon Torhüter bei der RUA aber für dieses Turnier nicht aufgestellt, steht für das Team der École Pratique d’Industrie (E.P.I.) im Tor, die Mannschaft seines Freundes Abel Paul Pitous. Es ist ein ungleicher Kampf. Die 16-jährigen Jungs der E.P.I. treten im Stadion von Saint-Eugène gegen die 18- bis 20jährigen Gymnasiasten des Clubs A.S.S.E. an, der zudem über zwei starke ausländische Spieler verfügt.  Alles spricht gegen sie, aber die Mannschaft der E.P.I. setzt auf Angriff. Schon nach zehn Minuten gelingt ihnen das erste Tor. Donnernder Applaus im Stadion!

Vom Erfolg angestachelt rennen sie die Älteren über den Haufen, fegen die fassungslosen Gymnasiasten vom Platz, die zudem einige Strafstöße wegen Regelverletzung kassieren. Einer dieser Strafstöße leitet die dramatische Wendung des Spiels ein: Dem Schützen der E.P.I. gelingt ein phantastischer Kopfschuss, der den Ball präzise ins gegnerische Tor katapultiert. Das Stadion dröhnt von Geschrei und Bravorufen. Aber dann: ungläubige Stille. Der Schiedsrichter (ein ehemaliger Schüler des Lycée und Star des RUA) erkennt das Tor nicht an und verhängt einen Freistoß gegen die E.P.I. Grenzenlose Empörung! Die Mannschaft folgt geschlossen dem Beispiel von Spielführer Abel Paul Pitous und boykottiert das Spiel. Ein Spieler der Gymnasiastenmannschaft läuft unter den verächtlichen Blicken der betrogenen Gegner mit dem Ball am Fuß auf das Tor zu, und „…der Torwart – Albert Camus – läuft ihm entgegen . . .,  um ihn abzuwehren? Ach was! . . . Er bleibt an der Elfmetermarke stehen . . ., zieht seine Ballonmütze . . ., grüßt den Angreifer beim Vorbeilaufen, lädt ihn mit einer großzügigen Geste ein weiterzumachen und weist ihm mit der Hand den Weg zum Tor, mit einer gewissen Herablassung allerdings – Bitte sehr, treten Sie ein!  Was für eine phantastische Pantomime! Das Publikum jubelte, nicht über das gestohlene Tor, sondern über die Reaktion auf den Betrug. Ach!, unvergesslich, wie Du statt eines Hutes die Mütze zogst und dann diese großartige Verbeugung, bei der Kopf und Schultern dem Blick folgten, der den Ball ins leere Tor rollen sah… Alles für die Ehre!“ (4).

Vielleicht kann man selbst vom 16jährigen Camus doch noch mehr über Moral lernen als vom Fußball selbst. Heute Abend spielen Frankreich gegen Nigeria und Algerien gegen Deutschland. Camus säße vor dem Bildschirm, soviel ist klar.

 

Abel Paul Pitous, Mon cher Albert. Ein Brief an Albert Camus. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Arche Verlag, Zürich 2014.

(1) Albert Camus, Was ich dem Fußball verdanke. Deutsch von Marie Luise Knott, in: Abel Paul Pitous, a.a.O., S. 84. (2) a.a.O., S. 82, (3) a.a.O., S. 81, (4), a.a.O., S. 69.
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Camus im Angesicht der Gewalt – Ausstellung und „Rencontres méditerranéennes“ in Lourmarin


Ist vielleicht irgendjemand hier gerade in Südfrankreich unterwegs (und schaut trotzdem mal in den Blog rein)? Ich bin’s nämlich leider nicht, und deshalb kann ich auch nicht die Ausstellung anschauen, die ab morgen in der Médiathèque Anne-Marie Chapouton in Lourmarin zu sehen ist.

ALBERT CAMUS ET LES VIOLENCES DU MONDE

ist sie überschrieben und versammelt handschriftliche Dokumente, Texte und Zeitungsartikel von Camus zum Thema der Gewalt sowie fotografische Zeitdokumente. Die Eröffnung, bei der Jérôme Bru Texte von Camus gelesen hat, haben wir allesamt verpasst, denn die fand schon heute am frühen Abend statt. Leider habe ich diese Information aber erst gerade eben aus dem Netz gefischt.

Die Ausstellung ist gewissermaßen ein „Vorspiel“ zu den diesjährigen Rencontres méditerranéennes Albert Camus, die am 5. und 6. Oktober zum Thema De l’ombre vers le soleil : Albert Camus face à la violence in Lourmarin stattfinden werden. Was für ein großartiges Thema! Sind doch die Werke von Camus tatsächlich voll von Gewalt, Mord, Terror und Totschlag – und zugleich eine einzige Absage daran und ein Bekenntnis zur Humanität. Was bräuchte es dringender in diesen Zeiten…

 

 

 

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Camus und Nietzsche in Aachen: Er ist nah, der große Mittag!

Camus‘ L’Etranger in einer Taschenbuchausgabe von 1957.

Einmal mehr muss ich mich bei Sebastian Ybbs von der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen dafür bedanken, den Blog aufgeweckt zu haben… Ich  muss mir, Ihnen und Euch wohl einfach eingestehen, dass ich mit den vielen Themen, die ich dafür eigentlich auf der Liste habe, nicht hinterherkomme, und der Blog im Moment aus verschiedenen Gründen ein bisschen in den Lebenshintergrund gerückt ist. Der Blog wohlgemerkt, nicht Camus!

Ach, und überhaupt! Man kann ja auch einfach mal diesem herrlichen Sommer genießen und in den freien Stunden gar nichts tun, außer in die Luft zu gucken und ziellos vor sich hinzudenken. Für das etwas zielorientiertere Nachdenken dagegen hat Sebastian Ybbs in diesen Tagen, wo die Sonne bei uns ihren Höchststand erreicht hat, und rechtzeitig zum letzten Jour Fixe in Aachen vor der Sommerpause das passende Thema ausgerufen:

Midi – Von Nietzsches Mittagsbegriff zu Meursaults Töten des Arabers

Hochsommer, das war die Zeit, in der der junge Albert Camus im Meer vor Algier Abkühlung suchte oder sich mit seinen Büchern in die Küche der Wohnung zurückzog.

Midi, das ist in Frankreich der Begriff für den dem Mittelmeer zugewandten südlichen Teil des Landes, das war für Albert Camus der Begriff für die Länder rund um das Mittelmeer, von deren Vielfalt er sich eine Verständigung zwischen den Völkern erhoffte. Midi heißt gleichzeitig aber auch schlicht „Mittag“.

Der Mittag ist der Scheitelpunkt des Tages; es ist die Zeit, wo die Sonne am höchsten steht, mit Nietzsche: die Zeit des kürzesten Schattens, mithin, vielleicht, die Stunde der Erkenntnis.

„Er kommt, er ist nahe, der große Mittag.“

„Der große Mittag, da soll vieles offenbar werden.“¹

Die Mittagszeit der gleißenden Sonne am heißen Strand ist es aber auch, die Meursault in Camus‘ Roman Der Fremde zum Mörder werden lässt und ihn vor Gericht sagen lässt, Schuld an allem sei die Sonne gewesen… Am Mittag wird die gnadenlos brennende Sonne zum Feind, der Mittag steht für die sich zuspitzenden Dinge.

Der Brückenschlag zwischen Nietzsches „großem Mittag“ zu Camus‘ Der Fremde ist Thema beim Jour Fixe der Albert-Camus-Gesellschaft am Dienstag, 3. Juli 2018 um 20 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Gesellschaft, wird das Gespräch mit einer kurzen Erläuterung und ersten Gedanken einleiten. Der Jour Fixe ist wie immer offen für alle Interessierten, und der Eintritt ist frei.

¹Friedrich Nietzsche: Also Sprach Zarathustra. De Gruyter, Kritische Studienausgabe 1999, S. 217 und 240.
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„Albert Camus und die Juden“ – Ein differenzierter Blick von Heinz Robert Schlette

Heinz-Robert Schlette, Nestor der deutschen Camus-Forschung, wirft einen erhellenden und differenzierten Blick auf das Thema „Albert Camus und die Juden“. Ein Rückblick auf seinen Vortrag in der Buchhandlung Böttger in Bonn – und Vorblick auf den Vortrag am morgigen Sonntag in Aachen.

„Albert Camus und die Juden“ –  ist das überhaupt ein Thema? In der kaum noch zu überschauenden Literatur zu Camus kommt es, wenn überhaupt, allenfalls am Rande vor. Camus selbst hat sich weder dezidiert zur jüdischen Religion noch zur Judenverfolgung und Vernichtung schriftlich geäußert. Aber ist es vielleicht heute gerade deshalb ein Thema? Camus, die „moralische Instanz“ seiner Zeit, bezieht keine Stellung zu Auschwitz und streicht das Kapitel über den Juden Franz Kafka aus seinem Mythos des Sisyphos, damit sein Essay über das Absurde 1942 bei Gallimard unter deutscher Besatzung erscheinen kann?

Schlette betont gleich zu Beginn, dass sein ins Auge gefasstes Thema historisch, politisch, philosophisch, kulturell und religiös bzw. theologisch mit zahlreichen schwierigen Fragen verbunden ist. Dennoch lässt er keinen Zweifel daran, dass er solche latenten Vorwürfe, wie sie etwa Iris Radisch in ihrer Biografie Albert Camus. Das Ideal der Einfachheit (Rowohlt 2013) erhebt, für blanken Unsinn hält. Weiterlesen

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Camus und Hölderlin – verwandte Seelen, zum klaren Tag geboren

Heute vor 175 Jahren, am 7. Juni 1843, starb in Tübingen der Dichter Friedrich Hölderlin.

Doch du, du bist zum klaren Tag geboren.“

„Mais toi, tu es né pour un jour limpide…“

Den Satz aus Hölderlins Tragödie Der Tod des Empedokles hat Camus seiner Essaysammlung L’Été (dt.: Hochzeit des Lichts) als Epigraph vorangestellt.¹ Jedesmal, wenn ich über diesen Satz stolpere, bleibe ich daran hängen und kann es immer neu nicht fassen: Wie kann denn bloß so ein kleiner Satz so ein Gewicht haben? Wie kann ein so kleiner Satz von der Tiefe eines Meeres sein und einen ganzen Sehnsuchtshorizont aufreißen?

Den Hölderlin-Satz hatte Camus 1951 schon in sein Tagebuch notiert, eingebettet in zwei weitere Stellen aus der selben Quelle, die ihn vielleicht noch heller strahlen lassen:

«[O lass uns scheiden…] Und eines bleiben, die zu rechten Zeit / Aus eigner Kraft die Trennungsstunde wählten.» (…) «Vor dem / In todesfroher Stund am heilgen Tage / Das Göttliche den Schleier abgeworfen.»²

Camus kannte fürwahr die Nachtseite des Lebens, aber das Licht, unter dem er geboren wurde, das Licht seiner algerischen Heimat hat ihn immer geleitet. „Man kann sein Leben nicht verfehlen, wenn man es ins Licht stellt“, schrieb er 1936 in sein Tagebuch³. Wie und warum es einem Menschen dennoch unversehens abhanden kommen kann, dieses Lebenslicht, sodass es für ihn auch bei schönstem Sonnenschein kalt und dunkel bleibt, wie es angehen kann, dass ausgerechnet diese schöne Seele, die diesen lichtvollen Satz hervorbrachte, sein Leben in jahrzehntelanger Umnachtung im Turm zu Ende bringen musste, und ob wir alle am Ende eingehen in dunkle Nacht oder ein neues Licht sich auftun wird wie ein klarer Tag  – das gehört zu den großen Rätseln, die nicht aufzulösen sind und die es, in Treue zur Erde, anzunehmen gilt.  Auch seinem Essay Der Mensch in der Revolte stellte Camus einen Vers aus Hölderlins Tod des Empedokles als Epigraph voran:

Und offen gab mein Herz wie du der ernsten Erde sich
der Leidenden und oft in heilger Nacht
Gelobt ich’s ihr, bis in den Tod
die schicksalsvolle furchtlos treu zu lieben
und ihrer Rätsel keines zu verschmähn.
So knüpft ich meinen Todesbund mit ihr.

Seelenverwandtschaft, über die Jahrhunderte hinweg. Auch ein Rätsel  – aber ein schönes. Eines, dessen Unauflösbarkeit nicht Unruhe stiftet oder Angst, sondern Staunen und Dankbarkeit.

* * *

¹ Fehlt leider in den (mir bekannten) deutschen Ausgaben. Im Original: Albert Camus, Oeuvre complètes III, 1949-1956, édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade. p. 565.
² Albert Camus, Tagebücher 1951-1959, Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 14, Eintrag ca. Juni 1951.
³Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963, 1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 20. Eintrag von Mai 1936.
Foto: Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792 (wikicommons)

Zu Leben und Werk Friedrich Hölderlins bei Wikipedia

Verwandte Beiträge:
Hölderlin, Camus und ich spazieren über den Philosophenweg
Von lächelnder Verzweiflung und Trunkenheit beim bloßen Anblick eines Hügels in der Abendluft

 

 

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Camus und die Datenschutzgrundverordnung

Liebe Blog-Leserinnen und Camus-Freunde,

dies ist nur eine Wasserstandsmeldung darüber, dass der Blog entgegen allen Anscheins nicht tot ist. Tatsache ist einfach nur, dass ich mich ewig lange um das leidige Thema des Inkrafttretens der neuen DGSVO (Datenschutzgrundverordnung) herumgedrückt habe und dann wie so viele Blogger-Kolleginnen und -Kollegen auch leicht paralysiert vor dem Schirm saß und mich fragte: Was darf ich denn jetzt eigentlich noch, und was muss ich tun? Bei nicht wenigen hat das sogar zur Aufgabe ihrer Blogs geführt, wie man hört und liest. Das stand bei mir zwar nie zur Debatte, aber Fragen, welche bewährten Plug-Ins plötzlich nicht mehr DGSVO-konform sind und abgeschaltet werden müssen, wie man Ersatz findet, ob der Newsletter noch verschickt werden darf oder wie ein korrektes Impressum neuerdings auszusehen hat u.a.m sind ja nicht gerade das, womit sich philosophisch orientierte Menschen am liebsten beschäftigen. Weshalb ich’s dann auch die ganze Zeit lieber erstmal vor mir hergeschoben habe. So, aber jetzt ist alles (hoffentlich) schön DSGVO-konform, und ich kann mich wieder den Inhalten zuwenden.

Dass ausgerechnet der Bericht über den feinen Vortrag von Prof. Heinz-Robert Schlette über „Albert Camus und die Juden“ in Bonn deshalb so lange in der Warteschleife hängt, tut mir von Herzen leid! Immerhin kann ich heute schon mal ankündigen, dass es eine zweite Chance gibt, ihn zu hören: Am Sonntag, 10. Juni, um 12 Uhr bei der Albert-Camus-Gesellschaft im LOGOI, Jakobstraße 25 a in Aachen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Ich wünsche allen einen wunderschönen Sonntag und sage, jetzt aber wirklich: à bientôt!

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Auf „Spurensuche nach Jean Grenier“ – Albert Camus erinnert sich…

Der nächste Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen widmet sich dem Verhältnis von Albert Camus zu seinem philosophischen Lehrer Jean Grenier.

Häufigere Blog-Pausen bedeuten ja nicht, dass mir gerade die Camus-Themen ausgehen würden… Eher im Gegenteil: Die Themen auf der Liste bräuchten einfach mehr Zeit, als der Alltag meist übrig lässt. Und so gibt es eine ganze Reihe von Themen, die hier im Blog der Bearbeitung harren…

Eines davon ist ganz sicher das Verhältnis von Albert Camus zu seinem Philosophie-Lehrer und Mentor Jean Grenier, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Greniers Essays Die Inseln machten den jungen Camus „trunken“, wie er selbst später in einem Vorwort zu den Essays schrieb, und befeuerten nachhaltig seinen eigenen Wunsch, Schriftsteller zu werden.

“Zu der Zeit, als ich die Inseln entdeckte, wollte ich zu schreiben beginnen, so glaubte ich jedenfalls. Wirklich entschieden haben ich mich erst dafür, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte.” ¹             

Entsprechend habe ich Die Inseln einst mit großer Erwartung zu lesen begonnen – und war ziemlich verwirrt darüber, dass ich Camus‘ Begeisterung so gar nicht teilen konnte. Vor einiger Zeit nahm ich einen zweiten Anlauf, dachte, es würde bestimmt helfen Die Inseln am Meer zu lesen und packte das Buch in den Urlaubskoffer – aber die erhoffte Inspiration blieb erneut aus, und ich blieb die Besprechung im Blog schuldig. Vielleicht muss ich einen dritten Anlauf nehmen…

… oder morgen nach Aachen fahren, denn dann begibt sich Günter Sydow beim offenen Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft auf „Spurensuche nach Jean Grenier“.  “Welche Wirkung, welche Bedeutung hatte dieser Jean Grenier vor allem für den jungen Camus? Was war er – Lehrer, Vorbild, Berater, Freund, Wegbereiter, literarische Instanz, Vordenker, gar ein Denkmal?“ Diesen Fragen ist Günter Sydow nachgegangen und wird davon berichten. Kommen Sie mit auf die Spurensuche eines Lesenden – mit kurzen Texten und Zitaten will ich versuchen, das besondere Verhältnis dieser beiden Schriftsteller auszuleuchten,“ lädt Günter Sydow alle Interessierten ein.

Termin:
Dienstag, 8. Mai, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen (Eintritt frei).

Und hier zur Einstimmung noch ein kostbares kleines Fundstück aus dem Netz: Albert Camus spricht über seine Erinnerungen an Jean Grenier. 

Jean Grenier
wird 1898 in Paris geboren und wächst in Saint-Brieuc in der Bretagne auf. Von 1930 bis 1938 ist er als Lehrer in Algier tätig. Nach Lehraufträgen an Universitäten in Alexandria, Kairo und Lille wird Grenier 1962 an die Pariser Sorbonne berufen, wo er bis 1968 den Lehrstuhl für Ästhetik innehat. 1971 stirbt Grenier in Dreux-Venouillet, Eure-et-Loir. Camus kommt im Oktober 1931 zu Jean Grenier in die Philosophieklasse, als er nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit aufs Lycée zurückkehrt. Nachdem Grenier die Agrégation für die Universität erworben hat, übernimmt er im letzten Jahr von Camus an der Uni einen Kurs in allgemeiner Philosophie.²

¹ Albert Camus im Vorwort zu Jean Grenier: Die Inseln, Karl Alber Verlag 2015, S. 16. ²vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 46f.

 

 

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Bedenkenswertes von Camus zum heutigen „Tag der Erde“

Diesen Blick kannte auch Camus: vom Chateau de Lourmarin aus über einen Olivenhain hinweg auf die Hügel des Luberon. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Während die Werke des Menschen nach und nach die unendlichen Weiten unter sich begraben haben, in denen die Welt schlummerte, und zwar in solchem Ausmaß, dass sogar die Vorstellung der unberührten Natur heute dem Mythos des Gartens Eden angehört (es gibt keine Inseln mehr), indem er die Wüsten bevölkerte, jeden Streifen Strand in Grundstücke aufteilte, sogar den Himmel mit groben Flugzeugstrichen schraffierte und nur jene Gegenden schonte, wo der Mensch eben nicht leben kann, hat gleichermaßen und zur gleichen Zeit (und deswegen) das Geschichtsgefühl nach und nach das Naturgefühl im Herzen der Menschen unter sich begraben und dabei dem Schöpfer entzogen, was ihm bis dahin zukam, um es dem Geschöpf zurückzugeben, und dies alles in einer so mächtigen und unaufhaltsamen Bewegung, dass wir den Tag voraussehen können, an dem die stille Schöpfung der Natur restlos durch die scheußliche aufdringliche Schöpfung des Menschen verdrängt sein wird, die vom Geschrei der Revolution und Kriege dröhnt, vom Lärm der Fabriken und der Eisenbahn, unwiderruflich schließlich und siegreich im Ablauf der Geschichte; und dann hat sie ihre Aufgabe auf dieser Erde erfüllt, die vielleicht darin bestand, zu demonstrieren, dass alles noch so Großartige und Erstaunliche, was sie in Jahrtausenden zu vollbringen vermochte, nicht soviel wert war, wie der flüchtige Duft der Heckenrose, das Tal der Olivenbäume, der Lieblingshund.” (1) 

Da mein Bericht über den Vortrag von Prof. Heinz Robert Schlette zu Albert Camus und die Juden noch ein bisschen Zeit braucht und ich gerade bemerkte, dass heute wieder der jährliche „Tag der Erde“ begangen wird, habe ich einfach mal wieder dieses wunderbare Zitat herausgesucht. Kann man sich ja gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen! Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden noch einen schönen Sonntag – auf dass wir alle jeden Tag etwas für unsere Erde tun, nicht nur am „Tag der Erde“.

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 230. Eintrag von 1947.
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„Albert Camus und die Juden“ – Vortrag von Heinz Robert Schlette bei Böttger in Bonn am 19. April

Heute habe ich eine zwar kurze aber sehr erfreuliche Meldung: Es gibt einen neuen Termin für den Vortrag von Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette zum Thema „Albert Camus und die Juden“ in der Buchhandlung Böttger im Bonn, der am 1. März krankheitsbedingt ausfallen musste. Mehr Inhaltliches dazu steht bereits in meiner ersten Ankündigung des Vortrags vom 16. Februar. Bleibt bis dahin nur Daumendrücken, dass der Frühling am Rhein auch den letzten fiesen Grippeviren den Garaus gemacht hat und wir uns auf ein gesundes Wiedersehen und einen ganz zweifellos anregenden Abend mit dem großen Camus-Kenner freuen dürfen!

Der neue Termin ist der 19. April um 20 Uhr. Ort: Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Str. 41, Bonn. Die Buchhandlung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Mehr Infos hier.

* * *

Bereits am heutigen Dienstag, 10. April, findet wieder der monatliche Jour Fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen statt. Thema ist dieses Mal der Roman Meursault – Eine Gegendarstellung des algerischen Autors Kamel Daoud. Bernhard Ulbrich gibt eine Einführung.

Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, fragt dazu: „Aber bedurfte es tatsächlich einer Gegendarstellung? Albert Camus hatte nicht die Intention gehabt, einen Gesellschaftsroman zu schreiben, der das teils schwierige Miteinander der französischen Kolonialisten mit den alteingesessenen Arabern in Algerien beschreiben sollte. Camus wollte schlicht einen Roman über sein Thema der Absurdität schreiben. Und den Vorwurf, die arabische Bevölkerung Algeriens hätte ihn wenig interessiert, kann man ihm, wenn man seine Biographie, seine journalistischen Schriften und sein politisches Engagement kennt, sicherlich nicht machen. Doch bei allen Bedenken, das Buch von Kamel Daoud ist von vielen Kritikern gelobt worden. Es entführt in die Welt der Arabischen Bevölkerung im Algerien des 20. Jahrhunderts und ist demnach mehr als nur ein Portrait Moussas. Literarisch gesehen könnte man den Roman vielleicht als Seitenarm zu Der Fremde ansehen. Viele Autoren haben sich bereits, mehr oder weniger gelungen, von Camus Romanen anregen lassen, dieser scheint, wenn man den Rezensenten glauben darf, geglückt sein.“

Der Gesprächskreis ist wie immer offen für alle Interessierten. Termin: Heute, 10. April 2018, 20 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

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Viel Wahn und wenig Sinn – Camus‘ Caligula am Düsseldorfer Schauspiel

Regisseur Sebastian Baumgarten überschreibt seine Caligula-Inszenierung in Düsseldorf als „Auseinandersetzung mit Albert Camus“. Der droht im Jahrmarktbudenzauber allerdings unterzugehen.


Szenenbild mit (v.l.): Jonas Friedrich Leonhardi (Scipio), André Kaczmarczyk (Caligula), Yohanna Schwertfeger(Caesonia). Foto: Sandra Then

Ach herrje. Was tut mir sowas immer leid: Da sind mehr als ein halbes Dutzend Menschen, die spielen sich zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib, entblößen sich, geben sich preis; da sind andere, die sich die dollsten Gedanken gemacht, gelesen, diskutiert, probiert haben – und ich gehe nach der Premiere aus dem Theater und denke: – – – je, nun. Ja, doch, waren ein paar interessante Stellen drin. Aber im Großen und Ganzen: nee, also nicht wirklich. Gelungen ist anders. Überzeugend ist anders. Und vor allem, das Schlimmste: Berührend ist anders. Da wird auf der Bühne gelitten, gemordet, geliebt, gedemütigt, geschrien, gespielt, geheult – und es bringt nichts in mir in Bewegung, außer der Anerkennung für die schauspielerische Leistung. Keine Furcht, kein Mitleid, keine Katharsis und auch nicht wenigstens ein bisschen das Gequältsein von den offenen Fragen, mit denen uns Camus entlässt – nichts davon in dieser Tragödie der Erkenntnis, als die Camus sein Stück angelegt hat.

Liegt es vielleicht am Stück selbst? Das hat man dem Autor oft vorgeworfen. Allzu ideenlastig seien seine Stücke; da wird endlos dialogisiert und monologisiert und dabei das ganz große Fass aufgemacht von wegen Absurdität und Gott und Revolte und Wasnichtalles, da muss man als Regisseur erstmal dafür sorgen, dass überhaupt irgendwas passiert auf der Bühne und nicht nur geredet wird. Regisseur Sebastian Baumgarten sorgt dafür, dass auf der Bühne im Düsseldorfer Schauspiel-Central jede Menge passiert, und Bühnenbildnerin Barbara Steiner sorgt dafür, dass man jede Menge zu gucken hat, und dann werden noch Leinwände rauf und runter gefahren, auf die Videos projiziert werden (Hannah Dörr) und es gibt nahezu durchgängige (Live-)Musik (Stefan Schneider, gespielt von Jovan Stojsin). Die Bühne ist mit historisierenden bunten Jahrmarktsbuden umstellt, vorne links eine, die gelegentlich wie ein Schattentheater bespielt wird oder deren Vorhang als Projektionsfläche dient, es gibt einen riesigen Trichter, aus dem es manchmal dröhnt und der manchmal als Spielfläche dient, es gibt eine pinkfarbene Showtreppe, und die Bühnenmitte ist eine riesige quietschrosa Luftmatratzenspielwiese, auf der man herumspringen und Purzelbäume schlagen kann, und der später die Luft ausgeht.

Jede Menge Action also, und dazu passt dann auch, dass Scipio mahnend zu Caligula sagt: „aber es gibt doch the religion, the art, the love!“, und dass Caligula Scipio lässig „Skip“ nennt. Es passt sogar dazu, dass Caesonia eine doofe Göre ist, die gelangweilt am Lutscher leckt, während Caligula mal wieder ein paar Köpfe rollen lässt oder sich sonstige Grausamkeiten ausdenkt und kraft seiner unbeschränkten Macht sogleich Wirklichkeit werden lässt. Was nicht dazu passt sind die weisen Sätze, die Camus Caesonia in den Mund gelegt hat: „In meinem Alter weiß man, dass das Leben nicht gut ist. Aber wenn das Böse schon auf der Erde ist, warum dann noch dazu beitragen wollen?“ oder „Gebrauche deine Macht, um das, was noch geliebt werden kann, inniger zu lieben. Auch das Mögliche verdient, dass ihm seine Möglichkeiten gewährt werden.“ Nein, solche Sätze nimmt man dieser Caesonia schlicht nicht ab, sie gehen unter, wie so vieles von dem, was Camus uns sagt, untergeht in diesem bunten Spektakel. Caesonia ist nicht nur die ältere Geliebte Caligulas, sie ist neben Scipio in diesem Stück die Stimme der Liebe selbst, die weiß, dass sie recht hat und zugleich weiß, dass sie nichts auszurichten vermag; die weiß, dass sie recht hat und sich dennoch dem Unrecht und der Willkür Caligulas unterwirft und einwilligt in sein mörderisches Tun, weil ihre Liebe ohne Maß ist – was für eine Zerrissenheit, was für eine Verzweiflung in dieser Figur… Allein diese Caesonia da auf der Bühne (Yohanna Schwertfeger) scheint davon nichts zu wissen, und als sie am Ende zuckend und noch ein bisschen mit den goldenen Stiefelettchen strampelnd unter Caligulas würgenden Händen stirbt, ist es mir auch egal.

Caligula (André Kaczmarczyk) und Caesonia (Yohanna Schwertfeger) auf der Luftmatratzenspielwiese. Foto: Sandra Then

Leider ist das das Problem sämtlicher Figuren auf der Bühne: Es mangelt ihnen an Zwischentönen, sie haben keine Fallhöhe. Die Patrizier und Senatoren toben von Anfang an wie ein paar Spaßvögel in ihren lächerlichen Leinenkleidchen, in die sie Caligula vielleicht irgendwann zwecks Demütigung stecken würde, über die rosa Luftmatte – dass der Herrscher sie später zwingen wird, sich auch dieser noch zu entledigen und sie in Unterhose und Strümpfen dastehen lässt, macht da nicht mehr viel aus. Keine dieser Figuren scheint je erfahren zu haben, dass Verzweiflung und Trauer und sogar Wut sich auch (oder gerade) in leisen Tönen äußern können; nicht einmal Scipio (Jonas Friedrich Leonhardi), der der wahre Gegenspieler von Caligula ist, weil er ihn liebt und ihm die Stirn bietet.

Man hätte Scipio im von Caligula ausgerufenen Dichterwettstreit nicht erst Celans Todesfuge rezitieren lassen müssen, um deutlich zu machen, wie himmelhoch er den anderen überlegen ist – es hätte eigentlich genügt, hinzuhören, was Camus uns durch ihn zu sagen hat. Um dem das Gewicht zu verleihen, das ihm zukommt, hätte man ihn aber auch am Leben lassen und seinen Weg gehen lassen müssen, wie von Camus vorgesehen. Hier aber entscheidet sich die Regie lieber für den Knalleffekt, dass Scipio sich mit dem Revolver, den er zunächst auf Caligula richtet, selbst erschießt.

Knalleffekt, Tempo, Action, Slapstick, das zieht sich durch. Wie soll man da genau hinhören und darauf kommen, dass jede einzelne Figur in diesem Drama eine eigene Position markiert und uns mit einer anderen Antwort auf die Frage herausfordert, wie man sich am besten durch dieses verdammte absurde Leben schlägt. Schwann drüber, müssen wir hier nicht durchexerzieren.

Aber Caligula – zu Caligula muss man natürlich was sagen. André Kaczmarczyk, der junge Star des Düsseldorfer Ensembles, der dort fast jeden Tag in einer anderen großen Rolle auf der Bühne steht, darf seiner Figur immerhin ein paar mehr Facetten abringen als seine Kollegen den ihren. Auch mal kühl und gleichgültig sein in seinem Wahn. Meistens aber ist er wunderbar irre, exaltiert, sprunghaft, eben so herrlich durchgeknallt, wie wir uns naiver Weise einen wahnsinnigen Tyrannen vorstellen. Und da er das von Beginn seines Erscheinens auf der Bühne an ist, lässt sich das nur noch durch verschiedene Maskeraden steigern, bis hin zum bleichgesichtigen, clownesken Tod selbst in den letzten Szenen.

Caligula, lehmbeschmiert (André Kaczmarczyk). Foto: Sandra Then

Das Problem ist nur: Camus’ Caligula ist gar nicht so ein schlichter wahnsinniger Tyrann, der seine Allmacht aus Lust an der Grausamkeit ausübt. Camus’ Caligula ist zunächst und vor allem der einzige, der die Erkenntnis, dass die Menschen sterben und nicht glücklich sind, und dass dem Leben kein tieferer Sinn innewohnt, in ihrer ganzen existenziellen Tragweite ermisst. Und der dagegen revoltiert, wie die Menschen sich gewöhnlich mit dieser Tatsache arrangieren und sich dennoch behaglich im Leben einrichten. „Dann ist eben alles um mich Lüge“, stellt er fest und entscheidet: „Ich aber will, dass in der Wahrheit gelebt wird!“ Also ernennt Caligula sich selbst zum Lehrer des Absurden, und nutzt seine Mittel, die Menschen zu zwingen, in der Wahrheit zu leben: In einer Welt nämlich, in der niemand seines Lebens sicher ist und der grausamste Gedanke jederzeit Wirklichkeit werden kann.

Genau das aber ist immer schon die menschliche Wirklichkeit. Es ist, auf der philosophischen Ebene, nichts anderes als die condition humaine. Und es ist, auf der politischen Ebene, menschliche Wirklichkeit seit undenklichen Zeiten. Mord, Vertreibung, Folter, Enteignung – alles an der Tagesordnung. „Wenn du rechnen könntest, wüsstest du, dass der kleinste, von einem vernünftigen Tyrannen geführte Krieg euch tausendmal teurer zu stehen käme als die Launen meiner Willkür“, sagt Caligula zu Scipio, und wer wollte dem widersprechen. Caligula bedient sich zur Begründung seiner Taten einer konsequent angewandten Logik. Er ist eben nicht „irre“ – er ist in all seinem Tun bei klarem Verstand. Und trotzdem muss uns die Art und Weise und das Ergebnis seiner „Lehre“ vollkommen wahnsinnig erscheinen. Würde die Regie diese Widersprüchlichkeit ernst nehmen und würde es ihr gelingen, die dafür nötigen Zwischentöne herauszuarbeiten, dann würden uns alle naselang selbst die passenden Bilder von mörderischem Krieg, Vertreibung, Enteignung, Folter, Vernichtung einfallen, die das Bühnengeschehen in unsere Gegenwart hinein fortsetzen, und die hier didaktisch einwandfrei mit den entsprechenden Titeln versehen auf die Leinwand gespielt werden.

Würde die Regie diesen Caligula hier nicht schon von Anfang an seinen vermeintlichen Wahnsinn auf so hohem Niveau zelebrieren lassen, dann würde vielleicht auch deutlich, was ihn am Ende tatsächlich irre werden lässt, irre werden lassen muss: Nämlich zu wissen, dass er in allem recht hatte und dennoch sein Weg der falsche war.

Allzu ideenlastig seien die Dramen von Camus, hat man ihm oft vorgeworfen. Zu wenig lebendig, zu wenig Handlung. Das mag stimmen oder auch nicht. Nur: Den philosophischen Ideengehalt mit einem bunten Actionpotpourri zuzuschütten wie in dieser Düsseldorfer Inszenierung anstatt ihm mit echten, lebendigen, fühlenden, liebenden, leidenden Menschen auf der Bühne Fleisch und Blut zu verleihen, kann auch nicht die Lösung sein.

Epilog:
Ich sagte ja schon: Mir tut sowas immer so leid. Und ich muss natürlich nachträglich in Rechnung stellen, dass ich für meinen Teil gar nicht mehr mit einem unbekümmerten, unvoreingenommenen Blick in einem Camus-Stück sitzen kann. Ein paar Jahrzehnte „Leben mit Camus“ kann man halt nicht mehr abschütteln. Der ganze Theaterabend ist übrigens mittels Einblendung zu Beginn überschrieben mit: „Caligula. Auseinandersetzung mit Albert Camus (1938). Düsseldorf 2018“. Auseinandersetzung also. Darf man halt auch nicht so eng sehen. Sehr gut möglich also, dass manch’ weniger Camus-vorbelastete Besucher*in das Theater gut gelaunt, bestens unterhalten und womöglich sogar zu eigenen Gedanken angeregt verlässt. Der zwar nicht enthusiastische aber doch sehr freundliche Premierenapplaus spricht durchaus dafür. Sollten Sie, die sie dies hier lesen, dazu gehören, berichten Sie doch davon in der Kommentarfunktion zu diesem Beitrag. Ich würde mich freuen!

Die nächsten Vorstellungen: 
29. März, 19.30 Uhr (Einführung 18.45 Uhr), 4. April, 19.30 Uhr, 15.4. (18 Uhr), 27.4., 5. und 28. Mai, 1. Juni (19.30 Uhr). Premiere war am 17. März.
Achtung: Gespielt wird aufgrund von Sanierungsmaßnahmen und einer Baustelle nicht im Düsseldorfer Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz sondern im Central, Worringer Straße 140, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Infos und Karten 

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Veröffentlicht unter Bühne/ Film/ Fernsehen, Kritiken von Anne-Kathrin Reif | Verschlagwortet mit , , , , , | 6 Kommentare