Ein bisschen dies und das von Albert Camus im Herbst

In den vergangenen Jahren um diese Zeit hatte ich längst die Camus-Theatertermine für die Herbst-Wintersaison zusammengesammelt – regelmäßig eine schöne Fleißarbeit für die ersten verregneten Sonntagnachmittage… Heute ist ein verregneter Urlaubstag, und mit dem Zusammensammeln bin ich ziemlich schnell durch. Fazit: Nach mehreren Jahren großer Camus-Präsenz an deutschsprachigen Bühnen wird unser Freund offenbar gerade als „abgespielt“ betrachtet. Einzig Die Pest findet sich noch in Bühnenfassungen als Wiederaufnahme beim Hessischen Staatstheater Wiesbaden, und das Deutsche Theater Berlin spielt seine Fassung von András Dömötör aus dem Jahr 2019 noch andernorts, namentlich am 18. November 2022 am Schlosstheater in Fulda (ohne Anspruch auf Vollständigkeit…).

Die Pest am Staatstheater Wiesbaden, mit Matze Vogel. Foto: Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Die Pest – In einer Fassung von Sebastian Sommer, mit Matze Vogel

Eine „Eindrucksvolle Ein-Mann-Schau“ befand zur Premiere 2020 die Frankfurter Rundschau; in der Frankfurter Neue Presse hieß es: „Vogel rattert die Todesfallzahlen so gleichgültig herunter, dass es einen schaudern lässt. Er hofft und stirbt mit ganzer Kraft und lässt einen Albtraum so beeindruckend lebendig werden, dass er sich viel zu nahe anfühlt.“

Termine: 14. Oktober 2022 (Wiederaufnahme), 20./29./30. Oktober, 27. November. Infos, Trailer und Tickets: www.staatstheater-wiesbaden.de

Božidar Kocevski. Foto: Deutsches Theater Berlin

Schlosstheater Fulda, Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin

Die Pest – in einer Fassung von András Dömötör und Enikő Deés, mit Božidar Kocevski

„Eine starke düstere Parabel mit starken heutigen Bezügen. Regisseur András Dömötör und Enikő Deés haben Camus‘ berühmtesten Roman dramaturgisch brillant für die Bühne adaptiert“, urteilte die Berliner Morgenpost zur Premiere 2019. Mehr (positive) Pressestimmen und Stückinfo auf www. deutschestheater.de

Termin: 18. November 2022, 20 Uhr, Schlosstheater Fulda, Tickets hier

Der Schauspieler Joachim Król ist mit Camus‘ „Der erste Mensch“ auf Tournee. Foto: Stefan Nimmesgern

Immer noch (und das seit 2018) auf Tour sind Joachim Król & l’Orchestre du Soleil mit Der erste Menschdie unglaubliche Geschichte einer Kindheit, am 12. Dezember 2022, 20 Uhr, im Theater Heilbronn. Meine Kritik zur Aufführung 2018 in Düsseldorf hier im Blog.

Schließlich noch ein Hinweis auf ein Kolloquium der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg, es findet am 11. Oktober 2022 von 18 bis 20 Uhr per Zoom statt, sodass die Teilnahme für Interessierte ohne Anreise möglich ist. Das Kolloquium steht unter dem Titel Camus und Sartre – Ist der Existentialismus ein Humanismus?  Es gibt zwei ca. 30minütige Vorträge mit anschließender Diskussion. Der Vortrag von Enno Rudolph lautet: Existentialismus und Humanismus: Divergenzen und Konvergenzen im Ausgang von Sartres Heidegger-Kritik, Helmut Martens spricht zum Thema Albert Camus: philosophischer Literat, literarischer Philosoph und politisch engagierter Intellektueller – Überlegungen zu seiner existenziellen Philosophie. Anmeldungen sind hier möglich: info@humanistische-akademie-bb.de

Helmut Martens kündigt bereits jetzt an, die verschriftlichte Fassung zu seinem Vortrag voraussichtlich noch im Oktober auf seiner Homepage zu veröffentlichen, wo sich bereits weitere Aufsätze zu Albert Camus finden: http://www.drhelmutmartens.de

Und zu guter letzt der Hinweis auf ein Zeitzeichen, das der WDR am 17. Oktober 2022 zum 65. Jahrestag der Bekanntgabe der Literatur-Nobelpreis-Verleihung an Albert Camus produziert. Gesendet wird die etwa 15-minütige Sendung, an dem auch der Vorsitzende der Albert Camus Gesellschaft in Aachen, Holger Vanicek, mitgewirkt hat, auf WDR 5 um 9.45 Uhr, auf WDR 3 um 17.45 Uhr und auf NDR-Info um 20.15 Uhr. Ich bin gespannt!

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„Der Bußrichter“ – Vortrag zum Roman „Der Fall“ bei der Albert Camus Gesellschaft in Aachen

„Ein Glück, dass es Wacholder gibt, es ist der einzige Lichtblick in dieser Finsternis,“ sagt Jean-Baptiste Clamence, Ex-Advokat und selbsternannter Bußrichter, der in einer Amsterdamer Spelunke namens „Mexico City Bar“ einem nicht näher bezeichneten Gegenüber eine Art Seelenbeichte ablegt. Albert Camus‘ Roman Der Fall ist eine düstere Geschichte, aber auch ungemein scharfsinnig, ironisch, bissig – und oft genug hat man hat das Gefühl, ertappt zu werden, auch wenn einem dieser Clamence, der so schonungslos mit sich ins Gericht geht, dass es schon wieder in Selbstgerechtigkeit umschlägt, nicht sonderlich sympathisch sein muss. Aber er haut halt ganz nonchalant auch Sätze raus wie:

„Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich.“ *

Ein bisschen wie in die Finsternis gefallen angesichts der Herausforderungen des Alltags ist auch der Blog in den letzten Wochen, da hätte auch kein Wacholderschnaps geholfen. Mein Lichtblick ist die Tatsache, dass der Jour Fixe der Albert Camus Gesellschaft in Aachen nach Corona und Sommer bedingter Pause am kommenden Dienstag wieder auflebt und damit auch den Blog wieder mal aufweckt. Holger Vanicek, Vorsitzender der Albert Camus Gesellschaft, wird vor dem gemeinsamen Gespräch einen Impulsvortrag zu dem großartigen Roman Der Fall geben und ausgewählte Passagen lesen.

Wer nicht dabei sein kann, für den gilt die Empfehlung, diesen Roman, der in jüngster Zeit vielleicht unter der allgegenwärtigen Pest ein wenig aus dem Blick geraten ist, selbst (mal wieder) zur Hand zu nehmen!

  • Dienstag, 6. September 2022, um 19.30 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen. Der Eintritt ist frei. Da es sich um eine Kooperationsveranstaltung mit der VHS Aachen handelt, wird um eine Anmeldung gebeten. Link zur VHS-Anmeldung hier.



Verwandter Beitrag (aus der Rubrik „unterwegs“):
Wie schön sind die Kanäle im Abendlicht


(*) Albert Camus, „Der Fall.“ Deutsch von Guido G. Meister. © Rowohlt Verlag 1957, S. 49

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„Ich fühlte mich so voll, so bei mir … so da“  

Mit diesen Worten schilderte der Schauspieler Karl Walter Sprungala sein Empfinden, nachdem er im letzten Jahr Albert Camus‘ Roman Der erste Mensch gelesen hatte. Jetzt ist der Ausnahme-Schauspieler und Charakterdarsteller bei einer Bergsteigertour in den Schweizer Alpen tödlich verunglückt. Karl Walter Sprungala wurde 65 Jahre alt.

Karl Walter Sprungala (1957-2022).

Im vergangenen Herbst hatte er beim Albert Camus Festival in Aachen Camus‘ Caligula  in einer von Sebastian Ybbs als Monolog umgeschriebenen Fassung gespielt und diese Rolle unglaublich eindrucksvoll verkörpert. „Da war ein Gänsehautgefühl inbegriffen“, erinnert sich der Vorsitzende der Albert Camus Gesellschaft. „Wir hatten vor, dieses Stück in sich fortentwickelnden Inszenierungen weiter aufzuführen. Jetzt erscheint uns sein Tod so absurd, weil wir ihn nicht begreifen können und nicht akzeptieren wollen“, sagt Sebastian Ybbs bewegt und ergänzt: „Bei allen Nachrufen, die wir jetzt zu erwarten haben, sollte vor allem eins im Vordergrund stehen: welch ein liebenswerter Mensch er war.“

Karl Walter Sprungala wurde 1957 in Weimar geboren, wuchs aber in Aachen auf. Seine Schauspielausbildung erhielt er an der Hochschule der Künste in Berlin. Im Anschluss spielte er an verschiedenen Theatern wie dem Grenzlandtheater Aachen, dem Nationaltheater Mannheim und in der Waldburg in Hergenrath (Belgien). Von 2000 bis 2005 war Sprungala festes Ensemblemitglied des Theaters Aachen. Nach Jahren der Freiberuflichkeit, in denen er in vielen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen war, war er zuletzt wieder fest ans Theater Aachen zurückgekehrt.

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Das eine geht, das andere kommt: Zweimal Camus in (nicht nur) eigener Sache

Links: Das letzte Exemplar von „Vom Absurden zur Liebe“, recht: Der kürzlich erschienene Sammelband zur Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf.

Alle, die Albert Camus –  Vom Absurden zur Liebe auf ihrer Leseliste stehen haben, denen aber bislang immer was dazwischen gekommen ist, müssen jetzt tapfer sein: Es ist nur noch ein Exemplar da, und das ist mittlerweile fest reserviert für einen getreuen Blog-Leser, der es demnächst verschenken möchte. Ich schreibe das mit einem fröhlichen und einem traurigen Auge, denn einerseits ist es natürlich schade, dass mein Buch (vorerst) allenfalls noch leihweise Leserinnen und Leser finden wird. Andererseits freue ich mich sehr darüber, dass es doch so viele Interessenten gefunden und sich zu einem echten Longseller entwickelt hat. Und da sich immer noch niemand anderer dieses im Camus-Kosmos doch so bedeutenden Themas angenommen und es womöglich sogar weitergedreht hat, werde ich nun schauen, ob sich trotz der exorbitant gestiegenen Papierpreise ein Nachdruck realisieren lässt. Wenn Sie informiert werden möchten, sollte das Buch wieder lieferbar sein, senden Sie bitte hier eine unverbindliche Vorbestellung. Kleiner Hinweis: Bei einer größeren Anzahl an Vormerkungen erhöht sich die Chance auf eine weitere Auflage. 

Sammelband vereinigt die Vorträge der Düsseldorfer Ringvorlesung

Aber es ist ja nicht so, dass der Camus-Lesestoff ausginge – im Gegenteil! Ziemlich druckfrisch auf dem Tisch liegt nämlich hier der gerade erschienene Sammelband Albert Camus – ein Philosoph wider Willen? Zur Geschichte und Gegenwart seines Denkens. Es handelt sich überwiegend um die Schriftfassungen der Vorträge der gleichnamigen Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus dem Sommersemester 2021, ergänzt um drei weitere Beiträge und sorgfältig ediert von  Dennis Sölch und Oliver Victor, die auch die Ringvorlesung organisiert und kenntnisreich begleitet und moderiert haben. Wegen der Corona-Pandemie fanden alle Vorträge per Videoübertragung statt, was in dem Fall ausnahmsweise einmal von Vorteil war, konnten so doch Interessierte ortsungebunden in deren Genuss kommen. Wer dabei war, erinnert sich gewiss an die Fülle unterschiedlichster Sichtweisen, Interpretationsansätze und Detailfragen zum Werk von Albert Camus und hat vermutlich seinerzeit den dringenden Wunsch verspürt, einiges davon (oder gar alles) in Ruhe nachzulesen. Dem steht jetzt nichts mehr im Wege, außer vielleicht dem nicht gerade günstigen, für akademische Druckerzeugnisse aber durchaus üblichen Preis von 60 Euro für 314 gehaltvolle Seiten (auch als E-Book erhältlich, aber für nur unwesentlich günstigere 54 Euro).

Ich freue mich sehr, ziemlich genau ein Jahr nach meinem Vortrag bei der Ringvorlesung jetzt dieses Buch in den Händen zu halten und mit dem Aufsatz «Die Welt bietet keine Wahrheiten, sondern Liebesmöglichkeiten». Zur Genese und Bedeutung des geplanten «Stadiums der Liebe» im Werk von Albert Camus darin vertreten zu sein. 

Zehn der elf Vorträge der Ringvorlesung (siehe dazu die Übersicht unten) sind in dem Band enthalten, wenn auch in anderer Reihenfolge. Oliver Victor hat seinen Vortrag zu Camus‘ Jugendschriften ersetzt durch Camus und die mittelmeerische Kultur. Eine Philosophie des Lebens im Kontext von Maß und Revolte.

Hinzugekommen sind außerdem: 

  • Jürgen Kippenhan: Ein Versuch über das Absurde mit Blick auf Albert Camus
  • Dennis Sölch: Zwischen Heldentum und Hoffnung. Existenzielle Entfremdung und ontologisches Verlangen bei Albert Camus und Gabriel Marcel
  • Matthias Ernst Bähr: Zu Camus‘ Bergson-Rezeption in den Écrits de jeunesse. Philosophien zwischen Instinkt und Intuition
  • Dennis Sölch: Von der Sinnsuche zur Sinnstiftung. Zur Bedeutung der Kunst bei Albert Camus und Ralph Waldo Emerson

Wer Zeit, Muße und Gelegenheit hat, sich ein schattiges Plätzchen im Garten zu suchen und sich die nächsten Wochen in die Aufsätze zu vertiefen, dem sei mein weißer Neid gewiss! Aber ich hoffe doch, dass dieser Sammelband auch mich dazu verführen wird, mir wieder mehr Zeit für Camus freizuschlagen, als es mir in letzter Zeit möglich war… Allen Blog-Lesern und Camus-Freundinnen, Blog-Leserinnen und Camus-Freunden wünsche ich eine gedeihliche Lektüre!

Dennis Sölch, Oliver Victor (Hg): Albert Camus – Ein Philosoph wider Willen? Zur Geschichte und Gegenwart seines Denkens. Schwabe Verlag, Berlin 2022 (314 S., geb., 60 Euro; ISBN 978-3-7574-0086-6; als E-Book: 54 Euro).

Die Herausgeber:

Dennis Sölch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Geschäftsführer der Deutschen Whitehead Gesellschaft. Er publiziert zur Philosophie und ihrer Geschichte, insbesondere zu Prozessmetaphysik, Pragmatismus, Existenzphilosophie und Kulturphilosophie.

Oliver Victor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Insti­­tut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Schwerpunkte liegen in der Geschichte der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, der Anthropologie und der Verhältnisbestimmung von Philosophie und Literatur.

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Zum heutigen „Welttag der Ozeane“: Das Meer, eine Gottheit

Seit dem Jahr 2009 wird der 8. Juni von den Vereinten Nationen als Welttag der Ozeane begangen. Da hole ich heute doch gern nochmal den wunderschönen Text Das Meer, eine Gottheit aus den späten Carnets von Albert Camus hervor. Er erinnert uns an die Wunder der Natur, die es zu schützen gilt – aber auch daran, dass die Welt als Natur sehr gut ohne den Menschen auskommen kann – aber nicht umgekehrt. Was also könnte besser zu diesem Tag passen?

Das Meer, eine Gottheit

Auf der Ur-Erde regnete es jahrhundertelang ununterbrochen.
    Das Leben ist im Meer entstanden, und während der ganzen unvordenklichen Zeiten, die von der ersten Zelle zum organisierten Lebewesen im Meer führten, war der Kontinent jeglichen tierischen und oder pflanzlichen Lebens bar, ein steinernes Land, nur vom Rauschen des Regens und des Winds erfüllt, in einem gewaltigen Schweigen, in dem nichts sich regte außer dem raschen Schatten der großen Wolken und dem Lauf der Gewässer zu den Becken der Ozeane.
   Nach Milliarden 
Jahren kam das erste Lebewesen aus dem Meer und faßte auf dem Festland Fuß. Es glich einem Skorpion. Das war vor dreihundertundfünfzig Millionen Jahren.
   Die fliegenden Fische machen ihr Nest in den Abgründen, um ihre Eier zu schützen. Im Sargassomeer zwei Millionen Tonnen Algen.
   Die große rote Meduse, die anfänglich nicht größer ist als ein Würfel, wird im Frühjahr so breit wie ein Regenschirm. Sie bewegt sich mit Pulsionen fort und läßt lange Fangfäden schwimmen, während sie unter ihrem Schirm Gruppen junger Schellfische beherbergt, die sich mit ihr fortbewegen.
   Der Fisch, der über die Zone seines Habitats aufsteigt, birst, sobald er eine unsichtbare Grenze überquert, und fällt auf die Oberfläche.
   Die in den Tiefen lebenden Kalmare scheiden nicht wie die oberflächennahen eine Tinte aus, sondern eine Lichtwolke. Sie verbergen sich im Licht.
   Das Festland ist letzten Endes nur eine sehr dünne Platte auf dem Meer. Eines Tages wird der Ozean herrschen.
(…)

***

Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 346f.

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Bonne anniversaire! Meursault zum 80. Geburtstag

„Die größten Bücher sind nicht die dicksten. Albert Camus‘ Der Fremde, dieses knappe Meisterwerk, erzählt von der Gemeinheit des Alltags, vom Wahnsinn der Menschen, die denjenigen opfern, der, weil er nicht lügen kann, ihnen nicht ähnlich ist.“ – So zitiert das obige Video vom Verlag Gallimard den populären französischen Philosophen Raphael Enthoven anlässlich des 80. „Geburtstags“ von Der Fremde am heutigen 19. Mai 2022. Es ist seit Erscheinen 1942 einer der unangefochtenen Bestseller des Verlags, mit 340.000 Exemplaren in der berühmten „weißen Reihe“ und neun Millionen in den Taschenbuchausgaben.

Vielleicht liegt ein Geheimnis seines Erfolgs ja darin, dass man es auf schier unendlich scheinende, immer wieder andere Weise lesen kann – und man trotzdem nie das Gefühl hat, dieses Buch vollständig „entschlüsselt“ und letztgültig verstanden zu haben. In Bezug auf das (literarische) Kunstwerk generell notierte Camus im Tagebuch: „Es ist gut, wenn das Kunstwerk ein aus Erfahrung gemeißeltes Stück ist, die Facette eines Diamanten, in dem das innere Feuer sich verdichtet, ohne sich einzuschränken.“ (1) Und so ein Diamant ist Der Fremde, für jeden Leser blitzen andere Facetten auf, je nachdem, in welches Licht er ihn hält.

Da verwundert es nicht, dass heutige junge Menschen dieses Buch, „das für Generationen Kult war“, wie die Gastgeberin des Literarischen Quartetts Thea Dorn es präsentiert, wieder ganz anders wahrnehmen. Zum Welttag des Buches am 23. April brachte das ZDF eine Sonderausgabe des Literatur-Talks mit drei Jugendlichen – sinniger Weise im Vormittagsprogramm, das zudem an diesem Tag dem Thema „Depression bei Kindern und Jugendlichen“ gewidmet war.  Ist Meursault in seiner allumfassenden Gleichgültigkeit etwa depressiv? Die Frage scheint sich zwar trotz der Einbettung in diesen Themenvormittag niemand gestellt zu haben (zu Recht), dennoch ist es vor allem dieser Wesenszug von Meursault, über den sich die Jugendlichen auf das Schönste ereifern – und trotzdem durchaus nicht einer Meinung sind.

Der eine findet das Buch zwar sprachlich „grässlich“ aber brandaktuell, der andere findet es sprachlich großartig, hat’s nach dem Lesen aber trotzdem „frustriert weggeworfen“, und die dritte fand es zwar anstrengend zu lesen, fühlt sich aber immerhin von Meursaults Gleichgültigkeit herausgefordert: „Mach was, tu was, sag was!“ – und findet wenigstens das Ende toll, weil Meursault (beim Besuch des Gefängnispfarrers) endlich Gefühle zeigt und aus der Haut fährt. Die recht unbekümmerten (beinahe) Totalverrisse mögen die Camus-Freunde zwar schmerzen, aber mit welcher Verve und auch Eloquenz diese beiden 16- und 17-jährigen Schüler und die 21-jährige Studentin da diskutieren, macht schon Freude. Den ca. neunminütigen Ausschnitt aus der Sendung gibt’s hier: https://www.zdf.de/kultur/das-literarische-quartett/dorn-zu-camus-ltq-100.htmlfbclid=IwAR1islyDxOH5sirtDBvmj2l3Dpon8KAstSblQhIuvwZ0xcfGaTu3a1bzLOY (auch die ganze Sendung, in der außerdem noch  GRM – Brainfuck von Sibylle Berg, Hard Land von Benedict Wells und Felix Ever After von Kacen Callender besprochen wurden, ist derzeit noch in der ZDF-Mediathek).

Mag schon sein, dass heutigen Jugendlichen der Fremde fremd bleibt – aber so lange so leidenschaftlich über ihn diskutiert wird, ist er eines ganz sicher nicht: alt. In diesem Sinne: Bonne anniversaire, cher Meursault!

(1) Albert Camus, „Tagebücher 1935-1951“. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister.  Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963, 1967, S. 65.

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„Man muss Werther sein oder nichts“ – oder: Von der geheimen Verwandtschaft zwischen Goethes Werther und Camus‘ Caligula

… und von mal wieder großartigem Theater in der Rottstr. 5 in Bochum mit einem phantastischen Martin Bretschneider.

Die unerfüllte Liebe zu Lotte ist sein Kreuz: Martin Bretschneider gibt einen ergreifenden „Werther“ im Theater Rottstr. 5 in Bochum. ©Foto: Oliver Paolo Thomas

„Camus verbindet wie ein gemeinsamer Freund“, schrieb die Welt am Sonntag einst in einem Beitrag über 365tage-camus.de, und ich habe mich damit schon ziemlich oft selbst zitiert… Aber es stimmt eben auch immer wieder. Und wie schön ist es, wenn so eine Camus-Freundschaft, einmal geschlossen, über lange Zeit ohne viel Aufhebens besteht, sodass man immer wieder mühelos daran anknüpfen kann – und sie dann auch noch dazu führt, endlich dem im Alltag der letzten Monate untergegangenen Blog Leben einzuhauchen.

Und was für ein Leben ist das, wenn ich an den Werther-Abend von Martin Bretschneider in der vergangenen Woche im Theater Rottstr. 5 in Bochum denke! Nur mal kurz zur Erinnerung: Martin Bretschneider ist der Darsteller der großartigen Caligula-Inszenierung von (und mit) Marco Massafra 2013 an eben diesem kleinen Theater – und er ist auch nach diversen weiteren Fassungen, die ich inzwischen erleben durfte, immer noch mein unangefochtener Lieblings-Caligula, denn besser, treffender, herzbewegender, Camus näher hat ihn noch keiner, den ich sah, gespielt. Leider ist das Stück nicht mehr im Programm. Dafür aber immer mal wieder der Werther (Regie: Hans Dreher), mit dem Martin Bretschneider jetzt sein 10. Jubiläum feierte, und den ich mir aus diesem Anlass nach einigen Jahren Abstand zum zweiten Mal angeschaut habe. Und einmal mehr hat er mich damit genauso begeistert wie mit seinem Caligula. 

Werther also. Wer hier mitliest, weiß, dass mir zuweilen sehr lose, um die Ecke gedachte Verbindungen reichen, um eine solche zu Camus herzustellen, und Martin als Caligula und Werther sowie Sprecher der Suite Camus von Andreas Arnold, für die ich ihn 2013 nach Wuppertal holen konnte, würde da schon reichen. Aber so lose ist die Werther-Camus-Verbindung gar nicht mal: Camus verweist im Sisyphos selbst auf Goethes mit uneingeschränkter, alles verzehrender Hingabe Liebenden gewissermaßen als Gegenfigur zu seiner Interpretation des Don Juan: 

„Denn die Liebe, von der hier gesprochen wird, ist vor den Illusionen des Ewigen geschützt. Alle Kenner dieser Leidenschaft lehren uns das. Ewige Liebe ist stets widerspruchsvoll. Es gibt auch kaum Leidenschaft ohne Kampf. Eine solche Liebe findet ihr Ende nur im letzten Widerspruch, im Tod. Man muss Werther sein oder nichts.“ (1)

Eine Tour-de-force der Gefühle: Martin Bretschneider als Werther. ©Foto: O.P. Thomas

Diese radikale Unbedingtheit teilen Werther und Caligula, und so, wie Martin Bretschneider sie beide spielt, scheinen sie tatsächlich miteinander verwandt zu sein. Hat nicht auch Werther wie Caligula längst erkannt, „dass die Welt schlecht eingerichtet ist“, wenn er Sätze wie diese spricht?: „Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da alles vorübergeht? Da alles in den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist: Der harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab.“ Verlangt Werther nicht vielleicht in seiner Liebe zu Lotte nach einem Heilmittel gegen die Wucht solcher Erkenntnis, vielmehr noch als er nach Lotte verlangt?

Jede Emotion teilt sich hautnah mit

Aber zurück zum Werther von Martin Bretschneider. Vermutlich liest hier niemand mit, der Vorabendkrimis schaut, aber falls doch, dann kennt er Martin Bretschneider als Pathologen Dr. Claas Steinebach in der Serie Blutige Anfänger im ZDF, wo gerade die dritte Staffel läuft. Da darf er Sätze sagen wie „vermutlich stumpfe Gewalteinwirkung, alles Weitere nach der Obduktion“ und muss mit einer überschaubaren Anzahl an Gesichtsausdrücken auskommen, weil die ihm zugedachte Rolle nunmal nicht mehr hergibt. Seinen Werther kriegt man mit diesem Bild schwer übereinander. Sein Werther bietet eine beeindruckende Skala menschlicher Emotionen auf, und dabei sitzt jeder Ausdruck am rechten Fleck, ist auf den Punkt genau dosiert, wirkt vollkommen überzeugend, wie genau in diesem Moment gelebt. Im kleinen Theater an der Rottstraße im Hinterhof unter den Bahnbögen, wo es keine Bühne gibt und die Ausstattung sich auf ein Ölfass und einige von der Decke herabhängende (gefüllte) Blechgießkannen sowie einen zum Grab aufgeschichteten, im weiteren Verlaufe zu zerwühlenden Erdhügel beschränkt, teilt sich jede Emotion hautnah mit. Und jede einzelne geht unter die Haut.

Entschlossen, zu sterben: Martin Bretschneider als Werther. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Es beginnt mit vollkommener, abgeklärter, gänzlich unaufgeregter Nüchternheit: „Es ist beschlossen. Ich will sterben.“ Und dort, sieht man von einer verblüffenden angehängten Szene ab, die hier nicht gespoilert werden soll, endet es auch. Dazwischen entfaltet sich die ganze selige, unglückselige Leidenschaft des jungen Werther für die angebetete Lotte. All sein Schwärmen, Sich-Verzehren, Sich-Versagen, Nähe suchen, Nähe fliehen, Entflammtsein, Beflügeltsein, Besoffensein, Zerrissensein, sein Aufbegehren, Wüten, Verzweifeltsein, Verzücktsein, Beglücktsein, all sein Sehnen und Siechen… Das könnte leicht zu viel an Pathos werden, würde die exzellent komponierte Bühnenfassung nicht einige für entlastende Heiterkeit sorgende Brüche bereithalten, und gelänge es dem Darsteller in schwarzen Jeans und T-Shirt nicht, trotz der in unseren Ohren zuweilen leicht gedrechselt klingenden Goetheschen Sprache diesen Werther so jung, so ins Heutige verwandelt zu verkörpern. Aber es gelingt ihm eben. Wobei verkörpern sehr wörtlich zu nehmen ist, denn Bretschneider spielt diesen 70-Minuten-Monolog mit vollem Körpereinsatz, wenn er unter der Gießkanne ins Gewitter gerät, sich in die Erde wühlt, das Kreuz vom Grabhügel wie ein Schwert schwingt oder sich im Stroboskoplicht zu einer rockigen Version von „Taintet love“ in einen taumelnden Tanz hineinsteigert – ein wütendes Ringen mit sich selbst und dem Schicksal seiner unglücklichen, unerfüllt bleibenden Liebe.

„Man muss Werther sein oder nichts. Auch da gibt es noch mehrere Arten, Selbstmord zu begehen; eine davon ist die völlige Hingabe und Selbstaufgabe. Don Juan weiß wie jeder andere, daß das erregend sein kann. Er weiß aber auch fast als einziger, daß das nicht die Hauptsache ist. Er weiß es sehr gut, daß diejenigen, die eine große Liebe von all ihrem persönlichen Leben ablenkt, möglicher Weise reicher werden, daß aber diejenigen, die ihre Liebe auserwählt hat, ebenso gewiß ärmer werden. (…) Ein einziges Gefühl, ein einziges Wesen, ein einziges Gesicht, aber alles wird verschlungen.“ (1)

Ich vermute stark, dass dieser Werther in diesem kleinen Ruhrgebiets-Off-Theater dem Theatermenschen Albert Camus sehr gefallen hätte. Ein nächster Spieltermin ist noch nicht bekannt – halten Sie die Augen auf!

Plaudern über mögliche neue Camus-Projekte nach der Vorstellung. ©Foto: privat

Nachher, als der verzweifelte, erdverschmierte Werther sich unter der Dusche aufgelöst hat, sitzt mir ein heiterer Martin Bretschneider im Hinterhof vor dem Theater gegenüber. Wir freuen uns über das Wiedersehen, und er erzählt mir von einem eigenen Camus-Projekt, das er gerade ausbrütet. Verraten wird aber jetzt noch nichts. Wenn es so weit ist, werde ich berichten!

(1) Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos. Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S. 64

Zur Webseite von Martin Bretschneider mit diversen Videotrailern

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Über den Verlust der Aufgehobenheit – Albert Camus‘ Exilnovellen – Vortrag von Holger Vanicek in Aachen

„Welche andere Stadt bietet das ganze Jahr über solche Herrlichkeiten – Meer, Sonne, heißen Sand, Geranien (…) Oliven- und Eukalyptushaine? Man erfährt das Glück. (…) Ich könnte niemals außerhalb Algiers leben. Nie. Ich werde reisen, weil ich die Welt kennenlernen möchte, aber anderswo werde ich mich immer wie im Exil fühlen, davon bin ich überzeugt.“ 

Das schrieb der damals knapp 19 Jahre alte Albert Camus in einem Brief an seinen Freund Claude de Fréminville im Oktober 1932. (1) Bekanntlich hat Camus dann doch den größten Teil seines Lebens außerhalb von Algier, ja sogar außerhalb von Algerien gelebt. Dass er sich dabei immer ein wenig wie im Exil fühlen würde – dabei ist es wohl geblieben. Am wenigsten vielleicht, nachdem er das Haus in Lourmarin im Luberon gefunden hatte und sich den Garten mit einem Esel teilte. Aber 1945 hatte er in einem Interview auf die Frage, woher seine tiefe Anhänglichkeit für Nordafrika komme, noch geantwortet:

„J’y suis né, c’est un grand pays aux forces intactes. Loin de son ciel, je me sens toujours un peu en exil“ – „Dort bin ich geboren, es ist ein großes Land mit ungebrochenen Kräften. Fern von seinem Himmel fühle ich mich immer ein wenig wie im Exil.“ (2)

Seine algerische Heimat verlor er, weil das Land (auf ziemlich blutige Weise) seine Unabhängigkeit erkämpfte. Heute verlieren hunderttausende Menschen ihre Heimat, weil ein Land gegen einen mächtigen Angreifer für den Fortbestand seiner Unabhängigkeit kämpft. Ganz abgesehen von den millionen Menschen weltweit, die ihre Heimat verlieren, weil sie aus verschiedenen Gründen auf der Flucht sind. 

Das Thema Über den Verlust der Aufgehobenheit. Albert Camus‘ Exilnovellen, das Holger Vanicek für den Abend am 5. April im Logoi, Aachen, gewählt hat, ist mithin einmal mehr von großer Aktualität. Der Bedeutungshorizont der beiden Pole „Das Exil und das Reich“, was auch der Titel der in den 1950er Jahren verfassten Novellensammlung von Camus ist, reicht freilich über das naheliegende Verständnis von Heimat und Exil weit hinaus und ist eingebettet in seine Philosophie des Absurden. 

Holger Vanicek, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen, wird mit einem Impulsvortrag in das Thema einführen und das anschließende Gespräch moderieren. In der Ankündigung schreibt er:

In diesen Schriften geht es um sehr tiefgreifende Betrachtungen, die Camus anhand persönlicher Schicksale und Erlebnisse seiner fiktiven Protagonisten darstellt, Menschen, die aus ihrer üblichen, oft behaglichen Lebenssituation geworfen sind und sich neuen Herausforderungen stellen müssen. Wie kommen diese „Exilanten“ mit diesen Situationen zurecht, woran scheitern sie und worauf können sie hoffen?

Die Veranstaltung ist Teil der Vortragsreihe der Volkshochschule Aachen über Albert Camus in Kooperation mit dem LOGOI.

Termin: Dienstag, 5. April 2022, 19.30 Uhr, LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen (Eintritt frei), Info hier

(1) zitiert nach Oliver Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 55. (2) Interview in „Servir“ am 20. Dezember 1945, Albert Camus, Oeuvre complètes II, 1944-1948, édition publiée sous la direction de Jacqueline Lévi-Valensi, Gallimard, Paris 2006, Bibliothèque de la Pléiade, p. 659. 

  • Eine weitere Veranstaltung mit Holger Vanicek in Kooperation mit der VHS Aachen gibt es am 3. Mai 2022, 19.30 bis 21 Uhr: Bei einem abendlichen „philosophischen Spaziergang“ mit offenem Gespräch geht es um das Thema „Empörung und Revolte – Was die heutigen Jugendbewegungen mit Albert Camus` Haltung gemein haben“. Dazu heißt es in der Ankündigung: „Die Jugend geht wieder auf die Straße! Sie kämpft um eine bessere, um ihre eigene Zukunft und denkt weit darüber hinaus, ohne dabei die Menschen der Gegenwart aus den Augen zu verlieren. Die Themen, um die sie kämpfen, waren noch nie so brisant, doch die Haltung dahinter finden wir bereits bei einigen Vordenkern – einer unter ihnen war Albert Camus.“ Info hier.

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Kafka, Camus und die Nachhaltigkeit

Zwei interessante Vorträge sind anzuzeigen – und während wir wohl alle dem „Ende“ von Corona entgegenfiebern, erweist sich hier durch die Pandemie verbreitete Variante der Online-Vorlesung wieder mal als Vorteil, ermöglicht sie es doch sehr viel mehr Interessierten, daran teilzunehmen.

Ist Albert Camus ein „Philosophischer Vordenker der Nachhaltigkeit“? In diese Reihe stellt ihn Andreas Michel, Dipl.-Theologe, Dipl.-Pädagoge und Dr. der Philosophie (und unter dem Namen Andino auch bekannter Zauberkünstler). Michel hat einst zu diesem Thema promoviert und bietet nun unter diesem Titel eine Online-Vorlesungsreihe an der VHS-Neuwied an.

„Was wir heute Nachhaltigkeit nennen, ist nur ein anderer Name für das, was in den 80er Jahren «Ökologisches Denken» genannt wurde und zwar im vollumfänglichen Sinne der Einbeziehung von Klima, Sozialem, Naturschutz und der Gerechtigkeit. Nur der Weltfrieden spielt bei der Nachhaltigkeit nach dem Ende des Kalten Kriegs keine so entscheidende Rolle mehr, gehört aber nach wie vor dazu“, heißt es in der Ankündigung. Leider haben wir die einführende Auftaktveranstaltung am 7. Februar schon verpasst. Es heißt aber ausdrücklich: „Die fünf Teile der Reihe stehen zwar inhaltlich in Zusammenhang, sind aber alle in sich geschlossen und können somit auch einzeln gebucht werden.“ Es folgen nun vier Abende, bei denen jeweils ein Denker im Mittelpunkt steht (jeweils 18.30 bis 20 Uhr):

Teil 2 am 7. März 2022: Albert Schweitzer
Teil 3 am 4. April: Max Horkheimer
Teil 4 am 2. Mai: Albert Camus
Teil 5 am 30. Mai: Bertrand Russel.

Die Reihe findet als Videokonferenz über Zoom statt. Anmeldung bei der VHS-Neuwied (Teilnahme je Abend 5 Euro).

Andreas Michels Schrift Denken in der Krise. „Ökologisches Denken“ bei Albert Schweitzer, Max Horkheimer, Albert Camus und Bertrand Russell : Aspekte einer immanenten Didaktik ist 1991 im Verlag Krämer erschienen.

Franz Kafka – Die Hölle und die Anderen

Nicht direkt zu Camus aber gewissermaßen in enger Verwandtschaft zu ihm steht das Thema des philosophischen Online-Salons im Aachener LOGOI mit Dieter Hans und Jürgen Kippenhan am kommenden Sonntag, 20. Februar, um 12 Uhr im Live-Stream (und im Anschluss zum Nachhören): Unter dem Titel Die Hölle und die Anderen geht es um Franz Kafkas Roman Der Prozess.

Dazu schreib Jürgen Kippenhan:
Nichts ist bedrohlicher, als wenn sich die Verlässlichkeit der Welt um uns herum auflöst. Und niemand macht die Bedrückung, die das auslöst, spürbarer als Franz Kafka. Nun, auf hintergründige Weise machen uns die Anderen wohl immer den Prozess. Jean-Paul Sartre hatte dies mit der Metapher „der Blick des Anderen“ umschrieben. Aber Josef K. nimmt uns zudem mit hinein in einen Erlebnisraum, von dem wir wollten, er wäre schlicht surreal und wir könnten bald in die gewohnte Welt hinein aufwachen. Hier nun und wie so oft: Je zielgerichteter wir uns der Verstrickung zu entwinden trachten, je mehr zieht sie uns in sich hinein. In unserem Fall reicht fast schon der erste Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines morgens verhaftet.“

Kafkas Roman gehört wohl zu den meist interpretierten der Literaturgeschichte. Des öfteren ist er auch schon in Zusammenhang mit Albert Camus‘ Philosophie des Absurden betrachtet worden, der selbst Kafka ein Kapitel in seinem Mythos des Sisyphos widmet.

«Dieser ständige Wechsel zwischen Natürlichem und Außergewöhnlichen, zwischen Individuum und Allgemeinem, zwischen Tragik und Alltäglichem, zwischen Absurdem und Logischem geht durch sein ganzes Werk und gibt ihm seine Resonanz und seine Bedeutung. Diese Paradoxa müssen aufgezählt, diese Widersprüche müssen herausgestellt werden, um das absurde Werk zu verstehen», schrieb er. (1)

Man darf gespannt sein, ob dies auch im Gespräch von Jürgen Kippenhan und Dieter Hans eine Rolle spielen wird, und welche eigenen Gedanken die beiden zu den bekannten Interpretationen beitragen werden.

Zu den Personen (nach Selbstdarstellung):
Jürgen Kippenhan fürchtet schon lange, dass wir in einer kafkaesken Welt leben. Er möchte dies aber verschweigen, um niemanden auf dumme Ideen zu bringen. Als Deckmantel dient ihm die lebenszugewandte Ausrichtung von LOGOI.

Dieter Hans unterrichtete neben seiner literarischen Arbeit Englisch und Geschichte an Gymnasien. Er veröffentlicht überwiegend Reise-Essays und Gedichte.

Zum Live-Stream am 20. Februar bzw. zur Aufzeichnung geht es hier: www.logoi.de

(1) Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt 2010, S.167

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Caligula auf der Opernbühne am Nationaltheater in Weimar

Szene aus der Oper „Caligula“ von Detlev Glanert frei nach Albert Camus am DNT Weimar mit Oleksandr Pushniak (Caligula) und dem Opernchor des DNT. Foto: Candy Welz

Selbst für Kurzentschlossene dürfte diese Ankündigung zu spät kommen, denn die Premiere ist schon heute Abend… Aber es folgen ja noch weitere Aufführungen am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Die Rede ist von Detlev Glanerts Oper Caligula nach dem Theaterstück von Albert Camus. Während seine Theaterstücke und auch dramatisierte Fassungen von literarischen Vorlagen wie Die Pest, Der Fremde oder Der Fall in den letzten Jahren sehr häufig gespielt wurden, ist Caligula das einzige Camus-Werk, das es auf die Opernbühne geschafft hat.

Die Oper von Detlev Glanert (Libretto: Hans-Ulrich Treichel) wurde 2006 uraufgeführt. Der Komponist blicke dabei „mithilfe der Musik direkt in das in Unwucht geratene Seelenleben Caligulas“, heißt es in der Ankündigung, und weiter: „Hierbei funktioniert das Orchester selbst als ,musikgewordener Körper‘ durch den wir in Caligulas Innenwelt blicken und auch die anderen Protagonist*innen durch seine Augen und Ohren wahrnehmen.“

In der Titelpartie ist Oleksandr Pushniak zu erleben. Gemeinsam mit ihm singen und spielen Jelena Kordić (Caesonia), Gerben van der Werf (Helicon), Avtandil Kaspeli (Cherea), Joanna Jaworowska (Scipio), Alexander Günther (Mucius), Uwe Schenker-Primus (Mereia), Daniel Nicholson (Lepidus), Ylva Stenberg (Livia) und der Opernchor des DNT Weimar. Es spielt die Staatskapelle Weimar. Regie führt Dirk Schmeding, der seine Theaterlaufbahn als Regieassistent am DNT begonnen hat und nun als international gefragter Regisseur nach Weimar zurückkehrt. Die Musikalische Leitung hat Andreas Wolf. Bühne: Martina Segna, Kostüme: Frank Lichtenberg, Video: who-be.

Termine:
Deutsches Nationaltheater Weimar (Großes Haus): 12.2.2022 (Premiere ). Weitere Vorstellungen: 25. Februar, 6. und 26. März, 14. und 28. April sowie am 6. Juni 2022.  Im Anschluss an die Vorstellung am 25. Februar besteht beim „Nach(t)gespräch“ die Gelegenheit, mit Mitgliedern des Teams und Beteiligten der Inszenierung ins Gespräch zu kommen. Karten hier.

Szenenfoto mit Gerben van der Werf (Helicon) und Ylva Stenberg (Livia). Foto: Candy Welz
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