Auflehnung im Absurden – Vortrag zu „Camus und Dostojewski“ in Aachen

Unter den vielen Paarungen von „Camus und …xy“, die bei Camusforschern ein beliebtes, weil quasi unterschöpfliches Untersuchungsfeld darstellen, gehört eine zweifellos zu den wichtigsten und aussagekräftigsten – nämlich „Camus und Dostojewski“. Eben dieses Themas hat sich der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Historiker Bernd Oei angenommen und stellt es am kommenden Freitag, 14. Februar, bei der Camus-Gesellschaft in Aachen vor. In der Ankündigung heißt es:

„Fjodor Dostojewski war einer der einflussreichsten Autoren für Albert Camus. Dessen Roman Böse Geister (Die Dämonen) hat Camus zu einem seiner wichtigsten Dramen bewegt, das 1959, wenige Tage vor seinem Tod, unter dem Titel Die Besessenen (Les Possédées) uraufgeführt wurde. «Alle Helden Dostojewskis fragen nach dem Sinn des Lebens. (…) in den Romanen Dostojewskis wird die Frage derart eindringlich gestellt, dass sie nur zu extremen Lösungen führen kann», schreibt Camus im Mythos von Sisyphos. In seinem Vortrag spürt Bernd Oei der literarischen Beziehung zwischen diesen zwei großen Schriftstellern und Denkern nach. Seine Betrachtungen konzentrieren sich insbesondere auf Dostojewskis Figur des Kirilow und die Frage nach dem logischen Selbstmord, aus der er im Weiteren die Überlegungen Camus’ über die Revolte im Vergleich zu Dostojewskis Die Brüder Karamasow ableitet.“

Ganz ohne Zweifel ein spannendes Thema, über das der Autor sicherlich kenntnisreich zu berichten wissen wird. Ich will auch gar nicht kleinlich sein, merke aber dennoch an, dass die Klassifizierung von Die Besessenen als „eines der wichtigsten Dramen von Camus“ ein wenig schief ist. Es handelt sich vielmehr um eine seiner wichtigsten und (wie Camus-Biograf Olivier Todd schreibt) anspruchsvollsten Bühnenbearbeitungen – eben eine Adaption von Dostojewskijs Roman Die Dämonen. Todd zitiert Camus’ Einführung im Programmheft zur Uraufführung: 

„«Die Dämonen gehören zu den vier oder fünf Werken, die ich über alle anderen stelle. In mehr als einer Hinsicht kann ich sagen, dass sie mich genährt und geformt haben. Seit fast zwanzig Jahren (…) sehe ich seine Gestalten auf der Bühne.» Dostojewskijs Geschöpfe seien «weder seltsam noch absurd. Sie gleichen uns, wir haben das gleiche Herz. Und Die Dämonen sind prophetisch nicht nur, weil sie unseren Nihilismus ankündigen, sondern weil sie zerrissene und tote Seelen zeigen»“. *

Ich wünsche allen Camus-Freunden und Dostojewski-Freundinnen (und umgekehrt) einen inspirierenden Abend in Aachen!

  • Termin:
    Auflehnung im Absurden. Camus und Dostojewski. Vortrag von Bernd Oei, 14. Februar 2020, 19.30A Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a, Aachen. 
  • Der Autor:
    Bernd Oei (*1966), ist Philosoph, Literaturwissenschaftler und Historiker. Er promoviert zu „Nietzsche und Hölderlin im Vergleich“. 2010 erschien sein Buch „Camus – Sisyphos zwischen dem Absurden und der Revolte“, das in diesen Tagen in überarbeiteter Form neu erscheint. 

* Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 783

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Von Herzblut-Publikationen und den Freuden und Leiden des Bloggens

Ähnlichkeiten sind beabsichtigt: Einen sehr herzlichen Dank für diese sehr schöne Camus inspirierte Zeichnung an Holger Vanicek alias Sebastian Ybbs! ©Holger Vanicek

Zu den schönen Erfahrungen mit diesem Blog gehört es immer wieder, wenn Camus „verbindet wie ein gemeinsamer Freund“ (wie einst die Welt am Sonntag über die 365tage-camus.de titelte), wenn er echte Begegnungen stiftet, an die man noch nach Jahren anknüpfen kann, wenn Menschen mir schreiben und natürlich auch, wenn sie mir unaufgefordert Texte, Aufsätze, Bücher und mehr schicken. Viel Kenntnis und Gelehrsamkeit steckt oftmals darin, vor allem aber viel Herzblut. Und natürlich auch die Hoffnung, ich möge dies hier im Blog entsprechend würdigen. Damit verbunden allerdings ist nun die für mich weniger schöne, sich leider regelmäßig wiederholende Erfahrung: Dass ich sie nämlich sehr oft enttäuschen muss.

Als ich 2013 den Blog gestartet habe, hätte ich niemals gedacht, dass er über Jahre laufen würde. Nun ist er, wie Camus selbst, zum Lebensbegleiter geworden und soll es auch bleiben – ein Lebensbegleiter, über dessen pure Existenz ich mich freue, ohne Erwartungen und Verpflichtungen damit zu verbinden, die zur Belastung werden. Ein Frei-Raum und eine Spielwiese zur eigenen Erbauung – um so mehr und um so besser, wenn sich auch der ein oder die andere mit mir daran freut! Tatsächlich sind die Spielräume gerade unter dem ganz normalen Alltag einer Freiberuflerin (und aus einer Reihe von sonstigen Gründen) ziemlich begrenzt, was sich natürlich auch in der geringer gewordenen Taktzahl der Beiträge niederschlägt. Kurzum: Ich möchte heute allen Camus-Freunden und Blog-Lesern (und natürlich auch *innen) einmal sagen: Ich freue mich über jeden von euch, ich freue mich über jeden Kommentar im Blog und jeden, der mit, zu und über Camus arbeitet, mit ihm denkt und lebt, und ich freue mich, davon zu erfahren! Vielleicht passt ja sogar einmal gerade alles so zusammen, dass ich davon auch im Blog berichte. Sehr oft, pardon, aber eben auch nicht. Weil: Mich verpflichten, zeitnah Dinge abzuarbeiten – das gehört für mich in die Rubrik „Job“ und nicht auf meine Spielwiese.

Weil aber besonders in zwei mir zugekommenen Publikationen besonders viel Herzblut zu stecken scheint, will ich sie heute wenigstens präsentieren – entgegen meines journalistischen Anspruchs, sie dafür erst einmal gründlich gelesen haben zu müssen.

Da ist zum einen das kleine Bändchen Nr. 4 der Albert Schweitzer Reflexionen mit dem Thema Albert Schweitzer und Albert Camus – Ein gemeinsamer medizinischer Humanismus, dessen Kernstück der gleichnamige Aufsatz von Jean-Paul Sorg ist. Herausgegeben von Gottfried Schüz und flankiert von zwei Beiträgen von Klaus Stoevesandt, der in dem Arzt Dr. Roger Le Forestier eine wahrscheinliche Inspiration für den Dr. Rieux in Camus‘ Die Pest entdeckt hat (und damit das vermutliche Bindeglied zwischen Albert Schweitzer und Albert Camus), ist der Aufsatz von Sorg hier erstmals in deutscher Sprache zugänglich. Auch das Zustandekommen der Übersetzung mit Hilfe der Studierenden von Dr. Katrin Zuschlag an der Universität Mainz/Germersheim ist eine schöne (Vor-)Geschichte, die hier, möglicher Weise, irgendwann auch noch mal ausführlicher erzählt werden soll. Vorerst kann ich es nur bei diesem Hinweis belassen:

  • Jean-Paul Sorg, Albert Schweitzer und Albert Camus – Ein gemeinsamer medizinischer Humanismus. Mit Beiträgen von Klaus Stoevesandt, hrsgg. von Dr. Gottfried Schüz, Albert Schweitzer Reflexionen Band 4, Stiftung Deutsches Albert Schweizer Zentrum, Frankfurt/Main 2019, 127 Seiten, brosch., 5,- Euro). Zu bestellen über info@albert-schweitzer-zentrum.de oder www.albert-schweitzer-zentrum.de (ISBN 978-3-944826-03-5).
Foto: Sebastian Ybbs (www.sebastian-ybbs.de)

Publikation Nr. 2 im Stapel, die ich heute wenigstens vorstellen möchte: Die Unendlichkeit geteilter Tage von Sebastian Ybbs – Künstler, Autor und vielen hier bekannt als Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen. Als „Erzählung“ klassifiziert hat das 228 Seiten starke Buch schon eher schon Romanumfang. Sebastian Ybbs schreibt dazu selbst:
„Ich wollte wissen, was es mit der Zerrissenheit bei Albert Camus auf sich hat und stieß auf einen Menschen, der mich auf andere Weise, aber mindestens ebenso faszinierte. Theo, ein kauziger Mensch, wortkarg, unnahbar, lebte in einem Zweckbau inmitten einer recht vergessenen Gegend. Es dauerte seine Zeit, bis ich hinter seine bewegende Geschichte stieg. Auf unerlaubte Weise war ich ihm nahegekommen, doch bis heute weiß ich nicht, mit wem ich es wirklich zu tun bekommen hatte. Hätte mich vorher jemand gefragt, ob ich Bekanntschaft mit dem Typen hätte schließen wollen, ich hätte nein gesagt oder zumindest: ich glaube nicht. Sich nicht im Vorhinein festlegen.“ Die Erzählung sei als Fiktion entstanden, heißt es weiter, aber „wahre Ereignisse haben sich ihr zunehmend angenähert und sich unter sie gemischt.“ Wie sich Camus, Theo und der Autor als Ich-Erzähler in dieser Geschichte verbinden, macht mich neugierig – und auch davon will ich Ihnen und Euch dereinst, vielleicht, erzählen. Vorerst nur die Anzeige:

  • Sebastian Ybbs, Die Unendlichkeit geteilter Tage. Schardt-Verlag, Oldenburg 2019, 228 Seiten, 12,80 Euro (ISBN 978-3-96152-208-8).

Ich wünsche allen Camus-Freundinnen und Blog-Lesern (und umgekehrt) ein wunderschönes Wochenende, womöglich mit gedeihlicher Lektüre, und sage wie immer mit herzlichem Gruß: à bientôt!

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Was man ist, und als was man erscheint

»Jedes Mal, wenn man (wenn ich) seinen Schwächen nachgibt, jedes mal, wenn man denkt und lebt, um etwas zu „scheinen”, begeht man Verrat. Jedes mal war es das größte Unglück, etwas scheinen zu wollen, das mich angesichts des Wahren kleiner gemacht hat. Es ist nicht nötig, sich dem anderen anzuvertrauen, sondern nur denen, die man liebt. Denn in dem Fall gibt man sich nicht mehr preis, um etwas zu scheinen, sondern einzig, um zu schenken. Es steckt viel mehr Kraft in einem Menschen, der nur etwas scheint, wenn es sein muss. Bis zum Ende gehen heißt, sein Geheimnis bewahren zu können. Ich habe unter dem Alleinsein gelitten, aber weil ich mein Geheimnis bewahrte, habe ich die Qual des Alleinseins überwunden. Und heute kenne ich keinen größeren Ruhm, als alleine und unbeachtet zu leben. Schreiben, meine tiefe Freude!«*

Das schrieb Albert Camus 1937 in sein carnet. Und mit diesem schönen Zitat als Impuls startet die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen die Reihe der monatlichen Gesprächskreise 2020 am kommendem Dienstag, den 14. Januar 2020. Wie immer im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen um 20 Uhr, und wie immer offen nicht nur für Camus-Insider, sondern für alle Interessierten.

„Geselligkeit lenkt oftmals von dem ab, was man wirklich ist. Wir sind geübt darin, auszuweichen, unserem wahren Ich zu entfliehen, bis es nahezu unkenntlich wird. Zwischen den Anderen können wir standhalten, aber meist berauben wir uns darin unserer schöpferischen Kräfte, die erst im Alleinsein wiederkehren“, schreibt Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, dazu. Ist das auch eure Erfahrung? Oder befeuert im Gegenteil die Gemeinschaft und Gemeinsamkeit eure schöpferischen Kräfte? Kennt ihr auch die “tiefen Freuden, sich nicht verstellen zu müssen”? Wer mag und Gelegenheit hat, kommt am Dienstag nach Aachen, um sich darüber mit anderen auszutauschen – allen anderen schicke ich es als kleinen Gedankenimpuls in den heute recht trüben Sonntag und sage wie immer mit herzlichen Grüßen: à bientôt!

*Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963 (unveränderte Aufl. 1986), S. 39. Eintrag vom 15. September 1937.

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Zum 60. Todestag von Albert Camus: Glück und Großzügigkeit

Bonjour et bonne année à tous! Ich begrüße alle Blog-Leserinnen und Camus-Freunde, Camus-Freundinnen und Blog-Leser auf das herzlichste zu einem neuen 365tage-camus-Jahr und freue mich sehr, wenn Sie mir auch im nunmehr achten Jahr meines Blogs weiter folgen! (Oder ihn vielleicht auch gerade erst entdeckt haben). Diejenigen, die schon länger dabei sind, werden bemerkt haben, dass die Abstände zwischen den Beiträgen in den letzten Monaten deutlich größer geworden sind, und ich will keine falschen Versprechungen machen, indem ich versichere, dies würde sich nun mit neuem Jahresanfangsschwung ändern. 2019 war für mich ein Jahr großer Abschiede, und ich musste einmal mehr lernen, dass Leben und Tod nun mal die Dinge sind, die einem ständig in die Quere kommen, während man Pläne macht – also habe ich für 2020 beschlossen, das Plänemachen bleiben zu lassen.

Eigentlich finde ich es ja auch gar nicht schön, dass ein neues Camus-Jahr immer sofort mit der Erinnerung an das größtmögliche Unglück für alle Camus-Liebende beginnt, aber das hat er uns mit seinem Tod am 4. Januar 1960 nun mal selbst eingebrockt. Und den 60. Jahrestag dieses Unglücks kann ich natürlich schwerlich ignorieren. Wie gut, dass mir da gerade noch dieses schöne Video von France Culture über den Weg lief! Statt mich also weiter mit der kürzlich neu aufgelegten und angeblich mit neuen Fakten untermauerten Behauptung des italienischen Historikers Giovanni Catelli zu beschäftigen, Camus sei in Wirklichkeit keinem Autounfall sondern einem gezielten Anschlag des sowetischen Geheimdienstes KGB zum Opfer gefallen, schaue ich mir lieber den in diesen Aufnahmen so lebendigen, inspirierenden, ermutigenden Camus an und nehme diese Sätze von ihm mit als Leitmotiv für das soeben angebrochene neue Jahr(-zehnt):

„Il faut être fort et heureux pour bien aider les gens dans le malheur. Celui qui trâine sa vie et succombe sous son propre poids ne peut aider personne. Celui au contraire qui se domine et qui domine sa vie celui-là peut être vraiment généreux et donner efficacement.“ – „Man muss stark und glücklich sein, um Menschen im Unglück helfen zu können. Wer sein Leben dahinschleppt und dessen Gewicht erliegt, kann niemandem helfen. Wer dagegen sich selbst und sein Leben beherrscht, kann wirklich großzügig sein und effektiv geben.“

In diesem Sinne noch einmal: Allen ein wunderbares neues Jahr, voller Glück, Stärke und Großzügigkeit – und natürlich mit ganz viel Camus!

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Kein Missverständnis: Camus feiert eine Karaoke-Party

Quietschbunte Tristesse: Martha (Lena Vogt, Mitte), die Mutter (Julia Wolff), Jan (Konstantin Rickert, links) und der alte Knecht (Hans Richter) bei der Karaoke-Party. Foto: Uwe Schinkel

Zur Inszenierung von Albert Camus‘ Drama Das Missverständnis an den Wuppertaler Bühnen

„Ein Mann hatte sein tschechisches Dorf verlassen, um sein Glück zu machen. Nach fünfundzwanzig Jahren war er als reicher Mann mit Frau und Kind zurückgekommen. Seine Mutter betrieb mit seiner Schwester in seinem Heimatdorf einen Gasthof. Um sie zu überraschen, hatte er Frau und Kind in einem anderen Gasthaus untergebracht und war zu seiner Mutter gegangen, die ihn nicht erkannte. Aus Jux verfiel er auf den Gedanken, in dem Gasthaus ein Zimmer zu mieten. Er hatte sein Geld gezeigt. In der Nacht hatten Mutter und Schwester ihn mit Hammerschlägen ermordet, um ihn auszurauben, und hatten die Leiche in den Fluss geworfen. Am Morgen war die Frau gekommen und hatte ganz ohne Absicht verraten, wer der Reisende war. Die Mutter hatte sich erhängt. Die Schwester hatte sich in einen Brunnen gestürzt“. (1)

In seiner Gefängniszelle findet Meursault, Protagonist in Albert Camus‘ Roman Der Fremde, zwischen Strohsack und Pritsche ein vergilbtes Stück Zeitungspapier, dem er diese Begebenheit entnimmt. Mit nur leichten Abweichungen ist es bereits die Geschichte, die Camus wenig später zu seinem Drama Das Missverständnis ausbauen wird. Mutter und Tochter werden darin zu Serienmörderinnen, die ihre zuvor betäubten Opfer allesamt im Fluss ertränken, und aus dem vermeintlichen „Jux“ wird dabei eine Tragödie von existenzieller Tragweite. Das Ergebnis freilich bleibt sich gleich: Am Ende sind alle tot, nur Maria, die Frau des Sohnes, bleibt in tiefer Verzweiflung zurück. Und ein alter, wortkarger Knecht, den das Ganze offenbar nicht bewegt.

Im Wuppertaler Theater am Engelsgarten setzt der sich am Ende ans Klavier und singt mit Whisky-Stimme einen melancholischen Leonard-Cohen-Song. Und Maria, mit ihren schulterlangem braunen Haar und dem blauen Kostüm, steht gleich viermal auf der Bühne. Nicht die einzige Überraschung in der Inszenierung von Martin Kindervater: Zwischendurch taucht auch noch ein Reisender (Alexander Peiler) auf, der wieder weggeschickt wird, und Mutter und Tochter feiern mit ihrem einzigen Gast eine schräge japanische Karaoke-Party. Gut möglich, dass es diese Regie-Einfälle sind, die meinen unbekannten älteren Sitznachbarn im Theater dazu veranlassten, am Ende mehrfach kopfschüttelnd „der arme Camus“ zu raunen und ohne Applaus das Theater zu verlassen.

Indessen: Albert Camus hätte gar keinen Grund, sich zu grämen, behaupte ich. Regisseur Martin Kindervater, Ausstatterin Anne Manss und einem großartig spielenden Ensemble gelingt eine packende und sehr Camus-nahe Inszenierung, die völlig zu Recht nun schon seit Anfang Oktober mit großem Erfolg an den Wuppertaler Bühnen läuft. Asche auf mein Haupt, dass ich bislang versäumt habe, sie hier zu würdigen. Nun aber nochmal von vorn.

Während das Publikum noch seine Plätze einnimmt, steht auf der Bühne bereits eine weibliche Gestalt im blauen Kostüm mit Rollkoffer und aufgespanntem Schirm unter einer Straßenlaterne, aus der es regnet. Wir sind angekommen im Regenland, in dem die Geschichte spielt, und aus dem die Protagonistinnen so sehnsuchtsvoll in ein sonniges Land am Meer entfliehen wollen, dass sie bereit sind, dafür zu töten. Ein pinkfarbener Plastikflamingo hängt wie ein Accessoires dieser Sehnsucht unter der Decke im Entrée ihrer schlichten Herberge. Genau genommen ist es vor allem Martha, die Tochter (Lena Vogt), die von diesem Traum getrieben wird, und die ihre Mutter (Julia Wolff) antreibt; die Mutter selbst ist des Tötens längst müde und fühlt sich zu alt, um noch irgendwelchen Träumen hinterherzujagen. So soll denn auch dieser Gast das letzte Opfer sein. Eben jener Gast (Konstantin Rickert), welcher der Sohn und Bruder ist, und der ihnen all ihre Wünsche hätte erfüllen können, wenn sie ihn denn am Leben gelassen hätten. Was für eine Tragödie ist es, die Camus hier lapidar als „Missverständnis“ bezeichnet. Und was für eine Welt ist das, in der jederzeit ein simples Missverständnis Menschen in die größte Tragödie stürzen kann. Indessen: Dieser eine hier hätte sich und die anderen retten können. Er hätte nur sagen brauchen, wer er ist. Vielleicht hätte auch Martha die Chance wahrnehmen können, die sich ihr bot, wäre sie nicht so verhärtet. Vielleicht hätte die Mutter ihren Sohn doch noch erkannt, hätte sie genauer hingeschaut. Aber sie schaut nicht hin, denn „es ist besser, sie nicht anzusehen. Man kann sie leichter töten.“

Jan (Konstantin Rickert) trinkt den vergifteten Tee.Vorne: Julia Wolff als die Mutter. Foto: Uwe Schinkel

Das Stück ist voll von solchen verpassten Möglichkeiten, und das lässt einen als Zuschauer mitfiebern, obwohl man schon weiß, wie es ausgeht. Jedenfalls sofern es gelingt, aus der Papiervorlage lebende Menschen auf der Bühne zu machen, die einen emotional zu packen vermögen – so wie hier. Es ist großartig, das Camus-Personal so zum Leben erweckt zu sehen, wenn auch vielleicht auf andere Weise als erwartet (oder gerade deshalb). Lena Vogts Martha schillert in ihrer professionellen Freundlichkeit für den Gast, ihrer Eiseskälte, ihrer Wut, ihrer Sehnsucht, ihrer Entschlossenheit, ihrer Härte, die für kurze Momente Risse bekommt. Julia Wolff mit ihrer flotten grauen Kurzhaarfrisur ist als Mutter keineswegs ein altes Weiblein, und doch in jeder Geste so müde, so steif, so schwach in ihrem Zweifel, dass sie gegen die entschlossene Tochter keine Chance hat. Konstantin Rickert erscheint gegenüber diesen starken Schauspielerinnen fast ein bisschen blass – aber genau das passt zu diesem Jan, der so zögerlich und zaudernd ist, dass man ihn auf den Kopf stellen und schütteln möchte.

Spricht so gut wie nicht, singt aber ganz hinreißend: Hans Richter als der alte Knecht. Foto: Uwe Schinkel

Und dann ist da noch der wortkarge alte Knecht, den Hans Richter mit einer wunderbaren, verhaltenen Heiterkeit gibt. Dieser Knecht ist ja eine Schlüsselfigur im Stück, entscheidend dafür, dass wir als Zuschauer spätestens am Ende ins Grübeln kommen, wer denn nun für diesen ganzen Schlamassel verantwortlich ist. Am Ende des Stücks, wenn Maria in die Pension kommt und des ganzen Unglücks gewahr wird, fleht sie zu Gott, woraufhin der Knecht erscheint und fragt: „Sie haben gerufen?“ – Ist das also der Moment, in dem er sich zu erkennen gibt? Hat er nicht schon zuvor Schicksal gespielt, indem er etwa Jans Pass beiseite genommen und damit dessen Erkanntwerden verhindert hat? „Haben Sie Mitleid mit mir“, fleht Maria ihn an, und er gibt ein knappes „Nein“ zurück. Das ganze Gewicht des unlösbaren Theodizeeproblems, wie Camus es im Mythos von Sisyphos umreißt, liegt in dieser Szene: Entweder ist Gott allmächtig, dann ist er für das Böse verantwortlich, oder er ist nicht dafür verantwortlich, dann ist er nicht allmächtig. Im ersteren Fall hätten wir es hier auch noch mit einem ausgesprochen mitleidlosen Gott zu tun; einen von der Art, der „ohne überzeugenden Grund Abels Opfer demjenigen Kains vorzieht und dadurch den ersten Mord provoziert“, wie Camus den alttestamentarischen Gott in Der Mensch in der Revolte bissig charakterisiert (2).

Die Art aber, wie Hans Richter das „Nein“ nicht etwa hart und mitleidslos, sondern ganz heiter ausspricht und sich dann ans Klavier setzt und singt, gibt ihm einen anderen Anstrich: Er kommt wie einer jener antike Göttern daher, die ihren Spaß daran haben, mit den Menschen ihr Spiel zu treiben. Ein antiker Gott in Trainingsjacke, mit Zottelhaaren und Basecap, der hinreißend singt. Aber natürlich ist er vielleicht auch nur ein schwerhöriger und ein bisschen kauziger alter Hausangesteller, und der kurze Dialog mit Maria am Ende ist ein weiteres in der langen Reihe der Missverständnisse. Die Inszenierung lässt das in der Schwebe – und genau so muss es sein.

So unmittelbar schlüssig und Camus-nah die Inszenierung bei all den Freiheiten, die sie sich nimmt, ist: Eine starke Maria, die trotz ihrer nur kurzen Auftritte zu Beginn und Ende des Stücks, mit den anderen mithalten kann, habe ich zunächst vermisst. Schließlich hat sie eine immens wichtige Rolle: Sie ist von Anfang an dagegen, dass Jan sich nicht sofort zu erkennen gibt. Für sie ist die Sache einfach: „Wer erkannt werden will, muss sagen, wer er ist.“ Aber das ist keine Naivität, sondern Klarsicht und Aufrichtigkeit. Sie ist die Stimme der Liebe in dem Stück, die in all der Verwirrung und dem Missverstehen wie ein Kompass die richtige Richtung anzeigt, und die am Ende recht behält. Was ihr freilich nichts nützt. Der Kunstgriff, die Maria von verschiedenen der anderen Darsteller*innen spielen zu lassen und sie am Ende gar zu vervierfachen, indem alle in der selben Aufmachung – braune Langhaarperücke, blaues Kostüm – erscheinen, ist ein seltsamer, Distanz schaffender Verfremdungseffekt in diesem sonst so lebensechten Spiel. Aber schließlich ergibt auch das durchaus Sinn, eben weil Maria diejenige ist, die von Anfang an Recht hatte. Wären alle wie sie, wäre die ganze Geschichte anders gelaufen. Und jeder hat die Möglichkeit dazu, jeder kann Maria sein.

Übrigens auch wir selbst. Und kann damit eintreten für eine „Moral der Aufrichtigkeit“, wie Camus sie mit seinem Stück transportieren wollte. In einem später dem Manuskript hinzugefügten Vorwort schreibt er: „Das Missverständnis versucht, in einer zeitgenössischen Gestalt das alte Thema des Fatums wiederaufzunehmen. (…) Aber die Tragödie ist beendet und es wäre falsch zu glauben, dass dieses Stück für die Unterwerfung des Menschen unter das Schicksal plädiert. Betrachtet man es im Gegenteil als ein Stück der Revolte, enthält es sogar eine Moral der Aufrichtigkeit. Wenn ein Mensch erkannt werden will, dann muss er ganz einfach sagen, wer er ist. Wenn er schweigt oder wenn er lügt, stirbt er einsam und stürzt alles um ihn herum ins Unglück. Wenn er dagegen die Wahrheit sagt, wird er zweifellos auch sterben, aber erst nachdem er den anderen und sich selbst geholfen hat, zu leben.“ (3)

„Was für ein großartiger Abend. So gut und so geistreich habe ich mich schon lange nicht mehr im Theater unterhalten gefühlt“, höre ich beim Verlassen des Theaters eine Zuschauerin zu ihrem Begleiter sagen. Ihr kann ich problemlos zustimmen.

P.S. Und was sollte jetzt dieser zusätzliche Gast, der wieder weggeschickt wird? Er hat vermutlich mit dem nur intern zu verstehenden Inszenierungsimpuls zu tun, der an eine vorherige Inszenierung von Tennessee Williams Glasmenagerie anknüpft (mehr dazu im Interview mit Intendant Thomas Braus hier im Blog). Dramaturgisch ist sein Auftauchen außerdem ganz praktisch, um die Karaoke-Szene zu beenden. Ansonsten ist er ziemlich überflüssig, stört aber auch nicht sonderlich.

Die nächsten Termine:
27. Dezember 2019, 26. Januar, 7. und 28. Februar, 20. März 2020 im Theater am Engelsgarten, Engelsstraße 18, in Wuppertal. Dauer ca. eine Stunde 40 Minuten, keine Pause. Infos und Karten: www.wuppertaler-buehnen.de

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(1) Albert Camus, Der Fremde. Deutsche Übersetzung von Georg Goyert und Hans Georg Brenner. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1961, S. 80f.
(2) Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Aus dem Französischen übertragen von Justus Streller. Neubearbeitet von Georges Schlocker unter Mitarbeit von Francois Bondy. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1969, S. 30.
(3) Es handelt sich um das in der Pléiade-Ausgabe zitierte sog. Manuskript Bruckberger. Albert Camus, Oeuvre complètes I, 1931-1944, édition publiée sous la direction de Jacqueline Lévi-Valensi, Gallimard, Paris 2006, Bibliothèque de la Pléiade, p. 507. Übersetzung von mir, vgl. Anne-Kathrin Reif, Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe, Djre-Verlag, Königswinter 2013, S. 279

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Camus‘ „Die Pest“ jetzt auch am Deutschen Theater in Berlin

Božidar Kocevski ist Darsteller in der Bühnenadaption von „Die Pest“ in Berlin. Foto: Deutsches Theater

Caligula, Die Gerechten und zuletzt (und bisher noch am wenigsten) Das Missverständnis – die drei großen Theaterstücke von Albert Camus sind in den vergangenen Jahren an deutschsprachigen Bühnen rauf und runter gespielt worden (schauen Sie mal oben unter dem Reiter „Camus“, da gibt’s ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine Sammlung seit Blogstart im Jahr 2013). Erstaunlicher Weise ist Der Belagerungszustand, in dem Camus das Thema der Pest aufgreift, hierzulande bislang komplett übersehen worden. Gelegentlich ist man schon auf Bühnenadaptionen der Romane ausgewichen, vor allem auf L’Étranger, jetzt, so scheint es, ist vermehrt Die Pest an der Reihe. Nach dem Theater Magdeburg und dem Schlosstheater in Moers mit seiner sehr gelungenen Inszenierung jetzt also am Deutschen Theater Berlin, Premiere ist am 15. November. Die schlechte Nachricht (aus Zuschauersicht): Nicht nur die Premiere, sondern auch die Folgetermine sind bereits ausverkauft. Nächster verfügbarer Termin ist derzeit (noch) der 26. Dezember. Die Ankündigung auf der Theaterseite gibt nur eine kurze Inhaltsangabe her und nichts vom Ansatz der Inszenierung, außer dass es sich um ein Ein-Personen-Stück handelt, mithin wohlmöglich um eine Art Bühnenmonolog (Darsteller: Božidar Kocevski). Von der Umsetzung durch András Dömötör (Regie) und Sigi Colpe (Bühne und Kostüme) wird man sich überraschen lassen müssen (desweiteren: László Bakk-Dávid, Musik, Peter Grahn, Licht, Claus Caesar/Meike Schmitz, Dramaturgie).

Ich wüsste natürlich zu gern mehr darüber! Sie gehören zu den Glücklichen, die in Berlin wohnen und Karten ergattert haben? Dann berichten Sie doch von Ihren Eindrücken hier in den Kommentaren. Ich würde mich freuen!

  • Die Pest nach dem Roman von Albert Camus. In einer Fassung von András Dömötör und Enikő Deés. Deutsches Theater Berlin, Premiere: 15. November 2019 (ausverkauft). Weitere Termine: 16., 26.11., 13., 19., 26. Dezember.

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Albert Camus besucht Ernest Hemingway in Key West – oder Another shitty day in paradise!

Eine Nachfahrin von Hemingways Katzen hat es sich auf seinem Bett im Hemingway House in Key West bequem gemacht. ©Anne-Kathrin Reif

Die Katze war ihm ohne zu zögern auf den Schoß gesprungen, hatte sich ein paar Mal um die eigene Achse gedreht und war dann friedlich schnurrend zusammengerollt liegen geblieben. Er musste lächeln, als er seine Hand über ihr schwarz-weiß geflecktes Fell gleiten ließ und vorsichtig mit dem Zeigefinger über die weiche Innenseite ihrer Tatzen strich. Sechs Zehen. Alle Katzen von Hemmingway hatten sechs Zehen. Und es waren verdammt viele. Ernest hatte von dreißig gesprochen, aber das war nachmittags gewesen, und da hatte er wie üblich schon einige Drinks genommen. Vermutlich wusste er es selbst nicht so genau. Albert dachte an seinen ersten Abend hier in Key West. Auch da hatten sie im Garten gesessen, und irgendwann war ihm die Katze auf den Schoß gesprungen und hatte es sich bequem gemacht. Das hatte ihn gerettet. 

Alles war so unwirklich gewesen. So fremd. Schon als er mit dem Zug über diese Brücke gefahren war, hatte er geglaubt, zu träumen. Die Bahnfahrt über zwei Tage hinweg war quälend lang gewesen, und zuletzt war es mit jeder Stunde heißer geworden. Das gleichmäßige Rattern des Zuges hatte ihn immer schläfriger gemacht. Im Halbschlaf waren Bilder der vergangenen Wochen aufgetaucht. Seine zweite Reise nach Amerika. Seine Vorträge und Lesungen. Er, der gefeierte europäische Autor und Nobelpreisträger – eine Rolle, die ihm zugleich Genuss und Unbehagen bereitete. Das Wiedersehen mit New York nach mehr als zehn Jahren und mit Patricia. Er war eingenickt gewesen, als ihn ein Geräusch geweckt hatte und er die Augen aufschlug. Der Zug fuhr mitten durch den Ozean. Absurd. Für einen Moment hatte er wirklich nicht mehr gewusst, ob er wach war oder träumte. Dann hatte er sich besonnen. Der Anblick war überwältigend. Kein Land war zu sehen. Nur dieses endlose in türkisblaugrünen Tönen leuchtende Wasser, wie er es noch nie gesehen hatte – auch nicht auf der Überfahrt über den Atlantik. Und so ganz anders als das Azur des Mittelmeeres, das er so liebte. Anders schön. Erst nach sieben Meilen erreichte der Zug die nächste kleine Insel. Es war ein so starker und zugleich so unwirklicher Eindruck gewesen. Atemberaubend schön und doch beinahe beängstigend. Und als er dann endlich ziemlich erschöpft hier in diesem tropischen Garten gesessen hatte, war es wieder so gewesen. Was machte er überhaupt hier am andern Ende der Welt?

Hemingway, meine Güte! Der Mann war ein Idol seiner Jugend gewesen, seit sein Freund Claude de Fréminville in Algier ihm das erste Buch des Amerikaners zu lesen gegeben hatte. Da hatten sie gerade das Gymnasium beendet gehabt… Er hatte Hemingways Roman Fiesta verschlungen. Gefahr und Schmerz, eine Existenz auf Leben und Tod, die Konfrontation von Mensch und Natur… und dazu diese klare, präzise, scheinbar einfache Sprache. So ganz anders als die französische Literatur, die er bis dahin kennen gelernt hatte. So wollte er auch schreiben können! Später hatte man seinem Roman Der Fremde einen „amerikanischen“ Stil bescheinigt und ihn mit Hemingway und Faulkner verglichen. In den 40er-Jahren dann waren sie sich hin und wieder in Paris begegnet. Ihre Kreise überschnitten sich, natürlich, jeder kannte jeden, jeder redete mit jedem, solange es sich bei „jedem“ um Schriftsteller, Dichter, Künstler, Musiker und Intellektuelle handelte. Außerdem bevorzugten sie beide die Brasserie Lipp auf dem Boulevard Saint Germain, während Sartre und seine Entourage sich gegenüber in Café Flore oder im Deux Magots versammelten. Als junger Mann, der gerade aus Algerien gekommen war und noch nicht viel von der Welt gesehen hatte, war er fasziniert davon gewesen und hatte sich mitten hineingestürzt in dieses intellektuelle Pariser Leben. Später war es ihm nur noch auf die Nerven gegangen. Hemingway hatte in seinen Augen nie richtig dazu gehört. Er war nicht so ein Kopfmensch, der seine Zeit diskutierend in Cafés zubrachte und aus gesicherter Entfernung über das Leben schrieb. Er war immer mittendrin. Auch dafür hatte er den vierzehn Jahre Älteren immer bewundert.

Nachdem Hemingway Paris verlassen hatte, hatten sie keinen Kontakt gehalten, aber aus den Augen verlieren konnte man ihn ja gar nicht. Mit wachsendem Ruhm stürzten sich die Klatschblätter auf ihn, denen er reichlich Futter bot mit seinen großspurigen Posen. Ernest mit Riesen-Marlin an der Angel auf seiner Hochseejacht, Ernest als Großwildjäger in Afrika, Frauenheld, Kampftrinker, Bruchpilot. Nein, dafür bewunderte er ihn nicht mehr, und persönlich konnte er auf solche Art Popularität gut verzichten. Dennoch hatte es ihn gefreut zu erfahren, dass umgekehrt Ernest ihn ebenfalls nicht aus den Augen gelassen hatte, und nach nur sehr kurzem Zögern hatte er dessen Einladung, ihn im Anschluss an seine Vortragsreise in den Staaten in Florida zu besuchen, gerne angenommen.

Als er endlich völlig erschöpft angekommen war, hatten ihn allerdings heftige Zweifel geplagt, ob die Idee wirklich so gut gewesen war. Hemingway hatte ihm als erstes ziemlich großspurig sein prächtiges Haus gezeigt und dann hier im Garten Drinks serviert. „Das bringt dich wieder auf die Beine!“, hatte er jovial getönt und mit einem schnoddrigen „Wasser ist für Fische“ seinen bescheidenen Wunsch nach Erfrischung beiseite gewischt. Die feuchtheiße tropische Luft nahm ihm den Atem, und er hatte sich fremd gefühlt und viel zu weit weg von allem, selbst von all dem exotisch Schönen, das ihn plötzlich umgab, und vor allem von sich selbst. Étrangété… Und dann die Katze. Unwillkürlich hatte er sich entspannt, während er den kleinen weichen Körper auf seinem Schoß spürte, und sich dem gleichmäßigen Atemrhythmus des Tieres angepasst. Die Katze war sein Anker gewesen, nachdem er sich gerade noch gefühlt hatte wie auf hoher See.

Vier Wochen war das jetzt her. Er hatte nicht gedacht, so lange zu bleiben. Aber dann… sie waren sich näher gekommen, Ernest und er. Er hatte einen ganz anderen Mann hinter der Fassade entdeckt. Und er hatte eine neue Welt entdeckt, die er mit jedem Tag mehr liebte. Letztendlich war die Katze der Türöffner gewesen. Es hatte eine Weile gedauert, bis er diesen Schlüssel tatsächlich in der Hand hielt. Der Zugang führte über das Fühlen. Nur über das Fühlen. Auf der Ebene der Bilder und der Gedanken blieb immer dieser Rest von Fremdheit, dieser Abstand zu den Dingen in einer neuen, fremdartigen Welt. Aber irgendwann war es ihm gelungen, einzutauchen. Alle Gedanken hinter sich zu lassen. Inzwischen liebte er das quirlige Leben und die Musik in den kleinen Straßen von Key West am Abend, wenn sie noch auf einen Drink zu Sloppy Joes gingen, die Holzhäuser in Eiscremefarben mit ihren geschnitzten Veranden, die Bananenpalmen und die mit tellergroßen orangefarbenen Blüten bedeckten Bäume in den Vorgärten. Vor allem aber liebte er es, mit Ernest auf seiner Yacht zum Fischen rauszufahren. Was für ein Ritt durch diese blaugrün leuchtende Unendlichkeit, Wind im Gesicht, aufspritzende Gischt. Den Geschichten von Hemingways Großwildjagden konnte er wenig abgewinnen, aber das Hochseeangeln hatte ihn gepackt. Auch wenn sie keinen der riesigen Marlins an die Leine bekommen hatten, von denen Ernest geschwärmt hatte, sondern nur ein paar Snapper und Yellowtails. Nachdem sie an einem Korallenriff festgemacht hatten, war er vom Boot aus ins Meer gesprungen. Er war immer ein guter Schwimmer gewesen. Wieder tat sich eine neue Welt vor ihm auf. Bunt und voller Herrlichkeiten. Pauline* hatte abends ihren Fang in ein schmackhaftes Abendessen verwandelt. 

Blick auf das Hemingway House in Key West von der Gartenseite aus. ©Anne-Kathrin Reif

Anschließend ließen Ernest und er sich in bequemen Sesseln auf der Veranda nieder, natürlich mit einem Drink. Männergespräche. Den Frauen nachzuschauen hatte ihm genügt, dieses Mal. Die Begegnung mit Patricia in New York klang noch nach. Und dann seine Frauen zuhause… Da war kein Platz mehr für Neues, auch nicht für flüchtige kleine Freuden am Rande. Es war Ernest, der ihn in seinen Bann geschlagen hatte. So viele Gemeinsamkeiten hatten sie entdeckt, überraschender Weise – bei so vielen Unterschieden. Aus so verschiedenen Welten kommend, was die Familie anging. Aber da waren beider Anfänge im Journalismus, da waren die Kriegsjahre. Für Ernest schienen sie ein großes Abenteuer gewesen zu sein, aber das war nur die Oberfläche. Das Ringen um eine Existenz als Schriftsteller. Die ersehnte Anerkennung und der Preis des Ruhms. Vernichtende Kritiken. Ernest war zunächst besser damit klar gekommen. An ihm selbst nagten immer noch die kränkenden Kommentare, die er anlässlich der Nobelpreisvergabe hatte einstecken müssen. Und immer die Angst, nicht mehr schreiben zu können. Das kannten sie beide zu Genüge. Vielleicht hatte er sich noch nie so verstanden gefühlt in seinen inneren Kämpfen.

Hier hatte er diese Kämpfe irgendwann einfach hinter sich lassen können. Mit jedem weiteren Tag hatte ihn eine angenehme Trägheit mehr und mehr ausgefüllt. Als würde diese Insel im leuchtenden Ozean schwimmen wie ein losgetäutes Boot und sich dabei immer weiter von Europa und seiner Gedankenlast und seinen Kämpfen entfernen. Hier genügte es, einfach nur da zu sein. Aufgehen im Augenblick. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er diesem Ideal zuletzt so nahe gekommen war. Nichts planen. Nichts tun müssen, niemand sein müssen. Nicht einmal etwas wollen. Wenn er morgens früh weit vor Ernest wach wurde, setzte er sich in den riesigen Garten und genoss diese frühe Stunde allein, wenn die Luft noch duftig frisch war. Nur die Katzen waren noch wach und jagten den Eidechsen hinterher, bevor sie sich einen schattigen Platz zwischen den Pflanzen suchen und den Tag verdösen würden. Dann trat irgendwann Ernest auf die hölzerne Veranda heraus, reckte sich, blinzelte in die Sonne, hob sein Glas mit dem ersten Morgendrink, als wolle er einen Toast ausbringen, und tönte quer durch den Garten: „Another shitty day in paradise!“ Das war mal eine Art, den Tag zu begrüßen! Er bezweifelte, dass es ihm jemals gelingen würde, eine solche Lässigkeit dem Leben gegenüber aufzubringen. Aber für den Moment ließ er sich gerne davon mitreißen. 

Vier Wochen lang hatte er Moment an Moment gereiht, jetzt waren die letzten Abendstunden in diesem Paradies angebrochen. Am frühen Morgen war die Luft immer wie Seide auf nackter Haut gewesen. Ein Traum, ein Versprechen. Jetzt lag die tropische Luft auf ihm wie ein nasser Lappen. Feuchte Haut wie nach einem Liebesakt. Europa, seine Kämpfe waren so weit weg. Aber man kann sich nicht aus der Welt herausstehlen. Er musste wieder zurück. Außerdem tat das feuchtwarme Klima seinen Lungen nicht gut. Er würde sich auch ein Haus suchen, ein Haus in dem er die Welt ein Stück weit hinter sich lassen und schreiben konnte. Er würde wieder schreiben. Betäubende Freude erfüllte ihn, sie flutete durch seine Adern und breitete sich spürbar zwischen Herz und Magen aus. Er fühlte die Kraft zu lieben und alles noch einmal zu erschaffen. Endlich.

Ernest kam die Stufen der Veranda hinunter, zwei Gläser in der Hand, in denen Eiswürfel klimperten. „Another Drink, Albert?“ Er sprach seinen Namen amerikanisch aus, wie immer. Älbert. Albert lächelte. „Oh yeah, great!“, rief er ihm zu, den breiten amerikanischen Akzent des anderen imitierend. „Thanks, Ernest!“ Sie grinsten sich breit an, als Hemingway sich neben ihm in den gepolsterten Sessel aus Bambusrohr fallen ließ und ihm das Glas reichte. Ernest hatte einen Whisky Sour gemixt, und Camus spürte dem ersten Schluck nach, der warm und weich seine Kehle hinunterrann. „Ernest“, setzte er an, zögerte… Hemingway blickte auf, aufmerksam ob der plötzlichen Ernsthaftigkeit in Camus‘ Stimme. „Merci, Ernest. Merci pour tous.“ Sie schauten sich in die Augen, wie Männer es selten tun. Als würden sie sich mit den Blicken die Hände reichen und sie lange nicht loslassen. Dann nickte ihm Ernest mit einer winzigen, fast unmerklichen Bewegung zu. An diesem letzten gemeinsamen Abend sprachen sie kein Wort mehr. Während das abendliche Leben in der nahen Duval-Street erwachte und gedämpfte Stimmen und Gelächter vereinzelt bis zu ihnen in den Garten drangen, war ihr einvernehmliches Schweigen ganz und gar im Einklang mit dem Schweigen der Welt.

Morgen würde er zurückkehren. Nach einer langen Reise würde er Europa und seine Kämpfe wiederfinden, und auch seine inneren Kämpfe würden irgendwann wieder erwachen, darüber machte er sich keine Illusionen. Aber er kehrte gestärkt zurück. 

Hier, auf diesen glücklichen Inseln am anderen Ende der Welt, hatte er endlich seinen Pakt mit der Welt erneuern können. „Die Welt ist schön, und außer ihr ist kein Heil“, hatte er vor so vielen Jahren geschrieben. Es galt noch immer.

Ich widme diesen Beitrag meinem lieben Onkel Udo, der wahrscheinlich jeden Hemingway look alike Wettbewerb in Key West gewonnen hätte, aber nie an einem teilgenommen hat, zu seinem heutigen 85. Geburtstag. Mit großem Dank für all die Zeit, die er mir im Laufe meines Lebens auf diesen glücklichen Inseln geschenkt hat, und die wunderbaren Erinnerungen, die dazu beitragen, dass auch ich in deutschen Wintern einen unbesiegbaren Sommer in mir trage. Wish you many more shitty days in paradise!

Left: My uncle Hemingway and me sailing. ©akr

Selbstverständlich ist diese ganze Geschichte völlig frei erfunden. Mehr dazu im Kommentar.

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„Und trotzdem“ – Wuppertaler Bühnen bringen „Das Missverständnis“ von Albert Camus‘ auf die Bühne

Szenenfoto aus „Das Missverständnis“ von Albert Camus an den Wuppertaler Bühnen. Foto: Uwe Schinkel

Wuppertal. In „meiner“ Stadt wird Camus gespielt, aber ich muss mich leider noch ein wenig gedulden – zur Premiere von Das Missverständnis am morgigen Samstag im Theater am Engelsgarten und auch zur nächsten Vorstellung werde ich nicht da sein können. Aber Ihr vielleicht, liebe Blog-Leser und Camus-Freundinnen? Dann bin ich neugierig auf Eure Eindrücke – ich freue mich über Kommentare hier im Blog!

Immerhin konnte ich gerade schonmal einen Blick ins Programmheft werfen – und stelle überrascht und mit großer Freude fest, dass ich dort zitiert werde. Die Essenz des Stückes, um die es geht, finde ich in diesem Text schön erfasst. Jetzt bin ich gespannt auf die Umsetzung!

Unter der Überschrift „UND TROTZDEM.“ schreibt Peter Walgram:

„Das Missverständnis wird als Camus‘ erfolgloses­tes Stück bezeichnet und findet wenig Beachtung innerhalb seines Gesamtwerks. Uraufgeführt im besetzten Paris 1944 fällt es bei Publikum und Kritik durch. »Paris hat andere Sorgen« schreibt Iris Radisch.

Auch wir haben »andere Sorgen«. Der Klima­ wandel ist in aller Munde. Bestimmte »Kipp-­Punkt«­ Modelle entwerfen Szenarien, in denen die finale Krise bereits in 15 Jahren eintreten könnte. Und trotzdem: wir machen weiter, setzen uns für Klimaschutz ein. In unsere Probenzeit fällt eine Großdemo, wir gehen hin und skandieren schiefe Reime gegen die Klimapolitik. Wir schließen Rentenverträge ab. Wir setzen Kinder in die Welt. Wir planen für morgen.
Für die Camus­-Expertin Anne-­Kathrin Reif schlägt ›Das Missverständnis‹ eine Brücke vom absurden Camus zum revoltierenden Camus. Der Autor selbst gibt im Vorwort dem schwarzen Stück eine Moral, eine Handlungsanweisung: Sei aufrichtig! Sag, wer du bist, was du denkst und was du willst! Jan fehlt die Aufrichtigkeit und daran muss er zugrunde gehen. Martha ist, auf den ersten Blick, der absurde Mensch, wie Camus ihn entwirft. Sie hat die Sinnlosigkeit des Lebens erkannt. Aber wir dürfen sie uns – im Gegensatz zu Sisyphos – eben nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ihr fehlt die Mitmenschlichkeit und daran muss sie zugrunde gehen.
Übrig bleibt Maria. Sie steht allein, hilflos und ver­ loren im Sinnlosen. Aber sie steht und sie lebt. Sie hat die Chance, weiterzumachen, weiterzukämpfen, aufrichtig und menschlich. Und trotzdem!“

ZUM INHALT:

„Nach 20 Jahren kehrt der verlorene Sohn in seine Heimat zurück. Er gibt sich seiner Mutter und Schwester nicht zu erkennen, als er sich in deren Gasthaus einquartiert. Unglücklicherweise haben die beiden Frauen ein sehr spezielles Geschäftsmodell zur Zukunftssicherung entwickelt: Sie vergiften alleinreisende, solvente Herren und nehmen ihnen ihr Geld ab. Auch dem unerkannten Sohn wird der todbringende Tee aufs Zimmer gebracht …
Trotz des düsteren Ausgangs bezeichnete Camus sein Werk als »ein Stück der Auflehnung«. Das Team, das sich der Aufgabe stellt, dem Stück diese »Auflehnung« einzuhauchen, ist dem Wuppertaler Publikum bereits aus der letzten Spielzeit bekannt. Unter der Regie von Martin Kindervater und der Ausstattung von Anne Manss standen Julia Wolff, Lena Vogt und Konstantin Rickert bereits in der er- folgreichen Produktion ›Die Glasmenagerie‹ als Mutter, Tochter und Sohn auf der Bühne. Zu ihnen stößt in der sinistren Rolle des Knechts ein Urgestein der Wuppertaler Bühnen: Hans Richter.“

(Pressetext der Wuppertaler Bühnen. Dauer: Eine Stunde 40 Minuten, keine Pause. )

BESETZUNG
Martha – Lena Vogt; Die Mutter – Julia Wolff; Jan – Konstantin Rickert; Der alte Knecht – Hans Richter; Maria –Ensemble; als Gast – Alexander Peiler.

KÜNSTLERISCHES TEAM
Inszenierung: Martin Kindervater; Bühne & Kostüme: Anne Manss; Dramaturgie: Peter Wallgram; Regieassistenz: Barbara Büchmann: Inspizienz: Gesa Hocke; Regiehospitanz: Ida Schneider.

TERMINE
Premiere: Samstag, 5. Oktober 2019, 19.30 Uhr, Theater am Engelsgarten, Engelsstraße 18, 42283 Wuppertal. Weitere Vorstellungen in diesem Jahr: 6., 11., 17., 20. Oktober; 3., 23. 27. November, 27. Dezember.

INFOS UND KARTEN
über www.wuppertaler-buehnen.de, unter Telefon 0202/563 7666 oder über direkt bei der KulturKarte am Kirchplatz 1, Ecke Calvinstraße, Wuppertal-Elberfeld.

Studierende der Universität Wuppertal, der Kirchlichen Hochschule und der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal, können Vorstellungen der Wuppertaler Bühnen und Konzerte des Sinfonieorchesters kostenlos besuchen. Eine Begleitperson kann ebenfalls kostenlos mitgenommen werden!

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Wuppertaler Bühnen spielen „Das Missverständnis“ – Ein Gespräch mit Intendant Thomas Braus

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Diese Krankheit geht uns alle an – Großartige Umsetzung von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“ am Schlosstheater Moers

In Moers wird das Publikum in Quarantäne genommen, bewacht von Ratten. Foto: Jakob Studnar

Ich bin nochmal davon gekommen. Gut anderthalb Stunden habe ich zusammen mit etlichen anderen Menschen in Quarantäne verbracht. Isoliert in einem weißen, grell ausgeleuchteten Zelt, bewacht von in Krankenschwesternschürzen gekleideten Ratten, die zwischenzeitlich Desinfektionsmittel versprühen und eine medizinische Flüssigkeit in Plastikbechern austeilen. Nach und nach dürfen einige Menschen das Zelt verlassen und draußen Platz nehmen. Die transparenten Wände erlauben den Blick auf die jeweils andere Seite, die dennoch unerreichbar bleibt. Wer darf gehen, wer muss bleiben? Oder ist es vielleicht sogar anders herum: Wer muss gehen, wer darf noch bleiben – und damit weiter hoffen, am Leben zu bleiben und geheilt zu werden, während es für die anderen schon zu spät ist? Hin wie her: Es konnte jeden treffen, dass die Ratten mit einem in schwarzen Gumminhandschuhen steckenden Finger auf einen zeigten und ihn hinausgeleiteten. Und dann kommen sie tatsächlich auf mich zu. Aber sie zeigen nicht auf mich, sondern führen den an meiner Seite sitzenden Liebsten weg. Man lacht nervös auf, es ist ja nur ein Spiel. Aber ich hab’ immer schon zu viel Phantasie gehabt, und mir krampft sich für einen Moment das Herz zusammen. Der Schmerz der Trennung und der Ungewissheit bleibt für mich körperlich spürbar, so lange der Platz neben mir leer ist. Am Ende war ich unter den wenigen letzten, die noch im Zelt zurückgeblieben waren. Wie gesagt: Ich bin nochmal davon gekommen. Die Seitenwände des Zeltes werden schließlich hochgerollt und die Menschen wieder vereint. Puh.

Wer geht, wer bleibt? Die Ratten entscheiden. Foto: Jakob Studnar

Ulrich Greb hat Albert Camus’ Roman Die Pest für das Schlosstheater Moers dramatisiert und macht das Publikum zum Teil der Inszenierung. Ein grandioser Schachzug, denn genau darum geht es: „Diese Krankheit geht uns alle an“, wie es im Roman heißt – und gerade die Trennung und das Getrenntsein ist eines seiner zentralen Themen. Mit ihren Rattenköpfen verkörpern die sechs Spieler*innen die todbringenden Nagetiere und schaffen eine Atmosphäre permanenter Bedrohung – unterstützt durch die subtil eindringliche, flirrende, brummende Soundkulisse von Emilio Gordoa, Improviser in Residence beim Moers-Festival. Alle sechs sind aber auch die Chronisten der Geschichte, welche abwechselnd die Ereignisse wortgetreu und in genau dem nüchternen Ton wiedergeben, wie der Chronist der Pest in Camus’ Roman sie aufgeschrieben hat. Hinzu kommt ein siebter in Gestalt einer Handpuppe, die dem Text nach zwar die Hauptfigur des Dr. Rieux verkörpert, zugleich allerdings Camus ausgesprochen ähnlich sieht.

Ein stimmiger Soundtrack begleitet die Geschehnisse

Die nüchterne Erzählung der Ereignisse, wie die Pest die ahnungslosen Menschen überrascht, wie die Zahl der Toten ansteigt, wie versucht wird, der Krankheit mittels eines Serums Einhalt zu gebieten und so fort, wird immer wieder auf eindringliche Weise unterbrochen: Immer, wenn ein Spieler die Rattenmaske abnimmt und als einer der Protagonisten des Romans in eine Szene eintaucht. Schlüsselszenen allesamt: so wie die Stunde der Freundschaft zwischen Rieux und Tarrou, als sie gemeinsam nachts ein Bad im Meer nehmen; wie die harsche Predigt des Pater Paneloux; wie das qualvolle Sterben des kleinen Sohnes von Untersuchungsrichter Othon. Aber jedesmal, wenn der Spieler beginnt, ganz in der Figur aufzugehen, wenn die Emotionen hochkochen und sich schmerzlich spürbar auf die Zuschauer übertragen, ruft eine der Ratten gewissermaßen zur Ordnung: „Stopp! Ein Chronist hat nur die Aufgabe, zu sagen, es ist geschehen.“ Ein Wechselbad, das durchgängig für Spannung sorgt – auch dies mit stimmigem „Soundtrack“. Mal begleiten Spieluhrklänge kurze Augenblicke der Erleichterung, mal die von Camus zitierte Jazznummer „St. James Infirmery“.

Matthias Heße mit Handpuppe Dr. Rieux/Camus notiert die Tageszahl der Pestopfer. Foto: Jakob Studnar

Alles, was geschieht und gesprochen wird, ist sehr nah am Text, ohne den Text schlicht zu bebildern. Klar ist allerdings auch, dass eine 90-Minuten-Aufführung einiges an Strichen von der Romanvorlage verlangt. Dem fällt z.B. die Figur des Profiteurs der Pest, Cottard, zum Opfer, und leider auch eine der wichtigsten Figuren der Vorlage, nämlich der kleine Angestellte Joseph Grand, der die Peststatistik führt und ansonsten an seinem Roman arbeitet (in dem eine Amazone auf einer Fuchsstute durch den Bois de Bologne reitet…). Wer meine Arbeit zu Camus kennt, wird sich nicht wundern, dass ich das Thema der Liebe, das auch am Ende des Romans ein zentrales Thema ist, gerade am Schluss etwas zu schwach akzentuiert fand. Gestolpert bin ich zunächst auch darüber, dass das hoffnungsvolle Fazit fehlt, welches Rieux, der Arzt und Chronist der Pest, trotz aller Verheerungen am Ende zieht: Man könne in Zeiten der Heimsuchung lernen, dass es am Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt. – Aber es ist stimmig, dass dieser tröstliche Gedanke am Ende dieser Inszenierung ausbleibt. Denn ob es tatsächlich so ist, das ist angesichts unseres Verhaltens gegenüber heutigen Plagen, Heimsuchungen und Herausforderungen längst nicht ausgemacht.

Irgendwann nimmt die Zahl der Pestopfer ab, und die Krankheit verschwindet aus der Stadt ebenso unvorhersehbar, wie sie gekommen ist. Die Zeltwände werden hochgerollt und die Menschen wieder vereint, sie könnten sich glücklich in die Arme fallen wie die Menschen am Ende von Camus’ Roman, und ein bisschen was von dieser Erleichterung und diesem Glück ist tatsächlich spürbar. Man war in dieser Inszenierung eben mehr als bloß Zuschauer. Empfehlung: unbedingt sehenswert.

***

Natürlich sind noch die zu nennen, die gleichermaßen zum Gelingen des Ganzen beitragen. Das sind neben Ulrich Greb (Regie) die Schauspieler*innen: Patrick Dollas, Lena Entezami, Matthias Heße, Roman Mucha, Elisa Reining und Frank Wickermann. Sie meistern großartig das Wechselspiel zwischen den emotionslos berichtenden Chronisten und dem Eintauchen in die verschiedenen Charaktere, vermitteln Stimmungen oftmals allein über den wechselnden, harten, nüchternen, weichen, zärtlichen Klang der Stimme. Tragend für die ganze Inszenierung ist das Bühnenkonzept von Birgit Angele. Zum stimmigen Gesamteindruck gehört unbedingt auch die Soundkulisse von Emilo Gordoa. Die Camus-Handpuppe hat Puppenbauer Patrick Maillard gefertigt; Joost van den Branden vom belgischen Theater Tieret hat die Schauspieler im Umgang damit gecoacht.

Die nächsten Termine: 12., 13. Oktober, 23., 24. November, 6., 7. Dezember 2019. Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause. Infos und Karten: 0 28 41 / 88 34 110, www.schlosstheater-moers.de

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Veröffentlicht unter Bühne/ Film/ Fernsehen, Kritiken von Anne-Kathrin Reif | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

„Camus als Kritiker“ ist Thema bei den 36. „Rencontres méditerranéennes“ in Lourmarin

Blick auf Lourmarin im Oktobernachmittagslicht. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Ist tatsächlich schon wieder ein Jahr rum? Bin ich nicht neulich erst durch Lourmarin geschlendert, habe mich gefreut, die von überall herkommenden „Camusianer“ zu treffen und habe zum Apéro bei Camus auf der Terrasse gesessen? Nein, es ist wohl tatsächlich schon wieder ein Jahr rum, und leider kann ich heuer nicht dabei sein. Was mir beim Blick auf das Programm sehr leid tut (und beim Gedanken an einen wohlmöglich goldenen Herbst im Luberon erst recht). Was das Programm angeht, so wies es vor kurzem noch eine ganze Reihe Lücken auf, aber jetzt scheint ja doch noch alles gut gegangen zu sein. Jedenfalls war es heute in der Elektropost, und deshalb will ich es auch sogleich weitergeben. Thema ist in diesem Jahr Albert Camus als Kritiker, und das in vielfacher Hinsicht. Ganz persönlich hätte mich da am meisten der Vortrag von Christophe Langbois-Canil über Camus‘ als Kunstkritiker interessiert, denn außer seiner Freundschaft zu dem Maler Balthus, über den er auch geschrieben hat, fällt mir dazu gerade nichts ein. Nun, irgendwann wird man das in dem entsprechenden Tagungsband nachlesen können, da müssen wir uns halt ein bisschen gedulden. Wer jetzt Lust bekommt, hinzufahren, muss dagegen sehr spontan sein, denn die Rencontres finden schon am übernächsten Wochenende statt. Aber warum eigentlich nicht? Ich reise in Gedanken jedenfalls mit – und schicke herzliche Grüße nach Lourmarin!

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