19. November 1957: Albert Camus schreibt einen Brief

Der Brief von Albert Camus an Louis Germain, veröffentlicht in der Zeitung Combat.

Am heutigen 19. November eine Art „Zeitzeichen“-Beitrag. Dabei habe ich gar kein Ereignis im Sinn, das in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Sondern nur eines, das einmal ganz privat war, und bei dem Albert Camus vermutlich nicht gedacht hatte, dass man 63 Jahre später öffentlich daran erinnern würde. Am 19. November 1957, kurz nachdem er von der bevorstehenden Verleihung des Literaturnobelpreises an ihn erfahren hatte, schreibt Albert Camus an seinen ehemaligen Grundschullehrer Louis Germain:


Lieber Monsieur Germain, 
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an sie wende. Man hat mir eine viel zu große Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen. Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen, die Arbeit und die Großherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen. Albert Camus *

Der kleine Albert besuchte die örtliche Gemeindeschule in der Rue Aumerat in Algier von 1918 bis zum Wechsel aufs Lycée 1923. Und eben das, dass es überhaupt dazu kam, verdankte er im Wesentlichen seinem Lehrer Monsieur Germain: Der hatte gegen den erklärten Willen der gestrengen Großmutter Alberts dafür gesorgt, dass der begabte Junge aufs Gymnasium gehen durfte. Er unterstützt ihn bei der Bewerbung um ein Stipendium; gibt ihm und drei weiteren Schülern ab Januar unentgeltlich zwei Stunden zusätzlichen Unterricht pro Tag als Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung (1). Albert besteht die Prüfung und kommt nach den Sommerferien aufs Gymnasium. Wäre es nach seiner Großmutter gegangen, hätte Albert seinen Hauptschulabschluss gemacht und wäre dann – wie sein älterer Bruder Lucien, der mit 14 Jahren als angestellter Laufbursche seinen Wochenlohn nach Hause bringt – arbeiten gegangen. Doch dieses eine Mal hatte die Mutter Catherine Camus sich mit Hilfe von Monsieur Germain gegen das Familienoberhaupt durchgesetzt.

Aber schon zuvor hatte Louis Germain mit seinem Unterricht bei Albert einige Grundlagen gelegt, die nicht zu unterschätzen sind. „Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen,“ so schreibt er Jahrzehnte später an Camus, den er da immer noch mon petit, mein Kleiner, nennt (2). Wenn lehrplangemäß von Gott die Rede war, sagte er nur, dass manche an ihn glaubten, andere nicht; und beim Thema Religionen beschränkte er sich darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. „Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten.“ Zu den Lehrern, die sich zu „Handelsvertretern für Religion“ (genauer: für katholische Religion) machten, wollte er nicht gehören (3).

Louis Germain verstand sich als Lehrer, der im Geist der Aufklärung unterrichtet: Sapere aude! Wage zu wissen! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Einer, der seine Schüler zu freiem Denken erzieht, sie ermutigt, selbst ihre Wahrheit zu suchen, das Denken nicht an die Kirche oder die Religion abzutreten.

Camus hätte sicherlich nicht gedacht, dass der Brief an seinen alten Lehrer 63 Jahre später eine so große Öffentlichkeit finden würde. Der Anlass hätte ihn ganz ohne Zweifel erschüttert, so wie alle, die ihren Kopf auf dem Hals und ein Herz in der Brust tragen: Vor wenigen Wochen, am 21. Oktober 2020, verlas eine 14-jährige Schülerin im Innenhof der Sorbonne in Paris eben jenen Brief auf der nationalen Gedenkfeier für den Lehrer Samuel Paty. Wie Louis Germain verstand sich auch Samuel Paty als einer, der seine Schüler im Geist der Aufklärung unterrichtet. Sie zu freiem Denken erzieht, sie ermutigt, selbst ihre Wahrheit zu suchen. Ein islamistischer Terrorist hat ihm am 16. Oktober in Paris auf offener Straße nahe seiner Schule den Kopf abgeschlagen. Im Namen eines zutiefst falsch verstandenen Religionsverständnisses, das frei denkende Köpfe so wenig erträgt, dass ihm als Mittel der Auseinandersetzung nur das Dekapitieren einfällt.

Diesen Beitrag widme ich allen Lehrerinnen und Lehrern, die ihren Beruf im Geist von Louis Germain und Samuel Paty ausüben, und in dankbarer Erinnerung an jene Lehrerinnen und Lehrer in meiner eigenen Schullaufbahn, die mir den freien Raum eröffneten, in dem ein junger Mensch sich aufmachen kann, „seine Wahrheit zu suchen.“ Und wenn Sie auch solche Lehrer, solche Lehrerinnen hatten: Danken Sie es ihnen, bevor es zu spät ist…

***

P.S. Ich muss gestehen, dass es mich zutiefst irritiert, dass unter den militanten Coronaleugnern, die gestern wieder zu tausenden gemeinsam mit Nazis und Hooligans in Berlin aufmaschiert sind, und die ihre Kinder missbrauchen, indem sie diese als Schutzschilder vor den Wasserwerfern der Polizei in die erste Reihe stellen, auch Lehrerinnen und Lehrer aller Stufen sind. Da läuft das Selberdenken wohl nicht einfach bloß quer, sondern komplett verquer in die falsche Richtung. Anderes Thema. Ich wollte mir von denen nur nicht diesen Beitrag kaputtmachen lassen und anmerken: Ihr seid nicht gemeint.



*Abdruck in: Der erste Mensch, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 182
(1) Camus-Biograph Olivier Todd beschreibt diesen Lebensabschnitt in Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, im 2. Kapitel «Bravo, Knirps. Du hast bestanden», S. 19-31. Allerdings gibt er für den Wechsel aufs Gymnasium das Jahr 1924 an, anders als mehrere französische Quellen, u.a. die des Centre Albert Camus-Cité du Livre d’Aix-en-Provence.
(2) Brief vom 30. April 1959, abgedruckt in Der erste Mensch, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 284
(3) a.a.O.. S. 284f.

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„Bon anniversaire, mon chéri“

7. November 1949. Maria Casarès an Albert Camus

Mein Geliebter. Mitternacht ist gerade vorbei. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Liebling.

Trotz unserer Entfernung, trotz der nahen Zukunft, die uns bevorsteht, trotz allem und trotz aller, verbringe ich diesen Abend in Frieden: Ich bin glücklich. 


Ich bin hier inmitten unserer Unordnung, und du bist überall um mich herum. Es ist schön in meinem Taubenhaus, und die Luft riecht himmlisch. 
Ich glaube an Dich, und wenn ich auch aus Müdigkeit und Verwirrung an Deiner Liebe zweifeln konnte, so ist mir der Gedanke, dass Du mich hättest belügen können, nie in den Sinn gekommen.
Ich gehöre ganz und gar dir, und ich weiß, dass sich meine Gefühle für dich niemals ändern werden.
Heute Abend, mein Liebster, finde ich ein Gesicht, das ich so gerne oft sehen möchte. Es ist reich. Ich danke dir, mein Schatz. Niemand auf der Welt war je in der Lage, mir einen solchen Blick zu schenken.
Ich liebe dich, mein Liebling. Ich liebe dich mit meiner ganzen Seele, mit all meiner Kraft. Ich möchte dich bei mir haben und dieses neue Jahr mit dir zusammen angehen. Dieses Mal werde ich nicht in Deinen Armen liegen, aber wenn Du Deine Augen schließt, wirst du zu jeder Tageszeit meine Finger auf Deinen Lippen spüren.*

„Mon amour. Minuit vient de passer. Bon anniversaire, mon chéri.

Malgré notre éloignement, malgré l’avenir proche qui se prépare pour nous, malgré tout et malgré tous, ce soir qu’on me laisse en paix: je suis heureuse.
Je suis là au milieu de notre désordre et tu es partout autour de moi. Il fait bon dans mon pigeonier et l’air sent le paradis. 
Je crois en toi et si j’ai pu, par lassitude et égarement, douter de ton amour, jamais la pensée que tu eusses pu me mentir ne m’a effleurée. 
Je suis entièrement à toi et je sais que plus rien ne changera mon sentiment pour toi.
Ce soir, mon cher amour, je me trouve un visage que j’aimerais regarder souvent. Il est riche. Merci, mon chéri. Personne au monde n’a jamais réussi à me donner un tel regard.

Je t’aime. Je t’aime de toute mon âme, de toutes mes forces. Je voudrais t’avoir contre moi et faire face avec toi à cette nouvelle année qui se présente. Cette fois-ci je ne serai pas dans tes bras, mais si tu fermes les yeux, à n’importe quel moment de la journée tu sentiras sur tes lèvres mes doigts.
(…)“*

*Maria Casarès an Albert Camus, 7. November 1949. Albert Camus – Maria Casarès. Correspondance 1944-1959. Texte établi par Béatrice Vaillant. Avant-Propos de Catherine Camus. Éditions Gallimard, Paris 2017, p. 181. Übersetzung: Anne-Kathrin Reif

Ein bisschen fühle ich mich beim Lesen dieser Liebeszeilen wie jemand, der an der Tür gelauscht hat. So intim, so ganz und gar nur für den Geliebten gedacht waren diese Worte, zumal bei dieser mehr oder weniger geheimen, auf jeden Fall nicht ganz und gar offiziellen Liebe. „Nicht geliebt zu werden ist nur misslicher Zufall, nicht zu lieben aber ist Unglück“, schrieb Camus an anderer Stelle (**). In diesen Zeilen aber ist das ganze Glück präsent, das zu lieben und das, geliebt zu werden. Was für eine Fülle. Was für eine Kraft. Und auch, wenn es sich hier doch um eine ganz private Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen handelt: Ich bin überzeugt davon, dass Menschen, die so zu lieben verstehen, die Welt durch ihre pure Existenz ein bisschen besser machen. Sogar dann noch, wenn wir ihnen ihre Worte mit einer Zeitverzögerung von über 70 Jahren nicht hinter der Tür, sondern zwischen zwei Buchdeckeln ablauschen.

Merci Maria, merci Albert – et bon anniversaire!

** Albert Camus, Heimkehr nach Tipasa, Literarische Essays, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S.176

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Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch (12) – Eine Kerze für Sisyphos an Allerheiligen und eine Öljacke zum Geburtstag

Strandspaziergängerin mit Öljacke auf Nordseeinsel – passend zum Zitat des Tages… Foto: akr

Mein Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch hatte ich ja mit guten Gründen im August erstmal beendet. Aber natürlich habe ich weiterhin mit Camus und auch mit der Pest gelebt, genauso wie mit der Präsenz dieses unseligen Virus‘, das eine zeitlang ein kleines bisschen weniger präsent war, und das jetzt wieder wie mit neuen, in einer Atempause angesammelten Kräften zurückgekehrt ist. Da war gar nix überwunden, der Stein hat sich nur ein kleines Weilchen in fragilem Gleichgewicht auf dem Gipfel gehalten. Jetzt ist er mit großem Getöse talwärts gedonnert, und wir haben ihn erneut zu stemmen. Ab morgen ein neuer Lockdown, jedenfalls in großen Teilen, alles auf Anfang. Heiliger Sisyphos. Ich werde am heutigen Allerheiligentag eine Kerze für ihn anzünden.

Im Grunde könnte ich auch mein Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch jetzt wieder von vorn anfangen, und das meiste würde sich wiederholen. Da mach‘ ich’s dann lieber wie die Kanzlerin, als sie sagte: „Schaut euch meine Ansprache von letzter Woche an, es hat sich nichts geändert.“ Warum es dann heute trotzdem eine neue Folge gibt? Weil Allerheiligen ist, und weil es da so eine besonders schöne Stelle in der Pest gibt. Und weil ich gerade auf einer wunderbaren, beinahe menschenleeren Nordseeinsel bin, wo ich jeden freien Atemzug genieße (nur gute Aerosole in der Luft!), und die ich nun morgen früher als geplant verlassen muss. Wo in den Schaufenstern der Geschäfte, die mangels Touristen jetzt frühzeitig schließen, die nordseetypische Öltuchkleidung präsentiert wird. Vielleicht liest ja einer der vielen Verschwörungszeitgenossen mit und denkt sich: „Mensch, da ist bestimmt was dran. Hilft auch gegen Corona.“ Das verbreitet er dann unter seinesgleichen, und schwupps, schießt der Verkauf von Friesennerzen in die Höhe. Das würde den gebeutelten Inselbewohnern enorm zu Gute kommen und wär‘ doch echt mal eine sinnvolle Folgeerscheinung von der Art Unsinn, die einen gerade ziemlich zur Verzweiflung treiben kann.

„Allerheiligen war dieses Jahr nicht wie andere Jahre. Das Wetter allerdings passte dazu. Es hatte jäh umgeschlagen, und die späte Hitze war unvermittelt der ersten Kälte gewichen. Wie immer, so blies auch dieses Jahr ununterbrochen ein kalter Wind. Dicke Wolken eilten von Horizont zu Horizont und warfen Schatten auf die Häuser, die nach ihrem Vorüberziehen wieder das kalte goldene Licht des Novemberhimmels empfingen. Die ersten Regenmäntel waren aufgetaucht. Auffallend war die überraschend große Zahl glänzender Gummistoffe. Die Zeitungen hatten nämlich berichtet, dass vor zweihundert Jahre die Ärzte während der großen Pestzeit in Südfrankreich Öltuch getragen hatten, um sich zu schützen. Die Geschäfte hatten aus dieser Erzählung Vorteil geschlagen und ihre Lager aus der Mode gekommener Kleidungsstücke, dank denen jedermann Bewahrung vor der Krankheit erhoffte, abgestoßen.“ *

Ich habe heute übrigens, wie immer an Allerheiligen, Geburtstag. Insofern ist auch mein ganz persönliches Allerheiligen dieses Jahr nicht wie andere Jahre. Vielleicht schenke ich mir morgen, wenn man uns nötigt, vor der Zeit abzureisen, ja noch ein paar schicke Gummistiefel und vor allem eine Öljacke. Man weiß ja nie.

*Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S.153

Von Anfang anlesen: „Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch“ (1)

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„Die Pest“ nun auch am Staatstheater Wiesbaden

„Die Pest“ nach Albert Camus in einer Fassung von Sebastian Sommer. Auf dem Bild Matze Vogel.
Foto: Karl und Monika Forster

Albert Camus Roman Die Pest mutiert offenbar zum Theaterstück der Stunde: Auch am Hessischen Staatstheater Wiesbaden feierte jetzt (d.h. am vergangenen Samstag) eine dramatisierte Fassung des Stoffes Premiere. Regisseur Sebastian Sommer bringt es – wie auch Frank Heuel/Fringe Ensemble 2015 in Bonn und Carl Philip von Maldeghem 2013/14 am Landestheater Salzburg als Ein-Personen-Stück auf die Bühne (Darsteller: Matze Vogel). Was insofern naheliegt, als im Roman zwar jede Menge Personen auftreten, aber alles Geschehen von einem einzigen Erzähler wiedergegeben wird, der sich erst am Ende als Dr. Rieux, zugleich Hauptprotagonist der Geschichte, zu erkennen gibt. Zu gern würde ich mir die Inszenierung gerade im Vergleich zu der ganz anderen Bühnenfassung am Schlosstheater Moers anschauen, aber in Corona-Zeiten fährt man dann doch noch weniger als sonst mal eben für einen Theaterabend von Wuppertal nach Wiesbaden. So kann ich leider nicht aus eigener Anschauung berichten, sondern hier nur einige Pressestimmen wiedergeben, die recht positiv ausfallen:

Matze Vogel in „Die Pest“ am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Karl und Monika Forster

Judith von Sternburg schreibt in der Frankfurter Rundschau (online am 25.10.2020):
„(…) Klein der Mensch, groß die Angst und die Erschöpfung, weil sich dabei alles so zäh, aber andauernd im Kreise dreht. Hierfür hat Fabian Wendling im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden ein noch dazu für diesen Spielort ungewohnt spektakuläres Bild gefunden. Matze Vogel, einziger Akteur, steht in einer naiven Häuschenform, die wie ein Hamsterrad in eine Wand eingelassen ist, sich aber selbsttätig langsam und schier unaufhörlich dreht. Als säße Sisyphos selbst im rollenden Stein fest.

Vogel muss damit klarkommen, verlagert das Gewicht, wechselt die Haltung, redet ohne Unterlass. Sein Dr. Rieux tritt uns als etwas grelle und im Laufe der nächsten 75 Minuten noch greller werdende expressionistische Figur entgegen (Kostüme: Wicke Naujoks). Das Naturalistische lassen Vogel und Regisseur Sebastian Sommer zugunsten eines fantastisch erzählten Alptraums fallen. Manchmal ist es das Bizarre, das die Realität am besten abbildet
.“

Auf der Seite des Staatstheaters Wiesbaden werden weitere Stimmen zitiert:

Einhellige Begeisterung“ gab es laut Wiesbadener Kurier,
„Welch großartiges Bühnenbild!“ schwärmt Matthias Bischoff in der FAZ (26.10.20), und Katja Sturm schreibt in der Frankfurter Neue Presse (26.10.20):
Vogel rattert die Todesfallzahlen so gleichgültig herunter, dass es einen schaudern lässt. Er hofft und stirbt mit ganzer Kraft und lässt einen Albtraum so beeindruckend lebendig werden, dass er sich viel zu nahe anfühlt.“

Während das Große Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bis (vorerst) Anfang November Corona bedingt geschlossen bleibt, darf am Kleinen Haus unter Auflagen weiter gespielt werden.

Nächster Termin im Verkauf ist der 28. November (19.30 Uhr). Für die Termine 28.10., 5./ 8./ 10. und 27. November 2020 nur noch Restkarten an der Abendkasse. Infos und Tickets: www.staatstheater-wiesbaden.de

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Schlosstheater Moers nimmt „Die Pest“ wieder auf


Ensembleszene aus der „Pest“-Inszenierung am Schlosstheater Moers mit Camus-/Rieux-Handpuppe. Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

Als das Schlosstheater Moers im September 2019 eine Bühnenbearbeitung von Camus‘ Roman Die Pest auf die Bühne brachte, war von Corona noch keine Rede. Inzwischen hat die Wirklichkeit Roman und Theater eingeholt – denn auch, wenn derzeit nicht die Pest herrscht, sind die Parallelen zu Camus‘ Darstellung der Seuche doch verblüffend. Nicht zufällig erklomm der Roman mehr als 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung (1947) wieder die Bestsellerlisten und war streckenweise in Frankreich, Italien und Deutschland ausverkauft. „Im März druckte der Rowohlt-Verlag die 90. Auflage des sogenannten Buches der Stunde. Denn kaum ein Stoff schien aktueller zu sein: Eine Stadt im Ausnahmezustand, Quarantäne für die Gesunden, Isolation für die Kranken, ein Arzt, der mit seinen Helfern unermüdlich versucht, die unkontrollierbare Situation unter Kontrolle zu bringen, Behörden, deren Funktionsfähigkeit auf dem Prüfstand steht, Menschen, die von ihren Liebsten getrennt solange ausharren, bis die Tore der Stadt wieder geöffnet werden…“ (*) Ein gutes Jahr nach der Premiere nimmt das Schlosstheater Moers das Stück in der Inszenierung von Ulrich Greb ab 22. Oktober 2020 wieder in den Spielplan auf.

Aber haben wir nicht längst alle die Nase voll vom Seuchenthema? Ja, gut möglich. Will man sich das trotzdem auch noch im Theater angucken? – Ich hoffe es. Denn ich kann mir sehr gut vorstellen, dass gerade das Erlebnis dieser Inszenierung, die die Zuschauer sehr direkt mit in die Handlung hineinzieht, einen aus der Nase-voll-Lethargie herausholen kann. Dass sie die Augen öffnet und das wirklich spürbar macht: „Die quälende Erfahrung der Einsamkeit und die Handlungsunfähigkeit des Einzelnen; gleichzeitig die Erfahrung, dass Solidarität das einzige Mittel gegen das Unrecht ist, das uns alle verbindet: nämlich, dass wir alle sterben müssen, ohne zu verstehen warum.“ (*)

Mich hat die Inszenierung seinerzeit sehr begeistert, nachzulesen hier: Diese Krankheit geht uns alle an – Großartige Umsetzung von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“ am Schlosstheater Moers
In der Wiederaufnahme ab 22. Oktober 2020 gibt es eine Neubesetzung: Ekkehard Freye, von 2005-2010 Ensemblemitglied am Schlosstheater Moers und derzeit festes Ensemblemitglied am Theater Dortmund, übernimmt die Rolle des Tarrou von dem verstorbenen Frank Wickermann. (Lena Entezami, die das Haus verlassen hat, wird die Produktion als Gast weiterspielen).

Aufführungen am:
22.10.2020, 19.30 Uhr; 24.10., 19.30 Uhr (ausverkauft); 29.10., 19.30 Uhr;
30.10., 19.30 Uhr.
Infos und Karten: www.schlosstheater-moers.de. Kartentelefon 0 28 41 / 88 34-110.

(*) Viola Köster vom Schlosstheater Moers in der aktuellen Pressemeldung.

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Vortrag in Aachen: Albert Camus – der Algerienfranzose

Einer der Lieblingsorte von Camus in seiner Heimat Algerien: die Römischen Ruinen in Tipasa. ©Foto: Andreas Arnold

Am 22. September startete die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen in Kooperation mit der dortigen Volkshochschule eine Vortragsreihe, am morgigen Dienstag, 6. Oktober, folgt schon Teil 2 mit dem Thema Albert Camus – der Algerienfranzose.

Albert Camus wurde am 7. November 1913 in dem kleinen Ort Mondovi an der algerischen Küste unweit der tunesischen Grenze geboren; nach dem frühen Tod des Vaters zog die Familie nach Algier, wo Albert seine Kindheit und Jugend verbrachte. Als Algerienfranzose wuchs er während der Kolonialzeit zwischen Arabern, Berbern, Juden und Christen mit Herkunft aus allen Ländern rund um das Mittelmeer auf. Das Miteinander der verschiedenen Kulturen und Religionen war für ihn eine Selbstverständlichkeit, noch bevor ihm politische Machtverhältnisse und historische Kontexte bewusst wurden. Als die Konflikte zwischen Arabern und Franzosen in den algerischen Befreiungskrieg mündeten, saß Camus zwischen allen Stühlen und trat aktiv für eine Versöhnung der Volksgruppen ein, in der die bis dahin unterprivilegierten Araber zu mehr Rechten kommen sollten. (Für eine Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich sprach er sich allerdings nicht aus – was ihm in manchen Kreisen bis heute vorgeworfen wird). Neben seinen politischen Stellungnahmen finden wir auch in seiner Prosa Kulissen des Miteinanders und der Konflikte, die er neben der politischen Bewertung in erster Linie aus der zwischenmenschlichen Sicht betrachten wollte. Darin spiegelt sich die Zerrissenheit, die Camus aushalten musste, der er dennoch nicht ausweichen wollte.

Sebastian Ybbs alias Holger Vanicek, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, geht in seinem Vortrag Albert Camus – der Algerienfranzose diesen Aspekten nach.

Termin:
Dienstag, 6. Oktober 2020, 19.30 bis 21 Uhr in der Volkshochschule Aachen, Peterstraße 21, Raum 215. Die Teilnehmerzahl ist aufgrund der derzeitigen Corona-Hygienevorschriften begrenzt, eine vorherige Anmeldung ist deshalb unumgänglich: Telefon 0241/4792-111 oder per mail an vhs@mail.aachen.de

Am Dienstag, den 3. November wird am selben Ort eine Folgeveranstaltung unter dem Thema Albert Camus – Vom Absurden zur Revolte stattfinden.

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Erinnerungen: Die junge Juliette Gréco in Boppard am Rhein

Juliette Gréco 1958 bei Dreharbeiten in Boppard am Rhein. ©Foto: E. Dieter Fränzel

Eine schöne Reaktion auf meinen letzten Beitrag zu Juliette Gréco erreichte mich heute: Dieter Fränzel, Wuppertaler und einer der besten Jazz-Kenner im Land, schickte mir dieses wunderbare, von ihm selbst 1958 aufgenommene Foto und auch die Geschichte dazu, die ich hier sehr gerne weitergebe (auch wenn Camus mal nicht drin vorkommt…)!

Liebe Anne-Kathrin,
es hat mich gefreut und gerührt, dass Du Juliette Gréco einen Beitrag auf deinem Camus-Blog gewidmet hast. Ich hatte mehrmals das Glück, sie aus der Nähe zu erleben. Zum ersten Mal im Sommer 1958 in Boppard am Rhein, wo ich Juliette Gréco als Schauspielerin bei Dreharbeiten zu einem Spielfilm beobachten konnte. Der Film, eine britische Krimi-Produktion, wo sie als Hauptdarstellerin neben dem damals sehr populären O.W. Fischer agierte, kam 1959 unter dem Titel
Die schwarze Lorelei in die deutschen Kinos. Der Film spielte am Rhein und auf einem Schleppkahn auf dem Fluss. Als Kurgast in Boppard hatte ich Zeit, die Filmarbeiten zu verfolgen, natürlich bei entsprechendem Abstand. Aber ich fand einen Moment, die Gréco während einer Drehpause aus der Nähe zu fotografieren. Nachdem ich in einem Fotoladen Abzüge machen ließ – ich sah, die Momentaufnahme im Profil der schönen Französin (sie war da 31 Jahre) war gelungen – suchte ich nach ihr mit dem Foto in der Tasche und sah sie in einem Café, ging mutig auf sie zu und bat sie um ein Autogramm. Das schrieb sie mir ohne zu zögern und lächelte mich an. Und ich war glücklich. Das war also meine erste Begegnung mit der faszinierenden Frau, die als Sängerin Karriere machen sollte. Wie es der Zufall so will, bekam ich Anfang der 1960er Jahre einen Job bei einer Düsseldorfer Konzertagentur, die mit französischen Künstlern wie Gilbert Bécaud, Charles Aznavour, Marcel Marceau u.a. Tourneen in Deutschland organisierte. So wurde auch Juliette Gréco zu Konzerten in deutschen Großstädten eingeladen, meines Wissens ihre erste Deutschland-Tournee als Chansonsängerin. Sie kam 1963 auch zu einem Gastspiel nach Wuppertal, und ich durfte sie im Hotel Kaiserhof abholen und zur Stadthalle begleiten. Jedes Mal, wenn ich sie später auf der Konzertbühne gesehen und gehört habe, war ihr Erscheinen für mich ein berührendes Erlebnis. Gesprochen habe ich die große Juliette Gréco nicht mehr, meine Französisch-Sprachkenntnisse hätten auch nicht ausgereicht.

Lieber Dieter, ganz herzlichen Dank für diese schönen Erinnerungen!

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Jetzt ist die schwarze Sonne erloschen….

… aber ihre Stimme wird weiter glühen. Ein Klischee, das sicher mancher Nachruf jetzt bemühen wird, ich weiß. Aber so ist es nun mal: Wir können ihre Stimme abrufen, und sie wird uns warm und rauchig ins Ohr gehen, ihre Chansons können uns mit dem Geist der Rebellion befeuern oder uns eine warmen Decke bitter-süßer Melancholie überwerfen. Gestern, am 23. September 2020, ist Juliette Gréco im Alter von 93 Jahren im südfranzösischen Ramatuelle gestorben.

Es ist zehn Jahre her, dass ich sie noch life auf der Konzertbühne erlebt und bewundert habe. Bewundert nicht als lebendes Denkmal, sondern für die Lebendigkeit der vielen Facetten ihrer Persönlichkeit, die auch im Alter immer noch funkelten wie eh und je. Für die Selbstverständlichkeit, mit der sie scheinbare Gegensätze in sich versammelte, sie auslebte und dabei immer unverkennbar sie selbst war: la Gréco.

Ich erfuhr von ihrem Tod gestern in der „Kulturzeit“ bei 3Sat, und da war es wieder, gleich beim ersten Mal: „Sartre und Camus haben für sie Lieder geschrieben“. So steht es in Wikipedia, und so schreiben es auch heute wieder die Zeitungen. Seit Jahren versuche, ich, für diese angeblichen Camus-Chansontexte einen Beleg zu finden, leider ohne Erfolg. 2017 habe ich das Management von Juliette Gréco gebeten, ihr diese Frage weiterzuleiten, aber nur die Antwort erhalten, Madame Gréco beantworte aktuell keine Fragen, und dabei ist es geblieben. Wie schade. Diese Geschichte wird nun also wohl für immer Legende bleiben.

Schade auch, dass Iris Radisch es verpasst hat, Juliette Gréco nach dieser Legende zu fragen, als sie 2015 für die ZEIT ein sehr schönes Gespräch mit ihr geführt hat. Gréco kommt darin selbst auf Camus zu sprechen:

„ZEIT: War die Zeit irgendwie authentischer als heute?
Gréco: Sie hatte sehr starke Charaktere. Es waren Kämpfernaturen, richtige Krieger. Sie verteidigten ihr Werk mit allen Mitteln. Camus war so einer, ich liebte Camus.
ZEIT: Wie war Camus?
Gréco: Er war sehr verliebt in Maria Casarès. Er war ein Mann aus dem Süden, extrem großzügig und warmherzig. Sartre war sich seiner selbst nie ganz sicher. Camus war es umso mehr. Er war sehr lebendig, sehr männlich und lustig. Mir kam er rot vor, rot wie die aufgehende Sonne. Schrecklich verführerisch, ein schöner Mann. Ich habe ihn in der Rhumerie Martiniquaise getroffen, das war sein Königreich. Jean-Pierre Vivet hat uns vorgestellt. Ich habe ihn ungeheuer bewundert. Außerdem hatte er recht. Camus hatte recht, nicht Sartre.“ (Hier der Link zum Artikel)

Immerhin aber war es Sartre, der sie zum Singen gebracht hat. Wie das kam, habe ich 2013 in einem Beitrag erzählt, den ich heute gern noch einmal hervorhole. Und heute Abend werde ich eine Flasche guten Rotwein aufmachen, was ich allein äußerst selten tue, und nach langer Zeit wieder einmal in ihren Liedern baden. Merci, Madame Gréco, et Adieu!

Und hier nochmal mein Beitrag vom 7. Februar 2013 (leicht gekürzt, dort weitere Links zu Chansons).

Die schwarze Sonne glüht noch immer

Man wird sich heute wieder an sie erinnern: Juliette Gréco, die schwarze Rose von St. Germain, die Muse, Königin und Ikone der Existenzialisten, die schwarze Sonne von Paris oder welchen Titel man ihr auch immer angedichtet hat, wird heute 86 Jahre alt. Eine lebende Legende, ein Denkmal. So steht es überall zu lesen, und auch, dass Sartre und Camus für sie Lieder schrieben. „Sartre und Camus“, als müsste das einfach so sein, als gehörten die beiden einfach zusammen wie Hanni und Nanni.

Dass Camus Chansontexte geschrieben haben soll, finde ich zwar einen hübschen Gedanken. Allerdings habe ich bislang nirgendwo einen ernsthaften Hinweis darauf gefunden. Auch nicht bei Juliette Gréco selbst – und das hätte sie in ihrer selbst verfassten Autobiographie ganz gewiss nicht ausgelassen. In ihrem 2012 erschienenen Buch So bin ich eben. Erinnerungen einer Unbezähmbaren erzählt sie nämlich offen und geradeheraus nicht nur von ihrer Kindheit in Montpellier bei den liebevollen Großeltern, der Kaltherzigkeit der in der Résistance aktiven Mutter, von Verhaftung und materieller Not als sie sich mit nicht mal 18 Jahren allein in Paris durchschlägt. Sondern auch von all den großartigen Menschen, Männern und Frauen, die im Laufe der Jahrzehnte ihren Weg kreuzten oder sie ein Stück darauf begleitet haben. Der Jazztrompeter Miles Davis etwa  (eine lebenslange Liebe), Affären, Ehemänner, Leidenschaften. Jacques Prévert, Léo Ferré, George Brassens, Jacques Brel und Serge Gainsbourgh schrieben Lieder für sie, die bis heute unsterblich sind.

Dass sie aber überhaupt angefangen hat zu singen, haben wir in der Tat Jean-Paul Sartre zu verdanken. In etlichen Interviews ebenso wie in ihrem Buch hat Juliette Gréco die Geschichte, mit kleinen Variationen, erzählt. Im großen und ganzen geht sie so: 1949. Sartre hatte ein paar  Freunde zum Abendessen ins Restaurant eingeladen. Als sie anschließend auf dem Montmartre die Straße hinunter marschieren, dreht Sartre sich plötzlich zu ihr um und fragt sie: „Gréco, wollen Sie nicht singen?“ Nein, das habe sie nicht vor.  „Sie haben eine schöne Stimme. Sie sollten singen. Kommen Sie morgen früh um 9 Uhr zu mir“. Sartre war der intellektuelle Star der Szene, sie, Anfang 20, hatte gerade einmal einige winzig kleine Theaterrollen ergattert und sprach im Kulturradio Gedichte. Gréco ist um 9 Uhr da, obwohl sie da üblicherweise erst drei Stunden geschlafen hat, nach den durchfeierten, durchtanzten Nächten in den angesagten Jazzkellern und Clubs von St. Germain. Gemeinsam suchen sie einige Texte aus. Sartre schenkt ihr ein von ihm geschriebenes Chanson, La Rue des Blancs Manteaux aus seinem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft, doch die Musik gefällt ihm nicht. Joseph Kosma, der Komponist von Les feuilles mortes, schreibt eine neue. Mit diesem und zwei anderen Chansons bestreitet sie wenig später ihren ersten Auftritt im angesagten Club Le Boeuf sur le Toit, wo auch die Surrealisten verkehren, Picasso, Jean Cocteau, Jean Marais… Überhaupt ist tout Paris da, oder immerhin tout St. Germain, denn die Gréco ist schon längst eine Berühmtheit, lange bevor sie überhaupt den ersten Ton gesungen hat.

Das schöne, wilde, unangepasste Mädchen, das immer dunkle Männerkleidung trägt (die ihr um einiges zu groß ist), fällt in der Szene auf. In der Zeitung Samedi Soir erscheint ein Foto, das sie mit langem schwarzem Haar und in ihrer Bohème-Kleidung zeigt. Darunter die Zeile: „Eine typische Existenzialistin. Sie hat zwei Tage nichts gegessen und heißt Juliette Gréco.“ Auch die amerikanische Zeitschrift Life veröffentlicht Fotos von ihr, die sie in der legendären Keller-Bar Tabou mit Berühmtheiten der Szene zeigen. Ganz ohne ihr Zutun hat man sie mit Anfang 20 schon auf einen Sockel gestellt und zur Muse von
St. Germain des Prés erklärt. Sagt sie zumindest. Wäre Juliette Gréco heute jung, würde man sie vermutlich ein It-Girl nennen. Ihr Kleidungsstil wird kopiert, was aus der Not geboren war, wird Mode.

Aber sie hat eben doch mehr zu bieten: eine außergewöhnliche Persönlichkeit und eine großartige Stimme. Ihre Stimme sei „wie ein warmes weiches Licht, das mit seinem Funkenschlag die Flammen der Dichter entzünden kann. Nur wegen ihr und um zu sehen, wie sich meine Wörter in Edelsteine verwandeln, habe ich Lieder geschrieben (…)“ – das schrieb Sartre über die Gréco.  Die Zeilen seien wie ein Pass für sie gewesen, sagt sie, „mit ihnen hatte ich überall Zutritt. Mein ganzes Leben lang.“ Leider sind beide Lieder, die Sartre noch für sie schrieb (Ne faites pas suer le marin und La perle de Passy) verloren gegangen.

Und Camus? Sie lernte ihn über einen gemeinsamen Freund, Jean-Pierre Vivet, kennen. Sie trafen sich häufiger, er sprach, sie hörte ihm zu, und vor allem haben sie getrunken und getanzt.

Daran musste ich denken, als ich Juliette Gréco selbst auf der Bühne erlebte – einmal 1997 in der Wuppertaler Stadthalle und einmal erst vor drei Jahren in Wien. „Diese Frau hat sie alle gekannt! Und mit Camus getanzt!“, dachte ich und bewunderte das Denkmal, die lebende Legende. Und merkte ganz schnell, wie unrecht ich ihr tat. Sie war 83 und stand da, aufrecht, im schwarzen Kleid wie eh und je und sang. Nie hat sie nur von den alten Hits und der alten Zeit gelebt, bis zum Schluss immer neue Lieder ins Programm genommen. Keine singende Mumie war das, vielmehr randvoll mit Leben, und durch ihre gereiften Gesichtszüge leuchtete immer noch von fern das wilde Mädchen von einst hindurch. In ihrer Biographie schreibt sie:

cover: Bertelsmann-Verlag

Bis zum letzten Tag meines Lebens werde ich für das Recht der Menschen kämpfen, glücklich zu werden. Ich werde also kämpfen gegen den Terror, gegen die geistige Bevormundung, gegen die Gleichgültigkeit und für das einzige Gut, das zu bewahren es sich um jeden Preis lohnt: die Freiheit. Die Freiheit, so zu leben, wie es uns gefällt, die Freiheit, lachen zu dürfen, die Gedankenfreiheit, die Freiheit, uns zu verschenken und den und das zu lieben, dem wir von ganzem Herzen zugetan sind“ (1).

Und da ist sie Camus wieder sehr nah.

(1) Juliette Gréco: So bin ich eben. Erinnerungen einer Unbezähmbaren. C. Bertelsmann Verlag 2012. Es handelt sich um den Anfang des Kapitels „Die Macht der Worte“, zitiert aus der E-Book-Version). 

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Vortragsreihe in Aachen: „Was uns an Albert Camus heute noch bewegt“

www.365tage-camus.de ist zwar kein Blog der Aachener Albert Camus Gesellschaft, aber ich informiere hier natürlich gern über die Aktivitäten der dortigen „Camusianer“. Und da gibt es schon wieder Neues zu vermelden, denn neben dem monatlichen offenen Gesprächskreis und den Vorträgen im „Logoi“ startet die AC-Gesellschaft am morgigen Dienstag, 22. September, eine Zusammenarbeit mit der Volkshochschule in Aachen.

Vertreter*innen der Albert-Camus-Gesellschaft stellen in einer Reihe den Autor Albert Camus, sein Leben und sein Werk vor und sprechen über die schriftstellerischen, philosophischen und politischen Schriften und deren besondere Aktualität im Hinblick auf viele Fragen unserer Zeit. Die Reihe aus Vorträgen mit anschließendem Gespräch richtet sich an alle, die das Werk von Camus kennen oder es kennenlernen wollen.

Den Auftakt am morgigen Dienstag macht Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, mit einem Vortrag zum Thema „Was uns an Albert Camus heute noch bewegt“.

Hinter Albert Camus‘ Texten verberge sich „ein großes Oeuvre mit einem Zusammenspiel aus Literatur, Philosophie und gesellschaftspolitischem Engagement sowie seine bewegende Lebensgeschichte – er hat geschrieben, was er gelebt hat“, heißt es auf der Seite der VHS Aachen, und “«Was vor allem von Camus gelernt werden kann, ist seine Haltung», sagte Günter Grass.“

Termin:
Dienstag, 22. September 2020, 19.30 bis 21 Uhr. VHS, Peterstraße 21-25, Raum 214, in Aachen. Info VHS hier.
Am 6. Oktober 2020 folgt der Vortrag „Albert Camus – der Algerienfranzose“. Der Eintritt zu den Vorträgen ist frei.

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Über Wahrheit und Lüge in der Politik – Albert Camus und Hannah Arendt

Porträt von Hannah Arendt von Holger Vanicek (©).

Die gedankliche Nähe zwischen Albert Camus und Hannah Arendt ist am heutigen Dienstag, 15. September, Thema beim offenen Gesprächskreis der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen. Ich weiß, das ist reichlich spät für eine Ankündigung hier im Blog, aber ich war gerade mehr auf den Spuren von Hölderlin unterwegs, im Jahr seines 250. Geburtstages, was ja vielleicht auch noch einen Beitrag hergeben wird, wer weiß. Nun also kurz vor knapp Hannah Arendt, was immerhin ein Anstoß sein könnte, sich mit dieser bedeutenden Denkerin mal wieder oder erstmals näher zu beschäftigen, auch wenn man heute Abend keine Zeit hat, nach Aachen zu fahren.

Für Hannah Arendt jedenfalls war Camus „zum gegenwärtigen Zeitpunkt ohne Zweifel der Beste in Frankreich. Er überragt die anderen Intellektuellen um Kopf und Schultern“, schrieb sie auf Frankreichreise 1952 an ihren Mann, nachdem sie tags zuvor Camus getroffen hatte. Sartre dagegen wolle sie nicht treffen, das habe keinen Sinn, schrieb sie: Er sei vollständig in seine eigenen Theorien verstrickt und lebte in einer hegelianisch organisierten eigenen Welt (1). Das Treffen war auf Initiative von Hannah Arendt zustande gekommen, sie hatte am 21. April 1952 an Camus geschrieben, dass sie Der Mensch in der Revolte gelesen habe und wie sehr es ihr gefiele: „Je suis à Paris pour quelques semaines et j’amerais beaucoup vous voir si cela peut s’arranger, sans vous incommoder. J’ai lu L’Homme révolté que j’aime beaucoup. À vrai dire, c’est la seule raison de cette note. Veuillez croire à mes sentiments les meilleurs“ (2).

Hannah Arendt hatte 1951 Die Ursprünge des Totalitarismus veröffentlicht, ihre Werke wurden aber erst ab 1972 ins Französische übersetzt.

Brigitte Schneider, Mitglied der Albert Camus-Gesellschaft, hat sich eingehender mit Hannah Arendt beschäftigt und den heutigen Gesprächskreis unter dem Titel „Wahrheit und Lüge in der Politik nach Hannah Arendt“ vorbereitet.

Hat die Wahrheit in der Politik an Bedeutung verloren? Ersetzen Meinungen mittlerweile Wahrheiten (Fake News)? Ist es nicht Aufgabe der Politik oder der Politiker wertvolle, positive Entscheidungen zum Wohle der Menschen zu treffen, für Recht und Ordnung zu sorgen, die menschliche Existenz auch für die Zukunft sicher zu planen? Sind diese Aufgaben verloren gegangen? Welche positiven wie negativen Entwicklungen gibt es hinsichtlich Meinungsvielfalt und Medienkultur? Stellt eine irrationale Meinungsvielfalt die Gesellschaft vor eine Zerreißprobe? Wie können wir uns schützen?
Dies sind nur einige Fragen, die das Thema von Hannah Arendt und Albert Camus aus in die Gegenwart holen und zeigen, wie aktuell die Problematik auch und gerade heute ist.


Termin: Dienstag, 15. September 2020, 19.30 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen. Eintritt frei, offen für alle Interessierten. Beim Ankommen muss eine Schutzmaske getragen werden. Angemessen warme Kleidung wird empfohlen, da der Raum zwischenzeitlich gelüftet wird – aber der Hinweis ist am heutigen späten Hochsommertag wohl überflüssig…

(1) Gefunden auf dem Facebook-Account „Albert Camus – Pensée du jour“ wie folgt, nicht an Originalquelle überprüft:
„Sartre et Cie, je ne les verrai pas: cela n’aurait aucun sens. Ils sont entièrement drapés dans leurs théories et vivent dans un monde organisé de manière hégélienne. […] Hier, j’ai vu Camus: c’est sans aucun doute le meilleur en France à l’heure actuelle. Il dépasse les autres intellectuels de la tête et des épaules.“ Hannah Arendt en voyage en France, 1952.
Lettre de Hannah Arendt à son mari lors de son voyage en France, 1952
(2) Albert Camus, Oeuvre complètes III, 1949-1956, IV, 1957-1959,  édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade, p. 1226.

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