Düsseldorfer Ringvorlesung: Holger Vanicek spricht über „Die Zerrissenheit bei Albert Camus“

Am kommenden Montag, 17. Mai 2021, geht die Ringvorlesung „Albert Camus – ein Philosoph wider Willen?“ der Heinrich Heine Universität Düsseldorf in die vierte Runde.

Nachdem es bei zwei der drei vergangenen Veranstaltungen um Camus im Vergleich mit (und Konkurrenz zu) Jean-Paul Sartre ging, steht er diesmal im Zentrum der Betrachtung, und zwar mit einem Thema, das sicherlich sowohl für sein Denken als auch für sein Leben zentral ist: Die Zerrissenheit bei Albert Camus lautet der Titel des Vortrags von Holger Vanicek.

Vorgetragen wird das Thema diesmal von einem Referenten, der an dieser Stelle durchaus bekannt erscheinen mag, wenn auch eher unter seinem „Zweitnamen“ Sebastian Ybbs: Holger Vanicek ist Vorsitzender der Albert Camus Gesellschaft in Aachen. Zu seinem Thema schreibt er:


„Die Diskrepanz zwischen Selbst-Sein und Sein in der Welt löste bei Albert Camus vielfach das Gefühl der Zerrissenheit aus. Seine Erörterungen in grundlegenden Fragen des Lebens geben zwar Aufschluss darüber, wie er den Herausforderungen begegnen wollte, lösen sich jedoch nicht in befriedigende Antworten auf. Der Terminus taucht in seinem gesamten Werk immer wieder auf, ebenso in seinen Selbstbetrachtungen, dabei geht es mehr als nur um eine Umschreibung bestimmter Sachverhalte. Die Zerrissenheit wird selbst zum Begriff einer Lebenshaltung, die es ablehnt, über vereinfachte Lösungen inneren und äußeren Konflikten auszuweichen.“

Zur Person:
Holger Vanicek ist Bildhauer und Schriftsteller (unter dem Pseudonym Sebastian Ybbs).
In seiner Jugend hatte er mit den Schriften von Nietzsche seine erste Berührung mit der Philosophie, die Ausgangspunkt einer nicht zu stillenden Neugierde wurde. Durch seine spätere Beschäftigung mit den französischen Existenzialisten stieß er auf Albert Camus, der ihn seitdem nicht mehr losgelassen hat. Zwischen Ready-Mades und Abstraktionen beruft er sich in seiner künstlerischen Arbeit unter anderem auf Grundkonzeptionen der Phänomenologie, die auch die narrativen Aspekte seines schriftstellerischen Schaffens bestimmen. Seine Romanfiguren brauchen keine große Gesten, um sich auszudehnen, sie entfalten sich im Nichts, vor dem Hintergrund großer Ereignisse.

Holger Vanicek ist Präsident der 2014 gegründeten deutschsprachigen Albert Camus Gesellschaft. Aus seiner Beschäftigung mit der Zerrissenheit bei Albert Camus ist bereits ein belletristisches Werk erschienen (Die Unendlichkeit geteilter Tage, Schardt-Verlag, 2019), dem in Kürze seine analytische Abhandlung des Sujets folgen wird.

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Die Ringvorlesung läuft bis zum 12. Juli 2021 und wird über das Internet gestreamt. Alle Termine im Blog hier

Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten. Bitte beachten Sie, das Gasthörer herzlich willkommen sind, bei der Diskussion jedoch die Studierenden Vorrang haben.

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Düsseldorfer Ringvorlesung (3): Heiner Wittmann über Philosophie, Literatur und Kunst bei Sartre und Camus

„Ohne Zweifel ist Jean-Paul Sartre der bessere Philosoph, Camus vielleicht der bessere Schriftsteller.“ Das findet jedenfalls der Romanist, Historiker und Politikwissenschaftler Heiner Wittmann, der am kommenden Montag, 10. Mai 2021, den dritten Vortrag bei der Düsseldorfer Camus-Ringvorlesung halten wird. Man darf gespannt sein, ob der Referent darauf näher begründend eingehen wird, und wie sich dies in sein Hauptthema einfügt, das da lautet:

„Philosophie, Literatur und Kunst. Albert Camus und Jean-Paul Sartre.“

Dazu schreibt er in der Ankündigung:

„Beide Autoren haben ihre philosophischen und theoretischen Werke mit fiktionalen Texten illustriert. Genauso wie beim Philosophen Sartre waren auch Camus‘ theoretische Überlegungen ganz besonders eng mit der (Tages-)politik verbunden. Zur Bestimmung des philosophischen Gehalts ihrer Werke muss aber auch das jeweilige Gesamtwerk betrachtet werden, in dem bei beiden Autoren philosophische Überlegungen jeweils ein Werkteil ist, der bei beiden durch die Literatur ergänzt wird. Es ist bemerkenswert, dass in der Forschung noch immer ein dritter Werkteil beider Autoren, nämlich die Kunst(-philosophie), ihre Überlegungen zur Ästhetik, unterbewertet wird.“

Zur Person:
Dr. Heiner Wittmann (geb. 1955 in Köln) hat in Paris und Berlin Romanistik, Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Er ist Mitglied des Vorstandes der Sartre-Gesellschaft. Seit 1989 war er in verschiedenen Verlagen der Klett-Gruppe in Stuttgart tätig, seit 2010 in der Presseabteilung der Ernst Klett AG. Seit 2006 führt er den blog www.france-blog.info; außerdem schreibt er auf dem blog von klett-cotta. Seine Website: www.romansitik.info. 2012 wurde er mit der Ernennung zum Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques geehrt. Dem Thema der Ästhetik widmet sich Heiner Widmann schon lange: Bereits seine Dissertation 1987 galt der Ästhetik im Werk von Jean-Paul Sartre. Veröffentlichungen u.a.:

  • Von Wols bis Tintoretto. Sartre zwischen Philosophie und Kunst , (Bonner Romanistische Arbeiten hg. von Wolf-Dieter Lange, Eberhard Leube und Heinz-Jürgen Wolf), Bonn 1987
  • Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tintoretto bis Flaubert. Tübingen 1996
  • Albert Camus. Kunst und Moral. Frankfurt am Main 2009
  • Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit. Frankfurt am Main 2020.

Die Ringvorlesung läuft bis zum 12. Juli 2021 und wird über das Internet gestreamt. Alle Termine im Blog hier

Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten.

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Albert Camus und „Die Krise des Menschen“ – Vortrag von Prof. Brigitte Sändig bei der Düsseldorfer Ringvorlesung

Das war schon mal ein schöner Auftakt: Am vergangenen Montag gab Vincent von Wroblewsky einem detaillierten und interessanten Einblick in die „schwierige
Freundschaft“ zwischen Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Am kommenden Montag, 3. Mai 2021, geht die Ringvorlesung Albert Camus – ein Philosoph wider Willen? an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf weiter, und zwar mit einem Beitrag von Brigitte Sändig. Die ausgewiesene Camus-Expertin wird unter dem Titel Hoffnung in der Crise de l’homme‘ einen Einblick in eine etwas weniger bekannte Rede Camus‘ geben. Dazu gibt sie hier einen kleinen Vorblick:

„Kurz nach Ausgang des 2. Weltkriegs, gezeichnet durch die Erfahrungen von Okkupation und Résistance, tritt Camus seine erste internationale Vortragsreise an; die Abteilung für kulturelle Verbindungen des französischen Außenministeriums entsendet den erfolgversprechenden jungen Autor im Frühjahr 1946 zu einer Rundreise an US-amerikanische Universitäten. Camus hält dort mehrmals eine La Crise de l’homme (Die Krise des Menschen) betitelte Rede, in der er – im Namen seiner Generation – die Erfahrung totaler Negation des Menschlichen mit dem moralischen Durchhaltewillen der Résistant(e)s konfrontiert; hier findet er die Werte, auf die seine Hoffnung gründet und in denen er die Zukunft seines Landes sieht. Camus‘ Rede soll im Zusammenhang mit weiteren journalistischen Äußerungen aus diesen Jahren erörtert werden und – dies eventuell im Zuge der Diskussion – einen Ausblick auf die großen Werke der Folgezeit (Die Pest; Der Mensch in der Revolte) ermöglichen.“

Zur Person:
Prof. Dr. Brigitte Sändig (geb. 1944 in Dresden) hatte von 1997 bis zur Emeritierung 2009 eine Professur für Romanistische Literaturwissenschaft/Französisch an der Universität Potsdam inne. Bereits 1983 veröffentlichte sie bei Reclam-Leipzig die fundierte Einführung in Leben und Werk von Albert Camus; ihr Beitrag zu Albert Camus in der Reihe der Rororo-Monographien (seit 1995 mehrfach wieder aufgelegt) gehört zum Standardprogramm. Mit der Heimat Camus‘ verbindet sie ihre Zeit als Entwicklungshelferin in Algerien (1970/71). Über Publikationen zu Albert Camus hinaus veröffentlichte sie vielfach zur französischen und francophonen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts (u.a. François-René de Chateaubriand, Benjamin Constant, Andre Gide, Georges Bernanos). In jüngeren Publikationen widmete sie sich auch allgemeinen
zeitgeschichtlichen Fragen. 2019 erschien ihre autobiographische Schrift Halb und
halb. Erinnertes aus den Deutschländern
bei Königshausen & Neumann. 2011 wurde sie mit der Ernennung zum Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques geehrt.

Die Ringvorlesung läuft bis zum 12. Juli 2021 und wird über das Internet gestreamt. Alle Termine im Blog hier

Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten.

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Camus-Ringvorlesung an der Uni Düsseldorf startet am 26. April – alle Vorträge werden live gestreamt

Und wieder hat an den Universitäten ein Semester begonnen, das sich die Studierenden (und auch die Lehrenden) mit Sicherheit ganz anders erhofft und vorgestellt hatten… Dieses leidige Virus! Aber das Lamentieren hilft ja nix. Immerhin ein Gutes hat die Situation: Ohne Corona würden die Vorträge der Ringvorlesung über Albert Camus, die am kommenden Montag, 26. April, an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf startet, nicht im Internet gestreamt. So aber haben wir alle die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Und das ist ja nun ziemlich großartig. Bestimmt hätte ich es nicht geschafft, jede Woche montags nach Düsseldorf zu fahren, obwohl das von Wuppertal aus ja nun wirklich nicht weit ist. So aber habe ich gute Hoffnung, möglichst oft dabei sein zu können, den ein oder anderen der geschätzten Camus-Expertinnen und -Experten wiederzusehen oder kennenzulernen – und freue mich überdies sehr, dass ich auch als Referentin dabei sein darf.

Albert Camus – ein Philosoph wider Willen? Zur Geschichte und Gegenwart seines Denkens“ …

… ist die Ringvorlesung überschrieben. Organisiert wird sie gemeinsam von Dennis Sölch und Oliver Victor vom Fachbereich Philosophie. Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten.

Zum Auftakt am 26. April spricht Vincent von Wroblewsky über “Camus und Sartre – eine schwierige Freundschaft”.

Mehr zum Hintergrund der Vorlesungsreihe in Kürze – für heute wünsche ich allen noch einen schönen Abend!

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„Solidarität neu befragen“ – eine ganze Uni liest „Die Pest“. Online-Symposion am 16. April 2021

Drei von vielen Plakaten, denen man seit Anfang März in Bremen begegnen konnte. Sie sind Teil des Camus-Projekts „zusammen.denken“ an der Uni Bremen. ©zusammen.denken

Von einem spannenden Projekt ist zu berichten, das derzeit unter der Leitung der Philosophin Dr. Svantje Guinebert an der Uni Bremen stattfindet: Mit ihrem Projekt zu Albert Camus‘ Roman Die Pest hat sich die Universität Bremen an der Ausschreibung „Eine Uni Ein Buch (1U1B)“ 2020 beteiligt. Unter dem Obertitel „Solidarität neu befragen“ fanden und finden zahlreiche unterschiedliche Veranstaltungen statt, die über die Universität hinaus zum Teil auch die Stadtgesellschaft mit einbeziehen. Kern des Ganzen sollen die „multiperspektivische“ Lektüre und Diskussion des Romans Die Pest sein. Ein regelmäßig tagender Lesekreis, Leseperformances, Schreibworkshops, Lehrveranstaltungen, eine Vortragsreihe, Podiumsdiskussionen, eine Filmvorführung, eine Diskussion in der Reihe „Kontrapunkte: Wissenschaft im Widerspruch“ sowie weitere Veranstaltungen an der Universität und in der Stadt gehören zum umfangreichen Programm. Quasi das Herzstück des Ganzen ist aber das Studierendenprojekt zusammen.denken#camus4solidarity. In diesem Rahmen findet am 16. April online ein Symposion statt, an dem alle Interessierten per Zoom teilnehmen können (mehr dazu weiter unten). Anna Maria Stock vom zusammen.denken-Team hat 365tage-camus freundlicher Weise einige Fragen dazu beantwortet:

Im Zuge der Corona-Pandemie hat Albert Camus‘ Roman Die Pest wieder große Aufmerksamkeit erfahren. Zeitweise war er in Frankreich sogar ausverkauft. War die Pandemie-Erfahrung auch für Sie der Anlass, den Roman für die Aktion „Eine Uni ein Buch“ auszuwählen?

Anna Maria Stock: Die Uni Bremen hatte sich noch vor Corona mit Die Pest auf 1U1B beworben. Dann brach die Pandemie aus, und wir dachten eigentlich, dass wir dann den Zuschlag nicht kriegen. Wer will schon ein Buch über die Pest lesen, wenn sich sowieso nur noch alles um die Pandemie dreht? Aber dann kam im März 2020 die Zusage. Das ist toll, denn Camus‘ Die Pest ist sehr tröstlich. Wir erkennen uns und die Welt, wie sie gerade ist, darin wieder. Und wir lernen viel darüber, wie wir gut mit all dem umgehen. 

Was genau umfasst diese Aktion und was ist ihr Hintergrund?

zusammen.denken ist ein Sudierenden-Projekt, das aus dem Uni-Seminar „Vorhang auf und Bühne frei: Eine Aufbereitung des Werks Albert Camus’ für die Öffentlichkeit“ unter Leitung von Dr. Svantje Guinebert entstanden ist. In diesem Seminar, das zum uniweiten Projekt „Eine Uni Ein Buch“ gehört, haben wir Studierenden Camus’ Die Pest gelesen und in der Auseinandersetzung mit dem Buch verschiedene öffentliche Aktionen entwickelt. So hängen seit Anfang März in ganz Bremen Plakate mit Fragen, die wir entworfen haben, und überall in der Stadt sind bunte Steine zu finden, von uns bemalt. Eine Auswahl der Plakate und Steine ist auch auf unserer Instagram-Seite zu finden, auf der wir zu Austausch und Diskussion einladen. Sobald es das Infektionsgeschehen zulässt, sind außerdem szenische Spaziergänge mit Charakteren aus dem Roman sowie eine Lockdown-Performance geplant.

Was ist für Sie der entscheidende Aspekt, das wichtigste Thema des Romans, das ihn für uns heute so bedeutsam erscheinen lässt?

Solidarität. Camus‘ beschreibt, wie das Übel die Menschen ereilt, wie sie dagegen kämpfen, auch wenn der Kampf aussichtslos ist, und dass es aber in all dem Grauen möglich ist, menschlich zu bleiben. Camus zeichnet mit liebevollem Blick die verschiedenen Charaktere und ihre verschiedenen Weisen, mit der Pest umzugehen. Nach der Lektüre bleibt das Gefühl: Im Grunde ist der Mensch gut. Trotzdem. Solidarität ist auch das Thema, um das unsere Aktionen kreisen. 

Haben Sie Resonanz von unbeteiligten Personen auf die in der Stadt verteilten Plakate erfahren? Welche Frage(n) sprachen die Menschen am meisten an?

Plakate der Aktion wurden überall in Bremen verteilt. ©zusammen.denken

Ein lustiges Beispiel: Das Plakat mit der Frage „Wie fühlst du Distanz?“ wurde analog beantwortet, direkt auf der Litfaßsäule. Mit dicker schwarzer Farbe hat jemand Frau Merkel dazu aufgerufen, die Kneipen bitte wieder zu öffnen. Die Distanz fühle man „mal so gar nicht“. Außerdem haben wir eine Anfrage aus einer anderen Stadt erhalten, ob die Plakate verfügbar wären, um sie auch dort auszuhängen. Das wäre toll, wenn die Plakate auch über Bremen hinaus zum Dialog einladen würden. 



War den Studierenden Albert Camus vor der Aktion eigentlich ein Begriff?

Manche der Teilnehmer:innen hatten Die Pest schonmal gelesen, manche andere Werke von Camus. Aber ich denke, dass wir alle irgendetwas Neues mitgenommen haben, über Camus und seine Philosophie. Mir selbst war damals in der Schule Der Fremde begegnet, und auch Die Gerechten, aber Die Pest habe ich dann für das Seminar zum ersten Mal gelesen. Und Camus‘ Philosophie des Absurden habe ich erst jetzt kennengelernt.

Wie schätzen Sie selbst die Wirkung der ganzen Aktion sowohl auf die direkt Beteiligten als auch die Stadtgesellschaft ein?

Für uns Teilnehmer:innen war und ist es eine tolle Aktion. Es ist schön zu sehen, dass es in diesen schwierigen Zeiten, in denen wir uns nicht persönlich treffen konnten (alles lief über Zoom), trotzdem möglich ist, gemeinsam solche Aktionen auf die Beine zu stellen. Wir kannten uns vorher nicht und haben uns bis jetzt noch nicht persönlich getroffen, und trotzdem haben wir was Gemeinsames geschaffen. Vielleicht ist auch das ein Akt der Solidarität, ganz im Sinne Camus‘. Wie sich die Aktion auf die Stadtgesellschaft auswirkt, ist schwer zu sagen. Ich hoffe, dass wir mit unseren Plakaten und Steinen den ein oder die andere erfreut haben. Und dass wir vielleicht, wenn das wieder möglich ist, noch den ein oder die andere mit einem szenischen Spaziergang und einer Lockdown-Performance erfreuen dürfen. Jetzt steht aber erstmal das Symposium an.

Können Sie dazu den Leserinnen und Lesern von 365tage-camus noch etwas mehr sagen?

In dem Online-Symposion am 16. April geht es um Solidarität, Die Pest und die Camus‘sche Philosophie dahinter. Wieso Camus lesen? Wieso Die Pest? Wieso gerade jetzt? Was lernen wir aus dem Roman für das Leben in der Pandemie? Was für das Leben als solches? Das sind zum Beispiel Fragen, um die sich das Symposium drehen wird. Geplant sind neben der Lektüre von Textstellen gemeinsame Diskussionsrunden, zu denen wir auch Vertreter:innen solidarisch handelnder Initiativen aus Bremen eingeladen haben. Alle Interessierten sind herzlich zur Teilnahme eingeladen.

Liebe Frau Stock, vielen Dank und viel Erfolg weiterhin für die geplanten Aktivitäten!

TERMIN: Online-Symposion am 16. April 2021, 17 bis 20 UhrAnmeldung bis einschließlich 12. April 2021 per Mail an eueb2021@uni-bremen.de oder über die Instagram-Seite zusammen.denken

MEHR INFOS:Der empfehlenswerte Blog zum Camus-Projekt „Solidarität neu befragen“ bietet ausführliche Hintergrundinformationen zum gesamten Projekt und zum Semesterschwerpunkt „Solidarität“ am Institut für Ethnologie / Kulturwissenschaft der Uni Bremen; dazu Gastbeiträge und Textbeiträge von Studierenden, eine Podcast-Reihe, eine Zitatauswahl aus Camus‘ Die Pest, einen Rück- und Vorblick auf Veranstaltungen und noch einiges mehr. 

EINE UNI EIN BUCH: Das Programm „Eine Uni Ein Buch“ wird vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. und der Klaus Tschira Stiftung in Kooperation mit dem ZEITverlag veranstaltet und findet 2021 zum fünften Mal statt. Sie zeichnen die zehn besten Ideen und Aktionen aus und fördern ihre Durchführung mit jeweils 10.000 Euro. Die Universität Bremen erhielt den Zuschlag für das Projekt „Solidarität neu befragen: Die Universität Bremen liest Albert Camus‘ Die Pest (1947) – Ein philosophischer Roman über Solidarität in schwierigen Zeiten.“ 

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Zum Cappuccino gibt’s eine schöne Geschichte: Zu Besuch beim „Café Camus“ am Rhein

Basim Ghomorlou und seine Frau Katharina Müller in ihrem Kaffeewagen „Café Camus“. ©Foto: A.-K. Reif

Seit Wochen denke ich: Es sollte mal irgendwer den Blog aufwecken. Im Zweifelsfalle ich selbst. Da trifft es sich doch ganz wunderbar, dass ich beim Fischen in den Tiefen des Worldwideweb plötzlich einen richtig schönen Camus-Fisch im Netz hatte: Die Lokalzeitung von Bad Honnef berichtet darüber, dass jemand im benachbarten Königswinter seit kurzem einen Kaffeewagen betreibt und eben diesen „Café Camus“ benannt hat. Wenn das mal nicht ein prima Anlass für einen Ausflug von der Wupper an den Rhein ist! Versteht sich quasi von selbst, dass ich gern chez Camus einen Cappuccino trinken und vor allem die Geschichte dazu erfahren möchte.

Basim Ghomorlou hat alle Hände voll zu tun. Die Schlange vor seinem „Café Camus“ ist lang an diesem sonnigen Sonntagnachmittag am Rhein, während die Cafés im Ort und an der Rheinpromenade noch im Lockdown sind. Ehefrau Katharina Müller, studierte Ethnologin, packt an den Wochenenden mit an und reicht hausgebackenen Kuchen durchs Wagenfenster, dieweil ihr Mann perfekten Milchschaum auf den Cappuccino zaubert. Becher und Teller sind aus schöner Pappe, die Kuchengabel aus Holz – Plastik ist tabu und würde auch gar nicht zu dem ästhetischen Gesamteindruck des „Café Camus“ passen. Bis die Schlange kürzer geworden ist, lasse ich mir erst einmal den Kaffee und den köstlichen Schokoladenkuchen schmecken.

Eine kleine Bibliothek und liebevolle Details gehören zur Ausstattung des „Café Camus“. ©Fotos: Anne-Kathrin Reif

Nach dem Ende der sonntäglichen Kaffeezeit am späten Nachmittag atmet Basim Ghomorlou auf: Es ist seine erste Pause seit Stunden, und endlich hat er Zeit, sich mit mir auf die Bank hinter seinem Wagen zu setzen und mir seine Geschichte zu erzählen. Vorab entschuldigt er sich aber erstmal für sein Deutsch (das in Wirklichkeit nahezu perfekt ist). Geboren wurde er 1984 in Maschhad, der zweitgrößten Stadt des Iran, studierte in Teheran Fotografie. Seit 20 Jahren arbeitet er als Fotograf, künstlerische Natur- und Menschenfotografien in Schwarz-Weiß sind sein Schwerpunkt, meistens aufgenommen mit einer analogen Mittelformatkamera. Auf über 20 Einzelausstellungen in Teheran, Maschhad, Venedig, Frankreich, Belgien und Deutschland hat er seine Arbeiten bislang gezeigt, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet – darunter beim PX 3 (Prix de la Photographie Paris) und dem renommierten International Photo Award IPA. Gerade bringt ein Kunstverlag in Teheran ein Buch mit Fotografien über die Wüste von ihm heraus. Einige seiner Fotoarbeiten schmücken das Innere des Wagens, von dem ich Corona bedingt leider nur von Außen einen Blick erhaschen kann.

2016 kam Basim Ghomorlou nach Deutschland – zunächst nach Tübingen, wo seine Frau studierte. Nach anderthalb Jahren und der Geburt ihrer Tochter zogen sie nach Bad Godesberg in die Nähe von Katharinas Familie. Arbeiten wollte Basim, natürlich, aber auch Zeit haben für seine Fotokunst und zum Lesen. Irgendwann war die Idee mit dem Kaffeewagen da. „Wenn gerade nicht so viel los ist, kann ich in meinem Wagen sitzen und lesen“, sagt er. Nicht nur, aber auch Camus, versteht sich. Vor 15 Jahren habe er angefangen, sich mit der Geschichte der Philosophie und vor allem mit den französischen Existenzialisten zu beschäftigen, und es habe ihn gepackt, erzählt er. Die Werke von Albert Camus und Sartre las er in der Übersetzung auf Persisch. „Schon früher wollte ich gern ein Café im französischen Stil aufmachen und es Café Camus nennen“, erzählt er – „aber ich hab’s dann doch nicht gemacht“. Jetzt war der Name einfach perfekt für seine kleine Oase, mit der er seine Leidenschaft für Literatur und für guten Kaffee verbinden kann.

Vor einem knappen Jahr, Mitte Mai 2020, hat Ghomorlou damit begonnen, den alten türkisgrünen Caravan komplett zu renovieren und neu einzurichten. Den alten Boden ersetzte er durch einen schönen Holzboden, brachte neue Regale für die Bücher an, strich Wände und Schranktüren leuchtend blau. Auch die Außenhaut bekam einen neuen Anstrich in edlem Graublau. Kücheneinrichtung und Kaffeemaschine folgten, und zum Schluss all die liebevollen Details, die das Café Camus so charmant aussehen lassen und es für ihn zu einem behaglichen Rückzugsort machen. Mitten im Winter, am 1. Januar 2021, feierte er Eröffnung – und dann kam auch schon bald das Hochwasser, das bis auf die Promenade schwappte. Ein Start mit Hindernissen also – auch was die Ursprungsidee des Ganzen angeht: Ursprünglich war der Plan nämlich, mit dem Wagen mobil zu sein, zu reisen – „nach Norwegen oder in die Schweiz“ –, fotografieren und gleichzeitig mit dem Café Geld verdienen zu können. Inzwischen hat er die hiesige Bürokratie kennengelernt und weiß, dass man für jeden Platz eine Konzession braucht, deren Beantragung mit spontanen Standortentscheidungen leider nicht kompatibel ist… Auch die Genehmigung für den Platz an der Rheinpromenade gilt nur noch bis Mitte März. „Aber es gibt schon zwei andere Angebote in der Nähe“, zeigt er sich zuversichtlich.

Kaffeeliebhaber werden ihm gewiss an jeden anderen Standort in erreichbarer Nähe folgen, denn die Qualität von Kuchen, Cappuccino & Co spricht für sich. Auch um Spontankunden braucht er sich bei einigermaßen schönem Wetter sicherlich keine Sorgen machen. Und wenn es draußen mal wieder ungemütlich ist und die Kundschaft ausbleibt, dann kann er es sich in seinem „Café Camus“ gemütlich machen und hat endlich wieder Zeit zum Lesen. Zurzeit liest er das, was er von Camus bereits kennt, nochmal neu auf Deutsch – allen voran Der Fremde. „Mein Lieblingsbuch“, erklärt er auf Nachfrage – „schon der erste Satz ist der Hammer!“

Zum Abschied noch einen Espresso beim „Café Camus“. ©Foto: Klaus Dreisbusch

Einen Eindruck von Basim Ghomorlous Fotoarbeiten bekommt man z.B. hier:
Instagram-Account: basim_ghomorlou
https://px3.fr/winners/curator/2020/1-91017-20/ https://www.photoawards.com/winner/zoom.php?eid=8-160223-18
https://www.lensculture.com/basim-ghomorlou-2

Noch bis zum 15. März steht das „Café Camus“ in Königswinter, Rheinallee Höhe Hausnummer 13. Geöffnet ist dienstags bis sonntags 12 bis 18 Uhr.

Update: Basim Ghomorlou kann mit seinem „Café Camus“ vorerst doch noch in der Königswinterer Rheinallee, Höhe “Alte Liebe”, bleiben. Aktuelle Standorte immer auf Facebook und Instagram cafecamus.

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Deutsches Theater Berlin streamt Inszenierung von „Die Pest“

Božidar Kocevski in „Die Pest“ am Deutschen Theater Berlin. ©Foto: Arno Declair

Gerade habe ich im vorhergehenden Beitrag noch behauptet, es gäbe hier nicht wie einst die Camus-Theaterereignisse anzuzeigen, da stoße ich bei Theaterkompass.de auf diese Ankündigung aus dem Deutschen Theater Berlin:

„Die erste Februar-Woche steht ganz im Zeichen von Die Pest nach dem Roman von Albert Camus – ein Text, der im letzten Jahr an Popularität gewonnen hat. Die Fassung von András Dömötör und Enikő Deés kam in der Spielzeit 2019/20 in der Regie von András Dömötör zur Premiere in der Box. Angesichts des Corona-Lockdowns im Frühjahr hat DT-Ensemblemitglied Božidar Kocevski zusammen mit dem Kameramann Lorenz Haarmann eine Quarantäne-Videoversion der Arbeit entwickelt, die wir nun am Dienstag, den 2. und Samstag, den 6. Februar jeweils 20 Uhr erneut im Stream zeigen. Den Preis für das Online-Ticket kann das Publikum bei diesen beiden Streams selbst bestimmen. Am Samstag, den 6. Februar wird im Anschluss an den Stream zum Online-Nachgespräch mit Schauspieler Božidar Kocevski, Regisseur András Dömötör und Dramaturg Claus Caesar geladen. Über den Chat hat das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mehr über die Produktion zu erfahren.“

Ich bin, ehrlich gesagt, nicht grundsätzlich ein Freund davon, sämtliche Kulturveranstaltungen ins Netz zu verlegen und finde das Live-Erlebnis immer noch unersetzbar. Aber in so einem Fall wie diesem finde ich es doch ein schönes Angebot, um sich einen Eindruck von der Inszenierung zu verschaffen, die ja auch ohne Corona Menschen außerhalb des Berlin-Umkreises nicht ohne weiteres zugänglich ist.

Hier geht’s zur Webseite des Deutschen Theaters in Berlin

Hier geht’s zum Stream am 2. Februar
Hier geht’s zum Stream am 6. Februar (mit Live-Nachgespräch)

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Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch (13) – Von seltsamen Jubiläen und verlässlicher Ungewissheit

„Vor genau einem Jahr wurde zum ersten Mal vom Auftreten eines neuen Virus in der chinesischen Stadt Wuhan berichtet“. „Vor genau einem Jahr gab es den ersten Corona-Fall in Deutschland“. Seltsame Jubiläen werden seit kurzem, naja, nicht gerade gefeiert, aber doch hervorgehoben. Weitere werden folgen. Das erste „Superspreader-Event“ in Deutschland, der erste Lockdown, die ersten Lockerungen, das Ende des ersten Lockdowns, usw. Im März kann ich dann „vor einem Jahr gab’s die erste Folge des Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuchs“ feiern und schauen, wo wir dann stehen. Mit etwas Glück stehen wir, zahlenmäßig, dann ungefähr an der gleichen Stelle wie vor einem Jahr, und während uns vor einem Jahr diese Zahlen noch in Angst und Schrecken versetzt und zu Hamsterkäufen im Supermarkt geführt haben, werden wir sie jetzt als hoffnungsfrohen Fortschritt feiern, und die Menschen werden noch lauter nach dem Ende aller Einschränkungen rufen. Während wir zu Anfang noch mit fassungslosem Entsetzen auf 1000 Tote am Tag in New York geschaut haben, nehmen wir sie jetzt bei uns seit Wochen hin, als sei das naturgegeben.


Und wirklich brannten im Krematorium die Freudenfeuer der Pest immer munterer. Zwar nahm die Zahl der Toten nicht von einem Tag auf den anderen zu. Aber es war so, als habe die Pest sich auf ihrem Höhepunkt gemütlich eingerichtet und verrichte nun ihre täglichen Morde mit der Präzision und Regelmäßigkeit eines guten Beamten. Im Grunde und nach Ansicht der Sachverständigen war das ein gutes Zeichen. Die Kurve der Pest mit ihrem stetigen Anstieg und dem darauf folgenden langen waagerechten Verlauf erschien Doktor Rieux zum Beispiel überaus tröstlich. «Das ist eine gute, eine ausgezeichnete Kurve», sagte er. Er war der Meinung, die Krankheit habe ein Plateau erreicht, wie er es nannte. Von nun an könne sie nur noch zurückgehen. Das Verdienst hierfür schrieb er Castels neuem Impfstoff zu, der tatsächlich einige unverhoffte Erfolge erreicht hatte. Der alte Castel widersprach nicht, war aber eigentlich der Meinung, man können nichts voraussagen, da die Geschichte der Epidemien unerwartete Rückschläge verzeichnet.“ *


Ein solcher unerwarteter Rückschlag ist für uns ganz zweifellos das Auftreten und die rasche Verbreitung der anscheinend deutlich ansteckenderen Virus-Mutationen. Und wiedermal fühle ich mich ein wenig so, als sei ich unversehens in Camus‘ Roman geraten so wie Bastian Balthasar Bux in Die unendliche Geschichte geraten ist. Die schleichende, lähmende Gewöhnung, das Sich-Einrichten-im-Unglück, das Aufflammen von gewaltsamem Protest bis hin zu Brandstiftung und Plünderungen, die Hoffnung auf ein „Serum“, die Erschöpfung der Pflegekräfte… Alles, was wir gerade erleben, beschreibt Camus in der Pest. Aber halt! Immerhin sind doch ein paar Dinge anders: Unsere Städte sind nicht abgeriegelt wie die algerische Hafenstadt Oran im Roman, Liebende mithin nicht unüberwindbar getrennt (sofern sich nicht einer auf der Isolierstation befindet), und Infizierte können unbeaufsichtigt und mit unbegrenztem medialen Unterhaltungsangebot und Kommunikationsmöglichkeiten in Echtzeit zuhause bleiben, anstatt in eigens eingerichteten Quarantänehotels oder gar im zum Zeltlager umfunktionierten Stadion zwangsisoliert zu werden. Grund genug, um festzustellen, dass es uns trotz allem noch ganz gut geht – auch das kann ja gerade ein Ergebnis der Pest-Lektüre sein. Und nicht das Schlechteste.

*Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S.267.

***

In all den Jahren, in denen es jetzt schon diesen Blog gibt, kündige ich hier üblicher Weise immer die laufenden Camus-Theatervorstellungen an – wovon derzeit zwangsläufig keine Rede sein kann. Auch der Boom der Live-Lesungen von Camus‘ Roman Die Pest im Netz und Radio ist inzwischen abgeebbt – jetzt gibt es aber mal wieder eine anzuzeigen: Am Donnerstag, 4. Februar, liest Achim Lenz, Intendant der Gandersheimer Domfestspieleum 18.30 Uhr in der Ausstellung „Hausarrest“ der KWS Art Lounge in Einbeck aus Camus‘ Roman. Das in der Art Lounge gezeigte fotografische Tagebuch von Festspielfotografin Julia Lormis enthält ebenfalls Auszüge daraus. Die Live-Lesung wird über den Youtube-Kanal „Art at KWS“ erreichbar sein. Mehr zur Lesung hier.

***

Hier zur vorhergehenden Folge: Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch (12) – Eine Kerze für Sisyphos an Allerheiligen und eine Öljacke zum Geburtstag
Hier zur ersten Folge des Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch (1)

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Von der Couch aus mit Camus in den Süden reisen: „Albert Camus unter der Sonne des Luberon“ auf arte TV

 Albert Camus unter der Sonne des Luberon – Stadt Land Kunst (07/01/2021) – Die ganze Doku | ARTE (bis 7.1.2023 in der Mediathek)

Ich geb’s zu: So langsam wird auch mir das alles ein bisschen zäh. Keine Kultur, keine Reisen, keine Restaurants und Cafés, keine Treffen mit Freunden… Und wenn man nicht gerade in einer ländlichen Gegend ohne Tourismus und mit Wald vor der Tür wohnt (was ich zum Glück hin und wieder tun kann, nur gerade jetzt nicht), dann sollte man auch das mit den Ausflügen ins Grüne bzw. Weiße gerade besser lassen. Aber quengeln hilft ja nun auch nix. Eine ganz schöne Option ist immerhin ein gemütlicher Nachmittag auf dem Sofa, warme Decke, Tasse Tee und dazu die letzten Weihnachtskekse (die müssen jetzt wirklich mal weg) und sich durch die Arte-Mediathek schauen. Da findet sich nämlich in der schönen Reihe „Stadt Land Kunst“ so einiges, das die Sehnsucht nach Kultur und nach Reisen ein wenig befriedigt – sie andererseits aber zugleich noch größer werden lässt (seufz).

So erging es jedenfalls mir beim Anschauen der Folge vom 7. Januar 2021 „Albert Camus unter der Sonne des Luberon.“ Ein sehr schöner Beitrag, der erzählt, was Camus an diesem Landstrich so angezogen hat, warum er sich dort zuhause fühlte. 
Seine Tochter Catherine Camus kommt zu Wort, und wir lernen deren Tochter, Camus‘ Enkelin Élisabeth Maisondieu-Camus kennen. Heutige Camus-Freunde, die schon bei den Rencontres méditerranéennes in Lourmarin dabei waren, kennen vermutlich auch Frank Planeille, der hier über die Freundschaft von Albert Camus und René Char erzählt – denn die Geschichte von Camus und dem Luberon beginnt nicht in seinem späteren Wohnort Lourmarin, sondern unweit an der Sorgue, dieser grünen Fluss-Oase in dem ansonsten eher trockenen Landstrich. Dort lebte der Dichterfreund, und auf dessen Einladung war Camus 1947 zum ersten Mal in die Gegend gekommen. Aus dem Off gelesene Textpassagen aus Camus‘ autobiographischem Roman Der erste Mensch machen deutlich, warum es für Camus war, als käme er hier mit einer „Zwillingserde“, einer „Zwillingssonne“ in Berührung, wie Frank Planeille es formuliert. Zehn Jahre später kaufte Camus das Haus in Lourmarin, in dem heute seine Tochter Catherine lebt.


Aber nicht nur Camus‘ spezielle Liebe zur Landschaft, die ihn an seine Heimat Algerien erinnerte, finden Beachtung, sondern auch sein Verhältnis zu den Menschen, zu den Dorfbewohnern – deren Herz der Nobelpreisträger spätestens gewonnen hatte, als er auf dem Platz die örtlichen Fußballmannschaften anfeuerte. Pierre Croux, ein Architekt aus Lourmarin und vielleicht noch ein Zeitzeuge, erzählt im Filmbeitrag davon, und ebenso, dass Camus gern und häufig bei César Reynaud, dem berühmten Schmied des Ortes, der auch Philosoph, Humanist und ein großer Geschichtenerzähler war, in dessen Werkstatt gesessen habe. Das habe ihn an sein Viertel in Algier mit all den kleinen Handwerkern erinnert, wo er als Junge gern bei seinem Onkel Etienne in der Böttcherwerkstatt verweilte.

Mich hat gerade diese kleine Episode sehr berührt, hatte ich bis dato von diesem Schmied doch noch nichts gehört – und jetzt fügt sich dieses Bild von Camus, der in Reynauds Schmiede sitzt und dessen Geschichten zuhört, sofort nahtlos zusammen mit jenem Bild von Camus, das ich habe: Wie er bei unserem gemeinsamen Freund, dem Schriftsteller und Silberschmied Georg Glaser in Paris in dessen Werkstatt sitzt, um dessen Erzählungen zu lauschen und sich von der Pariser Intellektuellenclique zu erholen.


„Andere nach uns werden hier die ersten Sonnenstrahlen spüren, sich schlagen, lernen zu lieben und zu sterben, sich auf das Rätsel einlassen und als Unbekannte heimkehren. Das Leben ist ein wunderbares Geschenk.“ *


Mit diesem Zitat endet der Beitrag. Und wieder einmal ist es Camus, der mich daran erinnert hat, was wirklich zählt – auch und gerade in diesen Zeiten.


P.S.: In der ARTE-Mediathek finden sich noch zwei weitere schöne Camus-Beiträge, ebenfalls aus der Reihe „Stadt Land Kunst“: „Amsterdam: der Fall von Albert Camus“ und „Das blaue Griechenland von Albert Camus„.
* Leider kenne ich aus dem Kopf die Quelle zu dem Zitat aus dem Filmbeitrag nicht, aber sobald sie mir begegnet, werde ich sie ergänzen.

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Vom Wunsch nach einem leisen Tod – Zum Todestag von Albert Camus

Das Grab von Albert Camus in Lourmarin – rechts neben seiner 1979 verstorbenen Frau Francine, geb. Faure (aufgenommen im Januar 2015). ©Foto: Anne-Kathrin Reif

„Selbst meinen Tod wird man mir streitig machen. Dabei habe ich heute vor allem den Wunsch nach einem leisen Tod, der den von mir geliebten Menschen Frieden brächte.“ *

Wie vorausschauend dieser Tagebucheintrag von Camus war… An einen leisen Tod war für den Nobelpreisträger längst nicht mehr zu denken, und sein überraschender Tod wurde zum nationalen Ereignis. Aber kann ein Tod, laut oder leise, jemals den geliebten Menschen Frieden bringen? Für mich ein befremdlicher Gedanke. Aber er zeigt, wie sehr dieser Mann (der doch ach so donjuaneske, Frauen „verbrauchende“ Macho, wie er gern mal dargestellt wird), wie er sich um die geliebten Menschen sorgte. Umgetrieben von dem Gedanken, dass das Leben mit ihm den geliebten Menschen keinen Frieden bringen würde, dass es ihnen immer Opfer abverlangen würde. Anders ist dieser Eintrag in meinen Augen nicht zu deuten. – Immerhin: Man hat ihm sein schlichtes Grab auf dem schönen Friedhof von Lourmarin gelassen und ihn nicht, wie vor einigen Jahren vom damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ins Gespräch gebracht, ins Pariser Pantheon gezerrt. Möge er dort weiter in Frieden ruhen.

Albert Camus starb heute vor 61 Jahren, am 4. Januar 1960, auf der Fahrt von Lourmarin nach Paris bei einem Autounfall.

„Même ma mort me sera disputée. Et pourtant ce que je désire de plus profond aujourd’hui est une mort silencieuse, qui laisserait pacifiés ceux que j’aime“. **

***

*Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 45. ** Albert Camus, Oeuvre complètes IV, 1957-1959, édition publiée sous la direction de Raymond Gay-Crosier, Gallimard, Paris 2008, Bibliothèque de la Pléiade, (Seitenzahl wird nachgeliefert).

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