Noch mehr Camus im November in Berlin und Köln

Bernardo Arias Porras ©Foto: Thomas Aurin

Bernardo Arias Porras in „Der Fremde“ bei der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. ©Foto: Thomas Aurin

Für heute kommt dieser Hinweis auf jeden Fall zu spät, denn die Vorstellung dürfte gleich zu Ende gehen: An der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin wird eine Bühnenfassung von Camus‘ Roman Der Fremde gespielt. Aber der Vollständigkeit halber will ich natürlich noch nachtragen, was ich gerade aus dem Netz gefischt habe, und außerdem gibt es ja noch weitere Aufführungen. Regie führt Philipp Preuss (Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht, Dramaturgie: Bettina Ehrlich).  Es spielen Bernardo Arias Porras, Iris Becher und Felix Römer, die alle drei Meursault sind. Premiere war bereits am 13. November, weshalb man auch schon die ersten Kritiken nachlesen kann. „Philipp Preuss nähert sich Camus an der Schaubühne Berlin auf puristische Weise“, schreibt Sophie Diesselhorst nicht sonderlich euphorisch in Nachtkritik und meint: «Aber einen etwas entschiedeneren Zugriff hätte es schon gebraucht, um den Original-„Fremden“ irgendwo außerhalb seines kleinen Lichthitze-Käfigs zu verankern. Wo er zu Staub zerfällt.» Noch kritischer geht Christine Wahl im Tagesspiegel mit der Inszenierung ins Gericht und resümiert: „Preuss’ Abend (…) liefert keinen überzeugenden Grund für seine Bühnen-Existenz. Der Fairness halber sei angemerkt, dass er dieses Defizit mit vielen anderen theatralen Prosa-Adaptionsabenden teilt: Man illustriert Erzählinhalt, ohne einen fürs darstellende Medium wirklich zwingenden eigenen Zugriff zu entwickeln. Der Rest ist Wasser(flaschen)sport.“

Während die Kritik die Außensicht auf das Stück spiegelt, bietet der Essay Camus‘ »Fremden« träumen im Blog der Schaubühne Pearson’s Preview gewissermaßen von innen heraus einen interessanten Einblick in Gedanken der Inszenierung (dass der Protagonist Meursault darin konsequent falsch geschrieben wird, nämlich Mersault wie in Der glückliche Tod, übergehen wir mal geflissentlich).

Aber wie immer gilt natürlich: Man muss sich selbst ein Bild machen.

Termine: 16. / 17. November, 13., 14. und 15. Dezember 2016. Mehr Infos und Tickets hier.

In „Das bittere Haus“ treffen sich Camus und Nietzsche

Ein Theaterabend, der 2015 bereits in Leipzig gezeigt wurde, ist jetzt beim 23. Iranischen Theaterfestival der Bühne der Kulturen in Köln zu erleben: In dem Ein-Personen-Stück Das bittere Haus kombiniert der Regisseur Mahmoud Sabahy Motive aus Camus‘ Das Missverständnis mit dem Gedicht Klage der Ariadne von Friedrich Nietzsche. Auf dieser Grundlage „reflektiert der Abend die Frage, wie aus einem Menschen ein Täter wird“, wie es in der Ankündigung heißt. Und weiter: „In der hier dargebotenen Version beginnt das Stück mit der Klage der Ariadne als Marthas Traum, und der Zuschauer sieht Marthas Entwicklung durch Nietzsches poetische Klage der Einsamkeit. Obwohl wir in einer Zeit leben, in der durch das Internet die ganze Welt enger verbunden erscheint, geht das Missverständnis zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen noch tiefer als zu Zeiten Camus. Dabei kann das Missverständnis sogar euphemistisch wirken, das Fremde wirkt eben auch exotisch und dadurch attraktiv und bereitet eine gefährliche Fallhöhe für Momente des Sich-Fremd-Fühlens. Der iranische Regisseur Mahmoud Sabahy und die Schauspielerin Ulrike Zeitz arbeiten im Widerhall ihrer Herkunft und Geschichte in aphoristischer Verdichtung und beleuchten, welche Missverständnisse zwischen westlicher und orientalischer Kultur bestehen.“

Termin: 17. November, 20 Uhr, bei der Bühne der Kulturen, Platenstr. 32, in Köln (Tel.: 0221/955 95 10).

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Ein knapp 80 Jahre altes, taufrisches Zitat zum Tage

„Sooft ich eine politische Rede höre, oder lese, was die uns Regierenden schreiben, bin ich entsetzt, seit Jahren nichts zu vernehmen, was einen menschlichen Klang hätte. Es sind immer die gleichen Worte, die die gleichen Lügen berichten. Und dass die Menschen sich damit abfinden, dass der Zorn des Volkes diese Hampelmänner noch nicht zerschmettert hat, ist für mich der Beweis, dass die Menschen ihrer Regierung keinerlei Bedeutung zumessen und dass sie spielen, ja wahrhaftig mit einem ganzen Teil ihres Lebens und ihrer sogenannten lebenswichtigen Interessen spielen.“¹

Albert Camus, Tagebücher, August 1937

Chaque fois que j’entends un discours politique ou que je lis ceux qui nous dirigent, je suis effrayé depuis des années de n’entendre rien qui rende un son humain. Ce sont toujours les mêmes mots qui disent les mêmes mensonges. Et que les hommes s’en accommodent, que la colère du peuple n’ait pas encore brisé les fantoches, j’y vois la preuve que les hommes n’accordent aucune importance à leur gouvernement et qu’ils jouent, vraiment oui, qu’ils jouent avec toute une partie de leur vie et de leurs intérêts soi-disant vitaux.“ ²

Und aus gegebenem Anlass heute ausnahmsweise auch noch einmal auf englisch: 

„Every time I hear a political speech or I read those of our leaders, I am horrified at having, for years, heard nothing which sounded human. It is always the same words telling the same lies. And the fact that men accept this, that the people’s anger has not destroyed these hollow clowns, strikes me as proof that men attribute no importance to the way they are governed; that they gamble — yes, gamble — with a whole part of their life and their so-called vital interests.“

Albert Camus, Notebooks, 1937

P.S. Das Zitat habe ich von der Société des Études Camusiennes (SEC) übernommen, die es heute, am Tag des Wahlsiegs von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA, bereits auf ihrer Facebook-Seite gepostet hat.

¹Albert Camus, „Tagebücher 1935-1951“. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister.  Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963, 1967, S. 33. ² Oeuvre complètes II, 1931-1944, édition publiée sous la direction de Jacqueline Lévi-Valensi, Gallimard, Paris 2006, Bibliothèque de la Pléiade, p. 825

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Ravensburg, Aachen, Eupen: Ein Nachschlag zum Camus-Novemberprogramm

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Da war ich doch bei der Novembervorschau wohl etwas zu theaterfixiert und habe glatt vergessen, auch die monatlichen Aktivitäten der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen zu erwähnen. Was in diesem Fall besonders sträflich ist, wartet sie doch am 8. November mit einer hochinteressanten Veranstaltung auf: Im Mittelpunkt stehen nämlich die auf deutsch bislang unveröffentlichten Jugendschriften von Albert Camus. Christoph Kann, Professor für Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, und Oliver Victor, wiss. Mitarbeiter, bereiten eine Übersetzung der zwischen 1932 und 1934 entstandenen Schriften vor und werden sie an diesem Abend vorstellen. In der Ankündigung heißt es:

Die Jugendschriften nehmen wesentliche Sujets späterer Werke vorweg oder deuten sie zumindest an. Exemplarisch ist hier Camus‘ Beschäftigung mit so unterschiedlichen Philosophen wie Nietzsche oder Bergson zu nennen, die ihn gerade aus philosophiehistorischer Perspektive interessant erscheinen lassen. Zudem stößt man bereits auf die Thematik des Absurden, das Einheitsdenken plotinischer Prägung und nicht zuletzt die Topoi Alter(n), Endlichkeit und Tod. Der Vortrag möchte die Relevanz philosophischer Zugänge zu Camus betonen und diese in die „Écrits de jeunesse“ zurückverfolgen. Schlüsselthemen jener Jugendschriften sollen mit Blick auf das spätere Werk Camus‘ beleuchtet werden, um ihrer Herkunft und Bedeutung nachzuspüren und sie für die Rezeption zu erschließen.

Termin: Dienstag, 8. November, 20 Uhr, Buchhandlung Backhaus,
Jakobstr. 13, Aachen (Eintritt frei).

Und gleich noch ein weiterer Hinweis der Albert-Camus-Gesellschaft: Interessierte aus dem Großraum Aachen, denen der Weg nach Bonn bislang zu weit war, haben Gelegenheit, die Inszenierung von Die Gerechten des Euro Theater Central aus Bonn im belgischen Eupen zu sehen. Auf Einladung der Camus-Gesellschaft und in Kooperation mit dem Eupener Museum für zeitgenössische Kunst ikob ist das Gastspiel in dessen Räumen am 4. Dezember, 19 Uhr, zu sehen. Karten (12,-/8,- €) über die Albert-Camus-Gesellschaft, Fahrgemeinschaften von Aachen aus sollen organisiert werden.

Zu guter Letzt noch ein Theaternachschlag: Figurentheaterspieler Nikolaus Habjan kann stolz sein, denn so richtig geschafft hat man es ja erst dann, wenn man kopiert wird. Nun also hat das Figurentheater Ravensburg e.V. ebenfalls Das Missverständnis mit annähernd lebensgroßen Figuren, die zusammen mit Schauspielern auf der Bühne agieren, inszeniert. Premiere war am 29. Oktober, eine Besprechung, die auch einen bildlichen Eindruck vermittelt, findet sich unter dem Titel Vom geplatzten Traum am Meer in der Schwäbischen Zeitung. Freilich dürfte es wohl unfair sein, die Aktivitäten des gemeinnützigen, jedem Interessierten offen stehenden Vereins mit Habjans die großen Bühnen bespielender Produktion in einen direkten Vergleich zu stellen, aber das ließe sich nur durch eigene Anschauung entscheiden, was mir leider nicht möglich sein wird. Vielleicht gibt es Blog-Leser(innen), die dazu Gelegenheit haben? Dann bitte ich herzlich um einen Bericht! Nächster Termin beim Figurentheater Ravensburg, Marktstr. 15, ist am 5. November, 20 Uhr (Karten: Telefon 0751/21062 oder per mail).

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November 2016: Ein prallvoller Camus-Monat beginnt

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„Die Gerechten“ am Theaterhaus Jena. ©Joachim Dette

Zunächst einmal schicke ich einen herzlichen Gruß und Dank an Michael Löwe in Weinheim, der mit einer Mail den Blog aufgeweckt hat! Er machte mich nämlich darauf aufmerksam, dass in der Camus-Saison-Vorschau die Inszenierung von Die Gerechten am Theater Jena fehlt, die just im November dort noch zweimal auf dem Spielplan steht. Premiere war bereits am 5. Oktober. In der Ankündigung dazu heißt es:

In Zeiten, in denen sich die gesamte Welt vermehrt terroristischen Attentaten stellen muss, zeigt der wohlgebaute Theatertext von 1949 vor allem eines: die Konstruktion eines eigenständigen Systems fern der Realität. Ein System, das es vermag heute immer mehr junge Menschen im Namen einer Ideologie zu radikalisieren. Vor allem das Internet macht den Zugang zu extremistischen Organisationen leicht. Und ihre Propagandamittel scheinen vielfältig und wirkungsmächtig genug, um anstecken zu können. Aber was macht ihre Anziehungskraft aus? Mit welchen Mitteln schaffen es die Organisationen Menschen in eine Spirale ohne jeglichen Ausweg zu ziehen? Im Jenaer Club Kassablanca geht Regisseurin Pauline Beaulieu diesem System auf die Spur, das – so fern es einer weltoffenen Gesellschaft auch scheinen mag – die Gefahr birgt, selbst die Orientierung in ihm zu verlieren.

Es spielen:  Ella Gaiser, Leander Gerdes, Benjamin Mährlein und Ilja Niederkirchner. Regie: Pauline Beaulieu, Bühne und Kostüme: Benjamin Schönecker & Veronika Bleffert, Musik: Knut Jürgens, Dramaturgie: Stephanie Michels. Eine Produktion des Theaterhauses Jena und Kassablanca – Gleis 1 e.V.

Termine:
Montag, 21.11.2016, 20 Uhr, Kassablanca
Dienstag, 22.11.2016, 20 Uhr, Kassablanca
Karten: 03641 8869-44, Karten per E-Mail reservieren: tickets@theaterhaus-jena.de

Einen Eindruck der Inszenierung vermittelt die Fotogalerie auf der Theaterseite.

So, und da der Blog nun einmal wieder wach ist, schauen wir doch mal, was sonst noch so los ist im November…

Da wäre die Premiere von Caligula am Schauspielhaus Basel am 11. November (weitere Vorstellungen 19., 25., 27. November, 4., 18., 21. Dezember 2016) und eine weitere Aufführung von Caligula am Theater Chemnitz am 11. November, wo die Inszenierung vom Frühjahr jetzt wieder aufgenommen worden ist. Nikolaus Habjan ist mit seinen Figuren beim Festival  euro-scene Leipzig zu Gast und zeigt im Rahmen seiner Werkschau dort am 12. November auch seine hier schon hymnisch besprochene Version von Das Missverständnis. Anschließend, am 26. und 27. November gastiert er damit im ehrwürdigen Schauspielhaus Zürich. Die Dramatisierung des Romans Der Fall Meursault von Kamel Daoud (über den wir hier schändlicher Weise noch gar nicht gesprochen haben), hatte inzwischen Premiere an den Münchner Kammerspielen, weitere Aufführungen sind am 6., 9. und 21. November. Seit Beginn des Blogs, mithin seit mehr als drei Jahren dabei: Die Gerechten beim Euro Theater Central in Bonn, diesmal wieder am 3. November. Wieder einmal also: ein prallvoller Camus-Monat!

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Rencontres Méditerranéennes: Camus-Freunde treffen sich in Lourmarin

Ist das tatsächlich schon wieder ein Jahr her? Vor einem Jahr um diese Zeit war ich schon unterwegs, mit Zwischenstationen in Lyon und Sète auf dem Weg zu den XXXII. Journées des Lourmarin. Ich denke sehr gern daran zurück: an die anregenden Vorträge und Diskussionen und vor allem an die freundschaftliche Atmosphäre zwischen Gastgebern, Vortragenden und Teilnehmern. Falls Sie gerade in der Nähe sind (oder Lust und Gelegenheit für einen Spontan-Trip nach Lourmarin haben, was sich ja sowieso immer lohnt): Schauen Sie doch einfach mal vorbei im Espace Albert Camus! Schließlich handelt es sich bei den Rencontres keineswegs um einen geschlossenen Zirkel von Camus-Experten, die Türen stehen offen, der Eintritt ist frei, und das Thema Albert Camus: Des Moralistes à la philosophie et à la philosophie politique wird gewiss wieder schöne Anstöße bieten, nicht nur über sondern auch mit Camus nachzudenken, wie der Blick aufs Programm zeigt. Vortragende in diesem Jahr sind  Raphael Araújo aus Brasilien, Giovanni Gaetani aus Italien und aus Frankreich Marylin Maeso, Anne Proteau, Laurent Bove und Françoise Kleltz-Drapeau. Ich schicke auf diesem  Wege ganz herzliche Grüße nach Lourmarin an alle, die am kommenden Wochenende, dabei sein können!

Mehr Infos (und ein Video des Vortrags von Agnes Spiquel aus dem vergangenen Jahr):
www.rencontres-camus.com

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„Fragen, die uns angehen“ – oder: Von Momenten glücklicher Fügung in absurder Welt

Auch in absurder Welt gibt es ja immer wieder einmal diese Momente, die nach glücklicher Fügung aussehen. So, wenn nach einem wenig erfreulich verlaufenen Tag beim Heimkommen am Abend ein Päckchen im Briefkasten wartet, und schon die vertraute Handschrift auf dem Einwickelpapier das Herz höher schlagen lässt. Meine freudige Vorahnung bestätigt sich beim Auspacken: Wolfgang Janke schickt mir sein vor kurzem erschienenes, hier im Blog schon angekündigtes Buch, versehen mit einer lieben Widmung. Aber es ist nicht nur die Freude über das Geschenk und die Dankbarkeit der ehemaligen Studentin für den lebenslangen Lehrer, welche dem Tag am Ende doch noch ins Positive wenden. Zur glücklich empfundenen Fügung wird der Moment gerade nur durch genau dieses Buch: Fragen, die uns angehen, ist sein prägnanter Titel, und es enthält 16 philosophische Traktate über das sterbliche Dasein, die präzisierte Welt und den verborgenen Gott, wie der Untertitel erklärt. Mit einem Schlag öffnet sich für mich der im Alltag eng gewordene Horizont, und eine zumindest an diesem Tag vergessene Weite weht mich an: Es sind andere, größere Fragen, die uns wirklich angehen als die, mit denen ich mich gerade herumschlage. Und so danke ich Wolfgang Janke nicht nur sehr herzlich für das Geschenk, sondern auch dafür, dass er mich auf diesem Wege daran erinnert.

Wolfgang Janke hat seinem neuesten Buch eine launige Widmung vorangestellt: Zugeeignet ist es seiner Frau Dr. Petra Janke, „die mich mahnte, endlich ein philosophisches Buch zu schreiben, das man auch versteht, und Fragen zu traktieren, die uns angehen – einst wie jetzt.“ Letzteres hat Wolfgang Janke freilich immer schon getan, die Sprache seiner bisherigen Bücher, in denen er diesen Fragen nachgegangen ist, konnte jedoch bisweilen ein Abstraktionsniveau erreichen, welches auch den philosophisch sehr gebildeten Leser herausfordert. Und so dürfen wir uns freuen, dass der Autor die Mahnung seiner Frau offenbar ernst genommen hat, und nun zwar kein philosophisches Laien-Lesebuch à la Richard David Precht vorlegt, aber doch auf knapp 200 Seiten und aufgeteilt in eben jene 16 „Traktate“ seine tiefgründige Analyse unseres präzisierten Daseins im (immer noch) Zeitalter des Nihilismus in etwas leichter verdaulicher Form serviert.

Aber machen wir uns nichts vor (das „wir“ meint hier „ich“): Eine leichte Bettlektüre wird es nicht, denn die „Prüfung, wie uns Lebensfragen in Wahrheit angehen“, das „Beleuchten der Nihilismuskrise“, die Frage, wie der Abweg ins Unmenschliche entstand („Zur Genealogie des Holocaust“), die Gedanken zur „Welt der Arbeit und Technik“, zu „sozialer Gerechtigkeit und Solidarität in politisch-ökonomischer Welt“, zum „Ende der initialen Gottesfrage“ oder der „Umwertung sakraler Liebe“ (um nur einiges aus dem Inhaltsverzeichnis zu nennen), wollen ja nicht nur nach-gelesen sondern mit-gedacht werden. Ich beneide jetzt schon alle Leser und Leserinnen, die dazu mehr Zeit und Muße haben als ich… Eine baldige Besprechung des Buches in Aussicht zu stellen (und der Verortung des Camus’schen Denkens darin nachzufragen), wäre in meiner Lage schlicht unredlich. Als Vorblick deshalb hier nurmehr der Klappentext, der immerhin prägnant zusammenfasst, was uns bei der Lektüre erwartet:

Fragen, die uns angehenSechzehn beziehungsreiche Traktate stellen nihilierte Grundfragen auf einem neuen Methodenweg wieder her. Die Frage nach der Bestimmung des Menschen geht auf die radikale Fraglichkeit unseres Daseins in Not und Tod zurück, um die Hybris des modernen Menschen und die Unmenschlichkeiten des „Übermenschen“ niederzuschlagen. Die Frage nach verkürzenden Präzisierungen unserer abendländischen Welt legt die Seinsverfassung der Welthorizonte von Arbeit und Technik, Ökonomie und Politik, aber auch von Mythos und Dichtung, Spiel und Sport frei, um das Unheil von Selbstendfremdungen zu heilen. Die Frage nach der Unerforschlichkeit Gottes führt Ehrfurcht, Vertrauen und Liebe als Zugang zum verborgenen Gott zusammen, um Götterferne, Seinsvergessenheit und Gottverlorenheit zu überwinden. Der Autor verlebendigt in weiten Durchblicken philosophisch verstummte Grundfragen, die uns sterbliche Tagwesen angehen – nach Heraufkunft des Europäischen Nihilismus heute bedrängender denn je.“

Wolfgang Janke: Fragen, die uns angehen. Philosophische Traktate über das sterbliche Dasein, die präzisierte Welt und den verborgenen Gott. Königshausen & Neumann, Würzburg 2016, 200 S., 34 Euro (ISBN 978-3-8260-5924-7). Bestell-Link zum Verlag hier

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Wie viel Leben steckt im Werk? Camus-Gesprächskreis in Aachen zurück aus der Sommerpause

Plötzlich überfiel ihn ein Gedanke, der ihn bis ins Mark erschütterte. Er war vierzig Jahre alt. Der unter dieser Steinplatte begrabene Mann, der sein Vater gewesen war, war jünger als er. Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet – etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos.“¹

Es ist mitunter schwierig, Schlüsse aus der Biographie eines Schriftstellers in Hinblick auf sein künstlerisches Werk zu ziehen oder den persönlichen Lebenswandel eines Philosophen an dessen Thesen zu messen. Eine Brücke bauen uns diejenigen Autoren, die ihre Biographie selbst zum Thema ihrer schriftstellerischen Arbeit gemacht haben. Jean-Paul Sarte schrieb Die Wörter, Mark Twain Meine geheime Autobiographie, Fjodor Dostojewski Autobiographische Aufzeichnungen, Thomas Mann Über mich selbst – und Albert Camus schilderte seine Kindheits- und Jugenderlebnisse in dem unvollendeten Roman Der erste Mensch.

Was bewegt diese Autoren dazu, ihr eigenes Leben in ihr literarisches Werk einzureihen?

Mit dieser Frage kehrt die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen aus der Sommerpause zurück und nimmt am Dienstag, 6. September, den monatlichen Jour Fixe wieder auf. Ausgehend von der “Suche nach dem Vater” soll erörtert werden, wie die Einflussnahme von Camus‘ Leben auf dessen Werk einzuschätzen ist. Der Abend ist wie immer offen für alle Interessierten. Die Gesprächsleitung hat Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Gesellschaft.

Termin: 
Dienstag, 6. September, um 20 Uhr im philosophischen Institut LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

¹Albert Camus, Der erste Mensch. Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 1995 / TB 1997, S. 28

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