Albert Camus‘ Kampf gegen die „braune Pest“ – Ein Gastbeitrag von Lou Marin

Fast drei Wochen liegt der letzte Eintrag im Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch schon zurück. Ich habe zur Abwechslung versucht, ein möglichst normales Leben mit nur so viel Gedanken an Corona wie eben nötig zu führen, was mir mehr schlecht als recht gelungen ist. Aber hätte ich davon auch noch berichtet, hätte ich mich ja von vornherein selbst in meinem Vorhaben torpediert. Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht. Da trifft es sich außerordentlich gut, dass Lou Marin für die Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ einen Artikel über Albert Camus‘ „Die Pest“ in Corona-Zeiten verfasst hat, der wunderbar an meinen letzten Beitrag hier anknüpft, und dass er 365tage-camus.de freundlicher Weise erlaubt hat, ihn hier zu veröffentlichen. Lou Marin, ein hervorragender Kenner des „politischen“ Albert Camus, nimmt nämlich sehr ausführlich die Ebene von Camus‘ Pest-Roman in den Blick, die jenseits der Epidemie liegt: die der Nazi-Besatzung in Frankreich und der Résistance. Wie immer, wenn man ein Schlaglicht sehr konzentriert auf einen bestimmten Bereich setzt, fällt anderes dabei in den Schatten. Aus meiner Sicht erfasst eine rein politische Lesart der Pest wie die des geschätzten Lou Marin nicht die ganze Komplexität von Camus‘ Roman; aber die ganz ohne Zweifel äußerst wichtige Ebene der von Camus intendierten historisch-politischen Symbolik und die Bezüge zum persönlichen Lebenshintergrund von Camus zur Entstehungszeit legt er detail- und kenntnisreich dar. Ein herzlicher Dank an Lou Marin und Grüße nach Marseille!

Albert Camus’ „Die Pest“ in Corona-Zeiten

Ein Gastbeitrag von Lou Marin


Es ist „der“ Roman zur Corona-Krise. Das „Börsenblatt“ des Deutschen Buchhandels titelt: „Alle wollen ‚Die Pest’ von Camus lesen“; in Italien war der Roman vor dem Shutdown total ausverkauft; Thea Dorn empfahl die Lektüre im „Literarischen Quartett“. Sicher, Camus beschreibt hier vordergründig eine tödliche Epidemie, die Situation der Quarantäne einer gesamten Stadt und wie sich die ihr unterworfene Bevölkerung nach anfänglicher Lähmung in „Freiwilligengruppen“ organisiert und sich der „Pest“ in innerem und äußerem Widerstand erfolgreich entgegenstemmt. Vieles im Roman liest sich vor dem Hintergrund unseres eigenen Erlebens der Kontaktsperre, örtlicher Ausgangssperren sowie der Quarantäne in Zeiten der Corona-Krise wie eine realitätsnahe Vorwegnahme der heutigen Pandemie.

Doch Camus verwendete die Beschreibung des Verlaufs der Pest nur als beispielhafte Symbolik. Ihm ging es um einen politischen Vergleich: Die Pest – das war für ihn die Besatzung Frankreichs durch die Nazis von 1940 bis 1944 im historisch-konkreten Sinne. Die Pest – das war für ihn aber auch die Warnung vor erneuten, anderen Formen der Diktatur nach der Befreiung. Der Roman erschien 1947 und warf zunächst einen Blick zurück auf die Schrecken der Nazi-Besatzung, ließ sich aber offensichtlich auf künftige neofaschistische Diktaturen übertragen – was der argentinische Regisseur Luis Puenzo (geb. 1946) in seiner kongenialen Verfilmung „La peste“ von 1992 (2) dann auch im anderen sozialpolitischen Kontext Lateinamerikas, aber getreu der politischen Intention Camus’ umsetzte, als er in seinem Film die faschistischen Diktaturen in Chile und Argentinien als „Pest“ ins Visier nahm.

Protagonisten der Judenrettung – real und im Roman

Camus hat die Rohfassung des Romans während der Besatzung durch die Nazis geschrieben, von März 1942 bis Herbst 1943, bevor er für das Résistance-Netzwerk „Combat“ nach Paris ging und die gleichnamige Untergrundzeitung redigierte. In dieser Zeit der Rohabfassung war Camus – eher zufällig – im Massif Central, nahe des Dorfes Le Chambon-sur-Lignon gelandet, um seine eigene Lungentuberkulose auszuheilen. Er erlebte dort unmittelbar die größte Aktion der Judenrettung in der französischen Résistance. Die ca. 5.000, zumeist protestantischen BewohnerInnen dieser Kleinstadt sowie der umliegenden Dörfer und Bauernhöfe auf einem ca. 1.000 Meter hoch gelegenen Plateau retteten von 1941 bis Ende 1944 rund 4.-5.000 vor den Nazis geflüchtete Juden und Jüdinnen, vor allem sehr viele jüdische Kinder, die dorthin in Sicherheit gebracht worden waren. Sie versteckten sie, oft wechselnd von Hof zu Hof, wenn Nazi-Expeditionen vom Rhône-Tal, von Lyon aus anrückten, um die Gegend zu durchsuchen – oder sie führten sie auf bergigen Schleichwegen hinüber in die Schweiz. In Le Chambon konnten die jüdischen Kinder zeitweise auf verschiedene Schulen gehen.

Der Roman zeichnet symbolisch diese Judenrettung nach. Das lässt sich literaturwissenschaftlich belegen: Camus gab seinen Romanprotagonisten nur leicht variierte Namen tatsächlich Aktiver aus dem Netzwerk der Judenrettung, mit denen Camus damals in Kontakt stand. So heißt die Hauptperson im Roman Doktor Rieux. Er ist behandelnder und deshalb schon von Berufs wegen die Pest bekämpfender Arzt – bei der realen Judenrettung in Le Chambon spielten ebenfalls Ärzte eine wichtige Rolle, darunter war einer, der Rioux hieß. Die zweite Hauptperson im Roman, Tarrou, stellt dem Arzt ein Freiwilligenteam unterstützend zur Seite. Ihm werden die idealistischen Charaktereigenschaften des religiös-protestantischen Organisators der Judenrettung in der Kleinstadt, Trocmé, gegeben. Im Roman lässt Camus den örtlichen Priester, Paneloux, zunächst in seiner Predigt die Epidemie als Strafe Gottes und Schuld der Sünder verurteilen; doch selbst dieser Hartherzige ändert sich und schließt sich später den Freiwilligen an. Camus wiederum lebte damals in einem Gehöft mit Namen „Le Panelier“, einem kleinen Weiler, drei Kilometer von Le Chambon entfernt. Auf diesem Gehöft arbeitete ein einfacher Bauernknecht mit Namen „Grand“. Camus lässt einen Mann dieses Namens im Roman auftreten und mit seinem entschlossenen, utopischen Willen, nach der Schönheit in der Literatur zu suchen, die Pest überleben. „Grand“ arbeitet im Roman außerdem für das Amt für Statistik und gibt nach einer Phase der Ungewissheit, wie lange die Epidemie dauert, Hoffnung, als er meldet, dass die Infiziertenzahlen erstmals sinken. (3)

Tarrou/Trocmé – Rollenmodelle gewaltfreien Widerstands

In einer zentralen Szene des Romans gehen Rieux und Tarrou in einer Behandlungspause an der Hafenmole der Stadt entlang und können die triste Realität der Sterbenden, mit denen sie im Alltag konfrontiert sind, kurz vergessen. Tarrou erzählt dort Rieux von seinem Vater, der Staatsanwalt war und die Verhängung der Todesstrafe einforderte. Tarrous Vater war gleichzeitig ein bürokratisch-pedantischer Kenner aller An- und Abfahrtszeiten des Zugfahrplans – so dass einem beim Lesen unwillkürlich die bürokratische Organisation der Eisenbahntransporte in den Sinn kommt, mit denen jüdische Menschen massenhaft in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert wurden:

„Der große Fahrplan Chaix war seine Lieblingslektüre. (…) Er war imstande, einem die genauen Abfahrts- und Ankunftszeiten des Expresszuges Paris-Berlin anzugeben, die Zugverbindungen von Lyon nach Warschau, die ganz genaue Kilometerzahl zwischen beliebigen Hauptstädten; (…) mit großer Begeisterung überprüfte ich seine Antworten im Fahrplan Chaix und stellte fest, dass er sich nicht geirrt hatte. (…) Als ich siebzehn Jahre alt war, forderte mein Vater mich auf, ihn einmal anzuhören. Es ging um einen wichtigen Fall vor einem Schwurgericht, und er hatte sicher gedacht, dass er im besten Licht erscheinen würde. (…) Und doch habe ich von jenem ganzen Tag nur ein einziges Bild bewahrt, das des Schuldigen. (…) Ich erwachte erst richtig, als mein Vater seine Anklagerede hielt. Der rote Talar hatte ihn verwandelt. In seinem Mund wimmelte es von ungeheuerlichen Sätzen, die unaufhörlich wie Schlangen hervorkrochen. Und ich begriff, dass er im Namen der Gesellschaft den Tod jenes Mannes verlangte, dass er sogar verlangte, man müsse ihm den Hals abschneiden: ‚Dieser Kopf muss fallen!’ (…) Von diesem Augenblick an konnte ich den Fahrplan Chaix nur noch mit scheußlichem Ekel betrachten. (…) Mein Vater hatte mehrmals einem solchen Mord beiwohnen müssen, und zwar immer an den Tagen, da er sehr früh aufstand. Ja, in diesen Fällen stellt er seinen Wecker. (…) Mein Herz war krank. Eines Abends verlangte mein Vater wieder seinen Wecker, weil er früh aufstehen müsse. Ich fand die ganze Nacht keinen Schlaf. Als er am Morgen zurückkam, war ich fort.“ (4)

In dieser Szene wird der lebenslange Kampf Camus’ für die Abschaffung der Todesstrafe vorweggenommen.

Tarrou ist für den Camus-Forscher Patrick Gérard Henry (5) der Protagonist des gewaltfreien, des zivilen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und agiert so idealistisch wie die reale Person des André Trocmé. Der Arzt Rieux, der von Berufs wegen tut, was man eben tun muss, ist nach Henry der Protagonist des bewaffneten Widerstands gegen die Nazi-Besatzung. Nach Henrys Interpretation konfrontiert Camus also in den beiden Hauptprotagonisten einen Vertreter des bewaffneten Widerstands mit einem Vertreter des gewaltfreien Widerstands. Doch sie arbeiten im Roman trotz ihrer Charakterunterschiede – der eine idealistisch (Tarrou), der andere materialistisch (Rieux) – solidarisch zusammen: so, wie auch real die bewaffnete Résistancegruppe in Le Chambon unter Pierre Fayol sich mit André Trocmé auf eine taktische Absprache einigte, nämlich gerade in dieser Region keine bewaffneten Aktionen gegen Nazis durchzuführen, um die Nazi-Truppen im Tal nicht unnötig auf diese Hochebene aufmerksam zu machen und die Aktionen der Judenrettung zu gefährden. Im Kampf gegen die Nazi-Besatzung dachte Camus damals, beide Kampfformen seien von gleicher Bedeutung und ergänzten sich gegenseitig. Erst nach der Befreiung, nach 1945 veränderte Camus seine Position Stück für Stück und gab dem gewaltfreien Widerstand immer mehr Bedeutung, z.B. in seiner Konzeption der Revolte im Buch „Der Mensch in der Revolte“ oder auch in seiner Kritik der bewaffneten Terroraktionen gegen die französische Zivilbevölkerung durch die Front de Libération National (FLN) im antikolonialen Algerienkrieg der 1950er-Jahre.

Luis und Lucía Puenzo: Ambivalenzen des Schreckens in der lateinamerikanischen „Pest“-Rezeption

„Die Pest“ ist längst Weltliteratur und die im Roman behandelten Thematiken sind von anspruchsvollen Künstler*innen auf vielfältige Weise variiert oder auf ihre politische Weltregion kreativ übertragen worden. Unter den vielen, in der „Pest“ entwickelten Symboliken greife ich hier zwei gegenwärtig besonders aktuelle heraus und zeige, wie kritische Künstlerinnen diese Symboliken verarbeitet haben: das Stadion und die Ambivalenz des Arztberufs.

In Camus’ Roman werden die stark Erkrankten in der Hochphase der Pest ins Stadion der Stadt unter verschärfte Quarantäne gestellt. Tarrou besucht es einmal, zusammen mit dem Fußballspieler Gonzales – was an den usprünglichen Zweck des Stadions erinnert. Doch nun sieht Tarrou die mit der Zeit verstummten Eingesperrten auf den Tribünen verteilt. Und es gibt dort einen „Lagerverwalter“. Literaturinterpret*innen sind sich einig, dass Camus damit auf die Razzien gegen jüdische Verfolgte und deren Sammlung im Pariser Stadion „Velodrome d’Hiver“ im Juli 1942 anspielt, wo 13.000 Juden und Jüdinnen gefangen und dann mit Todeszügen nach Auschwitz abtransportiert wurden. In seiner „Pest“-Verfilmung verlagert Luis Puenzo das Geschehen nach Lateinamerika und nimmt als Symbolik das zweckentfremdete Fußballstadion von Santiago de Chile, in das während des Pinochet-Putsches 1973 verhaftete Regimegegnerinnen gepfercht wurden.

„Die Pest“ und Corona: Der Arzt als Held?

Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegepersonal werden in Corona-Zeiten von den Bürger*innen auf Balkonen als „moderne Helden und Heldinnen“ gefeiert. Und auch Camus zeichnet im Roman den Doktor Rieux als stillen Helden: Er ist es, der anfangs die zögerlichen Behörden alarmiert, die zunächst abwiegeln. Wir denken sofort an den chinesischen Arzt und Whistleblower Li Wenliang, der die Behörden früh auf Corona aufmerksam machte, der dafür aber von der Polizei verhört und dessen Information als „Gerücht“ abgetan wurde – ein Zeitverlust, der in China faktisch Hunderte von Menschenleben kostete. Rieux ist es auch, der bei Camus in aussichtsloser Lage tut, was ein „Arzt tun muss“ – Menschenleben retten. Das Motiv der Rettung von Menschenleben in der Gegenwart anstatt gerade ihrer Opferung im Hier und Jetzt für das Ziel einer dann schneller kommenden, sozialistischen Zukunft war bei Camus hier schon angelegt – später sollte es zu Camus’ Argumentation gegen die Geschichtsphilosophie Sartres und des autoritären Marxismus ausgearbeitet werden.

Doch Camus’ Rieux ist im Roman nicht vor die Wahl gestellt, die derzeit in Worst-Case-Szenarien den Ärzten und Ärztinnen aufgebürdet wird: im Notfall und bei Überlastung der Kapazitäten auszuwählen, zu selektieren. Ärzte und Ärztinnen, so werden wir heute durch diese, ja auch juristisch geführte Diskussion daran erinnert, sind nicht nur Bekämpferinnen des Todes wie bei Camus, sondern auch Herren und Herrinnen über Menschenleben durch ihre potentielle Macht der Selektion. Und damit kommen unsere „Heldinnen“ plötzlich gefährlich nahe an eine ganz andere ideologische Sphäre, die der eugenischen Auswahl: Wer ist es noch wert, zu leben – und wer nicht?

Camus – das ist vielleicht die einzige Kritik, die ich am Roman formulieren würde – zeichnet den Arzt zu unhinterfragt als reinen Menschenretter. Doch die Camus-Rezeption in Lateinamerika entwickelte auch hieraus eine Ambivalenz des Schreckens. Es war Luis Puenzos Tochter, die Schriftstellerin und Filmemacherin Lucía Puenzo (geb. 1976), die die schreckliche Ambivalenz des Arztberufes künstlerisch aufarbeitete, und zwar in ihrem Roman „Wakolda“ (6), den sie selbst 2012 verfilmte. Dort geht es um die kleinwüchsige 12-jährige Lilith, Tochter einer argentinischen Familie, die an einen deutschen Immigranten und Arzt gerät, der der Familie seltsame Experimente für Liliths Wachstumsstörung vorschlägt. Schnell wird klar, dass es sich um den nach der Befreiung in Argentinien untergetauchten Arzt von Auschwitz, Josef Mengele, handelt, der dort für Selektion und Menschenversuche verantwortlich war. Lucía Puenzo arbeitet in ihrem Roman also die von Camus vernachlässigte Seite des Arztberufes auf – einen autoritären Gehorsam und die Bereitschaft gerade der Nazi-Ärzte, sich bereitwillig in den Dienst der schlimmsten, faschistoiden Ideologien und Regimes zu stellen und die eigene Rolle als Machthaber über Leben und Tod auszuleben. Wollen wir hoffen, dass den heute zu unkritisch und leichtfertig als „Heldinnen“ gefeierten Ärzt*innen die Macht, im Gesundheitswesen Herren über Leben und Tod zu sein, nicht zu Kopf steigt und sie ihren Eid des Hippokrates nach dem Vorbild der Figur des Rieux im Roman Camus’ und nicht nach dem eines Josef Mengele auslegen.

Anmerkungen:
(1) Zur Charakterisierung von Camus als Anarchosyndikalist vgl. Johann Bauer: „Albert Camus, Anarchosyndikalist“, in: Graswurzelrevolution Nr. 384, Dezember 2013, siehe: https://www.graswurzel.net/gwr/2013/12/albert-camus-anarchosyndikalist/ .
(2) Luis Puenzo: „La peste“, mit William Hurt und Sandrine Bonnaire, Argentinien – Frankreich – Großbritannien, 1992.
(3) Lou Marin: „Camus et la non-violence. La Peste et le sauvetage des Juifs au Chambon-sur-Lignon”, in: Les Rencontres Méditerranéennes Albert Camus: „De l’ombre vers le soleil. Albert Camus face à la violence“, Éditions des Offray, La Roque-Alric 2019, S. 127-145.
(4) Albert Camus: „Die Pest“, dt. Online-Version: www.you-books.com/book/A-Camus/Die-Pest
(5) Patrick Gérard Henry: „La Montagne des Justes“, Éditions Privat, Toulouse 2010, S. 147 u. S. 154.
(6) Lucía Puenzo: „Wakolda“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012

Der Artikel erschien erstmals in der aktuellen Druckausgabe der Graswurzelrevolution Nr. 449, Mai 2020. Ich danke Lou Marin und der Redaktion für die Zustimmung zur Zweitverwendung. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

Lou Marin an seinem Wohnort Marseille. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Lou Marin, geboren 1961, ist ein französischsprachiger Journalist, Übersetzer , Forscher und libertärer Essayist deutscher Herkunft. Lebt seit 2001 in Marseille. Autor der Zeitschrift »Graswurzelrevolution«; Redakteur der Graswurzelrevolution in verschiedenen Redaktionsstrukturen. Seine Bekanntheit verdankt er seiner historischen Forschung über die engen Verbindungen zwischen Albert Camus und der anarchistischen Bewegung.

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (10) – von einer seltsamen Wette, einem spaltenden Virus und einem verpassten Jubiläum

Samstag, 9. Mai 2020. Mit sehr gemischten Gefühlen kehre ich in die Stadt zurück. Einmal mehr ist Zwiespalt und Widerspruch das sich wiederholende Thema, der rote Faden in den Blogbeiträgen dieser Tage. Passt ja, ist auch bei Camus ein roter Faden, wenn man über Die Pest hinausblickt. „…über die Pest hinausblicken“… gerade merke ich, dass man das auch so lesen kann. Und wie sieht’s dann mit „unserer“ Pest aus? Können wir schon über „Corona“ hinausblicken?

Genau das macht meine zwiespältigen Gefühle bei der Abreise vom Land aus. Hier konnte ich mich einfach zurückziehen, oder besser: Hier ist der Rückzug der normale Zustand für mich, und das Landleben war, wie es immer war, mal vom Maskentragen im Supermarkt abgesehen. Nichtmal beim Eierkaufen musste ich eine aufsetzen; die Eier nimmt man sich beim Bauern einfach aus einer Box und tut Geld rein. War schon vor Corona so. Ja, ich habe ein Stück heile Welt gelebt. Ich habe gewissermaßen einen (ziemlich begrenzten) Horizont um mich gezogen, innerhalb dessen fast so viel Normalität herrschte wie zuvor. Wie sollte ich es denen verdenken, die über Wochen soviel ihrer Normalität beraubt waren, dass sie immer lauter rufen: „Wir wollen unseren Alltag wieder haben!“, und dass sie sich jetzt doll freuen, dass sie endlich wieder auf den Spielplatz, in die Geschäfte, zum Friseur, ins Sportstudio oder sonstwas dürfen, sogar, mit Abstand und draußen, ins Café. Kann ich total gut verstehen. Auf den Friseur freue ich mich übrigens auch.

Nur: Bei etlichen davon kommt es mir so vor, als sei das so eine Jetzt-haben-wir’s-überstanden-Freude, wir erobern uns unsere Freiheit zurück, back to normal, als könne man einen Reset-Knopf drücken. Als könne man grundsätzlich einfach mal einen Horizont um sich ziehen und drinnen heile Welt spielen und alles ausblenden, was draußen ist. Da bleibt dann eben auch das Virus draußen; draußen in Afrika oder in den USA oder Brasilien, wo es mehr denn je grassiert, oder draußen im Pflegeheim, wo es mich nichts angeht, oder draußen in den Krankenhäusern, wo es ja genügend Beatmungsplätze gibt.

Nur: Für das Virus gibt es gar kein Draußen. Dem ist das komplett egal. Es ist eben gerade einfach mal keine heile Spielplatz-, Kita- oder Café-Welt mehr da. Sondern nurmehr eine, in der man immer ein (größeres oder kleineres) Risiko eingeht, sich selbst oder unwissentlich jemand anderen anzustecken oder ihn der Ansteckung auszusetzen, und zwar mit ungewissem Verlauf. Hinausgehen und „Normalität“ leben kann gerade nichts anderes sein als eine Risikoabschätzung und ein Abwägen unter Einbeziehung aller Informationen, die mir zugänglich sind. Oder aber es ist eine Wette: Setze ich auf die Extreme, auf pure Freude oder auf große Angst, Rouge oder Noir, und wie steht der Einsatz zum möglichen Gewinn? Eine Art Pascalsche Wette in Corona-Zeiten.

Den Unbefangenen, die jetzt alles auf „Wird-schon-gutgehen-Rouge“ setzen antworten sogleich die Warner und Schwarzmaler, die uns schon alle unter der nächsten Welle untergehen sehen. Allerdings werden von ersteren gerne auch diejenigen, die realistischer Weise zur Vorsicht mahnen, umstandslos als Untergangspropheten beschimpft. Und dann gibt es plötzlich noch eine erschreckend große Schnittmenge an Verschwörungstheoretikern, in der sich unversehens Menschen aus den verschiedensten politischen und unpolitischen Lagern in unschöner Einigkeit versammeln, sogar solche, denen man den Gebrauch des eigenen Verstandes zuvor durchaus zugetraut hatte.

Jedenfalls ist es das, was ich über einige Nachrichtensendungen und viele Social-Media-Beiträge und Kommentare wahrnehme, andere Kontakte hab ich hier auf dem Land ja quasi nicht. Was ich dabei sehe, und was mich zunehmend besorgt macht, ist eine weitere nicht-medizinische Wirkung des Virus (nach der schon beschriebenen einer unspezifischen Lähmung): Es spaltet. Die Rouge-et-Noir-Lager ziehen sich durch Freundes- und Bekanntenkreise, trennen Arbeitskollegen und Vereinsmitglieder.

Wir müssen verdammt aufpassen, dass uns nicht auch das krank macht.

Deshalb meine gemischten Gefühle bei der Rückkehr in die Stadt. Ich wechsele gern zwischen Stadt und Land, ich liebe beides, es ist für mich die ideale Lebensform. Aber Rückkehr in die Stadt heißt jetzt auch: Ich freue mich auf Begegnungen, und ich sorge mich, unter den Menschen, die ich doch mag, auf Rouge- oder Noir-Verteidiger zu treffen und in irgendwelche Debatten verwickelt zu werden, die ich gar nicht führen will. Ich will niemandem seine Freude nehmen, und ich will mich auch wieder über viele Dinge freuen können, die langsam wieder möglich werden. Ich will aber auch niemanden in Sorglosigkeit ermutigen oder Schwarzseher bestärken, deren Miesepetrigkeit schon vor Corona schwer zu ertragen war, und ich will keine Gespräche darüber führen, ob diese ganze Virus-Geschichte in Wahrheit eine von diesen oder jenen aus diesem oder jenem Interesse gelenkte Angelegenheit sei.

Aus den Kommentarspalten in Social-Media kann ich mich raushalten. Von Angesicht zu Angesicht, das auf eine Bestätigung seiner Position hofft, ist das schon schwieriger. Was soll ich dazu sagen? Ich kann wieder mal nur sagen, dass ich bei diesem Thema weder im Besitz irgendeiner Wahrheit noch eines unerschütterlichen Glaubensbekenntnisses bin. Und erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass es keineswegs eine Position der Bequemlichkeit ist, sich nicht zu einem der sich herausbildenden Lager zu bekennen.

Vielmehr geht es wieder einmal, mit Camus, um das Schwierigste: Sich auf dem schwindelnden Grat des Nichtwissens zu halten – und das Leid in der Welt nicht aus eigener Schuld zu vermehren. Klingt nach so wenig, wäre aber, wenn es denn gelänge, schon sehr viel.

Dabei gibt es auch für mich keine schönere Vorstellung als diese: Dass wir wie in der Pest beschrieben eines Tages in den Straßen das Ende der „Seuche“ mit einem großen Freudenfest feiern und uns alle in den Armen liegen könnten. Hier allerdings enden alle Parallelen zwischen Camus‘ Pestchronik und der noch zu schreibenden Corona-Cronik, denn den einen Tag eines gleichzeitigen, weltweiten „es ist vorbei“ wird es nicht geben. Genau genommen wird aber in Camus‘ Roman auch gar nicht das „Ende der Pest“ gefeiert. Auch im Roman sinkt nur die Zahl der Infizierten über längere Zeit so weit ab, dass die Behörden irgendwann die Seuche für beendet erklären und die Tore der Stadt wieder öffnen. Gefeiert wird die Öffnung der Stadt, die Wiedervereinigung der Getrennten, die Rückkehr des Lebens, gefeiert wird mit Leuchtfeuern am Himmel, mit Kanonenschüssen, Glockengeläut, mit Orchestern und Tanz in den Straßen. Was Camus so mitreißend beschreibt, ist der Tag der Befreiung – nicht von der Pest, sondern von der deutschen Besatzung im August 1944, sind die Freudenfeiern über das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945. Letzteres mithin genau gestern vor 75 Jahren. So wäre dieser Beitrag fast noch ein „Kalenderblatt“ zum Jubiläumstag geworden. Heute, am 9. Mai 2020, verkünden die Abendnachrichten, dass der UN-Sicherheitsrat am Veto der USA daran gescheitert ist, die Forderung nach einen weltweiten Waffenstillstand während der Corona-Pandemie zu erklären.

Vielleicht bleibe ich einfach auf dem Land und gucke dem Liebstöckel im Kräuterbeet beim Wachsen zu.

***

Verwandte Beiträge:
Kalenderblatt: 9. Mai 1945 – Als die Fontänen der Brunnen sich erhoben
Kalenderblatt: Paris, 25. August 1944 – Der Tag der Befreiung
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Kalenderblatt: 24. August 1944 – “Das Blut der Freiheit”

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (9) – Wieder lieferbar: Mehl, Hefe, Klopapier und „Die Pest“

Samstag, 2. Mai 2020. Tatsächlich scheint sich wieder ein wenig Normalität einzustellen, auch wenn der Anblick von ausnahmslos maskierten Menschen im Supermarkt und vor allem die vernuschelte Kommunikation durch die Spuck- und eben leider auch Sprachbarriere noch etwas gewöhnungsbedürftig sind. Aber immerhin gibt es keinen Engpass mehr bei Klopapier, Nudeln, Mehl und Hefe, und auch Die Pest ist wieder lieferbar. Jedenfalls zeigen die Seiten einschlägiger Großbuchhandlungen im Netz „lieferbar in ein bis zwei Tagen“ an. Vorgestern berichtete dagegen die örtliche Tageszeitung noch, Die Pest sei in der deutschen Übersetzung derzeit weder im Laden noch online und nicht mal antiquarisch zu haben, weder als Hardcover noch als Taschenbuch. „Wir drucken gerade die 88. Auflage. Die Nachfrage ist ungebrochen, zwei weitere Nachauflagen sind bestellt“, wird der Rowohlt-Verlag in dem Artikel in der Westdeutschen Zeitung zitiert. Na, das scheint ja schnell gegangen zu sein.

Ich komme bestimmt auch wieder auf Die Pest zurück, das sagte ich ja schon im letzten Beitrag, aber heute will ich es schnell bei einigen Hinweisen auf neue Gelegenheiten der Begegnung mit Dr. Rieux, Tarrou, Rambert und den anderen Protagonisten aus Camus‘ Roman belassen:

Bert Zander, der schon in der Spielzeit 2017/18 die preisgekrönte theatrale Video-Installation von Dostojewskis Schuld und Sühne für das Theater Oberhausen erarbeitete, inszeniert nun Albert Camus‘ Die Pest als „Theaterfilm“ mit dem Ensemble des Theaters Oberhausen und Bürgerinnen und Bürgern von Oberhausen als Miniserie in fünf Episoden (in Kooperation mit Ostlicht Filmproduktion und 3sat/ZDF Kultur; gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das NRW Kultursekretariat). Die erste Folge läuft bereits heute Abend, 2. Mai, die weiteren am 9.5., 16.5., 23.5. und 30.5., jeweils ab 19.30 Uhr: www.die-pest.de

Quasi eine „Pestversion light“ hat die Volkshochschule Karlsfeld als kostenlosen Livestream im Angebot: Am morgigen Sonntag, 3. Mai, kann man von 10 bis 11 Uhr der Lesung von Stefan Hunstein zuhören. Der Schauspieler und bildende Künstler (u.a. Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus Bochum) liest eine speziell für diesen Anlass von Dirk Diekmann (Regisseur, Dramaturg) erstellte Fassung der Pest von Albert Camus. „Die besondere Aktualität des Romans hat die Stadtbücherei Garching, die Gemeindebibliothek Ismaning und die Volkshochschule im Norden des Landkreises München e.V. zu dieser Produktion inspiriert“, heißt es auf der VHS-Seite. Veranstalter ist die vhs im Norden des Landkreises München. Bei der youTube-Premiere stehen Stefan Hunstein und Dirk Diekmann für Fragen der Zuschauer im Live-Chat zur Verfügung. Mit Klick auf diesen Link kommen Sie hin: www.youtube.vhs-daheim.de. Klar, dass bei einer Einstundenlesung nicht „die ganze Pest“ drin sein kann, aber vielleicht wird es ja ein Appetizer, der Lust auf mehr macht.

Noch ein Hinweis: Die zur „visuellen Live-Lesung“ umgearbeitet Inszenierung von Die Pest von Ulrich Greb am  Schlosstheater Moers ist jetzt dauerhaft über die Homepage oder über die Facebookseite des Schlosstheaters abrufbar.

Und noch ein Hinweis: Das Institut français Aachen bietet jetzt seinen erstmals im September 2019 gestarteten Camus-Sprachkurs, auf den ich schon einmal hinwies, online an. Am 6. Mai beginnt Französisch lernen anhand der Werke von Albert Camus – La peste (vier Einzeltermine à 40 Minuten von 17:35 – 18:15 Uhr am 6.5., 13.5., 20.5. und 27.5.). Infos und Anmeldung hier.

So, und damit jetzt hier nicht nur Ankündigungen, sondern auch noch ein bisschen Pest-und-ich drin ist, ein Pest-Lieblingszitat zum Sonntag:

„Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert ist, ein Mensch zu sein“.*

In diesem Sinne, wie immer: à bientôt – und seien Sie zuversichtlich.

*Dr. Bernard Rieux im Gespräch mit Tarrou – aus dem Kopf zitiert, die genaue Quelle muss ich ausnahmsweise noch nachliefern.

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (8) – endlich Regen

30. April 2020. Endlich Regen. Großes Aufatmen. Nicht nur, weil sich das Land, weil sich sämtliche Sträucher, Bäume, Gräser, Kräuter und Blumen geradezu hörbar freuen. Nicht nur, weil jetzt mehr von den Nichtskapierern und den Schnellvergessern zuhause bleiben, statt sich schon wieder viel zu dicht durch Supermärkte und Fußgängerzonen zu schieben. Nein, ganz einfach mir selbst tut dieser Wetterumschwung gut. Vorige Tage saß ich nämlich an meinem Fluchtort auf dem Land vor dem Haus in der Sonne und dachte, ich werde jetzt wirklich ein bisschen seltsam. Schönstes viel zu frühes Frühsommerwetter, Gesumse in der Luft, Blick auf die blühenden Obstbäume gegenüber. Strahlend blauer Himmel, vollkommen ebenmäßig blau, kein Wolkenfetzchen, kein einziger Kondensstreifen, nicht die kleinste Farbvariation. Ein Effekt, der keine räumliche Tiefe mehr erkennen lässt. In Wirklichkeit sitze ich vielleicht unter einer blau eingefärbten Glasglocke, dachte ich, wir alle sitzen unter dieser Glasglocke, und von draußen beobachtet jemand dieses Experiment und schaut, was passiert, wenn man ein unbekanntes Virus auf diese Lebewesen, die wir sind, loslässt. Ein Moment, in dem die Welt fremd wird, ein Moment von étrangeté, um bei Camus zu bleiben.

Jetzt ziehen wieder Wolken über den Himmel, bedecken ihn ganz und gar, lassen dort wieder eine Lücke, in der es blau aufblitzt, türmen sich auf- und voreinander, und ich bin mir einigermaßen sicher, dass es sich dabei nicht um Projektionen auf einer Glaskuppel handelt. Dass die Welt doch die ist, die sie ist, obwohl das Leben gerade so anders ist. Es war ja auch nur ein kurzer befremdlicher Moment, weil mich vollkommen wolkenloser, azurner Himmel im Süden schließlich noch nie irritiert hat, im Gegenteil, der Anblick gehört ja geradezu zum ersehnten Südenurlaubsgefühl. Aber zwischen solch einem kurzen Moment der étrangeté und dem Aufbrechen des Absurden ist die Decke dünn, das weiß man als Camus geschulter Mensch, und jetzt kommt es mir so vor, als sei diese ohnehin dünne Decke gerade noch dünner geworden, was für ein Wahnsinn ist das gerade doch alles, und wie zerbrechlich ist in Wirklichkeit das, was wir unsere Normalität nennen, die jetzt alle so schnell wie möglich wieder haben wollen.

Diese Zerbrechlichkeit ist ein sehr präsentes Gefühl, während da draußen alles so ganz normal aussieht wie immer, und das Land sich über den Regen freut. Auch ich freue mich daran, ich freue mich an der frischen Luft und daran, durch den Wald laufen zu können, ohne jemandem zu begegnen, und an vielen anderen Dingen. Aber ich brauche noch nicht einmal Nachrichten zu schauen oder zu lesen, um plötzlich Bilder von Intensivstationen und Altenheimen vor Augen zu haben, wo die Menschen ohne Abschied sterben müssen oder die letzte Zeit, die ihnen bleibt, allein gelassen werden, und es zerreißt mir das Herz. Widersprüche. Zwischen-Sein. Ich habe keine Arbeit, aber auch keinen Urlaub. Ich telefoniere sehr, sehr viel, aber ich vermisse trotzdem meine Freunde. Die Nachrichten verkünden vermehrt die Hoffnung auf die Entwicklung eines Impfstoffes, ebenso wie die Besorgnis über einen Wiederanstieg der Infektionen aufgrund der Lockerung der Beschränkungen. Ausgespannt zwischen Freude und Trauer, Furcht und Hoffnung, das ist die Grundsituation des Menschen. Wolfgang Janke nannte es „das existenziale Quadrat“.* Aber selbst für einen philosophisch geschulten Menschen macht es einen Unterschied, darum zu wissen, oder sich gleichsam mit allen vier Gliedmaßen darin ausgespannt zu fühlen.

Und was ist jetzt mit der Pest? Ich hatte sie die letzten Tage beiseite gelegt. Ein bisschen erschlagen davon, dass ALLE über Die Pest zu reden und zu schreiben scheinen. Und auch wegen der Sorge, zu viel Schwere in dieses zerbrechliche Gleichgewicht der Tage zu werfen. Noch mehr Schwere braucht ja gerade kein Mensch. Ich will nicht ausschließen, auf Die Pest zurückzukommen. Aber ich selbst freue mich beim ziellosen Herumtrödeln im Netz gerade an den komplett unvernünftigen, spaßigen Dingen wie dem Nachstellen von Kunstwerken mit Alltagsgegenständen (schaut mal unter #tussenkunstenquarantaine). Und vorhin entdeckte ich jemanden, der seinem Meerschweinchen ein eigenes Museum eingerichtet hat (The Piggenheim Museum).** Es ist einfach großartig. Was für eine Feier des erhabenen Unsinns, des fröhlichen Blödsinns, eine Revolte der Phantasie. Danke dafür! In diesem Sinne (an mich selbst gerichtet und alle, die es brauchen): Kopf hoch – und à bientôt.

*mehr zu Wolfgang Janke im Blog über die Stichwortsuche.
** Danke für diese Entdeckung an Draußen nur Kännchen

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Camus-Corona-die Pest-und-ich-Tagebuch (7) – Die Krankheit als Kloster

17. April 2020. Tag 31 nach dem „Shutdown“, der Schließung der Läden, Restaurants, Museen, Clubs, Cafés, Konzerthäuser und Wasnichtalles und der weitgehenden Kontaktbeschränkungen, geht zu Ende. Ein ganzer Monat (für mich) ohne Arbeit, ohne Verpflichtungen, ohne die gewohnten Ablenkungen und Freuden „vor Corona“. Keine Treffen mit Freunden, kein Kulturleben, keine Ausflüge und Reisen, kein Cappuccino am Straßenrand. Die Starre, mit der ich anfangs quasi ununterbrochen die neuesten Nachrichten verfolgt habe, hat sich gelöst; eine gewisse Lähmung, die mich daran hindert, das Ganze als nutzbringendes „Sabbatical“ umzudeuten, ist geblieben. Aber irgendwie beginnt man sich einzurichten und zu gewöhnen und rollt jeden Tag wieder den Stein, indem man versucht, das Beste draus zu machen. Zum Beispiel: Wahrnehmen und Hinspüren auf das, was jetzt so sehr fehlt, und was mir zuvor zu selbstverständlich geworden war. Und mir selbst das Versprechen geben, es nicht wieder selbstverständlich werden zu lassen, sondern als das wertzuschätzen, was es ist, nämlich kostbar. Wenn es denn überhaupt alles so zurückkommt, wie es mal war, was noch längst nicht ausgemacht ist.

Und dann habe ich doch wieder den Fehler gemacht, die Nachrichten- und Social-Media-Kanäle aufzudrehen, und jetzt kommt es mir so vor, als schlüge da eine Riesenwelle über meinem Kopf zusammen, und ich muss nach Luft schnappen. Was für ein Getöse: Das Leben wird wieder hochgefahren! Schon am Montag! Vorsichtig, schrittchenweise, mahnt die Politik – aber schon rufen alle „dann wollen wir aber auch“ und „wir halten nicht mehr lange durch“, und jeder weiß am allerbesten, was jetzt am besten wäre, erst die Kindergärten, erst die Abschlussjahrgänge an den Schulen, erst diese oder jene Geschäfte, und warum machen wir’s eigentlich nicht sowieso wie die Schweden, da geht es doch auch ohne viel Beschränkungen*; überhaupt, jetzt ist mal gut und die Wirtschaft ist wieder dran. Wer sich jetzt noch alarmiert zeigt, ist eh ein Panikmacher, sieht man doch, dass alles halb so schlimm ist, in den Krankenhäusern stehen ja reichlich Intensivbetten leer.

Ich weiß mal wieder nicht, was am allerbesten wäre. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass sich das Virus nicht von wirtschaftlichen Entscheidungen der Politik und der Ungeduld der Menschen beeindrucken lässt. Und mir kommt ein Zitat von Camus in den Sinn, das in diesem Fall mal nicht aus der Pest ist, sondern aus seinem Notizbuch:

Die Krankheit ist ein Kloster mit seiner Ordensregel, seiner Askese, seinem Schweigen und seinen Erleuchtungen.“ **

Heute Abend kommt es mir so vor, als würden die Menschen gerade beginnen, im Klosterhof einen Jahrmarkt aufzubauen – und als würde uns ein wenig längeres Einrichten im Verzicht und Einüben ins Schweigen noch ganz gut tun. Aber vielleicht sieht ja morgen schon wieder alles ganz anders aus. In diesem Sinne für heute: bonne nuit – und bleiben Sie gesund.

*Zur Situation in Schweden hier ein Spiegel-Artikel
** Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 155. Notiz vom November 1942.

Von Anfang anlesen: „Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch“ (1)

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (6) – Nur keine Langeweile (und Camus auf allen Kanälen)

9. April 2020. Bei all den Parallellen, die man zwischen dem Pestzustand bei Camus und dem Coronazustand unserer Tage feststellen kann – eines ist so ganz und gar anders: Wir können uns nicht über ein fehlendes Kultur- und Unterhaltungsangebot beklagen. Im Oran der Pest bleiben zwar anders als bei uns die Kinos geöffnet, aber sie zeigen mangels neuer Filme ein sich wöchentlich wiederholendes Programm. Dank einer in Oran festsitzenden Truppe spielt auch die Oper noch, allerdings ausschließlich Orpheus und Eurydike (ausgerechnet diese Geschichte der getrennten Liebenden ohne Happy End – auch das ein eigenes Thema am Rande…) – bis der Hauptdarsteller als weiteres Pestopfer eines Abends in grotesken Verrenkungen an der Rampe zusammenbricht. Und Rambert legt einmal bei einem Treffen mit Rieux und Tarrou das Jazzstück  St. James Infirmary auf und bemerkt dazu, die Platte sei nicht lustig, und er habe sie diesen Tages schon zehn Mal gehört – nicht, weil er sie so sehr mag, sondern weil er keine andere hat (1).

Nun, dergleichen kann heute wohl niemandem mehr passieren, denn weder braucht man Schallplatten, noch muss man ein Kino, ein Theater, die Oper oder einen sonstigen Veranstaltungsort aufsuchen, um in Kulturgenuss zu kommen. Gar keine Frage, dass es höchst bedauerlich ist, dass diese Kulturorte derzeit geschlossen bleiben müssen, und dass das mit anderen Menschen physisch geteilte Echtzeit-Erlebnis und die Begegnung mit physisch anwesenden Künstlern vor Ort nicht wirklich zu ersetzen ist. Dafür kann man jetzt jede Menge Dinge erleben, in deren Genuss man sonst so ohne weiteres gar nicht gekommen wäre. Ich für meinen Teil bin davon sogar leicht überfordert, denn es gibt so viel gleichzeitig, das großartig ist – kostenlos und frei Haus – und an die Stelle der großen Enttäuschung der ersten Tage darüber, was ich nun alles nicht werde erleben können (obwohl die Karten zum Teil schon gekauft waren), tritt jetzt das Gefühl, ständig etwas zu verpassen. Soll ich lieber das allabendliche Live-Hauskonzert von Stargeiger Daniel Hope anschauen oder das von Starpianist Igor Levit? Oder den Livestream des mir persönlich bekannten Organisten aus dem Nachbarort? Übrigens wird in unzähligen Kirchen mindestens mal europaweit georgelt, und es wäre doch auch spannend, da zuzuhören, wo man sonst nie hinkommt, in Oslo zum Beispiel, was mir gerade auf meine Facebook-Timeline gespült wird. Die Opernhäuser, Theater und Tanzcompagnien, die live streamen oder Aufzeichnungen ins Netz stellen, sind schon gar nicht mehr zu zählen. Und allein in „meiner“ Stadt und Region gibt es so viele Live-Streams Wuppertaler Künstler, dass die Plattform www.wuppertal-live.de, die sonst den Überblick über Kulturtermine aller Art bereithält, jetzt darauf umgestellt hat, eben diese Live-Streams und „Balkonkonzerte“ anzuzeigen – vielleicht gibt’s das ja auch in Ihrer Stadt?

Ehrlich gesagt: Ich bin ob dieses Riesenangebots schon wieder mal zwiegespalten. Einerseits findet der Kulturmensch, der ich bin, das natürlich alles großartig (wenn auch leicht überfordernd). Und die Camusianerin sieht darin auch, wie schon im letzten Beitrag beschrieben, einen schönen Akt der Revolte. So viele Menschen zeigen: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir lassen uns nicht alles Schöne von diesem Virus wegnehmen. Ihr könnt nicht zu uns kommen, aber wir sind für euch da. Wir vertreiben euch die Zeit, wir geben euch Stoff zum Nachdenken, wir unterhalten und wir trösten mit unserer Musik, unserem Gesang, unserer Kunst. – Sie tun das ohne Honorar, die wenigsten von ihnen dürften Rücklagen in der Größenordnung von Stargeigern und Starpianisten haben, und bei den angekündigten staatlichen Finanzhilfen fallen gerade Künstler aus verschiedenen Gründen zurzeit noch häufig durchs Netz. Und das ist die andere Seite. Deshalb mein Appell: Gewöhnen wir uns jetzt bitte nicht daran, dass großartige Kultur jederzeit kostenlos verfügbar ist. Es wäre toll, wenn auch „nach Corona“ Opernhäuser gelegentlich wie jetzt live und kostenlos in Alten- und Pflegeheime streamen würden, Musiker ihre Konzerte dorthin übertragen würden. Aber lasst uns nicht vergessen, dass das Live-Erlebnis von Kultur einzigartig ist, dass wir dafür genau zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort sein müssen, und dass wir bereit sein müssen, dafür zahlen. 

So, aber natürlich freue ich mich trotzdem, dass unter den vielen Angeboten gerade auch so viel „Camus“ dabei ist. Am morgigen Karfreitag gibt es schon den letzten Teil der Pest-Lesung von Wolfgang Tischer im literaturcafé.de. Auch auf die Bearbeitung der Pest-Inszenierung als Video-Lesung beim Schlosstheater Moers habe ich schon hingewiesen. Ebenfalls morgen startet eine zehnstündige Marathonlesung von Die Pest mit vielen Prominenten Schauspielern im österreichischen Rundfunk, und zu meiner großen Freude wird es auch Das Missverständnis in der Inszenierung von Nikolaus Habjan am Volkstheater Wien demnächst gestreamt. Aber die Links dazu muss ich noch raussuchen, schauen Sie einfach morgen wieder hier rein – sonst wird es zu spät für den Start der nur live erlebbaren dreiteiligen Lesung von Die Pest des Fringe-Ensembles aus dem Theater im Ballsaal in Bonn mit Andreas Meidinger – die startet nämlich jetzt gleich um 20.30 Uhr. Teil 2 am morgigen Freitag, 10. April, Teil 3 am Samstag, 11. April 2020, wiederum jeweils um 20.30 Uhr. Hier geht’s zum Link. In diesem Sinne: bon divertissement!

AKTUALISIERUNG:
So, und hier noch mal ausführlich und mit den zuvor fehlenden Links: Der österreichische Sender präsentiert Die Pest in einer zehnstündigen Marathonlesung mit 120 Stimmen. Sprecher sind u.a. Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, der österreichische Altbundespräsident Heinz Fischer, die Sängerin Anja F. Plaschg, der Kabarettist Manuel Rubey, die Autoren Clemens J. Setz und Stefanie Sargnagel, die Schauspieler Klaus-Maria Brandauer und Birgit Minichmayr u.v.a. Eine Kooperation von Rabenhof Theater und FM4, 10. April 2020, ab 12 Uhr auf fm4.orf.at Die Lesung ist danach noch vier Wochen lang abrufbar.

Und zu meiner großen Freude streamt auch das Volkstheater Wien: Am 15. April, 18 Uhr, Das Missverständnis von Albert Camus in der Inszenierung mit Figuren von Nikolaus Habjan. Wer mehr von Nikolaus Habjan sehen möchte: bereits am Sonntag, 11. April, ebendort sein Georg-Kreisler-Liederabend Wien ohne Wiener zusammen mit der Band Franui – ich freu mich schon drauf (auch nochmal am 10. Mai). Das jeweils tagesaktuelle Video startet immer um 18 Uhr und ist dann 24 Stunden abrufbar, hier geht’s zur Seite mit dem Link.

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 185

Verwandte Beiträge:
Kleine Spurensuche: Camus und der Jazz (St. James Infirmary)
Oran liegt in Bonn-Endenich – fringe ensemble spielt „Die Pest“
„Das Missverständnis“ in Wien – ein Theatererlebnis

Von Anfang anlesen: „Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch“ (1)

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (5) – Von Lähmung und Gegengift

7. April 2020. Ich muss zugeben, dass es mir nicht leicht fällt, hier am Ball zu bleiben. Und das, obwohl ich mir jeden Vormittag von Wolfgang Tischer vom literaturcafé.de aus der Pest vorlesen lasse. Oder vielleicht auch eben deshalb. Allein, was heute wieder alles in dieser einen Stunde drinsteckte: die Entscheidung des Journalisten Rambert, in Oran zu bleiben und sich den Sanitätstruppen anzuschließen, just dann, als sich ihm nach Wochen des Wartens die Möglichkeit bietet, aus der geschlossenen Stadt zu fliehen. Das schreckliche, qualvolle lange Sterben des kleinen Philippe, Sohn des Untersuchungsrichters Othon – und wie dieses Erleben Pater Paneloux verändert und sich in seiner zweiten großen Predigt niederschlägt; und schließlich dessen eigener Tod, bei dem in der Schwebe bleibt, ob auch dieser Tod der Pest geschuldet ist oder nicht. Jedes für sich ein riesiges Thema mit Stoff für eine eigene Abhandlung und mit Fragen, deren Erörterung allesamt wiederum nur in der Erkenntnis enden kann, dass wir die Widersprüchlichkeit der möglichen Antworten nicht auflösen können, sondern sie nur aushalten und tragen können. Da sind wir nicht Sisyphos, der den Stein rollt, da ist jeder für sich Atlas, der allein das Weltgebäude auf den Schultern trägt. Das ist alles so groß und so schwer, und ich frage mich, ob ich nicht zu der Schwere noch unnötiger Weise was dazutue, wenn ich hier darüber schreibe, jetzt, wo es mir manchmal vorkommt, als seien wir irgendwie unversehens in Camus‘ Roman hineingeraten, so wie Bastian Balthasar Bux in Michael Endes Unendlicher Geschichte in die unendliche Geschichte hineingerät.

Die zunehmende Müdigkeit und Erschöpfung des Dr. Bernard Rieux im Kampf gegen die Pest lässt mich an die vielen Ärztinnen und Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern denken, die jetzt ebenfalls bis zum Umfallen ihr Bestes geben und trotzdem so oft kapitulieren müssen, bei uns, aber noch mehr in Italien, Frankreich, Spanien, New York, wo sie angesichts zu weniger Beatmungsgeräte entscheiden müssen, wer eine Chance bekommt, und wer zum Sterben auf den Flur geschoben wird. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler meinte gestern in ihrem Corona-Videotagebuch (mit sehr kurzen, auf jeden Fall immer anregenden Beiträgen), die Fixierung auf die stündlich auf den Newstickern abzurufenden Zahlen der Neuinfektionen und Corona-Toten wirkten als eine Art Abwehrzauber – ein Abwehrzauber gegen das Nichtwissen. Denn Zahlen und Statistiken wirkten beruhigend, sie stehen für Rationalität, für Kontrolle, für die Macht des ordnenden Verstandes über das Diffuse und Unbegreifliche, und damit auch gegen den Tod als das Unbegreifliche schlechthin. Mit immer neuen Statistiken und darauf beruhenden Prognosen versuchten wir das zu bannen, was sich unserer Macht entzieht. Das ist ein interessanter Gedanke, denn in der Tat ist es ja so, dass durch die Zahlen und ihre rationale Fassbarkeit das Unbegreifliche überhaupt nicht begreiflicher wird, sondern es im Gegenteil so abstrakt bleibt, dass es uns gerade nicht berührt. Wie jede Präzision ist an dieser Stelle also auch die der Zahlen eine praecisio im ursprünglichen Sinne: Sie schneidet etwas ab. In diesem Fall die Anschaulichkeit dessen, was wir lieber nicht so genau anschauen wollen. (1)

Auch für Dr. Rieux blieb, nach seinen eigenen Worten, in den ersten Wochen der Pest die Gefahr unwirklich. „Bloß hat man als Arzt einen Begriff von Schmerz und eine etwas lebhaftere Phantasie“, merkt der Erzähler an, und weiter:

„Wenn Rieux durch das Fenster auf seine unveränderte Stadt blickte, spürte er, wie in ihm unmerklich jenes leichte Ekelgefühl vor der Zukunft aufstieg, dass man Unruhe nennt. Er versuchte im Geist alles zusammenzufassen, was er von dieser Krankheit wusste. Zahlen schwirrten ihm durch das Gedächtnis, und er sagte sich, dass die etwa dreißig großen Pestepidemien der Geschichte an die hundert Millionen Tote gefordert hatten. Aber was bedeuteten hundert Millionen Tote? Wer den Krieg mitgemacht hat, weiß kaum noch, was ein Toter ist. Und da ein toter Mensch dann etwas wiegt, wenn man ihn tot gesehen hat, sind hundert Millionen über die Geschichte verstreute Leichen nichts als Rauch in der Einbildung. Der Arzt erinnerte sich an die Pest von Konstantinopel der nach Prokop an einem Tag zehntausend Menschen zum Opfer gefallen waren. Zehntausend Tote, das macht fünfmal die Zahl der Zuschauer in einem großen Kino. Das sollte man tun. Man fasst die Besucher von fünf Kinos an den Ausgängen zusammen, führt sie auf einen Platz in der Stadt und lässt sie dort alle miteinander sterben, damit man wieder ein bisschen klarer sieht.“ (2)

Auf jeden Fall wäre solch anschauliche Klarheit diesem lächerlichen amerikanischen Präsidentendarsteller zu wünschen, der verkündet, wenn es bei einhundert- bis zweihunderttausend Toten in den USA bliebe, hätten sie alle miteinander einen guten Job gemacht. Ich verstehe, wenn mir Menschen jetzt sagen: „Ich schau gar keine Nachrichten mehr“. Man will sich nicht verrückt machen, und wenn man nicht so genau hinschaut, fällt es einem leichter, sich einzurichten und zu denken: So schlimm ist es ja nun auch wieder nicht, und bestimmt ist es sowieso bald vorbei. Auch ich habe mir letzte Woche meine kleine Flucht aufs Land gegönnt, wo die Welt fast unverändert schien. Aber ich schaue zumindest einmal am Abend die Nachrichten, und in gewisser Weise bin ich froh, dass wir, anders als Camus‘ Bewohner von Oran, heute die Möglichkeit haben, so genau zu sehen, was an anderen Enden der Welt passiert. Denn die fernen und abstrakten bislang 4700 Toten in New York, zuletzt allein 732 in 24 Stunden, werden auf schreckliche Weise begreifbarer, wenn man sieht, wie in Säcke verpackte Leichen mit dem Gabelstabler in Kühlwagen geschichtet werden, weil der Platz in den Leichenhallen nicht ausreicht, die Krematorien mit der Verbrennung nicht hinterher kommen und der Platz auf den Friedhöfen knapp wird. Ich gebe zu, dass mir diese Bilder zu schaffen machen. Ganz sicher tragen sie das ihre zum Gewicht dieser Tage bei, das auf der Seele lastet und sich als diese lähmende Schwere in den Knochen ausbreitet, von der ich schrieb, und die ich nur schwer abschütteln kann.

Zugleich aber sorgen sie für das Gegenteil. Sie sorgen dafür, dass ich wach bleibe und trotz kleiner Fluchten nicht den Blick dafür verliere, in welcher historischen Ausnahmesituation wir uns gerade befinden. Sie sorgen dafür, dass es mir leichter fällt, auf das zu verzichten, auf das es jetzt eben zu verzichten gilt, wenn das dazu beiträgt, solche Zustände bei uns zu verhindern. Sie sorgen dafür, dass mich die kleinsten Dinge mit großer Freude und Dankbarkeit erfüllen: Dass ich heute in der Stadt nach drei cappuccinolosen Wochen einen im Pappbecher auf die Hand kaufen und mich damit ganz allein auf die Terrasse eines geschlossenen Cafés in die Sonne setzen konnte. Die Palmen und Olivenbäume im Kübel, die mir sonst in dieser Stadt immer leicht unpassend vorkommen, verschafften mir jetzt, da Palmen und Oliven in unerreichbare Ferne gerückt sind, einen Hauch von Urlaubsgefühl. Heimatgefühl dagegen vermittelte mir Benny, der Tamile mit seiner kleinen Garküche auf dem Markt, der jeden Tag seine drei gleichen köstlichen Gerichte anbietet und sie auch in diesen Tagen mit der gleichen unverdrossenen, strahlend guten Laune über die Theke reicht. „Bisschen scharf, Madame?“ – „Nein danke, lieber nicht.“ Jedes Mal der gleiche Dialog, und jedes Mal lachen wir darüber. War mir denn vorher nicht klar, dass dies kostbare Momente sind?

Und dann, ein paar Schritte weiter, plötzlich wunderschöne Musik, ich höre Klavier und Mandoline. Die Musik kommt von einem Wagen des städtischen Entsorgungsbetriebs, der mit offenen Seiten und einem Klavier auf der Ladefläche zu einem Musikmobil umgebaut wurde, und der jetzt durch die Stadt fährt und an besonderen Orten Halt macht, bespielt von Mitgliedern der Bergischen Musikschule, des Theaters und der Oper. Hier stand er auf einem kleinen Platz zwischen dem Gesundheits- und dem Sozialamt, denn der musikalische Dank galt den aus den Fenstern lehnenden Angestellten der beiden Ämter, die vor Ort die Stellung halten und wichtige Aufgaben erledigen. Erfreut haben die Musiker aber auch alle anderen, die mit dem gebührenden Sicherheitsabstand stehen blieben und zuhörten. Wie gut diese Musik tat! Und wie gut es tat zu sehen, was Menschen sich alles einfallen lassen, um dieser Bedrohung zu trotzen, der Krise zu trotzen, den Einschränkungen unseres Alltagslebens zu trotzen und all dem mit Kreativität, Freude, Mitmenschlichkeit etwas entgegenzusetzen. Ich sehe darin einen Akt der Revolte, très camusienne. Sie ist das Gegengift gegen die bislang nicht medizinisch beschriebene, verdeckte Wirkung des Virus, die sich in diesem seltsamen Gefühl der Lähmung manifestiert. In diesem Sinne: revoltiert – und bleibt gesund! À bientôt!

(1) Zum Begriff der praecisio mundi mehr in meinem Geburtstagsgruß für Professor Wolfgang Janke
(2) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 27f.

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (4)

Fotoprobe zum Stück „Die Pest“ am 17.09.19 im Schlosstheater in Moers – jetzt als visuelle Live-Lesung im Netz. Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

3. April 2020. Ich bin in diesen Tagen zwischen zehn und elf Uhr vormittags nicht zu sprechen. Genau gesagt: bis zum 10. April. In dieser Zeit nämlich liest Wolfgang Tischer im Literaturcafé.de montags bis freitags live ein Stück aus der Pest. Am ersten Tag dachte ich: „Hörste mal kurz rein“, ich blieb dran, und heute war schon der fünfte Tag. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie großartig es ist, etwas vorgelesen zu bekommen – sogar, wenn man den Text quasi schon in und auswendig kann. Jedenfalls dachte ich das von mir – und höre nun Details, die ich entweder vollkommen vergessen hatte, oder die ich tatsächlich ganz neu wahrnehme. Ich glaube sogar, es ist egal, ob man mit einer Tasse Kaffee ruhig sitzend zuhört, oder ob man dabei die Fenster putzt (ich hab’s ausprobiert) – allein die Tatsache, dass da jemand mit einer unaufgeregten, angenehmen Stimme ein bedächtiges Erzähltempo vorgibt, dem ich folge, ohne hier mal rasch was zu überlesen, dort mich kurz selbst zu unterbrechen, und dass ich weiß: Wenn ich jetzt gedanklich abschweife, dann verpasse ich etwas – allein diese Tatsache sorgt für eine Fokussierung, die mich die Geschichte wieder neu erleben lässt.

Nur ein winziges Detail: Wie an einer Stelle deutlich wird, hat Camus sich intensiv mit den Pestepidemien in der Geschichte befasst – und erwähnt dabei auch den Bau der großen Pestmauer in der Provence. Als ich vor Jahren bei einem Aufenthalt dort über die mur de la peste bzw. den Weg entlang der erhaltenen Reste schrieb, habe ich nur gemutmaßt, Camus würde sie wohl gekannt haben. Ich lese nicht oft meine älteren Beiträge, aber in diesem Fall hab ich mich im Anschluss an die Vorlesestunde damit zurückgeträumt zu diesem heißen Sommertag und habe wieder das Zirpen der Zikaden in der Mittagsstille gehört… Noch so eine kleine Flucht in Zeiten, wo wir auf solche schönen Reisen verzichten müssen. Vielleicht mögen Sie ja mit mir dorthin reisen? Dann geht’s hier entlang.

Sie ahnen vielleicht, dass ich mit Betrachtungen zu Camus‘ Text wohl kaum hinterherkomme, wenn ich mich an solchen kleinen Details aufhalte… Tatsächlich war ich bis jetzt jeden Tag beim Zuhören aufs neue verblüfft und manchmal sogar amüsiert von den vielen Parallelen, die sich zwischen Camus‘ Schilderungen der Pest bzw. der Reaktionen der Menschen auf diese unvermutete Heimsuchung und den Begebenheiten unserer Corona-Tage auftun. Aufgeschrieben habe ich es nicht. Mit dem Thema „lernen, mit den Widersprüchen zu leben“ habe ich dieses Tagebuch angefangen, und ich muss zugeben, dass das Praktizieren dieser Lernaufgabe gerade den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt. Die Erwartung: „Wenn du schon keine Arbeit hast, dann kannst du doch jetzt auf großartige Weise deine Zeit nutzen!“ Geistreiche Blogartikel verfassen, diverse Bücher zu Ende lesen und am besten selbst ein neues schreiben! Was leider in krassem Widerspruch zu der Tatsache steht, dass ich am Ende des Tages maximal die Fenster geputzt habe – und schon das als Erfolg im Kampf gegen die bleierne Schwere verzeichne,
die sich schleichend in den Knochen ausbreitet und droht, aufs Gemüt überzugreifen, und die, wenn auch nicht im medizinischen Sinne, auch eine Folgeerscheinung dieses Virus‘ ist, selbst wenn man, wiederum im medizinischen Sinne, gar nicht infiziert ist.

Immerhin habe ich jetzt zwei Tage Zeit bis zu einer neuen Folge der Pest im Literaturcafé.de, denn die gibt es erst am Montag wieder. Deshalb kann man die heutige Folge (5) ausnahmsweise auch noch bis einschließlich Sonntag nachhören. Zu Beginn jeder Folge gibt Wolfgang Tischer eine kleine Zusammenfassung „was bisher geschah“ – es lohnt sich auf jeden Fall auch jetzt noch, einzusteigen. Hier der Link: https://www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live

Wolfgang Tischer, Gastgeber des Literaturcafé.de. Foto: Birgit-Cathrin Duval

Wolfgang Tischer gründete 1996 das literaturcafe.de, das ausschließlich im Internet existiert. Als Journalist und Literaturkritiker schreibt Wolfgang Tischer über Bücher, Literaturthemen und die Buchbranche. Regelmäßig moderiert und konzipiert er Lesungen und Literaturveranstaltungen. Zu Hölderlins 250. Geburtstag im März 2020 hat er sieben Stunden lang den kompletten Hyperion live im Web vorgelesen. Im Podcast des Literaturcafés stellt er Bücher vor und spricht mit Autoren und Repräsentanten der Buchbranche.

„Die Pest“ als visuelle Live-Lesung am Schlosstheater Moers

Fotoprobe zum Stück „Die Pest“ am 17.09.19 im Schlosstheater in Moers (mit Camus-Handpuppe von Joost van den Branden). Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

Und eine weitere Empfehlung habe ich noch: Das Schlosstheater Moers, über dessen großartige Pest-Inszenierung ich im September 2019 hier schon berichtet habe, hat im Zuge der „Corona-Krise“ die Inszenierung noch einmal umgearbeitet und zeigt die so entstandene Visuelle Lesung am morgigen Samstag, 4. April, ab 18 Uhr über seine Homepage sowie über seine Facebookseite. Dazu gibt es von 18 bis 24 Uhr auf der Homepage einen Live-Chat. Weitere Termine am 12., 19. und 26. April 2020.

Die Schlosstheater-Dramaturgin Viola Köster schreibt dazu: „Corona ist nicht die Pest und wir leben 2020 nicht im Krieg. Dennoch fordert auch dieses Virus derzeit Tote und schafft es, weltweit den Alltag der Menschen sowie das globale Wirtschaftssystem aus den Angeln zu heben. Auch das Theater ist davon nicht ausgenommen. Ganz im Gegenteil. Denn gerade das Theater lebt vom gemeinsamen Erleben. Auch wenn unsere Inszenierung von Die Pest vor allem als Kommentar auf die zunehmende Abschottung und Nationalisierung in Europa gedacht war, wird der Text von 1946 in der Coronakrise zum Stück der Stunde – das wir im Repertoire haben und nicht spielen dürfen. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Inszenierung für die Zeit der Corona-Quarantäne als visuelle Lesung für unseren Online-Ersatzspielplan zu adaptieren. Sechs Schauspieler*innen sitzen (mit Sicherheitsabstand!) im Bühnenbild der Pest, das aus einem Quarantänezelt besteht. Sie sprechen den Text von Camus, der von Ausschnitten aus der Pest-Inszenierung durchbrochen wird. Die Zeiten überlagern sich, ähneln einander und unterscheiden sich dann wieder. So wie jetzt.“

Ich werde auf jeden Fall reinschauen. Für heute, wie immer: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (3) – Kleine Fluchten

Am 28. April indessen gab Ransdoc eine Ausbeute von ungefähr 8000 Ratten bekannt, und in der Stadt erreichte die Beklemmung ihren Höhepunkt. Man verlangte durchgreifende Maßnahmen, man klagte die Behörden an, und einige, die ein Haus am Meer besaßen, spielten bereits mit dem Gedanken, sich dorthin zurückzuziehen.“ (1)

29. März 2020. Auch ich bin der in der Stadt deutlich spürbaren Beklemmung entflohen und habe mich für ein paar Tage zurückgezogen – zwar nicht in ein Haus am Meer, aber auf dem Land. Wenn man sich dazu noch ein wenig in Nachrichtenabstinenz übt, kann man fast glauben, die Welt sei noch in Ordnung. Abstandhalten fällt hier leicht und nicht besonders auf, fast jeder hat ein Haus mit Garten, man unterhält sich mit den Nachbarn wie sonst auch über den Zaun, hält einen Meter mehr Abstand als sonst und gibt sich halt nicht die Hand. Ein strahlender Frühlingstag, eine blühende Wiese, ein Gang durch den Wald und meditatives Unkrautjähten helfen außerdem, sorgenvolle Gedanken wenigstens für eine gewisse Zeit auszublenden. Und ja, das ist Luxus. Wer die Gelegenheit zu solchen kleinen Fluchten hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie helfen, nicht zu schnell ungeduldig zu werden. Noch immer gibt es viele, die glauben, diese Heimsuchung werde sich spätestens in ein paar Wochen erledigt haben, und wir könnten nach Ostern unseren gewohnten Alltag wieder aufnehmen. Und wenn das nicht der Fall ist? Wird man sich wahrscheinlich bei den Politikern beschweren, als sei die Situation ihnen geschuldet und nicht dem Virus. Es ist halt so: „Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen gleich an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen.“ (2)

Camus fährt an dieser Stelle fort, indem er gleichsam die doppelte Ebene einzieht, für die Die Pest eben auch steht:

Es hat auf der Erde ebenso viele Pestseuchen gegeben wie Kriege. Und doch finden Pest und Krieg die Menschen immer gleich wehrlos. (…) Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: «Er kann nicht lange dauern, es ist zu unsinnig.» Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran, lange zu dauern. Dummheit ist immer beharrlich. Das merkte man, wenn man nicht immer mit sich selbst beschäftigt wäre. In dieser Beziehung waren unsere Mitbürger wie alle Leute, sie dachten an sich, oder anders ausgedrückt, sie waren Menschenfreunde: sie glaubten nicht an Heimsuchungen. Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen, und die Menschenfreunde zuerst, weil sie sich nicht vorgesehen haben.“ (2)

Das sind nun keine beruhigenden sondern durchaus warnende und erschreckend passende Worte, aber zur Beruhigung liest man ja auch nicht Die Pest. Man tut Camus allerdings auch unrecht, wenn man den Roman jetzt nur als das Buch zur Seuche liest – das will ich unbedingt betonen, auch wenn oder erst recht weil ich gerade selbst dazu beitrage. Und da spreche ich jetzt noch nicht einmal von der metaphorischen Ebene, von Krieg, Naziherrschaft und Absurdität der condition humaine – sondern von all den wie beiläufigen Beobachtungen und kleinen Geschichten am Rande. Auf die Frage eines Journalisten „Gibt es in Ihrem Werk ein Ihrer Meinung nach wichtiges Thema, das Sie von Ihren Interpreten vernachlässigt sehen?“ hatte Camus einst geantwortet: „Der Humor“ (3). In Die Pest, man glaubt es kaum, gibt es jede Menge davon. Allerdings neigt man vielleicht dazu, diesen Aspekt zu übersehen, weil man nicht damit rechnet. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Wäre nämlich zu schade drum. In diesem Sinne: bleiben Sie wenn möglich heiter, trotz allem, und vor allem bleiben Sie gesund – à bientôt!

P.S. Vielleicht mögen Sie sich Die Pest vorlesen lassen? Das Literaturcafé in Freudenberg lädt ab morgen, 30. März, bis zum 10. April 2020 täglich von
Montag bis Freitag von 10 bis 11 Uhr morgens zu einer Live-Lesung ein per Videostream auf Youtube ein. Die Übertragung erfolgt aus der Lounge der Black Forest Lodge in Igelsberg bei Freudenstadt, es liest Wolfgang Tischer. Ich werde auf jeden Fall mal reinhören! Hier der Link zum Live-Stream: www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live. Gelesen wird übrigens die neue Übersetzung von Uli Aumüller (Rowohlt 1997), während ich meist aus meiner zerfledderten alten Taschenbuchausgabe mit der Übersetzung von Guido G. Meister zitiere. Der Vergleich wäre auch mal ein hübsches Thema.

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 13/14; a.a.O., S. 27. (3) „Ein paar Fragen in Prousts Manier. Ein spätes Interview mit Jean-Claude Brisville (1959), in «Du». Die Zeitschrift der Kultur. Heft Nr. 6/1992: Wiederbegegnung mit Albert Camus. Zürich, Juni 1992, S. 20

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Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (2) – oder: Wir leben alle in Oran

27. März 2020. Aufwachen an einem strahlend sonnig-kalten Frühlingsmorgen, die Vögel zwitschern wie verrückt. Der erste Blick aus dem Fenster geht über Wuppertaler Dächer hinweg zu den bewaldeten Hügeln gegenüber. Die Welt sieht aus wie immer. Und jeden Morgen aufs Neue gibt es diese ersten Momente, in denen der Verstand nicht fassen will, dass die Welt eben nicht ist wie immer. Dass alles anders ist. Der Widerspruch zwischen Wahrnehmung und Wissen ist so grundlegend, dass plötzlich alles surreal erscheint. Es ist viel davon die Rede in diesen Tagen, dass wir dieser Krise am Ende auch Positives werden abgewinnen können. Dass sie eine Chance ist, etwas zu lernen oder wiederzuentdecken, das uns helfen kann und die Welt zu einem besseren Ort, unsere Gesellschaft menschlicher machen kann. Ausgemacht ist das durchaus noch nicht. Aber ich sagte schon: Wir haben es selbst in der Hand. Was wir aber auf jeden Fall gerade nicht nur lernen können, sondern lernen müssen, ist: Mit Widersprüchen zu leben, ja, im Widerspruch zu leben. Und der Widerspruch zwischen dem, was wir wahrnehmen und dem, was unser Wissen über die Auswirkung des neuen Corona-Virus uns an Einschränkungen aufnötigt, ist der, der jetzt alles bestimmt.

Grundsätzlich wehrt sich der Verstand gegen Widersprüche. Der Verstand will Widersprüche auflösen, will auf Fragen Antworten finden. Aber da gibt es nicht nur jene Fragen, auf die mit dem Zuwachs an Wissen und an technischen Möglichkeiten im Laufe der Zeit befriedigende Antworten gefunden werden. Der Verstand wird auch von solchen Fragen heimgesucht, die das Vermögen des Verstandes immer schon übersteigen. Mit diesen Fragen wird der Verstand immer gegen seine eigenen Grenzen donnern wie die Fliege gegen die Fensterscheibe. Das ist die menschliche Grundsituation, in die wir hineingeworfen sind. Es ist das, was Camus das Absurde nennt. Zugleich ist es etwas, das uns zumeist nicht sonderlich stört, und worüber wir uns am wenigsten Gedanken machen, so lange unser Alltag einigermaßen bequem funktioniert. Dass auch dieser Alltag, unser ganz normales Leben ständig von Widersprüchen durchzogen und geprägt ist, blenden wir gerne aus. Was menschlich ist, da will ich jetzt gar nicht den Zeigefinger heben.

Allerdings gibt es verschiedene Stadien zwischen Ausblenden und aktivem Leugnen. Als der Arzt Dr. Bernard Rieux am Morgen des 16. April im Treppenhaus über eine tote Ratte stolpert, schiebt er das Tier achtlos zur Seite. Der Hauswart dagegen ist empört: In „seinem“ Haus gibt es keine toten Ratten. Die drei toten Ratten am nächsten Tag müssen ein Bubenstreich sein. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Rieux ist angesichts der drei weiteren toten Ratten bereits beunruhigt. Er beginnt seine Hausbesuche gezielt in den Außenquartieren, wo seine ärmsten Patienten wohnen, zählt in einer Straße ein Dutzend tote Ratten und stellt fest, dass bereits das ganze Viertel davon spricht. Trotzdem beruhigt er seine kranke Frau bei ihrer Abreise ins Sanatorium noch: „Es ist merkwürdig, aber es wird vorbeigehen“ (1). Dem Untersuchungsrichter Othon, den er auf dem Bahnsteig trifft, und der ihn auf die Ratten anspricht, entgegnet er: „Das hat nichts zu bedeuten“ – während er zugleich im Vorübergehen einen Arbeiter wahrnimmt, der eine Kiste mit toten Ratten unter dem Arm trägt (2). Es ist ein seltsames Phänomen, alle Welt spricht darüber, aber man fühlt sich nicht bedroht.

Haben wir diese Phase bereits hinter uns? Seltsame gehäufte Krankheitsfälle sind im fernen China aufgetaucht – das waren noch die einzelnen Ratten auf der Treppe. Wurde mit einer gewissen Neugier betrachtet, hatte aber nichts zu bedeuten. Auch dann nicht, als es sehr schnell mehr werden und schon alle Welt darüber spricht. Merkwürdig, aber nicht so schlimm. Ein neues Virus, ja, aber immerhin nicht die Pest, nur eine neue Art Grippe; an die alte, die jedes Jahr tausende Todesopfer fordert, über die niemand redet, haben wir uns ja auch gewöhnt, und die ist schließlich viel schlimmer. Es wird vorbeigehen. – Ja, diese Phase haben wir hier bei uns und in den größten Teilen der westlichen Welt wohl hinter uns. Anderswo vielleicht noch nicht. Ein Video der Deutschen Welle zeigt eine Patrouille der Ural-Kosaken in Russland, die nicht nur Atemschutzmasken verteilen, sondern zur Bekämpfung des Virus auch Weihwasser, Honig, Knoblauch und Himbeermarmelade empfehlen. Aber die Leugner vom Schlage des Hauswarts Monsieur Michel gibt es zweifellos auch bei uns noch. Monsieur Michel wird übrigens der erste sein, der an der Pest stirbt.

Es gibt trotzdem keinen Anlass, sich über all jene, die das Ausmaß der Heimsuchung so lange nicht wahrhaben wollten, zu erheben. Denn auch jetzt wird man „ohne weiteres zugeben, dass unsere Mitbürger in keiner Weise auf die Ereignisse vorbereitet waren, die sich im Frühling dieses Jahres abspielten.“ (3) Camus machte die algerische Hafenstadt Oran zum Schauplatz seiner Geschichte, vielleicht, weil er die Heimatstadt seiner Frau nie mochte und sich dort nie wohl gefühlt hat, vor allem aber, weil es eine so ganz und gar gewöhnliche Stadt ist. Eine nüchterne, ziemlich hässliche Stadt, wo die Menschen viel arbeiten, aber nur um reich zu werden, wo die Bewohner sich hauptsächlich mit Handel und dem, was sie Geschäfte machen befassen und das Vergnügen vernünftiger Weise auf das Wochenende verlegen (4). So what?

Man wird zweifellos entgegnen, dass unsere Stadt darin keine Ausnahme bildet und dass eigentlich alle Zeitgenossen so sind. Gewiss erscheint es einem heute nur natürlich, wenn die Leute von morgens bis abends arbeiten und dann die Zeit, die ihnen zum Leben bleibt, beim Kartenspiel, im Café und mit Geschwätz vertun.“ (5)

Und schließlich, ganz gleich wie öde einem das mit dem Blick von außen auch erscheinen mag: „Sobald man Gewohnheiten angenommen hat, verbringt man seine Tage mühelos. Da unsere Stadt die Gewohnheiten besonders unterstützt, ist nur zu sagen, dass alles zum besten bestellt ist“ (3).

Ja, aber wie, wenn all diese Gewohnheiten mit einem Schlag durcheinander gewirbelt werden? Wenn sie keinen Halt mehr bieten und das gerade noch Selbstverständliche sich nicht mehr von selber versteht? Davon kann wohl gerade jeder sein ganz eigenes Lied singen. So viele verschiedene Geschichten, wie es Menschen gibt. Mit vielen sich ähnelnden Erfahrungen und doch für jeden anders. Der eine hat mit der sozialen Isolation zu kämpfen, die andere damit, in ungewohntem Maße der eigenen Familie ausgesetzt zu sein. Für den einen mag es schon eine umstürzende Erfahrung sein, dass er zum ersten Mal vor einem leeren Supermarktregal steht und er sein dreilagiges Klopapier nicht mehr kriegt, die andere ist mit wirtschaftlichem Zusammenbruch, Erkrankung oder gar dem Tod konfrontiert. Aber machen wir uns nichts vor: Auch vor einem leeren Supermarktregal kann einen das Absurde anspringen wie an jeder beliebigen Straßenecke.

Aber so verschieden auch immer, so unterschiedlich hart auch immer es den einzelnen treffen wird – die pure Tatsache, dass dieses Virus sich gerade über den kompletten Erdball ausbreitet und in den Alltag jedes einzelnen eingreift, ist etwas, das uns alle verbindet. Seien wir doch neugierig: Wie gehst du damit um? Was macht das mit dir? Wie kommst du klar? Offenheit, Interesse, Anteilnahme, wo wir sonst aneinander vorbeileben – vielleicht können wir in der erzwungenen physischen Distanz ja eine Menge über soziale Nähe lernen. Aber ich wollte nicht predigen (wird mir wahrscheinlich noch öfter passieren). Das Thema der Predigt ist Pater Paneloux vorbehalten, aber da bin ich noch nicht. Wie gesagt, ich hab‘ ja ganz vorne angefangen, Die Pest nochmal zu lesen – und heute bin ich nur bis Seite 10 gekommen. In diesem Sinne: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 9. (2) a.a.O., S. 10; (3) a.a.O., S. 7; (4) a.a.O., S. 5; (5) a.a.O., S. 6;

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