Zwei Menschen in der Revolte: Rirette Maitrejean und Jean Ziegler

Gleich noch ein kleiner Nachschlag zu den Camus-Terminen, weil diese beiden zwar nicht zum vorangegangenen Bühnen-Überblick passten, es aber gleichwohl verdient haben, beachtet zu werden: Die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen zieht den Kreis um Camus bei den nächsten beiden Veranstaltungen etwas größer und stellt „zwei Menschen in der Revolte“ in den Mittelpunkt. Am kommenden Dienstag berichtet der bekannte Camus-Historiker Lou Marin (Übersetzer u.a. von Camus‘ Libertären Schriften) über eine Frau, die sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts für eine Anarchie ohne Gewalt und Repressionen ausgesprochen hat: Rirette Maîtrejean. „In ihren Souvenirs d’anarchie wandte sie sich 1913 entschieden gegen die damals üblichen anarchistischen Attentate und Raubüberfälle und löste damit eine konfliktgeladene Diskussion innerhalb der anarchistischen Massenbewegung Frankreichs zu Beginn des ersten Weltkrieges aus. Bereits in den 1920er Jahren stellte sie sich gegen den Staatsterror der jungen Sowjetunion“, heißt es in der Ankündigung. Später sei sie mehrfach Albert Camus begegnet und habe einen starken Einfluss auf sein Denken ausgeübt, wie es sich z.B. in seinem Essay Der Mensch in der Revolte oder dem Drama Die Gerechten zeige, berichtet Lou Marin.

Lou Marin: „Die Anarchie der Rirette Maîtrejean“
Dienstag, 23. Mai 2017, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25 a in Aachen.

Am Dienstag, 30. Mai, zeigt die Albert-Camus-Gesellschaft in Kooperation mit dem Apollo-Kino in Aachen den Dokumentar-Film Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens mit anschließender Diskussion. Jean Ziegler, eher durch Begegnungen mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Che Guevara beeinflusst, zeigt als Humanist, Mensch der klaren Worte und UNO-Diplomat dennoch viele Parallelen zum Denken und Handeln Camus‘.

Kino im Dialog: „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“
Dienstag, 30. Mai 2017, 20.15 Uhr, Apollo Kino, Pontstraße 141-149, Aachen


Verwandte Beiträge: 
Freiheit um der Freiheit willen – Eine Begegnung mit Lou Marin

 

Veröffentlicht unter Vorträge/Tagungen/Lesungen | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Auf den Bühnen: Camus vor der Sommerpause

Zweimal Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung: Links an den Kammerspielen München (©Foto: Judith Buss), rechts am Theater Neumarkt in Zürich (mit Mona Hala, Özgür Karadeniz ©Foto: Judith Schlosser).

Nur noch wenige Wochen, bis die Theater in die Sommerpause gehen – da lassen sich die letzten Camus-Termine der Saison schon ganz gut überblicken. Im Vergleich zum April mit der sensationellen Zahl von 13 deutschsprachigen Bühnen, auf denen „Camus“ gespielt wird, ist es zwar deutlich weniger geworden, aber es gibt immer noch einiges zu sehen (die Bühnenadaption von Kamel Daouds Roman Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung habe ich dabei wie immer großzügig einbezogen, denn auch den gäbe es schließlich nicht ohne Camus). Zum ersten Mal taucht übrigens Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit in der Liste auf, kein „Stück“ im eigentlich Sinne sondern eine szenische Lesung in einem eher kleinen Züricher Atelier wie mir scheint, und für mich ein interessantes Zeichen, dass  die Beschäftigung mit Camus sich auch auf seine weniger populären Schriften ausweitet.

Ich selbst bekomme leider viel zu wenig „live“ davon mit, und es tut mir immer ein bisschen weh, hier so oft nur Ankündigungen schreiben zu können. Aber da „Camus-Bloggerin“ bedauerlicher Weise keine Existenzgrundlage sondern nur ein schönes Hobby ist, fehlt mir leider die Gelegenheit, für Camus quer durch die Lande zu den Aufführungen zu fahren. Niemand hier unter den Blog-Leserinnen und -Lesern, der etwas davon gesehen hat? Das würde mich wundern… Deshalb heute die herzliche Aufforderung: Trauen Sie sich doch und berichten hier im Kommentar davon! Eine professionelle Kritik ist gar nicht gefragt (dafür gibt’s ja die Kollegen von den Tageszeitungen und Magazinen, die das schon erledigt haben), sondern nur ein kurzer persönlicher Eindruck. Ich würde mich freuen! In diesem Sinne: Allen einen schönen Sonntag und bon courage!

Termine bis Juli 2017:

Caligula (Bjšörn Meyer) am Schauspiel Frankfurt. ©Foto: Birgit Hupfeld

 

 

 

Caligula, Schauspiel Frankfurt. Regie: Dennis Krauss (Premiere: 23. März 2017): 25. Mai, 21. und 22. Juni

 

Das Missverständnis, Figurentheater Ravensburg e.V. (Premiere: 29. Oktober 2016): 8. Juli.

Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud, Münchner Kammerspiele, Regie: Amir Reza Koohestani (Premiere: 29. September 2016): 28. Mai, 13. Juni

Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud, Theater am Neumarkt, Zürich. Regie und Ausstattung: Ruud Gielens (Schweizer Erstaufführung. Premiere: 8. März 2017): 30. und 31. Mai, 27. Juni

Der Fremde, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin. Regie: Philipp Preuss (Premiere: 13. November 2016): 8. und 9. Juni, 5. und 6. Juli, Infos

Der Fremde, Euro Theater Bonn, Regie: Jan Steinbach (Premiere: 4. März 2010): 13. Juni (mehr Infos).

Der Fremde, Societaetstheater Dresden, Regie: Arne Retzlaff (Premiere: 22. April 2017): 2. und 3. Juni.

Die Gerechten, Euro-Theater Bonn, Regie: Jan Steinbach (Premiere: 12. Januar 2012): 12. Juni (mehr Infos). Im Blog

Die Gerechten, Oldenburgisches Staatstheater, Regie: Peter Hailer (Premiere: 25. Februar 2017): 18. Mai, 10. und 23. Juni.

Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit. Szenische Lesung mit Vincent Leittersdorf (Dramaturgie: Eva Tschui-Henžlová), Atelier Righini-Fries, Klosbachstrasse 150, Zürich: 10. Juni, 17 Uhr (Eintritt frei).

Verwandte Beiträge:
Rekordverdächtig: Camus auf zwölf deutschsprachigen Bühnen im April
Nachtrag zum April-Programm: Caligula am Schauspiel Frankfurt

Veröffentlicht unter Bühne/ Film/ Fernsehen | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Über die wahrhaftige Großzügigkeit – Das Zitat zum Sonntag

„Beinahe vollständige Genesung, ich erhoffe sogar eine vermehrte Kraft. Verstehe jetzt besser, was ich immer gewusst habe: Wer sein Leben hinschleppt und unter seiner Last zusammenbricht, kann niemandem helfen, gleichgültig, welche Pflichten er übernimmt. Wer sich beherrscht und das Leben beherrscht, kann der wahrhaft Großzügige sein und mühelos geben. Nichts erwarten und nichts fordern außer dieser Kraft zum Geben und zum Arbeiten.“

Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 281. Eintrag vom 3. Mai 1958.

Das Zitat zum Sonntag ist heute kein zufälliges, denn es knüpft direkt an das letzte, am 9. April veröffentlichte „Zufallszitat“ an. Camus hatte sich einmal mehr aus Depression und Schaffenskrise herausgearbeitet, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Ich widme dieses „Zitat zum Sonntag“ heute allen Menschen, denen es gerade an Kraft fehlt und wünsche Ihnen auf dem Weg zur Heilung eine rasche und vollständige Genesung!

 

Verwandter Beitrag: 
Auf dem Weg zur Heilung – Das Zufallszitat zum Sonntag (5)

Veröffentlicht unter Zitat des Tages | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Poeten, Rebellen, Verwandte im Geiste: „Singer, Songwriter & Poets“ von Oliver Jordan im Stadtmuseum Siegburg

Oliver Jordan und Bob Dylan bei der Eröffnung der Ausstellung „Singer, Songwriter & Poets“ im Stadtmuseum Siegburg. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Viel Zeit ist nicht gerade, trotz Wochenende, aber einen kleinen Ausflugstipp will ich doch noch rasch einstellen, bevor es zu spät ist. Die Ausstellung, um die es geht, endet nämlich bereits  in acht Tagen, am  7. Mai, und es wäre schade, sie zu verpassen. Die Rede ist von Oliver Jordans „Singers, Songwriters & Poets“ im Stadtmuseum Siegburg. 

Albert Camus mit Zigarette im Entrée zur Ausstellung von Oliver Jordan. Foto: akr

Wer hier mitliest kennt Oliver Jordans Porträtserie von Albert Camus ja bereits, und beim Betreten des Museums im Parterre blickt uns Camus auch sogleich entgegen. Das bleibt dann hier allerdings auch die einzige Camus-Begegnung – aber das ist in diesem Fall nicht so schlimm, denn dafür trifft man eine große Zahl anderer großartiger Persönlichkeiten, die die Welt mit ihrer Sprachkunst, ihrer Stimme und ihrer Musik bereichert haben bzw. dies immer noch tun. Der Reigen reicht von Richard Wagner bis Mick Jagger, von Friedrich Schiller bis Charles Bukowski, von Beckett bis Böll… Hermann Hesse ist dabei, Lord Byron und William Burroughs, Bob Marley, Prince und David Bowie, Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan und Leonard Cohen, der den Preis mindestens ebenso verdient gehabt hätte, und noch einige andere mehr, die es zu treffen lohnt.

Bekennende „Camus-Freundin“: Singer-Songwriter Patti Smith wie Oliver Jordan sie sieht. ©Oliver Jordan, Foto: akr

Was also ist das für eine illustre Gesellschaft? Weiterlesen

Veröffentlicht unter (Camus und die) Kunst | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Da war es nur noch eins…

Zurückgekehrt aus einem kleinen Osterurlaub (Allgäu, nicht Frankreich) sind drei Buchbestellungen aufgelaufen, die es zu verschicken gilt – und plötzlich ist der letzte Karton quasi leer… Nur ein einziges Exemplar von Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe wartet jetzt ziemlich einsam auf einen neuen Besitzer oder eine neue Besitzerin. Wer also hier mitliest und die ganze Zeit dachte „vielleicht will ich das auch mal lesen, irgendwann…“, der hat jetzt noch genau eine Chance, der erste der Spätentschlossenen zu sein… Vorerst jedenfalls, denn über eine zweite Auflage muss noch nachgedacht werden. Der Anblick des fast leeren letzten Kartons macht mich froh und ein wenig nostalgisch zugleich. So präsent ist mir noch der Augenblick, als ich die Bücher im Oktober 2013 erstmals auspackte und mich freute wie ein Kind zu Weihnachten (Es ist da, es ist da!), und so schnell ist die Zeit seither verflogen. Aber die Freude, dass das Buch auch ohne große Verlagsmaschinerie mit entsprechenden Vermarktungsmöglichkeiten den Weg zu seinen Leserinnen und Lesern gefunden hat, wiegt natürlich schwerer als das bisschen Wehmut. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ganz herzlich allen danken, die sich aufgemacht haben, mit mir gemeinsam den Denkweg von Camus nachzuvollziehen, ganz besonders aber allen, von denen ich so freundliche und zum Teil sehr persönliche Resonanz erfahren habe!

Wenn Sie informiert werden möchten, sollte das Buch wieder lieferbar sein, senden Sie bitte hier eine unverbindliche Vorbestellung. Kleiner Hinweis: Bei einer größeren Anzahl an Vormerkungen erhöht sich die Chance auf eine zweite Auflage. Vielen Dank!

 

Veröffentlicht unter Ohne Kategorie | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare

Camus am Karfreitag

Mit Camus im Allgäu: Pestfriedhof in Weissensee in der Nähe von Hopferau. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

„Auch der absurde Mensch hat seine Nächte von Gethsemane.“

 

Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos.  Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S.100.
Veröffentlicht unter Zitat des Tages | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Auf dem Weg zur Heilung – Das Zufallszitat zum Sonntag (5)

„Was die Gesellschaft angeht, zugeben, dass ich nichts von ihr erwarte. Dann wird jede Beteiligung zu einem Geschenk, das keinen Lohn erhofft. Lob oder Tadel werden dann zu dem, was sie sind: nichts. Schließlich Abkehr von der Herde. 
Die abgenutzte Moral der abstrakten Gerechtigkeit abschaffen.
An der Wirklichkeit der Menschen und der Dinge festhalten. Sooft wie möglich zum persönlichen Glück zurückkehren. Sich nicht weigern, das Wahre anzuerkennen, auch wenn das Wahre sich zufällig dem Wünschenswerten widersetzt. Bspl: Zugeben, dass auch die Kraft, vor allem die Kraft überzeugt. Die Wahrheit lohnt jede Qual. Sie allein ist die Grundlage der Freude, die dieses Bemühen krönen soll.
Die Energie wiederfinden – in der Mitte.
Die Notwendigkeit von Feinden zugeben. Lieben, dass es sie gibt.

Soviel Kraft wie möglich wiederfinden, nicht um zu beherrschen, sondern um zu geben.“¹

Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Eintrag vom April 1958. Camus steckte mitten in einer schweren Krise. Schaffenskrise, Energiekrise, Depressionen, Angstgefühle. Im Tagebuch, das im Gegensatz zu den früheren Arbeitscarnets mit der Zeit persönlicher geworden ist, notiert er „Etappen einer Heilung“ – Verhaltensmaßregeln für sich selbst. Das Zitat ist ein Auszug aus diesem längeren Eintrag. Ich nehme heute daraus noch ein weiteres Detail mit: „Den Willen schlafen lassen. Kein «ich muss» mehr.“²

In diesem Sinne: Allen Blogleserinnen und Camus-Freunden einen schönen Sonntag!

¹Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S.280f. ² a.a.O., S. 279.

 

„Zufallszitat zum Sonntag“ – Die Spielregel: blind ins Regal greifen, Buch aufschlagen, mit dem Finger über der Seite kreisen, landen, fertig.

Veröffentlicht unter Leben und Werk, Zitat des Tages | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare