Auf „Spurensuche nach Jean Grenier“ – Albert Camus erinnert sich…

Der nächste Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen widmet sich dem Verhältnis von Albert Camus zu seinem philosophischen Lehrer Jean Grenier.

Häufigere Blog-Pausen bedeuten ja nicht, dass mir gerade die Camus-Themen ausgehen würden… Eher im Gegenteil: Die Themen auf der Liste bräuchten einfach mehr Zeit, als der Alltag meist übrig lässt. Und so gibt es eine ganze Reihe von Themen, die hier im Blog der Bearbeitung harren…

Eines davon ist ganz sicher das Verhältnis von Albert Camus zu seinem Philosophie-Lehrer und Mentor Jean Grenier, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Greniers Essays Die Inseln machten den jungen Camus „trunken“, wie er selbst später in einem Vorwort zu den Essays schrieb, und befeuerten nachhaltig seinen eigenen Wunsch, Schriftsteller zu werden.

“Zu der Zeit, als ich die Inseln entdeckte, wollte ich zu schreiben beginnen, so glaubte ich jedenfalls. Wirklich entschieden haben ich mich erst dafür, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte.” ¹             

Entsprechend habe ich Die Inseln einst mit großer Erwartung zu lesen begonnen – und war ziemlich verwirrt darüber, dass ich Camus‘ Begeisterung so gar nicht teilen konnte. Vor einiger Zeit nahm ich einen zweiten Anlauf, dachte, es würde bestimmt helfen Die Inseln am Meer zu lesen und packte das Buch in den Urlaubskoffer – aber die erhoffte Inspiration blieb erneut aus, und ich blieb die Besprechung im Blog schuldig. Vielleicht muss ich einen dritten Anlauf nehmen…

… oder morgen nach Aachen fahren, denn dann begibt sich Günter Sydow beim offenen Jour fixe der Albert-Camus-Gesellschaft auf „Spurensuche nach Jean Grenier“.  “Welche Wirkung, welche Bedeutung hatte dieser Jean Grenier vor allem für den jungen Camus? Was war er – Lehrer, Vorbild, Berater, Freund, Wegbereiter, literarische Instanz, Vordenker, gar ein Denkmal?“ Diesen Fragen ist Günter Sydow nachgegangen und wird davon berichten. Kommen Sie mit auf die Spurensuche eines Lesenden – mit kurzen Texten und Zitaten will ich versuchen, das besondere Verhältnis dieser beiden Schriftsteller auszuleuchten,“ lädt Günter Sydow alle Interessierten ein.

Termin:
Dienstag, 8. Mai, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen (Eintritt frei).

Und hier zur Einstimmung noch ein kostbares kleines Fundstück aus dem Netz: Albert Camus spricht über seine Erinnerungen an Jean Grenier. 

Jean Grenier
wird 1898 in Paris geboren und wächst in Saint-Brieuc in der Bretagne auf. Von 1930 bis 1938 ist er als Lehrer in Algier tätig. Nach Lehraufträgen an Universitäten in Alexandria, Kairo und Lille wird Grenier 1962 an die Pariser Sorbonne berufen, wo er bis 1968 den Lehrstuhl für Ästhetik innehat. 1971 stirbt Grenier in Dreux-Venouillet, Eure-et-Loir. Camus kommt im Oktober 1931 zu Jean Grenier in die Philosophieklasse, als er nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit aufs Lycée zurückkehrt. Nachdem Grenier die Agrégation für die Universität erworben hat, übernimmt er im letzten Jahr von Camus an der Uni einen Kurs in allgemeiner Philosophie.²

¹ Albert Camus im Vorwort zu Jean Grenier: Die Inseln, Karl Alber Verlag 2015, S. 16. ²vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 46f.

 

 

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Bedenkenswertes von Camus zum heutigen „Tag der Erde“

Diesen Blick kannte auch Camus: vom Chateau de Lourmarin aus über einen Olivenhain hinweg auf die Hügel des Luberon. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Während die Werke des Menschen nach und nach die unendlichen Weiten unter sich begraben haben, in denen die Welt schlummerte, und zwar in solchem Ausmaß, dass sogar die Vorstellung der unberührten Natur heute dem Mythos des Gartens Eden angehört (es gibt keine Inseln mehr), indem er die Wüsten bevölkerte, jeden Streifen Strand in Grundstücke aufteilte, sogar den Himmel mit groben Flugzeugstrichen schraffierte und nur jene Gegenden schonte, wo der Mensch eben nicht leben kann, hat gleichermaßen und zur gleichen Zeit (und deswegen) das Geschichtsgefühl nach und nach das Naturgefühl im Herzen der Menschen unter sich begraben und dabei dem Schöpfer entzogen, was ihm bis dahin zukam, um es dem Geschöpf zurückzugeben, und dies alles in einer so mächtigen und unaufhaltsamen Bewegung, dass wir den Tag voraussehen können, an dem die stille Schöpfung der Natur restlos durch die scheußliche aufdringliche Schöpfung des Menschen verdrängt sein wird, die vom Geschrei der Revolution und Kriege dröhnt, vom Lärm der Fabriken und der Eisenbahn, unwiderruflich schließlich und siegreich im Ablauf der Geschichte; und dann hat sie ihre Aufgabe auf dieser Erde erfüllt, die vielleicht darin bestand, zu demonstrieren, dass alles noch so Großartige und Erstaunliche, was sie in Jahrtausenden zu vollbringen vermochte, nicht soviel wert war, wie der flüchtige Duft der Heckenrose, das Tal der Olivenbäume, der Lieblingshund.” (1) 

Da mein Bericht über den Vortrag von Prof. Heinz Robert Schlette zu Albert Camus und die Juden noch ein bisschen Zeit braucht und ich gerade bemerkte, dass heute wieder der jährliche „Tag der Erde“ begangen wird, habe ich einfach mal wieder dieses wunderbare Zitat herausgesucht. Kann man sich ja gar nicht oft genug ins Gedächtnis rufen! Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden noch einen schönen Sonntag – auf dass wir alle jeden Tag etwas für unsere Erde tun, nicht nur am „Tag der Erde“.

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 230. Eintrag von 1947.
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„Albert Camus und die Juden“ – Vortrag von Heinz Robert Schlette bei Böttger in Bonn am 19. April

Heute habe ich eine zwar kurze aber sehr erfreuliche Meldung: Es gibt einen neuen Termin für den Vortrag von Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette zum Thema „Albert Camus und die Juden“ in der Buchhandlung Böttger im Bonn, der am 1. März krankheitsbedingt ausfallen musste. Mehr Inhaltliches dazu steht bereits in meiner ersten Ankündigung des Vortrags vom 16. Februar. Bleibt bis dahin nur Daumendrücken, dass der Frühling am Rhein auch den letzten fiesen Grippeviren den Garaus gemacht hat und wir uns auf ein gesundes Wiedersehen und einen ganz zweifellos anregenden Abend mit dem großen Camus-Kenner freuen dürfen!

Der neue Termin ist der 19. April um 20 Uhr. Ort: Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Str. 41, Bonn. Die Buchhandlung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Mehr Infos hier.

* * *

Bereits am heutigen Dienstag, 10. April, findet wieder der monatliche Jour Fixe der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen statt. Thema ist dieses Mal der Roman Meursault – Eine Gegendarstellung des algerischen Autors Kamel Daoud. Bernhard Ulbrich gibt eine Einführung.

Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, fragt dazu: „Aber bedurfte es tatsächlich einer Gegendarstellung? Albert Camus hatte nicht die Intention gehabt, einen Gesellschaftsroman zu schreiben, der das teils schwierige Miteinander der französischen Kolonialisten mit den alteingesessenen Arabern in Algerien beschreiben sollte. Camus wollte schlicht einen Roman über sein Thema der Absurdität schreiben. Und den Vorwurf, die arabische Bevölkerung Algeriens hätte ihn wenig interessiert, kann man ihm, wenn man seine Biographie, seine journalistischen Schriften und sein politisches Engagement kennt, sicherlich nicht machen. Doch bei allen Bedenken, das Buch von Kamel Daoud ist von vielen Kritikern gelobt worden. Es entführt in die Welt der Arabischen Bevölkerung im Algerien des 20. Jahrhunderts und ist demnach mehr als nur ein Portrait Moussas. Literarisch gesehen könnte man den Roman vielleicht als Seitenarm zu Der Fremde ansehen. Viele Autoren haben sich bereits, mehr oder weniger gelungen, von Camus Romanen anregen lassen, dieser scheint, wenn man den Rezensenten glauben darf, geglückt sein.“

Der Gesprächskreis ist wie immer offen für alle Interessierten. Termin: Heute, 10. April 2018, 20 Uhr im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen.

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Viel Wahn und wenig Sinn – Camus‘ Caligula am Düsseldorfer Schauspiel

Regisseur Sebastian Baumgarten überschreibt seine Caligula-Inszenierung in Düsseldorf als „Auseinandersetzung mit Albert Camus“. Der droht im Jahrmarktbudenzauber allerdings unterzugehen.


Szenenbild mit (v.l.): Jonas Friedrich Leonhardi (Scipio), André Kaczmarczyk (Caligula), Yohanna Schwertfeger(Caesonia). Foto: Sandra Then

Ach herrje. Was tut mir sowas immer leid: Da sind mehr als ein halbes Dutzend Menschen, die spielen sich zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib, entblößen sich, geben sich preis; da sind andere, die sich die dollsten Gedanken gemacht, gelesen, diskutiert, probiert haben – und ich gehe nach der Premiere aus dem Theater und denke: – – – je, nun. Ja, doch, waren ein paar interessante Stellen drin. Aber im Großen und Ganzen: nee, also nicht wirklich. Gelungen ist anders. Überzeugend ist anders. Und vor allem, das Schlimmste: Berührend ist anders. Da wird auf der Bühne gelitten, gemordet, geliebt, gedemütigt, geschrien, gespielt, geheult – und es bringt nichts in mir in Bewegung, außer der Anerkennung für die schauspielerische Leistung. Keine Furcht, kein Mitleid, keine Katharsis und auch nicht wenigstens ein bisschen das Gequältsein von den offenen Fragen, mit denen uns Camus entlässt – nichts davon in dieser Tragödie der Erkenntnis, als die Camus sein Stück angelegt hat.

Liegt es vielleicht am Stück selbst? Das hat man dem Autor oft vorgeworfen. Allzu ideenlastig seien seine Stücke; da wird endlos dialogisiert und monologisiert und dabei das ganz große Fass aufgemacht von wegen Absurdität und Gott und Revolte und Wasnichtalles, da muss man als Regisseur erstmal dafür sorgen, dass überhaupt irgendwas passiert auf der Bühne und nicht nur geredet wird. Regisseur Sebastian Baumgarten sorgt dafür, dass auf der Bühne im Düsseldorfer Schauspiel-Central jede Menge passiert, und Bühnenbildnerin Barbara Steiner sorgt dafür, dass man jede Menge zu gucken hat, und dann werden noch Leinwände rauf und runter gefahren, auf die Videos projiziert werden (Hannah Dörr) und es gibt nahezu durchgängige (Live-)Musik (Stefan Schneider, gespielt von Jovan Stojsin). Die Bühne ist mit historisierenden bunten Jahrmarktsbuden umstellt, vorne links eine, die gelegentlich wie ein Schattentheater bespielt wird oder deren Vorhang als Projektionsfläche dient, es gibt einen riesigen Trichter, aus dem es manchmal dröhnt und der manchmal als Spielfläche dient, es gibt eine pinkfarbene Showtreppe, und die Bühnenmitte ist eine riesige quietschrosa Luftmatratzenspielwiese, auf der man herumspringen und Purzelbäume schlagen kann, und der später die Luft ausgeht.

Jede Menge Action also, und dazu passt dann auch, dass Scipio mahnend zu Caligula sagt: „aber es gibt doch the religion, the art, the love!“, und dass Caligula Scipio lässig „Skip“ nennt. Es passt sogar dazu, dass Caesonia eine doofe Göre ist, die gelangweilt am Lutscher leckt, während Caligula mal wieder ein paar Köpfe rollen lässt oder sich sonstige Grausamkeiten ausdenkt und kraft seiner unbeschränkten Macht sogleich Wirklichkeit werden lässt. Was nicht dazu passt sind die weisen Sätze, die Camus Caesonia in den Mund gelegt hat: „In meinem Alter weiß man, dass das Leben nicht gut ist. Aber wenn das Böse schon auf der Erde ist, warum dann noch dazu beitragen wollen?“ oder „Gebrauche deine Macht, um das, was noch geliebt werden kann, inniger zu lieben. Auch das Mögliche verdient, dass ihm seine Möglichkeiten gewährt werden.“ Nein, solche Sätze nimmt man dieser Caesonia schlicht nicht ab, sie gehen unter, wie so vieles von dem, was Camus uns sagt, untergeht in diesem bunten Spektakel. Caesonia ist nicht nur die ältere Geliebte Caligulas, sie ist neben Scipio in diesem Stück die Stimme der Liebe selbst, die weiß, dass sie recht hat und zugleich weiß, dass sie nichts auszurichten vermag; die weiß, dass sie recht hat und sich dennoch dem Unrecht und der Willkür Caligulas unterwirft und einwilligt in sein mörderisches Tun, weil ihre Liebe ohne Maß ist – was für eine Zerrissenheit, was für eine Verzweiflung in dieser Figur… Allein diese Caesonia da auf der Bühne (Yohanna Schwertfeger) scheint davon nichts zu wissen, und als sie am Ende zuckend und noch ein bisschen mit den goldenen Stiefelettchen strampelnd unter Caligulas würgenden Händen stirbt, ist es mir auch egal.

Caligula (André Kaczmarczyk) und Caesonia (Yohanna Schwertfeger) auf der Luftmatratzenspielwiese. Foto: Sandra Then

Leider ist das das Problem sämtlicher Figuren auf der Bühne: Es mangelt ihnen an Zwischentönen, sie haben keine Fallhöhe. Die Patrizier und Senatoren toben von Anfang an wie ein paar Spaßvögel in ihren lächerlichen Leinenkleidchen, in die sie Caligula vielleicht irgendwann zwecks Demütigung stecken würde, über die rosa Luftmatte – dass der Herrscher sie später zwingen wird, sich auch dieser noch zu entledigen und sie in Unterhose und Strümpfen dastehen lässt, macht da nicht mehr viel aus. Keine dieser Figuren scheint je erfahren zu haben, dass Verzweiflung und Trauer und sogar Wut sich auch (oder gerade) in leisen Tönen äußern können; nicht einmal Scipio (Jonas Friedrich Leonhardi), der der wahre Gegenspieler von Caligula ist, weil er ihn liebt und ihm die Stirn bietet.

Man hätte Scipio im von Caligula ausgerufenen Dichterwettstreit nicht erst Celans Todesfuge rezitieren lassen müssen, um deutlich zu machen, wie himmelhoch er den anderen überlegen ist – es hätte eigentlich genügt, hinzuhören, was Camus uns durch ihn zu sagen hat. Um dem das Gewicht zu verleihen, das ihm zukommt, hätte man ihn aber auch am Leben lassen und seinen Weg gehen lassen müssen, wie von Camus vorgesehen. Hier aber entscheidet sich die Regie lieber für den Knalleffekt, dass Scipio sich mit dem Revolver, den er zunächst auf Caligula richtet, selbst erschießt.

Knalleffekt, Tempo, Action, Slapstick, das zieht sich durch. Wie soll man da genau hinhören und darauf kommen, dass jede einzelne Figur in diesem Drama eine eigene Position markiert und uns mit einer anderen Antwort auf die Frage herausfordert, wie man sich am besten durch dieses verdammte absurde Leben schlägt. Schwann drüber, müssen wir hier nicht durchexerzieren.

Aber Caligula – zu Caligula muss man natürlich was sagen. André Kaczmarczyk, der junge Star des Düsseldorfer Ensembles, der dort fast jeden Tag in einer anderen großen Rolle auf der Bühne steht, darf seiner Figur immerhin ein paar mehr Facetten abringen als seine Kollegen den ihren. Auch mal kühl und gleichgültig sein in seinem Wahn. Meistens aber ist er wunderbar irre, exaltiert, sprunghaft, eben so herrlich durchgeknallt, wie wir uns naiver Weise einen wahnsinnigen Tyrannen vorstellen. Und da er das von Beginn seines Erscheinens auf der Bühne an ist, lässt sich das nur noch durch verschiedene Maskeraden steigern, bis hin zum bleichgesichtigen, clownesken Tod selbst in den letzten Szenen.

Caligula, lehmbeschmiert (André Kaczmarczyk). Foto: Sandra Then

Das Problem ist nur: Camus’ Caligula ist gar nicht so ein schlichter wahnsinniger Tyrann, der seine Allmacht aus Lust an der Grausamkeit ausübt. Camus’ Caligula ist zunächst und vor allem der einzige, der die Erkenntnis, dass die Menschen sterben und nicht glücklich sind, und dass dem Leben kein tieferer Sinn innewohnt, in ihrer ganzen existenziellen Tragweite ermisst. Und der dagegen revoltiert, wie die Menschen sich gewöhnlich mit dieser Tatsache arrangieren und sich dennoch behaglich im Leben einrichten. „Dann ist eben alles um mich Lüge“, stellt er fest und entscheidet: „Ich aber will, dass in der Wahrheit gelebt wird!“ Also ernennt Caligula sich selbst zum Lehrer des Absurden, und nutzt seine Mittel, die Menschen zu zwingen, in der Wahrheit zu leben: In einer Welt nämlich, in der niemand seines Lebens sicher ist und der grausamste Gedanke jederzeit Wirklichkeit werden kann.

Genau das aber ist immer schon die menschliche Wirklichkeit. Es ist, auf der philosophischen Ebene, nichts anderes als die condition humaine. Und es ist, auf der politischen Ebene, menschliche Wirklichkeit seit undenklichen Zeiten. Mord, Vertreibung, Folter, Enteignung – alles an der Tagesordnung. „Wenn du rechnen könntest, wüsstest du, dass der kleinste, von einem vernünftigen Tyrannen geführte Krieg euch tausendmal teurer zu stehen käme als die Launen meiner Willkür“, sagt Caligula zu Scipio, und wer wollte dem widersprechen. Caligula bedient sich zur Begründung seiner Taten einer konsequent angewandten Logik. Er ist eben nicht „irre“ – er ist in all seinem Tun bei klarem Verstand. Und trotzdem muss uns die Art und Weise und das Ergebnis seiner „Lehre“ vollkommen wahnsinnig erscheinen. Würde die Regie diese Widersprüchlichkeit ernst nehmen und würde es ihr gelingen, die dafür nötigen Zwischentöne herauszuarbeiten, dann würden uns alle naselang selbst die passenden Bilder von mörderischem Krieg, Vertreibung, Enteignung, Folter, Vernichtung einfallen, die das Bühnengeschehen in unsere Gegenwart hinein fortsetzen, und die hier didaktisch einwandfrei mit den entsprechenden Titeln versehen auf die Leinwand gespielt werden.

Würde die Regie diesen Caligula hier nicht schon von Anfang an seinen vermeintlichen Wahnsinn auf so hohem Niveau zelebrieren lassen, dann würde vielleicht auch deutlich, was ihn am Ende tatsächlich irre werden lässt, irre werden lassen muss: Nämlich zu wissen, dass er in allem recht hatte und dennoch sein Weg der falsche war.

Allzu ideenlastig seien die Dramen von Camus, hat man ihm oft vorgeworfen. Zu wenig lebendig, zu wenig Handlung. Das mag stimmen oder auch nicht. Nur: Den philosophischen Ideengehalt mit einem bunten Actionpotpourri zuzuschütten wie in dieser Düsseldorfer Inszenierung anstatt ihm mit echten, lebendigen, fühlenden, liebenden, leidenden Menschen auf der Bühne Fleisch und Blut zu verleihen, kann auch nicht die Lösung sein.

Epilog:
Ich sagte ja schon: Mir tut sowas immer so leid. Und ich muss natürlich nachträglich in Rechnung stellen, dass ich für meinen Teil gar nicht mehr mit einem unbekümmerten, unvoreingenommenen Blick in einem Camus-Stück sitzen kann. Ein paar Jahrzehnte „Leben mit Camus“ kann man halt nicht mehr abschütteln. Der ganze Theaterabend ist übrigens mittels Einblendung zu Beginn überschrieben mit: „Caligula. Auseinandersetzung mit Albert Camus (1938). Düsseldorf 2018“. Auseinandersetzung also. Darf man halt auch nicht so eng sehen. Sehr gut möglich also, dass manch’ weniger Camus-vorbelastete Besucher*in das Theater gut gelaunt, bestens unterhalten und womöglich sogar zu eigenen Gedanken angeregt verlässt. Der zwar nicht enthusiastische aber doch sehr freundliche Premierenapplaus spricht durchaus dafür. Sollten Sie, die sie dies hier lesen, dazu gehören, berichten Sie doch davon in der Kommentarfunktion zu diesem Beitrag. Ich würde mich freuen!

Die nächsten Vorstellungen: 
29. März, 19.30 Uhr (Einführung 18.45 Uhr), 4. April, 19.30 Uhr, 15.4. (18 Uhr), 27.4., 5. und 28. Mai, 1. Juni (19.30 Uhr). Premiere war am 17. März.
Achtung: Gespielt wird aufgrund von Sanierungsmaßnahmen und einer Baustelle nicht im Düsseldorfer Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz sondern im Central, Worringer Straße 140, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Infos und Karten 

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„Sisyphos!“ – Premiere beim Prinzregenttheater Bochum

Der Schauspieler Linus Ebner (rechts) und der Musiker Martin Widyanata stehen bei der Performance „Sisyphos!“ im Prinzregenttheater Bochum gemeinsam auf der Bühne. Ankündigungsfoto: Prinzregenttheater

Ein später Nachtrag zum März-Programm: Beim Prinzregenttheater in Bochum, das mit seinem Jugendclub „Junge Prinze*ssinnen 15+“ aktuell schon den Caligula von Camus im Programm hat, steht am kommenden Samstag, 17. März, eine Premiere an. Zwar handelt es sich nicht um ein Camus-Stück im engeren Sinne, aber ohne ihn ist diese Sisyphos! genannte Produktion nun auch nicht denkbar. Es ist die erste eigene Inszenierung von Intendantin Romy Schmidt, die diese Spielzeit mit dem Motto Wahrheit und Pflicht überschrieben hat. Das Stück hat sie gemeinsam mit dem Team entwickelt. „Wir haben unseren eigenen Zugang zum Sisyphos-Stoff gewählt – mit den Themen, die uns interessieren“, sagt Schmidt in einem Interview.¹ „Mein persönlicher Schwerpunkt ist dabei der Komplex ‚Freiheit und Verantwortung‘. Verantwortung ist ohne Freiheit ja gar nicht möglich.“ Aber auch die Frage nach dem paradox erscheinenden „Glück des Sisyphos“ und die Sinnfrage angesichts der Absurdität überhaupt war ein Antrieb, wie die Ankündigung auf der Theaterseite nahelegt.

Camus‘ Essay Der Mythos des Sisyphos von 1942, aber auch die Ursprungserzählung von Homer, hat dabei als Inspirationsquelle gedient, auf deren Basis Schauspieler Linus Ebner zunächst improvisiert hat. Aber auch anhand von Hannah Arendt und Friedrich Nietzsche habe man sich mit dem Thema politischer Freiheit beschäftigt, sagt Romy Schmidt im Zeitungsinterview. Nach und nach ist aus der Improvisation ein Theatertext mit einer festgelegten Form entstanden. Eine besondere Rolle in der Inszenierung wird die Musik spielen: Der Musiker Martin Widyanata wird mit Linus Ebner gemeinsam auf der Bühne agieren, der Musik wird eine ähnlich hohe Bedeutung beigemessen wie dem Text.

Ob und wieviel „Camus“ letztendlich in der Produktion erkennbar sein wird und welche Form diese Inspiration schließlich gefunden haben wird, ist natürlich eine spannende Sache.

Nach Bochum ist es von Wuppertal nicht weit – ich hoffe, ich werde hier demnächst berichten können. In diesem Sinne sage ich einmal mehr: à bientôt!

 

Info:
Sisyphos!, Prinzregenttheater Bochum, Prinz-Regent-Str. 50-60. Premiere: 17. März 2018, 19.30 Uhr (ausverkauft). Weitere Vorstellungen: 18.3. (18 Uhr), 3.+4. April (19.30 Uhr), 12. und 13. Juni (19.30 Uhr). Karten hier

¹Lokalkompass.de ohne Datum
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Aus der Camus-Zitatschatzkiste – zum Weltfrauentag

„Männer wissen  nie, wie die Liebe sein muss. Nichts befriedigt sie. Sie vermögen nichts anderes, als zu träumen, neue Aufgaben zu ersinnen, neue Länder und neue Heimstätten zu suchen. Wir hingegen wissen, dass wir uns beeilen müssen zu lieben, dass es darauf ankommt, das gleiche Lager zu teilen, uns die Hand zu reichen, das Fernsein zu fürchten. Wer richtig liebt, hängt keinen Träumen nach.“¹

Das Zitat zum Weltfrauentag, kurz bevor er zu Ende geht, spricht heute Maria in Das Missverständnis.

Und: Jaaaaa – ich weiß, dass das mal wieder einseitig ist, und dass es nicht auf alle Männer und alle Frauen zutrifft. Und: Jaaa – ich kenne die kritischen weiblichen Stimmen, die Camus ein überkommenes, machohaftes Frauenbild vorwerfen (anderes Thema). Und: Ja – auch als Beziehungsratgeberweisheit taugt das Zitat nicht, denn für eine gesunde Lebenspartnerschaft ist es durchaus ratsam, auch mal Abstand voneinander zu nehmen, auch allein zurechtzukommen und nicht ständig das Fernsein zu fürchten.

Und trotzdem liebe ich diese Textstelle und die Figur in Camus‘ Werk, der er diese Worte in den Mund gelegt hat: Maria, die Frau von Jan in Das Missverständnis, die von Anfang an gegen sein „Versteckspiel“ eintritt, weil Lüge und Verstellung ihrer Meinung nach nie zu einem guten Ende führen können. Womit sie recht behalten wird, denn am Ende sind alle außer ihr und dem störrischen Knecht in diesem düsteren Stück tot. Während die ganze Geschichte durch Jans vermeintlich taktisches (männliches?) Vorgehen immer komplizierter wird und stracks auf die Katastrophe zusteuert, kämpft Maria um den Bestand ihrer Liebe. Und die Liebe ist in ihren Augen einfach: Sie kennt nur die Wahrhaftigkeit. „Du weißt genau, dass es nicht schwierig ist und dass ein Wort genügt hätte. In einem solchen Fall sagt man: «Ich bin’s», und alles ist klar“.²

Und es gibt in der Liebe nichts Wichtigeres als die Zeit, die man miteinander verbringen kann, nichts Kostbareres als die Gegenwart des Geliebten. Vielleicht haben wir niemals sonst ein so klares und eindeutiges Bewusstsein davon, wie wertvoll  jeder einzelne Augenblick ist und wie bedroht unsere ganze Existenz, wie wenn wir lieben. In dem Moment, wo der geliebte Mensch aus der Tür geht, weiß ich nicht, ob ich ihn wiedersehen werde, und das zerreißt mir das Herz. Aber so ist das Leben. Alles andere ist Ausflucht. Maria weiß das. Sie bleibt bei der Wahrheit. Manch ein(e) Interpret(in) oder Regisseur(in) mag in ihr die Naive sehen, die ihr Lebensglück einzig von ihrem Mann abhängig macht. Ich sehe sie als die wahrhaftigste Person in diesem Stück, an Radikalität der mordenden Martha ebenbürtig. Nur, dass Maria recht behält, während Marthas Weg nicht zum Glück führt sondern zu ihren Opfern auf den Grund eines trüben Flusses.

Camus ein Macho? Keine Ahnung, wie er im realen Umgang mit den Frauen war, die ihn geliebt haben. Sicher aber ist: Er ist es, der in seinen Stücken immer wieder die Frauen die klügsten Sätze sprechen lässt; Sätze, welche Wege weisen aus jenen Sackgassen, in denen die Männer noch mit den Köpfen gegen die Wand rennen.

Und eben deshalb ist dieses Zitat eine schöne Hommage von Camus an die Frauen zum heutigen Weltfrauentag, kurz bevor er zu Ende geht.

 

¹Albert Camus, Das Missverständnis, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 83f., ²a.a.O., S. 81. 

Verwandte Beiträge:
Zum Weltfrauentag: Eine kleine Hommage an Camus‘ Frauen
„Das Missverständnis“ in Wien – ein Theatererlebnis

Mehr lesen? -> Kapitel Das Missverständnis, in: Anne-Kathrin Reif: Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe, Djre-Verlag, Königswinter 2013, S. 277-305.

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Eilmeldung: Vortrag von Prof. Schlette am 1. März fällt aus

So gerne wie ich den Termin angekündigt habe, so leid tut mir jetzt die Absage: Die Grippewelle hat nun auch Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette erwischt, so dass dieser seinen Vortrag zum Thema Albert Camus und die Juden am 1. März in der Buchhandlung Böttger in Bonn absagen musste. Der Vortrag ist aber hoffentlich nur verschoben, und wir werden den neuen Termin hier natürlich ankündigen, sobald er feststeht. Vorerst wünschen Camus und ich Professor Schlette aber von Herzen schnelle und nachhaltige Genesung und schicken die allerherzlichsten Grüße nach Bonn!

 

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Prof. Schlette über „Albert Camus und die Juden“

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Camus im März: Caligula-Premiere in Düsseldorf und mehr

André Kaczmarczyk spielt Caligula am Düsseldorfer
Schauspielhaus. Foto: Thomas Rabsch

Die Vorschau auf das monatliche Programm der Bühnen, die Camus spielen, kommt für den März etwas früher, denn sonst droht die Gefahr, dass eh schon alles ausverkauft ist. Bei der Vorpremiere des Düsseldorfer Caligula am 14. März ist das nämlich schon der Fall. Für die Premiere am 17. März gibt es zurzeit noch Restkarten.

Die Inszenierung von Sebastian Baumgarten am Schauspielhaus Düsseldorf ist nach denen von Christoph Mehler am Hessischen Staatstheater in Darmstadt, von Antú Romero Nunes am Berliner Ensemble und dem Prinzregenttheater Bochum (Jugendclub) die vierte Caligula-Interpretation in dieser Saison an deutschen Bühnen. Das überrascht nicht, denn die Geschichte um den jungen römischen Kaiser, der (aus Sicht seiner Untertanen) unversehens beginnt, seine unbegrenzte Macht auf die perfideste Art und Weise auszuspielen, bietet eine willkommene Folie, um die ebenso zeitlose wie hoch aktuelle Problematik von politischer Macht und Machtmissbrauch zu thematisieren. Aus Sicht von Camus‘ Caligula geht es freilich gar nicht um ein Sich-Berauschen an der eigenen Machtfülle sondern um etwas ganz anderes: Um nichts weniger nämlich als die Wahrheit. Und die Wahrheit ist: „Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.“¹ Die Welt und unser Leben darin ist so, wie das Ganze eingerichtet ist, absurd. Caligula will seine Untertanen dazu zwingen, in dieser Wahrheit zu leben. Was aber bedeutet es unter diesen Vorzeichen, in der Wahrheit zu leben? Caligulas Machtausübung ist ein einziger großer Feldversuch, der dieser Frage mit unerbittlicher Logik nachgeht – und am Ende scheitert. Scheitern muss. Weil es für den Menschen nicht darum geht, die Widersprüche auszumerzen sondern gerade darum, mit ihnen zu leben.

Camus’ Caligula versteht sich als eine Art Pädagoge des Absurden. Er lebt ein grausames Experiment vor. Er meint zu demonstrieren, wie man frei sein und gleichzeitig ganz und gar konsequent, ja gar im Zeichen der Logik leben könne – und vor allem was es hieße, sich über die Götter mit ihren »blöden, unverständlichen Gesichtern« zu stellen,“ schreibt der Politologe Jan-Werner Müller in einem klugen Beitrag im Spielzeitheft und fragt: „Enthüllen die »starken Männer« unserer Tage irgendeine Wahrheit?“ Die Antwort lautet: Nein. „Sie verwandeln nicht Philosophie in Leichen; sie erteilen keine Lehren in Sachen Freiheit und Logik. Sie versuchen nur, ihre eigenen Realitäten zu schaffen.“²

Das ist nur einer der vielen Ankerpunkte, die das Stück für das Nachdenken über heutige Verhältnisse ebenso bietet wie für das Nachdenken über die zeitunabhängigen Bedingtheiten der condition humaine. An welchen Punkten eine Inszenierung von Camus‘ Caligula andockt, welche Akzente sie setzt und welche Bildsprache sie für diese Themen findet, ist natürlich stets die spannende Frage.

In Düsseldorf inszeniert Sebastian Baumgarten, „seit zwanzig Jahren einer der beständigsten und profiliertesten Theater- und Opernregisseure, dessen Arbeiten sich durch die Frischheit ihrer Ideen und eine hohe politische Bewusstheit auszeichnen“, wie es in der Ankündigung heißt. Die Titelrolle verkörpert der jüngst mit dem Publikumspreis »Gustaf« ausgezeichneten junge Schauspieler André Kaczmarczyk.

TERMINE
Premiere am 17. März, 19.30 Uhr, 19 Uhr Premiereneinführung mit dem Intendanten. Weitere Vorstellungen: 29. März, 19.30 Uhr (Einführung 18.45 Uhr), 4. April, 19.30 Uhr.
Achtung: Gespielt wird aufgrund von Sanierungsmaßnahmen und einer Baustelle nicht im Düsseldorfer Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz sondern im Central, Worringer Straße 140, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Infos und Karten 

 

Weitere Theatertermine im März

Caligula, Berliner Ensemble (BE), Inszenierung: Antú Romero Nunes (Premiere: 21. September 2017): 28.März.

CaligulaPrinzregenttheater Bochum, eine Inszenierung von Clara Nielebock mit den „Jungen Prinze*ssinnen 15+“ (Jugendclub des Theaters) (Premiere: 4. November 2017): 20. und 21. März. Infos

Das MissverständnisDeutschen Theater Berlin, Regie: Jürgen Kruse (Premiere: 3. Dezember 2017): 10. März.

Das Missverständnis, Figurentheater Ravensburg e.V., (Premiere: 29. Oktober 2016): 24. März (21. April).

Der FallEuro Theater Central in Kooperation mit der Tanzkompanie bo komplex, (Premiere: 14. September 2017): 12. und 13. März.

Der Fremde, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin. Regie: Philipp Preuss (Premiere: 13. November 2016): 7. und 8. März. Infos

Der Fremde, Societaetstheater Dresden, Regie: Arne Retzlaff (Premiere: 22. April 2017): 1. März.

Die Gerechten, Staatsschauspiel Hannover, Regie: Alexander Eisenach (Premiere: 23. Februar 2017): 11. März.

Die Gerechten, Hessisches Landestheater Marburg, Regie: Marc Becker (Premiere: 27. Januar 2018): 3. und 6. März.

Die Gerechten, Oldenburgisches Staatstheater, Regie: Peter Hailer (Premiere: 25. Februar 2017): 10., 15. und 23. März.

 

¹Albert Camus, Caligula, in: Dramen. Aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1962, S. 21. ² Link zum Beitrag auf der Webseite des Schauspielhauses Düsseldorf.

 

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Heinz Robert Schlette über „Albert Camus und die Juden“

Heinz Robert Schlette beim Vortrag in
der Buchhandlung Böttger, Bonn, 2014.
©Foto: akr

Es ist mir eine besondere Freude, diesen Termin anzuzeigen: In Kürze gibt es die leider selten gewordene Gelegenheit, den Nestor der deutschen Camus-Forschung Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette bei einem Vortrag zu erleben. Er kommt am 1. März in die Buchhandlung Böttger in Bonn und bringt ein Thema mit, das bislang in der Camus-Forschung gänzlich unbeachtet und unbeackert geblieben ist: „Albert Camus und die Juden.“

Das ist spannend gerade deshalb, weil sich dieses Thema zunächst nicht unbedingt aufdrängt. Die Hauptwerke von Camus geben dazu nichts her (sag‘ ich jetzt mal so aus meiner Perspektive, aber vielleicht werden wir ja auch dazu Neues erfahren). Oder kann man diese Nicht-Thematisierung etwa bereits schon als Ausdruck einer Haltung werten? Camus habe zu Auschwitz keine Stellung bezogen, kann man gelegentlich lesen. Camus‘ „Begeisterung für den «Wein des Absurden» und das «Brot der Gleichgültigkeit»“ sei bei Erscheinen des Sisyphos 1942 im besetzten Paris „völlig unangebracht“ gewesen, schreibt z.B. Iris Radisch, und weiter: „Während Camus 1941 den letzten Satz über das Glück des Sisyphos, der sein absurdes Schicksal glücklich erträgt, zu Papier brachte, wurden in Auschwitz die ersten Vergasungen durchgeführt und das spätere Vernichtungslager Birkenau errichtet.“¹ Und auch in der Feststellung, Camus habe bei der Erstveröffentlichung seines Mythos des Sisyphos 1942 bei Gallimard in Paris unter deutscher Besatzung auf das darin enthaltene Kapitel über den Juden Franz Kafka verzichtet, damit sein Essay über das Absurde überhaupt erscheinen konnte, schwingt schnell ein unausgesprochener Vorwurf mit.

Doch wissen wir auch von Camus‘ Kenntnis und Sympathie für die Widerstandsbewegung im Örtchen Le Chambon im französischen Hochland, wo mutige Bewohner jüdische Mitbürger versteckten und vor Verfolgung und Vernichtung retteten. Camus hatte sich dort krankheitsbedingt 1942/43 mehrere Monate aufgehalten und u.a. an seinem Roman Die Pest gearbeitet. Möglich, dass der Arzt Roger Le Forestier, Kopf der Widerstandsbewegung in Le Chambon und behandelnder Arzt von Camus, sogar Vorbild für seinen Dr. Rieux in La Peste wurde (Klaus Stoevesandt, der sich auf die Spuren dieser Geschichte begeben hat, hat davon bereits hier im Blog berichtet, s.u.). Und wir wissen auch von seiner Bewunderung für die jüdische Philosophin Simone Weil – wozu wir vielleicht auch einiges von Heinz Robert Schlette erfahren können, ist der doppel-promovierte Philosoph und Theologe doch ein exzellenter Kenner nicht nur von Camus sondern auch von Simone Weil (u.a. Hg. von Simone Weil: Philosophie – Religion – Politik, Frankfurt/Main 1985).

Auf jeden Fall darf man sehr gespannt sein, was Heinz Robert Schlette zu diesem gesamten Themenkomplex zu Tage gefördert hat, und wie er dieses Feld vor dem Hintergrund seiner reichen und genauen Camus-Kenntnis bewertet. Ich freue mich bereits auf das Wiedersehen in Bonn und sage einmal mehr: à bientôt!

Termin: 
Donnerstag, 1. März, 20 Uhr, in der Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Str. 41, Bonn. Die Buchhandlung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Mehr Infos hier.

Zur Person:
Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, 1931 in Wesel geboren, promovierte in den Fächern Philosophie und Katholische Theologie. Von 1962 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Heinz Robert Schlette ist der Doyen der deutschen Camus-Forschung. Seine beeindruckende Liste an Veröffentlichungen umfasst darüber hinaus jedoch auch zahlreiche weitere Themen aus Philosophie, Theologie, Politik und Kultur. Zuletzt erschien von ihm 2014 Existenz im Zwielicht. Notierungen in philosophischer Absicht (1965 – 1999). Mehr dazu und eine Liste seiner Veröffentlichungen zu Camus gibt es im Blog hier: 84 Jahre Existenz im Zwielicht – Joyeux anniversaire Professor Heinz Robert Schlette

Weitere verwandte Beiträge:
„Albert Camus, philosophisch“ – Heinz Robert Schlette im Gespräch
„Philosophie als Lebensgefühl“ – Camus im Radio (und in der Deutschen Bahn)
Albert Camus, Albert Schweitzer und Roger Le Forestier – oder wie aus einer Randbemerkung eine lange Geschichte wird
Auf den Spuren des „echten“ Dr. Rieux in Le Chambon

¹Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2013, S. 160.

 

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Nochmal in eigener Sache: Ein später Dank an meine Leser*

Du liebe Zeit, das war jetzt aber mal wieder eine Fleißarbeit! Ein paar Abende habe ich mich damit beschäftigt, die Blog-Optik zu restaurieren. Mit großem Schrecken hatte ich nämlich festgestellt, dass das jüngste WordPress-Update einiges durcheinander gebracht hatte. Da waren plötzlich mal mehr mal weniger riesige hellgraue Rahmen um die im Text eingebauten Fotos, weil die Bildunterzeilen nicht mehr umbrochen wurden. Hin und wieder sah das bei den schmaleren Rahmen um die Hochformate gar nicht mal so schlecht aus (die hab ich dann auch so gelassen). Ein Leser schrieb mir sogar neulich, ihm gefalle das neue Layout sehr gut. Ich freute mich und dachte nicht weiter darüber nach. Aber da hatte ich auch die schlimmsten Seiten noch nicht entdeckt (er wahrscheinlich auch nicht). Ich kann also nur hoffen, dass Sie sich in letzter Zeit nicht allzu sehr auf älteren Seiten getummelt haben. Obwohl ich mich sonst ja darüber immer sehr freue – zeigt es doch, dass viele Beiträge eine längere Halbwertzeit haben als die Tageszeitung, in der man am nächsten Tag den Fisch einwickelt.

Jedenfalls ist jetzt alles wieder schön, und auch, wenn mich die Aktion davon abgehalten hat, etwas sinnträchtig Inhaltliches für den Blog zu produzieren, so hatte sie doch außer der wiederhergestellten Optik noch etwas Gutes: Ich habe selbst nochmal all meine Beiträge von Anfang an angeschaut und mich daran gefreut, wie viele wunderbare unterstützende, ermunternde, lobende und anregende Kommentare ich im Laufe der Zeit bekommen habe. Allerdings habe ich dabei auch die ein wenig bestürzende Entdeckung gemacht, was für eine blutige Anfängerin in der Welt der Blogs und Social-Media-Welt ich zu Beginn gewesen bin: Ich habe nämlich am Anfang nur höchst selten auf die Kommentare geantwortet. Ich dachte schlicht an all die Leserinnen und Leser meines Blogs, welche in Erwartung anregender Diskussionen oder Ergänzungen die Beiträge plus Kommentaren abonniert haben und nun wahrscheinlich genervt wären, weil sie für ein schlichtes „Danke, wie nett von dir“ meinerseits eine E-Mail-Benachrichtigung erhalten würden. Als ob man nicht schon genug zugespamt würde! Das denke ich zwar eigentlich auch immer noch, inzwischen weiß ich aber: Nicht antworten gehört sich einfach nicht. Diese ganze Blogger-Welt lebt ja geradezu davon, sich wenigstens mal eben zuzuwinken, im übertragenen Sinne. Und es ist ja auch irgendwie enttäuschend, wenn man so nett schreibt und keine Resonanz erhält. Als würde ein Brief auf ewig unbeantwortet bleiben.

Was bleibt mir übrig, als allen, die einst keine Antwort bekommen haben, jetzt sehr verspätet ein ganz herzliches Dankeschön zuzurufen und zu hoffen, dass sie es überhaupt noch hören und sich damals nicht enttäuscht abgewandt haben. Seien Sie versichert: Ich habe mich immer sehr, sehr gefreut, und Ihr Zuspruch hat mich immer darin ermuntert, weiterzumachen! Es ist einfach schön zu wissen, dass man nicht in den leeren Raum hinausschreibt. Also sage ich wie immer: à bientôt! und noch einmal ein dickes

 

 

 

*Genderstatement: Ich hoffe, Sie wissen es: Bei mir sind immer SÄMTLICHE Geschlechter angesprochen.

 

 

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