Nur ein paar Worte am letzten Tag des Jahres

Kleine Auswahl ungelesener Camus-Lektüre… (Büchertisch beim Festival in Lourmarin 2023). Foto: akr

Marbach an der Donau, 31. Dezember 2023. Wieder einmal ein zu Ende gehendes Jahr. Ich möchte nach längerer Blog-Pause wenigstens einen Jahresendbeitrag schreiben, aber er stürzt mir nach jedem Versuch ein wie ein Kartenhaus. Für mich war es ein Jahr, das viele wunderbare, strahlende Momente hatte, aber auch ein Jahr, in dem mir die Weltläufe mehr zugesetzt haben als zuvor. In dem es mehr Kraft erforderte, den Alltag zu bestehen. Und am Ende überschattet ein großer Abschied mein Jahr, und Camus‘ unbesiegbarer Sommer, der auch tief in meinem Inneren lebt, ist gerade von einer dicken Trauerwolke verhangen.

Die Abstände zwischen Beiträgen im Blog sind in diesem Jahr noch größer geworden als zuvor, die meisten Bücher aus dem Camus-Kosmos, die ich mit Enthusiasmus gekauft habe, sind ungelesen oder mindestens hier unkommentiert geblieben, und manche schöne Gelegenheit für einen „Immer-nur-ein-Schritt-bis-zu-Camus“-Beitrag ist ungenutzt verstrichen. Ich weiß nicht, was das nächste Jahr bringen wird. Ich kann und mag nichtmal ein aufmunterndes Camus-Zitat zum versöhnlichen Jahresende und optimistischen Jahresanfang aus der Tasche ziehen. Aber manchmal hilft es, sich an die eigenen Worte zu erinnern. Gerade bin ich nämlich unterwegs in Österreich, und da erinnere mich daran, wie ich vor einigen Jahren hier gemeinsam mit Camus auf die Reise ging. Wie ich in Gedanken den ziemlich depressiven jungen Camus, der auf seiner Reise diesem wunderbaren Land so herzlich wenig abgewinnen konnte, bei der Hand nahm:

Ich hätte ihm gezeigt, dass man sich nur mitten auf eine Holzbrücke, die über einen Gebirgsbach führt, hinstellen und die Augen schließen muss, damit das eiskalte, frische Wasser durch einen hindurchfließt und den ganzen inwendigen Mist, den man mit sich rumträgt, mit sich fortnimmt. Wir hätten ganz allein am Ufer des Gleinkersees gesessen, der dort zwischen den Bergen liegt, als hätte der liebe Gott dahingespuckt (Absurdität hin oder her). Ganz still wäre es gewesen, und beim Hinlauschen hätten wir hören können, wie das auftauende Eis in lauter kleinen Bläschen zerplatzt und langsam das grünspiegelnde Wasser des Sees freigibt. Unter der dünnen, durchscheinenden Eisfläche hätten wir ein silbriges Gewimmel beobachtet: junge Forellen, Rotfedern und Bachsaiblinge, die sich in dichten Knäueln tummeln und ans Licht drängen, und bestimmt hätte Albert sofort erfasst, was für ein wunderbares, hoffnungsvolles Bild das ist für die Lebenskräfte, die manchmal lange Zeit unter seelischem Eis eingeschlossen sind und sich dann doch wieder Bahn brechen, wenn es angefangen hat zu tauen, weil es immer irgendwann wieder anfängt zu tauen.

Daran denke ich, und darauf vertraue ich: Dass die Lebenskräfte immer wieder die Eisdecke durchbrechen, dass es auch 2024 wieder Frühling wird, dass der inwendige Sommer sich erneut als unbesiegbar erweisen wird. Und das wünsche ich auch Ihnen und Euch, liebe Blog-Leser und Camus-Freundinnen, Camus-Freunde und Blog-Leserinnen. Ich danke von Herzen für Ihre und Eure Begleitung durch das elfte Jahr 365-Tage-Camus.de – sie bedeutet mir viel! In diesem Sinne: auf ein gutes neues Jahr 2024 und à bientôt!

(Foto links beim Camus-Festival in Lourmarin 2023, ©privat).

***

Der ganze Österreichbeitrag hier: Von kostbarer Vollkommenheit und geheimer Not – Mit Camus auf Reisen in Österreich

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12 Antworten zu Nur ein paar Worte am letzten Tag des Jahres

  1. Henrique Leemann sagt:

    Liebe Frau Reif – ich danke Ihnen für die wunderbaren, ehrlichen und tiefen Worte und Gefühle.
    Ich wünsche Ihnen ein ganz schönes 24, auf jeden Fall, wenn möglich, besser als 23 !
    Ganz liebe Grüsse aus Kilchberg.

  2. Auch von mir alles Gute. Es wäre schön wenn Sie als Kennerin einmal neuere Bücher über Camus und sein Denken vorstellen könnten, die auf Deutsch erschienen sind. Ich habe einfach keinen Überblick mehr seit Corona. Weiterhin viel Spaß an den eher schönen Orten in Europa.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Mahlke, danke für Ihren Kommentar und die guten Wünsche.Was deutschsprachige Bücher über Camus angeht, ist mir nicht viel untergekommen. Heraus sticht sicher der von Dennis Sölch und Oliver Viktor herausgegebene Sammelband von der Camus-Ringvorlesung in Düsseldorf. Aber ich halte natürlich die Augen offen! Auch für Sie alles Gute und herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

  3. Liebe Frau Reif,

    alles Gute auch von mir. Ich wünsche ihnen ein tolles Jahr 2024! Möge die Trauer vergehen und das Helle wieder Einzug erhalten in ihr Leben.

    Thorsten Martinsen von den Feuilletönen

  4. Peter Heiter sagt:

    Alles Gute!

  5. Hans Peter Wyss sagt:

    Alles Gute zum Neuen Jahr und ich freue mich auf Beiträge, in welchem Abstand sie auch immer geschrieben werden. Viele Grüsse aus dem nebelverhangenen, schneelosen Misox.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Wyss, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar, er ermutigt mich darin, über die Lücken hinwegzuschreitben! Auch für Sie alles Gute!

  6. heise gerhard sagt:

    Liebe Frau Reif,
    ihre Tapferkeit vorausgesetzt, danke auch ich ihrem stetigen Bemühen uns mit ihren eigenen Reflexionen zum Leben des Albert Camus im Schwung des Lebensmutes zu wissen. Ihnen wünsche ich wirklich seelische Geruhsamkeit und Zuversicht.
    Gerhard Heise

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