Wie ich einmal in Brüssel Jean-Baptiste Clamence traf

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Zufallsfund im Brüsseler Antiquariat: Camus‘ La Chute in einer hübschen Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 1972. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Brüssel ist ja nicht nur ein Paradies für Schokoladenfreunde sondern auch für Buchliebhaber…  Zwar bin ich bei meinem kleinen Wochenendausflug hier nicht auf den Spuren von Camus unterwegs, aber wenn mir schon quasi von selbst ein hübsches Exemplar von Camus‘ La Chute entgegenspringt, dann darf es natürlich auch mit und wandert zu den Pralinen in die Tüte. Außerdem kann man diesen Camus-Text gar nicht oft genug lesen! Mit seinem beißend-ironischen, süffisanten, ätzenden Ton fällt er so ganz aus dem vertrauten Rahmen und offenbart eine ganz andere Seite von Camus. Dabei muss man sich selbstverständlich hüten, die Lebensbeichte des Ich-Erzählers Jean-Baptiste Clamence (deutsch in Der Fall: Johannes Clamans) mit einem Bekenntnis seines Schöpfers gleichzusetzen. Aber hier und da entdeckt man eben doch dessen Züge und fragt sich unweigerlich, wann er sich wohl hinter der Maske des selbsternannten Bußrichters verbergend zeigt… Was Camus wohlweislich ebenso in der Schwebe lässt wie die Zuschreibungen zu anderen lebenden Charakteren, etwa dem zu dieser Zeit schon vom Freund zum Gegner gewordenen Sartre. Amüsant klingt heute die Kritik des Rezensenten Kleber Haedens zu La Chute in der Zeitung Parispresse, der seinerzeit beklagte: „Es ist uns völlig unbekannt, was der Autor über seinen Helden denkt, da der Held die ganze Zeit über spricht und der Autor infolgedessen nicht ein einziges Mal zu Wort kommt“ (1).

Dass ich nun ausgerechnet dieses Büchlein in der schönen Antiquariatspassage in der Brüsseler Innenstadt fand, ist ein hübscher Zufall, denn schließlich spielt Der Fall zwar nicht in Brüssel sondern in Amsterdam, aber im Oktober 1954 bereiste Camus im Zuge der Arbeit an dieser Erzählung Belgien und die Niederlande (2). 1956 erschien die Erzählung erstmals bei Gallimard/Paris, 1957 dann auf Deutsch bei Rowohlt.

Übrigens stammen gleich zwei der wohl im Internet (wie üblich ohne Quellenangabe) meist genannten Camus-Zitate aus dem Mund von Johannes Clamans in Der Fall, weshalb ich sie hier in ihrem zugehörigen Kontext quasi als verspätetes „Zitat zum Sonntag“ wiedergeben möchte:

„Ich erreichte, was ich wollte, mehr oder weniger wann ich wollte. Man fand, ich habe Charme, stellen Sie sich das vor! Sie wissen ja, was Charme ist: eine Art, ein Ja zur Antwort zu erhalten, ohne eine klare Frage gestellt zu haben. In dieser Lage befand ich mich damals. Das überrascht Sie offenbar? Sie dürfen es ruhig zugeben. Mein jetziges Aussehen ist ja wirklich nicht mehr danach. Ach! Von einem bestimmten Alter an ist jeder für sein Gesicht verantwortlich. Das meine… Aber das ist ja gleichgültig! Die Tatsache bleibt bestehen. Man fand, ich habe Charme, und ich nützte diesen Umstand aus“ (3).

(1) Zit. nach Halbseidene Tapferkeit. Kritik zu La Chute in Der Spiegel 25/1956; zugänglich im Online-Archiv des Spiegel. (2) Angabe von Catherine Camus in Le monde en partage. Itinéraires d’Albert Camus. Gallimard, Paris 2013, S. 167. (3) Albert Camus, Der Fall. Deutsch von Guido G. Meister. © Rowohlt Verlag 1957, S. 48f.

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