„Wie schön sind die Kanäle im Abendlicht!“

amsterdam

Pfingstwochenende in Amsterdam. Bei endlosen Spaziergängen entlang der Grachten sind mir zwar unzählige „brune Cafés“ begegnet, wie die Eckkneipen hier heißen, in denen Zigarettenrauch und Jahre die Wände, Mobiliar und zuweilen scheinbar auch die Stammgäste eingedunkelt haben, natürlich auch die hier üblichen Coffeeshops, in die man nicht geht, um Kaffee zu konsumieren, und was es sonst an Etablissements unter-schiedlichster Couleur gibt – aber leider keine Bar, die Mexico City heißt. Wäre ja auch zu schön gewesen. Allerdings bin ich auch bisher nicht so tief eingetaucht in jenen inneren Kreis der Hölle, wo sie zu finden wäre, wenn es sie denn auch in Wirklichkeit gäbe und nicht nur als zentralen Schauplatz in Camus’ Roman Der Fall. Den habe ich natürlich in der Tasche, doch fehlt diesmal die Muße, um in Ruhe irgendwo zu sitzen und darin zu lesen. Die Stadt lockt zu sehr und die Zeit, die mir für sie bleibt, ist zu kurz. Seit je her gehört Amsterdam zu meinen liebsten Lieblingsstädten – eine Liebe, in der ich mir mit Camus ausnahmsweise einmal nicht einig bin. Jedenfalls kommt Amsterdam im Fall nicht wirklich gut weg.

„Wie schön sind die Kanäle im Abendlicht!“, ruft Clamence, der selbst ernannte Buß-Richter und Protagonist der Geschichte aus, und als ich ihm noch voller Einverständnis zunicke, fährt er schon fort: „Ich liebe den Brodem des fauligen Wassers, den Geruch der welken Blätter, die im Kanal modern, den Begräbnisduft, der von den blumenbeladenen Kähnen aufsteigt“ (1). Wir befinden uns hier im Herzen der Dinge, behauptet Clamence, und während ich abermals zustimmend nicke im Blick auf diese lebensfroh pulsierende, bunte und freundliche Stadt fährt er schon fort: „Finden Sie nicht, dass die konzentrischen Kanäle von Amsterdam den Kreisen der Hölle gleichen? Der bürgerlichen, von Albträumen bevölkerten Hölle natürlich. Je mehr Kreise man von außen kommend durchschreitet, desto undurchdringlicher, desto finsterer wird das Leben und mit ihm seine Verbrechen. Hier stehen wir im letzten Kreis“ (2). Nein, dahin werde ich Camus und Clamence heute Abend nicht mehr folgen. Auch wenn das Viertel um den Zeedijk mit seinen roten Laternen heute längst nicht mehr das ist, was es vor Zeiten wohl einmal gewesen sein muss, ein nächtlicher Spaziergang dort erscheint mir nicht angeraten, jedenfalls nicht, wenn man keine eindeutigen Absichten hat. Ich kehre zurück in mein entspanntes, freundliches Viertel De Pijp, das jenseits des Grachtengürtels liegt und damit zum Glück ja auch weit abseits von allen Höllenkreisen. Bonne nuit!

(1) Albert Camus, Der Fall, aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hambur 1968, S. 38. (2) a. a. O.,  S. 14.
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