Unterwegs nach Camus-Land: Am Wegesrand wartet in Stein gehauen die Geschichte einer großen Liebe

 

„Guck mal, die haben hier eine Bibliothek Albert Camus”, sagt der Mann an meiner Seite und tippt auf das Verzeichnis des Stadtplans, den die örtliche Verwaltung zur Orientierung am Eingang zur Altstadt von Bourg-en-Bresse aufgestellt hat. Potzblitz! Das wäre mir jetzt womöglich gar nicht aufgefallen. Auf Camus-Spurensuche war ich nämlich noch gar nicht eingestellt bei dieser ersten mittelfranzösischen Station unserer Reise, die einmal mehr in den Süden führen soll. Außerdem hatte mich derselbe Mann erst vor wenigen Minuten sanft aber nachdrücklich daran erinnert, Camus-Jahr sei letztes Jahr gewesen, und ich solle es bitte aber mal nicht übertreiben. „Natürlich müssen wir da hin“, schmettert er jetzt meinen Einwand ab, wegen irgendeiner nach Camus benannten öffentlichen Bibliothek müssten wir an einem frühsommerlich heißen Mittag nun wirklich nicht quer durch den Ort stiefeln, „ist doch auch gar nicht weit“. Und so stehen wir tatsächlich nach wenigen Minuten vor dem recht imposanten Centre Culturel Albert Camus. Jetzt will ich es natürlich auch wissen: Vielleicht gibt es ja doch irgendeine unvermutete Beziehung zwischen diesem hübschen kleinen, knappe 80 Kilometer nördlich von Lyon gelegenen Städtchen und Albert Camus?

Die junge Dame am Empfang quittiert meine Frage mit einem leicht irritierten Blick und bekennt, sie habe nicht die geringste Ahnung. „Aber wenn es jemand weiß, dann die Kollegin dort drüben.“ Kollegin Dort-Drüben weiß es tatsächlich: Es gibt keine. (Dachte ich mir schon). Es sei eben üblich, die Bibliotheken nach den großen französischen Schriftstellern zu benennen, und so hieße ihre nach Albert Camus, erklärt die sehr freundliche Fachkraft weiter, die sich über die Abwechslung zu freuen scheint und erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass es einen deutschsprachigen Blog über Albert Camus gibt. Selbstverständlich hielten sie all sein Werke vor, erläutert sie, auch die neuen bandes déssinées, aber eine besondere Sammlung von Schriften hätten sie nicht, leider. Immerhin hängt aber hinter ihrem Schreibtisch ein Plakat, dass noch an das Camus-Jahr 2010 zu seinem 50. Todestag erinnert. Und dann, als ob es ihr leid täte, mich gleichsam mit leeren Händen gehen lassen zu müssen, ergänzt sie noch: Bestimmt habe Camus aber auf dem Weg von Lourmarin nach Paris oder umgekehrt einmal in Bourg-en-Bresse halt gemacht!

Portal der Abteikirche des Klosters Brou in Bourg-en-Bresse. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Portal der Abteikirche des Klosters Brou in Bourg-en-Bresse. ©Foto: akr

Und damit könnte sie natürlich durchaus recht haben. Warum auch nicht? Schließlich wäre das nur ein ganz kleiner Umweg gewesen, der sich auch damals schon gelohnt hätte. Denn auch wenn der Ortskern mit etlichen Häusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert (und natürlich den folgenden) vielleicht nicht so hübsch herausgeputzt gewesen sein dürfte wie heute – die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt war mit Sicherheit zu Camus‘ Zeiten ebenso eindrucksvoll wie heute und lohnt den Besuch allemal: nämlich das Königliche Kloster Brou mit seiner Abteikirche, erbaut zwischen 1505 und 1536 im spätgotischen Stil durch Margarete von Österreich. Schon vor dem Kirchenportal mit seinem überaus fein gearbeiteten Ornament- und Figurenschmuck steht man staunend. Und wie viel mehr noch im Inneren, diesem himmelwärts strebenden Kirchenschiff, in dem keine Bänke die Wirkung des mächtigen Raumes schmälern, der nur aus hellem Stein und farbigem Licht zu bestehen scheint. Ob Hochaltar, Kanzel, Figurenschmuck oder Seitenkapellen: Alles ist von so staunenswerter Feinheit und filigranem Detailreichtum,  als hätten die von der 24jährigen Bauherrin beauftragten Steinmetze alles, aber auch wirklich alles daran gesetzt, noch die besten Holzschnitzer ihrer Zeit zu übertreffen. 

Aber letztlich ist das alles nur Gehäuse für die beiden prominent im Chor des Mittelschiffs platzierten Grabstellen von Margarete und  Philibert II. und damit auch für eine schöne Geschichte. Margarete nämlich, die einzige Tochter Maximilians I. von Habsburg (späterer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) aus der Ehe mit Maria von Burgund, wurde im Jahre 1504 mit gerade 24 Jahren bereits zum zweiten Mal Witwe, als ihr gleichaltriger Gemahl Philibert II. von Savoyen bei einem Jagdunfall zu Tode kam. Ihre erste arrangierte Ehe mit dem spanischen Thronfolger Juan im Alter von 15 Jahren hatte bis zu dessen Tod nur wenige Monate gewährt, was Maximilian die Gelegenheit verschafft hatte, seine Tochter im Rahmen seiner antifranzösischen Politik erneut zu verschachern, pardon: zu verheiraten, diesmal nach Savoyen. Vermutlich für alle Beteiligten überraschend wurde daraus aber tatsächlich eine große Liebe.

Margarete  war untröstlich, als ihr geliebter Philibert starb. Einer weiteren Verheiratung widersetzte sie sich fürderhin standhaft. Stattdessen ließ sie das kleine Kloster Brou erweitern und mit einer mächtigen Abteikirche ergänzen, die zur Grabstelle Philiberts werden sollte – und zwei Jahre nach ihrem Tod anno 1530, nachdem die Klosterkirche in Brou geweiht worden war, auch zu ihrer eigenen. Dazwischen liegt ein bewegtes Leben als Regentin der habsburgischen Niederlande (ab 1507), währenddessen Margarete ihre Hauptresidenz in Mecheln zu einem Zentrum des  Humanismus machte, an dem sie Gelehrte wie Cornelius AgrippaAdrian von UtrechtErasmus von Rotterdam und andere versammelte und Künstler und Musiker förderte.

Unversehens bin ich also hier auf ein sehr spannendes Frauenleben gestoßen, mit dem sich näher zu beschäftigen ganz gewiss lohnen würde. Aber erst einmal nimmt mich noch der Anblick dieser beiden Grabstellen gefangen. Auf Augenhöhe fällt der Blick auf der einen Seite auf Philibert, aufgebahrt in vollem Königsornat, sein treuer Jagdhund wie schlafend zu seinen Füßen. Doch zeigt das Abbild ihn im reifen Mannesalter, das er nie erreichte – ganz so, als habe er noch Jahre seines Lebens als König an der Seite Margaretens verbracht. Beugt man sich ein wenig hinunter, dann erblickt man in einem von verzierten Säulen umgebenen Hohlraum den Toten ein zweites Mal: diesmal nackt und bloß wie im Grabe liegend, jung und so schön, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass er seinen Beinamen „der Schöne“ ganz und gar zu Recht trug.

Gegenüber das Pendant, gleichsam mit umgekehrten Vorzeichen: Unter einem prächtigen Baldachin aus steinerner Spitze liegt Margarete, die würdige, gekrönte Königin, die mit 50 Jahren starb – und im „Grab“ darunter die junge Margarete mit hüftlangen Locken, als sei sie bereits als junge Frau gemeinsam mit ihrer großen Liebe gestorben.

Es ist ein außergewöhnlich schönes Grabmal, das der aus Worms stammende Bildhauer Conrad Meit da geschaffen hat, und ich stimme unbedingt jenen Kunsthistorikern zu, die meinen, er stünde bis heute zu Unrecht im Schatten von Albrecht Dürer. Und es ist zumindest für ihre Zeit eine ungewöhnlich romantische Liebesgeschichte, die Anlass genug gibt, nachzusinnen über die Liebe, die Treue und den Tod – ob für uns heute oder vielleicht auch für Camus, oder für Albert und Francine, die 1940 nur 80 Kilometer entfernt in Lyon geheiratet haben.

P.S. Sie dürften es bemerkt haben, liebe Blog-Leserinnen und Camus-Freunde: Ich bin mal wieder unterwegs. Zwar nicht ausdrücklich wie im vergangenen Jahr auf den Spuren von Camus – aber wer schon etwas länger mitliest weiß ja, dass es mir nicht schwerfällt (mit einem Augenzwinkern) überall Spuren von Camus zu finden. Wenn Sie mögen, lassen Sie sich also mit mir gemeinsam überraschen und kommen Sie doch einfach mit auf die Reise!

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