Kalenderblatt: 24. August 1944 – „Das Blut der Freiheit“

„Paris feuert aus all seinen Waffen in die Augustnacht. In der gewaltigen Landschaft aus Stein und Wasser, rings um den geschichtsbeladenen Strom, erheben sich wiederum die Barrikaden der Freiheit. Wiederum muss die Gerechtigkeit mit dem Blut der Menschen erkauft werden. Wir kennen diesen Kampf zu gut, wir sind zu sehr mit Leib und Seele daran beteiligt, um diese Bedingung ohne Bitterkeit hinzunehmen. Aber wir kennen auch seinen Einsatz und seine Wahrheit zu gut, um das schwere Schicksal abzulehnen das wir wohl oder übel allein tragen müssen.“ (1)

So beginnt der Leitartikel Das Blut der Freiheit in Combat am 24. August 1944, Autor ist Albert Camus. Die Widerstandszeitungen werden seit dem 21. August nicht mehr im Untergrund sondern offen auf der Straße feilgeboten; auch der Combat erscheint jetzt in aller Öffentlichkeit (2). Camus gibt in seinen Leitartikeln die Stimmung dieser Tage des Befreiungskampfes um Paris wider. Ermutigt vom Vormarsch der alliierten Truppen nach ihrer Landung in der Normandie und in der Provence erhob sich am 15. August 1944  die Pariser Bevölkerung. Schon in den Tagen zuvor waren Metrofahrer, Polizeikräfte, Postbeamte und andere in Streik getreten. Am 18. August kommt es zum Generalstreik. Barrikaden werden aufgetürmt, und es kommt zu heftigen Kämpfen, die innere Widerstandsbewegung kämpft gegen die 20 000 Deutschen, die sich in der Hauptstadt befanden (3).

Von den jetzt täglich erscheinenden Artikeln Camus‘ in Combat liegen bislang nur Das Blut der Freiheit und Die Nacht der Wahrheit auf Deutsch vor. Es sind Texte, die ihren Wert als geschichtliches Zeugnis haben. Ihr hoher Ton, das kämpferische und patriotische Pathos klingt allerdings selbst für meine heutigen Ohren, denen Camus‘ Hang zur Feierlichkeit bestens vertraut ist, befremdlich. Aber vielleicht vergessen wir, wenn wir Camus das triefende Pathos in seinen Worten vorwerfen, zu schnell, dass es das vergossene Blut der Freunde, der Kameraden, der unzähligen Unschuldigen ist, das sie so klebrig macht. Wischt man diese etwas klebrige Patina ein wenig ab, dann leuchten plötzlich doch wieder Sätze hervor, die auch heute noch Bestand haben. Sätze wie dieser:

„Nichts wird den Menschen geschenkt, und das Wenige, das sie erobern können, muss mit ungerechtem Sterben bezahlt werden. Aber nicht darin liegt die Größe des Menschen. Sondern in seinem Willen, stärker zu sein als die conditio humana. Und wenn die conditio humana ungerecht ist, hat er nur eine Möglichkeit, sie zu überwinden, indem er selber gerecht ist“ (4).

 

(1) Albert Camus, Das Blut der Freiheit, in: Fragen der Zeit, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1960/1977, S. 33. (2) vgl. Olivier Todd, Albert Camus – Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 390. (3) offizielle Frankreich-Webseite www.france.fr. (4) Albert Camus, Die Nacht der Wahrheit, in: Fragen der Zeit, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1960/1977, S. 36

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2 Kommentare zu Kalenderblatt: 24. August 1944 – „Das Blut der Freiheit“

  1. Anne-Kathrin Reif sagt:

    Lieber Cay Gabbe, ich bin vollkommen einverstanden. Allerdings: Liest heute ein jüngerer Mensch ohne irgendeine vergleichbare Erfahrung einen Text wie „Das Blut der Freiheit“ (von dem ich nicht gerade die am meisten pathetischen Sätze ausgesucht hatte), glaube ich wohl, dass er den Ton in der Regel zunächst befremdlich findet wird. Erst wenn man sich klar macht, dass es das vergossene Blut ist, das sie „klebrig“ macht (und klebrig ist Blut nun mal), kann man die Worte angemessen werten und wird sie nicht mehr als hohle Feierlichkeit abtun. In diesem Sinne wieder mal eine Lanze für Camus – nicht gegen ihn.

  2. CayGabbe sagt:

    Liebe Frau Reif,
    immer, wenn Menschen für Rechte sterben, die ihnen „eigentlich“ zustehen, werden die Worte pathetisch sein – weshalb? Weil es so extrem „bitter“ ist und oft auch noch vergeblich. Diese Ausdrucksform entspricht einem archaischen Empfinden: jemand hat sein Leben für mich/uns gegeben (für Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden). Was sind die angemessenen Worte? Der Ausdruck dafür ist dann zeitgebunden, aber nicht (unangenehm) „klebrig“ – jedenfalls nicht der von Camus; da gibt es andere/fürchterliche Beispiele für unerträgliches Pathos. Wie gut, dass Sie noch das „leuchtende“ Zitat aus der „Nacht der Wahrheit“ gebracht haben. Es führt zum Kern.
    Beide Zitate aber (aus Combat und Nacht der Wahrheit) zeigen – trotz unterschiedlicher Formulierung – eines gleichermaßen: der Kampf um Freiheit (auch um Gerechtigkeit und Frieden) endet nie. Jede Generation muss ihn neu bestehen. Auch wenn der „Blutzoll“ nicht immer das Ausmaß der Französischen Revolution oder anderer Umstürze erreicht: der Freiheitskampf ist mit dem Einsatz des eigenen Lebens verbunden – mit dem Lebenssaft Blut oder Seele. Wir erleben das gerade wieder mit Snowden: die Auseinandersetzung ist von ungeheurer Härte, jedenfalls nicht im geringsten virtuell – immer bezahlen Menschen mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit oder ihrer Freiheit etc. (Gilt übrigens auch für die angebliche Facebook-Revolution des „arabischen Frühlings“; auch da waren es letztlich die Menschen, die auf die Strasse gegangen sind, und ihr Mut, die die Änderungen herbeigeführt haben, nicht das Internet – das war ein Hilfsmittel!).
    Mit freundlichen Grüßen
    Cay Gabbe

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