Jürgen Kruse inszeniert „Das Missverständnis“ am Deutschen Theater Berlin – eine kleine Kritikenschau

„Das Missverständnis“ in einer Inszenierung von Jürgen Kruse am Deutschen Theater Berlin. Auf dem Bild: Linda Pöppel (Martha), Barbara Schnitzler (die Mutter). Foto: Arno Declair

Von einer Premiere am 3. Dezember ist zu berichten – leider nur aus zweiter Hand und (noch) nicht aus eigener Anschauung: Im Deutschen Theater Berlin hat Jürgen Kruse Camus‘ Das Missverständnis herausgebracht – und hat dem Stück dabei offensichtlich eine, nun ja, sagen wir mal individuelle Note verpasst. Was aber kein Schaden zu sein scheint, folgt man den in der Mehrzahl sehr positiven Premierenkritiken. „Gesprochen wird nicht Camus‘ Text, sondern eine aus dem Originaltext entwickelte Kunstsprache; eine Mischung aus Feridun Zaimoglus Kanak Sprak, Jelinek’schen Kalauern und dadaistischen Lautgedichten. Sätze ohne Verben und ohne Artikel sind das, mit verdrehter Syntax“, beschreibt es Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (6.12.17).

Dass man keine „textreue“ Inszenierung erwarten darf (was immer das ist), wenn man in eine Kruse-Inszenierung geht, sollte man vielleicht vorher bedenken. Den „Keith Richards der Theaterregie“ nennt ihn Christian Radow in Nachtkritik (3.12.17), den „Mann mit dem besten Plattenschrank, der Rockpoet, der Texte wahlweise wie Kautabak kosten oder wie rohe Erbsen ausspucken lässt, und bei dem es stets ausschaut wie in der Bude einer alten Wahrsagerin vom Jahrmarkt, kurz nachdem die Polizei sie einkassiert hat, it’s only rock’n roll but I like it.“ Da fragt man sich aus der Ferne vielleicht, ob das noch Camus ist, wenn Linda Pöppel als Martha „mal herrlich (stottert) wie ein Navigationsgerät auf Koks, und es im Aufeinandertreffen mit dem Bruder Jan (Manuel Harder), der nach Radow „als natural born Fremdenlegionär mit Wüstensand in den Stiefeln und Nordwind auf den lässig hochgezogenen Lippen“ daherkommt, „bisweilen wie eine Rap-Battle (klingt), ehe Martha die entflammbare Jungfer gibt und den Bruder aus den Armen seiner – hier stets präsenten – Frau Marie (Alexandra Finder) lockt.“

Aber Michael Laages in Die Deutsche Bühne (3.12.17) versichert „(…) ausgerechnet bei Kruse, quasi theaterlebenslang der Oberflächlichkeit bezichtigt, bekommen wir überreichen Anlass, den existenzphilosophischen Gedanken zu folgen, die untergebracht sind im Stück“, und beschließt seine ausführliche Besprechung euphorisch: „Was für eine Theater-Beschwörung – voller kleiner Kostbarkeiten stecken diese zwei Stunden mit Camus. Mit und durch Kruse weiten sie sich zu existenziellen Horizonten.“

Leichte Vorbehalte meine ich bei Christine Wahl im Tagesspiegel (5.12.17) zu vernehmen, allerdings (vielleicht in Anbetracht des „Hymnischen Beifalls der Kruse-Stammfraktion“) mehr zwischen den Zeilen. Das Missverständnis „made by Kruse“ mit „Dauerkalauern“ und „fröhlich über Kollegenköpfen ausgegossem Kunstblut“ scheint sie nicht ganz zu überzeugen, jedenfalls bemerkt sie: „Dass wir es mit einem Text von Albert Camus zu tun haben, erfahren wir freilich vornehmlich im Ironiemodus. Und zwar von dem dekorativ an einer Säule hockenden Schauspieler Jürgen Huth, der in regelmäßigen Abständen – und am liebsten an den unpassendsten Stellen – ein lustiges ,Existenzialismus‘ ins Geschehen hineinkräht. Kruse nimmt den Camus’schen Plot über die fundamentale Daseinsabsurdität (…) eher als Gruselschocker und platziert ihn irgendwo zwischen Tragikomödie und Farce, mit deutlichem Pendelausschlag in letztere Richtung“. Das aber, so die Kritikerin, würde dem 73 Jahre alten Stück definitiv nicht schlecht tun.

Einen „Zeichen- und Songsalat“ sieht Dirk Pilz (Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, 5.12.17) in der Inszenierung, was aber nicht despektierlich gemeint ist. Nur solle man besser nicht versuchen, ihn „zu ordentlich überschaubaren Deutungshäufchen zusammenzukehren“, sonst sei man verloren: „Besser hat es an diesem so coolen wie unverschämt ungeschliffenen Abend, wer ihn als Bild nimmt, am besten vielleicht wie eines von Hieronymus Bosch: als Angst- und Sehnsuchtsgemälde, voller schräger Existenzen, Fabelwesen, Schauerausgeburten, Witzfiguren.“ Schlicht „schön“ findet das der Kritiker und staunt: „Welch sonderbar sirrende, zuweilen hochkomische, dann wieder abgrundtief traurige zwei Stunden Theater!“

Wie immer gilt: Da hilft nur selber anschauen. Vorstellungen sind wieder am: 

♦ 16., 25. Dezember 2017, 3., 13., 24. Januar 2018. Deutsches Theater Berlin, Schumannstraße 13a, Theaterkasse: Teleofon 030 / 28441-225.

 

Dieser Beitrag wurde unter Bühne/ Film/ Fernsehen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.