Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (4)

Fotoprobe zum Stück „Die Pest“ am 17.09.19 im Schlosstheater in Moers – jetzt als visuelle Live-Lesung im Netz. Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

3. April 2020. Ich bin in diesen Tagen zwischen zehn und elf Uhr vormittags nicht zu sprechen. Genau gesagt: bis zum 10. April. In dieser Zeit nämlich liest Wolfgang Tischer im Literaturcafé.de montags bis freitags live ein Stück aus der Pest. Am ersten Tag dachte ich: „Hörste mal kurz rein“, ich blieb dran, und heute war schon der fünfte Tag. Wieder einmal habe ich festgestellt, wie großartig es ist, etwas vorgelesen zu bekommen – sogar, wenn man den Text quasi schon in und auswendig kann. Jedenfalls dachte ich das von mir – und höre nun Details, die ich entweder vollkommen vergessen hatte, oder die ich tatsächlich ganz neu wahrnehme. Ich glaube sogar, es ist egal, ob man mit einer Tasse Kaffee ruhig sitzend zuhört, oder ob man dabei die Fenster putzt (ich hab’s ausprobiert) – allein die Tatsache, dass da jemand mit einer unaufgeregten, angenehmen Stimme ein bedächtiges Erzähltempo vorgibt, dem ich folge, ohne hier mal rasch was zu überlesen, dort mich kurz selbst zu unterbrechen, und dass ich weiß: Wenn ich jetzt gedanklich abschweife, dann verpasse ich etwas – allein diese Tatsache sorgt für eine Fokussierung, die mich die Geschichte wieder neu erleben lässt.

Nur ein winziges Detail: Wie an einer Stelle deutlich wird, hat Camus sich intensiv mit den Pestepidemien in der Geschichte befasst – und erwähnt dabei auch den Bau der großen Pestmauer in der Provence. Als ich vor Jahren bei einem Aufenthalt dort über die mur de la peste bzw. den Weg entlang der erhaltenen Reste schrieb, habe ich nur gemutmaßt, Camus würde sie wohl gekannt haben. Ich lese nicht oft meine älteren Beiträge, aber in diesem Fall hab ich mich im Anschluss an die Vorlesestunde damit zurückgeträumt zu diesem heißen Sommertag und habe wieder das Zirpen der Zikaden in der Mittagsstille gehört… Noch so eine kleine Flucht in Zeiten, wo wir auf solche schönen Reisen verzichten müssen. Vielleicht mögen Sie ja mit mir dorthin reisen? Dann geht’s hier entlang.

Sie ahnen vielleicht, dass ich mit Betrachtungen zu Camus‘ Text wohl kaum hinterherkomme, wenn ich mich an solchen kleinen Details aufhalte… Tatsächlich war ich bis jetzt jeden Tag beim Zuhören aufs neue verblüfft und manchmal sogar amüsiert von den vielen Parallelen, die sich zwischen Camus‘ Schilderungen der Pest bzw. der Reaktionen der Menschen auf diese unvermutete Heimsuchung und den Begebenheiten unserer Corona-Tage auftun. Aufgeschrieben habe ich es nicht. Mit dem Thema „lernen, mit den Widersprüchen zu leben“ habe ich dieses Tagebuch angefangen, und ich muss zugeben, dass das Praktizieren dieser Lernaufgabe gerade den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt. Die Erwartung: „Wenn du schon keine Arbeit hast, dann kannst du doch jetzt auf großartige Weise deine Zeit nutzen!“ Geistreiche Blogartikel verfassen, diverse Bücher zu Ende lesen und am besten selbst ein neues schreiben! Was leider in krassem Widerspruch zu der Tatsache steht, dass ich am Ende des Tages maximal die Fenster geputzt habe – und schon das als Erfolg im Kampf gegen die bleierne Schwere verzeichne,
die sich schleichend in den Knochen ausbreitet und droht, aufs Gemüt überzugreifen, und die, wenn auch nicht im medizinischen Sinne, auch eine Folgeerscheinung dieses Virus‘ ist, selbst wenn man, wiederum im medizinischen Sinne, gar nicht infiziert ist.

Immerhin habe ich jetzt zwei Tage Zeit bis zu einer neuen Folge der Pest im Literaturcafé.de, denn die gibt es erst am Montag wieder. Deshalb kann man die heutige Folge (5) ausnahmsweise auch noch bis einschließlich Sonntag nachhören. Zu Beginn jeder Folge gibt Wolfgang Tischer eine kleine Zusammenfassung „was bisher geschah“ – es lohnt sich auf jeden Fall auch jetzt noch, einzusteigen. Hier der Link: https://www.literaturcafe.de/die-pest-albert-camus-live

Wolfgang Tischer, Gastgeber des Literaturcafé.de. Foto: Birgit-Cathrin Duval

Wolfgang Tischer gründete 1996 das literaturcafe.de, das ausschließlich im Internet existiert. Als Journalist und Literaturkritiker schreibt Wolfgang Tischer über Bücher, Literaturthemen und die Buchbranche. Regelmäßig moderiert und konzipiert er Lesungen und Literaturveranstaltungen. Zu Hölderlins 250. Geburtstag im März 2020 hat er sieben Stunden lang den kompletten Hyperion live im Web vorgelesen. Im Podcast des Literaturcafés stellt er Bücher vor und spricht mit Autoren und Repräsentanten der Buchbranche.

„Die Pest“ als visuelle Live-Lesung am Schlosstheater Moers

Fotoprobe zum Stück „Die Pest“ am 17.09.19 im Schlosstheater in Moers (mit Camus-Handpuppe von Joost van den Branden). Foto: Jakob Studnar / fotostudnar

Und eine weitere Empfehlung habe ich noch: Das Schlosstheater Moers, über dessen großartige Pest-Inszenierung ich im September 2019 hier schon berichtet habe, hat im Zuge der „Corona-Krise“ die Inszenierung noch einmal umgearbeitet und zeigt die so entstandene Visuelle Lesung am morgigen Samstag, 4. April, ab 18 Uhr über seine Homepage sowie über seine Facebookseite. Dazu gibt es von 18 bis 24 Uhr auf der Homepage einen Live-Chat. Weitere Termine am 12., 19. und 26. April 2020.

Die Schlosstheater-Dramaturgin Viola Köster schreibt dazu: „Corona ist nicht die Pest und wir leben 2020 nicht im Krieg. Dennoch fordert auch dieses Virus derzeit Tote und schafft es, weltweit den Alltag der Menschen sowie das globale Wirtschaftssystem aus den Angeln zu heben. Auch das Theater ist davon nicht ausgenommen. Ganz im Gegenteil. Denn gerade das Theater lebt vom gemeinsamen Erleben. Auch wenn unsere Inszenierung von Die Pest vor allem als Kommentar auf die zunehmende Abschottung und Nationalisierung in Europa gedacht war, wird der Text von 1946 in der Coronakrise zum Stück der Stunde – das wir im Repertoire haben und nicht spielen dürfen. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Inszenierung für die Zeit der Corona-Quarantäne als visuelle Lesung für unseren Online-Ersatzspielplan zu adaptieren. Sechs Schauspieler*innen sitzen (mit Sicherheitsabstand!) im Bühnenbild der Pest, das aus einem Quarantänezelt besteht. Sie sprechen den Text von Camus, der von Ausschnitten aus der Pest-Inszenierung durchbrochen wird. Die Zeiten überlagern sich, ähneln einander und unterscheiden sich dann wieder. So wie jetzt.“

Ich werde auf jeden Fall reinschauen. Für heute, wie immer: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

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Von Anfang anlesen: „Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch“ (1)

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