Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (1)

„Was macht man eigentlich als Kulturjournalistin, wenn keine Kultur mehr stattfindet?“ Die Anteil nehmende Frage erreichte mich heute per Mail. Gestern hätte ich noch antworten können: „Man formuliert Absagen“. Aber jetzt sind alle Absagen raus, und ich kann nur sagen: „Mal schauen“. Versuchen, das Beste aus dieser Vollbremsung zu machen. Mal wieder bloggen, so richtig, nicht nur Veranstaltungen ankündigen – das wär‘ ja schon mal was. Und noch einmal – ich weiß gar nicht zum wievielten Mal – Die Pest lesen. Nicht, dass es allzu lange her wäre. Ich lese, zumindest auszugsweise, immer wieder darin, erst kürzlich wieder im Zusammenhang mit der sehr gelungenen Dramatisierung im Schlosstheater in Moers. Aber jetzt hat sich die Perspektive geändert. Nicht die metaphorische Ebene der „braunen Pest“ des Naziregimes, nicht die philosophische der condition humaine macht Camus‘ Roman gerade zum Bestseller, sondern die vordergründige erste Erzählebene, die davon handelt, wie eine Stadt im 20. Jahrhundert völlig unvorhergesehen vom Ausbruch einer tödlichen Epidemie überrascht wird. Nun ist das neuartige Corona-Virus zum Glück nicht so gefährlich wie die Pest, aber dafür wird auch nicht nur eine Stadt davon heimgesucht, sondern gleich die ganze Welt. Und mit diesem speziellen Blick werde auch ich Die Pest nun noch einmal lesen.

Seit Tagen wird die „Alert“-Liste im Postfach, die Camus-Funde im Netz anzeigt, immer länger. Tatsächlich ist La Peste in Frankreich von der Long- auf die Bestseller-Liste geklettert, und in Italien ist die Übersetzung angeblich ausverkauft (was ich nicht verifizieren kann). Die Zeitungsartikel, die in der aktuellen Lage Bezug auf Camus‘ Roman nehmen, sind kaum noch zu zählen. Vielleicht lese ich sie alle noch, auch dafür ist ja jetzt Zeit. Und vielleicht erzähle ich von dem, was ich mir dabei denke, hier im Blog, mal sehen. Deshalb hab‘ ich für alle Fälle mal eine (1) hinter die Überschrift geschrieben. 
Auf jeden Fall denke ich jetzt schon gern an das Ende von Camus‘ Roman und hoffe, dass es auch für uns so sein wird, und dass es bis dahin nicht allzu lange dauern wird: Irgendwann ist der Spuk vorbei, die Menschen fallen sich voller Freude in die Arme und feiern in den Straßen. Jedenfalls die, die überlebt haben und die keinen geliebten Menschen verloren haben. Das ist der bittere Beigeschmack, der auch uns nicht erspart bleiben wird. 

Camus lässt den Arzt und Chronisten der Pest, Dr. Bernard Rieux, am Ende erklären, warum er diesen Bericht verfasst habe: Er habe nicht zu denen gehören wollen, die schweigen, sondern Zeugnis ablegen wollen für diese Pestkranken und wenigstens ein Zeichen für die ihnen zugefügte Ungerechtigkeit und Gewalt hinterlassen. Und er habe schlicht schildern wollen, „was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es am Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ (*) Daran denke ich oft in diesen Tagen, und auch wenn Verachtung ein hartes Wort ist: Ich sehe durchaus Anzeichen für beides. Da gibt es nicht wenige Menschen, welche die gebotenen Regeln und Anordnungen zur Eindämmung des Virus mit Sorglosigkeit, Dummheit, Ignoranz und Egoismus missachten. Und da gibt es viele Menschen, die großartige Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Kreativität, Improvisationskunst und Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen. Was wird überwiegen? Ich wünsche mir sehr, dass wir am Ende Dr. Rieux werden zustimmen können. Wir haben es selbst in der Hand. In diesem Sinne: à bientôt – und bleiben Sie gesund!

(*) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1950, S. 202

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4 Antworten zu Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch (1)

  1. Endlich dieser Artikel, endlich Zeit für Camus. Die Coronakrise gibt uns die Chance, mehr Camus zu lesen und ihr Blog ist meiner Meinung nach der beste Einstieg.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Mahlke, was für ein schönes Kompliment! Auch das tut ja gut in diesen Tagen. Herzlichen Dank und bleiben Sie gesund!

  2. Peter Heiter sagt:

    Vielen Dank *
    Ich lese es auch immer wieder gerne …
    Viele Grüße
    PH

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Heiter, danke für Ihren Kommentar, und schön, dass Sie immer noch dabei sind! Herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

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