Am Morgen des 16. April: „Die Pest“ als Hörspiel

Pest-hörspielWarum ich Die Pest zu meinen persönlichen Jahrhundert-büchern zähle, sagte ich hier ja schon einmal. Aber heute ist natürlich eine wunderbare Gelegenheit, noch einmal daran zu erinnern, denn: „Am Morgen des 16. April trat Dr. Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte.” (1)

Absolut empfehlenswert für alle Ethik-Unterricht-Geschädigten, die bis heute keine Lust hatten, diesen grandiosen Roman zu Ende zu lesen – und alle anderen, die ihn bisher verpasst haben sowie alle, die die Geschichte gern einfach noch mal (und noch mal, und noch mal…) hören möchten –, ist das 2011 vom WDR produzierte Hörspiel Die Pest. Kein Hörbuch also, sondern ein Hörspiel, gesprochen mit verteilten Rollen, zieht es den Hörer sehr schnell in die Geschichte hinein. Straßengeräusche wie das zunehmende Heulen der Krankenwagen, das Bimmeln der Straßenbahnen oder Stimmengewirr im Hintergrund schaffen eine Atmosphäre, die schnell Bilder im Kopf entstehen lassen. Und die Stimmen verleihen den handelnden Personen sehr prägnant ihren je eigenen Charakter: Der junge, aufbegehrende Journalist Rambert, der erst lernen muss, dass man sich schämen kann, allein glücklich zu sein (Felix Goeser), Joseph Grand, der stille Held der Pest, dem seine reitende Amazone im Bois de Bologne Kopfzerbrechen bereitet (Wolf-Dietrich Sprenger), der Profiteur der Pest Cottard (Horst Mendroch), Pater Paneloux, der streitbare Jesuit, dessen zunächst so selbstgewisse Stimme im Laufe der Geschichte einen brüchigeren Ton annimmt (Gerd Wameling), die milde, geduldige Stimme der Mutter Rieux’ (Ulrike Bliefert) – sie nehmen (wie auch alle anderen Personen) beim Hören Gestalt an. Besonders gefallen mir allerdings der von Jürgen Tarrach gesprochene Jean Tarrou, der herausfinden will, ob man ohne Gott ein Heiliger werden kann, und der dabei so ganz und gar unheroisch klingt, und Dr. Rieux selbst. Götz Schubert spricht ihn so müde, dass man spürt, wie dem Arzt der aussichtslose Kampf gegen die Pest in allen Knochen sitzt; man hört die Erschöpfung, aber man hört zugleich auch seine Unbeugsamkeit, mit der er der Pest die Stirn bietet und die Abgeklärtheit, die sich keine Illusionen darüber macht, diese Schöpfung, in der Kinder gemartert werden, jemals in Ordnung bringen zu können. Und der dennoch nie aufhören wird, gegen diese ungerechte Ordnung der Welt anzukämpfen. Eine melancholische Jazz-Melodie zieht sich durch das ganze Hörspiel: Es ist St. James Infirmary, jene Platte, die Tarrou immer wieder anhört – weil es die einzige ist, die er hat. Auch das ein schönes Detail, an dem klar wird, was es bedeutet, in der Pest-Stadt eingeschlossen zu sein, in der alles, was Zerstreuung bieten könnte, irgendwann im Überdruss der steten Wiederholung endet.

Aber heute ist ein sonniger, schöner Frühlingstag, und deshalb will ich nicht mit diesem trüben Gedanken der Absurdität enden, sondern lieber mit Rieux’ Fazit, als die Pest endlich an ihr Ende gekommen ist:

Die, die sich an das wenige hielten, was sie waren und nur gewünscht hatten, in das Haus ihrer Liebe zurückzukehren, wurden manchmal belohnt. (…) All jene dagegen, die sich über den Menschen hinaus an etwas gewandt hatten, das sie sich nicht einmal vorstellen konnten, hatten keine Antwort erhalten. (…)

Wenn andere [], die Rieux im schwindenden Licht auf der Schwelle ihrer Häuser sich mit aller Kraft umarmen und hingerissen anblicken sah, bekommen hatten, was sie wollten, so weil sie das einzige verlangt hatten, was von ihnen abhing. Und als Rieux in Grands und Cottards Straße einbog, dachte er, es sei gerecht, dass die Freude wenigstens hin und wieder die belohne, die sich mit dem Menschen und seiner armseligen, außerordentlichen Liebe begnügen.” (2)

Infos und Hörproben: www.der-audio-verlag.de

 

(1)  Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 12; (2) a.a.O., S. 341.
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4 Kommentare zu Am Morgen des 16. April: „Die Pest“ als Hörspiel

  1. miRé sagt:

    Vielen Dank für Ihren wundervollen Blog. Falls Sie Ihn noch nicht entdeckt haben, reiche ich Ihnen gerne diesen Termin nach:
    Albert Camus…und ein bisschen kalter Rauch – Fotoausstellung von Christian von Alvensleben
    Von 22.04.2013 bis 15.06.2013

    http://www.institutfrancais.de/duesseldorf/kalender-101/termine-1691/Arts-plastiques,270/albert-camus-und-ein-bisschen,25509.html

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber miRé, es freut mich, dass Ihnen der Blog gefällt! Herzlichen Dank auch für den Terminhinweis. Ich hatte ihn schon im Blick und der Beitrag ist in Arbeit – aber Ihre Nachricht freut mich dennoch, da ich bisher leider kaum Hinweise auf Camus-Termine von Lesern bekommen habe. Ich hoffe, dass ich am Samstag da sein kann, und dann werde ich natürlich hier berichten!

  2. Nicole Nau sagt:

    …Du wirst es kaum glauben, ich habe DIE PEST noch nie gelesen. Bitte unbedingt im August an mich verleihen!!!!
    🙂
    Nicole

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