84 Jahre Existenz im Zwielicht – Joyeux anniversaire, Professor Heinz Robert Schlette!

Prof. Heinz Robert Schlette im Gespräch mit dem Journalisten und Schlette-Schüler Manuel Gogos in der Buchhandlung Böttger in Bonn. Thema des Abends am XX. XX. 2014 war "...". ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette im Gespräch mit dem Journalisten und Schlette-Schüler Dr. Manuel Gogos über „Albert Camus, philosophisch“ in der Buchhandlung Böttger in Bonn am 30. April 2014. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Hach, schlimm – da muss ich meinen Geburtstagsbeitrag direkt mit einer Entschuldigung anfangen: Denn die Überschrift kann so ja gar nicht stimmen. Wohl kaum jemand beginnt seine Existenz schon „im Zwielicht“. Am Anfang ist ja noch alles heil und eins, da gibt es keinen Zweifel, keinen Zwiespalt und eben auch kein Zwielicht. Das beginnt erst mit dem Aufbrechen des Bewusstseins, wenn wir gelernt haben, die Dinge von der einen und der anderen Seite, in diesem und in jenem Licht zu betrachten. Bei dem einen geschieht das früher, bei dem anderen später. Ich vermute, dass es bei Heinz Robert Schlette eher früher der Fall gewesen ist. Denn wer im Alter von 28 Jahren bereits eine Promotion in Theologie und eine zweite in Philosophie hingelegt hat, der hat ganz sicher nicht erst kurz vorher mit dem Denken angefangen.

Jener weitaus größere Teil seines Lebens also, der vom Bemühen geprägt ist, die Welt denkend zu durchdringen, kann wohl, ihm selber folgend, als Existenz im Zwielicht überschrieben werden. So nämlich lautet der Titel seines bislang letzten und sicherlich seines persönlichsten Buches. Seit vielen Wochen liegt es bei mir auf dem Nachttisch, und ich nehme es an den Abenden immer wieder zur Hand, um einige Abschnitte darin zu lesen. Manchmal stelle ich dann fest, dass ich zu müde bin, um den klugen Gedanken zu folgen – mindestens genauso oft aber hilft es mir, das Geplänkel des Tages oder die vermeintlich so wichtigen Probleme eines beruflichen Alltags hinter mir zu lassen und wenigstens noch für eine kleine Weile eine andere, tiefere, reichere geistige Sphäre zu betreten.

Es ist kein Buch, das man am Stück liest, es hat kein Thema und keine roten Faden – außer das philosophische Fragen, außer den philosophischen Blick auf die Welt überhaupt, jenen Blick, der sich unablässig müht, hinter die Oberfläche der Dinge zu deren Wesen vorzudringen, und der sich zugleich immer schon Rechenschaft darüber gibt, dass dies nie ganz und gar gelingen wird. Heinz Robert Schlette nennt sein 2014 im Lit Verlag Berlin erschienenes Buch im Untertitel Notierungen in philosophischer Absicht. Es handelt sich um die (ausgewählten) Aufzeichnungen (fast) eines ganzen Lebens, begonnen im Jahr 1965 und endend 1999. Die Aufzeichnungen hätten primär der eigenen Vergewisserung und der Erinnerung dienen sollen, schreibt der Autor im Vorwort, wenngleich die Veröffentlichung nie von vornherein ausgeschlossen gewesen sei. Ich fühlte mich dabei sogleich an die Carnets, die Arbeitstagebücher von Camus erinnert, auch wenn das thematische Spektrum bei Schlette ein anderes, vielleicht vielfältigeres ist. Titelgebend ist ein Eintrag vom 22. Mai 1991:

Die Ambivalenz, das Zwielicht, das clair-obscur ist die Fundamentalkondition unserer Existenz; nicht die Eindeutigkeit, das Entweder-Oder.“ (1)

Solche Sätze sind es, über die es nachzudenken gilt, die man als Gedankenanstoß mitnehmen kann. Keine rasch konsumierbaren „philosophischen Lebensweisheiten“, die einem das Leben einfacher machen. Mehr als dass er Gewissheiten verkünden würde, vermittelt Heinz Robert Schlette einen Eindruck von den Unsicherheiten des Philosophierens und zeigt was es bedeutet, ein Leben lang zu suchen und zu fragen „nach so etwas wie existentieller Klarheit in einem unverstehbaren Leben“ (2). Das Anerkennen der Widersprüchlichkeiten und Zerrissenheiten der menschlichen Existenz und das Ringen damit – das ist der Kern (und dann vielleicht doch so etwas wie ein roter Faden) dieser Aufzeichnungen, die gleichwohl von großer thematischer Vielfalt sind. Da gibt es immer wieder Reisebeobachtungen, wiederholte Aufenthalte in Paris, in Italien, in Südfrankreich, oft verbunden mit klugen Betrachtungen zu Kunst und Architektur. Zeitgeschichtlich Bedeutendes wie die Ermordung John F. Kennedys und die Attentate auf Martin Luther King und Rudi Dutschke. Persönliche Begegnungen, etwa mit Simone Weil, Emil Cioran oder Jean Améry. Und auch einige fach-philosophische Debatten, bei denen sich der lesende Laie dann schon ziemlich nach der Decke strecken muss. Aus meiner Sicht sind es aber weniger diese als die von den Alltagsbeobachtungen ausgehenden Gedanken, von denen man lernen kann, was philosophisches Fragen bedeutet, an denen man erfahren kann, wie es ist, wenn einer hinter die Dinge schaut.

Immer wieder begegnen wir in diesen Aufzeichnungen auch Camus – ausdrücklich, etwa bei wiederholten Besuchen an seinem Grab in Lourmarin oder wenn der Autor eigene Beobachtungen und Gedanken mit jenen von Camus abgleicht. Ich für meinen Teil meine ihn aber noch weitaus öfter darin angetroffen zu haben, verspürt man doch eine unverkennbare geistige Nähe zu ihm in vielen Gedanken und Beobachtungen von Heinz Robert Schlette – nicht nur in jenen des Zweifelns und Haderns, sondern auch im Sinn für die Schönheit von Natur und Kunst und für die glücklichen Momente, die sie uns zu schenken vermögen.

„Camus verbindet wie ein gemeinsamer Freund“ habe ich einmal (oder auch schon öfter) gesagt, und Camus habe ich es auch zu danken, dass er die Begegnung mit Heinz Robert Schlette gestiftet hat. Durch seine Schriften zu Camus hatte ich mich einst als Camus-Doktorandin natürlich schon längst hindurchgearbeitet, als ich ihm vor vielen Jahren anlässlich eines Vortrages in Wuppertal erstmals tatsächlich begegnete und ihm von meiner Arbeit erzählte. Dass da jemand das „dritte Stadium“ im Werk von Camus bearbeitet hatte, interessierte ihn sogleich brennend, er bat um eine Kopie meiner Dissertation und schrieb mir wenig später einen seiner langen, aufmerksamen, handgeschriebenen Briefe, in dem er mir dringend nahelegte, dies einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen. Aber mein beruflicher Lebensweg war schon zum Journalismus abgebogen, dessen Tagesgeschäft mich ganz und gar in Beschlag nahm. Dass dann so viele Jahre später doch noch einmal ein Buch aus dieser Arbeit geworden ist, verdanke ich auch und nicht zuletzt der liebenswürdigen Hartnäckigkeit von Heinz Robert Schlette. Mehr als zehn Jahre lang gab er nicht auf, mich in größeren Abständen immer wieder einmal mit der Nase darauf zu stoßen – einige Male, als verfüge er über telepathische Fähigkeiten, just dann, wenn ich gerade dabei war, den Gedanken daran endgültig fallenzulassen. Und als ich schließlich doch noch einmal das Pack-Ende gefunden hatte und mir eine berufliche Auszeit für Camus hatte nehmen können, war er es, der den Kontakt zu einem ihm befreundeten Verlag herstellte und so dafür sorgte, dass mein Buch noch im Camus-Jahr 2013 erscheinen konnte.

Mit dem Alter mag der Radius der körperlichen Beweglichkeit kleiner geworden sein, seine geistige Beweglichkeit ist es nicht. Und auch wenn die Sehkraft abgenommen hat – sein Blick ist ebenso klar und kritisch wie eh und je, sein Urteil scharf und unbestechlich. Nie haben ihn die Unsicherheiten des Philosophierens und die Zweifelhaftigkeit der Antworten davon abgehalten, weiter zu fragen – ein Leben lang.

Zu seinem heutigen Geburtstag schicke ich ihm die allerherzlichsten Grüße und sage: Merci, Professor Schlette, et joyeux anniversaire!

(1) Heinz Robert Schlette: Existenz im Zwielicht. Notierungen in philosophischer Absicht, Lit Verlag, Berlin 2014, S. 1, (2) a.a.O., S. 2.

Zur Person: 
Heinz Robert Schlette wurde am 28. Juli 1931 in Wesel am Niederrhein geboren. Er promovierte in Katholischer Theologie (1958) und Philosophie (1959). Von 1962 bis 1996 hatte er einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Bonn inne. Heinz Robert Schlette ist der Doyen der deutschen Camus-Forschung. Seine beeindruckende Liste an Veröffentlichungen umfasst darüber hinaus jedoch auch zahlreiche weitere Themen aus Philosophie, Theologie, Politik und Kultur.

Schriften von Heinz Robert Schlette zu Camus:

Der Philosoph Albert Camus, in: Hochland 52 (1959/60), 387-389
Albert Camus – Denker der Freiheit, in: Hochland 53 (1960/61) 561-567
Albert Camus‘ erste Auseinandersetzung mit dem Christentum, in: Orientierung 31 (1967) 219-222; auch in: Aporie und Glaube (1970)
Albert Camus heute, in: Aporie und Gaube (1970) 79-101
Albert Camus: Revolte und Revolution, in: Universitas 29 (1974) 391-398
Albert Camus und „die Araber“,
in: Zeitgeschichte 2 (1974) 1-8
Wege der deutschen Camus-Rezeption. 
Darmstadt 1975
Camus‘ Aktualität im Spannungsfeld der Antithese „Natur – Geschichte“, in: Der unbekannte Camus. Zur Aktualität seines Denkens. Hg. von Michael Lauble. Düsseldorf 1979, 106-138
René Char, Heidegger und Camus,
in: NZZ vom 30. 11. 1979
Albert Camus. Welt und Revolte
. Freiburg/ München 1980
„Geben – nicht Hassen“. Zur Friedensformel von Albert Camus, in: Orientierung 48 (1984) 266-268, auch in: Der Sinn der Geschichte von morgen, 1995
Jean Grenier – Nicht nur der Lehrer Camus‘, in: Orientierung 50 (1986) 204-206
Albert Camus: L’Homme révolté, Einführung und Register. Essen 1987 (Hg. gemeinsam mit Martina Yadel)
Geschichtsphilosophie und politische Philosophie in „L’Homme révolté“, in: Albert Camus: L’Homme révolté. 1987, 9-41; auch in: Der Sinn der Geschichte von morgen, 1995
Erkenntnis und Erinnerung. Albert Camus’ Pest-Chronik; Interpretation und Aktualität. Königswinter 1988 (Hg.)
Albert Camus: Revolte und Geheimnis (secret/mystère), in: Helenas Exil. Albert Camus als Anwalt des Griechischen in der Moderne, Stuttgart 1991
Helenas Exil. Albert Camus als Anwalt des Griechischen in der Moderne. Stuttgart 1991 (Hg. gemeinsam mit Franz Josef Klehr)
Albert Camus und „die Griechen“. Zum Europa-Bild in „L’Homme révolté“, in: Orientierung 55 (1991) 152-158; auch in: Der Sinn der Geschichte von morgen, 1995
Der Camus der fünfziger Jahre. Stuttgart 1997 (Hg. gemeinsam mit Franz Josef Klehr)
Der Sinn der Geschichte von morgen. Albert Camus‘ Hoffnung. Frankfurt/M. 1995
„La Russie sera belle“. Bemerkungen zu Albert Camus‘ Drama „Les Justes“, in: Theologie zwischen Zeiten und Kontinenten. Festschrift für Elisabeth Gößmann. Hg. von Theodor Schneider/ Helen Schüngel-Straumann. Freiburg/Basel/Wien 1993, 211-222; auch in Der Sinn der Geschichte von morgen, 1995, sowie in: Elend, Blume und Stern, Königswinter 2010
Zur Interpretation der Natur bei Camus, in: Die Gegenwart des Absurden. Studien zu Albert Camus. Hg. von A. Pieper. Tübingen/Basel 1994, 87-102; auch in: Der Sinn der Geschichte von morgen, 1995.
Erfolg eines Fragments: Albert Camus‘ unvollendeter Roman „Der erste Mensch“, in: Orientierung 60 (1996) 49-51
„Mein Reich ist von dieser Welt” : das Menschenbild Albert Camus‘. Stuttgart, Berlin, Köln 2000 (Hg.)
Camus‘ Père Paneloux und die Aporetik des Leidens, in: Vergewisserungen. Aufsätze zur Lage der Philosophie und des Christentums. Königswinter 2002
Absturz und Zwielicht. 50 Jahre „La Chute“ von Albert Camus. Bensberg 2008
Der Künstler und seine Zeit. Zu Camus‘ Vorträgen in Schweden. Königswinter 2010
Zur Kritik des «philosophischen Selbstmords» bei Camus, in: Notwendige Verneinungen. Auf der Suche nach dem Gültigen. Königswinter 2011.

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3 Kommentare zu 84 Jahre Existenz im Zwielicht – Joyeux anniversaire, Professor Heinz Robert Schlette!

  1. Menini Claudie sagt:

    Cher Professeur Schlette,
    Tous mes meilleurs voeux depuis Lourmarin.
    Amitiés sincères et reconnaissantes.
    C.Menini

  2. Ruth Schlette sagt:

    Liebe Frau Reif, ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte Heino sich nicht ausdenken können! Die Überraschung war perfekt. Und nicht nur ich, wohl alle, die ihn kennen, können sein Vergnügen beim Lesen nachvollziehen. Ich soll Ihnen auf diesem Weg über die Wolken schon mal ganz herzlich danken. Ein ausführlicher Dankesbrief wird folgen.
    Danke, auch von mir, für diese Freude.
    Ruth Schlette

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Liebe Frau Schlette, Freude schenken zu können ist ja noch schöner, als selbst ein Geschenk zu bekommen und deshalb auch schon wieder ein Geschenk. Vielen Dank für Ihre lieben Worte! Ihre Anne-Kathrin Reif

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