Die Briefe von Albert Camus und Maria Casarès – was für ein Geschenk!

Hätte ich auf das Wiederauftauchen meines bei DHL verschollenen Exemplars des kürzlich erschienenen Briefwechsels von Albert Camus und Maria Casarès gewartet, könnte ich immer noch nicht mit dem dicken Wälzer und einem Kaffee im Garten sitzen. Aber da der Rowohlt-Verlag so nett war, mir ein zweites Presseexemplar zu schicken, kann ich mich jetzt endlich hineinvertiefen. Und das ziemlich wörtlich, denn schon die ersten Briefe (allesamt von Albert Camus, da die Antworten von Maria Casarès in der ersten Phase ihres Briefwechsels 1944 nicht erhalten sind) üben auf mich den Sog einer Untiefe im offenen Meer aus. Die Bedingungslosigkeit, mit der Camus sich in diese Liebe stürzt, ist atemberaubend, sein Bitten, Flehen, Fordern, Warten, Hoffen, Bangen, Leiden ist bestürzend. In der Tat: So kannten wir ihn nicht.

Das konstatieren auch so ziemlich alle Rezensenten und Rezensentinnen, die als Grundlage ihrer unverzüglich erschienenen Kritiken wohl kaum alle die kompletten 1569 Seiten gelesen haben können. Natürlich erwartet man das auch nicht, man erwartet, dass eine Rezension zeitnah zur Veröffentlichung erscheint. Zum Glück habe ich mein Leben als Tageszeitungsredakteurin hinter mir gelassen und brauche mich an solcherart Spielregeln nicht mehr zu halten.

Vielmehr werde ich überhaupt keine Rezension schreiben. Denn schon nach den ersten Seiten (aber eigentlich sogar schon vor den ersten Seiten) ist mir klar geworden: Ich finde eine klassische Rezension, zu der immer auch das Auseinandernehmen und Bewerten gehört (egal in welcher Richtung), in diesem Fall einfach unangemessen. Camus schreibe bisweilen auf eine „geradezu Bittsteller-hafte Weise“ und verwende dabei das Wort ,Liebe‘ „in geradezu inflationärer Häufung“ (Peter Hennig im Deutschlandfunk). Maria Casarès strahle in ihren Briefen „eine kämpferisch heitere Weltbejahung aus“, während Camus sich gern „in grimmige Absolutheitsansprüche an diese neue Liebschaft“ verbeiße (Josef Hanimann in der Süddeutschen Zeitung). Maria Casarès bespiele „das vorrätige Pathos-Repertoire romantischer Leidenschaft absolut perfekt, inbrünstig, humorvoll, selbstbewusst, verspielt und sehnsüchtig“. Camus probiere auf der Suche nach einer Sprache der Liebe für ihn ungewöhnliche Töne aus – heraus komme (von mir kurz zusammengefasst) eine „von sich selbst berauschte Liebesrhetorik“ und „erhabener Balzgesang“ des untreuen Ehemannes an seine „Hauptmäträsse“ (Iris Radisch in Die Zeit). Ich will nicht verschweigen, dass die geschätzten Feuilletonisten sich allesamt auch beeindruckt und bewegt äußern („Über das Ende dieser großen Liebe kann man nur weinen“, Radisch; „Ihre Aufrichtigkeit ist fabelhaft“, Hanimann; ein „mitreißendes Dokument einer der großen Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts“, ein „hymnisches, ja, überreiches Traum- und Liebesbuch“, Hennig).

Aber ich frage mich mit jeder Seite, die ich lese, mehr: Was denn, bitteschön, gibt uns das Recht, hier überhaupt irgendetwas zu bewerten, zu beurteilen? Diese Briefe sind nie für andere Augen bestimmt gewesen als die des geliebten Adressaten. Sie sind höchst intime Bekenntnisse, mit denen sich die Schreibenden schonungslos dem anderen offenbaren, in denen sie sich ungeschützt zeigen, verletzbar und buchstäblich nackt. Dass wir jetzt so viele Jahre später daran teilnehmen dürfen ist schlichtweg ein Geschenk. Sie jetzt unter die Lupe eigener moralischer oder ästhetischer Maßstäbe zu legen erscheint mir…ich weiß kein anderes Wort als dieses altmodische: unanständig.

Wie beeindruckend ist dagegen die Großherzigkeit von Catherine Camus, der wir die Veröffentlichung der Briefe verdanken, und die ihr Vorwort beschließt mit den Worten:
Danke ihnen beiden. Ihre Briefe machen die Erde größer, den Raum leuchtender, die Luft leichter, weil sie gelebt haben.“

Ihrem Dank schließe ich mich gerne an. Und füge hinzu: Danke, Catherine Camus.

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P.S. Eine Rezension wird es also von mir nicht geben. Gut möglich aber, dass ich den ein oder anderen Gedanken bei der Lektüre gerne mit meinen Blogleserinnen und -lesern teilen möchte. Wir werden sehen.

***

Albert Camus – Maria Casarès. Schreib ohne Furcht und viel. Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959. Übersetzt von Claudia Steinitz, Andrea Spingler und Tobias Scheffel. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2021, 1568 Seiten, 50 Euro. Infos und Leseprobe hier.

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4 Antworten zu Die Briefe von Albert Camus und Maria Casarès – was für ein Geschenk!

  1. Sebastian Luft sagt:

    Im Prinzip d’accord, aber so mancher Briefwechsel ist durchaus schon beim Schreiben mit Blick auf Veröffentlichung geschrieben (Goethe-Schiller). Viele Briefeschreiber/innen vernichten ja daher auch gelegentlich die Briefe, wenn sie partout nicht wollen, dass sie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen… Man sollte also dankbar sein, dass das nicht geschehen ist.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Sebastian, schon klar, nur DIESE Briefe waren ganz sicher nicht zur späteren Veröffentlichung bestimmt. Insofern bin ich ganz bei dir: dankbar, dass sie nicht vernichtet wurden UND dankbar, dass wir sie nun auch noch lesen dürfen. Liebe Grüße! P.S.: Freut mich, dass du hier mitliest!

  2. PIERRE SCHOTT sagt:

    Chère,
    Lire ces Correspondances, petit à petit, en parallèle avec les Carnets : dur „labeur“, mais ça m’a permis d’approcher quelque peu l’Albert intime, me l’a rendu plus humain. Au final, en suis ressorti triste aussi : je n’ai jamais pu oublier, durant toute cette lecture, la désespérance de la pauvre Francine – on est si facilement une Francine…
    Tendresses de Manosque,
    Pétrus

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Cher Pierre, je suis d’accord… Mais je suis sûr que ça n’a été facile pour aucun d’entre eux. On est aussi si facilement une Maria et attends, et attends…. ou un Albert qui se déchire…J’ai aussi eu l’idée de lire les journaux intimes en parallèle, mais je ne les ai pas sous la main à la résidence secondaire pour le moment… Tendresses de Molsberg, Westerwald, Anne-Kathrin

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