„Bon anniversaire, mon chéri“

7. November 1949. Maria Casarès an Albert Camus

Mein Geliebter. Mitternacht ist gerade vorbei. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Liebling.

Trotz unserer Entfernung, trotz der nahen Zukunft, die uns bevorsteht, trotz allem und trotz aller, verbringe ich diesen Abend in Frieden: Ich bin glücklich. 


Ich bin hier inmitten unserer Unordnung, und du bist überall um mich herum. Es ist schön in meinem Taubenhaus, und die Luft riecht himmlisch. 
Ich glaube an Dich, und wenn ich auch aus Müdigkeit und Verwirrung an Deiner Liebe zweifeln konnte, so ist mir der Gedanke, dass Du mich hättest belügen können, nie in den Sinn gekommen.
Ich gehöre ganz und gar dir, und ich weiß, dass sich meine Gefühle für dich niemals ändern werden.
Heute Abend, mein Liebster, finde ich ein Gesicht, das ich so gerne oft sehen möchte. Es ist reich. Ich danke dir, mein Schatz. Niemand auf der Welt war je in der Lage, mir einen solchen Blick zu schenken.
Ich liebe dich, mein Liebling. Ich liebe dich mit meiner ganzen Seele, mit all meiner Kraft. Ich möchte dich bei mir haben und dieses neue Jahr mit dir zusammen angehen. Dieses Mal werde ich nicht in Deinen Armen liegen, aber wenn Du Deine Augen schließt, wirst du zu jeder Tageszeit meine Finger auf Deinen Lippen spüren.*

„Mon amour. Minuit vient de passer. Bon anniversaire, mon chéri.

Malgré notre éloignement, malgré l’avenir proche qui se prépare pour nous, malgré tout et malgré tous, ce soir qu’on me laisse en paix: je suis heureuse.
Je suis là au milieu de notre désordre et tu es partout autour de moi. Il fait bon dans mon pigeonier et l’air sent le paradis. 
Je crois en toi et si j’ai pu, par lassitude et égarement, douter de ton amour, jamais la pensée que tu eusses pu me mentir ne m’a effleurée. 
Je suis entièrement à toi et je sais que plus rien ne changera mon sentiment pour toi.
Ce soir, mon cher amour, je me trouve un visage que j’aimerais regarder souvent. Il est riche. Merci, mon chéri. Personne au monde n’a jamais réussi à me donner un tel regard.

Je t’aime. Je t’aime de toute mon âme, de toutes mes forces. Je voudrais t’avoir contre moi et faire face avec toi à cette nouvelle année qui se présente. Cette fois-ci je ne serai pas dans tes bras, mais si tu fermes les yeux, à n’importe quel moment de la journée tu sentiras sur tes lèvres mes doigts.
(…)“*

*Maria Casarès an Albert Camus, 7. November 1949. Albert Camus – Maria Casarès. Correspondance 1944-1959. Texte établi par Béatrice Vaillant. Avant-Propos de Catherine Camus. Éditions Gallimard, Paris 2017, p. 181. Übersetzung: Anne-Kathrin Reif

Ein bisschen fühle ich mich beim Lesen dieser Liebeszeilen wie jemand, der an der Tür gelauscht hat. So intim, so ganz und gar nur für den Geliebten gedacht waren diese Worte, zumal bei dieser mehr oder weniger geheimen, auf jeden Fall nicht ganz und gar offiziellen Liebe. „Nicht geliebt zu werden ist nur misslicher Zufall, nicht zu lieben aber ist Unglück“, schrieb Camus an anderer Stelle (**). In diesen Zeilen aber ist das ganze Glück präsent, das zu lieben und das, geliebt zu werden. Was für eine Fülle. Was für eine Kraft. Und auch, wenn es sich hier doch um eine ganz private Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen handelt: Ich bin überzeugt davon, dass Menschen, die so zu lieben verstehen, die Welt durch ihre pure Existenz ein bisschen besser machen. Sogar dann noch, wenn wir ihnen ihre Worte mit einer Zeitverzögerung von über 70 Jahren nicht hinter der Tür, sondern zwischen zwei Buchdeckeln ablauschen.

Merci Maria, merci Albert – et bon anniversaire!

** Albert Camus, Heimkehr nach Tipasa, Literarische Essays, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S.176

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3 Antworten zu „Bon anniversaire, mon chéri“

  1. Sebastian sagt:

    Das teile ich. Sehr schön und voll der Poesie.

    Aber was hat Francine dazu gesagt? Geht mir auch so ganz spontan durch den Kopf…

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Sebastian, tja, was hat Francine dazu gesagt… Wir wissen es nicht. Die Briefe wird sie zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht gekannt haben, aber ihre ganz persönliche Welt hat diese Liebe sicher nicht besser gemacht. Wie schön und einfach für uns wäre es, wenn wir wüssten: Dieser Briefwechsel Camus-Casarès ist das Zeugnis einer großen UND exklusiven, lebenslangen UND treuen Liebe. Camus würde mit einem Schlag vom Held des Absurden zum strahlenden romantischen Helden. Und ganz ehrlich? Fast bin ich froh, dass es nicht so ist. Dass er (oder besser: die beiden) uns vielmehr auch mit dieser Liebe herausfordern, uns Brüche und Widersprüche vor Augen halten und uns fordern, über die Grenzen unserer eigenen Vorstellungen hinauszudenken. Mit herzlichem Gruß, Anne-Kathrin Reif

      • PIERRE SCHOTT sagt:

        ACH YA : FRANCINE ! DAS SCHICKSAL MANCHER: NACH DEM GLÜCK, DIE WUNDEN! UM IHNEN ZU ENTGEHEN, MÜSSTE DAS LEBEN NUR FÜR DIE ZEIT EINER LIEBE BESTEHEN, NUR EINE…

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