Wie Camus die Wünsche beim Schwanz packte

Picasso im Jahr 1962. Foto: Argentina. Revista Vea y Lea

Picasso im Jahr 1962. Foto: Argentina. Revista Vea y Lea

Gerade erst erwähnte ich im letzten Beitrag eher beiläufig die Verbindung zwischen Camus und Picasso, da gibt es heute einen Anlass, noch einmal genauer hinzusehen: Heute, am 8. April vor 40 Jahren, verstarb das Künstler-Genie Pablo Ruiz Picasso im Alter von 91 Jahren im südfranzösischen Mougins. Beigesetzt wurde er im Garten seines Schlosses Vauvenargues bei Aix-en-Provence, unweit von Camus’ letztem Wohnort Lourmarin. Ganz abgesehen davon, dass es in den Künstler- und Intellektuellenzirkeln der 1940er-Jahre, als Picasso und Camus sich beide in Paris aufhielten, sowieso alle möglichen Überschneidungen gab und man sich in den selben Nachtlokalen und Cafés begegnete, wo die neuesten Werke der jeweils anderen diskutiert wurden, gibt es die schon erwähnte ganz direkte Verbindung zwischen Camus und Picasso anlässlich der Uraufführungslesung von Picassos Theaterstück Le Désir attrapé par la Queue (Wie man Wünsche beim Schwanz packt). Was für eine illustre Runde kam da zusammen in der Wohnung des Schriftstellers und Ethnologen Michel Leiris am 19. März 1944, eine private Zusammenkunft im besetzten Paris: unter den Zuschauern Jean-Louis Barrault, Georges Braque, Henri Michaux und weitere Künstler und Intellektuelle, erzählt der Camus-Biograf Olivier Todd (1). Und dann erst die Besetzung! Camus übernimmt die Regie und verteilt die Rollen: Leiris ist Der Plumpfuß, Sartre Das Klümpchen, Simone de Beauvoir Die Kusine, Picassos Muse Dora Maar ist  Die magere Angst und Raymond Queneau Die Zwiebel. Weitere Protagonisten: Die Torte, Die fette Angst, Das Schweigen, Die beiden Wauwaus. Wie man schon unschwer an den Rollen erkennt, handelt es sich nicht um ein konventionelles Drama, sondern eher um ein surrealistisch-dadaistisches Stück, allerdings auch mit realististischen Elementen. Picasso nutzte dabei die surrealistische Technik des automatischen, assoziativen Schreibens im Sinne der von André Breton adaptierten écriture automatique. Die Lesung begann um 17 Uhr und endete um 23 Uhr, eine Stunde vor Beginn der Ausgangssperre. Einige Wochen später, am 16. Juni 1944, lud Picasso die ganze Runde in sein Atelier in die Rue des Grands-Augustins Nr. 7 ein, wo der Fotograf Brassaï sie im Bild festhielt (wohl deshalb kann man gelegentlich lesen, Uraufführung des Stücks sei am 16. Juni gewesen). Das Foto würde ich hier natürlich gerne zeigen, aber da ich nicht über die Bildrechte verfüge, muss ich auf diejenigen verweisen, die sich darum nicht kümmern; z.B. hier. Jedenfalls sieht man darauf (von links nach rechts): Jacques Lacan (für den sich angeblich Simone de Beauvoir besonders interessierte), Cécile Eluard, Pierre Reverdy, Louise Leiris, Zanie Aubier, Picasso mit verschränkten Armen in der Mitte, Valentine Hugo und Simone de Beauvoir; davor sitzend, mit Pfeife, Jean-Paul Sartre, Michel Leiris, Jean Aubier und auf dem Boden hockend in der Mitte Camus. Alle schauen mehr oder weniger konzentriert in die Kamera des Fotografen, nur Camus scheint Kazbek interessanter zu finden, den großen wuscheligen Hund Picassos, der in der Mitte der Runde auf einem kleinen Teppich sitzt. Gut möglich, dass Brassaï deshalb noch ein paar Mal mehr auf den Auslöser drückte, denn es gibt auch noch eine Version ohne Hund, und jetzt schaut auch Camus in die Kamera. Bemerkenswert ist die Zusammenkunft bei der Uraufführung auch noch aus einem anderen Grund: Unter den Zuschauern befand sich auch eine sehr attraktive junge Schauspielerin, die 22jährige Maria Casarès – möglicher Weise die erste Begegnung zwischen Camus und seiner späteren lebenslangen Geliebten (1). Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

(1)  vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 371.
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Ein Kommentar zu Wie Camus die Wünsche beim Schwanz packte

  1. miRé sagt:

    Liebe Anne-Kathrin, sie heben die illustre Runde hervor, die Camus auf diesem Foto umgibt. Der Charakterzug des Albert Camus, der Ihn für mich so interessant und als Vorbild erscheinen lässt, ist der, dass er auf die Teilnahme dieser illustren Runden keinen Wert gelegt haben könnte. Er, der Mann aus einfachen Verhältnissen, Sohn eines Landarbeiters, Kriegswaise, seine Mutter Analphabetin, Enkel einer ihn prügelnden Großmutter; keine Umgebung mit Zugang zur Bildungserziehung und daher auch mutmaßlicher Ursprung der geradlinigen, handfesten und zurückhaltenden philosophischen Herangehensweise Camus‘.
    In „der Fall“ lässt er einen der Protagonisten schließlich aussprechen, der Beruf einer Person lasse kein Urteil über diese Person zu, beeindrucke ihn mithin nicht. Der „Pariser Runde“ hingegen kann man an mancher Stelle schon zuweisen, Kunst für die Kunst zu betreiben. Sartre , Abkömmling aus dem Großbürgertum, sieht sich für eigene philosophische Abhandlungen geradezu von Hause aus berufen. Und begrüßt Camus es, in Sartres und de Bevoirs Gesellschaft zu sein, obwohl die Lebensgefährtin des „Huis-Clos“ Autors zeitweise für Radio Vichy (Radio Nationale) arbeitet und weitere Aktivitäten mancher Teilnehmer dieser Pariser Runde höchstens als eine indirekte Resistancebewegung bewertet werden können? Ganz im Gegensatz zum Schreiber der Resistancezeitung Combat.

    Ich mag daher folgende Interpretation dieses Fotos: Das treue, einfache Wesen des Hundes, ist Camus in dieser Gesellschaft am nächsten und erhält daher bei Entstehung des Fotos seine Aufmerksamkeit. Camus widerstrebt es, Teil dieser Pariser Runde zu sein. Er befindet sich im Exil.

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