Von zärtlicher Gleichgültigkeit der Welt und tendresse humaine (aus meinem Tagebuch)

Capoliveri/Elba. Es gibt keine Wiederholungen, und man holt die Vergangenheit nicht ein. Dennoch ist es ein neuerliches Glück, an einen Ort zurückzukehren, an dem man vor langer Zeit glücklich gewesen ist, und ihn ohne allzu große Veränderungen vorzufinden. Gewiss, es gab die Umgehungsstraße nicht, nicht diesen gigantischen Parkplatz und auch nicht den sieben Tage die Woche geöffneten Riesen-Supermarkt, der längst den kleinen Metzger und den Gemüsehändler von der Piazza vertrieben hat, in dessen Ladenlokal jetzt eine von vier Eisdielen eingezogen ist, die es früher auch nicht gab, genauso wenig wie die erstaunliche Anzahl an Restaurants, Bars und Boutiquen. Zweifellos gibt es zahllose Ferienhäuser, Appartmentanlagen und auch Villen mehr, aber sie verstecken sich hinter großen, alten Pinien oder hinter hohen Hecken von verschwenderisch blühenden Bougainvilleen und Oleander und verschwinden schon aus geringer Entfernung betrachtet in dichtem Grün. Nirgendwo sind Hotelanlagen in die Höhe geschossen, die dem Auge und der Seele wehtun, wenn man den Blick von den Höhen hinab endlos über das Meer und die Hügel gleiten lässt. Dieses leuchtende Meer und diese grünen Hügel, über denen sich der kantige, kahle Rücken des Monte Capanne erhebt… alles ist da, wie es immer da gewesen ist.

Und da schnurren auf einmal all die vielen Jahre zusammen, da reihen sich all die über Abstände von Jahren hinweg gesammelten Augenblicke aneinander und fädeln sich auf, und Erinnerungen stehen plötzlich lebendig da, die vergessen waren.

Ich denke daran, wie ich einmal an einem Abend allein in dieser kleinen Pizzeria saß… und wünschte nichts mehr als dieses Bild zeichnen können, dieses Schauspiel mit meinen Augen filmen, das sich da vor mir abspielte… und dann doch dachte, ich sollte lieber gehen, sonst breche ich noch an Ort und Stelle in Tränen aus vor Rührung und weil das Herz schier platzen will. – Wie sie sich jetzt wieder anschauen… Sie schaut schmollend zur Seite… Dann streicht er wieder zärtlich über ihre Wange… Und schon bricht wieder ein lautes Argumentieren aus, mit Gesten und Zeichen und wieder und wieder wiederholten Sätzen… „Beh!“ Sie hat ja längst verstanden. Aber sie fährt trotzdem, morgen mit dem Autobus nach Follonica zu ihrer Schwester. Die ist 97. Sie ist 90. „Warum fährst du?“ – „Warum? Weil es die Familie ist.“ – „Aber die anderen kommen nie!“ – „Eh, beh!“ – Mit einer entschiedenen Bewegung ihrer runzligen kleinen Hand wischt sie das in der Luft hängende Argument weg. Ihm bleibt nichts anderes, als ihr nochmals den Zettel zu erklären: Die erste Telefonnummer: die der Nichte zuhause. Die zweite: seine. Die dritte: die von der Pizzeria, wo sie immer jemanden erreicht. – Wieder streicht er ihr über den Kopf, das heißt übers Kopftuch, das sie unterm Kinn zusammengebunden hat, Blumenmuster auf schwarzem Grund. – „Eh, basta! Basta!“, wehrt sie ihn ab, schlägt nach ihm, um ihn gleich wieder zärtlich anzuschauen. Und er, der selbst nicht mehr jung aber doch auf nicht zu schätzende Weise erheblich jünger ist als sie, versucht’s noch mal, will sie mit dem Auto hinfahren, aber „basta! basta, ho detto! Mi fai arrabbiare“, zischt sie zwischen ihrem schlecht sitzenden Gebiss hervor, und er zerschlägt eine imaginäre Pizzaschachtel auf ihrem Kopf, und sie schnappt nach seinen Eiern. Drei Minuten Schweigen. Und dann von vorn. Sie hat doch schon das Biglietto für den Autobus, das könne man schließlich nicht verfallen lassen. „È vero?“ Entschlossen zieht sie ihr gehäkeltes Schultertuch fester um sich, schaut zur Seite. Immer, wenn er das Gespräch wieder aufnehmen will, schlägt er ein paar Mal mit der Hand auf ihre Schulter, damit sie ihn wieder ansieht, sonst versteht sie ja sowieso nichts, halb taub wie sie ist. „90 Jahre alt, und arbeitet den ganzen Tag, ich bin wie verrückt verliebt in sie,“ ruft er in meine Richtung als einzigem Gast in der Pizzeria an diesem Vorsaisonabend aus, „ich sehe sie jeden Morgen und jeden Abend, und jetzt will sie drei Tage alleine weg, sie wird mir so fürchterlich fehlen!“ Aber sie wird fahren, mit dem Autobus, stur wie ein alter Esel. „Ich fahre dich hin“, versucht er es noch einmal und zupft zärtlich ihre Tücher zurecht. Mà il biglietto…

Ich habe die beiden dann allein gelassen… Wahrscheinlich saßen sie dort bis zum Morgen… Und ich wünschte, sie säßen immer noch da, denn so viel Liebe habe ich nie wieder gesehen.

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2 Kommentare zu Von zärtlicher Gleichgültigkeit der Welt und tendresse humaine (aus meinem Tagebuch)

  1. Willy Stucky sagt:

    Sehr geehrte, liebe Frau Reif

    Sie haben uns an einem wunderbaren eigenen Text teilnehmen lassen. Auch wenn sie natürlich selbst beurteilen können, dass Ihr Text auf diesem Forum von allgemeinem Interesse sein könnte, braucht es Mut, ihn zu veröffentlichen. Kommt dazu, dass insbesondere dessen zweiter Teil meines Erachtens durchaus aus der Feder von Camus stammen könnte – nur klingt er halt nicht französisch. Es wäre gewiss der Mühe wert, Ihren poetisch-lakonischen Tagebucheintrag ins Französische zu übersetzen und daraufhin ein paar inhaltliche und stilistische Vergleiche zu wagen. Kurz, ich bin beeindruckt, in welchem Ausmass Sie sprachlich Camus leben.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Stucky, ganz herzlichen Dank! Der Blog ist meine Spielwiese und ich schreibe einfach, was mir Spaß macht… Mut braucht es dafür wohl nicht, aber ich freue mich doch, wenn es in den unendlichen Weiten des Web irgendeine Resonanz hervorruft. Auch ein „allgemeines Interesse“ habe ich keineswegs vorausgesetzt, allerdings hatte ich die Hoffnung, dass mindestens die Camus-Freunde bemerken würden, wie viel Camus drinsteckt, auch wenn’s nicht eigens draufsteht. Bei Ihnen ist das ganz offenbar der Fall, was mich freut. Mit herzlichem Gruß von der Insel, Anne-Kathrin Reif

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