Von echtem und falschem Gezwitscher und der Sehnsucht, die Füße in den Sand zu graben

Wandern durch die Macchia, Rosmarinduft in der Nase. Und garantiert kein Mobilfunknetz. ©Foto: A-K. Reif

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zum ersten Mal den großartigen, an Camus‘ Erzählung Der Gast angelehnten Film Loin des hommes (Den Menschen so fern) anschaute. Ich saß mit einigen Freunden im Kino und war vollkommen versunken in die Szene, wo Daru und Mohammed stundenlang schweigend durch das Atlas-Gebirge marschieren. Es überwältigte mich geradezu, wie die Filmbilder die Erhabenheit der Landschaft und die Einsamkeit der Menschen einfangen, vielleicht hatte ich nie zuvor so sinnlich begriffen, was Camus vor Augen hatte, wenn er von der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dem Menschen schrieb und davon, wie die Fragen des Menschen vom Schweigen der Welt abgewiesen werden. In dem Moment raunte mir meine neben mir sitzende Freundin zu: „Und die gucken nie auf ihr Handy“. – Damals fand ich das unpassend, ein bisschen zu flapsig, und fühlte mich von dem Gedanken ein wenig gestört, für mich existierten in dem Moment keine Handys, so tief war ich eingetaucht in die Filmwelt, in der es naturgemäß keine Mobiltelefone gab.

Im Paralleluniversum der digitalen Welt

Heute muss ich daran denken und weiß, wie sehr ich meiner Freundin damals Unrecht getan habe – hatte sie doch etwas von immenser Tragweite mir ihrer Bemerkung auf den Punkt gebracht. Seit zwei Wochen nämlich nehme ich an einer Fortbildung in „Social Media Management“ teil, wohl wissend, dass die digitale Welt in immer mehr Lebens- und Arbeitsbereiche Einzug halten wird, und dass auch die verschiedenen Bereiche von Journalismus und Kulturvermittlung, in denen ich mich bewege, zunehmend davon durchdrungen werden. Da habe ich (ja, sogar als Bloggerin) noch reichlich Nachholbedarf. Jetzt also tauche ich in diese Welt ein, und es ist, als ob sich ein ganzes Paralleluniversum auftäte. Ihr findet mich jetzt also auch auf Twitter, Instagram und Pinterest, auf Facebook ja sowieso (schließlich kann man sich nicht bloß theoretisch mit all dem befassen), und für mich reißt der unaufhörlich fließende Strom der Bilder und Nachrichten gerade ebenso wenig ab wie der völlig überflüssiger „Statusmeldungen“ und sinnlosen Gezwitschers, aber auch der spannender Artikel und schöner Dinge, bei denen eins zum andern führt und in dem man sich endlos vertrödeln und verlieren kann – aber auch unendlich viel Wissenswertes und Bedenkenswertes erfahren kann. – Und das ist ja jetzt nur ein Aspekt dieser schönen neuen Welt, in der wir heute schon im Netz mit Robotern kommunizieren, ohne es zu merken, und uns per Datenbrille in beliebige Welten versetzen können. Wobei diejenigen, die sich wirklich damit auskennen, jetzt vermutlich über meine quasi-steinzeitlichen Beispiele herzlich lachen, sollten sie hier mitlesen.

Man muss sich schrecklich viel wegdenken

Und was hat das nun mit Camus, Loin des hommes und der Szene im Kino zu tun? Ja, in der Tat: Diese ganze digitale Welt, dieses ganze Paralleluniversum, welches gleichwohl die „richtige“ Welt so unaufhaltsam durchdringt und verändert, kannte Camus nicht und kannten die Protagonisten seiner Geschichten nicht. Um in sie ganz und gar einzutauchen und sie nachzuempfinden, so wie ich es im Kino tat, muss sich jeder, der nur ein bisschen jünger ist als ich, tatsächlich schon heute schrecklich viel wegdenken (vielleicht reicht es aber auch, sich vorzustellen, man würde weltweit das Internet abschalten und die Mobilfunkverbindungen kappen).

Sehnsucht: Füße in den Sand graben, Kopf ausleeren, eintauchen ins Meer. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Jetzt, wo ich mich so intensiv mit dieser digitalen Welt beschäftige, stelle ich fest, dass ich mich nicht wirklich in diejenigen hineinversetzen kann, die schon mit ihr und in ihr groß geworden sind und erst recht nicht in diejenigen, die das erst in Zukunft sein werden. Wie wird sich ihr Verhältnis zur „richtigen“ Welt darüber noch verändern? Wird das Gefühl der Fremdheit, der étrangeté gegenüber der Welt, das bei Camus Zeichen des aufbrechenden Absurden ist, dabei noch zunehmen – und auf welche „Welt“ wird es sich erstrecken? Wird man das (gleichgültige, zärtliche, abweisende) Schweigen der Welt überhaupt noch hören im digitalen Dauergezwitscher, das die Illusion nährt, irgendwo in diesem weltweiten Netz könnten sich auch noch die Antworten auf die letzten Fragen befinden, die man nur noch nicht aufgespürt habe? Und wie wird es sein, wenn man vielleicht erfahren muss, dass all die Dauerverbundenheit und All-Vernetzung den Menschen im Zweifelsfall der wahrhaft existenziellen Einsamkeit doch nicht entheben kann?

Ich weiß es nicht, natürlich. Ich werde mich weiter mit den Entwicklungen der digitalen Welt beschäftigen, es ist spannend, es gibt viel zu lernen und viel zu entdecken, und es liegen gleich neben den vielen Gefahren auch viele Chancen darin. Nur: Jetzt gerade, wo so vieles in so kurzer Zeit auf mich einstürmt, fühle ich mich davon seltsam benebelt im Kopf. Matschig geradezu. Selbst im Traum reißen die Nachbilder des digitalen Bilder- und Buchstabenstroms nicht ab, und am Tag ruft ständig irgendeiner dieser digitalen Kanäle oder auch alle gleichzeitig: „Schalt mich ein, schalt mich ein!“ Geben keine Ruhe, wie ein ganzes Nest voller piepsender Schreihälse mit fordernd aufgerissenen Schnäbeln.

Und meine Sehnsucht wird plötzlich übergroß: Meine Sehnsucht, nichts zu hören als Stille und echtes Vogelgezwitscher. Meine Sehnsucht, die Füße in den Sand zu graben und ihn gedankenverloren durch die Finger rieseln zu lassen. Meine Sehnsucht, über grüne Hügel zu streifen und den würzigen Duft der Macchia durch die Nase einzusaugen. Meine Sehnsucht, an nichts zu denken, während ich nichts anderes tue, als hinzuspüren, wie warmer Wind über die Haut streicht. Und dann einzutauchen ins Meer, denn „nackt muss ich sein und muss dann, mit allen Gerüchen der Erde behaftet, ins Meer tauchen, mich reinigen in seinen Salzwassern und auf meiner Haut die Umarmung von Meer und Erde empfinden, nach der beide so lange schon verlangen.“¹

Und ich weiß: Für mich wird es, mit Camus, immer so sein: „Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.“²

Und das meint nicht die Welt von Bits und Bytes und Klicks und Likes.

 

¹ Albert Camus, Hochzeit des Lichts. Literarische Essays. Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S. 79.
² Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Aus dem Französischen übertragen von Justus Streller. Neubearbeitet von Georges Schlocker unter Mitarbeit von Francois Bondy. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1969, S. 248.

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3 Kommentare zu Von echtem und falschem Gezwitscher und der Sehnsucht, die Füße in den Sand zu graben

  1. Ich finde ihre Gedanken und die Selbstreflexion richtig klasse.

  2. Joachim Wengert sagt:

    Sehr geehrte Frau Reif, die digitale Welt und Camus – passt das? Die digitale Welt mag spannend sein, doch wird es immer schwerer, das zu beherzigen, was David Foster Wallace in seinem „Das hier ist Wasser“ u.a. zum Ausdruck bringen wollte. Es gilt dauernd zu verhindern, Opfer des rat race zu werden. Viele Grüße aus Hölderlins Heimat Joachim Wengert

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