Von der Leidenschaft für die Gerechtigkeit

„Sie haben nie an den Sinn dieser Welt geglaubt und sind dabei zum Schluss gekommen, dass alles gleichwertig sei und Gut und Böse nach Belieben definiert werden könnten. Sie haben angenommen, dass es angesichts des Fehlens aller menschlichen oder göttlichen Moral einzig die Werte gebe, die im Tierreich herrschen, nämlich Gewalt und List. Daraus haben Sie geschlossen, dass der Mensch nichts sei und man seine Seele töten könne, dass in unserer höchst sinnlosen Geschichte die Aufgabe des Individuums nur im Erlebnis der Macht bestehen könne und seine Moral nur im Realismus der Eroberung. Und in Tat und Wahrheit sah ich, der ich gleich zu denken wähnte wie Sie, kaum ein Argument, das Ihnen widersprochen hätte, außer einem heftigen Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das mir schließlich ebenso unvernünftig vorkam wie irgendeine plötzliche Leidenschaft.“

Albert Camus, Briefe an einen deutschen Freund, in: Fragen der Zeit, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1960, S. 27 (aus dem Vierten Brief,  Juli 1944).
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Ein Kommentar zu Von der Leidenschaft für die Gerechtigkeit

  1. Toni, fast schon ein Freund sagt:

    Jenen Menschen, die dem Kommitee den Nobelpreis für Camus vorgeschlagen haben,
    kann ich nicht mehr danken, jedoch jener weiblichen Person schon, die mir die Filet-Stücke seines Denkens ins Haus liefert.

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