Von der Freundschaft und ihren Grenzen

Es ist viel die Rede in diesen Tagen von Deutschland und Frankreich und der Freundschaft zwischen beiden Ländern, sofern Länder überhaupt befreundet sein können. Natürlich können sie das nicht, es sind immer die Menschen, die die Freundschaft pflegen. Oder die feststellen, dass eine Freundschaft an ihre Grenzen gekommen ist. Die Briefe an einen deutschen Freund, die Camus zwischen Juli 1943 und Juli 1944 schrieb, sprechen von dieser Grenze, vom Ende einer Freundschaft. Sie sind gerichtet an einen imaginären „deutschen Freund“, der nun zum Feind geworden war. Nicht etwa, weil Deutsche und Franzosen in diesem Krieg quasi schon per nationaler Zugehörigkeit zur Feindschaft verdammt gewesen wären. Sondern weil diesem Franzosen, der da spricht, und diesem Deutschen, der da angesprochen wird, jene Basis abhanden gekommen ist, welche jede Freundschaft braucht, und die im Bewusstsein von gemeinsamen, nicht verhandelbaren Werten besteht.

Die ersten drei Briefe erschienen zwischen 1943 und Januar 1945 in verschiedenen Untergrundzeitungen, der vierte blieb zunächst unveröffentlicht. Ende 1945 brachte Gallimard in Paris alle vier Briefe in einem Band heraus. Camus widmete sie dem Dichter René Leynaud, seinem Freund aus der Résistance, der im Mai 1944 verhaftet worden war und am 13. Juni 1944 von den Deutschen erschossen wurde.

Der feierliche, von kämpferischem Pathos durchtränkte Ton dieser Schriften mag an manchen Stellen heute zuweilen irritieren (wobei einige dieser Stellen eindeutig der Übersetzung geschuldet sind). Camus selbst schreibt in seinem später verfassten Vorwort: „Es sind durch die Umstände bedingte Texte, die darum ungerecht erscheinen mögen“ (1). Vor allem eines muss man sich beim Lesen immer wieder vergegenwärtigen (auch dies von Camus selbst vorausgeschickt): Mit ‚ihr‘ meint der Verfasser nicht ‚ihr Deutschen‘, sondern ‚ihr Nazis‘, wenn er ‚wir‘ sagt, sind das nicht immer ‚wir Franzosen‘, sondern ‚wir freien Europäer‘. „Ich stelle zwei Haltungen einander gegenüber, nicht zwei Völker, selbst wenn in einem bestimmten Augenblick der Geschichte diese beiden Völker zwei feindliche Haltungen verkörpert haben“ (2).

Wenn uns heute die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Deutschen und Franzosen so selbstverständlich erscheint, ist das schön. Wenn wir wissen wollen, wie wenig selbstverständlich diese Freundschaft ist und wie weit der Weg, der bis dahin zurückzulegen war, sollten wir Camus’ Briefe an einen deutschen Freund zur Hand nehmen. Ein kurzes Zitat zum Einstieg zu finden, ist freilich nicht leicht; die schweren Brocken lassen sich nur schlecht in kleine Häppchen zerteilen. Vielleicht dieses:

„Wir hatten viel zu unterdrücken und vielleicht in erster Linie die ständige Versuchung, euch zu gleichen. Denn es steckt immer etwas in uns, das sich dem Instinkt überlässt, der Verachtung des Geistes, der Anbetung der Tüchtigkeit. Wir werden schließlich unserer großen Tugenden müde. Wir schämen uns des Geistes und träumen zuweilen von einem glückseligen Barbarentum, das uns eine mühelose Wahrheit schenkte. Aber in dieser Beziehung sind wir schnell geheilt: ihr seid da, ihr zeigt uns, wie es mit diesem Traum bestellt ist, und wir kommen zur Besinnung.“ (3)

 

Zum Glück ist es heute wieder leicht, ein glückliches deutsch-französisches Freundes- oder sonstiges Paar zu sein. Das Goethe-Institut Paris organisiert anlässlich des 50. Jubiläums des Élysée-Vertrages die Fotoausstellung von Cordula Treml „Histoires Croisées – Deutsch-französische Paare“ – auch eines von vielen deutsch-französischen Themen im Magazin Metropolis heute um 16.45 Uhr auf Arte TV. Auch im Magazin Yourope um 14 Uhr ist die Deutsch-Französische Freundschaft Thema, und ein Dossier zum Thema hat der grenzüberschreitende Sender auch zusammengestellt.

(1) Albert Camus, Briefe an einen deutschen Freund, in Fragen der Zeit, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1960, S. 9; (2) a.a.O.; (3) a.a.O., S. 12, erster Brief von Juli 1943.
Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Leben und Werk abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Von der Freundschaft und ihren Grenzen

  1. Tillmann Schaub sagt:

    Hinter den Klippen die Grenzen

    Camus richtet seine „Lettres à un ami allemand“ an einen unbestimmten, vielleicht fiktiven deutschen Freund, und da nicht gewiss ist, ob der Adressat erreicht werden kann, so veröffentlicht er diese Briefe in Combat, dem Untergrund Organ der Résistance. Wer ist nun dieser ami allemand, was ist so wichtig an ihm, den gewiss knappen Platz im Combat an ihn zu verschwenden, wo er doch als unbarmherziger Feind im eigenen Land allgegenwärtig bekannt und zu erleiden ist. Der Freund ist der Kamerad, der Bruder im Geist, derjenige der über einen selbst das meiste weiß, der mitfühlen kann, der mit einem denkt, kurz gesagt unser alter ego. Dieser deutsche Freund wird beschrieben in dem, wo seine Unmenschlichkeit die Freundschaft verwirkt, aber trotz allem wird er weiter als Mensch betrachtet. Er wird als nicht ausgeschlossen, sondern bleibt nach der Niederlage, die ihm klar beschrieben wird, Mitmensch in einem Europa, das dann von seiner Tyrannei befreit ist. Dies ist die eigentliche Botschaft Camus in Zeiten der Résistance, nach Stalingrad und El Alamein. Er bereitet Frankreich vor auf ein neues, demokratisches Europa, in dem kein Platz mehr sein darf für Unterdrückung, auch nicht die des Siegers über den Besiegten. Allein 1943 in Frankreich den Begriff ami allemand in der Résistance offiziell zu führen, ist ein Wagnis, das eingegangen wird um hinzuweisen auch auf die Kollaboration des französischen Vichy Regimes, auf die Kollaboration einzelner Bürger. Um hinzuweisen wie der nationalsozialistische Ungeist auch Franzosen verführt und ermuntert hat, den gemeinsamen Geist beider Völker, die Freiheit aufzugeben. Und um zu mahnen vor der Selbstgerechtigkeit des kommenden Sieges. Die neu erstandene IV. Republik war nicht in der Lage diesem Postulat Camus zu folgen. In Indochina, in Nordafrika wurde die errungene Freiheit nicht weitergegeben, neuer Tyrannei der Weg bereitet und die geistige Auseinandersetzung mit dem Vichy Regime und der Kollaboration aufgeschoben. Es blieb dem im Exil für Frankreichs Freiheit kämpfenden General De Gaulle und dem im inneren Exil die NS Zeit überlebendem Konrad Adenauer vorbehalten, im Sinne Camus die Freundschaft neu zu beleben.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Till,
      deiner Analyse trifft sicherlich die Intentionen Camus’ sehr gut; allerdings denke ich schon, dass die „Briefe“ durchaus auch dazu gedacht waren, die Kampfmoral in den eigenen Reihen zu stärken, gegen den Gegner auf der anderen Seite. Eine kleine Anmerkung noch: Die Briefe an einen deutschen Freund sind zwar in Untergrundzeitungen erschienen, jedoch nicht in „Combat“. Der erste der Briefe wurde 1943 in Nr. 2 von „La Revue libre“ veröffentlicht; der 2. Brief in Nr. 3 der „Cahiers de Libération Anfang 1944“ und der dritte am 5. Januar 1945 in „Libertés“ Nr. 58. Der vierte, geschrieben im Juli 1944, blieb bis zur Befreiung unveröffentlicht. Nach Kriegsende brachte der Gallimard-Verlag noch 1945 alle vier Briefe in einem Band heraus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.