Von Begegnungen, aus denen man gestärkt hervorgeht

Auf dem Weg in eine freie Vor-Osterwoche schaffte ich es gestern doch noch, bei der Camus-Tagung der Thomas-Morus-Akademie in Bensberg hereinzuschauen. Eine große Freude war es, dort auf gleich zwei der international bedeutendsten Camus-Kenner zu treffen und einige Zeit mit ihnen im sehr anregenden Gespräch verbringen zu können:

Geballte Camus-Kompetenz: Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette (links) und Prof. Dr. Maurice Weyembergh bei der Camus-Tagung in Bensberg. Foto: akr

Geballte Camus-Kompetenz: Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette (links) und Prof. Dr. Maurice Weyembergh bei der Camus-Tagung in Bensberg. © Foto: akr

Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette (Bonn) und Prof. Dr. Maurice Weyembergh (Brüssel). Der Vortrag von Professor Weyembergh, der unter anderem an der neuen, vierbändigen Camus-Gesamtausgabe bei Gallimard mitgearbeitet hat, trug den Titel: „Ich kenne nur eine einzige Pflicht, das ist die Pflicht zu lieben“. Reflexionen über den Begriff der Liebe bei Albert Camus. Natürlich interessierte mich dieser Vortrag von allen am meisten, ist doch die Liebe eben jenes Thema im Camus-Universum, das mich nun auch schon seit der Arbeit an meiner Dissertation begleitet. In seinem sehr interessanten Vortrag unternahm Prof. Weyembergh den Versuch, den sehr schillernden, vieldeutigen Begriff der Liebe bei Camus zu systematisieren. Er unterschied dabei die verschiedenen Arten  der Liebe (Liebe zur Welt, zum Leben, zu Wesen – hier wiederum unterschieden in die „Schicksalsliebe” zu den Verwandten und die „Zufalls-” oder „Wahlliebe” in der erotischen Begegnung), die jeweils in verschiedenen Graden der Intensität auftreten, und belegte jeden Bereich im Werk von Camus mit entsprechenden Zitaten. Dass sich die in ihrer Aussage teilweise widersprechen, liege bei einem so vieldeutigen Begriff wie der Liebe in der Natur der Sache, befand Weyembergh. „Liebe” sei eine „notion confuse”, mithin ein Begriff, der allzu verschiedene Bedeutungen umfasse. Aber: Dies sei durchaus nicht pejorativ zu verstehen, denn: Um denken zu können seien solche weiten Begriffe nötig. Sie ermöglichten es erst, verschiedene Aspekte zu vergleichen und gegeneinander abzugrenzen und so dem Wesen der Sache auf die Spur zu kommen. Ein anregender Gedanke.

Interessant sind bei solchen Gelegenheiten natürlich nicht nur die Fachvorträge, sondern auch die Gespräche am Rande. So bestätigte Prof. Weyembergh, was ich bislang nur gerüchteweise gehört hatte, nämlich dass mittlerweile die große Camus-Ausstellung in Marseille im Rahmen der Kulturhauptstadt 2013 nach den diversen Querelen und Kuratoren-Wechseln komplett abgesagt ist. Offenbar ist Camus 53 Jahre nach seinem Tod wieder einmal zwischen die Fronten widerstreitender politischer Interessen geraten. Immerhin soll es im Oktober in Aix-en-Provence eine von der Société des Ètudes camusienne organisierte Ausstellung über Camus als „citoyen du monde” geben, an deren Vorbereitung Prof. Weyembergh mitwirkt.

Mit rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Tagung in Bensberg insgesamt erstaunlich gut besucht und, wie aus dem Kreis der Teilnehmer zu hören war, geprägt von lebhaften Diskussionen und Gesprächen.

Ein sehr schönes Zitat des Schriftstellers und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel gab Tagungsleiterin Dr. Angela Schulz den Besuchern zum Schluss mit auf den Weg:

„Sagen wir es rundheraus: Es tut wohl, von Albert Camus und seinem Werk zu sprechen. Trotz der Melancholie, die von einigen seiner Werke ausgeht, geht man gestärkt, ja ermutigt daraus hervor.” (1)

(1) aus Europe, 1999, zit. nach Brigitte Sändig, Albert Camus, Rowohlt-Verlag (rororo-Monographie), Reinbek b. Hamburg 1995, S. 149
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2 Kommentare zu Von Begegnungen, aus denen man gestärkt hervorgeht

  1. Toni, fast schon ein Freund (Zufallswahl) sagt:

    Liebe Anne-Kathrin.
    wenn Camus-Kenner Camus-Kenner treffen, ist das eine wunderbare Sache für die Kenner, aber für mich wird es jetzt höchste Zeit, endlich Camus in einem seiner Werke selbst zu begegnen.
    Deshalb meine Frage an Sie, gibt es ein Hörbuch, das Sie empfehlen könnten?
    Von einem sympathischen Zufallsbekannten wurde mir Thomas Manns Zauberberg, gelesen von Gert Westphal, zum Geschenk gemacht. Es ist einfach eine andere Dimension, in die man auf diese Weise gelangt. Stelle mir vor, dass es mir mit Ihren
    Texten genau so ergehen würde, wenn …
    Übrigens würde zu Ihren oben ausgewählten Zitaten über die Liebe bei Camus ein weiterer Versuch von Rilke gut passen, den Prof.Good aus dessen Werk Malte zitiert.
    „Lieben sei Leuchten mit unerschöpflichen Öle, Geliebtwerden ist vergehen, lieben ist dauern.“
    Bei diesem Frühlingswetter müsste eine Liebe doppelt heiß sein.
    Ihr indirekter Freund Toni

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Toni,
      in der Tat gibt es die drei „großen“ Romane/Erzählungen „Der Fremde“, „Die Pest“ und „Der Fall“ als Hörbücher. Allerdings kann ich sie (noch) nicht empfehlen, weil ich sie selbst (noch) nicht gehört habe. Da sie bei unserem gemeinsamen sympathischen Bekannten aber auch schon auf der Einkaufsliste stehen, werde ich das hoffentlich bald nachholen können – und dann selbstverständlich hier sofort darüber berichten. Aufgrund Ihrer Frage/Anregung sollte es nicht allzu lange dauern! Mit herzlichem Gruß und Dank für das schöne Rilke-Zitat, Ihre Anne-K.

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