TV-Tipp: Camus und Sartre – eine zerbrochene Freundschaft

Jean-Paul Sartre um ca. 1950. Foto: Wikicommons

Jean-Paul Sartre um ca. 1950. Foto: Wikicommons

Vielleicht gibt es ja Blog-Leser und Camus-Freundinnen, die über Satellit den Kanal France 5 schauen (und auch verstehen) können? Da läuft am 22. Mai, 20 Uhr, nämlich eine Dokumentation des Regisseurs Joël Calmettes, von dem auch die schöne Arte-Doku Vivre avec Camus zum 100. Geburtstag 2013 und weitere Filme über Camus stammen. Diesmal hat Joël Calmettes sich die zerbrochene Freundschaft von Camus und Sartre vorgenommen: „Camus-Sartre, une amitié déchirée” lautet der Titel.

„Sartre und Camus” – immer noch werden sie häufig in einem Atemzug genannt und gar beide als Ikonen des Existenzialismus präsentiert, obwohl Camus das zeitlebens abgelehnt hat. Zwischen 1943 und 1951 waren sie Freunde, 1952 brach nach Erscheinen von Camus‘ L’Homme révolté auch zwischen ihnen ein Kalter Krieg aus. „Ihr Bruch ähnelt einem intellektuellen und romantischen Drama, in dem Emotion mit Reflexion konkurriert. Ein Duell der Denker im Herzen ihres Zeitalters”, heißt es in der Ankündigung des Films.

„Sartre oder Camus” – man kann nur auf einer Seite stehen: Der Konflikt zwischen den beiden hat sich in Generationen von Intellektuellen fortgesetzt, so sehen es viele bis heute. Ich persönlich sehe das ein wenig anders – auch wenn unverkennbar sein dürfte, um wie viel näher mir Camus ist (und das nicht nur, weil er besser Tango tanzte). Aber diese schlichte Entscheidung „Hund oder Katze“, „für mich oder gegen mich“ – das wird der denkerischen Leistung Sartres wohl kaum gerecht. Und die Freundschaft zwischen den beiden hätte sicherlich auch nicht fast zehn Jahre gehalten, wenn es nicht auch eine größere Schnittmenge zwischen diesen beiden Geistern gegeben hätte oder immerhin genug Stoff für fruchtbare Auseinandersetzungen.

„Sie waren sofort voneinander angezogen, sagt der Ideenhistoriker Ronald Aronson. Sartre, hässlich, halb blind und immer bemüht, Frauen zu verführen, hat den schönen und eleganten jungen Mann im Blick, der sich als ein großer Schriftsteller und ernsthafter politischer Aktivist entpuppte. Camus findet diesen Sartre, der nach nichts aussieht, brillant, mit einem unglaublichen Hirn, in der Lage, über alles und nichts zu reden …”, schreibt Anne-Laure Fournier in der Film-Ankündigung über den Beginn dieser Freundschaft. Sartre öffnet Camus die Türen zur Welt, und Camus öffnet dem Autor von Das Sein und das Nichts später über die Zeitung Combat die geheimen Zellen des Widerstands.

Nach dem Weltkrieg dann der Bruch: Sartre verteidigt die sozialistischen Lager, akzeptiert Gewalt als Möglichkeit, eine bessere – sozialistische – Welt zu erschaffen. Camus lehnt dies rigoros ab; im Kommunismus sieht er keine Zukunft mehr. In seiner Zeitschrift Les Temps modernes, dem Blatt für die intellektuellen Debatten der Zeit, schüttet Sartre nach Erscheinen von Camus‘ L’Homme révolté geradezu kübelweise Spott und Häme über Camus aus. Camus ist tief verletzt.  Sie werden sich nicht wiedersehen. Nach dem Tod von Camus 1960 würdigt Sartre den einstigen Freund in einem bewegenden Nachruf.

Ganz sicher darf man gespannt sein, wie Joël Calmettes diese Geschichte über zwei herausragende Männer ihrer Zeit in seinem Film verpacken wird: Camus-Sartre, une amitié déchirée (52 Minuten) läuft am 22. Mai, 21.35 Uhr, auf France 5.

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