Nietzsche, Leibniz und Camus hören Bach-Motetten und trinken Wodka in Auerbachs Keller

Zum Abschluss der Tangowoche in der Lutherstadt Eisleben ein Ausflug ins nicht weit entfernte Leipzig. Da gibt es natürlich auch ohne Camus genug zu schauen und zu entdecken, aber gewohnheitsmäßig werfe ich mal die Angel „Camus und Leipzig“ im weltweit wogenden Web aus – und finde prompt mehrere Hinweise auf eine „Brasserie Camus“ in der Gottschedstraße 15, die auch tatsächlich nach Albert Camus benannt ist und nicht etwa nach dem gleichnamigen Cognac. Was für eine hübsche Überraschung! Voller Vorfreude mache ich mich auf den Weg – und finde bei der angegebenen Adresse keineswegs Camus sondern eine Wodka-Bar namens Vodkaria, die sich dort mindestens schon seit 2001 befinden muss, wie die an die Tür gehefteten Gastro-Auszeichnungen nahelegen. Mal wieder ein Beweis des Gemeinplatzes „Das Internet vergisst nichts“ – und kann einen ganz schön in die Irre führen. Wenigstens habe ich so aber offenbar die angesagte Ausgehmeile der Stadt gefunden, in der es zwar keine Brasserie Camus aber dafür eine ganze Reihe verschiedenster anderer Lokale gibt, in denen sich auch zu später Stunde noch allerlei bunt gemischtes Volk tummelt. Von der Wodka-Bar finde ich allerdings nicht so direkt die Verbindung zu Camus… Ob er gern Wodka getrunken hat, entzieht sich jedenfalls meiner Kenntnis, und auch der so detailfreudige Camus-Biograph Olivier Todd gibt darüber, soweit ich mich erinnere, keine Auskunft.

Für mein Spiel „Immer nur ein Schritt bis zu Camus“ bietet Leipzig natürlich trotzdem jede Menge Stoff: Immerhin hat Friedrich Nietzsche, der vielleicht wichtigste geistige Sparringspartner von Camus, drei Jahre (1865 bis 1868) an der hiesigen Universität studiert (nicht etwa Philosophie sondern klassische Philologie). Außerdem natürlich: Gottfried Wilhelm Leibniz, einer der bedeutendsten Vordenker der Aufklärung in der Neuzeit, an dem gewiss auch der Philosophiestudent Camus nicht vorbeikam, 1646 in Leipzig geboren – und dessen vorgebliche Lösung der Theodizeefrage Camus im Mythos von Sisyphos mit einem Federstrich durchstreicht.

Bach-Denkmal vor der Thomaskirche in Leipzig. ©Foto: skr

Bach-Denkmal vor der Thomaskirche in Leipzig. ©Foto: akr

Dann selbstverständlich Johann Sebastian Bach, der berühmteste Kantor an der Leipziger Thomaskirche aller Zeiten, dessen Musik Camus durch seine Frau Francine kennenlernte, die nicht nur Mathematiklehrerin sondern auch eine begabte Pianistin war. Allein schon das Motettensingen des Thomanerchores am Samstagnachmittag – diese engelsgleichen Knabenstimmen, die von menschlicher Schuld und göttlicher Strafe, von Leid und Trost, von Tod und ewigem Leben sangen – spannte einen ganzen Bogen an Themen von existenziellem Gewicht aus, die gleichsam spiegelbildlich mitten ins Zentrum des Denkens von Camus führen.

Und nicht zuletzt Goethe, der in Leipzig 1765 bis 1768 Jura studierte und später dem schon damals historischen Ort seiner studentischen Zechgelage, Auerbachs Keller, in seinem Faust ein Denkmal setzte – was die Lokalität natürlich bis heute zur touristischen Attraktion macht. Auch ein Denkmal von Faust und Mephisto, direkt im Eingang der 1912/13 anstelle der mittelalterlichen Bebauung errichteten Mädler-Passage vor dem Abgang zum Keller, darf natürlich nicht fehlen (es stammt von dem Bildhauer Mathieu Molitor und wurde dort bereits 1913 zur Eröffnung der Passage platziert – zusammen mit seinem Pendant der von Mephisto verzauberten Studenten).

Bronzestandbild "Mephisto und Faust" von Mathieu Molitor vor Auerbachs Keller in Leipzig. ©Foto: skr

Bronzestandbild „Mephisto und Faust“ vor Auerbachs Keller. ©Foto: akr

Ein Don-Faust-Drama, das die Figuren von Don Juan und Faust miteinander verschmelzen sollte, war fester Bestandteil des „Arbeitsplanes“ von Camus, der nach den Werken des Absurden und der Revolte (mindestens) drei weitere Werke vorsah, die in Form des Romans, des Essays und des Dramas dem Thema Liebe gewidmet sein sollten. Ein besonders schönes Zitat zum Faust-Thema findet sich aber auch schon weit früher in einer Tagebuchnotiz vom Dezember 1938:

Ein Faust mit umgekehrtem Vorzeichen. Der junge Mann erbittet vom Teufel alle Güter dieser Welt. Der Teufel (der einen sportlichen Anzug trägt und gerne versichert, der Zynismus sei die große Versuchung des Intellekts) sagt ihm sanft: »Aber die Güter dieser Welt hast du ja. Was dir fehlt – wenn du meinst, dass dir etwas fehlt –, musst du von Gott erbitten. Du schließt einen Handel mit Gott ab und verkaufst ihm für die Güter des Jenseits deinen Körper.« Nach einer Pause zündet der Teufel sich eine englische Zigarette an und fügt hinzu: »Und dies wird deine ewige Strafe sein.«“ (1).

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1963,1967, S. 71.

 

P.S.: Noch ein Veranstaltungshinweis zu „Camus in Leipzig“: Am 16. Oktober hält die Camus-Spezialistin Prof. Dr. Brigitte Sändig auf Einladung der Leipziger Goethe-Gesellschaft einen Vortrag mit dem Titel Albert Camus und die Deutschen. Zum 100. Geburtstag des französisch-algerischen Autors. Beginn ist um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Leipzig, Wilhelm-Leuschner-Platz 10/11.

P.P.S.: Vielleicht gibt es ja Blog-Leser(innen) aus Leipzig, die Auskunft über das Schicksal der „Brasserie Camus“ geben können?

 

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Ein Kommentar zu Nietzsche, Leibniz und Camus hören Bach-Motetten und trinken Wodka in Auerbachs Keller

  1. meikemeilen sagt:

    Und wieder ein sehr schöner Beitrag! Vielen Dank für die anregende Assoziationskette zu Leipzig. Hat mir großen Spaß gemacht, ihr zu folgen. Viele Grüße, Meike

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