Mal eben mit Camus übers Meer zum Couscous essen

Blick auf Carloforte/Isola San Pietro bei der Ankunft. ©Fotos: Anne-Kathrin Reif

Blick auf Carloforte/Isola San Pietro bei der Ankunft. ©Fotos: Anne-Kathrin Reif

Carloforte/Isola San Pietro, 16. April 2014. Schon als ich vor 32 Jahren zum ersten Mal an diesem Fleckchen Erde, das südwestlich neben der sardischen Hauptinsel im thyrrenischen Meer schwimmt, anlandete, hatte ich als Reiselektüre Camus im Koffer. Und schon damals hatte ich das Gefühl, hier in einem besonders Camus-nahen Landstrich zu sein. Aber damals gab es diesen Blog noch nicht, und ich sah keinen Anlass, diesem Gefühl weiter auf den Grund zu gehen. Heute aber stelle ich fest, dass ich gar nicht weit zu suchen brauche, um hier mein ziemlich genau vor einem Jahr erfundenes Lieblingsspiel „Immer nur einen Schritt bis Camus” spielen zu können: An kaum einem anderen Ort in Europa könnte man der algerischen Heimat Camus‘ näher sein, geographisch gesehen. Einmal übers Meer gespuckt liegt in 254 Kilometern Luftlinie von hier das algerische Annaba, Geburtsort des Heiligen Augustinus (der in Camus‘ philosophischer Diplomarbeit Christliche Metaphysik und Neoplatonismus eine zentrale Rolle spielt) und nicht weit entfernt von Camus‘ Geburtsort Mondovi, dem heutigen Dréan. Nur vom spanischen Almeria aus hinüber nach Oran sind es noch ein paar Kilometer weniger.

Noch näher als Algerien liegt von Carloforte aus freilich die tunesische Küste, und das nicht nur in geographischer sondern auch in historischer Hinsicht. Zum 15 Kilometer östlich der algerischen Grenze gelegenen Fischerort Tabarka in Tunesien mit seiner gleichnamigen vorgelagerten Insel sind es Luftlinie 247 Kilometer – weniger als halb so viel wie zum italienischen Festland übrigens, etwa nach Genua. Ich werde also einen kleinen gedanklich Exkurs übers Meer unternehmen… Ist ja nicht weit. Wenn Sie mögen, kommen Sie doch mit. Die Reise beginnt anno 1542, als 300 Familien, rund 1000 Personen, von Genua aus auf die tunesische Insel Tabarka auswanderten. Der in Genua (genauer: im westlich von Genua gelegenen Pegli) ansässige Clan der Lomellini – neben den Doria eine der beiden reichsten und mithin mächtigsten Familien der Gegend – hatte von Kaiser Karl V. eine Konzession für die Insel Tabarka erworben, für die sie einen Administrator ernennen durfte. Sie errichteten auf dem Gipfel der Insel eine Festung und boten den ligurischen Fischern, denen seit jeher ein typischer Hang zu Abenteuer und Handel nachgesagt wurde, zwecks Kolonialisierung eine neue Existenz mit der Fischerei und dem Handel von Korallen. Offenbar florierte das neue Leben, denn die Tabarkiner vermehrten sich so freudig, dass dem Inselchen knapp 200 Jahre später der Platz ausging. Zudem waren die Korallenbänke ausgeweidet, und die Angriffe von eroberungswütigen Sarazenen, Franzosen und Korsen fielen auf Dauer lästig.

Statue von Carlo Emanuele III. am Ortseingang von Carloforte.

Statue von Carlo Emanuele III. am Ortseingang von Carloforte.

1736 begannen sich die Tabarkiner für die bislang unbewohnte südwestlich vor Sardinien gelegene Insel San Pietro zu interessieren. Im folgenden Jahr zogen rund 1000 Kolonisten, 118 Familien, mit dem Segen des regierenden Königs Carlo Emanuele III. von Tabarka nach San Pietro. Die neu gegründete Stadt nannten sie zu Ehren ihres Königs Carloforte (Karl der Starke). Andere Tabarkiner gründeten ein „Nueva Tabarca” vor der spanischen Küste oder verstreuten sich in die Hafenstädte dieser Welt. Nur rund 900 Bewohner verblieben auf Tabarka und fielen 1741 nach der Eroberung durch den Bey von Tunesien in die Sklaverei. Es brauchte mehr als zehn Jahre und ein von Karl Emanuel III. gestelltes Lösegeld von 50000 Zechinen, bis alle Sklaven ausgelöst waren und ebenfalls nach Carloforte auswandern konnten.

Via TabarkaAuch dort war man freilich, trotz der um den Ort gezogenen Festungsmauer, nicht gänzlich sicher: Bei einem Piratenüberfall im Jahre 1798 wurden 900 Einwohner gefangen genommen und als Sklaven nach Tunis verbracht. Eine carlofortinische Sklavin wurde gar Mutter des Beys Ahmad I. al-Husain. Nach fünf Jahren konnten auch diese versklavten Ex-Tabarkiner endlich freigekauft werden. Bis heute erinnert die kleine Kapelle Madonna dello Schiavo, in der die einst am Strand bei Tunis von einem jungen carlofortinischen Sklaven gefundene und nach der Befreiung in die Heimat mitgenommene „schwarze Madonna” aufbewahrt wird (und die in Wahrheit die Galionsfigur eines Seglers ist) an das traumatische Ereignis in der Geschichte der Insel, und alljährlich wird zu Ehren der Madonna am letzten Sonntag im November ein großes Fest gefeiert.

Bar TabarkaJust an diesem Ort befinde ich mich also gerade, und die Spuren der tabarkinischen Inselvergangenheit sind hier allgegenwärtig. Bis heute bestehen die wahren Carlofortiner nachdrücklich darauf, keine Sarden zu sein. Ein schmackhaftes Argument dafür bietet übrigens die hiesige Küche, zu der typisch ligurische Spezialitäten wie das Pesto Genovese ebenso selbstverständlich gehören wie die Farinata (ein gebackener Fladen aus Kichererbsenmehl) und Couscous. Ende April wird dem nordafrikanischen Nationalgericht hier sogar ein großes Fest, die Sagrada de Cuscus, gewidmet.

Tabarka-VinoHat Camus gerne Couscous gegessen? Wir wissen es nicht, aber es steht doch zu vermuten. Ich bekenne, dass es neben der außergewöhnlichen geographischen Nähe zu Camus‘ nordafrikanischer Heimatregion keine weitere Rechtfertigung für diese weitschweifige Blog-Exkursion gibt. Immerhin wissen wir aber, dass Camus Anfang August 1935 eine Reise mit einem Frachtschiff von Algier nach Tunesien unternahm. Ursprünglich sollte sie mehrere Wochen lang die tunesische Küste entlang führen, doch musste er die Reise zu seinem großen Bedauern aufgrund seines Gesundheitszustandes abbrechen. Wer weiß, vielleicht hätte er sonst ja auch noch Tabarka besucht…

Von dieser Reise berichtet Camus in einem Brief seinem Lehrer und späteren Freund Jean Grenier. „Wie soll ich nicht entmutigt sein. Ich habe seit einem Jahr große Anstrengungen unternommen, um wieder gesund zu werden, aber das Ergebnis ist noch ungewiss”, schreibt der seit seiner Jugend an Tuberkulose leidende 21jährige Camus seinem Lehrer. Jedenfalls habe ihn aber die Fahrt entlang der Küste begeistert (1). Er plante, die Reise im selben Jahr noch einmal zu machen, aber dazu kam es scheinbar dann doch nicht.

Der Briefwechsel Camus – Grenier, zum Camus-Jahr 2013 im Alber-Verlag erstmals auf deutsch erschienen, ist derzeit meine Urlaubslektüre. Und davon wird gewiss noch zu berichten sein. In diesem Sinne: à bientôt!

 

 

P.S.: Ein hübsches Kuriosum der Geschichte will es, dass sich ausgerechnet in meiner Wahlheimatstadt Wuppertal vor wenigen Wochen ein Verein namens Tabarka e.V. gegründet hat. Zielsetzung des Vereins ist der kulturelle Austausch und die Unterstützung der jungen tunesischen Demokratiebewegung.

(1) Albert Camus / Jean Grenier: Briefwechsel 1932 – 1960. Mit den Erinnerungen Jean Greniers an Albert Camus. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2013, S. 32. Quelle zur Geschichte von Tabarka/Carloforte: Wikipedia.

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4 Kommentare zu Mal eben mit Camus übers Meer zum Couscous essen

  1. Dr. Ruth Schlette sagt:

    Bloß keine Scheu, liebe Frau Reif. Ihre Carloforte-Beschreibung und die Exkursion in die abenteuerliche Vergangenheit ziehen mich genau so in ihren Bann wie die Landschaftsschilderungen aus der Provence. Viele schöne Tage noch auf Ihrer isoletta.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Liebe Frau Schlette, danke für die freundliche Ermunterung, die mich sehr freut! Herzliche Grüße und schöne Ostertage auch für Sie und Ihren Mann! Ihre Anne-Kathrin Reif

  2. Heiter sagt:

    Sehr schön, wie jedes Mal. Ich lese diese Berichte immer sehr gerne.
    Frohe Ostertage
    PH

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Ach, lieber Herr Heiter, das freut mich aber, vielen Dank! Ich fürchte immer, dass ich die ernsthaften Camus-Freunde mit meinen arg assoziativen Exkursionen ja eher vergrätze, aber ich mach’s ja auch zu meinem eigenen Spaß… Umso mehr freut es mich, wenn Sie auch Spaß daran haben! Herzliche Grüße, akr

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