Sisyphos trifft Christus auf dem Blumenkübel – oder: Immer nur ein Schritt bis zu Camus

Christus trifft Sisyphos auf einem Blumenkübel in Baden-Baden. © Foto: akr

Christus trifft Sisyphos auf einem …

Ostertage in Baden-Baden. Da ist Camus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie gewesen, weshalb ich mir auch gar nicht erst Gedanken um einen „Auf den Spuren von…”-Eintrag machte. Ein passendes Osterzitat fand sich auch nicht, siehe vorheriger Eintrag. Dabei gab es die perfekte Verbindung von Ostern und Camus direkt vor Ort: Christus trifft Sisyphos auf dem Blumenkübel. Baden-Baden, ganz Festspielstadt, beschriftet nämlich seine in der ganzen Innenstadt verteilten Pflanzkübel auf recht launige Weise mit kurzen, munter geschriebenen Hinweisen auf das Programm. Eben auch zu Joseph Haydns Oratorium Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz – mit der interessanten These, dass hier Klassik auf Existenzialismus trifft, und man

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…Blumenkübel. © Foto: akr

sich Christus, im Sinne Haydns, gewissermaßen als Bruder von Sisyphos vorstellen muss. Des glücklichen Sisyphos’, wohlgemerkt, mithin des Camus’schen Sisyphos.

Büste am Dostojewski-Haus in Baden-Baden. © Foto: akr

Büste am Dostojewski-Haus in Baden-Baden. © Foto: akr

Von dieser unverhofften Begegnung beflügelt suchte ich natürlich sogleich nach weiteren von mir bislang übersehenen Verbindungen zu Camus in dieser Stadt. Als solche könnte man durchaus die Anwesenheit von Fjodor M. Dostojewski durchgehen lassen – ohne Zweifel einer der wichtigsten Schriftsteller für Camus, nicht nur wegen seiner Adaption der Dämonen für die Bühne, über die hier schon zu lesen war. Ab 1862 hatte der Dichter die Stadt mehrfach besucht (und dabei im örtlichen Casino aus eigener Erfahrung reichlich Material für seinen Roman Der Spieler sammeln können); 1867 wohnte er mit seiner zweiten Frau Anna Grigorjewna längere Zeit in der Bäderstraße 2, wo er für acht Gulden die Woche eine Zwei-Zimmer-Wohnung gemietet hatte.

Der kleine Prinz bittet zu Tisch. © Foto: akr

Der kleine Prinz bittet zu Tisch. © Foto: akr

Selbst wohnte ich übrigens in dem zentral gelegenen, behaglichen und freundlichen Hotel Der kleine Prinz, wo eben dieser weltweit beliebte, von Antoine de Saint-Exupéry geschaffene Naseweis zumindest optisch allgegenwärtig ist. Von dem Piloten und Schriftsteller „St. Ex” zu Camus ist es natürlich auch wieder nur ein Schritt. Ob sie sich persönlich kannten, kann ich zwar nicht sagen. Saint-Exupéry hielt sich 1940 und 1943 längere Zeit in Camus’ Heimat Algerien auf; Camus war ab 1942 in Paris. Camus war ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt im Pariser Intellektuellenzirkel; Saint-Exypéry war aufgrund seiner Flug-Abenteuer bereits mindestens ebenso bekannt wie als Autor von Vol de nuit (deutsch Nachtflug) und Terre des hommes (Wind, Sand und Sterne). 1942 brachte der Verlag Gallimard Camus’ ersten Roman Der Fremde heraus – mit vorsichtigen 4400 Exemplaren. Im gleichen Jahr startete Exupérys Flug nach Arras bei Gallimard mit einer Auflage von 22000 Exemplaren. Heute führen die beiden mit Der Fremde und Der kleine Prinz (der übrigens exakt heute vor 70 Jahren erstmals veröffentlicht wurde) gemeinsam die Gallimard-Bestsellerliste an.

Über die Webseite von Gallimard findet sich auch ein wirklich interessanter Hinweis auf die Verbindung Camus-St.Ex: In einem Brief vom 6. Dezember 1952 an seinen Freund und Verleger Michel Gallimard, Neffe des Gründers Gaston Gallimard, äußert sich Camus über die geplante posthume Edition der Carnets des 1944 abgestürzten und seither verschollenen Saint-Exupéry. Abgesehen davon, dass er sich wenig enthusiastisch über die Inhalte der Carnets von St. Ex auslässt, rät er dringend davon ab, sie anders als in der chronologischen Abfolge ihres Entstehens zu veröffentlichen. Kein Herausgeber, egal wie intelligent er sei oder wie nah er dem Autor stehe, sei in der Lage, den Fragmenten und Notizen eines Autors eine Ordnung zu geben, die dieser ihnen selbst nicht habe geben können. Eine chronologische Publikation sei mithin die einzige Art und Weise, dem Autor treu zu bleiben. Sollte ihn selbst einmal dieses Abenteuer ereilen, schreibt Camus, werde er sich von den Toten erheben, um dieses Recht für sich einzuklagen. Davor hatte man bei Gallimard nach Camus’ Tod aber offenbar keine Angst, denn die erste Pléiade-Ausgabe von 1962 und 1965 sortierte seine Werke noch keineswegs chronologisch in Essais und Théâtre, Récits, Nouvelles. Erst 2004 bis 2008 erschien die neue, chronologisch geordnete Gesamtausgabe in vier Bänden. Auch im Falle Saint-Exupéry folgte  man übrigens nicht Camus’ Ansicht – 1952/1953 brachte Gallimard  eine thematisch geordnete Ausgabe heraus; eine chronologische Fassung folgte erst 1975.

Das hat jetzt, zugegeben, mit Baden-Baden nicht mehr direkt zu tun. Allerdings: Immerhin unterhielt der Rowohlt-Verlag, deutscher Hausverlag von Camus, nach dem Zweiten Weltkrieg eine Dependance in Baden-Baden. Nachdem zunächst 1946 die amerikanische Besatzungsbehörde die Lizenz zur Verlagsgründung in Stuttgart erteilt hatte, folgte 1947 die französische Lizenz. „Durch die Zweigstelle in Baden-Baden, deren Leitung Kurt Kusenberg innehatte, konnten wichtige Kontakte zu französischen Schriftstellern wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus und Jacques Prévert geknüpft werden”, schreibt Wikipedia dazu. Na bitte.

Ich will den Spaß jetzt nicht so weit treiben zu behaupten, auch von der sehenswerten Matta-Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden führe ein direkter Weg zu Camus (Matta, 1938 und 1948 längere Zeit in Paris, selbstverständlich mit Picasso bekannt, wie auch Camus, der bei der (Lesungs-)Uraufführung von Picassos Theaterstück Wie man Wünsche beim Schwanz packt 1944 in Paris Regie führte).

Erwähnen muss ich aber doch noch, dass zu den nachhaltigsten Erlebnissen meines kleinen Osterurlaubs die Aufführung von Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle im Festspielhaus zählt. Was für eine Klang-Wucht. Acht Bässe! Zehn Hörner! Drei Pauken! Riesenchor! Und darin plötzlich zartestes Flötengezwitscher, ein kleines, einzelnes ganz und gar diesseitiges Vögelchen, das gegen sämtliche aus dem Jenseits herüberrufende Hörner und Trompeten ansingt. Zum Heulen schön. Und auf unseren noch glücklich ergatterten Stehplatzkarten für 15 Euro bei freier Sicht bestimmt ebenso schön wie auf den Sitzplätzen für 195 Euro vor uns. Nein, ich schweife gar nicht ab, denn Mahler zählte erklärtermaßen neben Mozart zu den wenigen Komponisten, die Camus überhaupt namentlich erwähnte und offenbar sehr schätzte. Besonders habe er Mahlers Lied von der Erde geliebt, schreibt Camus-Biograph Olivier Todd (1). Ins Tagebuch notierte Camus am 15. August 1954 eher ein wenig kritisch: „4. Symphonie G-Dur für Soprane und Orchester von Mahler. Zuweilen lässt Mahler uns Wagner schätzen, da er im Kontrast aufzeigt, wie sehr dieser über seinen Nebel Herr blieb. Andere Male ist Mahler sehr groß.” (2)

Am folgenden Tag hält er eine Unterhaltung mit seiner Freundin fest.

X. sagt mir: «Weshalb akzeptiert man die Vorstellung vom ewigen Leben nicht? Weil es letzten Endes eine des Bewusstseins beraubte Seligkeit ist – während wir zu sein begehren, das heißt zu wissen, dass wir sind. Aber warum wirft man der Welt das vor, was eben unser Bewusstsein ausmacht, nämlich das Böse und das Leiden (darin besteht in der Tat der Widerspruch des modernen Atheismus). Ich habe das Leiden stets mit einer Art Freude akzeptiert, der Freude, zu sein.» Ich sage ihr, dass eben dies der geniale Geist ist. Der geniale Geist? Ja, der geniale Geist des Lebens, den nur sie unter allen Menschen, denen ich begegnet bin, mit einem natürlichen Stolz trägt.” (3)

Und damit wären wir ganz elegant wieder beim österlichen Ausgangspunkt angelangt. Zugegeben auf verschlungenen Wegen. Aber mit dem Fazit: Camus ist immer nur einen Schritt weit entfernt.

(1) Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 660.
(2)  Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 145. (3) a.a.O., S. 145f.
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4 Kommentare zu Sisyphos trifft Christus auf dem Blumenkübel – oder: Immer nur ein Schritt bis zu Camus

  1. Heiter sagt:

    Liebe Frau Reif,
    ich wünsche Ihnen ebenfalls frohe und sonnige Ostertage.
    Wer ist eigentlich der Verfasser des Christus- und Sisyphus-Vergleichs auf dem Blumenkübel, wo stammt er her?
    Viele Grüße
    PH

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Heiter, bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihre Frage ein wenig aus dem Blick verloren hatte und erst jetzt antworte. Inzwischen habe ich Auskunft vom Pressebüro des Festspielhauses bekommen: „Die Texte für die Blumenkübel werden von unserem Mitarbeiter Dariusz Szymanski verfasst. Er ist auch derjenige, der die Einführungsvorträge vor Veranstaltungsbeginn zu den meisten Werken hier im Haus hält sowie mit seiner eigenen Kolumne, dem „Stück der Woche“, auf unserer Internetseite vertreten ist – so zum Beispiel hier: http://www.festspielhaus.de/news/rauschen/.“ Sehr schön anschauliche und lebendige kleine Einführungen, wie ich finde! Mit herzlichem Gruß, Anne-Kathrin Reif

  2. Hildegard Boxberg sagt:

    liebe Anne,
    gern bin ich Dir auf den verschlungenen Pfaden durch Baden-Baden gefolgt und dabei verfolgt, wie Du alles, was Dir begegnet, mit leichter Hand verknüpfst. Es wirkt so einfach. Mir scheint das ein Kriterium für einen guten Blog zu sein. Stimmt das? ( Echte Frage, ich habe keine Ahnung, das ist der erste Blog, dem ich folge.)
    Frühlinghafte Grüße (auch so ein wiedergefundenes Juwel, der Frühling in Tipasa!)
    Hildegard

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Liebe Hildegard, es freut mich, dass du auch meinen verschlungenen Pfaden gerne folgst! Ob das einen guten Blog ausmacht – kann ich dir auch nicht sagen. Ich denke, jeder Blog ist anders, aber das Entscheidende ist vielleicht, dass bloggen immer etwas sehr Persönliches hat. Halt noch nah am Tagebuch, Logbuch. Deshalb erlaube ich mir hier auch gern solche assoziativen Ausflüge, auch wenn sie mitunter nur sehr lose mit Camus verknüpft sind… Es geht um den Spaß an der Sache – und wenn dann noch die Leser gerne folgen, umso besser! Liebe Dank und herzliche Grüße!

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