L’Isle: Die letzten Spuren von Camus im Moment ihres Verschwindens

Das frühere Hotel St. Martin in L'Isle-sur-la-Sorgue. © Foto: akr

Das frühere Hotel St. Martin in L’Isle-sur-la-Sorgue: Hier stieg Camus bei seinen Besuchen ab. © Foto: akr

„Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen, schlafe um 3 Uhr ein, wache um 5 Uhr auf, esse tüchtig und fahre im Regen los. Elf Stunden bleibe ich am Steuer, knabbere von Zeit zu Zeit einen Zwieback, und der Regen bleibt die ganze Zeit, bis er in der Drôme langsam schwächer wird, während ungefähr auf der Höhe von Nylons der mächtige Duft des Lavendels mir entgegenkommt, mich weckt und mein Herz munter macht. Die Landschaft, die ich wiederkenne, nährt mich von neuem, und bei der Ankunft bin ich glücklich. L’Isle, wo ich mich in dem ärmlichen Zimmer des Hotels St. Martin unvermittelt beschützt und beschwichtigt fühle.“ (1)

Wir waren schon fast auf dem Rückweg von L’Isle-sur-la-Sorgue zu unserem zauberhaften Quartier Mas des ozières in der Nähe von Ménerbes, als beim Gang zum Parkplatz mein Blick absichtslos von einem der zahllosen Antiquitätenläden aus die Hausfassade hinauf wanderte und … – „Nein! Nicht möglich! Schau mal, da ist ja das Hotel St. Martin!!“ – ?!? – „Das Hotel, in dem Camus wohnte, wenn er René Char besuchte! Das gibt es also noch! Und hätte ich nicht zufällig nach oben geschaut, hätte ich es gar nicht bemerkt! Aber es scheint kein Hotel mehr zu sein…“. Während ich noch fasziniert durch die Linse des schnell gezückten Fotoapparates auf die Hausfassade starre, an der erkennbar der Zahn der Zeit genagt hat, schiebt sich ein Hublader ins Bild. Ich vermute, dass man Reparaturen an der Elektrik vornehmen will und freue mich, dass ich noch schnell genug auf den Auslöser gedrückt hatte. Aber da….: „Nein! Das darf doch nicht wahr sein! Die schlagen ja die Buchstaben ab!!“ Und tatsächlich: Ein Arbeiter macht sich mit Hammer und Meißel an den noch verbliebenen Lettern zu schaffen und ich sehe, wie er das „H“ von der Fassade ablöst. Das Ganze wird vom Boden aus von einem weiteren Arbeiter beaufsichtigt. Nachdem die kurzfristige Schockstarre von mir abgefallen ist, kommt mir die Idee, ihn zu fragen, was mit den abgeschlagenen Buchstaben passiert. Vermutlich wandern sie auf den Müll. Ein klein wenig komme ich mir albern dabei vor, zur Devotionalien-Jägerin zu werden, aber andererseits… Ein A wie Albert, von „seinem“ Hotel… Das gäbe immer wieder einen hübschen Anlass her, eine schöne Geschichte erzählen zu können.

Also frage ich den Arbeiter, was mit den Buchstaben passiert. – Ob ich eventuell einen bekommen könnte, falls sie weggeworfen werden sollen? – Er schaut mich höchst verwundert an. Auf was für Ideen diese Touristinnen so kommen! – Zur Erklärung erzähle ich von der Geschichte dieses Hotels, und dass ich gerade ein wenig auf den Spuren von Camus reise… – Der Arbeiter, vielleicht Anfang vierzig, mit einem freundlichen, offenen Gesicht, hat weder von Camus noch von René Char je gehört, aber dennoch scheint ihm mein Anliegen jetzt einzuleuchten. Er würde mir sehr gerne einen Buchstaben geben, beteuert er, aber das könne er nicht entscheiden, schließlich gehörten sie ihm ja nicht. Er holt aber sogleich sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und ruft die Patronin an. Kurz darauf erscheint eine sehr fein aussehende ältere Dame in der Tür. Sie trägt eine weite Hose und eine lavendelfarbene Bluse aus Leinen, wie man sie in den hiesigen Läden häufig findet, ihr weißes Haar ist zu einem Pagenkopf geschnitten. Als sie meine Frage hört, lächelt sie nachsichtig und vielleicht auch ein ganz klein wenig amüsiert. Ja, durchaus wisse sie um die Geschichte dieses Hauses. Aber nun sei es schon lange kein Hotel mehr, es solle umgebaut werden, und deshalb kämen nun auch die Buchstaben ab. Was damit geschehe? „Nun, sie kommen in eine Kiste und werden aufgehoben.“ Dann wolle sie also keinen abgeben? Nein, bedaure. Aber ob ich schon das Haus von René Char gesehen hätte? Es sei gleich um die Ecke.

Später ärgere ich mich, dass ich diese Dame nicht weiter ausgefragt habe. Wer war sie? Vielleicht die Tochter der  einstigen Hotelbesitzer? Als Camus hier abstieg, muss sie ein junges Mädchen gewesen sein, vielleicht ein Teenager. Hat sie ihn noch erlebt? Und erst recht René Char, der erst 1988 verstorben ist? – Eine verpasste Gelegenheit, Geschichten zu hören, die bald vielleicht genauso verloren gegangen sein werden wie die Lettern an der Hotelfassade. So verlasse ich L’Isle-sur-la-Sorgue ohne diese Geschichten, ohne einen Buchstaben – aber mit dem höchst wahrscheinlich allerletzten Foto der letzten Spuren von Camus in L’Isle-sur-la-Sorgue im Moment ihres Verschwindens.

Ein Arbeiter schlägt die Buchstaben an der Fassade des Hotel St. Martin ab. © Foto: akr

Ein Arbeiter schlägt die Buchstaben an der Fassade des Hotel St. Martin ab. © Foto: akr

 

(1) Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 324. Eintrag vom 2. September 1958 in L’Isle-sur-la-Sorgue.

 

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3 Kommentare zu L’Isle: Die letzten Spuren von Camus im Moment ihres Verschwindens

  1. …Sie haben sich solch einen Moment verdient, auch wenn er traurig stimmt…

  2. Dr Petra Herrmann sagt:

    Welch ein Zufall, fast mag man meinen, sie hätten nur auf Dich gewartet, Anne.

  3. Nau, Nicole sagt:

    sehr spannend, und sehr typisch fur viele Länder. Denke da gerade an meine neue Heimat, sie gehen mit Denkmalpflege ähnlich um.

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