Kleine Spurensuche: Camus und der Jazz

Nein, Pardon, ich habe kein schönes Zitat zum Sonntag herausgesucht, und ich wollte schon längst von zwei großartigen Camus-Abenden mit Heinz Robert Schlette in Bonn und mit Lou Marin in Wuppertal erzählt haben… aber ich bin gerade mit anderem beschäftigt, nämlich mit dem Festival Global village – Peter Kowald 70 in Wuppertal, das mit vielen großartigen Veranstaltungen den 70. Geburtstag des 2002 leider viel zu früh verstorbenen Jazz-Bassisten Peter Kowald feiert. Das erinnert mich allerdings daran, dass ich immer einmal der Beziehung von Camus zum Jazz nachforschen wollte…

Auch dazu fehlt mir zwar gerade die Zeit, aber ganz spontan denke ich an die berühmte Jazz-Nummer St. James Infirmary: Der Titel taucht nämlich mehrfach in seinem Roman Die Pest auf. Als sich Dr. Rieux und seine Freunde einmal abends auf ein Glas in der Bar des Hotels treffen, in dem Tarrou wohnt, wird diese Nummer gespielt. Auch Rambert legt sie einmal bei einem Treffen mit Rieux und Tarrou auf und bemerkt dazu, die Platte sei nicht lustig, und er habe sie heute schon zehn Mal gehört. „Mögen Sie sie so sehr?“, fragt Tarrou. „Nein, aber ich habe nur die“, gibt Rambert zurück (1).

St. James Infirmary ist eine wunderschöne, melancholische Jazz-Blues-Nummer, deren eigentlicher Ursprung unbekannt ist, und die heute längst zum Jazz-Standard zählt – kaum einer, der sie nicht gecovert hätte… Bekannt wurde sie nach der ersten Einspielung 1928 durch Louis Armstrong. Camus kannte vermutlich auch die Versionen von Cab Calloway 1931 und von Artie Shaw 1942, die ebenfalls sehr populär waren.

Eine hübsche Verbindung gibt es ausgerechnet nach Wuppertal, denn Wikipedia weiß, dass St. James Infirmary auch von Peter Brötzmann (zweifellos auf unverkennbar „gepowerte“ Art und Weise) adaptiert wurde – Brötzmann, der in den frühen 1960er-Jahren gemeinsam mit Peter Kowald und anderen in Wuppertal den Free Jazz erfand. So schließt sich der Kreis des heutigen kleinen Beitrags… Ich freue mich auf einen (zweiten) Festival-Abend mit dem wunderbaren Günter Baby Sommer, DDR-Jazzlegende und einer der engsten musikalischen Freunde von Peter Kowald – und vorher höre ich mir noch mal St. James Infirmary an. Fragt sich nur, in welcher Version… Van Morrison, Joe Cocker, Eric Clapton, Arlo Guthrie, … , …?, oder doch so, wie Camus sie sicher gehört hat, nämlich in der von Louis Armstrong.

Louis Armstrong: St. James Infirmary – YouTube.

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 185

Der Menschenfischer“ – Anne-Kathrin Reif zum Tod von Peter Kowald.

Dieser Beitrag wurde unter Leben und Werk abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Kleine Spurensuche: Camus und der Jazz

  1. Ein schöner Beitrag mal wieder. Sogar mit Tonbeispiel – toll! Da habe ich direkt reingehört. Danke und viele Grüße, Meike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.