Hinter der Wand geht’s weiter: Ein ganzes Camus-Universum tut sich auf

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Interaktive Camus-Ausstellung in der Caféteria der Alliance Française in Paris. Fotos (3): Anne-Kathrin Reif

Paris, 1. August 2014. Es ist, als hätte er auf mich gewartet.

Eine Woche lang hat mich Paris aufgesogen, hat mich zu verschlucken gedroht und mich doch am Abend wieder erschöpft ausgespuckt. Das heißt: Ich bin am Abend erschöpft, sogar, wenn ich nicht viel unternommen habe. Paris ist offenbar nie erschöpft. Hektisch, genervt, charmant, rüpelig, kapriziös, lässig, eingebildet, vielleicht sogar manchmal verträumt, selbstdarstellerisch, kaum entspannt, aber jedenfalls nicht erschöpft. Eine Woche Paris, in der ich Camus nicht begegnet bin. Jeden Morgen bin ich wie abertausende Pariser in eine überfüllte Métro gestiegen und habe (das nun wieder nicht wie die Pariser aber immerhin wie jede Menge anderer Ausländer in Paris) den Weg zur Alliance Française am Boulevard Raspail zurückgelegt, um meinem, sagen wir mal, …verbesserungswürdigen… Französisch aufzuhelfen. Schließlich helfen einem Camus-Sätze wie L’absurde c’est le péché sans Dieu oder Je me révolté donc nous sommes beim Gemüsehändler nicht wirklich weiter, es sei denn, der ist ein Philosoph.

Wen also treffe ich, als ich am Ende dieser Woche erstmals die institutseigene Caféteria aufsuche, um festzustellen, dass ich in kulinarischer Hinsicht bislang nichts verpasst habe? Richtig: Es ist Albert.

Eine Präsentation, die offenbar zum Centenaire von Camus 2013 entstanden ist, füllt eine ganze Wand, und bei näherem Hinsehen wird offenbar, dass sich hinter der Oberfläche, die sich auf die Lebensdaten von Camus bezieht, quasi ein ganzes Camus-Universum verbirgt. Die Tür zu diesem Sesam-Öffne-Dich tut sich freilich nur dem auf, der im Besitz eines kleinen Zauberapparates ist und überdies auch damit umgehen kann. Der Zauberapparat ist den meisten Menschen unter dem gebräuchlichen Namen Smartphone bekannt. In wenigen Schritten kann man sich (auch dies mutet ja wie Zauberei an) aus dem Nichts und zudem kostenlos ein kleines Kästchen auf den Schirm des Gerätes herunterladen (genannt application, im deutschen kurz App). Anschließend ist der Zauberapparat in der Lage, die geometrisch angeordneten Muster in kleinen schwarz-weißen oder rot-weißen Quadratkästchen (eine Art Geheimformel) so zu entschlüsseln, dass sich dahinter immer neue Reiche des Wissens öffnen.

Das ließ sich vor Ort dann allerdings nicht nachvollziehen, da ungefähr 98 Prozent der vorwiegend jungen Menschen in der voll besetzten Caféteria beim Essen, anstatt im Gespräch mit ihren Tischnachbarn ihr neu erworbenes Französisch zu erproben, ihrerseits mit ihren Zauberapparaten herumspielen, und die Leitung in die virtuelle Welt demzufolge andauernd hoffnungslos überlastet ist.

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Zum Glück kann man sich aber auch bequem von Zuhause aus in dieses wirklich phantastische, vom Institut Français erstellte  Angebot einklinken. Jetzt wird es allerdings leider nur für diejenigen wirklich interessant, die Französisch zumindest einigermaßen lesen und verstehen können. Zwar kann man alle möglichen weiteren Sprachen anwählen, aber das ist ein wenig so, als würde man die Türen zu sehr spärlich möblierten Zimmern aufmachen – oder gar zu einem vollständig leeren Zimmer, wie im Fall des deutschsprachigen Bereichs. Wenn ich das ganze Projekt richtig verstanden habe, mag das daran liegen, dass diese „Internet-Ausstellung“ als interaktives Projekt angelegt ist, das auf die Zusendung von Beiträgen aus anderen Teilen der Welt angewiesen ist – und die sind offenbar spärlich geflossen (wäre mir das Ganze früher untergekommen, würde sich im deutschen Teil wenigstens ein Hinweis auf www.365tage-camus.de befinden…).

Der französischsprachige Teil freilich bietet eine schier unübersehbare Fülle an Informationen. Die (nicht mal entfernt vollständige und trotzdem schon überaus beeindruckende) Übersicht über Ausstellungen und Konferenzen im Camus-Jahr 2013 etwa verzeichnet nicht nur etliche Einträge aus Frankreich sondern so ziemlich aus der ganzen Welt, darunter Albanien, Tunesien, Norwegen, Spanien, Hyderabad (Indien), Polen, Kuwait, Mazedonien, USA, Litauen, Haifa (Israel), Buenos Aires (Argentinien) und den Kleinen Antillen.

Entscheidender aber sind die für Camus-Freunde und -Forscherinnen wirklich nützlichen Dossiers: etwa eine umfangreiche Bibliographie mit neuerer Sekundärliteratur zu Camus, die Professor Raymond Gay-Crosier (University of Gainsville/Florida) zusammengestellt hat (mit dem Schwerpunkt auf französisch- und englischsprachigen aber auch einigen deutschen Titeln). Desweiteren ein Link zur Seite der Universität Québec/Canada, über die die meisten Camus-Werke in Volltext online zugänglich sind (was aufgrund der dortigen Rechtslage offenbar möglich ist). Über die Seite le web pédagogique ist umfangreiches, nicht nur für Schüler, Studenten und Lehrer interessantes Material zu Camus zugänglich, darunter eine Zusammenstellung von You-tube-Videos mit Camus-Interviews, Filmausschnitten und mehr. Die Wochenzeitung Le Nouvel Observateur hat ein gigantisches Dossier mit Artikeln zu Camus online gestellt. Unter dem Button réssources finden sich weitere Links, z.B. zu sämtlichen Camus-Sendungen von Radio France 2013, Interviews mit Autoren oder zur großen Ausstellung Albert Camus – Citoyen du Monde in Aix-en-Provence.

Kurzum: Das ist genügend Material, um sich die nächsten Jahre erstmals, neu oder weiterhin mit Camus zu beschäftigen. Dass die nicht Französisch verstehenden Leserinnen und Leser von diesem wirklich reichhaltigen Camus-Buffet ausgeschlossen sind, finde ich natürlich bedauerlich. Sie müssen sich mit den Häppchen begnügen, die ihnen hier auf www.365tage-camus.de in mundgerechter deutschsprachiger Form serviert werden… Ich verspreche, Sie nicht allzu lange hungern zu lassen und sage in diesem Sinne: à bientôt!

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2 Kommentare zu Hinter der Wand geht’s weiter: Ein ganzes Camus-Universum tut sich auf

  1. Andreas Arnold sagt:

    Ich hatte die Austellung (ganz kurz) im IF Bonn letztes Jahr gesehen! Toll dass sie über das Camus-Jahr hinaus Bestand hat. Liebe Anne-Kathrin, ich weiss Du bist kürzlich (13.7.) schon mal kurz auf das aktuelle Weltgeschehen eingegangen aber was hätte Freund Camus uns zu sagen bzgl. der aktuellen humanitären Katastrophe in Gaza? Wie kann man denn, angesichts dieser (überwiegend einseitigen) Brutalität und einer Weltgemeinschaft die nur tatenlos zuschaut, noch den Glauben an die Menschheit bewahren?

  2. André Budick sagt:

    Merci, liebe Frau Reif!
    Das verspricht ja reichhaltiges Nach-Forschen und -Schmökern!
    In diesem Sinne: Au re-lire!
    Ihr André Budick, Bonn / Berlin

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