Heinrich Böll trifft Albert Camus und wird dabei von Oliver Jordan porträtiert. Eric Andersen macht die Musik dazu.

René Böll (li.) und Oliver Jordan bei der Eröffnung der Ausstellung „Augenblicke. Hommage an Heinrich Böll“ in der Kulturkirche Ost in Köln. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Heinrich Böll, klar, hab‘ ich gelesen. Schon länger her. Ansichten eines Clowns, Billiard um halbzehn, Die verlorene Ehre der Katharina Blum… Aber mal ehrlich: Schon den Titel Gruppenbild mit Dame kennen vermutlich die meisten nicht, weil sie Bölls Roman gelesen haben, sondern weil den lieben Journalistenkollegen in den Lokalzeitungen zwischen Flensburg und Oberpfaffenhofen nichts anderes einfällt, was sie unter das jährlich wiederkehrende Gruppenfoto der örtlichen Parteispitze (wahlweise der Wirtschaftsfördergesellschaft, der IG-Einzelhandel oder sonstiger männlich dominierter Gremien) schreiben könnten, sobald sich neben diversen Herren auch eine Dame auf dem Bild befindet. Sein 100. Geburtstag am 21. Dezember diesen Jahres wird ihm sicher wieder mehr Aufmerksamkeit verschaffen, aber das ist ja auch noch ein bisschen hin. Böll gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern, keine Frage, und als solcher abgespeichert lagert er friedlich und nicht weiter beachtet in meinem persönlichen Bildungsspeicher. Lagerte. Bis vor ein paar Tagen.

Vor ein paar Tagen war Pfingstsamstag, und ich folgte einer Einladung von Oliver Jordan zu seiner Ausstellung Augenblicke. Hommage an Heinrich Böll in der Kulturkirche Ost in Köln-Buchforst. Am selben Ort stand am Abend ohnehin schon das Konzert von Eric Andersen auf dem Plan. Ein Treffen von Camus-Freunden gewissermaßen. Denn sowohl die Malerei von Oliver Jordan als auch die Musik von Eric Andersen habe ich erst durch Camus kennen- und dann erst auch ganz unabhängig davon schätzen gelernt. Nach ihrem gemeinsamen Camus-Projekt 2013 und einem weiteren zu Lord Byron widmen sie sich jetzt also Heinrich Böll.

Im harten Licht: Camus von Oliver Jordan in der Kulturkirche Ost. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Der Weg zur Kulturkirche Ost in Köln-Buchforst führt durch ein Wohngebiet; mit dem Auto kommend schlängelt man sich durch enge Straßen und steht dann unversehens vor einem hoch aufragenden, aus fensterlosen Betonwänden bestehenden Bau. Die 1968 eingeweihte Kirche hat die Form eines „unregelmäßigen Tetraeders“ und gilt als „herausragendes Beispiel evangelischer Kirchenarchitektur der Nachkriegszeit“, kann man bei Wikipedia nachlesen. Interessant, aber dem nachzugehen wäre eine andere Geschichte.

Der  Bruchsteinboden des Vorplatzes setzt sich nahtlos im Inneren fort, das mit dunkler Holzverkleidung und grob strukturierten Betonwänden trotz des großen, offenen Raumes düster wirkt. Licht fällt nur von den unter der Dachschräge platzierten Fensterbändern senkrecht an den Wänden herab, wo sich jetzt die Bilder von Oliver Jordan befinden und sich in dieser ungewohnten und extremen Beleuchtungssituation behaupten müssen. Das tun sie gewiss, aber sofern man  Arbeiten von Oliver Jordan kennt, ist der Effekt doch ganz anders als gewohnt.

Dieser Blick! Camus von ©Oliver Jordan. Foto: Anne-Kathrin Reif

Anders als in milderem, frontalen Licht lösen sich jetzt die Porträts nicht erst beim Nähertreten in plastisch hervortretende Farbschlieren auf. Im von oben herabfallenden Licht treten die von der pfundweise aufgetragenen Ölfarbe gebildeten Grate und Täler so deutlich hervor, dass sich auch aus der Ferne nicht die Illusion einer geschlossenen Oberfläche einstellt. Camus, den ich erfreut schon beim Eintreten erblicke, wirkt besonders aufgewühlt in dem hell reflektierenden Licht. Gegenüber auf der dunkel getäfelten Holzwand entdecke ich noch ein kleineres Camus-Porträt auf Pappe, das mir besonders gut gefällt. Mit Camus hatte ich ja gar nicht gerechnet. Auch nicht mit Beckett, Hemingway, Joyce, Tolstoi. Aber das war natürlich kurz gedacht von mir, denn zwar hätte Oliver Jordan mühelos den ganzen Kirchenraum mit seinen über einen Zeitraum von rund 40 Jahren entstandenen Böll-Porträts vollhängen können, aber das hätte an diesem Ort wohl eine zweifelhafte Ausstrahlung von Heiligenverehrung gewonnen.

„Widerstand ist ein Freiheitsrecht“

So finden wir also Heinrich Böll mehrfach zwischen den genannten Dichter- und Denkerkollegen wie im Kreise imaginärer Gesprächspartner. Das passt, denn die Porträts von Oliver Jordan zeigen ihn nicht als einen in sich selbst und die eigene künstlerische Produktion versunkenen Literaten sondern als ein aufmerksames, dem Betrachter zugewandtes Gegenüber. Hier: die Hände geöffnet, wie um einen gerade ausgesprochenen Gedanken zu untermalen. Dort: mit wachem, nachdenklichen Blick, die rechte Hand mit der Zigarette zwischen den Fingern die Stirn berührend, als würde er einem Gesprächspartner zuhören.

Einmal mehr gelingt es Oliver Jordan, einen Menschen in seinen Porträts so „einzufangen“, dass er für den Betrachter lebendig wird. Jetzt habe ich eine Person vor mir, die mich anspricht und mich neugierig macht, mehr von ihr zu erfahren. Dass Heinrich Böll nicht nur ein literarisch bedeutender sondern auch einer der politisch engagierten Schriftsteller der Nachkriegszeit in Deutschland war, habe ich noch im Hinterkopf. Hinweise auf seine Biografie, auf sein Werk finde ich in dem großen, freischwebend im Altarraum aufgehängten Porträt auf Pappe: Fotos, Filmstills aus berühmt gewordenen Verfilmungen seiner Romane, Wortfetzen. Und ein vollständig entzifferbarer Satz: „Widerstand ist ein Freiheitsrecht“.

Im Gespräch: Heinrich Böll, porträtiert von Oliver Jordan. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Ein Zitat von Böll, vermute ich, aber dem muss ich erst noch nachforschen. Ebenso wie der Frage nach der Zusammenstellung der illustren Gesellschaft, in die Oliver Jordan Böll in dieser Ausstellung versetzt hat, und die sicherlich keine zufällige ist. Beckett, Tolstoi, Joyce oder gar Dylan – welche Bedeutung hatten sie für Böll, in welcher Beziehung steht sein Werk zu ihnen? Keine Überraschung, dass mich zunächst und vor allem interessiert: Welche Bedeutung hatte Camus, der nur wenige Jahre ältere Zeitgenosse, für ihn? Gibt es da vielleicht eine besondere Beziehung?

„Camus war ein Wunder“

„Aber ja, gewiss. Er hat Camus sehr geschätzt“, erfahre ich auf meine Frage. Der freundliche, zurückhaltende ältere Herr im graublauen Anzug, der sich im Vernissage-Gewusel im Hintergrund gehalten hat und mir nun bereitwillig Auskunft gibt, ist René Böll, Sohn von Heinrich Böll und sein Nachlassverwalter. Sein Vater habe viel von Camus gelesen, weiß er, und: „Er hat ja auch etwas über ihn geschrieben.“ – Wie jetzt!? Böll? Über Camus? – Ich bin baff. Immer noch staunend folge ich René Böll zum Büchertisch, wo er eine Broschüre vom Stapel nimmt und aufschlägt. Und tatsächlich: Ein Text von Heinrich Böll neben einem Camus-Porträt von Oliver Jordan. Was für eine Entdeckung!

Der Text, erstveröffentlicht auf Englisch am 3. Januar 1970 von BBC London, ist eine Hommage an Camus zu dessen zehntem Todestag. Camus, schreibt Böll, sei ohne „jene schrecklich stupiden und mörderischen Sorgen und Vorurteile, von denen wir Europäer voll sind“ gewesen, ohne die Ressentiments und Aggressionen, die uns geprägt hätten – „er brachte in die europäische und in die Weltliteratur, in die Philosophie und die Theologie die Hitze und die Kälte, Sonne, Sand und Klarheit von Nordafrika.“ Einen „fatalen Schuss Gemütlichkeit“ findet Böll in der europäischen Literatur und wendet sich gegen Dogmatismus jedweder Couleur, den er im „kommunistischen Klerikalismus“ ebenso findet wie im christlichen, ob katholisch oder protestantisch, und genauso im Dogmatismus von dessen Gegnern. In Camus sieht er gewissermaßen einen Geistesverwandten und Mitstreiter, einen, der wie er sich weigert, die herrschenden Dogmatismen zu akzeptieren, einen, der aus dem Widerstand kam und widerständig blieb. Und dann schreibt er diesen Satz: „Camus war ein Wunder.“ Und am Ende: „Wahrscheinlich war er die Erstausgabe eines neuen Menschen, von dem Simone Weil und Teilhard de Chardin träumten.“¹

Diese Bewunderung und dieser tiefe Respekt von einem, der selbst ein Großer war, berührt mich sehr. „Einfach gegenwärtig“ sei Camus, „in einer Art und Weise, die bedeutet: mehr als lebendig im physischen Sinne“, auch das schreibt Böll, zehn Jahre nach Camus‘ Tod. Er ist es bis heute. Heinrich Böll, der 1985 starb, war es zumindest für mich nicht mehr. Die Porträts von Oliver Jordan und die Worte von Böll selbst aber haben ihn für mich ein Stück weit in die Gegenwart geholt. Es ist tatsächlich so, als sei ich ihm an diesem Nachmittag in der Kulturkirche Ost in Köln-Buchforst begegnet. Eine Begegnung, die mich neugierig gemacht hat auf diesen Menschen und darauf, sein Werk noch einmal neu zu entdecken. Noch am selben Abend zog ich die alte DTV-Ausgabe von Ansichten eines Clowns aus dem Regal und legte sie auf den Nachttisch.

 

P.S.: Für einen wunderbaren und stimmungsvollen Ausklang des Tages sorgte am Abend Singer-Songwriter Eric Andersen. Der hatte zwar (leider) weder einen seiner großartigen Camus-Songs noch den im Vorfeld angekündigten neuen Titel über den Sisyphos mitgebracht, und auch von dem musikalischen Böll-Projekt, welches er in diesen Tagen im Kölner Tonstudio einspielte, war noch nicht viel zu hören. Das wenige davon aber weckte Vorfreude, und letztlich ist es ja fast ein bisschen egal, was Eric Andersen spielt – es ist ja immer zum Hineinlegen und drin baden, vor allem, wenn seine Frau Inga Andersen  ihn begleitet. Hoffentlich bald wieder, dann aber mit Böll und Camus!

Eric und Inga Andersen in der Kulturkirche Ost in Köln-Buchforst. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Ausstellung: Oliver Jordan, Augenblicke –Hommage an Heinrich Böll.
Bis 13. Juni in der Kulturkirche Ost in Köln-Buchforst, Kopernikusstr. 34 (Di-Sa 17-20.30 Uhr).

Programm: 
Die politische Philosophin Katja Backhaus spricht zum Thema „Widerstandsrecht ist ein Freiheitsrecht“. Schaupielerin Claudia Gahrke liest Auszüge aus dem noch unveröffentlichten Kriegstagebuch 1943-53 von Heinrich Böll sowie seine Erzählung Die schwarzen Schafe, das Gedicht Meine Muse und Wenn Seamus einen trinken will aus Irisches Tagebuch: Samstag, 10. Juni, 19 Uhr.

Heinrich Böll wurde am 21. Dezember 1917 in Köln geboren und starb am 16. Juli 1985 in seinem Haus im Eifelort Langenbroich. 1972 erhielt er den Literaturnobelpreis. Eine informative Seite zu Leben und Werk Heinrich Bölls aus Anlass seines 100. Geburtstages unter der Redaktion von René Böll findet sich hier: www.boell100.com

¹Heinrich Böll: Albert Camus. Erstveröffentlicht am 3. Januar 1970 in englischer Sprache in: Review – Portrait of a Rebel, BBC London. Dt.: Heinrich Böll, Werke, Kölner Ausgabe Band 16, 1969-1971, hrsg. von J.H. Reid, S. 278-279, erster Abdruck 2008 beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Hier zitiert nach: Oliver Jordan, Porträts Kunst Kultur. Augenblicke der Gegenwart, Zugänge zur Vergangenheit. Hrsg. von Dr. Ralf-P.Seippel, 2017, S. 14. Limitiertes Vorstellungsmuster (100 Ex.) zur Publikation Oliver Jordan, Porträts – Kunst und Kultur, die 2018 im Kehrer-Verlag erscheint.

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