Ein Abendspaziergang mit Camus

Saignon im Abenddunst mit Blick auf den Höhenzug des Luberon. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Saignon im Abenddunst mit Blick auf den Höhenzug des Luberon. ©Foto: Anne-Kathrin Reif

Saignon, 23. Juni 2014. Am meisten liebe ich es, in den Abendstunden, wenn die Gassen den Katzen gehören, durch das dann nahezu verlassen wirkende Dorf zu streifen. Soll ich wirklich davon erzählen? Nein, kommen Sie nicht her, es gibt hier nichts zu sehen! Saignon ist ein Tausend-Einwohner-Dörfchen im Département Vaucluse, das sich auf einem Felsen hoch über der Stadt Apt zusammendrängt, dessen Wachposten es vor Zeiten einmal war. Die verfallene Burgruine, von der man einen weiten 180-Grad-Blick in die Ebene hat, erzählt noch davon. Begrenzt wird der Blick nur vom Höhenzug des Luberon, der daliegt wie ein riesiges urzeitliches Tier in vieltausendjährigem Schlaf, das sich die Sonne auf den dunkelgrün bewaldeten Rücken scheinen lässt. An klaren Tagen zeichnet sich dahinter der schneebedeckte Gipfel des Mont Ventoux ab. 

Eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert mit zugehörigem Friedhof, ein munter sprudelnder Brunnen in der Dorfmitte gleich neben dem alten öffentlichen Waschplatz. Zwei, drei winzig kleine Restaurants (je nachdem, ob Andrew, Engländer und ein fantastischer junger Koch, der vermutlich schon längst einen Stern haben könnte, wenn er sich denn mal zu regelmäßigen Öffnungszeiten durchringen könnte, auf hat oder nicht). Im Gegensatz zu den meist nach mehr oder weniger kurzer Zeit gescheiterten Versuchen, mit einem an Touristen gerichteten Seifen-, Schmuck- Hut- oder sonstigem Lädchen zu überleben, halten sie sich vermutlich deshalb, weil es hier gleich mehrere sehr stilvolle Chambre d’Hôtes mit zahlungskräftigen Gästen gibt, welche die Stille suchen und deshalb auch nicht weiter auffallen.

Bis vor wenigen Tagen sammelten sich die versprengten Tagestouristen noch allesamt auf dem knappen Dutzend Plätzen unter der schattigen Platane bei Christine, die mit ihrem „Salon de Thé“ nicht nur die Grundversorgung des Dorfes mit Baguettes und Croissants sichert, sondern auch köstliche Quiches und süße Törtchen bereithält (falls Sie doch mal vorbeikommen: Unbedingt die spécialité de la maison aus leichtem Mandelteig auf knusprigem Krokantboden mit kandierten Orangen und Baiserkruste probieren!). Inzwischen hat die Besucherfrequenz etwas angezogen, aber lange bleiben sie meist nicht, die Mountainbiker und Tagesausflügler, schließlich gibt es ja auch nicht viel zu sehen. 

Wenn die Dämmerung heraufzieht, steht auch die Stille zwischen den dicken Steinmauern der Häuser wieder auf, deren in müden Farben gestrichene Fensterläden den ganzen Tag über geschlossen bleiben – bis zur Stunde, wenn die Frösche lautstark ihr allabendliches Chorkonzert anstimmen. Ich stelle mir vor, dass Camus sich heute hier längst wohler fühlen würde als in dem zum Touristenmagneten gewordenen Lourmarin mit seinen vielen Cafés und Bars, Restaurants und Boutiquen. Er würde ganz so wie einst bei seinem Abendspaziergang, den er gern zu machen pflegte, kaum einer Menschenseele begegnen. Vielleicht hätte er auch einen Stammplatz zum Essen in einem Hinterzimmer wie einst im Hotel Ollier, und wenn er auf dem Weg dorthin mittags durchs Dorf ginge, würde er freundlich dem alten Kauz zunicken, der so recht nach seinem Geschmack wäre.  Der jeden Tag inmitten der schönsten Blumen mit seinem alten Hund vor dem Haus sitzt, jeder auf einem Klappsessel; der auch bei der größten Hitze seine schweren geschnürten Arbeitsstiefel zur kniekurzen Hose trägt; der so mürrisch dreinschaut (außer wenn er gerade voller Zärtlichkeit mit seinem Hund spricht), dass man sich fragt, ob er überhaupt die Absicht hat, jemals etwas von seinem auf einem Tischchen aufgebauten Lavendelöl zu verkaufen, und dem es mit Sicherheit piepegal ist, ob einer Nobelpreisträger ist oder nicht. „No photo! Ou 5 Euros“ – hat er dick auf ein Pappschild gemalt. Und das gilt gefälligst für jeden!

Ich hoffe sehr, ich werde die beiden auch bei meinem nächsten Besuch noch so antreffen, wie sie einträchtig vor dem Haus sitzen und sich selbst genug sind. Für dieses Mal heißt es leider schon wieder Abschied nehmen, und ich sage au revoir – à bientôt!

P.S.: Die fünf Euro habe ich natürlich gern bezahlt!

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Ein Kommentar zu Ein Abendspaziergang mit Camus

  1. Zbigniew sagt:

    Ich beneide dich um diesen schönen stillen Ort.

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