Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch (vorerst letzte Folge) – oder Vom würgenden Gefühl der Verachtung und wie ein Besuch beim Friseur dagegen helfen kann

Digitale Collage aus dem großartigen Corona-Tagebuch des Wuppertaler Künstlers Detlef Bach (www.detlefbach.de) – mit herzlichem Dank!

14. August 2020. Wäre dieser Blog ein Buch, dann gäbe es hier jetzt ein Kapitel mit lauter leeren Seiten. Dann könnte man es quasi sehen, mein langes, großes Schweigen.

„Es ist ja trotzdem nicht leer, dieses Kapitel“, sagt meine Freundin B. zu mir, als ich ihr erzähle, dass mein Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch vorerst in diesen weißen Seiten versandet ist. Es sei, wie alle anderen auch, ein Lebenskapitel, in dem sehr viel passiert sei, sagt sie. Ich bin ihr dankbar für diese Sichtweise, denn natürlich hat sie recht. Und natürlich ist es auch nicht so, dass das Corona-Thema plötzlich keine Rolle mehr in meinem Leben gespielt hätte. Wie sollte es auch. Schließlich ist die Pandemie alles andere als vorbei, und Camus’ Roman könnte noch jede Menge Tagebuch-Blogbeiträge hergeben. Aber ums „Ausschlachten“ ist es mir nie gegangen.

Es ist ganz einfach so, dass mir das Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch, als wir alle von jetzt auf gleich in eine andere, so schwer zu fassende Wirklichkeit katapultiert wurden, durch die Zeit geholfen hat. Camus’ Pest diente als Spiegelfläche der Reflexion, als Leitfaden gar, eine solche Heimsuchung zu überstehen und zu bestehen. Ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit, Solidarität, Widerstandskraft, Kampfgeist. Die Verkaufszahlen der Pest schossen in die Höhe und ließen hoffen, dass viele Menschen diese Botschaft mit in ihre Leben nehmen würden. Es war die Zeit, als Menschen unter der Ausgangssperre gemeinsam von Balkon zu Balkon Chöre anstimmten und den Ärzten und Pflegekräften applaudierten. Als Supermarktkassiererinnen, Bäcker und Paketzusteller auf einmal ungewohnte Wertschätzung erfuhren, und wir staunend gewahr wurden, was für großartige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wir im Land haben, die uns jetzt wie mit der Machete vorneweg und selbst nicht wissend wohin das alles noch führen wird, einen Pfad durch unübersichtliches, unbekanntes Gelände schlugen. Als wir mit Anteilnahme, Trauer und Entsetzen auf Bilder von gestapelten Särgen und vorsorglich ausgehobenen Massengräber in Italien schauten, auf die Kühlwagen für die Leichen vor den Krankenhäusern in New York. Und froh und dankbar waren, hierzulande so glimpflich davon zu kommen. Vielleicht sogar ein bisschen stolz darauf: these germans! Schaut mal, wie gut die das hinkriegen.

Die Bilder, welche die Nachrichtensendungen und Social-Media-Kanäle jetzt schon seit Wochen hereinspülen, sind andere. Muss ich hier nicht ausmalen, haben wir alle gesehen. Knallvolle Strände an Nord- und Ostsee, Party am Ballermann und zigtausende Menschen, die gegen die Maskenpflicht und für ihre ganz persönliche vermeintliche Freiheit demonstrierend durch die Straßen von Großstädten ziehen und dabei die Freiheit aller anderen mit Füßen treten. Für ihr vermeintliches Recht auf Party oder was auch immer die Gesundheit, das Leben anderer aufs Spiel setzen (und auch die wirtschaftliche Existenz von anderen, by the way, die nämlich einen zweiten Lockdown nicht überstehen werden). Die nicht bereit sind, sich den Shoppingspaß durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ein wenig einschränken zu lassen, aber selbstverständlich in Anspruch nehmen werden, dass ein Arzt, eine Ärztin Zwölf-Stunden-Schichten oder mehr mit noch viel unangenehmeren Masken schiebt, wenn es einmal gelten sollte, ihr Leben zu retten. Und natürlich steigen allenthalben wieder die Infektionszahlen.

Mitmenschlichkeit, Solidarität, Widerstandskraft, Kampfgeist gehören zu den Dingen, die uns Camus’ Pest lehrt. Und während in den Alten- und Pflegeheimen, in den Krankenhäusern und sicherlich auch in vielen Nachbarschaften immer noch die Mitmenschlichkeit gelebt wird, sehe ich jetzt Massen, die zwar Widerstandskraft und Kampfgeist für sich reklamieren, nur leider nicht gegen die Pandemie, sondern gegen das, was sie eindämmt und bekämpft. In dieser neuen Solidarität finden sich plötzlich Menschen der entlegensten weltanschaulichen und politischen Lager zusammen, trägt die fröhlich-naive Lehrerin ihr „Ich bin vom Glücksvirus infiziert“-Schild genauso vor sich her wie ein paar Schritte weiter der Rechtsaußen seine Fahne in Reichsfarben.

Er habe schildern wollen, „was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es am Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt,“ erklärt Dr. Bernard Rieux am Ende des Romans, als er sich als Chronist der Pest zu erkennen gibt – ich zitierte dies bereits in der ersten Folge des Tagebuchs. Und merkte an, dass wir genau das selbst in der Hand haben. Und jetzt? Spüre ich, wie Ratlosigkeit, Entsetzen und Zorn in mir aufsteigen angesichts des Ausmaßes an Dummheit, Ignoranz und Egoismus, das sich in diesen Tagen breit macht. Spüre mit einem Würgen in der Kehle Verachtung aufsteigen. – Ich will das nicht. Ich kämpfe dagegen an. Es passt nicht zu meinem Selbstbild. Aber doch, ja: Ich verachte die Dummheit, die Ignoranz, den Egoismus derjenigen, die nicht bereit sind, das kleinste Opfer zu bringen, um diese Pandemie einzudämmen und ihr möglichst ein Ende zu bereiten. Nur bringt uns das auch nicht weiter.

Deshalb die leeren Seiten. Ich schaue weiter hin, was passiert. Ich informiere mich. Ich bleibe wachsam. Aber ich entziehe dem Thema zumindest zeitweise meine Aufmerksamkeit – und erst recht denjenigen, die in mir Gefühle wecken, die mir sonst so fremd sind und die ich nicht haben will. Ich weiß nicht, ob dies nun das vorerst oder das endgültig letzte Kapitel des Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuchs sein wird, aber ich mache diesen Schnitt, um mich hier wieder anderen Camus-Themen zuzuwenden. Auch wenn Die Pest dabei sicherlich immer wieder eine Rolle spielen wird.

Und während ich all dem, das zu verachten ist, meine Aufmerksamkeit entziehe, richte ich sie lieber auf dasjenige und diejenigen, die es trotz allem zu achten und zu bewundern gibt. Und sehe: Das sind ja viel mehr! Nicht nur die Heldinnen und Helden in der ganzen Welt, die um das Leben jedes einzelnen Kranken kämpfen, und die man nur bewundern kann. Da sind auch all die, die unter diesen schwierigen Bedingungen einfach ihren Job machen, egal welchen, acht Stunden im Laden stehen mit Maske auf. Die, denen die wirtschaftliche Existenz unter den Füßen wegbröckelt und die trotzdem nicht rumjammern und die Abschaffung der Einschränkungen fordern, nur um ihren persönlichen Allerwertesten zu retten. All die, für die es selbstverständlich ist, darauf zu achten, niemandem zu nahe zu kommen und ihm nicht ins Gesicht zu husten. All die, die sich jetzt einfach mal an die Regeln halten.

So einer ist Thomas, einer meiner beiden Lieblingsfriseure, der heute dafür gesorgt hat, dass ich wieder gern in den Spiegel schaue, wofür ihm allein schon großer Dank gebührt. „Kannst gleich wieder gehen. Brauchst auch gar nicht wiederkommen“, sagt er, wenn einer nicht seine Daten hinterlassen will oder meint, auch ohne Mund-Nasen-Schutz bedient werden zu müssen. Und am Platz gibt’s von ihm eine klare Ansage, wenn einer anfängt, herumzuschwurbeln: „Themenwechsel“. „Ich kann mir den Mist einfach nicht den ganzen Tag anhören“, sagt Thomas entschieden. „Sonst wird man ja irre“.

Sich an die Regeln halten. Auf andere Rücksicht nehmen. Einen guten Job machen. Nicht irre werden in diesen Zeiten. – Das ist doch schonmal was. Ich widme Thomas diesen Beitrag und danke ihm, dass er mir geholfen hat, wieder die Blickrichtung zu ändern. Und natürlich für die Frisur.

Von Anfang anlesen: „Camus-Corona-die Pest-und ich-Tagebuch“ (1)

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7 Antworten zu Camus-Corona-die-Pest-und-ich-Tagebuch (vorerst letzte Folge) – oder Vom würgenden Gefühl der Verachtung und wie ein Besuch beim Friseur dagegen helfen kann

  1. BRAVO! Liebe Anne-Kathrin, lasst uns auch die andere schlimme Pandemie, die Idiotie
    bekämpfen…
    Herzliche Grüße
    Klaus Küster

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Klaus, herzlichen Dank und Gruß zurück. Du sprichst eine echte Sisyphos-Aufgabe an – aber das kann einen als Camusianer ja nicht schrecken.

    • Sabine Reif sagt:

      Ja, sehr gute Idee, finde ich auch, lieber Herr Küster! Denn ich befürchte, dass der R- Faktor bei dieser Epidemie noch weitaus höher liegt als bei Covid-19!

  2. Super geschriebener und informativer Artikel :-). Eine sehr gute Aufstellung. In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Seidel, mir ist zwar gerade nicht klar, was Sie mit „Aufstellung“ meinen, aber ich freue mich natürlich, wenn Sie sich in den Blog vertiefen!

  3. Sabine Reif sagt:

    Danke für diesen wundervollen Beitrag und Deine konsequente Hinwendung zum Positiven! Ich kann mich der allertiefsten Verachtung für die von Dir beschriebenen Irren jedoch leider nicht entziehen…Die Bilder von Aluhaubentragenden Männchen und hysterisch brüllenden Reichsbürgern im Gemenge mit zugekifften, trommelnden, halbnackten Althippies und das zu Tausenden auf Berlins Straßen haben einen tiefen Ekel in mir hervorgerufen, dem ich mich nicht mehr länger erwehren kann!

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